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Kritische Analyse der Fußballfan- und Hooliganszene. Zuschauergewalt und Aggressionstheorien

Akademische Arbeit 2007 16 Seiten

Gesundheit - Sport - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Erklärungsansätze zur Zuschauergewalt
2.1 Vorstellung der Aggressionstheorien
2.1.1 Trieb- und instinkttheoretische Ansätze
2.1.2 Erklärungswert triebtheoretischer Ansätze
2.1.3 Die Frustrations-Aggressions-Theorie
2.1.4 Erklärungswert der Frustrations-Aggressions-Theorie
2.1.5 Lerntheoretische Konzepte
2.1.6 Erklärungswert Lerntheoretischer Konzepte
2.1.7 Multikausales Aggressionsmodell
2.1.8 Erklärungswert multikausaler Aggressionsmodelle
2.2 Die Bedeutung des Alkohols

3. Literaturverzeichnis (inkl. weiterführender Lektüre)

1. Einleitung

1998 erschütterte der „Fall Nivel“ die ganze Welt, Deutschland im Besonderen. Am Rande des Fußballspiels Deutschland – Jugoslawien während der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich wurde der französische Gendarm Daniel Nivel von deutschen Hooligans misshandelt. Die Bilder des am Boden liegenden und blutüberströmten, leblosen Familienvaters waren tagelang in den Zeitungen und Nachrichten zu sehen. Nivel lag nach dem Übergriff sechs Wochen lang im Koma und leidet bis heute an dessen Folgen. Er kann nur mühsam sprechen und wird nie wieder einen Beruf ausüben können.

Dieser Fall von aggressiven Verhaltensweisen ist jedoch eher aus jüngerer Zeit bekannt, während zuvor vielmehr die Heysel-Tragödie mit dem Thema Hooligans in Verbindung gebracht wurde, bei der im Mai 1985 während des Spiels FC Liverpool – Juventus Turin durch Hooliganausschreitungen 39 Menschen getötet und 454 Menschen verletzt worden sind.

Seit der Heysel-Tragödie werden Gewaltprobleme durch Fußballanhänger in der Öffentlichkeit behandelt, doch schon lange zuvor gab es in Großbritannien am Rande von Fußballspielen gewalttätige Auseinandersetzungen von Fußballfans; zu Beginn der siebziger Jahre häuften sich diese Fälle auch in deutschen Stadien.

Problematisch sind jedoch nicht nur Extremfälle wie die Heysel-Tragödie oder der Fall Nivel, die weltweit in den Medien Beachtung finden, sondern auch die „alltäglichen“ Auseinandersetzungen in Deutschlands Amateurligen. Am 28.10.2007 mussten 1.300 Polizisten für das Landesligaspiel zwischen Dynamo Dresden II und dem 1.FC Lok Leipzig abgestellt werden. Dennoch kam es in Stadionnähe zu großen Konflikten der gegnerischen Hooligangruppen – 240 Randalierer mussten festgenommen werden; 10 Menschen wurden verletzt. In Folge dessen muss man sich fragen, ob es weiterhin sinnvoll ist, Fanprojekte mit Steuergeldern zu unterstützen oder aber polizeiliche Maßnahmen verstärkt angewendet werden sollten.

Abgesehen von der Frage auf die Art und Weise der Bekämpfung dieser Auseinandersetzungen skizziert dieser jüngste Fall einen Trend im deutschen Fußball: Randale findet nicht mehr am Rande von stark überwachten Bundesligaspielen statt, da sich diese Auseinandersetzungen im vergangenen Jahrzehnt auf die deutschen Amateurligen verschoben haben, in denen Überwachung durch Kameras und Polizisten stark eingeschränkt ist.

2 Erklärungsansätze zur Zuschauergewalt

Die Ursachen für die Entstehung der Gewalt durch Fans sind sehr vielfältig wie die nachfolgenden Zitate verdeutlichen:

„Sonst haben wir ja nicht viel.“ – „Hierbei erlebst du wenigstens Gemeinschaft – wo findet man die denn noch?“ – „In der Woche muß ich mich immer am Riemen reißen (...), muss eigentlich immer die Schnauze halten. Beim Fußball ist das anders – da darf die Sau raus.“ – „Wir haben eine Welt für uns – und in der geht es wild zu – aber frei“ (PRAMANN 1980, 44).

„Samstag sauf ich, bis ich besoffen bin...Sonst penn ich leicht ein, wenn ich besoffen bin. Aber am Samstag is dat anders. Für Schalke gilt wat anderes als sonst. Alkohol un Ärger – dann gehtet los. Wenne an den Ärger denkst auf Schalke, den ganzen Mist inne Woche, zu Hause dat Rumgemecker, inne Schule dat Rumgemecker, dann kriegste ne ganz schön Wut. Und die muss raus. Ich krieg dir nur raus mit Randale“ (PRAMANN 1980, 116)

Ein erlebnisarmer Alltag, fehlende Gemeinschaften, gesellschaftliche Zwänge und daraus resultierende Frustrationen sind Teil verschiedenster Aggressionstheorien der Psychologie, die – neben der Schilderung der Entwicklung der Fan- und Hooliganszene und der Darstellung von Präventions- und Interventionsmöglichkeiten bei Zuschauer-gewalt – im Mittelpunkt des Hauptteils der Arbeit stehen.

2.1 Vorstellung der Aggressionstheorien

Zur Erklärung der Ursachen von Gewalt liegen zahlreiche Theorien vor, die sich mit Aggression bzw. aggressivem Verhalten beschäftigen. Ralf Ek bezieht sich auf psycho-logische und sozialpsychologische Erklärungsansätze, die von der Grundüberlegung ausgehen, „dass für die Ausschreitungen bei Fußballspielen die Aggressionen der Zuschauer verantwortlich sind“ (EK 1996, 152).

Ziel der aggressiven menschlichen Verhaltensweisen können Verletzung oder Schädigung sein. Diese menschlichen Aggressionen treten in verschiedenen Erscheinungsformen auf (vgl. ebd.). Nach außen nicht erkennbare Aggressionen (z.B. Wut) stehen dabei auf unterster Stufe. Verbale Aggressionen (wie beleidigendes Rufen) werden gefolgt von Aggressionen gegen Sachen und Tiere (z.B. Vandalismus). Die „schwerwiegendste Stufe wird bei aggressiven Handlungen gegen Menschen erreicht“ (ebd.).

In der folgenden Arbeit werden einige Aggressionstheorien vorgestellt.

2.1.1 Trieb- und instinkttheoretische Ansätze

Ek greift Freud’s psychoanalytische Trieblehre auf und leitet ein, dass durch „Teilnahme an aggressivem Verhalten eine Aggressionsverminderung eintritt“ (EK 1996, 153).

Nach Freud sind dem Menschen von seiner Geburt an zwei Instinkte gegeben. Zum einen der Sexualtrieb mit dem Wunsch der Selbsterhaltung, zum anderen der Destruktionstrieb mit dem Wunsch der Selbstzerstörung.

Um eine Selbstzerstörung zu vermeiden, muss „die dem Destruktionstrieb inne-wohnende Energie auf andere Personen umgeleitet werden [...] und es entsteht ein kathartischer Effekt“ (ebd.).

Auch nach Lorenz besitzt der Mensch einen angeborenen Aggressionstrieb, dessen Potenzial sich auflädt und durch aggressive Handlungen nach Entladung drängt (vgl. ebd.). Unterbleibt diese Entladung über einen längeren Zeitraum aufgrund eines fehlenden Schlüsselreizes, kann es – wie bei einem Dampfkessel – zum Aggressionsstau mit spontaner Entladung ohne vorherigem Schlüsselreiz kommen (vgl. ebd.).

Im Sinne des Katharsis-Effekts schreibt Lorenz dem Sport sozusagen die Funktion der reinigenden Kraft vor, so dass die Aggression nicht gegen die eigene Person gerichtet wird. Dies zeigt sich in den „gelegentlichen Gewaltausbrüchen der Zuschauer“ (EK 1996, 154).

Fußballzuschauer müssten bei „der Annahme einer solchen Sicherheitsventilfunktion des Sports für den unvermeidlichen menschlichen Triebdruck [...] nach dem Miterleben von Fußballspielen eine geringere Bereitschaft zu aggressiven Handlungen zeigen als vorher“ (SCHULZ 1986, 71).

2.1.2 Erklärungswert triebtheoretischer Ansätze

Dieses Modell kann nicht für das Hooliganphänomen gelten, da mögliche Schlägereien lange vor dem Spiel geplant sind und schon weit vor oder nach dem Spiel stattfinden (vgl. EK 1996, 164). Würden die kathartischen Effekte nur durch die Sportveranstaltung ausgelöst werden, müssten die Verhaltensweisen der Hooligans und den anderen gewalttätigen Fans während der An- und Abreise durch andere Ursachen erklärt werden (vgl. KRAFT 2001, 14).

Im Bezug auf das Dampfkesselmodell muss festgehalten werden, dass nach längeren Zeitspannen ohne Fußballspiele – wie zum Beispiel nach Sommerpausen – das „Potenzial verhaltensspezifischer Energie“ (EK 1996, 164) besonders groß sein müsste. Folglich müsste es besonders viele Auseinandersetzungen an den ersten Spieltagen nach diesen Pausen geben. Dies ist nicht der Fall; vielmehr bieten bestimmte Spielpaarungen – wie Derbies – eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Auseinandersetzungen.

Gewalttaten – besonders die der Hooligans – werden gemäß Analysen der Polizei nach dem Spiel begangen. Daher kann der Katharsis-Effekt durch das „Dampfablassen“ während des Spiels nicht gelten.

Nach Ek müssten Hooligans zudem einen Ersatzgegner finden, sobald es der Polizei gelinge, Gewalttätigkeiten an einem Spieltag zu verhindern. Auch das ist nicht der Fall und „Konfrontationen mit anderen Gruppen Jugendlicher sind seltene Ausnahmefälle“ (EK 1996, 165).

2.1.3 Die Frustrations-Aggressions-Theorie

Nach Dollard führen Frustrationen im wahrscheinlichsten Fall zu Aggressionen.

Nach Berkowitz erhöhen Frustrationen zumindest die „innere Bereitschaft zu aggressiven Handlungen, die aber nur dann auftreten, wenn Hinweisreize, d.h. Reize, die mit ärgerauslösenden Bedingungen oder mit Aggression ganz allgemein assoziiert sind, in der jeweiligen Situation vorhanden sind“ (EK 1996, 155).

Eine vom Zuschauer erlebte Niederlage des eigenen Teams kann als konkrete frustrierende Umweltbedingung für Zuschaueraggression gelten (Vgl. SCHULZ 1986, 75). Entsprechend der Frustrations-Aggressions-Theorie müssten diese Fans aggressiver sein, als die Fans des siegreichen Teams und das Frustrationserlebnis müsste zudem noch größer bei Niederlagen in bedeutenden Spielen sein (vgl. EK 1996, 166).

2.1.4 Erklärungswert der Frustrations-Aggressions-Theorie

Ek bestätigt, dass diese Theorie durch Alltagserfahrungen gut nachvollzogen werden kann (vgl. EK 1996, 165). Häufig ist zu beobachten, dass Fans Gegenstände auf das Spielfeld werfen, nachdem der Schiedsrichter einen „eigenen“ Spieler mit einer roten Karten bestraft hat. Hier ist die Beziehung Frustration à Aggression offensichtlich.

„Für die Erklärung des modernen Hooliganismus ist die Frustrations-Aggressions-Hypothese trotzdem nur bedingt geeignet, da Gewalttätigkeiten vor dem Spiel und gerade von den Hooligans der siegreichen Mannschaft nicht überzeugend erläutert werden können. [...] Das Ausleben von Aggressionen dient zudem in der Regel nicht dem Abreagieren von erlebten Frustrationen, sondern hat einen Selbstzweck, da es die Bedürfnisse der Handelnden nach Machtgefühl, Status und Abenteuer befriedigt“ (EK 1996, 166).

Da bei Ultras aggressive Handlungen vor Spielbeginn auf den Anmarschwegen auftreten und einige auch nach Siegen gewalttätiges Verhalten zeigen, muss festgehalten werden, dass die Frustrations-Aggressions-Theorie alleine nicht als universales Modell für alle Auseinandersetzungen im Fußball gelten kann (vgl. KRAFT 2001, 13).

Schulz stellt dem Frustrations-Aggressions-Modell zudem die Feldstudien zur Aggressivität von Sportzuschauern entgegen, in denen Goldstein und Arms keine „signifikante[n] Unterschiede zwischen Aggressivitätsmesswerten von frustrierten und nicht-frustrierten Zuschauern feststellen [konnten]“ (SCHULZ 1986, 75).

2.1.5 Lerntheoretische Konzepte

Lernpsychologen gehen davon aus, dass aggressive Handlungen gelernt werden, ohne dass sie auf einem Trieb basieren oder besondere Frustrationen als Auslöser vorhanden sein müssen (Vgl. SCHULZ 1986, 76). Für diesen Ansatz sind im Besonderen das operante Konditionieren, das Lernen am Erfolg und das Modelllernen ausschlaggebend.

„Skinner versuchte bereits 1938 nachzuweisen, dass ein Verhalten in Zukunft wieder ausgeführt wird, wenn es für den Handelnden positive Konsequenzen hat“ (ebd.). Die Verstärkung kann materieller oder psychischer Art sein.

Bezogen auf das Verhalten von Fußballfans kann das Anfeuern der eigenen Mannschaft im Zusammenhang mit der „Behinderung der gegnerischen Mannschaft in Form von Pfiffen, aggressiven Sprechchören usw.“ (SCHULZ 1986, 77) mit Erfolgsrückmel-dungen verbunden werden. Bei eintretendem Erfolg werden die verbalen, aggressiven Verhaltensweisen wiederholt und gefestigt. Bei intermittierender Verstärkung, (in diesem Fall: kein stetiger Erfolg des Teams) wird das Verhalten zwar weniger schnell aufgebaut, aber auch weniger schnell verlernt (vgl. ebd.).

Weiterhin bekräftigen sich die Fans untereinander für ihre Verhaltensweisen in Form von Aufmerksamkeit und sozialer Anerkennung (vgl. ebd.).

Das operante Konditionieren ist stets in Verbindung mit dem Modelllernen zu sehen, „denn das Übernehmen abgeschauter [...] Aggressionen scheint besonders in einer wachsenden Fankultur von Bedeutung zu sein“ (ebd.).

Im übertragenen Sinne des Modelllernens nach Bandura stehen vor allem ältere Fans als Vorbild für die jüngeren Stadionbesucher. Außerdem haben sie eine enthemmende Wirkung auf die Jüngeren, wenn diese erkennen, dass (verbale) Aggressionen nicht bestraft werden.

Außer von anderen Zuschauern lernen die Jüngeren auch noch aus den Verhaltens-weisen der Spieler – wie etwa dem Begehen unfairer Fouls oder aus obszönen Gesten und Worten (vgl. ebd.)

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783668056688
ISBN (Buch)
9783668087057
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306898
Note
1,0
Schlagworte
kritische analyse fußballfan- hooliganszene zuschauergewalt aggressionstheorien

Autor

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Titel: Kritische Analyse der Fußballfan- und Hooliganszene. Zuschauergewalt und Aggressionstheorien