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Entwicklung von Gated Communities. Ursachen und Beweggründe eines neuen Trends in Istanbul

Bachelorarbeit 2014 43 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstelllung und Zielsetzung
1. 2. Gliederung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Begriffsbestimmungen
2.1.1. Neue Trends im Wohnbereich
2.1.2. Sozialräumliche Segregation
2.2. Indikatoren für Istanbul
2.3. Methodik: Qualitative Forschung

3. Gated Communities- ein neuer Trend
3.1. Definition und Merkmale
3.2. Bedeutung für die Stadtplanung
3.2.1. Typologie- funktionelle & bauliche Aspekte
3.2.2. Entstehung und Verbreitung von Gated Communities in Istanbul
3.3. Fallbeispiele in Istanbul

4. Ursachen und Beweggründe von Gated Communities in Istanbul
4.1. Ursachen und Beweggründe
4.1.1. Physische Ursachen und Beweggründe
4.1.2. Individuelle Ursachen und Beweggründe
4.2. Auswirkungen
4.3. Auswertung der Forschung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

1.1. Problemstellung und Zielsetzung

„Gated Communities are part of the trend of suburbanization that is based on the creation of self-contained, separate communities with carefully constructed identities” (Levent & Gülümser 2004:1)

Gated Communities sind weltweit vorkommende und stetig beliebter werdende Formen der Wohnanlagen, die in verschiedenen Arten und großer Vielfalt gebaut werden. Es sind bewachte, von Mauern oder Zäunen umschlossene Siedlungen, die nur durch einen Eingangstor zugänglich sind. Diese Siedlungen werden durch private Sicherheitsdienste bewacht und sind mit einer Vielzahl von Sicherheitstechniken ausgerüstet. Gated Communities sind privat entwickelte Siedlungen. Die Bewohner stimmen einem Verhaltenskodex und rechtlichen Vereinbarungen zu. Sie können entweder neu entwickelt und angelegt sein oder beruhen auf vorhandenen städtischen Strukturen, die mit Barrieren zur Sicherheit ergänzt wurden (Blakely & Sydner 1997: 13).

Istanbul ist heutzutage eine der größten Metropolregionen und die bevölkerungsreichste Stadt der Türkei. Die Bevölkerung Istanbuls wuchs innerhalb von 50 Jahren von einer auf zehn Millionen an (Palencsar & Stremenik 2010: 20). Durch Stadterweiterungen und Umformung räumlicher Standortpotenziale kommt es zu steigenden Bodenpreisen, die die Heterogenität des Raumes bestimmen. Sie bewirkt eine sozioökonomische Segregation der Wohnbevölkerung. Aber auch nichträumliche Standortfaktoren können einen hohen Standortwert erzeugen wie Gated Communities, welche generell nur eine andere Form der segregierten Stadt darstellen (Palencsar & Stremenik 2010: 21).

Das Thema Gated Community in Istanbul ist ein sozialpolitisches Phänomen, das die Gesellschaft sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft mit immer größeren Herausforderungen konfrontiert. Es entstehen immer mehr bewachte Siedlungen, deren Angebot und Nachfrage immer weiter steigen. Gründe und Ursachen für die Vielzahl an neuen Bebauungen werden in den folgenden Kapiteln erläutert. Gated Communities wurden zu einem neuen entwickelten Trend im Immobilienmarkt. Ehemals waren Apartmenthäuser mit Blick auf den Bosporus für die Oberschicht beliebt und erwünscht, doch heute favorisiert „die neue, den großstädtischen Lebensstil anstrebende Oberschicht das luxuriös ausgestattet Vorstadthaus amerikanischer Prägung“ (Seger & Palencsar 2006: 241), insbesondere als Satellitenstadt1 oder Gated City2. Von der großen Vielfalt und Präsenz an Gated Communities in Istanbul berichtet auch die Spiegel Online: „Türkischer Bau-Wahn: Wohnen im orientalischen Disneyland“ (Karasu 2012). Dort zu leben sei ein „Privileg“ und die Anzahl dieser steige stetig. Prof. Dr. Aliye Ahu Gülümser, Dozentin an der Technischen Universität Istanbuls, teilt Gated Communities in vier unterschiedliche Arten in Istanbul ein, die in verschiedenen Bereichen der Stadt liegen, sowie unterschiedliche Eigenschaften und Zielgruppen aufweisen (Levent & Gülümser 2007: 5f.). Es gibt verschiedene Definition zu bewachten Wohnanlagen und verschiedene Begriffe um dieses Phänomen zu beschreiben. Ich werde mich in meiner Arbeit vorzugsweise auf die Erklärungsansätze und Theorien von E. Blakley und M. Snydner, sowie von T. Levent und A. Gülümser stützen.

Im Zuge der Liberalisierung und den neuen Baugesetzen begann man in den 1980er Jahren Gated Communities in den Großstädten der Türkei zu errichten. Durch die starke Zuwanderung um 1950 und dem Rückzug des Staates aus vielen Wirtschaftsbereichen kam es zu diversen Stadtstruktur- und Transformationsprozessen, die Einfluss auf die Stadt- und Gesellschaftsstruktur hatten. Das Konsummuster veränderte sich und die Löhne der neuen Mittelschicht stiegen an, sodass der neue Reichtum und der soziale Status vor allen Augen vorgeführt wurden. Es entstanden immer mehr Viertel, die eine deutliche sozialräumliche Differenzierung vorzeigten. Neue Ideale, Werte und Normen werden von einer globalen Kultur sehr stark beeinflusst (Genis 2007: 775f., Palencsar & Stremenik 2010: 20f.).

In dieser Bachelorarbeit werden auf wissenschaftliche Weise hinsichtlich der Entstehung privater Wohnkomplexe, ihrer physischen und funktionalen Charakteristika, ihrer Ursachen und Beweggründe sowie der neue Wohntrend in Bezug auf die Oberschicht untersucht. Außerdem werden auf die Definition und Begrifflichkeiten von Gated Communities von Blakely and Snyder herangeführt, da sie die erste schriftliche Dokumentation über Gated Communities sind. Schließlich lautet das Thema dieser Bachelorarbeit „Entwicklung von Gated Communities - Ursachen und Beweggründe eines neuen Trends am Fallbeispiel Istanbul“. Von diesem Titel ausgehend, werden die Entstehung und die Gründe eines neuen luxuriöseren Lebensstiles sowie dessen Motive dargestellt. Der ökonomische Wandel in Istanbul veranlasst veränderte Ansprüche an die Lebensqualität, sowie soziale und kulturelle Veränderungen. Die hauptsächliche Aufgabe

dieser Arbeit wird die Überprüfung der Gründe für das Entstehen der Gated Communities sein. Aber auch folgenden Fragen wird in dieser Arbeit nachgegangen:

- Warum werden Gated Communities produziert?
- Was bewegt die Menschen in Gated Communities zu leben?
- Warum sucht eine wachsende Gruppe von Mittel- und Oberschichten eine Wohnform, die von starkem internem Ausgleich geprägt ist und die starke soziale sowie ästhetische Homogenität verlangt, anstatt einer anderen Siedlungsform?

1.2. Gliederung

Diese Bachelorarbeit ist in fünf Kapitel untergliedert. Im ersten Kapitel wird das Thema dieser wissenschaftlichen Arbeit vertraut gemacht, die Problemstellung gegeben und die Zielsetzung dargestellt. Das zweite Kapitel beinhaltet die theoretischen Grundlagen, in denen die wichtigsten Begriffe definiert und erläutert werden. Außerdem wird die Methodik, die für die Forschung angewendet wurde, beschrieben. Im dritten Kapitel wird auf das Thema Gated Community fokussiert. Es wird geklärt, was man unter dem Begriff Gated Community versteht und welche Bedeutung diese für die Stadtplanung hat, zudem werden Erklärungsansätze für die Entstehung von Gated Communities erläutert. Die Fallbeispiele in Istanbul und die Auswertungen der Umfrage folgen in weiteren Unterkapiteln. Im vierten Kapitel werden die Ursachen und Beweggründe herausgearbeitet sowie Auswirkungen dessen dargestellt. Im fünften Kapitel folgen die Auswirkungen auf die Gesellschaft. Das fünfte Kapitel stellt das inhaltliche Resultat dieser Abschlussarbeit dar und beinhaltet ein Fazit.

2. Theoretische Grundlagen

2.1. Begriffsbestimmungen

Zunächst werden zum besseren Verständnis die zentralen Begriffe definiert - dabei werden Ausdrücke wie „Neue Trends im Wohnbereich“, „Pluralisierung des Wohnraumes“, „sozialräumliche Segregation“ und „soziale Polarisierung“ festgelegt. Daraufhin sollen die für Istanbul spezifischen Indikatoren herausgearbeitet und die angewandte Methodik erläutert werden.

2.1.1. Neue Trends im Wohnbereich

Istanbul gehört zu den am dichtesten besiedelten Städten der Welt. Die Stadt besteht aus 39 Bezirken mit einer Gesamtfläche von 5461 km² und 14.160.467 Einwohnern (vgl. Türkisches Institut für Statistik 2014). Die Stadt liegt auf zwei Kontinenten - Asien und Europa - und wird vom Bosporus getrennt. Bekannt für die türkische Stadt sind die sogenannten Gated Communities, welche eine neue Richtung des modernen Wohnens darstellen. Allerdings ist dies kein neues Phänomen, bereits im Mittelalter haben Adelige und statushöhere Menschen versucht, sich räumlich vom Volk abzugrenzen, beispielsweise durch entlegene Burgen und Klöster oder durch Mauern und Gräben, um sich vor unwillkommenen Fremden zu schützen (vgl. Glasze 2003: 286f.). In vielen Entwicklungsländern waren allenfalls in den Megastädten Gated Communities als Form der Apartheid üblich. Erst seit den letzten 50 Jahren ist das Thema ,Gated Community‘ im Zuge der von den USA ausgehenden ,Segregation‘ ein typisches Muster der Städteentwicklung (vgl. Lock 2001).

In Istanbul führten Industrialisierung und Zuwanderung dazu, dass sich die Stadt ab den 1980er Jahren zu einer Metropole von 7 Mio. Einwohnern mit stetigen Veränderungen und Neuerungen, besonders im Immobiliensektor, entwickelte. Um eine Grundlage für den Bausektor zu schaffen, hat die Türkei den im Jahr 1995 festgelegten Fünf-Jahres- Masterplan u.a. für die Landnutzung der Regionen und deren funktionalen Strukturen aufgestellt (vgl. Istanbul Metropolitan Municipality 2014). Trotz solcher Masterpläne wurde die städtische Entwicklung ab 1980 zunehmend unkontrollierter und unwillkürlicher durchgeführt, was zum Beispiel die sogenannten „Gecekondus“ (übersetzt: über Nacht errichtete Häuser) zeigen. Zugewanderte Einwohner aus Anatolien, die aus einkommensschwachen oder arbeitslosen Gruppen stammen, siedelten sich an der Peripherie der Stadt, zum Teil in den oben genannten „Gecekondus“, oder in der erdbebengefährdeten Altstadt an (vgl. Palencsar & Stremenik 2010: 20). Die finanzkräftige Mittelschicht und die Oberschicht hingegen ließen sich bevorzugt entlang der Achse des Bosporus auf der europäischen Seite mit Blick auf den Bosporus nieder. Dieser Teil der Stadt gilt als erdbebensicher. Das neue Baugesetz zur Errichtung von Großstadtregionen von 1984 erlaubte mehr Autonomie für die Metropole als für die übrigen Städte sowie u.a. auch größere Rückzahlungen aus dem Finanzausgleich (vgl. Palencsar & Stremenik 2010: 21).

Die heutige Stadtentwicklung ist dagegen durch eine Neuorientierung gekennzeichnet, da neue Trends im Wohnbereich entstehen. Zudem vermehren sich die Wohneinheiten und -arten stetig. Vor allen Dingen das Ziel, Istanbul als „Global City“ und als „Brand Mark“ zu entwickeln steht an oberster Stelle. Dementsprechend haben sich ausländische Investoren und Public-Private-Partnerships verstärkt. Ferner entstand eine neue Konsumgesellschaft, welche ebenfalls neue Anforderungen an Wohnort und Lebensstil stellte. Diese Veränderung und die führende Stadtentwicklung lösten „große wirtschaftliche Transformationsprozesse mit globalen Tendenzen“ (Palencsar & Stremenik 2010: 22) aus. Zu einer der größten Veränderungen zählt der Wohnungsmarkt. Denn durch die Wünsche und Ansprüche der neuen metropolitanen Mittel- und Oberschicht, d.h. auch durch das neue Konsumverhalten, errichteten private Bauträger und Immobilieninvestmentgesellschaften immer mehr luxuriöse Wohnanlagen nach amerikanischem und europäischem Vorbild, wie auch Shoppingmalls, Freizeitmöglichkeiten, Privatuniversitäten sowie Haushalts- und Sozialdienste, speziell für die Gated Communities (vgl. Genis 2007: 776, 790). Daher interessieren sich einerseits viele Investoren für diese Gebiete, andererseits legen viele Bezirke das entsprechende Land an, da dies auch in ihrem Interesse ist (vgl. Seger & Palencsar 2006: 243). Nicht zuletzt werden diese Gebiete auch invertiert.

Waren früher Apartmenthäuser mit Blick auf den Bosporus für die Oberschicht beliebt und erwünscht, strebt „die neue, den großstädtischen Lebensstil anstrebende Oberschicht“ heute „das luxuriös ausgestattet Vorstadthaus amerikanischer Prägung“ (Seger & Palencsar 2006: 241), insbesondere in Form einer Satellitenstadt oder ,Gated City‘, an. Die hochwertigen Wohnlagen gewährleisten den Mittel- und Oberschichten die erwünschten Bedingungen und Vorstellungen eines neuen Lebensstils. Aktuelle Wohnungsprojekte entsprechen trotz großer Unterschiede, z.B. Einzelhaussiedlungen (im Bezirk Levent), Atriumhaussiedlungen (im Bezirk Harikzadegan) oder Großwohnanlagen (im Bezirk Ataköy), einem „globalen Istanbul“ (vgl. ebd.). Die heutige Baustruktur in Istanbul zeigt zudem ein neues Muster, das der heutigen Konsumgesellschaft entspricht: in der Nähe des Zentrums befinden sich die dominierenden Appartementkomplexe der Arbeiterklasse, in der historischen Innenstadt die Viertel der Einkommensschwachen und an der Peripherie die Gecekondu Quartiere, die sehr oft in der Nähe der abgegrenzten Wohnanlagen der Mittel-und Oberschicht sind. „Die exklusiven Gated Communities der Oberschicht liegen inselförmig im Umland der Metropole“ (Palenscar & Stremenik 2010: 23).

2.1.2. Sozialräumliche Segregation

Segregation bezeichnet die ungleiche Verteilung von verschiedenen Gruppen der Bevölkerung auf die Quartiere der Stadt. Das gilt sowohl für die Trennung von Geschäfts-, Industrie- und Wohnvierteln, was als funktionale Segregation bezeichnet wird, als auch für Wohnstandortpräferenzen, innerhalb von Wohngebieten die sogenannte residentielle Segregation (vgl. Thieme 1993: 168). Dabei geht es bei der Segregation vor allem darum, wo und wie verschiedene soziale Gruppen ihren Platz im Gefüge einer Stadtlandschaft einnehmen. Segregation meint stets auch Exklusion5, dies gilt besonders bei der Wohnstandortwahl. Die separierende Exklusion führt wiederum immer zur selektiven Konzentration und zu einer städtischen Viertelsbildung nach ethnischen, religiösen oder ökonomischen Bevölkerungsmerkmalen (vgl. ebd.). Segregation entsteht bei der Umformung von sozialer Distanz in räumliche Distanz. Aktiv Segregierte distanzieren sich freiwillig von der anderen Gruppe und setzen den Haushalt mit besserer Ressourcenausstattung voraus. Sie entscheiden subjektiv und eigenständig über ihren Wohnort. Bei der passiven Distanzierung, die unfreiwillig entsteht, werden dagegen die Haushalte mit geringen Ressourcen segregiert. Bei der städtischen Aufteilung von Bewohnern wird nicht nur „die Verfügung über materielles Kapital“ (Häuβermann 2008: 336f.), eine Rolle spielen, sondern auch „kulturelle Barrieren“(vgl. ebd.), wie z.B. ethnische Diskriminierung. Die Bedeutung der näheren Umgebung für soziale Gruppen, die über weniger Ressourcen, wie materielles, kulturelles und soziales Kapital, verfügen, spielt für die Segregierte eine größere Rolle als für andere Gruppen, da sie diesen Wohnraum seltener verlassen und dort ihre Beziehungen pflegen (Häußermann & Kronauer 2009: 157f.). Andere Gruppen bewahren überlokale Beziehungen, das heißt, dass der Wohnraum gleichzeitig auch den Sozialraum der Betroffenen darstellt. Innerhalb dieser Sozialräume herrscht eine gewisse Harmonie, begründet auf der Ähnlichkeit der Lebensumstände. Nach Dangschat (1998) ist die räumliche Segregation eine Darstellung des „Sozialen Raumes“.

Der Sozialraum, welcher soziales Kapital anbietet oder nicht, beeinflusst darüber hinaus die Verbindung der sozialen Netzwerke und die Einteilung der Ressourcen. Außerdem wird der Sozialraum „durch die quartierlichen sozialen Strukturen und die Alltagspraxis ihrer Bewohner“ (ebd.) geprägt. Sozialräumliche Segregation stellt nur dann ein Problem dar, wenn sich soziale Gruppen in benachteiligten, schlechten Wohngebieten anhäufen, was ein globales Problem in vielen Großstädten ist (vgl. ebd.).

2.2. Indikatoren für Istanbul

Um die Segregation in Istanbul besser zu verstehen, werden in diesem Kapitel die Anzeichen dieser dargestellt. Der wichtigste Faktor bei der Darlegung der sozialen und räumlichen Segregation zwischen den niedrigen und höheren Gesellschaftsschichten, ist der ungleiche Anstieg der Einkommen und die Auflösung des Sozialstaates (vgl. Özgür 2006:79). Nach 1980 erhöhten neoliberale Politiker einerseits die Einkommenseinteilung zwischen den niedrigen und höheren Schichten, andererseits sanken die Einkommen der Bürger und Familien. Staatliche Unterstützungen wie Bildungsmöglichkeiten, Wohnräume, Mietkostenübernahme, Krankenversicherung, Arbeitslosengeld, Rente wurden eingestellt.

Die heutige Situation, der Gipfelpunkt der letzten 30 Jahre, hat nun die Zersplitterung der Gesellschaft erreicht und zur Fragmentierung der Stadt geführt. Die in der Großstadt vorherrschende Produktionsweise wandelte sich vom industriellen zum Dienstleistungssektor um. Auch die Verteilung von Ressourcen bekam zunehmend eine andere Bedeutung. Des Weiteren löste sich der Mittelstand fortwährend auf (vgl. ebd.). Die Auflösung der Mittelschicht bewirkte außerdem, dass sich die heutige Gesellschaft zunehmend zu einer Konsumgesellschaft entwickelte. Durch die veränderte Lebensqualität und den gehobenen Lifestyle der Menschen wurden die Klassenzugehörigkeiten zu einem Statussymbol. Die Konsumgesellschaft stärkt die Klassenzugehörigkeit auch durch die Indikatoren, die durch die Kaufkraft entstehen. Zu den Indikatoren zählen Wohngebiete, Wohnhäuser und die Umgebungen.

Es gibt zwei Gründe für die Existenz besonderer Wohngebiete, von denen der erste die Nachfrage ist. Diese wird auf dem Markt sehr schnell erwidert; einen Wohnanteil in diesen besonderen Wohngebieten bekommt man ziemlich schnell. Zweitens nimmt die Lebensqualität in den Vierteln drastisch ab (vgl. Özgür 2006: 80). Durch die Reduzierung der Nachbarschafteinheiten und Quartiermerkmale kommt es zum Verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot, die für soziale Schichten, welche bestimmte Ausgabekapazitäten haben, eine „Alternative“ Wohnanlage schaffen werden. Nach Özgür (2006: 19) sind die sogenannten ,Gated Communities‘ in Istanbul einerseits Ausdruck der räumlichen Fragmentierung der Gesellschaft und anderseits Ausdruck der Planung von Wohngebieten, wodurch die Nachbarschaftseinheiten in gestörte Verhältnisse eingeschlossen werden. Betrachtet man die Nachbarschafteinheiten innerhalb der Gated Communities, so kann man sagen, dass sie das Viertel an sich zersplittern, d.h. ohne dass ein Grundelement erzeugt wird, sowie durch die Ausgrenzung und die bestehende Struktur der Nachbarschaften (vgl.ebd.).

Im Sektorenmodell von Hoyt (1939, vgl. auch Heineberg 2007: 341f.) wird nach der Lage der statushöheren Wohngebiete differenziert. Danach sucht der statushöhere Teil der Bevölkerung nach einem neuen Lebensstil. Darüber hinaus wird die Bestimmung des Wohnstandortes heutzutage nicht mehr nur ausschließlich durch geografische Aspekte beeinflusst. Vielmehr sind an diesem Vorgang Umstände unterschiedlichster Art ausschlaggebend, wie zum Beispiel die gewünschte Wohnform und der angestrebte Lebensstil. Hoyt (1939) verweist darauf, dass das neue Modell der räumlichen Segregation soziale Ungleichheit in den Städten entwickelt. Diese substituiert sukzessiv die Verzweigung zwischen Standard- Kern-Peripherie von arm und reich (siehe Abbildung 1). Die von ihm durchgeführten Untersuchungen legen nahe, dass sich die Wohnstandorte zur Peripherie hin verschoben haben. Sie dehnen sich entlang der Verkehrswege aus, was dem besser verdienenden Teil der Bevölkerung die Möglichkeit eröffnet, zeitlich schneller in die umliegenden Wohngegenden zu gelangen. Hoyt erwähnt überdies, dass lokale Veränderungen der Wohnstandorte des zumeist sozial und damit einhergehend auch finanziell besser gestellten Bevölkerungsanteils mitunter für die Stadtentwicklung von großer Bedeutung sind (vgl. ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Bearbeitete Darstellung des Sektorenmodells von H. Hoyt (1939) (Heineberg 2007:341)

2.3. Methode: Qualitative Forschung

Die wissenschaftliche Analyse dieser Arbeit basiert auf der methodischen Grundlage des problemzentrierten Interviews. Unter Problemzentrierung wird eine „Orientierung des Forschers an einer relevanten gesellschaftlichen Fragestellung“ (Flick 2011: 210) verstanden. Ziel des problemzentrierten Interviews ist das problemorientierte Sinnverstehen: das möglich unvoreingenommene Erfassen individueller Handlungen sowie die Auseinandersetzung mit subjektiven Sichtweisen, wie auch Verarbeitungsweisen gesellschaftlicher Realität. Durch das wissenschaftliche Hintergrundwissen des Interviewers wird der Gesprächspartner im Interview damit konfrontiert (vgl. Flick 2011: 212f.).

In dieser Arbeit kommt das qualitative Interview als Einzelmethode zur Anwendung. Im Interview soll das behandelte Problem aus Sicht und Erleben des Gesprächspartners einbezogen werden. Der zweite Aspekt der Problemzentrierung, der von Strategien absieht, "ist in der Lage, die Explikationsmöglichkeiten der Gesprächspartner so zu optimieren" (Flick 2011: 210), dass sie ihre Problemsicht unbeeinflusst von dem Entwurf des Interviewers schildern können. Darüber hinaus wird das wissenschaftliche Vorwissen durch die erlangenden Erkenntnisse modifiziert. Durch die Gegenstands- orientierung kann ein geringer Anteil an Flexibilität im Verhältnis zur Methode realisiert werden, die dem Forschungsgegenstand entsprechend angepasst werden kann (vgl. Flick 2011: 268f.). Bei der Prozessorientierung im Interview soll die Theorie gegenstandsbezogen generiert werden, sodass ein aufeinander bezogener Prozess der Erhebung und Auswertung der Daten ermöglicht wird. Prozessorientierung verbindet den gesamten Forschungsablauf mit dem allgemeinen Verständnis des Untersuchungs- gegenstands. Durch eine wechselseitige Wirkung von Kommunikations- und Verständnisformen soll die Prozessorientierung auch während des Interviews sichergestellt werden (vgl. Flick 2011: 213).

Zu den verschiedenen Methoden des problemzentrierten Interviews gehören der Kurzfragebogen und das Postskriptum. Der Kurzfragebogen filtert die weniger relevanten Themen aus demographischen, situativen und biographischen Daten des Gesprächspartners heraus (vgl. Nohl 2006: 20f.). Diese Informationen müssen dann nicht mehr während des Interviews eruiert werden. Der Gesprächsfluss wird durch exmanente Fragen nicht unterbrochen, was im Sinne der Problemzentrierung eine Konzentration sowohl des Forschers als auch des Gesprächspartners auf den Gegenstand der Untersuchung ermöglicht (vgl. Flick 2011:210). Bei dem Postskriptum hingegen soll der Interviewer nach dem Interview seine Vorstellungen und Einblicke „über die Kommunikation, über die Person des Interviewpartners, über sich und sein Verhalten in der Situation, äußere Einflüsse, den Raum, in dem das Interview stattgefunden hat etc.“ (Flick 2011:213) in seinen Schriften festhalten. Dadurch können Informationen, die später für die Analyse und Auswertung von besonderer Bedeutung sind, zusätzlich eingebunden werden. In der vorliegenden Arbeit wurde das durchgeführte Interview randomisiert bei 50 Passanten auf der Straße in Istanbul durchgeführt. Dies wurde an zwei verschiedenen Standorten an zwei Tagen gemacht. Dabei wurden diese mündlich befragt und mit einem Tonband aufgezeichnet. Daraufhin wurden die Daten unmittelbar danach schriftlich dokumentiert und ausgewertet (vgl. Nohl 2006: 20f., 56).

[...]


1 Satellitenstadt: größere, weitgehend eigenständige Ansiedlung in unmittelbarer Nähe einer Großstadt (http://www.duden.de/rechtschreibung/Satellitenstadt)

2 Gated City: als Synonym für Gated Community/paralleler Begriff des privaten Wohnraums

5 „ExklusioŶ ďezeiĐhŶet sowohl Prozesse, MaßŶahŵen und Verhaltensmuster, die darauf angelegt sind, einzelne Menschen oder soziale Gruppen von der Teilhabe am Leben einer Gesellschaft oder aus ďestiŵŵteŶ GesellsĐhaftsďereiĐheŶ zeitweilig oder auf Dauer auszusĐhließeŶ“ [http://www.enzyklo.de/lokal/42134]

Details

Seiten
43
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668056480
ISBN (Buch)
9783668056497
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307154
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Geographisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
istanbul gated community metropole wohnanlage sicherheit sozialpolitik

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Titel: Entwicklung von Gated Communities. Ursachen und Beweggründe eines neuen Trends in Istanbul