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Pierre Bourdieus Kapitaltheorie und ihre Bedeutung für eine erfolgreiche Integration von Migranten in Deutschland

Bachelorarbeit 2013 49 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichns

1. Einleitung

2. Integration von Migranten in Deutschland
2.1 Integration als Akkulturationsstrategie nach John Berry
2.2 Migranten in Deutschland: Integriert, assimiliert, separiert oder marginalisiert? Eine kurze Situationsbeschreibung
2.3 Erklärungsvorschläge für mangelnde Integration von Migranten im sozialwissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs

3. Akkulturationsstrategien von Migranten als rationale Handlungsstrategien angesichts ihrer Kapitalienausstattung
3.1 Sozialer Raum, Kapitalien, Felder und Habitus: Pierre Bourdieus Theorie der sozialen Ungleichheit
3.2 Bildungsverhalten als strategische Praxis von Migranten: Der Übertragungsversuch der Bourdieu'schen Kapitalientheorie auf die Situation von Migrantenkindern im deutschen Bildungssystem nach Diefenbach und Nauck

4. Bedingungen für erfolgreiche Integration von Migranten in Deutschland
4.1 Individuelle Bedingungen: Kapitalienausstattung und -erwerb auf Seiten der Migranten
4.2 Gesellschaftliche Bedingungen für den Einsatz, den Erwerb und die Nutzbarkeit von Kapitalien durch Migranten

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Obwohl Migration nach als auch aus Deutschland in größerem Ausmaß bereits seit dem Kaiserreich erfolgte und „Integration hierzulande längst zum Normalfall geworden ist ... [gibt es] in Deutschland, wie in anderen europäischen Einwanderungsländern, zweifelsohne Integrationsprobleme“.[1] Je nachdem, wie gelungene Integration definiert wird, können diese Probleme an der weniger günstigen Positionierung von Zuwanderern in der Sozialstruktur im Vergleich zu Menschen ohne Migrationshintergrund festgemacht werden oder am hohen Grad der „negativen Emotionalisierung der Integrationsdiskussion in Deutschland“[2], sei es durch Deutsche ohne Migrationshintergrund oder durch Zuwanderer (wie Bassam Tibi oder Neçla Kelek).[3]

Für die Integrationsprobleme werden verschiedene Faktoren verantwortlich gemacht, so z.B. die Tatsache, dass Deutschland sich lange Zeit geweigert hat, sich – der Realität entsprechend – als Einwanderungsland zu betrachten: Integration wurde jahrzehntelang nicht gefördert, weil sie von den meisten nicht gewünscht wurde[4]. Dies hatte zur Folge, dass Deutschland erst 2005 damit begonnen hat, eine stringente Zuwanderungs-und Integrationspolitik zu entwickeln, und zwar mit der Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes oder genauer: des Gesetzes über den Aufenthalt, die Erwerbstätigkeit und die Integration von Ausländern im Bundesgebiet.

Verwiesen wird auch immer wieder auf eine mangelnde Integrationswilligkeit der Zuwanderer, begründet durch sozialstrukturelle oder kulturelle Merkmale, die einer erfolgreichen Integration in Deutschland entgegenstehen. Bislang fehlt eine theoretische Perspektive, die dazu geeignet ist, der Vielfalt der Zuwanderer, ihrer Integrationswilligkeit und -fähigkeit sowie den Bedingungen, die Migranten im Aufnahmeland vorfinden, Rechnung zu tragen. Eine solche integrierende Perspektive kann nur entwickelt werden, wenn eine strukturell-individualistische Perspektive eingenommen wird, die das Zusammenspiel von Individuum und seiner umgebenden Struktur explizit berücksichtigt[5]: der Zuwanderer wird alsIndividuum gesehen, das bestimmte Ziele verfolgt, über bestimmte Ressourcen verfügt und Wege sucht, seine Ziele angesichts seiner verfügbaren und mobilisierbaren Ressourcen im Kontext der Umweltbedingungen, auf die es trifft, zu erreichen.

Die vorliegende Arbeit setzt an die Überlegung von John W. Berry[6] an. Integration von Zuwanderern wird in dieser Arbeit als eine spezifische Akkulturationsstrategie (unter anderen) aufgefasst. Untersucht wird die Frage, wie unter Verwendung der Theorie der sozialen Ungleichheit von Pierre Bourdieu[7] und insbesondere seiner Kapitalientheorie[8] erklärt werden kann, wann oder warum Zuwanderer diese (oder eine andere) Akkulturationsstrategie wählen und unter welchen Bedingungen diese Strategie mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit auf Erfolg hat.

Einen Versuch in diese Richtung haben mit Bezug auf das Bildungsverhalten von Migrantenfamilien bereits Diefenbach und Nauck[9] unternommen. Die Arbeit baut auf dem von diesen Autoren vorgelegten Versuch auf. Ergänzt wird dieser Ansatz um Zusammenhänge zwischen Akkulturationsstrategien und Kapitalienausstattungen von Migranten. Diefenbach und Nauck haben Bildungsentscheidungen in Migrantenfamilien nur vor dem Hintergrund derer Kapitalienausstattungen betrachtet.[10]

Im Kapitel 2.1 wird auf die verschiedenen Akkulturationsstrategien, die Berry unterscheidet eingegangen, von denen Integration eine (unter anderen) ist. Im Kapitel 2.2 wird der Stand der Integration von Migranten in Deutschland anhand einschlägiger Studien und Daten (wie sie z.B. im Migrationsbericht enthalten sind) beschrieben. Im letzten Unterkapitel werden bezogen auf den gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs, Gründe aufgezeigt, warum bisher Integration nicht im erforderlichen Maß erfolgt ist. In Kapitel 3 werden die Kapitalientheorie von Pierre Bourdieu und die Arbeit von Diefenbach und Nauck, die als erste systematisch die Kapitalientheorie Bourdieus auf (Bildungs-) Entscheidungen in der Migrationssituation angewendet haben, vorgestellt. Anschließend wird in Kapitel 4 auf der Grundlage der Kapitalientheorie Bourdieus die individuellen und gesellschaftlichen bzw. strukturellen Bedingungen für eine erfolgreiche Integration im Sinne Berrys von Migranten in Deutschland vorgestellt. Die vorliegende Arbeit schließt mit Kapitel 5, in dem die oben genannten Forschungsfragen beantwortet und Überlegungen dazu angestellt werden, wie und inwieweit Integrationspolitik darauf hinwirken kann, dass Migranten Integration und nicht eine andere Akkulturationsstrategie wählen.

2. Integration von Migranten in Deutschland

Vor über 50 Jahren wurden die ersten Gastarbeiter in Deutschland angeworben. Im gleichen Zeitraum wurden Aussiedler[11] aus der ehemaligen Sowjetunion und den osteuropäischen Staaten aufgenommen, deren Zuwanderungszahl allerdings seit 1990 rückläufig ist. Mit Einführung des Kontingentflüchtlingsgesetz[12] 1991, wurden jüdische Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in alle Bundesländer aufgenommen. 16 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Der Großteil dieser Migranten lebt heute in der zweiten und dritten Generation in Deutschland. Sie gehören zum Alltagsbild und werden bei integrationsrelevanten Studien (siehe Kapitel 2.2) thematisiert.

Über einen Großteil der Zuwanderer, nämlich der, der nicht aus Arbeitsmigranten oder ihren Nachkommen besteht, wird allerdings kaum gesprochen. Flüchtlinge und Geduldete[13] (sowohl Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten als auch illegale Zuwanderer, deren Zahl naturgemäß nicht genau feststellbar ist, für die es aber Schätzungen gibt), fallen zahlenmäßig durchaus ins Gewicht. Sie werden in Berichten und Forschungsstudien kaum berücksichtigt, dabei sind sie die stärkste Gruppe der „integrationsbedürftigen“ Menschen. Diese Gruppen finden Bedingungen für ihre Integration vor, die teilweise erheblich von denen der "klassischen" Arbeitsmigranten abweichen.

Es gibt immer noch keine einstimmige Antwort auf die Frage, wie eine gelungene Integration in Deutschland aussehen könnte und welche Bedingungen hierfür gegeben sein müssten: Trotz jahrzehntelangem Aufenthalt in Deutschland weisen viele Menschen mit Migrationshintergrund[14] Leistungsdefizite im Bildungs- und Ausbildungsbereich auf und kämpfen folglich mit erschwerten Einstiegsbedingungen auf dem Arbeitsmarkt.[15] Gleichzeitig erfordert die demographische Entwicklung einen stetigen Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften aus dem Ausland sowie eine gezielte Förderung der bereits im Land vorhandenen, ungenutzten Potenziale. Deren Partizipation am Arbeitsleben wird aber erschwert, nicht zuletzt aufgrund des Migrationshintergrunds und der daraus resultierenden Segregation.[16] Zudem fehlt eine adäquate Zuwanderungspolitik, die die geistig-politische Voraussetzung für die dauerhafte Integration von Ausländern auf allen Ebenen fördert[17] und die die Unterschiedlichkeiten innerhalb der Gesellschaft nicht aufhebt oder angleicht.[18]

Deutschland entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten unaufhaltsam zu einer multikulturellen Gesellschaft. Der zunehmende Pluralismus der verschiedenen ethnischen Lebensstile, Wertesysteme und des kulturellen Kapitals führt dazu, dass das Gefühl der ethnischen Selbstidentifikation, die Bindung zu der Herkunftskultur sowie die Akkulturation eines Individuums, also die kulturelle Angleichung an eine zunächst „fremde“ Gesellschaft an zunehmender Bedeutung gewinnt. Diese Anpassung betrifft sowohl die einheimische Gesellschaft als auch die Migranten, die aufgrund ihrer Entscheidung ihre Herkunftskultur zu verlassen, vor der Aufgabe stehen, sich in eine neue Heimat zu integrieren und ihre bisherige Lebensweise neu abzuschätzen.[19]

Ob eine erfolgreiche Akkulturation in einer neuen Kultur erfolgt, hängt einerseits von der persönlichen Kapitalausstattung[20] andererseits von günstigen Lebensbedingungen ab, die dem Migranten im Aufnahmeland erwarten.

2.1 Integration als Akkulturationsstrategie nach John Berry

Unter Akkulturation versteht man die „Phänomene, die entstehen, wenn Gruppen von Individuen aus verschiedenen Kulturen in kontinuierlichen Primärkontakt treten“. Dies führt zu Veränderungen der ursprünglichen Kulturmuster in einer oder beiden Gruppen.“[21]

Die Vermischung von kulturell unterschiedlichen Identitäten sei es durch Migration, Globalisierung oder Tourismus haben die Interkulturalität innerhalb einer Gesellschaft verstärkt. Aufgrund von Akkulturation erfolgt innerhalb der Gesellschaft eine Reflexion über die bisherigen kulturellen und institutionellen Strukturen.

Auf der Individualebene bedeutet Akkulturation eine „psychologische Adaption“ auf der Seite des Individuum.[22] Das heterogene Gesellschaftsbild verlangt von dem einzelnen Migranten, sich mit neuen Einstellungen, Glaubensrichtungen, Sprachen, Werten, Produkten und Ideen zu befassen; sich diesen Neuerungen anzupassen; sich im Prozess dieser Veränderungen mit seiner bisherigen Lebenswelt auseinanderzusetzen, sie evtl. zu hinterfragen und letztlich sich neu zu orientieren, damit Integrationin der Aufnahmegesellschaft gelingen kann.[23] John Berry hat aus der Entwurzelung des Menschen aufgrund Migration und den langen Prozess der Akkulturation[24] ein Modell entwickelt. Zwei grundlegende Dimensionen der Akkulturation liegen seinem Ansatz zugrunde: Einerseits die Aufrechterhaltung der Herkunftskultur und der damit verbundene Lebensstil. Andererseits die Aufnahme und Aufrechterhaltung von Beziehungen innerhalb der Aufnahmegesellschaft. Für welche Alternative sich das Individuum entscheidet resultiert nach Berry aus zwei ausschlaggebenden Fragen[25]: „Wird es als wertvoll erachtet, die kulturelle Identität und kulturelle Charakteristika aufrechtzuerhalten?“ und „ Wird es als wertvoll erachtet, Beziehungen zu anderen Gruppen zu unterhalten?“

Aus der Kombination der Antwortmöglichkeiten können vier Akkulturationsstrategien wie im folgenden Bild dargestellt abgeleitet werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Akkulturationsstrategien nach Berry (1992)

Entscheidet sich ein Individuum seine ursprüngliche kulturelle Identität vollständig zugunsten der Übernahme der Kultur im Aufnahmeland bzw. in der Mehrheitsgesellschaft aufzugeben, dann hat Assimilation stattgefunden. Integration erfolgt hingegen; wenn die Grundmerkmale der eigenen Herkunftskultur (Essen, Sprache, Religion, Habitus) aufrechterhalten werden können bei gleichzeitiger Öffnung gegenüber der Aufnahmegesellschaft und derren Werte, Normen und Lebensstrukturen. “Integration wird also als relativ konfliktfreie Existenz von funktionalenInterdependenzen zwischen Bevölkerungsgruppierungen verstanden … Ungleichheitsdimensionen, z.B. ökonomischer, ethnischer, religiöser Art, die die Herausbildung von Interdependenzen auf mehrere Differenzierungslinien gleichzeitig behindern, sind aufgehoben.”[26]

Durch Integration gelingt dem Migranten eine Doppelidentität (Mehrsprachigkeit, flexible Persönlichkeit) und ein regelmäßiger Wechsel zwischen zwei stark unterschiedlichen sozialen Kontexten.[27] Diese „Mehrfachintegration“ verlangt laut Esser die soziale Integration in mehrere, kulturell und sozial unterschiedliche Bereiche gleichzeitig und erfordert daher ein Ausmaß an Lern- und Interaktionsangeboten, die vor allem die „Arbeitsmigranten“ mit Ihren alltäglichen Restriktionen nicht annehmen können. Für Esser ist deswegen eine „multikulturelle“ Sozialintegration ausschließlich für ausländische Familien mit hohem sozialem und kulturellem Kapital umsetzbar (siehe Kapitel 2.2).[28]

Bleibt es für das Individuum allerdings von keinerlei Nutzen sein ursprüngliches soziales Umfeld zu verlassen oder werden Kontakte zu den Mitgliedern der Mehrheitsbevölkerung in der Aufnahmegesellschaft von beiden Seiten vermieden, sind die Voraussetzungen für Segregation gegeben. Gruppen, die nur auf eine temporäre Anwesenheit mit anschließender Rückkehr in das Herkunftsland orientiert sind, haben kein Interesse an Assimilation oder Integration. Eine Anpassung erfolgt nur insofern sie zur Realisierung der Ziele notwendig ist. Von einer ethischen Segmentation als Folge von Segregation würde man laut Esser nur sprechen, wenn eine dauerhafte Bleibeorientierung vorhanden ist.[29]

Eine vorübergehende ethnische Segmentierung als “Auffangstation” (der Aufenthalt in ethnischen Kolonien in der ersten Phase der Migration ), kann auch als Rückzugsmöglichkeit für den Migranten dienen, damit der evtl. aufkommende Akkulturationsstress[30] - also die Überlastung angesichts der neuen kulturellen Anforderungen und die dadurch aufkommende Gefahreiner Paralyse der persönlichen Identität - gemindert wird.[31] Bei einer vollständigen kulturellen Loslösung des Individuums sowohl von seiner Herkunftskultur als auch von der Mehrheitsgesellschaft spricht Berry von einer Marginalisierung. Diese Strategie bietet dem Migranten wenig Möglichkeiten das Interesse an seiner Ursprungskultur aufrechtzuerhalten, bzw. Beziehungen innerhalb der Aufnahmegesellschaft aufzubauen. Marginalisierung entsteht durch Exklusion und/oder Diskriminierung, d.h. die Aufnahmegesellschaft ist nicht bereit trotz Eingliederungsversuche des Migranten, ihn als vollwertiges Mitglied innerhalb ihres Kulturkreises anzuerkennen.[32] Marginalisierung geht mit erhöhtem Akkulturationsstress einher und kann schwerwiegende psychosoziale Folgen mit sich führen.

In Gesellschaftssystemen, in denen die kulturelle Diversität erwünscht ist, wird die Strategie der Integration gefördert und erwartet. Die soziale Einigung erfolgt in einem positiveren Kontext. Die Aufnahmegesellschaft ermöglicht dem Migranten ein Ankommen und gewährt ihm Unterstützung auf multikultureller Ebene (die kulturellen Fremdheiten werden zunächst respektiert und institutionell berücksichtigt). Es herrscht weniger Assimilationsdruck seitens der Mehrheitsgesellschaft auf den Migranten und bei Aufrechterhaltung der Ursprungskultur keine Segregation als Konsequenz.[33]

2.2 Migranten in Deutschland: Integriert, assimiliert, separiert oder marginalisiert? Eine kurze Situationsbeschreibung

„Durch diverse Studien wird immer wieder belegt, dass familiäre Sozialisation, familiäre Traditionen und die Beziehungen zwischen den Generationen offensichtlich eine zentrale Rolle spielen in der Bewältigung von Integrationsanforderungen.“[34]

In diesem Kapitel werden drei zentrale Studien vorgestellt, die der Frage nachgehen, welche der nach Berry bereits vorgestellten Akkulturationsstrategien von Migranten und Flüchtlingen gewählt werden und ob für diese Entscheidung bestimmte Merkmale und Lebensmuster ausschlaggebend sind. Es wird aufgezeigt, wie Akkulturation in denunterschiedlichen Konzepten von Berry vom Erfahrungsraum des Individuums, seinen Werte und Glaubenssystem beeinflusst wird und wie der Einzelne ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Soziale Systeme und damit auch Gesellschaften, konstituieren sich über soziale Relationen (Kontakte, Kommunikation, Transaktionen aller Art) und ermöglichen Integration innerhalb dieser Gemeinschaft.[35]

In den folgenden Studien wird aufgezeigt, inwieweit die Entscheidung eines Menschen für eine Akkulturationsstrategie von seinem elterlichen Milieu, dem sozialen Netzwerk, den Erfahrungen von Aufnahme oder Segregation und dem eigenen selbst verwirklichten ökonomischen und kulturellen Kapital gelenkt wird.[36]

RAM 2006/2007

RAM 2006/2007 ist eine Repräsentativbefragung „Ausgewählte Migrantengruppen in Deutschland 2006/2007“, die im Auftrag des Bundesministeriums des Innern veröffentlicht wurde. Sie behandelt die fünf größten Ausländergruppen, die rund 57% aller Ausländer in Deutschland ausmachen (Türken, Jugoslawen, Italiener, Polen, Griechen) und gibt Auskunft über deren Lebensverhältnisse.[37] „Die Studie ist eine Befragung nach dem sogenannten „Ausländerkonzept“ und damit zu unterscheiden von Studien, die das Konzept der „Personen mit Migrationshintergrund“ des Statistischen Bundesamtes (Mikrozensus) anwenden.“

Laut dieser Studie weisen nicht eingebürgerte Personen eine schlechtere Integrationsbilanz auf als Deutsche mit Migrationshintergrund.[38] Untersucht wurden die Lebensbereiche: Sprache, Bildung, Wohnverhältnisse, Familienkonstellation, soziale Kontakte innerhalb und außerhalb der eigenen Gemeinschaft sowie Werteorientierungen.

Die Studie zeigt eine stetige Verbesserung der Bildungsqualifikationen innerhalb der nachfolgenden Generationen aller Ausländergruppen auf, allerdings auch große Unterschiede in den Qualifikationen der Ländergruppen. Türkische und italienische Jugendliche haben nach wie vor im Vergleich zu anderen ausländischen Gemeinschaften einen geringeren Abschluss (Hauptschule) als andere Gruppen. Auch die Tendenz zur ethnischen Segregation, d.h. wenig Kontakt zu Mehrheitsgesellschaft, keine Verbundenheit zu Deutschland und Misserfolge bei der Integration, ist häufiger bei älteren Personen oder Personen gegeben, die die deutsche Sprache schlecht beherrschen, eine minimale schulische Ausbildung besitzen und erwerbslos sind.[39] Laut Esser fällt die Akkulturation an eine neue soziale Umgebung umso schwerer, je später sie nach der Entkulturation erfolgt und je unterschiedlicher die Kulturen sind. Dies gilt insbesondere für die sprachliche Akkulturation[40] Die Erstgeneration hat Schwierigkeiten eine komplette Sozialintegration innerhalb der Aufnahmegesellschaft zu erreichen. Obwohl der Großteil dieser Gruppe keine Rückkehrtendenzen aufweist, ist bei Ihnen die emotionale Bindung zur Herkunftskultur am stärksten.[41]

Auch ausländische Frauen, vor allem Türkinnen sind vermehrt von Exklusion, finanzieller Abhängigkeit und geringerer gesellschaftliche Partizipation betroffen, da sie seltener als Männer am Arbeitsleben beteiligt sind. Ein Grund hierfür könnte das Rollenverständnis von Frauen in einigen Kulturen sein, die in erster Linie der Frau die Aufgabe zusprechen, innerhalb der familiären Gemeinschaft zu bleiben und eine eigene Familie zu gründen. In diesem Fall findet nicht eine temporäre anfängliche Segregation statt, sondern eine dauerhaften Separation, in der die ethnische Gemeinde auch Generationen übergreifend als Orientierungspunkt der eigenen Lebensgestaltung dient.[42]

Der Fortschrittsvergleich von 2001 bis 2007 zeigt jedoch ein Fortschreiten der Integration in den untersuchten Gruppen. Deutlich werden diese Verbesserungen im Bereich der Sprache, Wohnsituation (mehr Eigentum und Abnahme des Bezugs von Sozialwohnungen), größere Bereitschaft zu Interaktion mit Deutschen, Zunahme zur interethnischen Heirat bei der jüngsten Generation, langfristige Bleibeabsichten und Heimatgefühle für das Aufnahmeland.[43] Dies ist auch dadurch begründet, dass in der RAM Studie, eingebürgerte Personen mit Migrationshintergrund nicht untersuchtwerden und daher auf den ersten Blick die Integrationserfolge nicht sichtbar sind.

Laut Studie zeigen die Türken als größte ausländische Gemeinschaft in allen Dimension die geringste Bereitschaft sich zu integrieren, während es bei der jungen jugoslawische Bevölkerung eine starke Tendenz zu Assimilation gibt. Die türkische Gemeinschaft ist im Vergleich zu der Jugoslawischen emotional stärker an ihrer Herkunftsgesellschaft gebunden und trotz sprachliche Verbesserung der zweiten Generationen sind in der türkischen Gruppe segmentäre Tendenzen erkennbar. Durch die hohe Anzahl an türkischen Migranten entstehen ethnische Enklaven und Gemeinden, die es dem Einzelnen ermöglichen seinen kulturellen und religiösen Lebensraum aufrechtzuerhalten und die Distanz zur Aufnahmegesellschaft zu bewahren. Die Segregation wird somit als „Strategie“ für eine dauerhafte Gestaltung des Lebens in Deutschland erkennbar.[44]

Sinus Sociovision Studie 2006-2008[45]

In der Sinus Studie werden die Lebenswelten von 15,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund - so wie sie sich durch den Aufenthalt in Deutschland entwickelt haben - untersucht. Ziel der Studie ist es, die unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Wertungsmuster innerhalb der Migrantenpopulation sichtbar zu machen. Hierzu wurde ein Migranten Mileumodell entwickelt, in dem eine differenzierte Beschreibung der Lebensräume vorgenommen wird. Zu den untersuchten Gruppen (15,3 Millionen Menschen) gehörten alle Personen mit ausländischer Staatangehörigkeit (47%) sowie Deutsche mit Migrationshintergrund (53%).[46]

Die Studie zeigt ein facettenreiches Bild der Migranten und widerlegt verbreitete Negativklischees über Einwanderer: Menschen mit Migrationshintergrund sind keine homogene Gruppe; leben in neun unterschiedlichen Migrantenmilieus und weisen ganz unterschiedliche Lebensweisen, kulturellen Ressourcen und Anpassungsleistungen auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Sinus Modell, das Menschen nach ihren Lebensauffassungen und Lebensweisen gruppiert [47]

Die hier vorgestellten Milieus unterscheiden sich nicht nach sozialer Lage oder ethnischer Herkunft, sondern nach Wertevorstellungen und Lebensstil. Das bedeutet, dass Menschen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund sich im selben sozialen Raum befinden und sich in ihrem lebensweltlichen Muster mehr miteinander identifizieren können als mit Menschen eigener Herkunft aus anderen Milieus. Die Herkunftskultur der Migranten bestimmt also nicht ihre Milieuzugehörigkeit.[48] Auch der Einfluss religiöser Tradition ist nicht zwangsläufig identitätsstiftend und wird im privaten Rahmen ausgelebt. Dreiviertel aller Befragten zeigen eine starke Aversion gegenüber einer fundamentalistischen Gesinnung. Nur im traditionellen Milieu übernimmt die Religion eine alltagsbestimmende Funktion. In diesem Milieu zeigt sich auch eine Überrepräsentierung von Menschen mit türkischem Hintergrund und Muslime.[49] Die Ergebnisse der ausgeführten Studien zeigen, dass bei den in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund alle Akkulturationsstrategien vertreten sind. Lokalisierbare Segregation im Migranten Milieumodell und der damit verbundene Negativismus seitens der Mehrheitsgesellschaft existiert zwar, ist aber in sozial kulturell marginalen Randgruppen angesiedelt.

Integrationsdefizite sind hauptsächlich in den unterschichtigen Milieus sichtbar, vergleichbar mit der autochonen deutschen Bevölkerung. Die meisten Migranten besitzen ein bikulturelles Bewusstsein und eine postintegrative Perspektive. Integration wird nicht angestrebt, ganz einfach deswegen, weil sie bei den meisten längst erfolgt ist. Multikulturalität und Mehrsprachigkeit wird als Bereicherung angesehen. Insbesondere gehobene, akademische Milieus pflegen ein internationales soziales Netzwerk.[50] Entgegengesetzt zu Essers Behauptung, eine “Mehrfachintegration” gelinge in erster Linie nur Menschen mit Migrationshintergrund, die über ein besonders hohes kulturelles Kapital verfügen, zeigt die Studie, dass trotz Integrationsbarrieren, die Mehrheit der Migranten sich als Angehörige einer multiethnischen Gesellschaft wahrnimmt ohne sich jedoch vollständig von ihrer Ursprungskultur zu entwurzeln. Gerade vor diesem Hintergrund beklagen Migranten aus unterschiedlichen Milieus eine mangelnde Integrationsbereitschaft seitens der Mehrheitsgesellschaft. Marginalisierung entsteht hier durch die Erfahrung von Diskriminierung und Ausgrenzung.[51]

[...]


[1] Bade 2007, S. 6

[2] Bade 2007, S. 9

[3] Bade 2007, S. 8/9

[4] Oberndörfer 2006, S. 33

[5] Ein Modell für die Erklärung sozialer Phänomene aus strukturell-individualistischen Perspektive, das weithin rezipiert worden ist, hat Coleman 1991, S. 1-29, entwickelt.

[6] Vgl. Berry 1990 und 2005

[7] Vgl. Bourdieu 1981, 1979 und 1976

[8] Vgl. Bourdieu 1983

[9] Diefenbach & Nauck 1997

[10] Diefenbach und Nauck geht es darum, Bildungsentscheidungen aus der Kapitalienausstattung in Migrantenfamilien in Kombination mit „der” Migrationssituation als solcher heraus plausibel oder ableitbar zu machen. Damit tragen sie dazu bei, die Vorstellung, nach der das schlechte Abschneiden von Migrantenkindern im Vergleich zu Kindern ohne Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem einfach ein Ergebnis von Defiziten auf Seiten der Migrantenkinder ist, zu korrigieren. Aber sie erreichen dies um den Preis, dass sie „die” Migrationssituation objektiv und für alle Migranten mehr oder weniger einheitlich beschreiben (und im Kontext eines Sammelband-Beitrages vielleicht auch: müssen). Bildungsentscheidungen sind aber nicht einfach ein Ergebnis eines rationalen Kalküls angesichts einer gegebenen Migrationssituation, denn die Migrationssituation kann unterschiedlich wahrgenommen werden, und dementsprechend kann unterschiedlich auf sie reagiert werden. Bildungsentscheidungen sind dann nicht einfach aus „der” Migrationssituation ableitbar, sondern sie sind im Rahmen von bestimmten Akkulturationsstrategien zu sehen.

[11] Unter Aussiedlern/ Spätaussiedlern versteht man Menschen deutscher Ethnie, die im Sinne des Grundgesetzes als Deutsche anerkannt sind und vor etlichen Jahren ausgewandert sind und nach Jahren eine Remigration erfolgt.

[12] (Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge –HumHAG-). Mit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes am 1.Januar 2005 verlor das HumHAG seine Gültigkeit.”

( http://www.bamf.de/DE/Migration/JuedischeZuwanderer)

[13] Flüchtlinge ist der Sammelbegriff für politisch verfolgte Asylmigranten, Konventionsflüchtlinge, Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, illegale Zuwanderer “sans papiers” (Sinti, Roma)

[14] Menschen, die selbst zugewandert sind oder von denen mindestens ein Elternteil zugewandert ist, haben einen Migrationshintergrund. Sie sind nicht-deutscher Herkunft – mit Ausnahme der Aussiedler. Der Ausdruck „Migrant“ steht als Synonym für „Personen mit Migrationshintergrund“.

[15] Schmidt 2010, S. 2

[16] Glitz 2012, S.13

[17] Hiesserich 2006, S. 12

[18] Thränhardt 1999, S. 14

[19] Zimmermann 2006, S.5

[20] Hier wird von Kapital im Sinne von Pierre Bourdieus Kapitalarten gesprochen, die in Kapitel 3 dieser Arbeit ausführlich erläutert wird.

[21] Nauck 2008, S. 108

[22] Berry 2005, S. 699

[23] Berry 1990, S. 232

[24] Weiss 2007, s. 189

[25] Nauck 2008, S. 109

[26] Esser 1986, S. 106

[27] Nauck 2008, S. 109

[28] Esser 2001, S. 21

[29] Esser 1986, S. 109

[30] Die Konfrontation mit neuen, fremden Anforderungen, das evtl unfreiwillige Verlassen der Herkunftskultur, Familie und die bisherigen Lebensgewohnheiten sowie das Lernen ungewohnter Verhaltensmuster kann im Migrationsprozeß zu psychischen Belastungen führen, die Berry als Akkulturationsstress definiert. Je unähnlicher die neue kulturelle Lebenswelt umso wahrscheinlicher ist ein erhöhter Stressfaktor.

[31] Esser 1986, S. 109

[32] Berry 2005, S.703

[33] Berry 2005, S.703

[34] Frindtke W. 2011, S. 10

[35] Esser 2001, S. 1Weiss 2007, S.190

[36] Weiss 2007, S.190

[37] Babka von Gostomski 2010, S. 10

[38] Babka von Gostomski 2010, S. 11

[39] Babka von Gostomski 2010, S. 23

[40] Esser 2001, S.9

[41] Esser 2001, S. 28

[42] Esser 2001, S. 20

[43] Babka von Gostomski 2010, S. 212

[44] Esser 2001, S. 29

[45] Getragen von einem Auftraggebergremium aus Politik, Medien und Verbänden hat Sinus Sociovision im Zeitraum 2006 bis heute eine qualitative ethnografische Leitstudie sowie eine Quantifizierung auf repräsentativer Basis zu den Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund. Ergebnis ist

[46] Wippermann 2007, S. 9

[47] http://www.sinus-institut.de/loesungen/sinus-milieus.html

[48] Wippermann 2007, S. 21

[49] Wippermann 2007, S. 28

[50] Wippermann 2007, S. 40

[51] Sinus Sociovision Fazit

Details

Seiten
49
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668055964
ISBN (Buch)
9783668055971
Dateigröße
682 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306942
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Kultur und Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
pierre bourdieus kapitaltheorie bedeutung integration migranten deutschland

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