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Brasiliens Rolle in der regionalen Integration des MERCOSUR. Außenpolitische Ambitionen vs. regionale Integration

Bachelorarbeit 2015 52 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung und politikwissenschaftliche Herausforderung
1.2 Aufbau und Vorgehensweise
1.3 Literatur und Forschungsstand

2 Theoretische Einordnung
2.1 Regionale (wirtschaftliche) Integration
2.2 Bedeutung einer regionalen Führungsmacht
2.3 Institutionalisierung und Interdependenz
2.4 Realistischer Intergouvernementalismus
2.5 Globales Machtgleichgewicht

3 Brasiliens außenpolitische Ambitionen
3.1 Die regionale Integration im MERCOSUR
3.2 Brasiliens Ansprüche auf eine regionale Führung
3.3 Institutionelle Interdependenzen im MERCOSUR
3.4 Einschränkungen regionaler Integration durch Intergouvernementalismus im MERCOSUR
3.5 Brasiliens Rolle im globalen Kontext
3.5.1 Das brasilianische Bestreben eines ständigen Sitzes im UN-Sicherheitsrat
3.5.2 Verschiebung von globalen Machtverhältnissen in der Welthandelsorganisation
3.5.3 Brasilien und die BRICS
3.5.4 Interregionale Beziehung zwischen dem MERCOSUR und der EU

4 Abschließende Betrachtungen

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Regionale Führungsmächte sind mit Schauspielern vergleichbar, die sehr unterschiedliche Rollen in zwei Stücken zu spielen haben, die zur gleichen Zeit im gleichen Theater aufgeführt werden.“ (Detlef Nolte)1

Durch die Gründung des ÄGemeinsamen Marktes des Südens“ (Mercado Común del Sur/ MERCOSUR) im Jahre 1991, der von den beiden Gründungsstaaten Argentinien und Brasilien ins Leben gerufen wurde, ist die regionale Integration in Südamerika beschlossen worden. Der in diesem Jahr von diesen beiden Staaten sowie Paraguay und Uruguay unterzeichnete Vertrag von Asunción sah vor, bis zum 1. Januar 1995 eine Freihandelszone zu schaffen und einen gemeinsamen Außenzoll zu erheben.2 Im Jahre 2012 konnte Venezuela als ein weiteres offizielles Mitglied gewonnen werden. Des Weiteren haben die Länder Bolivien und Ecuador einen Antrag auf eine Vollmitgliedschaft gestellt.3 Die gemeinsamen Formen von Marktorganisierung und wirtschaftlicher Strategien sollten im MERCOSUR vorerst im Fokus stehen.4 Bereits bis zum Jahre 2003 hat sich Ädas Handelsvolumen zwischen den MERCOSUR-Partnern […] über den Durchschnitt des Welthandels gesteigert.“5 Gerade Brasilien hat einiges zur Entstehung und Entwicklung des südamerikanischen Binnenmarktes beigetragen. Denn Ävor allem Brasilien ist bestrebt, durch regionale Integration an politischem Gewicht zu gewinnen.“6 Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedsländern hat Brasilien laut Kohlhepp am ehesten das Änatürliche Potenzial, [um] eine Führungsrolle in Lateinamerika sowie auch allgemein unter den tropischen Entwicklungsländern ein[zu]nehmen.“7 In den letzten Jahren nach der Gründung des MERCOSUR ließ sich eine auffallende Tendenz zur Kooperation Brasiliens mit einigen extraregionalen Staaten auf multilateraler sowie bilateraler Ebene feststellen.8 Außerdem wurde eine Stagnation des Handels innerhalb des MERCOSUR registriert.9 In dieser Arbeit werden dabei die wichtigsten extraregionalen Bündnisse wie die Beziehungen zur Europäischen Union (EU), die brasilianische Rolle innerhalb der Vereinten Nationen (UN) und innerhalb der Welthandelsorganisation (WTO) sowie die Beziehungen innerhalb der BRICS Gruppe (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) beleuchtet, um Brasiliens ambivalentes Verhalten inner- aber auch außerhalb des MERCOSUR erklären zu können. Hier soll näher erfasst werden, ob die Beziehungen außerhalb dieses Bündnisses Brasiliens Verhalten in der regionalen Integration maßgeblich beeinflussen. Die zahlreichen Beziehungen zwischen Brasilien und anderen Ländern und Organisationen sollen allerdings nicht das Ende für das regionale Bündnis des MERCOSUR bedeuten, denn es ist für Brasilien weiterhin wichtig, seine Position innerhalb des MERCOSUR aufrechtzuerhalten. Regionalismus stärkt und legitimiert vor allem das Handeln starker Staaten durch seinen institutionellen Rahmen.10 Im Verhalten Brasiliens innerhalb des MERCOSUR lassen sich jedoch gewisse Ambivalenzen feststellen, denn anders als einige andere Mitgliedsstaaten und die assoziierten Staaten Bolivien, Chile, Ecuador, Kolumbien und Peru, zeichnet sich Brasilien durch eine Äfestsitzende Zurückhaltung […] in Bezug auf den Ausbau der Institutionalisierung“11 aus. Das wird vor allem dann deutlich, wenn man vergleicht, wie wenige Reformen und Gesetze des MERCOSUR bisher von Brasilien im eigenen Land ratifiziert wurden.12 Des Weiteren möchte Brasilien seine Souveränitätsrechte nicht zugunsten des MERCOSUR abgeben und könnte somit seine Führungsrolle innerhalb der Region gefährden.13 Schon seit der Amtszeit von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva änderte sich der außenpolitische Stil weg von der Integration südamerikanischer Länder hin zu globalen Allianzbildungen. Diese Tendenzen wurden von der amtierenden Präsidentin Dilma Rousseff, ebenfalls von der sozialdemokratischen Partei Partido dos Trabalhadores (PT), weiter verfolgt und konsolidiert. So lässt sich vermuten, dass Brasilien andere Ziele durch die regionale Integration im MERCOSUR erwartet als die anderen Bündnispartner, die vor allem ökonomisch von dem Bündnis profitieren. Diesem Phänomen der internen Fragmentierung des Bündnisses liegen unter anderem die unterschiedlichen innerstaatlichen Wirtschaftsstrukturen zugrunde.14 Die Problemstellung soll im Folgenden weiter ausgeführt und ergänzt werden.

1.1 Problemstellung und politikwissenschaftliche Herausforderung

Die bereits erwähnten Disparitäten zwischen Brasilien und den anderen MERCOSUR-Mitgliedsländern lassen vermuten, dass das Bündnis - zumindest von brasilianischer Seite aus - nicht unbedingt notwendig erscheint und somit zum Scheitern verurteilt ist, da gerade Brasilien in dieser Hinsicht die treibende oder eben hemmende Kraft für das Bündnis ist. Die brasilianische Gleichgültigkeit gegenüber dem Bündnis wandelte sich allerdings vorerst in einen progressiven Aktivismus um, als wirtschaftliche Kooperationen mit der EU anstanden.15 Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass Brasilien aus Eigeninteresse mit Hilfe des MERCOSUR versucht, auch globale Machtansprüche zu erheben, indem es auf die Beziehungen mit Ländern außerhalb Südamerikas setzt. Da Brasilien lange Zeit als Entwicklungsland galt, also global keineswegs mit den Großmächten USA oder den Ländern der EU verglichen werden konnte, ist es für Brasilien daher besonders wichtig, seine Rolle außerhalb der Region mit Hilfe des regionalen Bündnisses zu stärken, dieses also als eine Art ÄSprungbrett“16 zu nutzen, um mit den globalen Mächten auf gleicher Augenhöhe agieren zu können. Schließlich ist es nur durch eine starke regionale Wirtschaft möglich, sich auf dem Weltmarkt und schließlich auch in der Weltpolitik zu profilieren. Anhand dieser Tatsachen lässt sich deshalb auch vermuten, dass Ädie meisten Staaten aufgrund eigener nationaler Interessenkalkulation und nicht unbedingt, um auf Unmut oder Dankbarkeit zu hoffen, miteinander befreundet oder verfeindet sind, was in dieser Arbeit bewiesen werden soll. “17

Die Herausforderung liegt vor allem darin, dass genauer untersucht werden muss, ob diese Rolle einer regionalen Führungsmacht von einem Land - hier also Brasilien - lediglich selbst gefordert wird oder ob einem Land diese Rolle unter anderem von den anderen Ländern, den sogenannten Äfollowern“18 unterstützt und anerkannt wird. Es muss außerdem bedacht werden, dass das Bündnis des MERCOSUR nicht vollends mit anderen bestehenden und erfolgreichen Bündnissen wie beispielsweise der EU verglichen werden kann, denn es handelt sich hier anders als bei der EU um kein supranationales Abkommen, sondern um ein intergouvernementales.19 Das bedeutet, dass die Mitgliedsländer keine Souveränität an die Institution des Bündnissees abtreten müssen und somit Verhandlungen zwischen den einzelnen nationalen Vertretern der Mitgliedsländer stattfinden.20 Vor allem dieser Faktor muss bei der Analyse bedacht werden, da sich der Großteil der vorhandenen Literatur zu Regionalismus und regionaler Integration auf die EU bezieht und somit nur teilweise als Anhaltspunkt für die Analyse des ambivalenten brasilianischen Verhaltens im MERCOSUR herangezogen werden kann. In dieser Arbeit soll genauer beleuchtet werden, ob Brasilien die regionale Integration im MERCOSUR lediglich zur eigenen Zielverfolgung benutzt, um als ÄGlobal Player“ anerkannt zu werden und ob seine globalen Ansprüche dementsprechend ein Hemmnis für das regionale Bündnis darstellen. Denn es wird argumentiert, dass die meisten Staaten durch den Regionalismus versuchen, ihre Position und ihre Verhandlungsmacht im internationalen System zu stärken.21 Da der Fokus vor allem auf die weiteren extraregionalen Beziehungen gelegt werden soll, um Rückschlüsse auf dieses Verhalten innerhalb der eigenen Region führen zu können, kann auf diverse, teils konkurrierende, Elemente unterschiedlicher Theorien der internationalenb Beziehungen zurückgegriffen werden, die im zweiten Kapitel genauer erläutert werden sollen.

1.2 Aufbau und Vorgehensweise

Anhand der zur Verfügung stehenden und ausgewählten Literatur werden die wesentlichen Elemente unterschiedlicher Theorien der internationalen Beziehungen dazu verwendet, um Brasiliens teils doppeldeutiges Verhalten innerhalb des MERCOSUR zu erklären, welches augenscheinlich auf seine Machtansprüche und Beziehungen außerhalb des Bündnisses zurückzuführen sind, indem diese Elemente mit Begründung der Verwendung für die Analyse zuerst kurz erläutert werden. Darauffolgend werden diese Elemente über ausgewählte empirische Fallbeispiele des brasilianischen Verhaltens, die die These verifizieren sollen, überprüft, um folglich das intraregionale Verhalten erklären zu können. Die Fallanalysen Äleisten […] wichtige Beiträge zur Identifizierung von Einflussfaktoren und bei der Interpretation von Zusammenhängen.“22 Die ausgewählten Fälle beziehen sich auf die bestehenden Beziehungen zu Organisationen wie den Vereinten Nationen, der Welthandelsorganisation (WTO), dem Bündnis der BRICS-Staaten und den Beziehungen zwischen dem MERCOSUR und der EU mit besonderer Fokussierung auf Brasilien. Diese sollen Folgerungen auf Brasiliens Verhalten innerhalb des südamerikanischen Wirtschafsbündnisses ziehen und somit Brasiliens außenpolitische Ambitionen, vor allem die innerhalb des MERCOSUR erklären. Aus der Sicht qualitativer Forschung wird hier somit anhand der ausgewählten Theorie das brasilianische Verhalten auf der Makroebene versucht zu erklären und zu verstehen, welches ein singuläres Phänomen darstellt, da es nicht vollends mit bestehenden Analysen der regionalen Integration der EU vergleichbar ist.23 Daher sollen insgesamt durch eine abduktive Analyse sowohl empirisch nachweisbare Aussagen mit Betrachtung theoretischer Aussagen als auch Fall- beziehungsweise Strukturaussagen getroffen werden, die die in dieser Arbeit behandelte These unterstützen und das brasilianische Verhalten erklären.24

1.3 Literatur und Forschungsstand

Bevor mit der Analyse begonnen werden kann, muss der aktuelle Forschungsstand zusammengefasst sowie die dazugehörige Literatur erwähnt werden. Das ist besonders deshalb von Bedeutung, da dieses Feld zur Verifizierung der aufgestellten These sehr weitläufig ist und nicht durch eine allgemeingültige Theorie erklärbar ist, sondern sich durch einzelne Komponenten unterschiedlicher und ergänzender Theorien erschließen lässt, wie es im darauffolgenden Kapitel festzustellen ist.

Die auswärtige Politik Brasiliens ist Inhalt vieler Forschungen. Regionalismus verändert sich im Laufe der Zeit und so müssen auch fortlaufend neue Kenntnisse in den internationalen Beziehungen gewonnen werden. Zum einen - bezogen auf die empirischen Fälle - bezieht sich der hier zu untersuchende Forschungsrahmen auf die letzte Amtszeit von Luiz Inácio Lula da Silva und seine Nachfolgerin Dilma Vana Rousseff, die beide der PT angehören, da beide - geleitet von ihrer Parteiideologie - einen ähnlichen Führungsstil aufweisen.25 Auf der anderen Seite - bezogen auf die ausgewählten Theorien - wird beispielsweise in der Literatur von Fawcett (1995) und Oelsner (2007) erklärt, dass der Regionalismus beziehungsweise Bündnisse im Allgemeinen nur temporäre Phänomene sind. Diese temporären Veränderungen müssen bei der Auswahl der Literatur ebenfalls bedacht werden.

Brasilien wird bei einem Großteil der Forschung und Literatur als ein Aspirant für eine regionale Vormachtstellung und ein global wirtschaftlich sowie teilweise politisch relevantes Land beschrieben und anerkannt. Einige Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass Brasilien diese Machtansprüche sowohl regional als auch global selbst erhebt (Phillips 2003; Nunnenkamp 2001; Flemes et al. 2012; Schirm 2007). Mit der Äinternationalen Politik Brasiliens in Hinblick auf die Rolle des Landes in der globalen Strukturpolitik“26 hat sich bereits auch Stefan Schirm befasst, um auch zukünftige Hypothesen für das brasilianische Verhalten aufstellen zu können. Durch seine Studien konnten bereits mögliche Szenarien bezüglich der brasilianischen Beziehungen außerhalb des MERCOSUR hergeleitet werden, die in dieser Arbeit nun zu weiterführenden Rückschlüssen auf das brasilianische Verhalten innerhalb des MERCOSCUR führen sollen.

Oelsner (2007) beschreibt Regionen außerdem, indem sie feststellt, dass diese das Sicherheitsdilemma überwunden und friedliche Beziehungen zu anderen Staaten mit wechselseitigem Vertrauen und Selbstbewusstsein aufgebaut haben.27 Des Weiteren erklärt sie, dass Staaten manchmal die freundschaftlichen Beziehungen zu anderen Staaten festigen und auch in deren Namen kämpfen. Dennoch stellen sich Oelsner (2007) sowie auch andere hier zitierte Autoren die Frage, ob sich Staaten Allianzen anschließen, um Ziele zu balancieren oder Nutzen von der starken Seite zu erzielen.28 Die überwiegende Anzahl an Forschungen, die die in dieser Arbeit ausgewählte These eher unterstützen und bestätigen als sie zu widerlegen, sagt aus, dass Staaten sich lediglich aus Freundschaft und Gründen der Unterstützung zusammenschließen.29 Zwar werden diese Aspekte des gegenseitigen Vertrauens in den Forschungen nicht ausgeschlossen, jedoch werden weitere Motive für einen regionalen Zusammenschluss bedacht, die darauf gründen, dass die Welt mehr und mehr zusammenwächst und daher die wirtschaftlichen Beziehungen in der eigenen Region nicht mehr ausreichend sind, um sich als einzelner Staat global zu profilieren. Anhand dieser Tatsachen sollen die hier folgenden Erkenntnisse erzielt werden. Die Relevanz der verwendeten Elemente der Theorien zu internationalen Beziehungen soll im folgenden Kapitel näher erläutert werden.

Aufgrund dieser Kenntnisse soll die These, ob Brasilien das Bündnis des MERCOSUR lediglich als ÄSprungbrett“ benutzt, um in der Welt als ÄGlobal Player“ anerkannt zu werden, überprüft werden und, ob sich somit auch dieses im außenpolitischen Verhalten Brasiliens im Bündnis widerspiegelt.

2 Theoretische Einordnung

In diesem Kapitel sollen nun alle ausschlaggebenden theoretischen Elemente dargestellt werden, die bedeutsam für die Erklärung des brasilianischen Verhaltens inner- und außerhalb des MERCOSUR sind, um folgend die Fallbeispiele analysieren zu können. Die vorhandene Literatur zum Thema regionale Integration bezieht sich, wie bereits festgestellt wurde, größtenteils auf die regionale Integration der EU, deren starker struktureller Aufbau zwar als Vorbild für regionale Integration dient, allerdings in anderen Kontexten - wie beispielsweise im MERCOSUR - nicht euqivalent übernommen werden kann. So beschreibt es auch Tickner (2003), die sich mit alternativen Theorien der internationalen Politik beschäftigt. Es sei zu beachten, dass ÄLatin American IR [International Relations] scholars credit both authors with pioneering the ‚creative incorporation‘ of traditional IR principles into regional analyses of international affairs. This fusion of concepts from dependency, realism, and interdependence led to the creation of a Latin American ‚hybrid‘ model that was widely used to analyze global issues and that reflected the tendency, still prevalend today, to pick and choose useful categories from different theories.“30

Im Hinblick auf die Beantwortung der Fragestellung gilt es außerdem zu beachten, ob Politikwissenschaft “can […] develop general insights that are universally applicable? “ oder “is it therefore more realistic to shelve universalistic ambitions and seek middle-range generalizations that apply only to certain settings?“31 Was mit diesen Aussagen verdeutlicht werden soll, ist, dass die Elemente der in dieser Arbeit verwendeten Theorien, sich vor allem auf den westlichen Teil des Globus beziehen und die erzielten Erkenntnisse keine Allgemeingültigkeit im Hinblick auf die Gegebenheiten in anderen Integrationsprozessen zulassen. ÄIn international relations, the study of physical regions has been predicated on the notion of anarchy, which leads sovereign states to work to control specific territories and to form regional security complexes.“32 So könnte man auch die Beziehungen Brasiliens zu den anderen Mitgliedsstaaten des MERCOSUR beschreiben. Gerade auf die Beziehung zwischen den alten Rivalen Argentinien und Brasilien trifft dies zu, um den alten Wettbewerb des Machtgleichgewichts zu beseitigen. So sollen zum einen die Merkmale der Theorie des Realismus, das Machtgleichgewicht33, die Merkmale der Theorie des Institutionalismus/Intergouvernementalismus und die erfolgreiche Durchsetzung von nationalen Zielen34 zur Beantwortung der Fragestellung herangezogen werden.

2.1 Regionale (wirtschaftliche) Integration

Hier sollen nun die Merkmale und Besonderheiten regionaler Integration näher betrachtet werden, die gerade für die regionale Integration im MERCOSUR von Bedeutung sind. Aus dem oben beschriebenen Zitat von Väyrynen kann geschlossen werden, dass regionale Integration nur dann als sinnvoll erachtet werden kann, wenn diese für alle beteiligten Staaten von Nutzen ist.35 Ebenfalls impliziert das Konzept des Regionalismus eine multi-dimensionale Integration, die sich neben der Ökonomie außerdem auf die Sicherheit, die Kultur, die Politik und die Umwelt bezieht, welche sich alle gegenseitig beeinflussen können und miteinander in Verbindung stehen.36 Weitere Kennzeichen regionaler Integration sind die Beschleunigung, die Veränderung und die Umkehrung von Prozessen des sozialen Wandels und auch die Vervielfältigung dieser Strukturen einer Region.37 Daraus folgt, dass eine regionale Integration nur dann erfolgreich sein kann, wenn die beteiligten Staaten, die auf die eben dargestellten Punkte bezogenen gleichen Werte und Normen miteinander teilen.

Wie es auch am Beispiel der regionalen Integration der EU erkennbar ist, stehen eben vor allem die ökonomischen Aspekte der Integration im Vordergrund und sind ausschlaggebend und bestimmend für den weiteren Prozess der selbigen. Gemeinsame Formen der Marktorganisation und Wirtschaftsstrategien vereinfachen den Fluss von Gütern innerhalb der Region aber auch zwischen dieser und anderer Regionen.38 Außerdem können die Mitgliedsländer einer Region durch den Aufbau einer Zollunion Vorteile gegenüber anderen Ländern außerhalb der Region geboten werden, indem beispielsweise die Außenzolltarife für Drittländer höher sind und somit der regionale Handel unterstützt wird.39 Die hier genannten Gründe für eine regionale Integration können durchaus als positive Konsequenzen gewertet werden, da sie für alle beteiligten Länder vorteilhaft sind, auch wenn diese Vorteile in den Ländern der Region auch zwischen den einzelnen Ländern noch variieren können.

Dies resultiert daraus, dass die Länder einer Region unterschiedliche nationale Voraussetzungen und Eigenschaften aufweisen. Das offensichtlichste Merkmal dafür ist die unveränderbare Geographie eines Landes. Ein größerer Staat hat deshalb eine größere geopolitische Stärke, da es über mehr Land und dadurch beispielsweise über einen größeren Anteil natürlicher Ressourcen verfügen kann. ÄStaaten, die gewöhnlich als regionale Führungsmächte aufgelistet werden, zeichnen sich in der Regel durch eine im regionalen Vergleich große Bevölkerungszahl und eine hohes (absolutes) Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus.“40 Das bedeutet, dass dieses Land, dessen Bevölkerung innerhalb der Region die größte darstellt, in der Regel mehr Arbeitskraft zur Verfügung hat, was sich positiv auf die Wirtschaft des Landes auswirkt. Dieser Aspekt kann sich jedoch wieder durch den freien Fluss an Humankapital relativieren, indem durch einen gemeinsamen Wirtschaftsmarkt nicht nur Güter frei verfügbar sind, sondern auch die Arbeitskräfte grenzübergreifend eingesetzt werden können. Wenn man sich im Gegensatz dazu aber auch auf die (neo-) realistischen Annahmen der internationalen Beziehungen zur Bildung von Allianzen bezieht, so ergibt sich, dass Bündnisse auf Äbalance of power“41 - Mechanismen beruhen. Das bedeutet, dass man sich zusammenschließt, damit ein anderer Staat der Region für den anderen nicht zu stark und somit die Bedrohung dieses anderen Staates eingedämmt werden kann. Regionalismus gilt deshalb auch als Äself help system“42 für schwächere Staaten, um mit dem veränderten internationalen Umfeld umzugehen. Waltz erklärt das internationale System demnach so, dass Äjeder Staat selbst für seine Sicherheit sorgen“43 muss. Um aber diese Sicherheit gewährleisten zu können, benötigt ein Staat aus (neo-) realistischer Sicht Macht, um andere Staaten beispielsweise einschüchtern oder beeinflussen zu können. Denn Staaten handeln laut dieser Theorie aus Eigeninteresse beziehungsweise werden Staaten, die nach Macht streben, als egoistisch- zweckrational beschrieben.44 Da sich dieses Phänomen auch in der regionalen Integration wiederfinden lässt, bedeutet das, dass gewisse Staaten einer Region, die die notwendigen Voraussetzungen vorweisen, um als Regionalmacht anerkannt zu werden, trotz der starken Verbindungen mit den anderen Staaten dieser Region, versuchen, eine Vormachtstellung innerhalb dieser Region beziehungsweise auch außerhalb der Region anstreben. Dementsprechend behandelt das folgende Kapitel die Ansprüche einer regionalen Führungsmacht. Die Relevanz der Bedeutung dieser Führungsmacht wird sich im darauffolgenden empirischen Teil herausstellen, wenn es darum geht, die sich gegenseitig beeinflussenden Machtansprüche Brasiliens innerhalb und außerhalb des MERCOSUR erklären zu können.

2.2 Bedeutung einer regionalen Führungsmacht

Um den oben genannten (neo-) realistischen Annahmen weiter zu folgen, wird in diesem Kapitel näher ausgeführt, welche Eigenschaften und Voraussetzungen von Nöten sind, um als regionale Führungsmacht zu gelten und seine Interessen durchsetzen zu können. Bei der Analyse der regionalen Führungsmächte müssen Ansätze unterschiedlicher Theorien berücksichtigt werden, um umfassende Ergebnisse erhalten zu können.45 Detlef Nolte beschreibt das Verhältnis einer regionalen Führungsmacht zu den anderen Ländern der Region selbst als ambivalent, was hier auch der ausschlaggebende Punkt dieser Arbeit sein wird.46 Das lässt sich zum einen aus Sicht der regionalen Führungsmacht erklären, die ihre Macht eigennützig durch die Unterstützung der anderen Länder in der Region durchsetzen kann und zum anderen lässt es sich dadurch erklären, dass die anderen Länder der Region sich durch die regionale Führungsmacht auf globaler Ebene unterstützt fühlen, also ihre Interessen über die regionale Führungsmacht auf globaler Ebene artikulieren können und somit scheinbar beide Seiten von einer Integration profitieren können. Welcher dieser gegensätzlichen Aspekte tatsächlich zum Tragen kommt, wird sich im Laufe dieser Arbeit anhand des Beispiels des brasilianischen Verhaltens im MERCOSUR klären lassen. Die unterschiedlichen Ambitionen der Mitgliedsländer einer Region beziehungsweise gerade die Ambitionen des regional stärksten Landes lassen sich über die Analyse der Ansprüche einer regionalen Führungsmacht erklären. Zwei wichtige Voraussetzungen, um als regionale Führungsmacht anerkannt zu werden, sind zum einen die militärische Kraft und zum anderen das ökonomische Potenzial.47 Zudem beschreibt Nolte (2007) weitere Merkmale, die eine regionale Führungsmacht aufweisen muss, um als solche definiert zu werden. Dazu zählt beispielsweise der Einfluss des Landes auf die gesamte Region oder deren Integration in interregionale oder globale Foren und Institutionen.48 In dieser Arbeit wird vor allem Letzteres durch die Fallbeispiele näher beleuchtet und die militärische Dimension lediglich in Bezug auf den Fall der Vereinten Nationen in den Blick genommen. Durch die unterschiedlichen Beispiele soll und kann nämlich erklärt werden, dass eben nicht nur eines der Potenziale der Länder ausreicht, um genügend Anerkennung für eine Rolle als regionale Führungsmacht zu erhalten. Demnach ist es für diese wichtig, für die anderen Staaten, als sogenannte Äfollower“49, genügend Anreize bieten zu können, damit diese die Regionalmacht anerkennen und deren Vorhaben unterstützen, denn eine Führung ist eine Beziehung “between a leader and those who follow the leader […]. This relationship cannot be understood by focusing on the leader alone.”50 Aus (neo-) realistischer Perspektive ist dennoch eine übliche Konsequenz auf der einen Seite, dass sich die kleineren und nicht so starken Länder deshalb zusammenschließen und sich gemeinsam gegen das stärkste Land der Region verbünden, um das Machtgleichgewicht aufrechtzuerhalten.51 So entsteht nämlich eine Machtkonkurrenz innerhalb der Region. Diese birgt allerdings Einschränkungen, um auf globaler Ebene agieren zu können. Eine kleinere Macht kann auf globaler Ebene nur geringen Einfluss ausüben, da deren geringes Potenzial - sei es politisch, ökonomisch oder militärisch - wenig ausschlaggebend für die internationale Prozesse ist. Deshalb ist es auf der anderen Seite für ein Land, welches wenig Machtpotenzial in der Region besitzt, sinnvoller, sich auf das in der Region politisch, ökonomisch und militärisch stärksten Land einzulassen, um Vorteile erhalten zu können und es beispielsweise bei gegebenenfalls auftretendem Misstrauen kontrollieren und einschränken zu können.52

[...]


1 Nolte, Detlef (2012): Regionale Führungsmächte: Analysekonzepte und Forschungsfragen. In: Flemes, Daniel; Nabers, Dirk; Nolte, Detlef (Hg.): Macht, Führung und regionale Ordnung - Theorien und Forschungsperspektiven. Nomos, Baden-Baden, S. 52.

2 Vgl. Tratado para la Constitución de un Mercado Común entre la República Argentina, la República Federativa del Brasil, la República del Paraguay y la República Oriental del Uruguay. [Übersetzt durch die Autorin dieser Arbeit]. http://www.wipo.int/wipolex/es/regeco_treaties/text.jsp?file_id=234263. [Zugriffsdatum: 26.07.2015].

3 Vgl. MercoPress (2013): Bolivia full incorporation to Mercosur now rests on legislative approval from other members. http://en.mercopress.com/2013/05/06/bolivia-full- incorporation-to-mercosur-now-rests-on-legislative-approval-from-other-members.

4 Vgl. Phillips, Nicola (2003): The rise and fall of open regionalism? Comparative reflections on regional governance in the southern cone of Latin America. In: Third world quarterly, Vol 24, Nr. 2, S. 217-234, S.232.

5 Hennecken, Tina (2015): Brasilianische Außenpolitik zwischen Autonomie und Integration- Herausforderungen für die zweite Amtszeit von Dilma Rousseff. Friedrich-Ebert-Stiftung Brasilien, S. 3.

6 Nunnenkamp, Peter (2001): Ist diesmal alles anders? : Die neue Welle regionaler Integration in Lateinamerika aus europäischer Perspektive. Kiel Working Papers, No. 1026, S. 5.

7 Kohlhepp, Gerd; Altvater, Elmar (2003): Brasilien. Entwicklungsland oder tropische Grossmacht des 21. Jahrhunderts? Tübingen: Attempto, S. 51.

8 Vgl. Schirm, Stefan A. (2007): Die Rolle Brasiliens in der globalen Strukturpolitik. Bonn: DIE (Discussion paper / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, 2007,16, S. 1.

9 Vgl. Bechle, Karsten (2011): Kein Auslaufmodell. 20 Jahre Mercosur. Hamburg: GIGA (GIGA Focus Lateinamerika), S. 2.

10 Vgl. Fawcett, Louise (Hg.) (1995): Regionalism in world politics. Regional organization and international order. Oxford u.a.: Oxford Univ. Pr., S. 10.

11 Phillips 2003, S. 220.

12 Vgl. Schirm 2007, S. 6.

13 Vgl. ebd.,S. 5.

14 Vgl. Phillips 2003, S. 231.

15 Vgl. ebd., S. 221.

16 Bechle 2011, S. 3.

17 Oelsner, Andrea (2007): Friendship, Mutual Trust and the Evolution of Regional Peace in the International System. In: Critical Review of International Social and Political Philosophy 10 (2), S. 257-279, S. 258 [Übersetzt durch Autorin dieser Arbeit].

18 Cooper, Andrew Fenton; Higgott, Richard A.; Nossal, Kim Richard (1993): Relocating middle powers. Australia and Canada in a changing world order. Vancouver: UBC Press (Canada and international relations, 6, S.16.

19 Vgl. Malamud, Andrés (2008), The Internal Agenda of Mercosur: Interdependence, Leadership and Institutionalization. In: Grace Jaramillo (Hg.), Los nuevos enfoques de la integración: más allá del regionalismo. Quito: FLACSO, 115-35, S. 116.

20 Vgl. Schirm 2007, S.5.

21 Vgl. Fawcett 1995, S. 10.

22 Westle, Bettina (Hg.) (2009): Methoden der Politikwissenschaft. Baden-Baden, Nomos (Studienkurs Politikwissenschaft), S. 99.

23 Vgl. ebd.

24 Vgl. ebd., S. 103.

25 Vgl. Hennecken 2015, S. 2

26 Schirm 2007, S. 1.

27 Vgl. Oelsner 2007, S. 257.

28 Vgl. ebd., S. 259.

29 Vgl. ebd., S. 258.

30 Tickner, Arlene B. (2003): Hearing Latin American Voices in International Relation Studies. In: International Studies Perspectives, 4 (4), S. 334.

31 Weyland, Kurt Gerhard (2002): Limitations of rational-choice institutionalism for the study of Latin American politics. In: Studies in Comparative International Development Volume 37, Issue 1, S. 57-85, S. 58.

32 Väyrynen, Raimo (2003): Regionalism: Old and New. In: International Studies Review, 5, S. 25-51, S. 27.

33 Vgl. Oelsner 2007, S. 259 / Schimmelfennig, Frank (2010): Internationale Politik. 2., aktualisierte Aufl. Paderborn, Wien, Schöningh UTB, S. 81.

34 Vgl. Schimmelfennig 2010, S. 293 ff/ Duina, Francesco; Buxbaum, Jason (2008): Regional trade agreements and the pursuit of state interests: institutional perspectives from NAFTA and Mercosur. In: Economy and Society 37 (2), S. 193-223, S. 198.

35 Vgl. Väyrynen 2003, S. 27.

36 Vgl. Hettne, Björn (1999): Globlization and the New Regionalism: The Second Great Transformation. In: Globalism and the New Regionalism, edited by Björn Hettne, Andreas Sapir and Osvaldo Sunkel. New York: St. Martin’s Press, S.39.

37 Vgl. Phillips 2003, S. 232.

38 Vgl. ebd.

39 Vgl. Duina; Buxbaum 2008, S. 200.

40 Nolte, Detlef (2012): Regionale Führungsmächte: Analysekonzepte und Forschungsfragen. In: Macht, Führung und Regionale Ordnung - Theorien und Forschungsperspektiven. Nomos, Baden-Baden, S. 29.

41 Oelsner 2007, S. 259.

42 Fawcett 1995, S. 10

43 Waltz, Kenneth N. (1979): Theory of International Politics. New York: Random House, S. 104.

44 Vgl. Schimmelfennig 2010, S. 67.

45 Vgl. Nolte, Detlef 2012, S. 21. Hier wird unter anderem auch die interne Machtbasis als Ansatz zur Analyse einer regionalen Führungsmacht verwendet, die in dieser Arbeit allerdings ausgeklammert wird, da sie für das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit eine untergeordnete Rolle spielt.

46 Vgl. ebd.

47 Vgl.Flemes, Daniel; Thorsten Wojczewski (2010): Contested Leadership in International Relations: Power Politics in South America, South Asia and Sub-Saharan Africa. In: GIGA Research Programme: Power, Norms and Governance in International Relations. Working Paper No.121, S. 5.

48 Weitere Eigenschaften, die in dieser Arbeit allerdings nicht näher erläutert werden, werden näher bei Flemes et. al. (2012) erläutert.

49 Vgl. Nolte 2010, S. 47.

50 Cooper, Andrew F. et al. (1991): Bound to Follow? Leadership and Followership in the Gulf Conflict. In: Political Science Quarterly, vol. 106, Nr. 3 ff., 391-410, S. 396.

51 Vgl. Schimmelfennig 2010, S. 81 f.

52 Vgl. Hurrell, A. (1995): Explaining the Resurgence of Regionalism in World Politics. In: Review of International Studies, 21(4), 331-58.

Details

Seiten
52
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668053205
ISBN (Buch)
9783668053212
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306756
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Brasilien Regionale Integration Regionalismus Lateinamerika Südamerika EU WTO UNO MERCOSUR Zollunion Intergouvernementalismus Institutionalismus Außenpolitik Internationale Beziehungen Regionalmacht BRICS BRIC Interregionalismus

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Titel: Brasiliens Rolle in der regionalen Integration des MERCOSUR. Außenpolitische Ambitionen vs. regionale Integration