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Fernsehen und Sprachentwicklung. Der kindliche Fernsehkonsum und dessen Einfluss auf die Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen

Hausarbeit 2013 10 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Fernsehnutzung von Kindern und Jugendlichen im Alter von 0-14 Jahren
2.1 Zahlen zum Fernsehkonsum in Deutschland
2.2 Kulturelle Unterschiede
2.3 Wann beginnt bewusstes Fernsehen?

3 Auswirkungen des Fernsehkonsums auf die kindliche Sprachentwicklung
3.1 Allgemeiner Forschungsstand: Inkonsistente Befunde
3.2 Erklärungsversuche der inkonsistenten Befundlage

4 Einflussfaktoren und Moderatoren eines möglichen Zusammenhangs

5 Fazit: „Förderliches Fernsehen“

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Das Fernsehen macht aus dem Kreis der Familie einen Halbkreis“ – so bildlich schildert das Zitat von Rolf Haller den Fernsehalltag in Familien. Die zwischenmenschliche Kommunikation, die für die Sprachentwicklung der Jüngsten doch essentiell ist, bleibt dabei auf der Strecke. Doch bedeutet das An des Fernsehers tatsächlich ein kurzfristiges Aus für die kindliche Sprachentwicklung? Haben mahnende Überschriften der Medien, wie „Fernsehen stört die frühe Sprachentwicklung“[1], tatsächlich ihre Berechtigung oder gehört das Fernsehen nicht längst zu einer förderlichen sprachlichen Umwelt der nächsten Generation? Da das Thema Fernsehkonsum im Kindesalter ein sehr weitläufiges ist, kann im Rahmen dieser Arbeit nur ein kleiner Einblick in die entwicklungspsychologische Forschung gegeben werden. Insbesondere liegt der Fokus auf dem allgemeinen Fernsehverhalten von Kindern, einem möglichen korrelativen Zusammenhang zwischen dem (quantitativen) Fernsehkonsum und den Sprach- und Lesekompetenzen und verschiedenen Einflussfaktoren, die sich auf diesen Zusammenhang auswirken können. Auf Basis der zugrunde liegenden Literatur werden zudem Empfehlungen für ein kindgerechtes „förderliches Fernsehen“ am Ende der Arbeit abgeleitet.

2 Fernsehnutzung von Kindern und Jugendlichen im Alter von 0-14 Jahren

2.1 Zahlen zum Fernsehkonsum in Deutschland

Obwohl ein Interesse am Fernsehen bereits ab dem 3. Lebensmonat (Diergarten & Nieding, 2012) zu beobachten ist, finden sich insbesondere im deutschen Sprachraum nur wenige Mediennutzungsdaten bezüglich der Altersgruppe der unter 5-Jährigen. Dabei besitzt gerade dieser Abschnitt der kindlichen Entwicklung im Hinblick auf den Spracherwerb höchste Relevanz. Eine der wenigen Zusammenfassungen zu diesem Thema liefert Götz (2007): Sie stellt fest, dass Säuglinge in ihrer natürlichen Umgebung bereits ab dem 4. Lebensmonat auf Bewegungen, Farben und Geräusche im Fernseher reagieren, auf das Gerät zu krabbeln und eigene Vorlieben für bestimmte Sendungen entwickeln. Ein zielgerichtetes Interesse für Bilder und Geräusche, die für die Babies selbst von Bedeutung sind, ist im Alter von 6-10 Monaten zu beobachten, sowie eine Art „interaktiver Umgang“ (sprechen mit Filmfiguren, bewegen zu Liedern) im Alter von 10-11 Monaten. Laut einer Umfrage des Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI-Mütterbefragung, 2006; vgl. Götz, 2007) lassen 13% der Mütter ihre unter 1-Jährigen Kinder fernsehen. Ab dem 2. Lebensjahr verändert sich schließlich das Verständnis der Kinder für das Fernsehen: Sie lernen, Charaktere und Figuren auseinander zu halten, kommunizieren mit ihrer Mutter über das Gesehene und imitieren im Fernsehen dargebotene Handlungen, wobei laut IZI-Umfrage mehr als die Hälfte der Kinder, nämlich 60%, im 3. Lebensjahr mit dem Fernsehen in Berührung kommen. Die ARD/ZDF-Studie „Kinder und Medien“ spricht sogar von 76% fernsehenden 2 bis 3-Jährigen (vgl. Feierabend & Mohr, 2004). Der Anteil steigt bis zum Alter von 5 Jahren sogar auf über 95% an (IZI-Umfrage, 2006; vgl. Götz, 2007). Im Durchschnitt sehen die 3 bis 5-jährigen Kinder 73 Minuten pro Tag fern, wobei ein Anstieg der Fernsehdauer mit zunehmendem Alter zu verzeichnen ist[2]. Allerdings liegen auch saisonale Trends dahingehend vor, dass die durchschnittliche Fernsehdauer im Winter höher ist als im Sommer (Schiffer, Ennemoser & Schneider, 2002; Ennemoser, Schiffer, Reinsch & Schneider, 2003).

2.2 Kulturelle Unterschiede

Obwohl nur wenige Daten bezüglich der Frage existieren, wann Kinder zum ersten mal in ihrem Alltag mit dem Fernsehen in Berührung kommen, deuten einige Befunde auf klare Kulturunterschiede hin (Götz, 2007). So beginnen beispielsweise deutsche Kinder später mit dem Fernsehen als Kinder in den USA und nutzen es auch nur halb so lange. Dies wird deutlich, wenn man die Prozentzahlen des Berichts der Kaiser Family Foundation aus dem Jahr 2006 mit der aus dem gleichen Jahr stammenden Umfrage des Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen vergleicht: 79% der US-amerikanischen Kinder im Alter von 0-2 Jahren sehen demzufolge fern, 43% davon sogar täglich (Diergarten & Nieding, 2012; Götz, 2007). Dementsprechend ist zu beachten, dass auch die Definition des „Vielsehers“ kulturabhängig ist.

2.3 Wann beginnt bewusstes Fernsehen?

Eine wesentliche Voraussetzung für die Aufnahme von Inhalten aus Bildmedien ist eine Fähigkeit, die von DeLoache (2002; in Nieding & Ohler, 2006) als „repräsentationale Einsicht“ bezeichnet wird, wobei ein wichtiger Teilaspekt dabei die sogenannte „duale Repräsentation“ darstellt. Letztere bezeichnet das Verständnis dafür, dass ein bestimmtes Bild (z.B. Aufnahme eines Apfelbaums) in einem Buch oder Film, einen echten Gegenstand repräsentiert, also Zeichencharakter hat. Beide Fähigkeiten entwickeln sich im Alter von etwa 2 Jahren, weshalb davon auszugehen ist, dass ein bewusster Fernsehkonsum in den ersten beiden Lebensjahren überhaupt nicht möglich ist und erst recht kein Erlernen von neuem Vokabular. Laut Götz (2007) kann ein „bewusstes Fernsehen“, was an dieser Stelle mit der gezielten Aufmerksamkeit auf bestimmte Inhalte und Handlungsstränge - und nicht nur auf optisch besonders saliente Reize - und der Integration des Gesehenen in das eigene Weltbild gleichgesetzt wird, erst im Vorschulalter beginnen. Erst wenn Kinder die Fähigkeiten entwickeln, von dem ihnen dargebotenen audiovisuellen Material auf ihre reale Umwelt zu schließen, chronologische Abläufe, Zusammenhänge und die Perspektiven der verschiedenen Figuren zu verstehen, können sie sich vermittelte Inhalte (z.B. Fakten, Buchstaben) und sogar gezeigte Verhaltensweisen (z.B. prosoziales Verhalten) aneignen.

3 Auswirkungen des Fernsehkonsums auf die kindliche Sprachentwicklung

3.1 Allgemeiner Forschungsstand: Inkonsistente Befunde

Betrachtet man die aktuelle empirische Forschung, so scheint es nicht möglich zu sein, eine eindeutige Aussage darüber zu treffen, ob der Fernsehkonsum im Kindesalter positive, negative oder überhaupt Auswirkungen auf die Sprachentwicklung hat. Dabei bestehen nicht nur inkonsistente Befunde über verschiedene Artikel hinweg. Selbst innerhalb einiger Studien konnten abhängig von Alter und Fernsehdauer unterschiedliche Zusammenhänge nachgewiesen werden (vgl. Zimmerman & Christakis, 2005).

Diergarten und Nieding (2012) nennen in ihrer Zusammenfassung des Forschungsstandes zwar eine Vielzahl an Moderatoren und Einflussfaktoren auf den Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Lesekompetenzen[3], postulieren allerdings insgesamt einen geringen negativen Zusammenhang, insbesondere bei Kindern bis zum 3. Lebensjahr. Andere Studien deuten ebenfalls darauf hin, dass ein erhöhter Fernsehkonsum mit schwächeren Sprach- und Lesekompetenzen (Ennemoser et al., 2003), der allgemeinen Sprachentwicklung und dem Leseverständnis (Schiffer et al., 2002) korrespondiert, wobei lediglich „Vielseher“, also Kinder, die über längere Zeiträume hinweg einen konstant höheren Fernsehkonsum als ihre Altersgenossen zeigen, in Leistungstests schlechter abschneiden. Zwischen „Wenig-“ und „Normalsehern“ scheinen keine signifikanten Unterschiede zu bestehen. Allerdings hebt sich die Gruppe der „Vielseher“ in der Regel nur in älteren Kohorten ab (Schiffer et al., 2002), was auf einen kumulativen Effekt hindeutet. Das bedeutet, dass sich die negativen Auswirkungen des Fernsehkonsums erst durch eine Anhäufung über die Zeit hinweg in der Sprachentwicklung niederschlagen.

Götz (2007) spricht sogar von einer eindeutigen Tendenz dahingehend, dass Vielseher im Allgemeinen einen geringeren Wortschatz und weniger Sprachkenntnisse aufweisen.

Allerdings gibt es auch Artikel die davon ausgehen, dass Fernsehprogramme die kindliche Sprachentwicklung und sogar den Fremdsprachenerwerb unterstützen. So postuliert Kirch (2008), dass Kinder unter bestimmten Bedingungen wesentliche Aspekte einer zu erlernenden Sprache durch das Anschauen altersgerechter Fernsehformate erwerben können und die Lernerfolge teilweise beachtlich sind. Diese Aussage wird auch durch andere Studien unterstützt (vgl. Kirch & Speck-Hamdan, 2007).

[...]


[1] http://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article13667105/Fernsehen-stoert-die-fruehe-Sprachentwicklung.html (Stand: 17.02.13, 19:15 Uhr)

[2] 6-9-Jährige: 85 min, 10-13-Jährige: 106 min, ab 14: 227 min (Diergarten & Nieding, 2012)

[3] Siehe Gliederungspunkt 4

Details

Seiten
10
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668050457
ISBN (Buch)
9783668050464
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306864
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Fakultät für Psychologie und Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Psychologie Entwicklungspsychologie Sprachentwicklung Fernsehkonsum

Autor

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Titel: Fernsehen und Sprachentwicklung. Der kindliche Fernsehkonsum und dessen Einfluss auf die  Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen