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Japans Südostasienstrategie im Zweiten Weltkrieg zwischen 1939 und 1941

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 28 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorgeschichte bis zum „Steckenbleiben“ des Chinakrieges Ende 1938

3. Geschehen 1939

4. Geschehen 1940
4.1. Die neue Situation durch den Krieg in Europa und die strategischen Überlegungen der Regierung Yonai
4.2. Die strategischen Überlegungen und Maßnahmen des zweiten Kabinetts Konoe
4.3. Aktionen gegen Nord-Französisch-Indochina und Verhandlungen mit Niederländisch Ostindien

5. Geschehen 1941

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Fernen Osten herrschte seit Juli 1937 Krieg zwischen Japan und China (Zweiter Chinesisch-Japanischer Krieg), der in Japan als „Chinazwischenfall“ bezeichnet wurde. Nach Hitlers militärischen Triumphen in Westeuropa, im Zuge des angelaufenen Zweiten Weltkrieges, sollte das japanische Kaiserreich den Entschluss fassen, die kolonialen Mächte Frankreich, Niederlande und Großbritannien in Südostasien unter Druck zu setzen. Eine solche Entscheidung barg von Beginn an das Risiko in sich, in einen kriegerischen Konflikt mit den USA verwickelt zu werden. In dieser Arbeit geht es nunmehr darum die Strategie Japans gegenüber Südostasien für den Zeitraum von 1939 bis 1941 näher nachzuvollziehen. Dabei sollen die militärischen Aktionen Japans in Südostasien Ende 1941 sowie im Winter und Frühjahr 1942 nur in einem kurzen Ausblickskapitel erfasst werden, da ihre genauere Betrachtung über den begrenzten Rahmen dieser Arbeit hinausführen würde.

Um das eben vorgestellte Seminararbeitsthema adäquat bearbeiten zu können, ist es endscheidend die einschlägige Literatur dazu herauszufiltern und heranzuziehen. Von den deutschsprachigen Titeln ist jener von Gerhard Krebs, „Das Moderne Japan 1868-1952“, hervorzuheben, der neben einer kompetenten Einführung in die Thematik durchaus einige Details bereitzustellen vermag. Kershaws Werk „Wendepunkte - Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg 1940/41“ (in der deutschen Übersetzung) liefert ebenfalls eine gute Möglichkeit sich in das betreffende Thema einzulesen, hält aber darüber hinaus überzeugende Thesen zur mangelnden Rohstoffversorgung des japanischen Kaiserreiches bereit. Die detailreicheren Informationen sind jedoch der englischsprachigen Literatur zum Thema (bzw. auch den englischen Übersetzungen japanischer Texte) zu entnehmen. Das Buch von Jones, „Japan’s New Order in East Asia“, stammt zwar aus den 1950ern, muss aber meiner Meinung nach als Basiswerk für das zu untersuchende Themenfeld herangezogen werden. Das Werk „From the Marco Polo Bridge to Pearl Harbor“ von Lu (Veröffentlichungsjahr 1961) gehört ebenfalls nachwievor zu den Standardwerken, um die japanische Strategie zwischen 1939 und 1941 nachvollziehen zu können. Dasselbe gilt für das Werk „Soldiers of the Sun“ von Meirion und Susie Harries. Um Informationen zum Konflikt Japans mit China zu gewinnen, wurde ein Aufsatz von Katsumi aus dem Werk „The China Quagmire“ herangezogen. Dieser beleuchtet die wirtschaftlichen, militärischen und politischen Hintergründe zum Zweiten Chinesisch-Japanischen Krieg auf vortreffliche Art und Weise. Besonders hervorgehoben soll zudem der Sammelband „The Fateful Choice“ werden, da dieser Spezialaufsätze zu den einzelnen Themenbereichen betreffend Japans Südostasienstrategie zwischen 1939 und 1941 beinhaltet. Somit konnte dieser Sammelband für die vorliegende Seminararbeit eine optimale Ergänzung zu den allgemeineren Überblickswerken darstellen.

Nunmehr sollen in gebotener Kürze die wichtigsten Fragestellungen, welche dieser Seminararbeit zugrunde liegen, vorgestellt werden. Zunächst drängt sich die Frage auf, inwiefern die japanische Südostasienstrategie zwischen 1939 und 1941 vom festgefahrenen Chinakrieg (aus japanischer Sicht) beeinflusst wurde. Zusätzlich gilt es zu überprüfen, welche Rolle der Rohstoffreichtum Südostasiens, insbesondere jener Niederländisch-Ostindiens, in den strategischen Überlegungen Japans spielte. Außerdem soll überdacht werden, wie Japan auf die veränderte Lage für die europäischen Kolonialmächte in Südostasien (Großbritannien, Frankreich und die Niederlanden) infolge des angelaufenen Zweiten Weltkrieges reagierte bzw. wie stark die japanische Strategie durch diesen Umstand beeinflusst wurde.

Auf den folgenden Seiten sollen nunmehr die wichtigsten Informationen zur japanischen Südostasienstrategie zwischen 1939 und 1941 angeführt werden. Die Hauptkapitel der vorliegenden Arbeit sind chronologisch gegliedert, wobei jedem Jahr zwischen 1939 und 1941 ein eigener Abschnitt gewidmet werden soll. Zum Abschluss gilt es in einer knappen Zusammenfassung zu versuchen die Ergebnisse der Arbeit zusammenzufassen bzw. stimmige Antworten, in Form einzelner zentraler Thesen, auf die eben vorgestellten Fragestellungen bereitzustellen.

2. Vorgeschichte bis zum „Steckenbleiben“ des Chinakrieges Ende 1938

Der japanische Ehrgeiz zu einer Großmacht in Ostasien aufzusteigen hatte schon einige Zeit vor dem Chinazwischenfall (dem Zweiten Chinesisch-Japanischen-Krieg) dazu geführt, dass Japan die Kontrolle über Korea, Taiwan, den Südteil Sachalins sowie Gebiete in der Mandschurei (später Manchoukuo) errang. Eine der zentralen Ideen, welche Japans Vorgehen bestimmten, war der Wunsch nach ökonomischer Autarkie, v.a. der Wille sich unabhängig von Drittstaaten selbst mit Rohstoffen versorgen zu können. Dieser Gedanke hatte in nicht unwesentlichem Umfang durch die Folgewirkungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 in Japan an Bedeutung gewonnen. Vor allem die japanische Industrie hatte die Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu spüren bekommen. Japan mangelte es insbesondere an den von der Schwerindustrie benötigten Rohstoffen Rohöl, Eisen und Kohle.[1] Obgleich sich die Armee und die Marine Japans sehr häufig uneins waren, wie denn die strategischen Ziele Japans hätten aussehen sollen, schafften sie es sich Mitte 1936 zu einzelnen gemeinsamen Zielen durchzuringen. Zum einen sollte Mandschukuo sowohl militärisch wie auch wirtschaftlich gestärkt werden, vor allem gegen ein mögliches sowjetisches Vorgehen, andererseits wurde bereits eine etwaige Expansion in die Südsee als mögliches Vorgehensszenario intensiv erörtert. Das Hauptziel der Armee, nebst einzelnen, teils gerade erwähnten Nebenzielen, lag zu dieser Zeit aber noch immer darin die Bedrohung durch die Sowjetunion zu „beseitigen“. Sehr ausgeprägt war nunmehr die schon kurz angeschnittene Absicht im japanischen Militär die ökonomische Autarkie des Kaiserreiches mit Waffengewalt durchzusetzen. Als beim Vorfall an der Marco-Polo-Brücke in der Nacht des 7. Julis 1937 Chinesen auf japanische Stellungen schossen, war der Funke zum Krieg Japans gegen China endgültig entzündet.[2] Nachdem am 28. Juli 1937 mehrere japanische Offiziere und etwa 200 japanische Zivilisten von einer chinesischen Einheit ermordet worden waren, waren die Chancen auf eine friedliche Beilegung des Konflikts drastisch gesunken. Nachdem der Kaiser von Heeresvertretern davon überzeugt worden war, dass der Krieg mit China binnen von zwei bis drei Monaten entschieden sein könnte, wurden Ende Juli umfassende Verstärkungen nach China entsandt. Mitte August hatte sich der kriegerische Konflikt bis Shanghai ausgeweitet. Im Dezember 1937 fiel bereits Nanking, Tschiang Kai-scheks Hauptstadt, an die Japaner. Ein japanisches Friedensangebot beinhaltete für China unannehmbare Bedingungen. China hätte Mandschukuo anerkennen, Reparationszahlungen leisten und die Einrichtung weiterer japanischer Einflusszonen in China akzeptieren müssen, was die Entscheidungsträger um Tschiang Kai-schek letzten Endes aber mit Nachdruck ablehnten.[3] Entgegen den japanischen Planungen, die unrealistisch optimistisch gewesen waren, waren Ende 1938 600.000 Mann des japanischen Militärs in China stationiert, die kriegswichtigen japanischen Ressourcen waren beinahe ausgeschöpft. Zudem waren von Juli 1937 an über 60.000 japanische Soldaten gefallen, Tschiang Kai-schek konnte sich andererseits über materielle Unterstützungen durch die USA, GB, Frankreich und die Sowjetunion freuen. Zwar errangen die japanischen Streitkräfte bis Ende 1938 die Kontrolle über weitläufige Gebiete Nord- und Zentralchinas, die chinesische Küste und die meisten der entscheidenden Verkehrslinien, besiegt war China deshalb trotzdem nicht.[4] Japan steckte in einer militärtaktischen Klemme. Weder konnte es China zu dieser Zeit militärisch niederringen bzw. Tschiang Kai-scheck zum Akzeptieren eines für Japan günstigen Friedensvertrages bringen, noch wollte sich Japan aus dem Konflikt zurückziehen und kleinbeigeben. Das Entscheidende dabei war, dass je länger der Chinakrieg dauerte, desto größer wurden die japanischen Verluste und desto problematischer gestalteten sich die Verhältnisse zu den USA, die bereits stark belastet waren. Der Teufelskreis für die Japaner lag darin begründet, dass v.a. die Hardliner den Krieg nicht mehr aufgeben und erfolglos beenden wollten bzw. konnten, da ihrer Meinung nach der geleistete Einsatz bereits viel zu hoch gewesen war.[5] Scalapino weist zu Recht daraufhin (was in dieser Arbeit innerhalb der nächsten Kapitel ebenfalls gezeigt werden soll), dass das China-Problem letztlich ein ganz wesentlicher Faktor war, warum sich Japan zur Südostasien-Expansion entscheiden sollte.[6]

3. Geschehen 1939

Erfolge waren den Japanern in der Zeit des festgefahrenen Chinakrieges mehr als willkommen. So waren im Februar und März wichtige Stützpunkte im Südchinesischen Meer eingenommen worden, Hainan und die Spratly Islands. Dass Japan damit seine Absicht gezeigt hatte, im südostasiatischen Raum seine Einflusssphäre auszudehnen, konnte den europäischen Kolonialmächten unmöglich verborgen geblieben sein. Hainan war in weiterer Folge auch deshalb wichtig, weil die Japaner von dort aus die Möglichkeit hatten etwaige Luftangriffe gegen Französisch-Indochina zu fliegen bzw. den dortigen Verantwortlichen mit solchen Angriffen zu drohen. Zudem versuchten die japanischen Streitkräfte mit Luftangriffen von Hainan aus die Nachschublinien an den chinesischen Feind zu bombardieren, wobei deren Zerstörung nicht im erwünschten Ausmaß umgesetzt werden konnte.[7] Lu hebt hervor, dass die Japaner durch die Kontrolle über Inseln im Südchinesischen Meer wichtige Stützpunkte für Verteidigungszwecke erlangen konnten und zudem etwaige Operationsbasen erschließen konnten, um auf britische Stellungen in Südostasien leichter etwaige zukünftige Angriffe starten zu können.[8] Katsumi fügt hinzu, dass die Inseln wichtige Stellungen waren, um in Zukunft japanische Rohstoffimporte per Schiff aus Südostasien militärisch vor Angriffen zu schützen.[9]

Im September nahm Japan Verhandlungen mit Niederländisch-Ostindien auf. Von 1936-1938 hatte es mehrere Vertragsabschlüsse der beiden Akteure gegeben. Am wichtigsten waren für Japan dabei wirtschaftliche Aspekte. Das heutige Indonesien wurde von den Japanern als Teil einer zukünftig zu errichtenden ostasiatischen Wohlstandssphäre unter japanischer Führung betrachtet. Nunmehr wollte das Kaiserreich einen Neutralitätspakt mit der niederländischen Kolonie abschließen und verhindern, dass das Gebiet zukünftig unter starken Einfluss bzw. in gewisser Weise unter die „Kontrolle“ der Briten und Amerikaner geraten würde (alles in der Erwartung eines deutschen Angriffes auf die Niederlanden zu sehen, samt erwartetem deutschem Sieg).[10] Neben diplomatischen Verhandlungen mit Niederländisch-Ostindien, arbeitete insbesondere die japanische Marine im Hintergrund an Plänen, die auch ein etwaiges militärisches Vorgehen gegen das heutige Indonesien erörterten. Besonders hervorzuheben ist dabei das Ansinnen die Stärke der japanischen Flotten so gut als möglich zu erhöhen, um im südostasiatischen Raum effektiv operieren zu können.

Bereits Ende August hatte ein neues Regierungs-Kabinett unter Premierminister Abe seine Arbeit aufgenommen, wobei dieser vorab einige Instruktionen vom Kaiser erhalten hatte. Erwähnenswerterweise wollte der Monarch Abe dazu bewegen bessere Beziehungen zu den Briten und Amerikanern herzustellen. Dieser Wunsch konnte allerdings von Abe nicht wie vom Kaiser erhofft umgesetzt werden. Abes Meinung nach war Japan, in der Situation in der es sich damals befand, den Achsen-Mächten nähergestellt als den Westmächten.[11] Die Beziehungen zu den USA hatten sich in dieser Zeit v.a. wegen den japanischen Aktionen im Chinakrieg ernsthaft verschlechtert und schon mehrere Monate vor dem festgesetzten Auslaufdatum (26. Januar 1940) des japanischen Handelsvertrages mit den USA war es absehbar, dass dieser Vertrag keine Verlängerung erfahren würde.[12] Ein Drittel der japanischen Einfuhren kam aus den Vereinigten Staaten, vor allem die Altmetall- und Erdölimporte waren überlebenswichtig für die japanische Kriegswirtschaft. Nicht zu vergessen ist zudem, dass in etwa ein Drittel der japanischen Exporte in die USA ging. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von den Amerikanern war somit signifikant. Hervorzuheben ist ein Verweis von Katsumi, wonach grob geschätzt mehr als 50 % der japanischen Importe von Militärequipment aus den USA bezogen worden wären, ein Punkt der der amerikanischen Regierung im Laufe der Zeit intensiv vorgeworfen werden sollte.[13] Im Dezember erfolgte jedoch ein Embargo der USA gegenüber Japan, welches kriegswichtige Waren wie Flugbenzin beinhaltete, die Rohöllieferungen an Japan allerdings noch nicht einschränkte. Bezeichnenderweise wurde in einer Diskussion japanischer Minister nunmehr bereits das Thema einer möglichen Okkupation Französisch Indochinas und Niederländisch-Ostindiens erörtert. Sollten die Amerikaner den Ölhahn in der Zukunft wirklich zudrehen, hätte man mit den Vorkommen auf (dem heutigen) Indonesien eine gute Möglichkeit der Kompensierung aufgetan, soweit die Überzeugung der japanischen Regierungsverantwortlichen.[14] Inzwischen war die Abhängigkeit Japans von den amerikanischen Ressourcen noch weiter gestiegen, da durch den Krieg in Europa Lieferungen aus GB und Deutschland erheblich abgenommen hatten. Der Krieg eröffnete für Japan nicht nur militär-strategische Möglichkeiten, sondern brachte gleichzeitig horrende wirtschaftliche Belastungen für das Kaiserreich mit sich. Eine Folge davon war, dass die Preise vieler Produkte, welche von mangelnden Importmöglichkeiten betroffen waren, rapide anstiegen und gleichzeitig ein ausgeprägter Schwarzmarkt in Japan zu florieren begann. Im Jahr 1939 wurde die landwirtschaftliche Produktion Japans zusätzlich durch Wetterkapriolen negativ beeinflusst. Dürren und Überschwemmungen führten dazu, dass in einigen japanisch kontrollierten Gebieten ein Ernteausfall von ca. 70 % zu verzeichnen war.[15] Bereits im September hatte Premier Abe für einige Güter Fixpreise einführen müssen. Die japanischen Kohlereserven waren knapp und die Stromversorgung sehr häufig unzureichend. Letztlich wurde es für die Japaner sogar nötig Güter wie Reis, Zucker und Salz zu rationieren. Kurz nach dem Jahreswechsel wurde Abe schließlich zum Rücktritt bewegt, der am 14. Januar 1940 erfolgte.

4. Geschehen 1940

4.1. Die neue Situation durch den Krieg in Europa und die strategischen Überlegungen der Regierung Yonai

Das Jahr 1940 hatte gleich zu Beginn die Installation eines neuen Regierungs-Kabinetts mit sich gebracht. Die Führung übernahm Admiral Yonai, ein erfahrener, mehrmaliger Marine-Minister. Entscheidend für die Folgezeit war, dass sich das Konzept, eine Ostasiatische Wohlstandssphäre unter japanischer Kontrolle einzurichten, in der japanischen Politik mittlerweile zu einer zentralen Leitidee entwickelt hatte. Für den Westen war dabei entscheidend, dass dessen Einfluss auf den ostasiatischen Raum in einem von Japan kontrollierten Block auf ein zu erwartendes Minimum reduziert worden wäre.[16]

In der Bedrängnis der westeuropäischen Mächte durch die Folgen des angelaufenen Zweiten Weltkrieges sahen die Japaner nunmehr die entscheidende Möglichkeit gekommen, endlich eine japanische Vorherrschaft in Ost- und Südostasien etablieren zu können (und damit zusammenhängend auch die eigene Rohstoffversorgung entscheidend verbessern zu können). Am 15. April verlautbarte der japanische Außenminister Arita, dass Japan nicht mehr inaktiv die veränderte Situation, infolge des Ausbruchs des Krieges in Europa, beobachten könne. Vor allem machte er deutlich, dass die Japaner Niederländisch Ostindien als zu ihrer „Einflusssphäre“ gehörend betrachten würden. Dazu passend sollten die Deutschen die Niederländer einige Wochen später militärisch in die Knie zwingen können (die deutsche Invasion der Niederlanden wurde ab Mai 1940 ausgeführt), wobei sie den Japanern versicherten, selbst an der Kontrolle der niederländisch-ostindischen (indonesischen) Gebiete nicht interessiert zu sein.[17] Bereits Ende Mai setzte die Regierung unter Yonai Niederländisch-Ostindien intensiv unter Druck, Rohstofflieferungen an Japan zu garantieren – dabei ging es vordergründig um Erdöl und Altmetall. Interessant dabei ist, dass zu diesem Zeitpunkt Japan jährliche Rohöllieferungen in Höhe von 1 Mio. Tonnen verlangte, was weniger als ein Drittel dessen ist, was in späteren Verhandlungen gefordert werden sollte.[18] Es darf nicht übersehen werden, dass die japanischen Rohstoffvorräte für den Fall amerikanischer und/oder britischer Embargos nicht nur im Bereich des Rohöls knapp bemessen waren. Nickel, Molybdän, Kupfer, Zink, Aluminium, Kobalt, Kautschuk u.a. waren beispielsweise Rohstoffe, die für den Fall von Handelsembargos schnell auszugehen drohten. Insgesamt muss festgehalten werden, dass sich die Japaner zwar mit den Zahlen der eigenen Rohstoffversorgung auseinandersetzten, diese Zahlen aber kaum in Vergleich zu den Ressourcen ihrer potentiellen, zukünftigen Gegner setzten (v.a. USA und Großbritannien). Festzuhalten bleibt zudem, dass im Mai 1940 die vierte japanische Flotte nach Palau verlegt worden war, um im Fall britischer und/oder amerikanischer Interventionen in Niederländisch-Ostindien selbst agieren und wenn nötig militärische Aktionen im indonesischen Gebiet ausführen zu können.[19] Die Versicherungen Niederländisch-Ostindiens im Frühjahr 1940, dass man sich auch im Falle einer niederländischen Niederlage gegen die Deutschen nicht unter britischen und/oder amerikanischen Schutz stellen wollte, waren für die Japaner nicht ausreichend gewesen.[20] Nach der französischen Kapitulation gegenüber Nazi-Deutschland am 17. Juni wurden die Franzosen und Briten von japanischer Seite gedrängt die Lieferungen an Tschiang Kai-schek über Indochina, Burma und Hongkong auszusetzen. Etwa einen Monat später scheint die Burma-Route „geschlossen“ worden zu sein und so konnte zumindest für einige Monate in diesem Zusammenhang ein positives Verhandlungsergebnis für Japan erzielt werden. Am 18. Oktober verkündete die britische Regierung allerdings, die Lieferungen an Tschiang Kai-schek über die Burma-Route wieder aufzunehmen bzw. aufnehmen zu wollen.[21] Die Unterbindung der Versorgungsströme an den chinesischen Feind war immanent wichtig, um sich die Möglichkeit eines Angriffes auf die Stellungen Tschiang Kai-scheks offen zu halten bzw. die Erfolgschance für eine solche etwaige Offensive zu erhöhen. Alleine über die Routen Französisch Indochinas erhielten die feindlichen Chinesen Mitte 1940 jeden Monat ca. 15.000 Tonnen Versorgungsgüter, was beinahe 50 % des Nachschubs von außen an Japans Feind ausmachte. Über 30 % des Gesamtnachschubs wurde über die Burma-Route transportiert. Diese Werte lassen erahnen, wie wichtig es für die Japaner war diese Nachschublinien aus Südostasien zu blockieren bzw. unter Kontrolle zu bekommen, um den Chinakrieg doch noch erfolgreich beenden zu können. Die französischen Verhandlungspartner erlaubten den Japanern nunmehr sogar Kontrolleure nach Indochina zu entsenden, die die Unterbindung des Nachschubes kriegswichtiger Güter an China überwachen sollten.[22] Kontrollstationen wurden durch die Japaner in Haiphong, Hagiang, Laokay, Caobang, Langson und Fort Bayard (alle in Französisch-Indochina) eingerichtet. Die Japaner hofften auch mit den Sowjets eine Vereinbarung treffen zu können, wonach das feindliche China aus der Sowjetunion ebenfalls keine Nachschublieferungen mehr erhalten hätte sollen. Japan strebte somit eine Isolierung des feindlichen Chinas an bzw. dessen völliges Abgeschnitten sein von Güterlieferungen von außen, da man hoffte, dass Tschiang Kai-schek unter solchen Bedingungen einen für Japan komfortablen Friedensschluss zustimmen würde (gegebenenfalls hätte China in einem Friedensschluss mit Gebieten Französisch-Indochinas entschädigt werden sollen).[23]

[...]


[1] Sigg, Der Zweite Weltkrieg 1937-1945, S. 38.

[2] Kershaw, Wendepunkte, S. 126-128.

[3] Lu, From the Marco Polo Bridge, S. 17-25.

[4] Krebs, Das moderne Japan, S. 67.

[5] Kershaw, Wendepunkte, S. 130-131 und 165.

[6] Scalapino, Introduction, S. 117.

[7] Hata, The Army’s Move, S. 158.

[8] Lu, The Politics of War 1937-1941. Introduction, S. 294.

[9] Katsumi, The Politics of War 1937-1941. Essay, S. 328.

[10] Shinjiro, Economic Demands, S. 125-126 und S. 137.

[11] Lu, From the Marco Polo Bridge, S. 59-62.

[12] Vgl. Sigg, Der Zweite Weltkrieg 1937-1945, S. 71.

[13] Katsumi, The Politics of War 1937-1941. Essay, S. 364.

[14] Lu, From the Marco Polo Bridge, S. 67.

[15] Harries, Soldiers of the Sun, S. 270 und 274-275.

[16] Scalapino, Introduction, S. 117 und 122.

[17] Lu, From the Marco Polo Bridge, S. 72.

[18] Shinjiro, Economic Demands, S. 138 / Jones, Japan’s New Order, S. 242.

[19] Tsunoda, The Navy’s Role, S. 244, 256 und 294.

[20] Jones, Japan’s New Order, S. 240.

[21] Kershaw, Wendepunkte, S. 145. / Katsumi, The Politics of War 1937-1941. Essay, S. 416.

[22] Hata, The Army’s Move, S. 155-157.

[23] Jones, Japan’s New Order, S. 221-222.

Details

Seiten
28
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668052789
ISBN (Buch)
9783668052796
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307171
Institution / Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt – Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Zweiter Weltkrieg Chinesisch-Japanischer Krieg Japan im Zweiten Weltkrieg Niederländisch Ostindien Französisch Indochina Konoe Embargo Japanisches Kaiserreich Japan im 20. Jh. Kolonialismus Imperialismus Pazifikkrieg Thailand Malaysia

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Titel: Japans Südostasienstrategie im Zweiten Weltkrieg zwischen 1939 und 1941