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Nähe und Distanz zum französischen Symbolismus in Stefan Georges Hymnen

Hausarbeit 2014 20 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der französische Symbolismus im Abgrenzung zum deutschen Symbolismus: Stilrichtung, Vertreter, Besonderheiten und Merkmale

3 Stefan Georges Hymnen

4 Beispiele aus Stefan Georges Hymnen
4.1 Weihe – Die Bedeutung der dichterischen Inspiration
4.2 Von einer Begegnung- Das deutsche Pendant zur französischen Vorlage À une passante von Charles Baudelaire

5 Schluss

6 Anhang

7 Bibliographie

1 Einleitung

„[…] (j)ede Äußerung, jedes Gefühl, jeder noch so schlichte Gegenstand wurde in seiner Symbolhaftigkeit dargeboten“.[1] Dies beschreibt den grundlegendsten Gedanken aller Vertreter des Symbolismus. Die teilweise unschöne Wirklichkeit wurde vereitelt und erhielt Symbolcharakter. Nicht nur in der Literatur, auch in der Kunst und Musik wurde der Symbolismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu der Kunstrichtung schlechthin. Der Symbolismus ist eine Kunstrichtung „[…] die in Abkehr von Realismus und Naturalismus den künstlerischen Inhalt in Symbolen wiederzugeben versucht“.[2]

Denn schon die alten Griechen erkannten, welcher künstlerische Wert dem Symbol innewohnt. Die oftmals unästhetische Wirklichkeit bildete nach wie vor den Inhalt aller literarischen Werke, gewann jedoch durch Symbole an Ästhetik hinzu und wurde dadurch aufgewertet. „Der Symbolismus war somit eine mystische Form des Ästhetizismus“.[3]

Das aus dem griechischen stammende Wort symbolon [4], das übersetzt Sinnbild oder Zeichen bedeutet, wurde bereits in der Antike als Erkennungszeichen unterschiedlicher Gruppen verwendet. Daher kommt auch die Bedeutung der Scherbe. Mitglieder einer gemeinsamen Gruppe trugen eine solche Scherbe als geheimes Erkennungszeichen mit sich.

Die bewusste Entscheidung „[…] Metaphern oder Hinweiszeichen für Dinge oder subjektive Befindlichkeiten“[5] zu verwenden, empfand auch der deutsche Lyriker Stefan George als äußert attraktiv. Der Versuch übernatürliche Erfahrungen in die „[…] Sprache sichtbarer Dinge überzuleiten […]“[6] lässt dementsprechend nahezu jedes Wort zum Symbol werden. Dies faszinierte George am französischen Symbolismus. Er selbst gilt als einer der herausragenden Vertreter und Wegbereiter des deutschen Symbolismus. George orientierte sich am französischen Symbolismus, dabei besonders an Charles Baudelaire, Stéphane Mallermé und Paul Verlaine.

Diese Adaption spiegelt sich auch in seinen frühesten Werken wieder, jedoch lässt sich neben dieser Nähe eine klare Abgrenzung beziehungsweise Distanz zu seinen französischen Vorbildern und zum gesamten französischen Symbolismus erkennen. Daher ist just diese Betrachtung der Nähe und Distanz von Stefan Georges Werken zu denen der französischen Symbolisten äußert interessant. Beispielhaft lässt sich diese divergierende Wahrnehmung der Nähe versus die der Distanz in Georges Gedichtband Hymnen und den darin enthaltenden Gedichten Weihe und Von einer Begegnung darlegen.

2 Der französische Symbolismus im Abgrenzung zum deutschen Symbolismus: Stilrichtung, Vertreter, Besonderheiten und Merkmale

„Gewöhnlich wird gesagt, der Symbolismus sei eine Reaktion gegen Naturalismus […] gewesen, und doch ist damit nur das Allgemeinste über ihn berichtet“.[7] Der Symbolismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts in Europa, ursprünglich hat er seine Wurzeln in Frankreich.[8] Die bewusste Abwendung der Schriftsteller gegen den vorangegangenen Naturalismus und den damit verbunden Rationalismus und Materialismus ebnete den Weg für diese neue Stilrichtung. Vermieden werden die direkte Benennung von Dingen oder einer inneren Stimmung, viel mehr werden Metaphern verwendet. Nicht die unschöne Realität soll wiedergegeben werden, sondern der Dichter fungiert als eine Art Schöpfer und erschafft eine neue eigene Kunstwelt.

„[…] das bewusst gewählte Symbol [wurde] als eine der wesentlichsten Stilelemente der neuen Kunst empfunden […]“.[9] Wie bereits erwähnt hat das Wort Symbol seinen Ursprung im Griechischen, verweist über sich selbst hinaus und hat somit eine tiefere Bedeutung. Der bewusste Verzicht von direkten Beschreibungen ist der wesentliche Bestandteil der symbolistischen Stilrichtung. Die Wurzeln dieser literarischen Epoche liegen begründet in den historischen Ereignissen und den damit verbundenen gesellschaftlichen Umwälzung des 19. Jahrhunderts, wie beispielsweise in der Industrialisierung. Auch der technische und wissenschaftliche Fortschritt, die Entstehung des Materialismus und die Strömung des Positivismus bedingten die Entwicklung des Symbolismus. Zu viel Alltägliches war Anlass zum Missfallen vieler Dichter, daher kam es zur Gegenbewegung vom Symbolismus gegen den Naturalismus.

Politische Themen waren niemals Gegenstand symbolistischer Gedichte. „Für den Symbolisten […], der in einer idealen Schönheit befangen ist, ist alles Politische ein fremdes und feindliches Thema“.[10]

Die Symbolisten lehnten die als graue, nüchterne und als ideenarme geltende Wirklichkeit ab und verzichteten auf alle politischen, moralischen oder sozialen Wirkungsabsichten. Das geschriebene Wort enthielt einen völlig neuen Charakter und war der Garant für die Entstehung einer autonomen Welt der Schönheit, war Verknüpfung zwischen der Fantasie des Dichters und der wirklichen Welt und wurde letztendlich durch Symbolhaftigkeit verstärkt beziehungsweise machte die symbolhaften Zusammenhänge erfahrbar. Keine gesellschaftliche Wirklichkeit und vor allem auch keine persönlichen, subjektiven Empfindungen, die auf äußere Ereignisse wie beispielsweise die Romantik Bezug nehmen, sollten im Symbolismus dargestellt werden. Die Symbolisten waren voll und ganz der Ästhetik verpflichtet, es gab „[…] kein[en] Versuch, etwas anderem als dem Schönen zu dienen“.[11] Geschaffen wird vielmehr eine rein mystische, ästhetische Kunstwelt, die für den Dichter gleichsam der Realität entspricht beziehungsweise ein Bild dieser abgibt.

Die Kunst stellte also für die Symbolisten eine Welt mit eigenen Regeln und Gesetzen dar. Das wohl berühmteste Zitat dieser Zeit L’art pour l’art [12], das sinngemäß übersetzt werden kann mit ‚die Kunst für die Kunst‘ beziehungsweise ‚die Kunst um die Kunst willen‘, galt als Leitspruch für viele Dichter in der symbolistischen Stilrichtung. Es handelte sich bei dieser literarischen Epoche um den Willen, das Wort in seiner reinsten Form abzubilden und die Kunst diesem zu Grunde zu legen. Der Sinn, dass die Kunst für sich steht und sich selbst genügt, entspricht explizit der Ansicht der Symbolisten. Stefan George prägte diesen Begriff in Deutschland, in Frankreich wurde diese Kunstauffassung vornehmlich von Gustave Flaubert und Charles Baudelaire geformt und verbreitet.[13]

Für die französischen Symbolisten lag die wahre Möglichkeit der Abbildung von ästhetischen Idealen im Begriff des Symbols, das als optimales stiltechnisches Element verwendet wurde. Es erhält somit Formelcharakter und wird als einheitlich bedeutsames Stilmittel gehandhabt. Die Entstehung des Symbolismus in Frankreich war eng verknüpft mit der Strömung der Dekadenz [14], auch die Kultur des fin de siècle [15] beeinflusste die neue literarische Strömung maßgeblich. Neben Charles Baudelaire waren vor allem Stéphane Mallarmé und Paul Verlaine wichtige Vertreter dieser neuen Stilrichtung.

[...]


[1] Sior, Marie-Luise: Stefan George und der französische Symbolismus. Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde bei der Philosophischen Fakultät der Hessischen Ludwigs-Universität zu Gießen. Gießen 1932, S. 4.

[2] www.duden.de/rechtschreibung/Symbol

[3] Bowra, C.M.: Das Erbe des Symbolismus. Hamburg 1943, S. 13.

[4] www.duden.de/rechtschreibung/Symbol

[5] Jeßing, Benedikt; Köhnen, Ralph: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. 3. Aktualisierte und überarbeitete Auflage. Stuttgart 2012, S. 80.

[6] Bowra, C.M.: Das Erbe des Symbolismus. Hamburg 1943, S. 16.

[7] Sior, Marie-Luise: Stefan George und der französische Symbolismus. Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde bei der Philosophischen Fakultät der Hessischen Ludwigs-Universität zu Gießen. Gießen 1932, S. 12.

[8] Jeßing, Benedikt; Köhnen, Ralph: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. 3. Aktualisierte und überarbeitete Auflage. Stuttgart 2012, S. 80.

[9] Sior, Marie-Luise: Stefan George und der französische Symbolismus. Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde bei der Philosophischen Fakultät der Hessischen Ludwigs-Universität zu Gießen. Gießen 1932, S. 23.

[10] Bowra, C.M.: Das Erbe des Symbolismus. Hamburg 1943, S.19

[11] ebd., S. 20.

[12] http://universal_lexikon.deacademic.com/44264/L'art_pour_l'art

[13] ebd.

[14] Der Begriff der Dekadenz beschreibt gesellschaftliche und kulturelle Veränderung, die als Niedergang, Verfall beziehungsweise Verkommenheit gedeutet und kritisch betrachtet wurden. Vorausgesetzt wird ein Verständnis von objektiv besserer, gehobener Zuständen.

[15] Bei dem Begriff des fin de siècle handelt es sich um eine kulturelle Bewegung, die eng mit dem Begriff der Dekadenz kontiert war und ebenfalls den kulturellen Verfall als Objekt bearbeitete.

Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668050075
ISBN (Buch)
9783668050082
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306792
Note
Schlagworte
Stefan George Hymnen Charles Baudelaire Symbolismus

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