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"Jahrgang 1902" von Ernst Glaeser. Zur Beeinflussung der jugendlichen Entwicklung des Protagonisten durch den Krieg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Biographie Ernst Glaeser

3. Form und Inhalt Jahrgang 1902

4. Analyse und Interpretation

5. Résumé

6. Indizierungsgründe

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Diese Arbeit behandelt den Roman Jahrgang 1902 von Ernst Glaeser. Bei dem Anti-Kriegs-Roman handelt es sich um eines der Werke, die am 10. Mai 1933 in Berlin verbrannt wurden. Der großartige Autor Ernst Glaeser schwindet zu Unrecht aus unserem Bewusstsein. Mit dieser Arbeit soll zumindest ein kleiner Beitrag dazu geleistet werden, dies zu verhindern. Jahrgang 1902 ist ein bedeutendes Werk, dass sehr authentisch die Stimmung der Bevölkerung vor und während des 1. Weltkrieges wiedergibt. Die Wahl, das Kriegsgeschehen aus Sicht eines Kindes zu schildern, ist nicht abwegig, denn der Autor war zur Zeit des 1. Weltkrieges selbst noch ein Junge und berichtet, wie er und seine Freunde den Krieg erlebt haben (Vgl. Bartz: 1997, S.90; S.85). Seine persönlichen Erfahrungen beziehen sich nicht auf die Front, sondern auf das Befinden und die Umstände der Daheimgebliebenen, insbesondere auf die Erfahrungen der Heranwachsenden. Diese Perspektive hält besondere Aspekte bereit, da ähnliche Erzählungen sonst hauptsächlich aus der Erwachsenensicht geschildert werden. Aus diesem Grund scheint es interessant, die Besonderheiten der kindlichen Perspektive genauer zu betrachten. Im Folgenden soll untersucht werden, wie sich ein Junge im Zwiespalt zweier Welten befindet und inwieweit sich dies auf die Möglichkeit seiner Entwicklung auswirkt. Zum einen befindet er sich in der Welt eines Pubertierenden, der verschiedene erste Erfahrungen sammelt und zu einem Erwachsenen heranwächst. Auf der anderen Seite wird ein Junge betrachtet, der durch grausame Umstände, viel zu schnell erwachsen werden muss und dem es kaum möglich ist, wie ein 'normaler' unbeschadeter Jugendlicher aufzuwachsen, da er immer wieder von der Realität eingeholt wird. Durch diesen Kontrast wird deutlich, wie schwerwiegend die Entwicklung eines Kindes durch das Kriegsgeschehen geprägt wird und vor allem, wie gravierend der Krieg der Erwachsenen für die Kinder ist, denen in diesem Rahmen oft zu wenig Aufmerksamkeit zu Teil wird.

Als Diskussions- und Analysegrundlage soll in dieser Arbeit genauer betrachtet werden, Inwieweit die jugendliche Entwicklung des Protagonisten durch den Kriegsumstand beeinflusst wird.

Anhand dieser Fragestellung gilt es, die im Roman vorzufindenden Umstände, die die jugendliche Entwicklung des Protagonisten betreffen, zu benennen und zu analysieren.

2. Biographie Ernst Glaeser

Bei dem 1902 in Hessen geborenen Ernst Glaeser handelt es sich um einen Autor mit vielen Facetten. So ist es gut möglich, dass er Einigen vielmehr unter den Pseudonymen Anton Ditschler, Erich Meschede, Alexander Ruppel oder auch Ernst Töpfer bekannt ist und sein Name sowohl im Zusammenhang mit beispielsweise der KPD als auch einer Wehrmachtszeitung anzutreffen ist (Vgl. GG Online).

Begonnen hat der Sohn eines Amtsrichters jedoch mit dem Studium von Jura, Philosophie und Germanistik, widmete sich dann der Arbeit bei der Frankfurter Zeitung und wurde zum literarischen Leiter des Südwestfunks (Vgl. GG Online).

Zu Beginn der 30er Jahre ist Glaeser der KPD zugeneigt und unterschreibt für diese sogar einen Wahlaufruf, weshalb er von den Nazis als Anhänger des Marxismus und somit als Gegner betrachtet und abgelehnt wird. Von der KPD versprachen sich Intellektuelle wie Glaeser Unterstützung darin, mit ihren Werken einen tatsächlichen gesellschaftlichen Umschwung zu erreichen (Vgl. ZVA Blog).

Darüber hinaus ist Glaeser Mitglied im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, dem auch Persönlichkeiten wie Bertolt Brecht, Johannes R. Becher, Willi Bredel oder Anna Seghers angehörten (Vgl. ZVA Blog).

In seinem 1924 erschienenen Drama Überwindung der Madonna, aufgrund dessen er sich in einem Prozess wegen Gotteslästerung wiederfand, kritisiert Glaeser bereits das Leben der Elterngeneration. Jene Abneigung gegen deren Welt ist markant für Glaesers Schreiben und Denken und nicht kongruent mit dem der Nationalsozialisten.

Der Durchbruch gelingt Glaeser wenige Jahre später mit seinem Roman Jahrgang 1902 (Vgl. Bartz: 1997, S. 78). Die erste Auflage jenes Werks wird 1928 bei dem Verlag Gustav Kiepenheuer veröffentlicht. Bis 1933 verkauft sich der Roman 125.000 Mal und wird in 16 Sprachen übersetzt (Vgl. Glaeser: 1947, Einband), was den großen Erfolg aufzeigt und wohl als Höhepunkt der Karriere Glaesers anzusehen ist.

Nach der Machtübernahme der Nazis fällt der Roman der Bücherverbrennung zum Opfer und leitet den Niedergang Ernst Glaesers ein. Er ist einer unter 15 namentlich Genannten, dessen Werke am 10. Mai 1933 am Opernplatz in Berlin verbrannt werden. Jahrgang 1902 wird den Flammen mit folgendem Feuerspruch übergeben: „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner“ (Wider den undeutschen Geist). Eine Neuauflage erscheint 1947 bei dem Limes-Verlag und wird mit einem rückblickenden Vorwort von Ernst Glaeser versehen (Vgl. Glaeser: 1947, Vorwort).

Glaeser verarbeitet in dem Roman seine eigene Vergangenheit und seine Erfahrungen während des 1. Weltkrieges. Die Gegebenheiten werden durch den zu Beginn der Handlung vermutlich 12- jährigen Protagonisten dargestellt, der viele Parallelen zum Autor aufweist. Durch die persönlichen Erfahrungen Glaesers entsteht eine sehr realistische Abbildung seiner Zeit. Im Roman Glaesers werden verschieden Themen angesprochen, die schließlich dazu führen, dass er zu den Autoren zählt, deren Werke am Opernplatz verbrannt wurden. Es lassen sich unterschiedliche Aspekte finden, die als Indizierungsgründe betrachtet werden können. Diese werden in Abschnitt 6 dieser Arbeit genauer benannt.

Nach der Verbrennung seines Romans Jahrgang 1902 verlässt Ernst Glaeser wie viele andere Autoren seiner Zeit sein Heimatland. Seine Flucht vor dem Nazi-Deutschland führt Glaeser zunächst in die Tschechoslowakei, von wo aus er einige Monate später in die Schweiz weiterreist und sich schließlich in Zürich niederlässt (Vgl. Koebner, Köpke, Radkau: 1983, S. 284).

Der mit der Bücherverbrennung eingeleitete sogenannte Niedergang Glaesers setzt sich nun fort, indem er sich zunehmend und für Viele unerklärlicherweise von der antifaschistischen deutschen Emigration, wie er sie selbst vornahm, distanziert (Vgl. ZVA Blog). Es folgt eine immer weiterreichende schrittweise Entwicklung hin zum Konservativen, bis er 1939, getrieben von seiner Sehnsucht nach seiner Heimat, schließlich nach Deutschland zurückkehrt (Vgl. Koebner, Köpke, Radkau: 1983, S.285). Dort erhält Glaeser von Goebbels selbst die Erlaubnis, unter seinen Pseudonymen wieder zu publizieren (Vgl. ZVA Blog). Nachdem schon seine Rückkehr zu denen, die sein Werk auf den Scheiterhaufen warfen, für Viele schwer begreiflich war, spaltet er die Meinungen über sich nun vollends, indem er Schriftleiter einer Wehrmachtszeitung wird und sich außerdem für die Luftwaffen-Blätter Adler im Osten und Adler im Süden einsetzt (Vgl. Koebner, Köpke, Radkau: 1983, S.286).

Für diese extreme Wandlung Glaesers lassen sich individuell-psychologische Erklärungsansätze finden, da sich offensichtlich die für jene Zeit nicht untypische Heimatlosigkeit vieler Menschen zeigt (Vgl. ZVA Blog). Glaesers Leben im Exil wird wohl von einer sowohl geistigen als auch räumlichen Heimatlosigkeit geprägt. Um diese zu überwinden, ist er bereit, sich den Daseinsbedingungen in seinem Heimatland Deutschland zu unterwerfen, um so das Gefühl der Nichtzugehörigkeit zu bewältigen. Aber auch die Verschlechterung seiner politischen und wirtschaftlichen Lage in der Schweiz, die Distanzierung von antifaschistischen Emigranten, sowie der Glaube an die eingetretene Humanisierung des Nationalsozialismus, treiben Glaeser zurück nach Deutschland (Vgl. Koebner, Köpke, Radkau: 1983, S.284-285).

Einerseits hat er damit zwar seine persönlichen Beschwernisse beseitigt, andererseits seinen eigenen literarischen Abstieg eingeleitet. Von Einigen wird Glaeser als „Volksverräter“ (ZVA Blog) oder „Deserteur“ (ZVA Blog) bezeichnet, weil er sich den Nazis angenähert hat. Ulrich Becher nannte ihn aus eben jenem Grund einen „literarischen Kriegsverbrecher“ (ZVA Blog). Drei Jahre nach seiner Rückkehr nach Deutschland entzieht Goebbels ihm die Publikationserlaubnis wieder, da Glaeser versucht haben soll, die Rechte an seinen 1935 erschienenen Roman Der letzte Zivilist, welcher die schrittweise Machtergreifung der Nationalsozialisten zeigt, zurückzubekommen (Vgl. ZVA Blog).

Obwohl Ernst Glaeser noch viele weitere Werke verfasst und publiziert, gelingt es ihm nicht mehr, an seinen Erfolg vor der Bücherverbrennung anzuknüpfen (Vgl. Sarkowicz, Mentzer: 2011, S. 275). Auch im Nachkriegsdeutschland bleibt ein großer Erfolg weitestgehend aus, da ihn seine Vorgeschichte, die literarische Umorientierung und die damit verbundene Arbeit für die Nationalsozialisten verfolgen, sodass es ihm bis zu seinem Tod am 8. Februar 1963 in Mainz nicht mehr gelingt, künstlerisch Fuß zu fassen (Vgl. ZVA Blog).

Betrachtet man heutzutage Ernst Glaeser, offenbart sich einem eine Karriere mit vielen Rissen und Brüchen. Angefangen mit einem Mann, der sich für die KPD engagiert, Mitglied im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller ist, in seinen Werken die Elterngeneration kritisiert, ebenso die sozialen Missstände aufzeigt und sich beispielsweise in seinem Roman Jahrgang 1902 als Gegner des Krieges und der Nationalsozialisten ausweist. Aufgrund all dieser Aspekte ist er eben diesen ein Dorn im Auge und wird mittels der Bücherverbrennung von ihnen bekämpft. Darauf folgt eine Zuwendung zu eben diesen alten Feinden, bis er schließlich bei anderen Autoren und auch bei seinen alten Anhängern hierdurch dermaßen in Verruf gerät, dass es ihm bis zum Schluss nicht mehr gelingt, seiner Karriere Stabilität zu verleihen.

Und obwohl die Meinungen zu Ernst Glaeser auseinandergehen mögen, kann man bis heute nicht abstreiten, dass er der Literatur einen wertvollen Beitrag geleistet hat und sein Roman Jahrgang 1902 - mit den Worten Erich Maria Remarques -„[...] nicht nur literarischen, sondern einen noch wesentlicheren Wert [hat]; es ist Geschichte” (Glaeser: 1947, S.303).

3. Form und Inhalt Jahrgang 1902

Der 1928 veröffentlichte Roman wird als Anti-Kriegs-Roman bezeichnet. Er gliedert sich in zwei Hauptkapitel (Bücher genannt) mit mehreren Unterkapiteln. Das erste große Kapitel „Der Aufmarsch“ wird eingeleitet mit dem französischsprachigen Zitat „La guerre - ce sont nos parents . . . . Gaston P.“ („Der Krieg - das sind unsere Eltern...“), welches sich im Roman wiederfindet. Dieses Kapitel handelt von der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, von der aufkommenden Kriegseuphorie und schließlich vom Kriegsbeginn. Das zweite Kapitel „Der Krieg“ beschäftigt sich weiterhin mit den Umständen zu Kriegsbeginn, aber auch mit der Zeit und den Erfahrungen während des 1. Weltkrieges. Hier kommt es zu einem Perspektivenwechsel; nach der Darstellung der Kriegseuphorie, liegt der Fokus nun auf der harten Kriegsrealität. Das Leid der zurückgelassenen Ehefrauen; die veränderte Wahrnehmung der Kinder vom Vater dem Helden, der im Krieg kämpft, hin zum Vater der vielleicht nie wieder heimkehrt. Das Leid, das die Familien ertragen, die Hungersnot, die Sehnsucht, die Furcht, der Tod. Aber auch der Wandel der kriegsbegeisterten Männer, die nun nachdenklich werden und beginnen die Hierarchie, aber vor allem den Krieg in Frage zu stellen. Soldaten, die lieber verwundet nach Hause geschickt werden wollen, als für ihr Land zu fallen.

Der vermutlich 12-jährige Protagonist berichtet von seinen kindlichen Lebenserfahrungen, seinen Kriegseindrücken und dem Umgang mit unterschiedlichen politischen Einstellungen aus der Perspektive eines personellen Ich-Erzählers.

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Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668054233
ISBN (Buch)
9783668054240
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v307111
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Nachkriegsliteratur Bücherverbrennung Ernst Gläser Jugendliche Entwicklung 1. Weltkrieg Literaturanalyse Anti-Kriegs-Roman

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Titel: "Jahrgang 1902" von Ernst Glaeser. Zur Beeinflussung der jugendlichen Entwicklung des Protagonisten durch den Krieg