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Philipp Jakob Speners „Pia Desideria“. Reform- und Leitschrift für ein wahres Christentum

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Einführung: Pietismus

2 Philipp Jakob Spener - Biographie

3 Die Pia Desideria
3.1 Aufbau und inhaltliche Schwerpunkte
3.2 Der wahre Christ

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Philipp Jakob Spener ist ein Mann der Kirche, dessen Ethik, Religions- und Kirchenverständnis nicht nur zu Lebzeiten große Resonanz erzeugte. Er gab dem heutigen Protestantismus seine bedeutende Form und Ausrichtung, die nach drei Jahrzehnten Kriegs-, Angst- und Hungererfahrungen verloren zu gehen drohte. In der Fachliteratur der Kirchengeschichte wird er zurecht als Begründer des lutherischen Pietismus vorgestellt, ja sogar als „Vater des Neuprotestantismus“1.

Von 1618 bis 1648 wüteten auf deutschem Boden zahlreiche Kriege, die summiert als der Dreißigjährige Krieg in die Geschichte eingingen. Spener schrieb seine Schrift, die Pia Desideria, etwa 30 Jahre nach den verheerenden Folgen dieser Zeit, die Deutschland die bis dahin schrecklichsten Opfer gekostet und noch bei der Nachkriegsgeneration eine tiefgreifende Frömmigkeitskrise ausgelöst hatte. Die Bedeutung seiner Schrift greift, wie bei vielen großen Dokumenten der Kirchengeschichte, über ihre Zeit hinaus. In ihr werden Grundfragen der Kirche und Christen angesprochen, die immer wieder aufbrechen und neue Antwort fordern.

Hauptanliegen dieser Arbeit wird es sein, die in kürzester Zeit zur Programmschrift des Pietismus avancierte Pia Desideria zu untersuchen. Zu Beginn folgt eine kurze Einführung in den Begriff „Pietismus“, bevor in einem zweiten Schritt Speners Lebensgang dargestellt wird. Abschließend soll anhand seiner Schrift herausgearbeitet werden, nach welchen Kriterien Philipp Jakob Spener einen wahren Christen charakterisiert.2

1 Einführung: Pietismus

Der Pietismus lässt sich als eine Erneuerungsbewegung von Kirche und Frömmigkeit beschreiben, deren Hauptanliegen die gelebte Religiosität ist. Er zählt zu den wichtigsten religiösen Bewegungen im kontinentaleuropäischen Protestantismus.3

Meist wird das 17. Jahrhundert als Entstehungszeitraum, und das 18. Jahrhundert als Blütezeit des Pietismus angegeben. Ob seine Anfänge auf Johann Arndt oder Philipp Jakob Spener zurückzuführen sind hängt davon ab, als was man ihn bestimmt.4 „Wachsende Zustimmung“, so formulierte es Johannes Wallmann, „findet die Unterscheidung zwischen Pietismus im weiteren Sinn als Frömmigkeitsrichtung, die auf Johann Arndt zurückgeht und sich vornehmlich literarisch, also in pietistischen Texten (Erbauungsbüchern, geistliche Dichtung), niederschlägt, und Pietismus im engeren Sinn als einer sozial greifbaren religiösen Erneuerungsbewegung, die sich von Orthodoxie und beginnender Aufklärung absondert und durch Gruppen- und Gemeinschaftsbildung eigenständig formiert.“5 Spener kommt für Letzteres eine signifikante Bedeutung zu.

Die Pietismus resultierte aus einer tiefgreifenden Frömmigkeitskrise um 1600, ausgelöst durch die Erfahrungen und Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Die jahrzehntelangen Schlachten hatten sich auf die Städte, Dörfer und Gemeinden ausgeweitet. Plünderungen, Misstrauen und Leid zeichneten die Gemüter, bis nach dem Westfälischen Friedensbeschluss endlich, dem moralischen Zerfall durch kirchliche Reformen und dem Wunsch vieler Menschen, nach einem frommen Leben, Einhalt geboten wurde. Johann Arndts vierbändiges Werk, die „Bücher vom Wahren Christentum“, wurde zur Grundlage dieser neuen Frömmigkeitsrichtung.6

Die Bedeutung Philipp Jakob Speners für den sog. „ Pietismus im engeren Sinn “ ist sicherlich ohne die Vorarbeit Arndts kaum denkbar. Letztlich waren es jedoch Speners Impulse, durch welche die ersten pietistischen Reformbewegungen entstanden.7 Seine 1675 veröffentlichte Pia Desideria wurde binnen kürzester Zeit zur Programmschrift des Pietismus. In ihr führte er das Gedankengut Arndts voran und formulierte ein Reformprogramm, dass dem Pietismus insgesamt sein wesentliches Profil verlieh.8

Da sich geradezu alle wesentlichen Merkmale des Pietismus in Speners Schrift vereint finden, sollen sie in diesem Abschnitt nicht ausführlicher thematisiert werden. Ohne dennoch vorzugreifen lässt sich sagen, dass der Pietismus nicht nur die evangelische Kirche und Theologie, auch das kulturelle und soziale Leben stark beeinflusst hat.

Für das neue, fromme Leben wurden auch neue, fromme Verhaltensregeln formuliert. Vergnügungen jeglicher Art wurden abgelehnt. Alkohol- und Tabakkonsum als unchristlich angesehen. Bereits an der Kleidung könne man einen wahren Christen erkennen, denn dieser würde auf Luxus und Prunk verzichten und Schlichtheit bevorzugen. Mit dieser Einstellung, wie Jung festhält, „baute der Pietismus eine Sonderkultur auf, die sich von den allgemeinen gesellschaftlichen Normen unterschied.“9 Ich möchte meinen, dass dieser Teil der pietistischen Ethik zu den weniger vorbildlichen Merkmalen des Pietismus zählt. Nicht zuletzt schlummert hier ein diskriminierendes Potential, dass wahrlich nicht mit Frömmigkeit und Nächstenliebe harmoniert.

Zu Anfang verbreitete sich der Pietismus nur langsam. Nach seinen ersten Anläufen im 17. Jahrhundert, erfasste er im 18. Jahrhundert schließlich nahezu alle deutschen Landeskirchen. Heute ist der Pietismus ein fester Bestandteil und ein Epochenbegriff der Kirchengeschichtsschreibung.10

2 Philipp Jakob Spener - Biographie

Philipp Jakob Spener wurde im Januar 1635 in Rappoltsweiler geboren, einer kleinen Stadt im Elsass. Sein Vater war Jurist und Stand im Dienst des Grafen von Rappoltstein. Innerhalb seiner lutherisch-orthodoxen Familie und am Hofe des Grafen, genoss der junge Spener eine fromme Erziehung. Erbauungsbücher gehörten zum festen Bestand der Hof- und Familienliteratur. So wurde Spener schon früh vertraut mit Schriften Johann Arndts und Lewis Bayly. Die „Bücher vom wahren Christentum“ und Baylys Hauptwerk, „Practice of Piety“, beeinflussten seine theologische Grundprägung.11

Mit sechzehn Jahren bezog Spener die lutherisch-orthodoxe Universität in Straßburg. Er absolvierte erfolgreich das Grundstudium der Philosophie mit der Magisterwürde, bevor er sich anschließend sechs Jahre dem Studium der Theologie zuwendete. 1659, auf Studienreise, bildete er sich in Basel unter Johann Buxtorf in der Hebraistik weiter. In Genf machte Spener Bekanntschaft mit dem Prediger Jean de Labadie, dessen Verlangen nach einer Rückkehr zum Urchristentum ihn besonders beeindruckte. Labadie und schließlich Theophil Großgebauers Buch, „Wächterstimme aus dem verwüstetem Zion“, auf das

Spener im Anschluss seiner Studienreise in Tübingen stoß, sensibilisierten ihn für den Zustand der lutherischen Kirchen. 1664 promovierte Spener zum Doktor der Theologie und gründete eine Familie mit der Straßburgerin Susanne Erhard.12 1666, mit 31 Jahren, wurde Spener zum Seniorat, d. h. zum höchsten geistlichen Amt, nach Frankfurt am Main berufen. Zu dieser Zeit war er bereits entschiedener Pietist, doch an eine Reform der Kirche und Gesellschaft hatte er wahrlich nicht gedacht. Nach den ersten Jahren seiner frankfurter Amtszeit aber wurde ihm bewusst, in welchem Zustand sich eben diese befänden, und dass der moralische Aufbau der Menschen nach dem Dreißigjährigen Krieg durch Bußpredigten und Kirchenzucht nicht zu erreichen sei. Die folgenden zwanzig Jahre, in denen er die Leitung der frankfurter Kirche übernahm, wurden zu den entscheidendsten in seinem Leben. In ihnen fallen die Anfänge des Pietismus (im engeren Sinn), sowie die Veröffentlichung seiner Reformschrift, der Pia Desideria, der Programmschrift des Pietismus.13

1670 richtete Spener, innerhalb der unter seiner Leitung stehenden Kirche, den ersten pietistischen Gesprächskreis ein. Es war eine Versammlung auf freiwilliger Basis, die zuerst von Christen der oberen Stände, später von einfachen Leuten, Handwerkern und sogar Frauen aufgesucht wurde. Im Zentrum stand die außergottesdienstliche Lektüre der Bibel, Gebets- und Gesprächsstunden und die gegenseitige Erbauung und Förderung zur Frömmigkeit. 1670 war das Geburtsjahr einer Institution, die zum Vehikel des Pietismus wurde und zur Veränderung des Kirchenverständnis führte.14 Überall in den deutschen Landeskirchen formierten sich nach frankfurter Vorbild weitere sog. „collegia pietatis“. Die wahre Kirche wurde schon bald als die Gemeinschaft der Christen verstanden, die sich innerhalb der äußeren Kirche versammelten. Spener selbst nannte diese Konventikel eine „ecclesiola in ecclesia“, ein Kirchlein in der Kirche, bestehend aus ernsteren Christen, die die Erneuerung der Kirche und Gemeinde intern vorantreiben sollte.15

Das 17. Jahrhundert gilt nicht als die Blütezeit des Pietismus. Versammlungsfreiheit gab es noch nicht und somit trafen die anfänglichen pietistischen Bewegungen durch obrigkeitliche Konventikelverbote auf Widerstand. In Frankfurt musste Spener, der seinen Platz immer in der Kirche

[...]


1 Johannes Wallmann, Pietismus-Studien. Gesammelte Aufsätze II, Tübingen 2008, S. 145.

2 Das Original der Pia Desideria liegt dieser Seminararbeit nicht vor. Es werden lediglich Auszüge dieser Schrift aus der Sekundärliteratur herangezogen, die für die Bearbeitung der Fragestellung zentral sind.

3 Vgl. Martin H. Jung, Pietismus, Frankfurt a. M. 2005, S. 3f. 3

4 Vgl. Jörg Thierfelder, Pietismus, in: Rainer Lachmann (Hg. u.a.), Herbert Gutschera, ders., KIRCHENGESCHICHTLICHE GRUNDTHEMEN. Historisch - systematisch - didaktisch, Bd. 3, Göttingen 2003, S. 201.

5 Johannes Wallmann, Der Pietismus, in: Die Kirche in ihrer Geschichte. Ein Handbuch, Bd. 4, Göttingen 1990, S. 10; zit. nach: Ebd.

6 Vgl. Jung (2005), S. 4ff.

7 Vgl. ebd., S. 4.

8 Vgl. ebd., S. 7; Thierfelder (2003), S. 201.

9 Jung (2005), S. 93.

10 Vgl. ebd., S. 3 und 10.

11 Vgl. Wallmann (2008), S. 133f.

12 Vgl. ebd., S. 135.

13 Vgl. ebd., S. 136f.

14 Vgl. ebd., S. 137.

15 Vgl. ebd., S. 138; Jung (2005), S. 94.

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668052017
ISBN (Buch)
9783668052024
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306915
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Evangelische Theologie und Religionspädagogik
Note
1,3
Schlagworte
Philipp Jakob Spener Pia Desideria Reform Leitschrift Christentum Glaube
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