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Lebensstil und Bibliotheksnutzung

Eine vergleichende Lebensstilanalyse von Bibliotheksnutzern aus Leipzig und Stuttgart

Masterarbeit 2014 83 Seiten

Bibliothekswissenschaften, Information Science

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung – Bibliothek, Lebensstil und Nutzungsverhalten

Lebensstilforschung an Öffentlichen Bibliotheken
1.1. Theoretischer Überblick zur Lebensstilforschung
1.2. Zum Lebensstilbegriff
1.3. Lebensstilanalyse nach Gunnar Otte
1.4. Übersicht zu den Lebensstiltypen
1.5. Lebensstil und Bibliotheksnutzung

Vergleichende Lebensstilanalyse zwischen den Stadtbibliotheken in Leipzig und Stuttgart
1.6. Forschungshypothesen
1.7. Datenerhebung
1.8. Datenanalyse
1.8.1. Aufbereitung der Daten für die Analyse
1.8.2. Indexbildung
1.8.3. Statistische Datenanalyse
1.9. Vergleichende Lebensstilyanalyse
1.9.1. Lebensstilverteilung im Vergleich
1.9.2. Grundlegende Motive bei der Nutzung
1.9.3. Besuchshäufigkeit
1.9.4. Besuchsdauer
1.9.5. Persönliche Wichtigkeit der Bücherei
1.9.6. Kommunikation über die Bibliothek
1.9.7. Nutzung der Bibliotheksangebote
1.9.8. Themeninteressen der Nutzer
1.9.9. Informationsverhalten Bücher – Internet
1.9.10. Bewertung der Bibliothek
1.9.11. Lebensstil und soziodemografische Merkmale
1.9.12. Kurzübersicht des lebensstilbezogenen Nutzungsverhaltens

Schlussbemerkung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

Vergleichende Übersicht der Untersuchungsergebnisse

Fragebogen zur Erhebung in der Stadtbibliothek Leipzig

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Kurzreferat:

Die soziologische Lebensstilforschung liefert durch Sozialstrukturanalysen gesellschaftlicher Gruppen vielfältige und weitreichende Erkenntnisse über heutige Erwartungen und Verhaltensweisen bestimmter Zielgruppen und Milieus. In Deutschland nutzen laut einer infas -Studie aus dem Jahre 2004 gegenwärtig knapp 30 % der Bürgerinnen und Bürger Öffentliche Bibliotheken. Trotz oder gerade wegen der immensen Größe und Heterogenität dieser gesellschaftlichen Gruppe ist wenig über ihre Beschaffenheit bekannt.

Martin Szlatki eröffnet mit seiner Forschungsarbeit “Lebensstilanalyse und Nutzungsverhalten in der Bibliothek” (2008) über den Einfluss des Lebensstils auf die Nutzung der Stadtbücherei Stuttgart differenziertere Einsichten zum Lebensstil von Bibliotheksnutzerinnen und -nutzern als herkömmliche Bibliotheksstatistiken und verkleinert dadurch die Forschungslücke in diesem Bereich. Zur Analyse der Lebensstile der Nutzerinnen und Nutzer bediente er sich eines von Gunnar Otte entwickelten quantitativen Lebensstilanalysemodells auf Basis eines standardisierten Fragebogens. Eben jenes Analyseinstrument kam auch bei der repräsentativen Befragung von knapp über 1000 Nutzerinnen und Nutzern der Stadtbibliothek Leipzig zum Einsatz, die dieser Arbeit zugrunde liegt. Wodurch und inwieweit sich die Lebensstile von Bibliotheksnutzern aus Ost- und Westdeutschland voneinander unterscheiden, steht als Frage im Zentrum dieser Arbeit. Ausgehend von Ottes Hypothese nach wie vor bestehender regionaler Disparitäten, ist in Leipzig von einer schwächeren Besetzung gehobener bzw. ressourcenstarker Lebensstiltypen auszugehen. Durch systembedingte Sozialisationsunterschiede ist in Leipzig zudem eine geringere Verbreitung des (an postmateriellen Werten orientierten) reflexiven Lebensstils und gleichzeitig eine höhere des (an materiellen Werten orientierten) Lebensstils der Unterhaltungssuchenden zu erwarten. Ziel dieser Arbeit ist die empirische Überprüfung dieser Hypothesen. Zugleich dient die vergleichende Analyse auch dazu, mehr über die Nutzerinnen und Nutzern deutscher Öffentlicher Bibliotheken zu erfahren und damit ein klareres Bild von ihnen zu bekommen. Ferner wird auch versucht, den bislang wenig ausgeschöpften Diskurs der bibliothekarischen Lebensstilforschung anzuregen und zu bereichern.

Einleitung – Bibliothek, Lebensstil und Nutzungsverhalten

„Der Mensch lebt nur,

indem er ein Leben führt.“[1]

Bibliotheken sind bei der Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen fest im Bewusstsein verankert, wie die Studie „Lust auf Lesen – Wie viele Bürger kennen ihre Bibliothek?“ des in Bonn angesiedelten Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (kurz: infas-Studie 2004) belegt. 80 % der Befragten dieser Studie zur Nutzung von Bibliotheken kennen die nächstgelegene Öffentliche Bibliothek[2], den übrigen 20 % ist die Bibliothek gänzlich unbekannt. Das generelle Nutzungsverhalten im Fokus ergibt sich eine Differenzierung der Befragten in drei unterschiedliche Typen, die (gemessen an den Zahlen) alle annährend den gleichen Anteil ausmachen. 24 % kennen die Bibliothek, nutzen diese aber nicht. 27 % haben die Bibliothek in der Vergangenheit genutzt und gehören damit zu ehemaligen Nutzern. 29 % geben an, die Bibliothek auch gegenwärtig zu nutzen.[3]

Bei Bibliotheksnutzern[4] handelt es sich um eine sehr heterogene gesellschaftliche Großgruppe. Ein solches Konglomerat an Menschen als eine einzige, sich durch eine gewisse Homogenität auszeichnende Gruppe zu bezeichnen, verengt den Blick.

Die soziologische Lebensstilforschung bietet zweckmäßige Theorien, Methoden und Instrumente, um die Sicht auf Bibliotheksnutzer zu weiten und der bibliothekarischen Nutzerforschung obendrein anregende Schattierungen zu verleihen. Obwohl sich die Erforschung von Lebensstilen im Allgemeinen an der Gesamtbevölkerung einer Gesellschaft orientiert, erscheint es aus den genannten Gründen sinnvoll, Bibliotheksnutzer einer geeigneten Lebensstilanalyse zu unterziehen. Untersuchungen dieser Art versprechen einen neuen Erkenntnisgewin über den einmal als „unbekanntes Wesen“[5] bezeichneten Besucher bzw. Nutzer einer Bibliothek.[6] Mit dieser Arbeit wird versucht, diesem Ziel ein wenig näher zu kommen, auch wenn dieses im Rahmen dieser Untersuchung nicht durchweg eingelöst werden kann. Noch gibt es nur wenige bibliothekarische Lebensstilanalysen. Das Anliegen, Bibliotheksnutzer noch besser über ihre unterschiedlichen Lebensstile kennen und verstehen zu lernen, wird also voraussichtlich noch länger bestehen bleiben.

In Anknüpfung an zwei Forschungsarbeiten, welche die Lebensstilforschung auch für die Bibliothekswissenschaft fruchtbar gemacht haben, wagt diese Untersuchung einen Vergleich zwischen der Lebensstilstruktur ost- und westdeutscher Bibliotheksnutzer. Als empirisches Fundament dazu dient eine repräsentative Befragung an der Stadtbibliothek Leipzig, die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführt wurde. Die Befragung fußt methodisch wie inhaltlich auf dem Lebensstilmodell des Soziologen Gunnar Otte.

Martin Szlatki legt mit seiner Magisterarbeit „Lebensstilanalyse und Nutzungsverhalten in der Bibliothek“ aus dem Jahre 2008 anhand einer gleichartigen empirischen Untersuchung an der Stadtbibliothek Stuttgart dar, dass die Bibliotheksnutzung vom Lebensstil beeinflusst wird und dass bestimmte Lebensstile in Öffentlichen Bibliotheken dominieren. Damit eröffnet er einen feineren Blick auf die Zielgruppen von Bibliotheken als übliche (meist rein soziodemografisch orientierte) Untersuchungen und liefert zugleich die Vergleichsdaten für diese Arbeit.[7]

Juliane Linkes 2011 veröffentlichte Bachelorarbeit mit dem Titel „Lebensstil und Bibliotheksbesuch“ dient als Vorlage für die dieser Arbeit zugrunde liegende Erhebung.[8] Ihr darin entwickeltes Untersuchungsdesign ist der Grundstock für den Lebensstilvergleich zwischen Leipzig und Stuttgart. In breiter Auseinandersetzung mit der Forschung von Szlatki passt sie den dortigen Erhebungsentwurf für eine Vergleichsstudie an der Stadtbibliothek Leipzig an. Als Ergebnis liegt ein Fragebogen zur Untersuchung der unter den Bibliotheksnutzern in Leipzig vorherrschenden Lebensstile vor. Beide Arbeiten bilden sowohl für die Erhebung in Leipzig als auch für die vergleichende Analyse den Unterbau dieser Masterarbeit.

Wodurch und inwieweit sich die Lebensstile von Bibliotheksnutzern aus Ost- und Westdeutschland voneinander unterscheiden, steht als Frage im Zentrum dieser Arbeit.

Das Einstiegskapitel wartet mit der Beschreibung des Forschungsproblems auf. Zunächst wird in Kurzform in die genuin soziologische Lebensstilforschung eingeführt, woraufhin die empirische Untersuchungsmethode nähere Erläuterung findet. Ein theoretischer Abriss der Lebensstilforschung sowie die Auseinandersetzung mit dem Lebensstilbegriff bilden somit den thematischen Einstieg. Anschließend wird das Lebensstilmodell von Gunnar Otte vorgestellt. Im dritten und letzten Teil dieses Kapitels wird der Bogen von der Lebensstilforschung zu Annahmen über das Verhalten von Bibliotheksnutzern geschlagen.

Die vergleichende Analyse der Ergebnisse aus den repräsentativen Untersuchungen in Stuttgart und Leipzig stellt den Hauptteil dieser Arbeit dar. Begonnen wird dieser Abschnitt mit der detaillierten Vorstellung der Hypothesen, welche über die thematisch korrespondierenden Grundannahmen über den Zusammenhang zwischen Lebensstil und Nutzungsverhalten hinausgehen und die es in der vergleichenden Analyse zu überprüfen gilt.

Gunnar Otte, der in Auseinandersetzung mit räumlichen Variationen von Lebensstilen zu der Hypothese nach wie vor bestehender regionaler Disparitäten (zwischen Ost- und Westdeutschland) kommt, legt die Annahme einer schwächeren Besetzung gehobener bzw. ressourcenstarker Lebensstiltypen unter den ostdeutschen Bibliotheksnutzern im Vergleich zu den westdeutschen nahe.[9] Durch systembedingte Sozialisationsunterschiede ist zudem davon auszugehen, dass postmaterielle Wertorientierungen (im Kontext der Postmaterialismus-Theorie von Ronald Inglehart) in Stuttgart stärker ausgeprägt sind als in Leipzig, was sich folglich auch auf die Lebensstilverteilung auswirkt. Genauere Erläuterungen dazu folgen im Hauptteil dieser Arbeit.

Kern einer weiteren Passage sind Hinweise zu beiden Untersuchungen und Anmerkungen zur Erhebung der für die Analyse generierten Daten. Geklärt werden hierin Fragen zum Erhebungsinstrument, zur Aufbereitung der Daten und zur statistischen Datenanalyse.

Dem Kernstück, der vergleichenden Analyse der lebensstilbezogenen Verhaltensweisen der Bibliotheksnutzer, folgen abschließend einige knappe Bewertungen der Hypothesen und Schlussfolgerungen, wobei sich diese Arbeit verwehrt, selbst konkrete Handlungs-empfehlungen (etwa für die Zielgruppenarbeit von Bibliothekaren einer Öffentlichen Bibliothek) zu geben. Vielmehr sollen die Ergebnisse als Grundstockwissen verstanden werden, auf dem nicht universell und pauschal, sondern individuell und bedarfsweise aufgebaut werden kann.

Lebensstilforschung an Öffentlichen Bibliotheken

1.1. Theoretischer Überblick zur Lebensstilforschung

Lebensstilorientierte Analysen gesellschaftlicher Strukturen führten und führen nicht nur in den Sozialwissenschaften zu einer Flut an begrifflichen Konstruktionen. Einerseits versuchen sie das Verhältnis von Subjekt und Gesellschaft (Autonomisierung, Atomisierung, Entstrukturierung, Globalisierung, Individualisierung, Pluralisierung, Polarisierung, Virtualisierung usw.) zu skizzieren. Auf der anderen Seite bringen Gesellschafts- und Sozialstrukturdiagnosen fortlaufend neue Etiketten zur Beschreibung von Auffälligkeiten eines bestimmten Zeitabschnitts, eines Paradigmas oder einer bestimmten Werteverschiebung hervor (Fortgeschrittene Industriegesellschaft, Medien-, Informations-, Kommunikations- und Wissensgesellschaft, Multioptions-, Inszenierungs- und Risikogesellschaft, Überfluss-, Dienstleistungs-, Freizeit- und Erlebnisgesellschaft usw.) hervor. Ausgangspunkt all dieser begrifflichen Illustrationen ist dabei das “Leben” selbst (Lebenspraxis, -weise, -haltung,
-lagen, -formen, -chancen, -vollzüge, -stil usw.). Die Gründe dafür liegen insbesondere in der rasant zunehmenden gesellschaftlichen Differenzierung seit dem späten 18. Jahrhundert. Schon Pioniere der Sozialwissenschaften wie Émile Durkheim[10] und Georg Simmel[11] verwiesen Ende des 19. Jahrhunderts auf die Arbeitsteilung als (für die Gesellschaft wie für Einzelne mit massiven Konsequenzen verbundene) Haupttriebfeder sozialstruktureller Entwicklungen und vor allem Veränderungen. Diese machen sich bis heute u.a. durch enorme berufliche Spezialisierungen, sich laufend differenzierende Rollen- und Verhaltensmuster, eine Vermehrung von Entscheidungs- sowie Handlungsmöglichkeiten und durch die mit allem verbundene Entfaltung ungleichartiger (allgemeiner) Lebensführungs- und (konkret ausgestalteter) Lebensstilkonzepte bemerkbar.[12] Lebensstil ist demnach weniger allgemein, vielmehr als “aktive und situative, expressive und distinguierende Seite der Lebensführung” zu verstehen.[13] Die Lebensstilforschung ist infolgedessen auf sozialstrukturelle Betrachtungsweisen gerichtet.

Seit der Moderne (insbesondere seit der Epoche der Aufklärung) ist “kein allgemein verbindlicher und orientierungsfähiger Stil mehr existent”.[14] “The Theorie Of The Leisure Class” (1899) von Thorstein Veblen ist eine der ersten empirischen Untersuchungen zur Aufdeckung abgrenzbarer Lebensstile.[15] Während am Übergang zum 19. Jahrhundert in den USA der Lebensstil der herrschenden Oberklasse auf Müßigkeit fußte, war es bei der Unterschicht die produktive Arbeit.[16] Danach folgten viele weitere theoretische Entwürfe und Analyseversuche von Lebensstilen und sozialen Milieus zur Veranschaulichung sozialer Ungleichheit, welche beginnend mit Pierre Bourdieus “Die feinen Unterschiede” (1979)[17] in den letzten Jahrzehnten die wissenschaftliche Diskussion nicht abreißen ließ, sondern (zumindest in methodischer Hinsicht) eher überspannte.[18]

Trotz oder gerade wegen vieler (teilweise weithin erschöpfender) soziologischer Vorläuferstudien der Lebensstilforschung, werden heutige Modelle zur Analyse von Lebensstilen weniger vom Interesse an der Entlarvung sozialer Ungleichheit, als vielmehr von Marktforschungsinteressen beherrscht.[19] Eine theoretisch fundierte Klassen- oder Schichtanalyse spielt bei zeitgemäßen Ansätzen so gut wie keine Rolle mehr. In dieser Hinsicht wird den Wegbereitern der Lebensstilforschung – wie auch in dieser Arbeit – nunmehr lediglich das Lob zu teil, wissenschaftliche Klassiker zu sein.[20]

Die nicht zu bestreitende Diffusität des Lebensstilbegriffs führte in der praktischen Methodenentwicklung zu einer allzu großen Unübersichtlichkeit. Bald musste die Wissenschaft selbst eingestehen, dass es anscheinend beinahe so viele Lebensstiltypologien wie Lebensstilforscher gibt.[21] Zudem mangelt es schlichtweg an empirischer Evidenz.[22] Während Typologien über Typologien zwar entwickelt wurden, sind diese nur spärlich systematischen Untersuchungen unterzogen worden.[23]

Der Soziologe Gunnar Otte versucht diese methodischen und empirischen Problemstellen mit der „Entwicklung eines empirischen Analyseinstruments zu beseitigen, das realitätsnah ist und in wiederholten Untersuchungen in der Bundesrepublik Deutschland zuverlässig eingesetzt werden kann“ zu beseitigen, insbesondere um „kumulative Lebensstilforschungen“ zu ermöglichen.[24] Wie genau Ottes Lebensstiltypologie beschaffen ist, wird direkt nach dem Definitionsteil zum Begriff des Lebensstils dargelegt.

1.2. Zum Lebensstilbegriff

Wie bereits zur Sprache kam, ist der Lebensstilbegriff sehr diffus und fordert regelrecht dazu auf, Eingrenzungen vorzunehmen. Weit gefasst kann Lebensstil definitionsgemäß als ein bestimmtes Set von Tätigkeiten, Verhaltens- oder Handlungsweisen verstanden werden. Insofern muss es Muster von Verhaltens- und Handlungsentwürfen geben, denen eine (zeitlich relativ andauernde) innere Verbundenheit nachgesagt werden kann.[25]

„Die Art und Weise, wie die Einzelnen ihr Alltagsleben organisieren, bezeichnet man als ‚Lebensstil’ [...] Ein Lebensstil ist demnach der regelmäßig wiederkehrende Gesamtzusammenhang der Verhaltensweisen, Interaktionen, Meinungen, Wissensbestände und bewertenden Einstellungen eines Menschen [...]. Aber nicht jeder Mensch hat einen anderen Lebensstil. Gemeinsamkeiten und damit Lebensstilgruppierungen ergeben sich u.a deshalb, weil Menschen ähnliche Sinnvorstellungen haben und sich bei der Gestaltung ihres Lebens an Vorbildern anlehnen.“[26]

Dem Anschein nach individuellen Lebensstilen haften insofern immer auch kollektive Sinnzusammenhänge an. Ferner sind Lebensstile auch stark von Generationslagen geprägt.[27] Eine noch tiefschürfendere Begriffsannäherung ist bei Peter H. Hartmann zu finden. Er verengt den Lebensstilbegriff, indem er drei Wesensmerkmale des Lebensstils herausstellt, die allesamt konstitutiv sind und damit nur zusammen eine ausreichend präzise Definition liefern:

1. Ausdrucksdefinition: Für einen Lebensstil ist es unerlässlich, dass er „etwas ausdrückt“.[28] Generell sind dabei „Dinge wie Sinn oder Bedeutungsinhalte“ und im Speziellen „eine Menge von Gefühlen und Erfahrungen“ gemeint.[29] Lebensstile haben infolgedessen immer auch einen expressiven Charakter, alledings nicht nur.

2. Formdefintion: Hierbei wird auf den Aspekt verwiesen, dass ein Lebensstil nicht zuletzt auch das Ergebnis von Handlungen ist, welche sich in ihrer Form stark ähneln. Verhaltensweisen weisen demnach formale Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf, die dabei helfen, bestimmte Lebensstilgruppen voneinander abzugrenzen.[30]

3. Identifizierbarkeitsdefinition: Ein Träger eines Lebensstils sendet drittens Signale aus, die einen Lebensstil für andere (schon in Ansätzen symbolisch) identifizier- bzw. erkennbar machen.[31]

Auf dieser Grundlage können Lebensstile zusammenfassend wie folgt definiert werden:

„Bei Lebensstilen handelt es sich um Muster von verschiedenen Verhaltensweisen, die eine formale, häufig ästhetische Verwandtschaft aufweisen, daher zugrunde liegende Orientierungen zum Ausdruck bringen und von anderen Personen identifizierbar sind.“[32]

Lebensstile drücken insofern immer etwas aus, beruhen auf bestimmten formalen Kennzeichen und dienen der (inneren) Identifikation und der (äußeren) Identifizierbarkeit.

1.3. Lebensstilanalyse nach Gunnar Otte

Als Erfassungsgrundlage von Lebensstilen dienen ganz allgemein neben soziodemografischen Faktoren (wie z.B. Alter, Geschlecht, Bildung, Beruf oder Einkommen) unterschiedlichste, auf ein bestimmtes Lebensstilmuster verweisende Indikatoren, wie zum Beispiel:

„Verhalten beim Güterkonsum, Freizeit- und Urlaubsgewohnheiten, Einstellungen zu Familie, Arbeit und Religion, Umgang mit Finanzen, politische Einstellungen und Wahlverhalten usw.“[33]

Die Erhebung lebensstilbezogener Daten ist üblicherweise mit enormem Aufwand verbunden, was auch auf den nebulösen Charakter des Lebensstilbegriffs zurückzuführen ist. Wie bereits anklang, hat Gunar Otte zur Beseitigung dieses Defizits eine greifbare Lebensstiltypologie entwickelt, die viele verschiedene Ansätze der Lebensstilforschung vereint.[34] Durch den Einbezug unterschiedlicher Kerngedanken aus dem wissenschaftlichen Diskurs um Werthaltungen und Lebensstile handelt es sich also um eine integrative Lebensstiltypologie, die auf der Grundlage von drei standardisierten Telefonumfragen in der Stadt Mannheim (1999: Lebensstile in Mannheim, 2000: Die Lebensführung in sozialen Netzwerken, 2001: Das Image der Stadt Mannheim aus der Sicht ihrer Einwohner) entstanden und gleichzeitig mehrfach evaluiert worden ist.[35] Begrifflich versteht Otte Lebensstil eigentlich als Unterbegriff von Lebensführung. Zur Lebensführung zählt Otte ferner zwei Komponenten, die auch die Grundlage seiner zweidimensionalen Lebensstiltypologie bilden: latente Orientierungen (Wertorientierungen, Mentalitäten, Habitus) sowie manifeste Verhaltensäußerungen (Lebensstil).[36] Lebensstil und Lebensführung werden jedoch heute in der Forschung weitgehend synonym verwendet. Terminologisch hat sich Lebensstil durchgesetzt, wobei diese Bezeichnung schlussendlich auch latente Orientierungen umfasst. Aus diesem Grunde wird Lebensstil in dieser Arbeit in seiner umfassenden Bedeutung gebraucht.

Ottes Typologie unterscheidet auf Grundlage empirischer Forschungserkenntnisse neun verschiedene Lebensstiltypen. Entscheidende Indikatoren für die Typenbildung sind „Wertorientierungen, Freizeitaktivitäten und Manifestationen der Alltagsästhetik“.[37] Verhaltensindikatoren werden demnach mit Indikatoren zur Erhebung von Wertorientierungen verknüpft. Auf konkretes Verhalten abzielende Items verhindern wertgeleitete Allgemeinaussagen. Über „nahe zum Verhalten“ formulierte Positionen zur „subjektiven Selbsteinschätzung der praktizierten Lebensführung“, werden zu Zwecken höherer methodischer Güte (wenn auch nicht schwerpunktmäßig) verborgene Wertorientierungen erfasst.[38] Ein bestimmter Lebensstil äußert sich am deutlichsten durch alltägliches Verhalten in den Bereichen Freizeit, Kultur und Konsum, so Ottes Annahme.

„Die Operationalisierung stellt [...] eine Mischung aus konkreten Verhaltensfragen in den einzelnen Bereichen Freizeit, Konsum und Kultur und Fragen zu grundlegenden, bereichsübergreifenden Prinzipien der Lebensführung dar. [...] Was die Gewichtung der beiden Komponenten der Lebensführung angeht, liegt die Priorität auf dem Lebensstil, nicht auf den Wertorientierungen.“[39]

Otte hat eine Lang- und eine Kurzversion seiner Typologie entwickelt. In Stuttgart, wie in Leipzig, kam die Kurzversion mit 10 Fragebogenitems zum Einsatz.[40]

Zur Erfassung der einzelnen Lebensstilbereiche konstruiert Otte ein dimensionales Modell. Die Lebensstiltypen verteilen sich auf einen zweidimensionalen „sozialen Raum“. Während die vertikale Achse das Ausstattungsniveau angibt, liefert die horizontale Achse Schlussfolgerungen über die Modernität bzw. biografische Perspekive. Jede Dimension wird durch fünf Items zu erfassen versucht. Die Indikatoren des Ausstattungsniveaus setzen sich aus der Ausstattungsroute ökonomischen sowie kulturellen Kapitals zusammen (siehe Abb. 1), wobei erstere aus dem Faktor „gehobene Statussymbolik“ und letztere aus dem Faktor „hochkulturelle Aktivitäten“ abgeleitet ist. Der Grad eines gehobenen Lebensstandards dient dabei als allgemeine, die Maximalausgaben bei Restaurantbesuchen als spezielle Kategorie der materiellen Ausrichtung des Ausstattungsniveaus. Der kulturelle Aspekt wird über das Kunstinteresse und über die Lektüre von Büchern sowie überregionalen Zeitungen erfasst. Die zweite Dimension basiert auf den Faktoren „Traditionalität“ und „offene biografische Perspektive“. Die alltägliche Orientierung an religiösen Prinzipien und familiären Traditionen stellt dabei Indikatoren der Traditionalität dar, wohingegen Lebensgenuss (hedonistischer Lebensstil), die Ausgehhäufigkeit und die Bevorzugung eines Lebens „in dem ständig etwas los ist“ (actionorientierter Lebensstil) als Indikatoren der Modernität bzw. einer offenen biografischen Perspektive gewertet werden.[41] Zur Beschreibung beider Lebensstildimensionen zieht Otte also Einstellungs- und Verhaltensaspekte aus den Bereichen Freizeit, Kultur und Konsum heran, wobei der Schwerpunkt auf tatsächlichem Verhalten und weniger auf latenten Werteinstellungen liegt. Nach empirischen Analysen vieler Items kristallisierten sich zehn Indikatoren heraus, welche zur Bestimmung des Lebensstils genügen. Zur besseren Anschaulichkeit sind die Lebensstilindikatoren der Kurzversion nochmals in der nachstehenden Tabelle aufgeführt.

Abb. 1: Indikatoren zur Konstruktion der Typologie nach Otte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Otte, Gunnar: Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen, S. 168

Ottes Modell arbeitet nicht (wie viele neuere allein horizontal ausgerichtete Lebensstiltypologien) einer Auflösung der nach wie vor erkennbaren vertikalen Strukturierung der Gesellschaft (wie z.B. in Klassen oder Schichten) entgegen, sondern orientiert sich an dieser.

Das Ausstattungsniveau als vertikale Modellachse basiert nicht primär auf tatsächlich verfügbaren Ressourcen (wie etwa im Falle einer Typenbildung nach sozialer Lage auf Grundlage von Einkommen oder Bildung), sondern vielmehr auf dem (mit den vorhandenen Ressourcen verbundenen) Verhalten bzw. auf dem alltäglichen Einsatz dieser Ressourcen (z.B. Kunstausstellungen, Restaurantbesuch usw.). Die vertikale Achse des Ausstattungsniveaus ist bei Otte also passenderweise an der vertikalen Schichtung der Gesellschaft orientiert. Entscheidend sind demgemäß die mit dem jeweiligen Ausstattungsniveau verbundenen Hervorbringungen und Betätigungen im Alltagsleben. Obwohl Ottes Typologie demzufolge mit der sozialen Lage verknüpft ist, ist nicht diese selbst, sondern der Aspekt der damit verbundenen Lebensführung für sein Lebensstilmodell ausschlaggebend.[42]

Die Einteilung von Personen nach Modernität sowie der biografischen Perspektive ihrer Lebensführung auf der horizontalen Achse, versucht hingegen Beziehungen zwischen kohortenabhängigen Auffälligkeiten und lebenszeitlichen Auffassungen herzustellen: Während moderne Lebensstilformen tendenziell biografisch offen, innovationsfreudig und erlebnisorientiert und teilmoderne Formen eher biografisch konsolidiert und stärker durch Alltagsroutinen geprägt sind, sind traditionelle Lebensstilformen auf der Basis biografischer Investitionen vermehrt etabliert und geschlossen.[43]

Das Lebensstilmodell nach Gunnar Otte ist im Grunde nicht für einzelne Gesellschafts-gruppen, sondern gesamtgesellschaftlich angelegt. Bibliotheksnutzer können zwar als gesellschaftliche Gruppe angesehen werden, doch speisen sie sich prinzipiell aus der gesamten Gesellschaft, weshalb das Modell verspricht, auch für die Anwendung in Bibliotheken geeignet zu sein. Martin Szlatki machte sich dieses Instrumentarium bei der Erhebung in Stuttgart als Erstes zur Untersuchung von Bibliotheksnutzern zunutze und fügte es somit in einen speziellen Kontext ein.

1.4. Übersicht zu den Lebensstiltypen

Zum Verständnis der Lebensstiltypologie folgt eine Tabelle mit Beschreibungen der neun verschiedenen Lebensstile, die Szlatki als eine zusammenfassende Übersicht auf der Grundlage von Typenbeschreibungen in theorieorientierten und empirischen Arbeiten von Gunnar Otte erstellt hat.[44]

Tab. 1: Beschreibung der Lebensstiltypen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Legende: KM = Kultur und Medien; SL = soziale Lage Quelle: Slatki, Martin: Lebensstilanalysen und Nutzungsverhalten in der Bibliothek, S. 29f.

1.5. Lebensstil und Bibliotheksnutzung

Zur Formulierung von Grundannahmen zum lebensstilbezogenen Nutzungsverhalten in Bibliotheken liefern die Sozialwissenschaft sowie die bibliothekswissenschaftliche Nutzer-forschung im deutschsprachigen Raum nur wenige Erkenntnisse. Nutzungsanalysen an Bibliotheken, welche auf die Segmentierung nach Lebensstilen ausgerichtet sind, befinden sich gegenwärtig allenfalls in einem explorativen Stadium.[45] Die größtenteils theoriegeleiteten Annahmen zum Zusammenhang von Lebensstil und Nutzungsverhalten in der Untersuchung von Martin Szlatki konnten durch seine Ergebnisse weitestgehend bestätigt werden. Aus Mangel an weiteren geeigneten Erkenntnissen und aus Gründen der inhaltlichen Anknüpfung an Szlatki, gleichen die allgemeinen Annahmen über den Einfluss des Lebensstils auf die Bibliotheksnutzung dieser Arbeit denen Szlatkis:

a) Ein bestimmter Lebensstil äußert sich durch spezifische Einstellungs- und Verhaltensweisen.

b) Ob eine Bibliothek überhaupt genutzt wird und wenn ja, wie genau die Nutzung als Teil des Lebensstils ausgeformt wird, korreliert mit dem Lebensstil.

 Ein bestimmtes Nutzungserhalten beruht (im Sinne des Lebensstilmodells von Gunnar Otte) auf multikausalen Erklärungsmustern.[46]

“[…] das Investitionsparadigma von Otte [ist] auch auf die Bibliotheksnutzung anwendbar: Das spezifische Nutzungsverhalten ist eine Investition im Rahmen des Lebensstils, die unter den Ressourcen und Restriktionen der sozialen Lage erfolgt und auf die Befriedigung von Bedürfnissen ausgerichtet ist.“[47]

Im Speziellen veranlassen Erkenntnisse aus der bibliothekarischen Nutzerforschung zu folgenden Annahmen:

1. Verschiedene repräsentative Untersuchungen aus der jüngsten Vergangenheit lassen keinen Zweifel an der Annahme, dass Öffentliche Bibliotheken zuerst von Kindern und Jugendlichen sowie jüngeren Altersgruppen besucht werden bzw. die Nutzung zumindest mit steigendem Alter abnimmt. So gehören die Erwachsenen nicht zur prozentual größten Nutzergruppe, sondern die unter 18-[48] bzw. unter 19-Jährigen[49]. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind für diese Arbeit sowohl aus rechtlichen als auch aus Gründen erst bruchstückhafter Lebensstilausprägungen von keinem Interesse. Unter den für diese Arbeit relevanten Erwachsenen sind, mit leicht abnehmender Tendenz, unter den 25- bis 60 Jährigen[50] bzw. den 19- bis 45-Jährigen[51] die meisten Nutzer zu verzeichnen. Ferner beschreiben Studien den typischen Bibliotheksnutzer als gebildet (berufstätig, Schüler, Student oder in Ausbildung). Die große Mehrheit (90 %) aller Nutzer besucht die Bibliothek zu Zwecken der Medienausleihe.[52] Schlussfolgernd lässt sich der typische Bibliotheksnutzer als relativ jung, bildungs- und medenorientiert beschreiben.[53]

Vergleichende Lebensstilanalyse zwischen den Stadtbibliotheken in Leipzig und Stuttgart

1.6. Forschungshypothesen

Mit einem Blick auf die beiden beschriebenen Lebensstildimensionen (Ausstattungsniveau und Modernität/biografische Perspektive), kommen erwartungsgemäß die dominanten Nutzer-gruppen aus dem teilmodernen (Aufstiegsorientierte, Liberal Gehobene) und die am wenigsten Vertretenen aus dem traditionellen (Konservativ Gehobene, Traditionelle Arbeiter) Segment. Bildung als grundlegende Ressource für den Gang in die Bibliothek lässt darüber hinaus auf eine schwächere Vertretung des untersten Ausstattungsniveaus (Traditionelle Arbeiter, Heimzentrierte, Unterhaltungssuchende) schließen.[54] Als Nährboden der vergleichenden Analyse dienen die ausführlich begründeten Hypothesen Juliane Linkes, welche im Folgenden aufgeführt und anschließend geprüft werden.

„H.1: Die Verteilung der Lebensstiltypen an der Stadtbibliothek Leipzig wird sich von der in Stuttgart unterscheiden.“ [55]

Da zwischen Stuttgart und Leipzig nicht zuletzt auch aufgrund der jahrzehntelangen Teilung Deutschlands nach wie vor recht markante sozialstrukturelle Unterschiede und sozialisationsbedingte Mentalitätsabweichungen auszumachen sind und diese sich auch in der Ausgestaltung des Lebens manifestieren, ist sowohl allgemein als auch bezogen auf die Bibliotheksnutzung eine unterschiedliche Lebensstilverteilung zu erwarten.[56] Ungleiche regional wie geschichtlich bedingte Lebensbedingungen führen zu unterschiedlichen Werthaltungen und Überzeugungen, so die Annahme. Dies wird sich auch in der Lebensstilverteilung niederschlagen.

Beide Städte haben mehr als 500.000 Einwohner und weisen eine ähnliche Altersstruktur auf:

„Die Anteile der 18- bis 25-Jährigen sind nahezu gleich verteilt. Es folgen die 45- bis unter 65-Jährigen mit etwa einem Viertel und die 18- bis unter 25-Jährigen mit rund neun Prozent. Unterschiede ergeben sich bei Kindern und Menschen ab 65 Jahren. In Leipzig gibt es knapp vier Prozent mehr 65+-Jährige und dafür weniger Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren als in Stuttgart.“[57]

Auch im Bildungsbereich gibt es keine nennenswerten Unterschiede. Die gesamtdeutsche Wiedervereinigung brachte zunächst keine Angleichung, sondern eine Sprengung sozialer Milieus mit sich. Die Kluft zwischen Armen und Reichen sowie Traditionalisten und Modernisten wuchs. Bis 2000 erfasste deshalb das Sinus-Institut für Ost und West eigenständige Modelle sozialer Milieus. Seit 2001 existiert ein gesamtdeutsches Modell.[58]

Darüber hinaus ist in Westdeutschland im Sinne der Theorie des Postmaterialismus von Ronald Inglehart mit einer stärkeren Verankerung und Verbreitung postmaterialistischer Werte (wie z.B. Selbstentfaltung, Partizipation, Lebensqualität oder Emanzipation) zu rechnen als in Ostdeutschland, wo demgegenüber aller Voraussicht nach materialistische Werte (wie z.B. Leistung, Sicherheit, Prestige, sozialer Aufstieg) einen höheren Stellenwert haben.[59] Laut der Mangelhypothese im Kontext des Postmaterialismus streben vor allem jene nach materiellem Konsum, die im Laufe ihrer Sozialisation oder fortwährend an materiellem Mangel leiden.[60] Während in Ostdeutschland die Mehrheit Bedingungen vorfanden, um lediglich nach grundlegenden materiellen Bedürfnissen zu streben, stellte die Befriedigung von materiellen Grundbedürfnissen in Westdeutschland eine viel größere Selbstverständlichkeit dar. Folglich konnte bei in Westdeutschland sozialisierten Menschen das Streben nach postmateriellen Werten in den Vordergrund rücken. Bis zum politischen Systemwechsel Ende der 1980er-Jahre produzierte das politische System in Ostdeutschland eher materialistische Werthalt-ungen, in Westdeutschland hingegen eher postmaterialistische. Gesellschaftlich verankerte sowie sozialisationsbedingte Wertvorstellungen wandeln sich nur schleichend über nachkommende Generationen hinweg. Deshalb ist anzunehmen, dass nach wie vor (wenn auch mit abnehmender Tendenz) in Westdeutschland der (postmaterialistisch orientierte) Lebensstiltyp der Reflexiven stärker und der (materialistisch orientierte) Typ der Unterhaltungssuchenden schwächer besetzt sein wird als in Ostdeutschland. Umgekehrt sind in Ostdeutschland dementsprechend mehr Unterhaltungssuchende und weniger Reflexive zu erwarten.

„H.2: Trotz aller Unterschiede werden sich die Verteilungen der Lebensstiltypen an den Stadtbibliotheken Stuttgart und Leipzig ähneln.”[61]

Als Teil ein und desselben politischen Systems gleichen sich die Lebensstile zwischen Ost und West seit der Wiedervereinigung tendenziell immer weiter an. Aber nicht nur schleichende Angleichungsprozesse lassen auf eine ähnliche Verteilung schließen, sondern auch die Tatsache, dass es sich in beiden Städten um eine (wenn auch heterogen zusammengesetzte, aber dennoch spezifisch umrissene) Bevölkerungsgruppe handelt: Allesamt sind Bibliotheksnutzer.

Der Großteil der befragten Personen in Stuttgart (ca. 82 %) verteilt sich auf vier der neun Lebensstiltypen, die alle im Bereich eines mittleren oder gehobenen Ausstattungsniveaus und einer teil- oder modernen Orientierung liegen. Personen mit niedrigem Ausstattungsniveau verhalten sich im Allgemeinen distanziert zu (gedruckten) Medien und werden voraussichtlich auch in Leipzig nicht zu den typischen Bibliotheksnutzern zählen. Auf der anderen Seite beruht der sowohl in Stuttgart als höchstwahrscheinlich auch in Leipzig geringe Anteil an Konservativ Gehobenen, die (ausgerüstet mit einem hohen Ausstattungsniveau) prinzipiell ein sehr enges Verhältnis zum Lesen und zu kulturellen Veranstaltungen pflegen, vermutlich nicht auf einer Distanz zum Buch, sondern vielmehr auf einer Vorliebe zum Bücherkauf bzw. -besitz.[62]

Die kritisch anzumerkende Widersprüchlichkeit der ersten beiden Hypothesen von Linke kann in der Analyse aller Voraussicht nach nur punktweise, keinesfalls jedoch durchgängig aufgelöst werden.

“H.3: Die Typen der Aufstiegsorientierten und Hedonisten werden prozentual den größten Anteil ausmachen.” [63]

Aufstiegsorientierte gehören zur so genannten “Mitte der Gesellschaft” mit mittlerem Ausstattungsniveau und teilmodernen Einstellungen, wohingegen Hedonisten zwar demselben Ausstattungsniveau zuzurechnen, aber moderner und biografisch offener sind.

Lebensstiltypen mit gehobenem Ausstattungsniveau sind in Ostdeutschland stark unterrepräsentiert, während Typen mit einem niedrigen Ausstattungsniveau überrepräsentiert sind, wie aus einer Studie von Gunnar Otte und Nina Baur hervorgeht.[64] In Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern verzeichnen sie einen qualitativen Anstieg in Richtung einer höheren Ausstattung sowie einer moderneren Lebensauffassung.[65] Das vielfältige Angebot in einer modernen Großstadt wie Leipzig wird die polarisierende Verteilung zwischen niedrigem und hohem Ausstattungsniveau voraussichtlich abschwächen. In Hinblick auf die Dimension Modernität/biografische Perspektive werden, aufgrund der allgemein stärkeren Nutzung von Bibliotheken durch jüngere, modern orientiertere Personen (wie auch in Stuttgart) kaum traditionale, sondern vermehrt teilmoderne und moderne Lebensstiltypen zu erwarten sein. Hinzu kommt in Leipzig noch die weitverbreitete Distanz zu religiösen Prinzipien, was auch für eine stärkere Besetzung moderner Lebensstile spricht. Aus diesen Gründen ist anzunehmen, dass einerseits das mittlere Ausstattungsniveau und auf der anderen Seite moderne Orientierungen in Leipzig am stärksten besetzt sein werden. Die zwei modernen und eher großstädtischen Lebensstiltypen des mittleren Ausstattungsniveaus (Aufstiegsorientierte, Hedonisten) werden die Verteilung dominieren. Die Konventionalisten als übriger Typ der mittleren Ausstattung werden mit ihren eher ländlichen oder kleinstädtischen Verhaltensmustern (ebenso wie in Stuttgart) auch in Leipzig wohl nur sehr schwach besetzt sein.[66]

“H.4: Am wenigsten werden die Lebensstiltypen Konservativ Gehobene und Traditionelle Arbeiter vertreten sein.” [67]

Traditional orientierte Lebensstiltypen sind im Großstadtraum nur sehr schwach vertreten. Zudem haben sie in der Regel eine geschlossene biografische Perspektive. Hinzukommend gehören beide nicht dem voraussichtlich dominanten mittleren Ausstattungsniveau an. Konservativ Gehobene sind durch ein gehobenes Ausstattungsniveau, Traditionelle Arbeiter demgegenüber durch ein niedriges charakterisiert. Als Grund für die niedrige Verteilung kann, neben bereits erwähnten Erklärungsansätzen, auch das Fernbleiben älterer Menschen von Bibliotheken, welche oft Träger dieser Lebensstiltypen sind, genannt werden.

[...]


[1] Plessner, Helmut: Die Stufen des Organischen und der Mensch, S. 310

[2] Mit Öffentlichen Bibliotheken sind hier der Allgemeinheit öffentlich zugängliche Stadt-, Stadtteil- oder Kommunalbiblio-theken, nicht jedoch wissenschaftliche Bibliotheken (die i.d.R. auch öffentlich zugänglich sind) gemeint. Deshalb die Großschreibung von öffentlich.

[3] Vgl. Lust auf Lesen [Elektronische Ressource]

[4] Im Verlauf dieser Arbeit werde ich aus Gründen der besseren Lesbarkeit auf sprachliche Mehrfachnennungen verschiedener Geschlechter verzichten. Gemeint bleiben in allen Fällen alle denkbaren Geschlechterformen.

[5] Blim, Jürgen: Der Besucher – das unbekannte Wesen?, S. 41-44

[6] Obwohl in dieser Arbeit die Bezeichnung Bibliotheksnutzer bevorzugt wird, sei dennoch auf die Unterscheidung hingewiesen: Bibliotheksbesucher sind nicht zwangsläufig auch Bibliotheksnutzer. Nutzer können bei ihren Bibliotheksbesuchen Medien ausleihen, da sie registriert sind. Bloßen Bibliotheksbesuchern, die nicht in der Bibliothek registriert sind, ist dies nicht gestattet. Registrierte Nutzer können also regelmäßige Besucher sein und Ausleihen tätigen, während regelmäßige Besucher nicht gleichzeitig auch Nutzer sein müssen. Etwa, wenn ein Besucher die Bibliothek (ohne angemeldet zu sein) allein zum Lesen von Tageszeitungen benutzt. Insofern können Besucher bestimmte Angebote der Bibliothek zwar durchaus nutzen, jedoch nicht den kompletten Service (u.a. die zentrale Ausleihfunktion) in Anspruch nehmen. Da

beide, Besucher und Nutzer, Bibliotheksangebote nutzen können, verfehlt die Bezeichnung Besucher das Gemeinte. Aus diesem Grunde kann diese (primär technische) Differenzierung eigentlich vernachlässigt werden und allein als (z.B. für statistische Erhebungen oder die Arbeit innerhalb einer Bibliothek) notwendige Unterscheidung angesehen werden. Da diese Arbeit aber Lebensstile und die Nutzung verschiedener Serviceleistungen (die zwar in der Mehrheit, aber nicht alle eine Registrierung erfordern) in den Blick nimmt, wird die Bezeichnung Nutzer präferiert.

[7] Szlatki, Martin: Lebensstilanalyse und Nutzungsverhalten in der Bibliothek

[8] Linke, Juliane: Lebensstil und Bibliotheksbesuch

[9] Vgl. Otte, Gunnar: Urbanism as a Way of Life?, S. 102

[10] Durkheim, Émile: Über die Teilung der sozialen Arbeit

[11] Simmel, Georg: Gesamtausgabe in 24 Bänden – Über sociale Differenzierung (1890)

[12] Vgl. Raab, Jürgen: Lebensführung und Lebensstile, 341ff.

[13] Ebenda, S. 347

[14] Ebenda, S. 344

[15] Veblen, Thostein: The Theory of the Leisure Class

[16] Vgl. Raab, Jürgen: Lebensführung und Lebensstile, S. 347

[17] Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede

[18] Vgl. Raab, Jürgen: Lebensführung und Lebensstile, S. 347ff.

[19] Vgl. ebenda zahlreiche Beispiele für weitere Vorläuferstudien: Edmont Goblot (1925) – Klasse und Differenz; Theodor Geiger (1932) – Die soziale Schichtung des deutschen Volkes; Pierre Boudieu (1979) – Die feinen Unterschiede; Ulrich Beck (1986) – Die Risikogesellschaft; Gerhard Schulze (1992) – Die Erlebnisgesellschaft; große statistische Erhebungsprojekte: Wohlfahrtssurvey 1993, ALLBUS 1998

[20] Vgl. Konietzka, Dirk: Lebensstile im sozialstrukturellen Kontext, S. 19

[21] Vgl. Otte, Gunnar: Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen, S. 11

[22] Zugleich ist zu sagen, dass die heutige Lebensstilforschung, sowohl was die Bandbreite als auch die Tiefe angeht, ein weitestgehend deutsches Phänomen ist (vgl. ebenda). Aus diesem Grund findet auch in dieser Arbeit fast ausschließlich deutschsprachige Literatur Berücksichtigung.

[23] Vgl. Otte, Gunnar: Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen, S. 34

[24] Ebenda, S. 11

[25] Vgl. Rössel, Jörg: Soziologische Theorien in der Lebensstilforschung, S. 37

[26] Hradil, Stefan: Soziale Ungleichheit in Deutschland, S. 46

[27] Vgl. Weischer, Chrisptoph: Sozialstrukturanalyse, S. 383

[28] Hartmann, Peter H.: Lebensstilforschung, S. 20

[29] Ebenda

[30] Vgl. ebenda, S. 23ff.

[31] Vgl. ebenda, S. 26ff.

[32] Vgl. Rössel, Jörg: Soziologische Theorien in der Lebensstilforschung, S. 37

[33] Raab, Jürgen: Lebensführung und Lebensstile, S. 348

[34] Ottes Analysemodell bzw. Lebensstiltypologie basiert auf einer Metaanalyse von mehr als 30 empirischen Studien der Lebensstilforschung und wurde anhand von 3 Primärerhebungen im Stadtgebiet Mannheim evaluiert (vgl. Otte 2008).

[35] Vgl. Otte, Gunnar: Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen, S. 143f.

[36] Vgl. Otte, Gunnar: Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen, S. 15; vgl. Otte, Gunnar: Entwicklung und Test einer integrativen Typologie der Lebensführung für die Bundesrepublik Deutschland, S. 451

[37] Otte, Gunnar: Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen, S. 131

[38] Ebenda, S. 135

[39] Ebenda, S. 136

[40] Die Langversion enthält 43 Fragebogenitems und sprengte den Rahmen dieser Untersuchung. Otte selbst empfiehlt die Kurzversion für Bevölkerungsumfragen, da damit der Erhebungsaufwand wesentlich geringer ausfällt (vgl. Otte 2012: 1).

[41] Vgl Otte, Gunnar: Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen, S. 167

[42] Vgl. Otte, Gunnar: Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen, S. 76f.

[43] Vgl. ebenda, S. 77

[44] Vgl. Szlatki, Martin: Lebensstilanalyse und Nutzungsverhalten in der Bibliothek, S. 29

[45] Bekannt sind neben Szlatkis Arbeit zielgruppenorientierte Ansätze aus den Stadtbibliotheken Traunstein, Bremen und Köln, wobei diese bei der vergleichenden Analyse keine Berücksichtigung finden werden, da dort mit einer anderen Methode (Sinus-Milieus) gearbeitet wurde (vgl. auch Linke 2011: 18).

[46] Szlatki, Martin: Lebensstilanalyse und Nutzungsverhalten in der Bibliothek, S. 33

[47] Ebenda

[48] Grube, Henner: „Von Bibliotheken, Verlagen und der Bequemlichkeit der Bibliotheksnutzer..." [Elektronische Ressource]

(Anm. d. Verf.: Repräsentative Befragung von 2530 Personen ab 14 Jahren – Bibliotheksnutzung in % differenziert nach Altersgruppen bis 18 Jahre = 52 %).

[49] Lust auf Lesen [Elektronische Ressource] (Anm. d. Verf.: Befragung von 2500 Personen ab 14 Jahren; unter 20-Jährige Bibliotheksnutzer = 56 %).

[50] Vgl. Blim, Jürgen: Der Besucher – das unbekannte Wesen?, S. 42

[51] Vgl. Grube, Henner: „Von Bibliotheken, Verlagen und der Bequemlichkeit der Bibliotheksnutzer ...“ [Elektronische Ressource], S. 1

[52] Vgl. Blim, Jürgen: Der Besucher – das unbekannte Wesen?, S. 42

[53] Vgl. Wer nutzt Öffentliche Bibliotheken – und wofür? Wer nutzt sie nicht – und warum? [Elektronische Ressource]

[54] Vgl. Szlatki, Martin: Lebensstilanalyse und Nutzungsverhalten in der Bibliothek, S. 34

[55] Linke, Juliane: Lebensstil und Bibliotheksbesuch, S. 19

[56] Linke, Juliane: Lebensstil und Bibliotheksbesuch, S. 19ff.

[57] Ebenda, S. 20

[58] Ebenda, S. 20ff.

[59] Vgl. Inglehart, Ronald: Modernization and Postmodernization, S. 131

[60] Ebenda, S. 33ff.

[61] Linke, Juliane: Lebensstil und Bibliotheksbesuch, S. 22

[62] Ebenda, S. 22f.

[63] Ebenda, S. 23

[64] Vgl. Otte, Gunnar: Urbanism as a Way of Life?

[65] Ebenda, S. 108

[66] Linke, Juliane: Lebensstil und Bibliotheksbesuch, S. 23ff.

[67] Ebenda, S. 25

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Titel: Lebensstil und Bibliotheksnutzung