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Der erste Perserzug und seine Bedeutung für die attische Demokratie

Hausarbeit 2014 13 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kapitel 1: Marathon als identitätsstiftendes Ereignis für Athen?

Kapitel 2: Reformen nach dem Ersten Perserzug

Kapitel 4: Was wäre wenn?

Schlussbetrachtungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Nachdem Athen durch die Waffenhilfe beim ionischen Aufstand den Zorn des persischen Großkönigs auf sich gezogen hatte, rückte Griechenland in den außenpolitischen Fokus des Perserreiches. Zur Bestrafung der abtrünnigen Vasallen, seit einem Hilfegesuch athenischer Boten in den Jahren zuvor hatten sie als solche zu gelten, trat das Perserreich im Jahr 490 vor Christus erstmals militärisch in Griechenland auf. Eine Strafexpedition erfolgte über die Kykladen bis Karystos und Eretria auf Euboia. Schließlich landeten die Perser in der Ebene von Marathon und mussten eine unerwartete Niederlage einstecken, die in späterer Zeit bis heute in ihrer Bedeutung für die westliche Welt sehr unterschiedliche Beurteilung erfahren hat. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den Entwicklungen zu Beginn der klassischen Zeit und der Entstehung der griechischen Demokratie in Athen. Gegenstand der Untersuchung ist der erste Perserzug, insbesondere mit Schwerpunkt auf die Schlacht von Marathon. Es soll versucht werden die Bedeutung dieses griechischen Sieges für die attische Demokratie zu ermitteln. Dazu werden einige Aspekte daraufhin befragt, welche Auskunft sie uns zu dieser Frage geben können. Zunächst stellt sich die Frage, ob die sieg- reiche Schlacht für Athen ein identitätsstiftendes Ereignis war. Dann soll untersucht werden, welche Auswirkungen die politischen Reformen nach Marathon auf die Athenische Demokratie hatten. Interessant ist auch, was den Griechen bei einem persischen Sieg widerfahren wäre. Dieses Gedankenspiel sei hier trotz seiner spekulativen Natur einmal erlaubt. Anhand dieser Ausführungen soll die Aussage geprüft werden, ob die attische Demokratie bei Marathon verteidigt wurde. Die Auswahl dieser Aspekte wurde neben persönlichen Interessen durch entsprechende Sekundärliteratur beeinflusst, genannt seien hier unter anderem Richard Billows, Mario Rausch und Michael Jung als Autoren. Aber auch die weit verbreitete Auffassung, die Schlacht war für das Abendland bis in die Neuzeit das bedeutendste Ereignis, soll hier einmal hinterfragt werden. Der betrachtete Zeitraum wird eingegrenzt vom Schlachtjahr Marathons und erstreckt sich nicht über den zweiten Perserzug hinaus. Als Quelle für diese Ereignisse soll Herodot mit seinen Neun Büchern der Geschichte dienen. Er wurde um 480 v. Chr. in Halikarnassos geboren. Sein Geschichtswerk schrieb er mit etwa einer Generation Abstand zum erzählten Geschehen, sodass er noch mit Zeitzeugen der Perserkriege sprechen konnte. Informationen sammelte er durch ständige Befragung von gebildeten Leuten und Augenzeugen. Trotzdem ist seine Erzählung oft von Mythen und phantasievollen Ausschmückungen gekennzeichnet. Eine kritische Leseweise ist also erforderlich.1

Kapitel 1: Marathon als identitätsstiftendes Ereignis für Athen?

Nach dem erfolgreichen Tyrannensturz und den kleisthenischen Reformen griffen die selbstbewussten Athener 498 v. Chr. in den ionischen Aufstand ein. Das Scheitern des Auf- standes stürzte die Athener in eine tiefe Verunsicherung, es war die erste große politische Schlappe der neu verfassten Bürgerschaft. Mit der zu erwartenden Strafexpedition durch die Perser, entschlossen sie sich zum Widerstand und setzten auf Miltiades und dessen Er- fahrung mit den Persern. Der Sieg bei Marathon bestätigte diesen Weg und das Selbstver- trauen der Athener war wieder hergestellt.2 Die Bedeutung Marathons war für die Athener höher als für Persien. Es war ein kleines Wunder nach einer Reihe von Katastrophen, der Niederlage des ionischen Aufstandes, der Zerstörung Milets und des Untergang von Ere- tria.3 Der Stolz auf den Sieg bei Marathon und die neue kleisthenische Ordnung als Voraus- setzung für diesen, drückte sich aus in vielfältiger Weise. In diesem Kapitel soll anhand von Kulten und Monumenten, die in der Zeit kurz nach Marathon entstanden sind, die Be- deutung Marathons für eine attische Identität untersucht werden. Bestehende Kulte wurden im Sinne Marathons und der Polis umgedeutet und neue Kulte wurden erschaffen. Vor der Schlacht sollen sich die Heere Athens und Plataiais beim Tempel des Herakles vereint ha- ben.4 Diesem wurde auch ein maßgebliches Eingreifen in das Kampfgeschehen zugunsten der Griechen zugeschrieben5, so dass später die Herakleia, eine Sportveranstaltung in Ma- rathon, nach Vorbild attischer Phylenverwaltung reorganisiert wurde. Dieses wurde so zum einem, sich über ganz Attika erstreckendem Fest und dreißig Jahre nach der Schlacht in ganz Griechenland berühmt.6 Mit der Reorganisation schaffte Athen zwei Ziele, man zeig- te, der Heros griff in die Schlacht ein und steht auch jetzt hinter der neuen politischen Ord- nung in Athen. Und zum anderen ersetzte die Veranstaltung lokale Identität und Kult, so dass der regional verehrte Heros Herakles vom Gott der Marathonier zum Gott aller Athe- ner wurde.7 Am Ort des Athenischen Sieges entstand ein sportliches Betätigungsfeld für den militärischen Nachwuchs, ein lokaler Kult wurde zu einem gesamtattischen Ereignis umgewandelt bei dem nicht nur an das Eingreifen des Herakles in die Schlacht erinnert werden sollte, sondern auch die neue politische Ordnung in den Regionen Attikas außer- halb Athens gefestigt wurde.8 Ein Beispiel für die Schaffung eines neuen Kultes ist das Fest zu Ehren des Pan, der dem athenischen Boten auf dem Weg nach Sparta begegnet sein soll und seine Unterstützung für die Athener bekräftigte. So wurde in Athen zur Erinnerung an dieses Treffen ein Heiligtum gebaut und jährlich ein Fackellauf mit Opfermahl für Pan als kollektives Erinnerungsfest eingeführt.9 Die Beteiligung der Polisgemeinschaft am Kult und das öffentliche Inszenieren der athletischen Tugenden, die für den Sieg der Hopliten maßgeblich waren10, gab auch hier der Erinnerungskultur einen identitären Anstrich. Ein Fest mit militärischem Einschlag war der Kult für Artemis Agrotera. Bei diesem Fest sollen 500 Opfertiere geschlachtet worden sein, die an ein Gelöbnis des Polemarchen vor der Schlacht erinnerten. An diesem Festmahl hatte wiederum die gesamte Polis Anteil. Die Zahl 500 war in der athenischen Verfassungsordnung von hoher Bedeutung und auf die zehn Phylen verteilt stand sie für den ganzen athenischen Staat und seiner Bürger. Auch hier feierte Athen sich selbst und den Erfolg seines Bürgerheeres.11 Die Feste wurden organisiert und inszeniert von der Polis mit dem Ziel, sich und ihren Sieg zu feiern und entsprechend das auch in der Region zu propagieren.Mit dem sportlichen Programm sollte vor allem an die körperliche Leistung und die Tugenden der Hopliten gemahnt werden. Die ganze Polis sollte daran teilhaben und nicht nur die einzelnen Heerführer gefeiert werden. Die Errungenschaft der Gesamtheit der Athener sollte im Mittelpunkt der Erinnerungs- kultur stehen.12 Neben den Festen und Kulten entstanden auch eine Reihe von Denkmälern und Weihungen in Erinnerung an die Schlacht von Marathon, sowohl auf dem Schlachtfeld, als auch an bedeutenden öffentlichen Orten. Der Soros, ein Grabhügel, wurde mitten auf dem Schlachtfeld errichtet. Unter ihm befinden sich die Asche und Gebeine der Gefallenen Athener. Oben drauf sind Marmorstelen aufgestellt worden, die die Namen der 192 toten Griechen auflisten. Diese wurden interessanterweise nach Phylen geordnet.13 Ebenfalls auf dem Schlachtfeld errichtete man einen Tropaion, dieser war zunächst wohl nur eine vergängliche Waffenweihung, bei der man an einem hohen Holzgestell erbeutete Waffen und Rüstungsteile nach ihrer Trageweise befestigte.14 15 Das früheste datierbare Denkmal ist die sogenannte Kalimachos-Weihung auf der Akropolis, benannt nach dem gefallenen Archon Polemarchos, dem dieses Denkmal wahrscheinlich posthum geweiht wurde. Dabei handelt es sich um eine Säule mit einer Inschrift auf der eine Frauenfigur steht, die wohl Athena Nike darstellte und vielleicht einen bronzenen Stab mit einem Pan- Kopf hielt. Die Inschrift hat zwar keinen eindeutigen Bezug zu Marathon, doch spricht vieles dafür, dass hier an den gefallenen Kalimachos und seine Kampfleistung erinnert werden sollte. Die Aufstellung auf dem prominentesten Platz in Athen und die Inschrift sprechen auch hier wieder die Athener als Adressatenkreis an.16 In Delphi stellte man bei dem Athener Schatzhaus, in dem sich Weihgeschenke aus der Schlachtbeute befanden,17 eine Statuengruppe auf, die sich aus den zehn Phylenheroen zusammensetzte, die den kleisthenischen Phylen die Namen gaben. Hier wurde aus der marathonischen Beute ein Denkmal an einem überregional bedeutendem Ort aufgestellt, um nicht zuletzt die Überlegenheit der neu gegliederten attischen Gesellschaft zu demonstrieren. Jeder Besucher des Heiligen Bezirks in Delphi konnte so sehen, dass die neue demokratische Ordnung mit dem neuen Phylensystem erfolgreich war und in der Lage, sich gegen äußere Bedrohungen durchzusetzen. Hier wurde die gleiche Absicht verfolgt, wie bei den Inszenierungen der erwähnten Gedenkkulte, nämlich den Sieg von Marathon als einen Athens zu präsentieren und zugleich der übrigen griechischen Welt auf Basis dieser Errungenschaft einen Hegemonialanspruch zu verdeutlichen.18 Nach den Perserkriegen war in Athen die Vorstellung von der Polis als Vorkämpferin für die griechische Welt verbreitet. Mit der Überhöhung Marathons und der ausgeprägten Gedenkkultur stellte man sich als alleinige Kämpfer gegen die Perser dar. Marathon war ein Sieg der Polis und darum die Erinnerung daran eine athenische.19 Auf diesem Selbstbewusstsein gründete der Anspruch auf politische und militärische Vormachtstellung in Griechenland.20 Nach diesen Feststel- lungen kann der Sieg bei Marathon durchaus als identitätsstiftendes Ereignis bezeichnet werden, wobei für diese Eigenschaft die Art und Weise der Erinnerung grundlegend war. Dabei bestätigte man sich gleichzeitig in der neuen selbstgewählten Verfassungsordnung, die währenddessen einige wesentliche Reformen erfuhr um den beschrittenen Weg der Demokratisierung weiter zu verfolgen.

Kapitel 2: Reformen nach dem Ersten Perserzug

Nach der Schlacht von Marathon gab es drei Jahre später zwei wichtige Neuerungen im politischen Gefüge Athens, die ohne Marathon nicht denkbar gewesen wären.21 Welche Gründe speziell für die Einführung von Ostrakismos und Archontenlosung verantwortlich waren, ist Gegenstand zahlreicher Forschungskontroversen und diese zu untersuchen sprengte den Rahmen dieser Arbeit. Bleicken sieht in den Auseinandersetzungen mit den Persern den entscheidenden Antrieb für die Entwicklung der inneren Ordnung Athens.22 Hier soll es, den ersten Perserzug als diese Reformen generierendes Ereignis vorausgesetzt, lediglich darum gehen, wie sehr die Gesellschaft Athens dadurch weitere Isonomia erlang- te. Das Ostrakismos hatte seinen Ursprung in den kleisthenischen Reformen und konnte einmal im Jahr durchgeführt werden, wurde aber erst in den Jahren 488/487 das erste Mal angewandt. Die achtziger Jahre waren geprägt von fast jährlichen Ostrakophorien. Zu- nächst wurde ein Verwandter der früheren Tyrannen verbannt, dann einige Alkmenoiden. Der Grund dafür mag einerseits die Diskussion um den außenpolitischen Kurs Athens, an- dererseits die Verhütung erneuter Tyrannis gewesen sein.23 So war das Scherbengericht ein geeignetes Mittel innerathenischen Machtkämpfen vorzubeugen, aber auch ein Werkzeug um gegen politische Gegner vorzugehen.24 Den Bürgern Athens wurde so ermöglicht, den eingeschlagenen Weg der Politiker zu überwachen und durch Entfernung einer entspre- chenden Person, diesen gegebenenfalls zu korrigieren. Dass jährlich die Frage an die Bür- ger gestellt wurde, ob denn ein Ostrakismos erwünscht sei, zeigte nicht nur der Ober- schicht und den Regierenden die ständige Kontrolle durch die Öffentlichkeit, sondern gab letzterer die Gewissheit, einen unmittelbaren Einfluss auf die Volksvertreter ausüben zu können.25 Die Ostrakisierung war durch die zehn Jahre ehrenhafte Verbannung zwar ein ra- dikales Mittel in der athenischen Demokratie, aber auch eines, dass den Bürgern wichtige Möglichkeiten bot, die Oberschicht zu kontrollieren. Mit dessen Einführung war ein wich- tiger Schritt zur Isonomia getan, zu dem die Persergefahr einen bedeutenden Anstoß gab. Gleichzeitig gab es eine zweite Reform, die Wahlen zwar nicht abschaffte, aber ihnen den Zufall als bestimmende Kraft voranstellte.

[...]


1 Lendle, Otto: Einführung in die Griechische Geschichtsschreibung, Darmstadt 1991, S. 36-45.

2 Funke, Peter: Wendezeit und Zeitenwende - Athens Aufbruch zur Demokratie, in: Papenfuß, Dietrich/Strocka, Volker-Michael (Hrsgg.): Gab es das griechische Wunder? - Griechenland zwischen dem Ende des 6. und der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr., Mainz 2001, S. 13-15.

3 Hölkeskamp, Karl-Joachim: Marathon - vom Monument zum Mythos, in: Papenfuß, Dietrich/Strocka, Volker-Michael (Hrsgg.): Gab es das griechische Wunder? - Griechenland zwischen dem Ende des 6. und der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr., Mainz 2001, S. 341.

4 Hdt. VI, 108

5 Jung, Michael: Marathon und Plataiai - Zwei Perserschlachten als „lieux de memoire“ im antiken Griechenland (Hypomnemata - Untersuchungen zur Antike und ihren Nachbarn Bd. 164), Göttingen 2006, S. 35.

6 Ebd., S. 31-32.

7 Jung 2006, S. 36.

8 Ebd., S. 37-38.

9 Hdt. VI, 105.

10 Jung 2006, S. 48-49.

11 Ebd., S. 54-58.

12 Ebd., S. 67.

13 Hölkeskamp 2001, S. 340.

14 Jung 2006, S. 121-122.

15 Hölkeskamp 2001, S. 341.

16 Jung 2006, S. 73-84

17 Funke 2001, S. 14.

18 Jung 2006, S. 104-105.

19 Ebd., S. 68.

20 Hölkeskamp 2001, S. 347.

21 Funke 2001, S. 15-16.

22 Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie, Paderborn 1985, S. 33.

23 Hansen, Mogens Hermann: Die athenische Demokratie im Zeitalter des Demosthenes - Struktur, Prinzipien und Selbstverständnis, Berlin 1995, S. 35.

24 Welwei, Karl-Wilhelm: Griechische Geschichte - von den Anfängen bis zum Beginn des Hellenismus, Paderborn 2011, S. 184, S. 186.

25 Rausch, Mario: Isonomia in Athen - Veränderungen des öffentlichen Lebens vom Sturz der Tyrannis bis zur zweiten Perserabwehr (Europäische Hochschulschriften, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften Bd. 821), Frankfurt a. M. 1999, S. 360.

Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668046368
ISBN (Buch)
9783668046375
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306599
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Historisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Perserzug Schlacht bei Marathon klassische Antike attische Demokratie Herodot

Autor

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