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Ordnung im Populismus. Aspekte, Projekte und Definitionen vom Populismus- zum Rechtspopulismusbegriff

Wissenschaftliche Studie 2015 113 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

III. Exkurs zum Begriff „Volk“

1. Einleitung

2. Literaturstudie
2.1 Methodik
2.1.1 Suchstrategie
2.1.1.1 Formale Ebene
2.1.1.2 Inhaltliche Ebene
2.1.1.3 Eingesetzte Instrumente
2.1.2 Auswahlstrategie
2.1.2.1 Formale Ebene
2.1.2.2 Inhaltliche Ebene
2.1.2.3 Eingesetzte Instrumente

3. Populismus
3.1 Zum Begriff „Populismus“: Forschungsagenden und Definitionsansätze
3.1.1 Zum Scheitern einer Populismus-Theorie
3.1.2 Forschungsagenden
3.1.3 Definitionsansätze – Populismus nach Mudde (2004)
3.1.3.1 Populismus als „dünne Ideologie“?!
3.1.3.2 Populismus und die Dichotomie zwischen „Volk“ und „Elite“
3.2 Das institutionelle Setting des Populismus
3.2.1 Über das Verhältnis von Populismus und Demokratie
3.2.1.1 Vorarbeiten: Die Säulen der Demokratie
3.2.1.2 Populismus und Demokratie nach Canovan (1999)
3.2.2 Populismus und das „institutionelle Dilemma“
3.2.2.1 Populismus und Institutionalisierung
3.2.2.2 Fallbeispiele
3.2.2.2.1 Haider und die FPÖ
3.2.2.2.2 Fortuyn und die LPF
3.2.2.2.3 Schill und die Schill-Partei
3.2.2.3 Zwischenfazit
3.2.3 Populismus: Bedrohung oder Revitalisierung der Demokratie?
3.3 Ursachen für populistischen Erfolg
3.3.1 Populismus und Modernisierung
3.3.2 Die Erosion der Parteiendemokratie
3.3.3 Populismus und Medien
3.3.4 Zwischenfazit
3.4 Rechtspopulismus als exklusive Variante des „Populismus“-Konzepts
3.4.1 Elektorale Entwicklung rechtspopulistischer Parteien
3.4.2 Ideologie
3.4.3 Ausblick – Rechtspopulistische Herausforderungen im Deutschland der Gegenwart

4. Methodenkritik

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Rechtpopulistische Stimmenanteile in Europa; Quelle: Eigene Darstellung. 84

II. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

III. Exkurs zum Begriff „Volk“

Der Begriff „Volk“ hat in den letzten Jahrhunderten – besonders in Deutschland – eine wechselhafte Geschichte durchlebt. Erstmals wirklich präsent wird die Idee vom „deutschen Volk“ im Zuge nationalistischer Strömungen während der französischen Besatzungszeit Anfang des 19. Jahrhunderts (vgl. Hoffmann 1991: 196f.). Aufgrund der vorherrschenden Kleinstaaterei jener Epoche blieb es jedoch vorerst bei einem vagen Verständnis davon, wer überhaupt zum „Volk“ gehört und was das „deutsche Volk“ ausmacht. So beklagt der zeitgenössische Dichter Ernst Moritz Arndt: „Zu meinem Volke wollte ich reden, aber wie spreche ich zu dir, deutsches Volk? Was bist du und wo bist du? […]“ (zit. nach Hoffmann 1991: 197).

Spätestens mit dem Sieg über Frankreich (1870/1871) und der anschließenden Proklamation des deutschen Kaiserreichs 1871 manifestierte sich jedoch der Gedanke vom „deutschen Volk“ (vgl. ebd.). Wie Karikaturen jener Zeit dokumentieren, konnte zwar auch weiterhin kaum von einem homogenen „Volk“ die Rede sein, man hatte nun aber ein gemeinsames Territorium, welches eine ausreichend große Projektionsfläche für nationalistische Utopien darstellte.

Nachdem der erste Weltkrieg als weiterer Katalysator für die Idee vom „deutschen Volk“ fungierte (vgl. ebd.), instrumentalisierten die Nationalsozialisten ab den 1930er-Jahren den Gedanken für ihre Zwecke. Das „Volk“ wurde nun nicht mehr in einer kulturellen Dimension definiert, sondern in einer sozialdarwinistischen Dimension basierend auf größtenteils biologischen und rassischen Kriterien. Die von den Nationalsozialisten konstruierte „Volksgemeinschaft“ exkludierte somit unter anderem systematisch Juden, Sinti und Roma und Menschen mit Behinderung.[1]

Im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung (1989/1990) erfuhr der Begriff „Volk“ dann ein umfassendes „Reframing“. Über etliche Monate skandierten, am Ende Hunderttausende, Demonstranten in den so genannten „Montagsdemonstrationen“ den Schlachtruf „Wir sind das Volk!“, protestierten für Freiheit und trugen damit in erheblicher Weise dazu bei, das totalitäre System der DDR zu stürzen. In jüngerer Zeit adaptierte die PEGIDA-Bewegung den Schlachtruf „Wir sind das Volk!“ für sich, was viele politische Beobachter empört kommentierten.[2]

Dieser kurze historische Abriss dokumentiert, dass der Begriff „Volk“ – besonders durch die Instrumentalisierung im Dritten Reich – historisch vorbelastet ist. Aus zwei wichtigen Gründen soll er im Folgenden dennoch verwendet werden. Erstens gestaltet sich die Frage nach einem alternativen Begriff wie beispielsweise „Demos“, „Ethnie“ oder „Nation“ schwierig. „Man kann für alle die anderen Begriffe auch ‚Volk‘ sagen, während man ‚Volk‘ nicht ohne Bedeutungsverengung gegen sie austauschen kann“ (Hoffmann 1991: 192). Zweitens sprechen Populisten explizit vom „Volk“ und nicht vom „Demos“ oder von der „Ethnie“. Um die Ausführungen also nicht zu verfälschen, soll der Originalbegriff beibehalten werden.

1. Einleitung

Der Begriff „Populismus“ ist in der aktuellen Politik- und Medienlandschaft neuerdings omnipräsent. Alles, was sich irgendwie abseits des gesellschaftspolitischen Mainstreams abspielt, steht heute unter Generalverdacht, „populistisch“ zu sein. Der Terminus wird dabei mittlerweile so inflationär benutzt, dass dessen Gebrauch allmählich selbst als „populistisch“ bezeichnet werden kann – im Sinne eines „demagogische[n] Ersatz[es] für Argumente“ (Dahrendorf 2003: 156). Statt sich also in einem vernünftigen Diskurs auszutauschen, wird mit dem Pauschallabel „Populismus“ oft jegliche Debatte im Keim erstickt.[3]

Hinzu kommt, dass zwar viele den Begriff benutzen, aber nur wenige ihn verstehen. „Populism is one of the most widely used but poorly understood political concepts of our time“ (Taggart 2002: 62), wie Paul Taggart, einer der bekanntesten Populismusforscher, konstatiert. Die unreflektierte Verwendung des Begriffs hat auch in der Wissenschaft zuweilen skurrile Blüten getrieben, wo Populismus je nach Kontext und Autor anders verstanden und untersucht wird. Die daraus resultierende Vielfalt an Forschungs- und Definitionsansätzen hat manchen Forscher sogar dazu veranlasst, die Brauchbarkeit des Begriffs an sich zu negieren (vgl. Laclau 1977: 145; Taggart 2000: 2).

Der wissenschaftliche Diskurs sieht sich so letztlich mit dem „Cinderella complex“ konfrontiert, wie ihn Sir Isaiah Berlin auf der ersten großen Fachkonferenz zur Thematik beschrieb (vgl. Canovan 1981: 7). Das bloße Wort „Populismus“ sei dabei der Schuh, der Forscher der Prinz, der verzweifelt versuche den richtigen Fuß – in Form einer alle Phänomene integrierenden Metatheorie – zu finden (vgl. ebd.). Dies ist aufgrund der oben erwähnten Komplexität und Vielschichtigkeit der Materie jedoch bis heute nicht gelungen. Stattdessen konzentriert sich die Wissenschaft – einem Ansatz von Margaret Canovan (1981) folgend – zunehmend darauf, Typologien unterschiedlicher Populismen zu entwerfen und bestimmte Merkmal-Cluster zu identifizieren, die Vergleiche populistischer Bewegungen auch über nationale Grenzen hinweg erlauben.

Forciert wird die Populismus-Forschung dabei immer wieder durch elektorale Erfolge so genannter „Rechtspopulisten“ (vgl. u.a. Betz 1994, Decker 2004, Grabow/Hartleb 2013), die inzwischen in einem Großteil europäischer Parlamente vertreten sind.[4] Da sich Populismus – wenn auch mit Schwankungen – in den letzten Jahrzehnten also in den Parteiensystemen etabliert hat, fällt es zunehmend schwerer, das Phänomen als eine reine Protestform abzuhandeln, die, nachdem sich der „Wählerzorn“ entladen hat, wieder von der Bildfläche verschwindet. Aus diesem Grund diskutiert die neuere Forschung Populismus auch im Hinblick auf mögliche Entstehungsursachen.

Das vorrangige Forschungsziel dieser Literaturstudie besteht zunächst darin, Ordnung in die unübersichtliche Forschung zum Thema „Populismus“ zu bringen. Anhand verschiedener Kategorien soll daher im wissenschaftlichen Projekt ein Überblick über die Populismus-Forschung gelingen. Das wissenschaftliche Projekt konzentriert sich dabei eher auf generelle Aspekte des Populismus wie Definitionen und gesellschaftspolitische Umfelder oder Ursachen, fokussiert mit dem Rechtspopulismus aber auch eine spezifische Populismus-Variante. Diese Synopse soll anschließend für die Bachelorarbeit fruchtbar gemacht und um weitere Aspekte ergänzt werden. Hier liegt der Schwerpunkt jedoch eindeutig auf dem Rechtspopulismus, der mit Hilfe des Framing-Ansatzes und inhaltsanalytischer Methoden untersucht werden soll. Ziel ist es hier vor allem, populistische Argumentations- und Deutungsmuster aufzuspüren und so empirisch nachzuweisen, in welchem Umfang bestimmte Parteien (rechts-)populistische Elemente aufgreifen.

Im Folgenden soll zunächst die Methodik, die dieser Literaturstudie zugrunde liegt, erläutert werden. Die Darstellung konzentriert sich dabei im Wesentlichen auf die maßgeblichen Kriterien für die Suche und Auswahl der hier untersuchten Literatur, thematisiert aber auch die Instrumente, die zur Umsetzung dieser Kriterien genutzt wurden. Anschließend sollen relevante, weil in der Forschung ubiquitär diskutierte, Themen, die sich aus der intensiven Lektüre der Literatur ergeben haben, diskutiert werden, um einen stringenten Überblick über die Materie zu ermöglichen.

2. Literaturstudie

Wie oben bereits angedeutet, handelt es sich bei der Populismus-Forschung um ein höchst disparates Forschungsfeld. Gerade für junge Forscher ist es daher sehr schwer, die unterschiedlichen Forschungsagenden, Definitionen, Konzepte und Erscheinungsformen innerhalb des wissenschaftlichen Populismus-Diskurses zu verorten. Mit der hier angewandten Methode der Literaturstudie soll jedoch ein Schritt in diese Richtung unternommen werden, um dem Leser eine bessere Orientierung über den State of the Art der Populismus-Forschung zu ermöglichen.

Die Literaturstudie eignet sich dabei als Methode, da ihr eine auf wissenschaftlichen Kriterien basierende Ordnungsfunktion inhärent ist, die hilft, das diffuse Phänomen „Populismus“ zu strukturieren. Des Weiteren lässt sich durch die Literaturstudie auch herausfinden auf welchem Gebiet die Forschung schon weit fortgeschritten ist und wo sich noch etwaige Forschungsdesiderate identifizieren lassen. Dadurch werden einerseits neue Forschungspfade salient und andererseits Forschungsdubletten vermieden. Als komprimierte Darstellung der wichtigsten Werke zum Populismus versteht sich diese Untersuchung also als eine erste Einführung in das komplexe Themenfeld des Populismus, die sowohl einen ersten Überblick verschaffen als auch Impulse für zukünftige Forschungsvorhaben liefern soll.

2.1 Methodik

Bei der Vielzahl an publizierten Arbeiten im Forschungsfeld „Populismus“ muss zwangsläufig eine Selektion seitens des Forschenden vorgenommen werden, um sich nicht mit den vielzitierten „Literaturbergen“ (Brink 2013: 116) konfrontiert zu sehen. Unterschieden werden dabei im Folgenden Kriterien für die Suche nach Literatur (Suchstrategie) und Kriterien für die Auswahl der Literatur (Auswahlstrategie), wobei betont werden soll, dass beide Prozesse nicht immer klar voneinander abzugrenzen sind und der Forscher im Forschungsprozess möglicherweise beide Kriterienkataloge simultan anwendet. Abschließend soll in jedem Kapitel dargestellt werden, mittels welcher Instrumente die Such- bzw. Auswahlstrategien umgesetzt wurden.

2.1.1 Suchstrategie

Zunächst erscheint es sinnvoll, die Kriterien für die Suche nach Literatur auf zwei Ebenen zu konzeptualisieren: einer formalen Ebene, die sicherstellt, dass die Literatur bestimmten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und einer inhaltlichen Ebene, die gewährleistet, dass die Literatur für die untersuchte Thematik auch tatsächlich relevant ist.

2.1.1.1 Formale Ebene

Bezüglich der formalen Ebene empfehlen Ebster/Stalzer (2013) in ihrem Einführungswerk zum wissenschaftlichen Arbeiten eine weitere Unterteilung in die Kategorien „ zitierfähig “ und „ zitierwürdig “ (Ebster/Stalzer 2013: 63f.). „Zitierfähig“ ist eine Quelle demnach, wenn sie intersubjektiv nachvollziehbar ist, d.h. alle verwendeten Quellen zitiert und in einem – wissenschaftlichen Kriterien entsprechenden – Literatur- und Quellenverzeichnis bündelt (vgl. ebd.). Dazu gehört auch, dass die Quelle an sich auffindbar und zugänglich ist, was so genannte „graue Literatur“ (wie Forschungsberichte oder Masterarbeiten) von vornherein ausschließt (vgl. ebd.). „Zitierwürdig“ ist eine Quelle dann, wenn sie nicht nur den gängigen Standards wissenschaftlichen Arbeitens, sondern darüber hinaus bestimmten wissenschaftlichen Qualitätskriterien entspricht (vgl. Ebster/Stalzer 2013: 64). Zwar hängt die „Zitierwürdigkeit“ auch in erheblichem Maße von der inhaltlichen Ebene ab, trotzdem lassen sich zwischen verschiedenen Publikationsformen graduelle Unterschiede hinsichtlich dieser „Qualitätskriterien“ feststellen.

So stellen beispielsweise Fachzeitschriften die wichtigste Quelle für wissenschaftliche Arbeiten dar, da sie den überwiegenden Teil des aktuellen wissenschaftlichen Diskurses abbilden (vgl. Theisen 2013: 73). Zu Wort kommen dabei oft auch junge Wissenschaftler, die sich über die Publikation für eine Hochschulkarriere empfehlen wollen und deshalb ihre besten Ideen und Erkenntnisse präsentieren (vgl. ebd.). Diese Quellenart ist besonders verlässlich, da renommierte Fachzeitschriften in der Regel das so genannte „ Double-Blind-Reviewing “ (Stickel-Wolf/Wolf 2013: 136) praktizieren, bevor ein Artikel publiziert wird. Das bedeutet, dass ein eingereichtes Manuskript anonym an mindestens zwei voneinander unabhängige Gutachter geschickt wird, die es beurteilen und anschließend in einem mehrstufigen Prozess überarbeiten (vgl. ebd.).[5]

2.1.1.2 Inhaltliche Ebene

Im Rahmen der Suchstrategie wurde die inhaltliche Ebene zunächst sehr breit gefasst, um sich einen möglichst guten Überblick über das quantitative Ausmaß der kursierenden Literatur zu verschaffen. Dies bedeutet, dass zwar explizit nach Titeln gesucht wurde, die das Forschungsfeld „Populismus“ thematisieren, aber auch artverwandte Titel – deren direkter Bezug zum Populismus nicht auf den ersten Blick ersichtlich war – anfänglich aufgenommen wurden. In diesem Zusammenhang wurde deutlich, dass das Phänomen „Populismus“ nicht nur Untersuchungsgegenstand einer spezifischen Disziplin ist, sondern sich als Gegenstand interdisziplinärer Forschung konstituiert. Deshalb wurden auf dieser Ebene neben Titeln aus der Soziologie auch – und vermehrt – Titel aus der Politikwissenschaft (z.B. zum Parteiensystem oder zur Demokratie) gesucht und aufgenommen.

Strategisch wurden dabei Titel zur Klärung der Terminologie als Ausgangsbasis für weitere Recherchen gewählt. Das heißt, es wurden zunächst Titel gesucht, die Aufschluss über die in der Wissenschaft gängigen Begriffe und Definitionen zur Beschreibung des Populismus-Konzepts geben. Auf die Recherche und Prüfung dieser Ausgangstitel wurde sehr viel Zeit verwendet, um sie anschließend für die Methode des „ Schneeballsystems “ fruchtbar zu machen.

Die Methode des „Schneeballsystems“ macht sich die Erkenntnis zunutze, dass die zu einem bestimmten Thema publizierte Literatur nie für sich allein stehen kann, sondern immer auch das bisherige Forschungsfeld reflektieren muss und somit mit anderen Publikationen inhaltlich verwoben ist (vgl. Stickel-Wolf/Wolf 2013: 153). Über die Auswertung der entsprechenden Literaturverzeichnisse lässt sich so relativ ökonomisch, binnen kurzer Zeit, eine umfassende Bibliografie zur Thematik generieren, die dem Forscher darüber hinaus hilft, bestimmte „Schlüsselveröffentlichungen“ (also Werke, die in überproportional vielen Literaturverzeichnissen aufgeführt werden) zu identifizieren (vgl. Stickel-Wolf/Wolf 2013: 153f.). Die Schwächen der Methode, etwa die retrospektive Prämisse oder die Gefahr so genannter „Zitierzirkel“ (vgl. Ebster/Stalzer 2013: 45) waren dem Autor bei der Anwendung bewusst, weshalb versucht wurde, auf möglichst aktuelle und von verschiedenen Autoren verfasste Literatur zurückzugreifen.[6]

2.1.1.3 Eingesetzte Instrumente

Eine allgemeine Abhandlung über Instrumente zur Literaturrecherche und damit zur Umsetzung der, in den beiden vorherigen Kapiteln dargelegten, Kriterien, soll an dieser Stelle vermieden werden, da solche Abhandlungen einerseits in viel umfassenderem Maße vorliegen (vgl. Brink 2013: 61-108) und sie andererseits im Rahmen dieser Untersuchung zu keinem gesteigerten Erkenntnisgewinn führen würden. Vielmehr soll hier der Prozess der Literaturrecherche reflektiert und nur einige wenige – im Rahmen der Untersuchung angewandte – Instrumente umrissen werden.

Erste Literaturhinweise lieferte das Seminar „Rechtsradikale Heilsbringer: Fallstudien zur politischen PR“, das der Autor dieser Untersuchung während des Wintersemesters 2014/15 besuchte und das den Startpunkt für dieses Projekt lieferte. Zu diesem Zeitpunkt war das Thema jedoch noch sehr vage, sodass für die weitere Recherche systematischere Quellen herangezogen werden mussten.

Eine erste systematische Anlaufstelle stellte der Online-Katalog der Hochschule Osnabrück dar. Dieser erwies sich jedoch – besonders für die anfängliche Recherche – als ungeeignet. So gibt der Katalog nach Eingabe des Schlagwortes „Populismus“ und der Suche in allen Kategorien gerade einmal 19 Treffer aus, von denen die Hälfte irrelevant für die Thematik ist.

So wurden in einem nächsten Schritt die Fachdatenbanken (DBIS) zu Rate gezogen. Dort erwies sich besonders die Springer-Datenbank, die über den Springer-Link unzählige Publikationen bündelt, als ergiebig. Über diese Datenbank konnten vor allem viele politikwissenschaftliche Titel akquiriert werden, die entweder die generelle Konstitution des politischen Systems (z.B. Demokratie, Verfassung, Parteien etc.) oder dezidiert das Populismus-Konzept als solches thematisierten.

Als weitere wichtige Quelle fungierte die Datenbank der Elektronischen Zeitschriften (EZB). Dort wurden die zentralen Zeitschriften der Fachbereiche Politikwissenschaft und Soziologie einem intensiven Screening unterzogen, wodurch weitere thematisch wertvolle und wissenschaftliche anspruchsvolle Beiträge identifiziert werden konnten. Besonders international renommierte Fachzeitschriften wie beispielsweise „ Government and Opposition “ oder „ Political Studies “ lieferten – über den Tellerrand rein nationaler Forschung hinaus – wertvolle Einsichten.

Schließlich wurde noch die Möglichkeit der Suche in übergreifenden Datenbanken von Bibliotheksverbunden genutzt. Am hilfreichsten war dabei der so genannte Gemeinsame Verbundkatalog (GVK), der über 37,1 Millionen (!) Publikationen, der dem Verbund angeschlossenen Bibliotheken, über eine Datenbank auffindbar macht.[7] Hierüber konnten vor allem die „Klassiker“ der Populismus-Literatur ausfindig gemacht werden, die teilweise schon mehrere Jahrzehnte alt sind (beispielsweise Ionescu/Gellner 1969b), sodass sie über „normale“ Wege kaum zu recherchieren waren.

Diese kurze Zusammenstellung, der zur Recherche genutzten Instrumente, sollte einerseits zeigen, dass umfängliche Versuche unternommen wurden, geeignete Literatur für die Untersuchung zu recherchieren und andererseits die Prozesshaftigkeit einer solchen systematischen Recherche verdeutlichen, die sich ähnlich wie der Erkenntnisgewinn des Forschenden zunehmend vom Allgemeinen hin zum Speziellen entwickelt.

2.1.2 Auswahlstrategie

Die folgenden Ausführungen zur abschließenden Auswahl der, nach den zuvor beschriebenen Kriterien recherchierten, Literatur, gehen von der Prämisse aus, dass der Forschende nun nicht nur einen Überblick gewonnen, sondern bereits erste Werke „quergelesen“ und sich somit eine gewisse Kompetenz zur Beurteilung von Quellen angeeignet hat. Um eine bessere Lesbarkeit zu ermöglichen, folgt dieses Kapitel dem gleichen Aufbau, wie das vorige, wenn man auch uneins darüber sein kann, inwiefern manche Kriterien sich den entsprechenden Ebenen zuordnen lassen.

2.1.2.1 Formale Ebene

Auf der formalen Ebene bei der Auswahlstrategie geht es anders als im letzten Kapitel nicht um generelle wissenschaftliche Gütekriterien, sondern um vom Autor künstlich, wenn auch nicht ohne Begründung, festgelegte Kriterien der Literaturselektion. Dies sind Kriterien, die sich zwar auf die Literatur an sich beziehen, jedoch nicht in einer thematisch-inhaltlichen Dimension, weshalb sie hier unter die „formale Ebene“ subsumiert wurden.

Ein erstes Kriterium dieser Ebene beschäftigt sich mit der Sprache der recherchierten Literatur. Aus der vorliegenden Literatur werden nämlich ausschließlich Werke ausgewählt, die in deutscher oder englischer Sprache vorliegen. Dies hat mehrere Gründe. Zum einen muss hier zwangsläufig eine Eingrenzung erfolgen, da es vom Zeitaufwand schlicht unmöglich ist, die weltweit – und in den unterschiedlichsten Sprachen – publizierte Literatur zu überblicken. Zum anderen soll im Rahmen dieser Untersuchung und ebenso für das anschließende Projekt eher die deutsche und dementsprechend deutschsprachige Forschung fokussiert werden. Da überdies die meiste Grundlagenliteratur (Ionescu/Gellner 1969b; Goodwyn 1978; Canovan 1981; Taggart 2000; Mény/Surel 2002a usw.) in englischer Sprache vorliegt, scheint eine solche Eingrenzung auch in wissenschaftlicher Hinsicht vertretbar.[8]

Als zweites Kriterium soll hier die Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärliteratur dienen. „Während Primärliteratur aus eigenen Forschungsbemühungen des jeweiligen Autors hervorgegangen ist, stellt Sekundärliteratur das Ergebnis eines Zusammentragens, Umschreibens, Verdichtens etc. von Primärliteratur dar“ (Stickel-Wolf/Wolf 2013: 138). Ausgewählt wurde ausschließlich Literatur, die als Primärliteratur klassifiziert werden kann. Zum einen um ganz pragmatisch die Wiedergabe eventuell fehlerhafter Zitationen in ungeliebten Sekundärzitaten zu vermeiden, zum anderen um sich selbst ein Urteil über die Literatur zu bilden und nicht nur vorgefertigte Interpretationen zu übernehmen.

Zwar argumentiert mancher Forscher, dass der Großteil der wissenschaftlichen Literatur in der Verarbeitung bzw. Auswertung von Originalquellen bestehe und somit Sekundärliteratur sei (vgl. Theisen 2013: 104), gemeint ist in diesem Kontext jedoch etwas anderes. Wenn beispielsweise eine Besprechung oder Zusammenfassung eines Autors (A) zu einem bestimmten Werk eines anderen Autors (B) vorlag (A verstanden als Sekundärliteratur, B als Primärliteratur), wurde immer versucht, auch das eigentliche Hauptwerk, die Primärquelle, zu recherchieren und anschließend in die Auswahl mit aufzunehmen.[9]

Bislang wurde die zeitliche Komponente, also bis zu welchem Zeitpunkt in der Vergangenheit Literatur aufgenommen wurde, ausgeklammert. Dies soll sich mit der Setzung des letzten Kriteriums auf dieser Ebene nun ändern. Ausgewählt wurde ausschließlich Literatur, die im Jahre 1969 oder später veröffentlicht wurde. Auch dies hat mehrere Gründe.

Einerseits gelten die wissenschaftlichen Versuche vor 1969, die das Konzept des „Populismus“ untersuchen, als zu kontextabhängig und zusammenhanglos, andererseits wurde mit der 1969 veröffentlichten Studie „ Populism: Its Meaning and National Characteristics “ von Ionescu/Gellner (1969b) erstmals der Versuch einer Synthese bisheriger Arbeiten unternommen (vgl. Taggart 2002: 63ff.). Manche Populismus-Forscher sehen die Studie daher als Startpunkt einer wissenschaftlichen Forschung zur Thematik, mindestens jedoch als einen unverzichtbaren „Klassiker“ (vgl. Taggart 2000: 15, 2002: 63f.; Decker 2004: 23), weshalb die Wahl durchaus wissenschaftlich fundiert ist.

Des Weiteren wird durch diese temporäre Festlegung auch erreicht, dass die hier dargestellte Literatur – zumindest im Durchschnitt aller aufgeführten Werke – einem gewissen wissenschaftlichen Anspruch an Aktualität genügt und nicht die gesamte ideen- und begriffsgeschichtliche Historie des Terminus „Populismus“ aufgearbeitet werden muss.

Zum Schluss sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass im Rahmen der Auswahlstrategie bevorzugt qualitativ hochwertige wissenschaftliche Quellen ausgewählt wurden (vgl. Kapitel 2.1.1.1). Dies bedeutet, dass Artikel in Fachzeitschriften und Monographien (inkl. Dissertationen) im Auswahlprozess zulasten weniger valider Quellen, wie Einführungsbüchern, Festschriften, bloßen Lexika-Artikeln, Working Papers oder Internetquellen, präferiert wurden.[10] Bei Sammelbänden wurde besonders darauf geachtet, wer als Autor des Beitrags und wer als Herausgeber fungierte.[11]

2.1.2.2 Inhaltliche Ebene

Bezogen auf die inhaltliche Ebene der Auswahl wurde die Literatur vom Autor, nach dem „Querlesen“ etlicher recherchierter Werke, in vier maßgebliche wissenschaftliche Forschungsstränge unterteilt. Einen Forschungsstrang, der sich mit dem Begriff „Populismus“ befasst, einen, der das institutionelle Setting thematisiert, einen, der den Ursachen des Phänomens „Populismus“ nachgeht und einen, der sich explizit auf die rechte Variante vom Populismus, den „Rechtspopulismus“, konzentriert.[12]

Es wurden also Werke ausgewählt, die in einer ersten Dimension zur Klärung des Begriffs „Populismus“ beitragen. D.h., dass Werke aufgenommen wurden, die den Begriff etymologisch verorten, die auf Schwierigkeiten bei der Verwendung des Begriffs hinweisen, sich an konkreten Definitionen versuchen oder die unterschiedliche wissenschaftliche Herangehensweisen und Forschungsagenden skizzieren.

In einer zweiten Dimension wurden Werke ausgewählt, die sich mit dem institutionellen Setting, in das Populismus eingebettet ist, beschäftigen. D.h., es wurden Beiträge aufgenommen, die sich mit generellen Elementen des politischen Systems wie Demokratie, Parteiensystem, Verfassungsstaat oder der EU befassen und diese in ihren Wechselwirkungen zum Populismus betrachten.

Im Rahmen der dritten Dimension wurden Werke integriert, die Aufschluss über Entstehungsbedingungen und Ursachen für Populismus geben. Aufgenommen wurden daher Titel, die zu erklären versuchen, wie bestimmte „populistische Momente“ (Goodwyn 1978) die Entstehung populistischer Bewegungen begünstigen. Dies sind unter anderem Titel, die Krisen, die Erosion sozio-kultureller Milieus oder Modernisierungsprozesse als Treiber für populistischen Erfolg ansehen.

In der letzten Dimension lassen sich Werke verorten, die sich explizit mit dem Phänomen „Rechtspopulismus“ befassen. D.h., dass hier Werke aufgenommen wurden, die die Entwicklung rechtspopulistischer Parteien nachzeichnen (Parteigeschichte, Wahlerfolge etc.), ihre Programmatik bzw. Ideologie skizzieren oder generelle Charakteristika von Rechtspopulisten beschreiben.

Nachdem im Zuge der Suchstrategie die inhaltliche Ebene sehr breit gefasst wurde, findet hier nun eine klare Differenzierung nach den wichtigsten Forschungssträngen zum Thema „Populismus“ statt. Diese Differenzierung ist notwendig, da das untersuchte Phänomen einfach zu viele Facetten hat. Es können in dieser Untersuchung nicht alle singulären Aspekte, die mit dem Thema „Populismus“ in Verbindung stehen, beleuchtet werden. Dadurch, dass viele Aspekte unter die eben genannten Kategorien subsumiert werden können, sollte die Untersuchung aber auch so genug Stoff bieten.

2.1.2.3 Eingesetzte Instrumente

Ähnlich wie im letzten Kapitel zu den eingesetzten Instrumenten soll auch hier vermieden werden, sämtliche Methoden der Literaturbeschaffung zu reflektieren.[13] Allgemein gilt, dass nur Literatur in die Auswahl aufgenommen wurde, die auch beschafft werden konnte. Bei der Beschaffung von Literatur wurde die gesamte Klaviatur an Instrumenten ausgeschöpft: von der klassischen Ausleihe (bzw. Fernleihe) in der Bibliothek über das Downloaden von Artikeln aus Datenbanken und anderen Archiven bis hin zum Erwerb einzelner Publikationen. Es wurde also nicht nur versucht, relevante Literatur zu recherchieren, sondern auch alles unternommen, sie zu beschaffen.

3. Populismus

In diesem Hauptkapitel des Wissenschaftlichen Projekts sollen nun die Ergebnisse aus der vorangegangenen Literaturstudie reflektiert werden. Der Aufbau folgt dabei logischerweise den zuvor erarbeiteten vier maßgeblichen Forschungssträngen des Populismus-Diskurses (vgl. Kapitel 2.1.2.2).

3.1 Zum Begriff „Populismus“: Forschungsagenden und Definitionsansätze

Bereits im Jahre 1969 konstatierten Ghita Ionescu und Ernest Gellner in ihrem Überblicksband zum Populismus: „There can, at present, be no doubt about the importance of populism. But no one is quite clear just what it is “ (Ionescu/Gellner 1969a: 1).[14] Ein Befund, der auch über 45 Jahre nach der Veröffentlichung des Standardwerkes der Populismus-Forschung, noch immer Gültigkeit besitzt. Zwar ist das Forschungsinteresse in den letzten Jahrzehnten und – befeuert durch verschiedenste rechtspopulistische Erfolge – insbesondere um die Jahrtausendwende stark angestiegen, doch „the Cinderella complex [siehe Einleitung; d. Verf.] is not yet resolved“ (Mény/Surel 2002b: 3). Statt einer generellen Definition oder einem universalistischen Forschungskonzept zur Untersuchung des Phänomens „Populismus“, existieren vielmehr Konglomerate unterschiedlichster wissenschaftlicher Ansätze, die nachfolgend geordnet werden sollen.

3.1.1 Zum Scheitern einer Populismus-Theorie

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass sich die Forschung mittlerweile weitestgehend davon verabschiedet hat, eine generelle Populismus-Theorie zu entwerfen. Zu verschiedenartig und kontextabhängig sind die, unter der Kategorie „Populismus“ subsumierten, Phänomene. Dies betont in ihrem Essay „ Two Strategies for the Study of Populism “ auch Canovan (1982), die folgert, dass jegliche Meta-Theorie zum Scheitern verurteilt ist, da sie weit genug gefasst sein müsste, um alle Phänomene aufzunehmen, dadurch jedoch ihre Erklärungskraft verlöre, da dann fast alles als „populistisch“ zu klassifizieren wäre (vgl. Canovan 1982: 547). Die Populismus-Forschung sieht sich also mit einem wissenschaftlichen Grundproblem konfrontiert. Denn „je umfangreicher die Darstellung eines Konzepts (Intension), desto kleiner fällt sein Anwendungsbereich aus (Extension)“ […] (Rovira Kaltwasser 2011: 253).

Die Vielfalt an potenziellen Populismus-Merkmalen speist sich vor allem auch aus dem Übergang des Begriffs in die Alltagssprache, wo er in oftmals diffusen Kontexten gebraucht wird, was es zusätzlich erschwert, eine anerkannte Meta-Theorie zu entwickeln. Oder wie Laclau (1977) formuliert: „We know intuitively to what we are referring when we call a movement or an ideology populist, but we have the greatest difficulty in translating the intuition into concepts“ (Laclau 1977: 143).

Der wissenschaftliche Konsens bezüglich der Ablehnung einer umfassenden Meta-Theorie des Populismus hat in einigen Fällen jedoch dazu geführt, dass Autoren auf die theoretische Aufarbeitung des Populismus-Begriffs gänzlich verzichtet haben. Der Verweis auf die Komplexität des Populismus wurde dabei zu einer akademischen „Pflichtübung“ (Diehl 2011b: 28), die oftmals als Argument für das Aussparen eines theoretischen Teils diente. Ohnehin waren die Arbeiten von Ionescu/Gellner (1969b) und Canovan (1981) lange Zeit die einzigen, die sich intensiv mit der Begriffs- und Ideengeschichte des Populismus auseinandersetzten (vgl. Decker 2004: 23).

An dieser Stelle soll der theoretische Teil nach dem Herausarbeiten der Komplexität des Begriffs jedoch nicht enden. Stattdessen werden nachfolgend verschiedene Forschungsagenden und Zugänge zum Populismus diskutiert, die helfen sollen, dass disparate Forschungsfeld zu strukturieren.

3.1.2 Forschungsagenden

Der prominenteste, weil in der Forschung am häufigsten diskutierte, Ansatz, sich dem Populismus-Konzept zu nähern, stellt der phänomenologisch-deskriptive Ansatz von Canovan (1981) dar. Die Unmöglichkeit einer Populismus-Theorie unterstellend, versucht sie stattdessen – in Anlehnung an das Konzept der „Familienähnlichkeit“ des Philosophen Ludwig Wittgenstein – ein taxonomisches System von Populismus-Merkmalen zu entwickeln (vgl. Canovan 1981: 7). Kurz: „This approach is phenomenological, concerned with description rather than with explanation, aiming at comprehensiveness in preference to theoretical elegance“ (Canovan 1982: 545).

Der Ansatz geht implizit davon aus, dass es nicht den einen Populismus gibt, sondern verschiedene Populismen, die abhängig von den identifizierten Merkmals-Clustern kategorisiert werden können (vgl. Canovan 1981: 7). Vorteil dieses Ansatzes ist es, dass eine bessere Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen populistischen Bewegungen auch über Ländergrenzen hinweg ermöglicht wird. Die identifizierten Merkmale bilden in ihrer Kumulation eine Art Merkmalskatalog, anhand dessen Phänomene komparativ analysiert und kategorisiert werden können.

In ihrer Analyse populistischer Bewegungen[15] identifiziert Canovan nach diesem Muster zwei maßgebliche Populismus-Familien, die sie wiederum in mehrere Subkategorien unterteilt. Zum einen „ agrarian populism “ und zum anderen „ political populism “ (vgl. Canovan 1981: 13). „Agrarian populism“ verortet sie in der Tradition der globalen Bauern- bzw. Farmerbewegungen im ausgehenden 19. Jahrhundert[16] und unterteilt diese Form des Populismus in „ farmers’ radicalism “, „ peasant movements “ und „ intellectual agrarian socialism “ (vgl. ebd.). Unter „political populism“ subsumiert Canovan nicht nur populistische Bewegungen, sondern auch Stilmittel populistischer Agitation. Sie unterscheidet hier zwischen „ populist dictatorship “, „ populist democracy “, „ reactionary populism “ und „ politicians’ populism “ (vgl. ebd.).[17]

Problematisch an Canovans Unterteilung ist, dass die einzelnen Kategorien nicht trennscharf sind, d.h., ein Phänomen lässt sich nicht immer nur einer bestimmten Kategorie zuordnen, sondern es existieren „many interconnections among our seven theoretical categories“ (Canovan 1981: 289). So lässt sich Argentiniens ehemaliger Präsident Juan Domingo Perón ohne weiteres der Kategorie „ populist dictatorship “ zuordnen (vgl. Canovan 1981: 13), bediente sich in seiner Amtszeit aber auch immer wieder Elementen des „ politicians’ populism “ (vgl. Werz 2003a: 51). Wie schon vor ihr Peter Wiles (1969), der einen ähnlichen – wenn auch oberflächlicheren – Forschungsansatz verfolgte (vgl. Wiles 1969), konstatiert auch Canovan letztlich, dass kein Objekt jemals alle Kriterien erfüllen kann, es also keinen reinen Populismus gibt (vgl. Canovan 1981: 289). Hier setzt dann auch die maßgebliche Kritik von Taggart (2000) an, der das Ergebnis der Canovan’schen Arbeit lediglich darin sieht, dass sie nachgewiesen habe, dass Populismus ein zerstreutes Konzept sei (vgl. Taggart 2000: 22).

Trotz aller berechtigten Kritik stellt der Ansatz von Canovan doch erstmals einen systematischen Versuch dar, das komplexe Phänomen „Populismus“ zu strukturieren. Zwar verwenden neuere Arbeiten längst andere Kategorisierungen (vgl. Puhle 2003; Decker 2004), die Grundidee, auf eine Meta-Theorie zu verzichten und stattdessen anhand bestimmter Merkmale einzelne Populismus-Familien zu identifizieren, hat sich jedoch im wissenschaftlichen Populismus-Diskurs etabliert.

So verfolgt Diehl (2011a) einen ähnlichen Ansatz, wenn sie betont, dass man zwischen populistischen und nicht-populistischen Akteuren nicht kategorisch unterscheiden könne, sondern graduelle Abstufungen bezüglich der Populismus-Intensität berücksichtigen müsse (vgl. Diehl 2011a: 278). Man kann demnach also nicht sagen, ob ein Akteur, eine Bewegung oder ein bestimmter politischer Stil „populistisch“ist, sondern nur bis zu welchem Grad er „populistische“ Züge aufweist (vgl. ebd.). Je mehr populistische Elemente identifiziert werden, desto höher sind dementsprechend die Populismus-Intensität und damit die Legitimation für die Zuschreibung „populistisch“.

In Anlehnung an Decker (2004, 2006a)[18] arbeitet Diehl drei Dimensionen des „politischen Tuns“ heraus, in denen Populismus auftritt: Ideologie, politische Kommunikation sowie soziale Organisation und Struktur (vgl. Diehl 2011a: 279). Für jede dieser Dimensionen erarbeitet sie anschließend eine Merkmalsliste, anhand derer die Populismus-Intensität bestimmt werden kann (vgl. Diehl 2011a: 282, 287, 289). Vorteil dieser Methode ist, dass man die Ab- oder Zunahme der Populismus-Intensität in den einzelnen Dimensionen beobachten und damit auch Veränderungsprozesse politischer Akteure erfassen kann (vgl. Diehl 2011a: 290). Außerdem geraten durch die Ablehnung einer kategorischen Unterscheidung zwischen Populisten und Nicht-Populisten auch Akteure in den Mittelpunkt der Betrachtung, die nicht als prototypisch „populistisch“ gelten, jedoch zuweilen durchaus „populistisch“ agieren (vgl. ebd.).

Ein vielversprechender Ansatz kommt darüber hinaus von Puhle (2003), der zwar kein neues Forschungskonzept entwickelt, jedoch sinnvolle Kategorien zur Strukturierung des Populismus-Begriffs vorschlägt. Zunächst empfiehlt er „Populismus als „-ismus“, als inhaltlich und programmatisch gerichtete Bewegung oder als Regime [zu] unterscheiden von (bloßen) populistischen Elementen, Techniken, Versatzstücken, Instrumenten und Stilen […]“ (Puhle 2003: 16). Dies ist besonders wichtig, da eine Vermischung dieser beiden Ebenen, der inhaltlichen und der formalen, nur zu weiterer Konfusion im Populismus-Diskurs führen dürfte. Es liegt zwar nahe, dass populistische Bewegungen oder Regime sich auch der Stilmittel populistischer Agitation bedienen, andersherum muss ein in puncto Stil populistisch agierender politischer Akteur jedoch nicht zwangsläufig einer populistischen Bewegung angehören, geschweige denn den gleichen ideologischen Horizont mit den Populisten teilen. Einige Autoren plädieren in jüngster Zeit darüber hinaus dafür, die beiden Ebenen nicht nur zu trennen, sondern sich für die Untersuchung des Populismus als Regierungsstil bzw. als Strategie politischer Kommunikation zu entscheiden (vgl. Korte 2003; Jun 2006; Mertens 2014). Puhle hält jedoch dagegen, indem er argumentiert, dass eine Interpretation von Populismus als Politikstil keinen Erkenntnisgewinn hervorbringe, da populistische Stilmittel in der Politik neuerdings ubiquitär geworden, ja dass Populismus gar „zum dominanten Politikstil der Epoche“ (Puhle 2003: 43) transformiert sei (vgl. ebd.).

Als zweites Strukturationskriterium setzt Puhle die Unterscheidung zwischen „klassischen“ Populismen und jüngeren „Neo-Populismen“ (vgl. Puhle 2003: 16). Zu den „klassischen“ Populismen zählt er dabei neben den bereits erwähnten Bauernbewegungen wie der U.S. People’s Party oder den Narodniki auch einige lateinamerikanische Bewegungen (vgl. Puhle 2003: 19ff.). „Neo-Populismen“ sind in der Diktion von Puhle vor allem Bewegungen und Parteien des „neuen Rechtspopulismus“ (Decker 2004) wie beispielsweise die österreichische FPÖ oder der französische FN (vgl. Puhle 2003: 35ff.). Begründet wird die Unterteilung damit, dass „Neo-Populisten“ im Gegensatz zu „klassischen“ Populisten den Staat weniger als Instrument zur Realisierung einer bestimmten Politik einsetzen (vgl. Puhle 2003: 32). „Der Staat ist heutzutage […] nicht mehr Vehikel, sondern allenfalls Beute populistischer Absichten […]“ (Puhle 2003: 16).[19]

Bei der dritten und letzten Empfehlung Puhles hinsichtlich einer klareren Konturierung des Begriffs „Populismus“ handelt es sich weniger um ein weiteres Kriterium zur Strukturierung, sondern vielmehr um eine Art Forschungsparadigma. So postuliert Puhle, dass die Populismus-Forschung sich systematisch mehr Klarheit über das Verhältnis von Populismus und Demokratie verschaffen müsse (vgl. ebd.). Dabei weist er in dieselbe Richtung wie die jüngeren Arbeiten von Canovan (2002), die betonen, um Populismus zu verstehen, müsse man sich des Paradoxes „at the heart of modern democracies“ (Canovan 2002: 25) bewusst werden (vgl. ebd.). Im Rahmen dieser Untersuchung soll dieser Auffassung gefolgt werden, weshalb sich das nächste große Kapitel (Kapitel 3.2) mit dem institutionellen Setting – und hier insbesondere mit dem Verhältnis von Populismus und Demokratie – befasst.

3.1.3 Definitionsansätze – Populismus nach Mudde (2004)

Zwar wird die Genese einer Populismus-Theorie von den meisten Forschern abgelehnt (Kapitel 3.1.1), allgemeine Definitionsansätze zum Populismus-Begriff liegen jedoch vor. Der am meisten beachtete Definitionsansatz zum Populismus-Begriff ist dabei der Ansatz von Mudde (2004). Dieser definiert Populismus „ as an ideology that considers society to be ultimately separated into two homogenous and antagonistic groups, ‚the pure people‘ versus the ‚corrupt elite‘, and which argues that politics should be an expression of the volonté générale (general will) of the people “ (Mudde 2004: 543). Weiter führt er aus, dass Populismus in dieser Diktion lediglich eine „thin-centred ideology“ sei, was bedeutet, dass Populismus zwar einen ideologischen Kern aufweist, jedoch kaum für sich allein stehen kann, sondern vielmehr Verbindungen mit anderen Ideologien und politischen Konzepten eingeht (vgl. Mudde 2004: 544).

Darauf aufbauend konstatiert Mudde schließlich, dass ein so verstandener Populismus spätestens seit den 1990er-Jahren in den westlichen Demokratien präsent sei und dass die etablierten Parteien mit ihrer Strategie der Inklusion populistischer Elemente dazu beitragen würden, einen populistischen Zeitgeist zu forcieren (vgl. Mudde 2004: 551, 563).[20]

In der Definition von Mudde stecken eine Menge Aspekte, von denen einige als konstitutiv für den Populismus-Begriff angesehen werden können und auf wissenschaftlichem Konsens beruhen, andere hingegen in der Forschung umstritten sind. Im Folgenden sollen zwei maßgebliche Dimensionen der Mudde-Definition exemplarisch diskutiert werden: Populismus als Ideologie und die Dichotomie zwischen „den kleinen Leuten“ und der „korrupten Elite“.

3.1.3.1 Populismus als „dünne Ideologie“?!

Mudde definiert Populismus als so genannte „dünne“ Ideologie. Ein Ansatz der in der Forschung durchaus umstritten ist. Zurück geht der Begriff auf den Ideologietheoretiker Freeden (1996, 1998), der sich mit seiner Konzeptualisierung des Ideologie-Begriffs klar von Ideologie-Ansätzen in der Marx‘schen Tradition abgrenzt, die aus der Analyse ausbeuterischer Machtverhältnisse, den „Idealtyp“ einer sozialistischen Gesellschaft zu konstruieren versuchen (vgl. Freeden 1998: 749).[21]

In seinem Ansatz versteht Freeden Ideologien als Anordnungen politischer Konzepte, in denen bestimmte Interpretationen, der die Ideologie konstituierenden Konzepte, aus einer „range of meanings they may signify“ (ebd.) selektiert werden (vgl. ebd.). Aus dieser Unbestimmtheit resultiere ein Pluralismus der Bedeutung, der politische Konzepte prinzipiell „anfechtbar“ (ebd.) mache (vgl. ebd.). Ideologien machen politische Konzepte hingegen „unanfechtbar“ (ebd.), indem sie den politischen Konzepten Bedeutungen zuschreiben, die zwar willkürlich sein können, sie jedoch stets mit einer großen kulturellen Bedeutung aufladen (vgl. ebd.). So hätten Ideologien letztlich das Potenzial, konzeptuelle Bedeutung in politisches Handeln zu übersetzen (vgl. Freeden 1998: 749; Canovan 2002: 30).

Freeden unterscheidet dabei zwischen „ full ideologies “ wie beispielsweise Liberalismus oder Sozialismus und „ thin-centred ideologies “ wie Feminismus (vgl. Freeden 1998: 750f.). Während „ full ideologies “ für sich allein stehen können, Antworten auf gesellschaftspolitische Fragen geben und dem „Konsumenten“ der Ideologie Orientierung bieten, gewinnen „ thin-centred ideologies “ ihre Kraft erst aus der Verbindung mit anderen Ideologien (vgl. ebd.). Da diese Verbindungen über die Zeit variieren können, sind „ thin-centred ideologies “ in ihren ideellen Ambitionen limitiert und unfähig, komplexe Argumentationsketten abzubilden (vgl. Freeden 1998: 750). Schließlich differenziert Freeden noch einen weiteren Typ, der weder einer „ full ideology “ noch einer „ thin-centred ideology “ entspricht, sondern lediglich eine Unterstützung und Verzierung einer übergeordneten so genannten „ host-ideology “ darstellt.[22]

An dieser Stelle sollen einige kritische Anmerkungen zur Konzeptualisierung von Populismus als Ideologie folgen. Erstens hat Freeden nur die Schablone zur Analyse von Ideologien geliefert, das Konzept des Populismus jedoch nie selbst analysiert. Ob man in Freedens Diktion, wie Canovan (2002) und Mudde (2004) suggerieren, von Populismus als einer „ thin-centred ideology “ sprechen kann, ist also keineswegs sicher. Vielmehr erhärtet sich der Verdacht, dass Freeden Populismus – ähnlich wie Nationalismus – eher als Parasit verschiedener Meta- bzw. Wirtsideologien konzeptualisieren würde.

Zweitens geht die These von Populismus als einer „dünnen Ideologie“ implizit davon aus, dass Populismus einen ideologischen Kern besitzt, um den herum sich weitere Ideologien und Konzepte legen. Dies wird in der Forschung durchaus kontrovers diskutiert. So betont beispielsweise Betz (1994): „Populist parties are generally held to lack of grand visions or comprehensive ideological projects“ (Betz 1994: 107). In eine ähnliche Richtung weist der Standpunkt von Taggart (2002), der als eines der Kernelemente von Populismus den Mangel an zentralen Werten diagnostiziert (vgl. Taggart 2002: 68). Populismus sei derartig flexibel und tauche in so vielen verschiedenen ideologischen Kontexten auf, dass man davon ausgehen müsse, dass Populismus ein „leeres Herz“ (ebd.) auszeichne, das für die ihm inhärente ideologische Schwäche sowie für seine potenzielle Ubiquität verantwortlich sei (vgl. ebd.).

Drittens stellt die Ideologie-Definition von Freeden nur eine unter vielen Ideologie-Definitionen dar. So erarbeitet Mertens (2014) im Anschluss an ein sozialwissenschaftliches Begriffsverständnis zwei maßgebliche Kriterien zur Bestimmung von Ideologien: eine Ideologie muss einerseits eine Weltanschauung und andererseits den konkreten Wunsch zur politischen Umsetzung beinhalten (vgl. Mertens 2014: 22). In seinem anschließenden Abgleich der Ideologie-Kriterien mit den Eigenschaften von Populismus kommt Mertens zu dem Ergebnis, dass sich mit der Kontrastierung von „Volk“ und „Elite“ – die Mudde nutzt, um Populismus als „dünne Ideologie“ zu rechtfertigen (vgl. Mudde 2004: 544) – zwar ein grundsätzlicher Inhalt finden lässt, es aber insgesamt an klar abgrenzbaren Positionen mangele, die umfangreich genug wären, Populismus als Weltanschauung zu klassifizieren (vgl. Mertens 2014: 32). Auch das zweite Kriterium sieht er als nicht gegeben an, wenn er konstatiert, dass sich Populismus durch seinen Protestcharakter häufig als Anti-Haltung konstituiere, sich also mehr gegen eine vorherrschende Politik richte als für die Umsetzung eigener politischer Konzepte plädiere (vgl. ebd.). So stellt er im Anschluss an Reisigl (2005) letztlich fest, dass Populismus keine Ideologie im klassischen Sinne sei (vgl. Reisigl 2005: 55; Mertens 2014: 33).

Wie die oben diskutierten Ausführungen zeigen, ist es also – unabhängig davon, welcher Ideologie-Definition man folgt – durchaus problematisch, Populismus als konsistente Ideologie zu begreifen. Konsens herrscht jedoch darüber, dass sich Populismus bestimmter ideologischer Versatzstücke bedient, die oftmals zur Mobilisierung ihrer Anhängerschaft eingesetzt werden. Die Infragestellung einer generellen Populismus-Ideologie soll sich daher nicht zulasten der Analyse einzelner ideologischer Bezugspunkte innerhalb des Populismus-Konzepts auswirken, die sich besonders für den Rechtspopulismus als fruchtbar erweist (Kapitel 3.4).

3.1.3.2 Populismus und die Dichotomie zwischen „Volk“ und „Elite“

Im Gegensatz zu seinem Ideologie-Postulat beruht die zweite Dimension der Definition Muddes, die Dichotomie vom „Volk“ bzw. „den kleinen Leuten“ und der „korrupten Elite“ bzw. der „politischen Klasse“, auf wissenschaftlichem Konsens. So betonen neben Mudde (2004) heute eine ganze Reihe von Populismus-Forschern die Wichtigkeit der populistischen Appelle an „das Volk“ (u.a. Taggart 2000; Canovan 2005; Pombeni 2011; Hartleb 2012) und machen Anti-Elitarismus sowie eine Anti-Establishment-Haltung als wesentliche Populismus-Merkmale aus (u.a. Taggart 2002; Puhle 2003; Hartleb 2012; Priester 2012).

Der Rekurs auf das „Volk“ ist dabei schon dem Begriff „Populismus“ inhärent, der sich vom Lateinischen populus (=Volk) ableitet (vgl. Werz 2003b: 9). Wer aus populistischer Perspektive jedoch zum „Volk“ gehört, variiert je nach Kontext.[23] So verweist denn auch Canovan (2005) in ihrer begriffs- und ideengeschichtlichen Analyse des Begriffs „Volk“ auf die Ambivalenz und Flexibilität des Terminus. Dieser könne einerseits – ähnlich wie der klassische griechische Begriff demos – die gesamte Bürgerschaft, andererseits jedoch auch nur einen Teil dieser Bürgerschaft bezeichnen – zuweilen den Teil, der das politische System kontrolliert, öfter hingegen den Teil, der von jeglicher politischer Partizipation ausgeschlossen ist, die vielzitierten „einfachen Leute“ (vgl. Canovan 2005: 65, 68).

Berücksichtigt man diese Ambivalenz und darüber hinaus die unterschiedlichen Verwendungskontexte, in denen von Populisten auf das „Volk“ rekurriert wird, ist es nicht verwunderlich, dass der Terminus auch heute noch ebenso wie „Populismus“ selbst sehr diffus erscheint.[24] Was aus einer akademisch-wissenschaftlichen Perspektive eine Schwäche darstellt, erweist sich in der politischen Praxis jedoch als Chance, wie Canovan schon 1981 konstatierte (vgl. Canovan 1981: 261). Auch Taggart (2000) kommt zu dem Ergebnis, dass der Begriff „Volk“ in höchstem Maße dehnbar und flexibel sei, weshalb er hervorragend zum Populismus passe, der Konzepte brauche, die formbar seien (vgl. Taggart 2000: 92). So ist der Terminus „Volk“ aus einer populistischen Perspektive hochgradig geeignet, um im Sinne einer „ catch-all-party “ an breite Wählerschichten zu appellieren.

[...]


[1] Zur „Volksgemeinschaft“ vgl. URL: http://www.bpb.de/izpb/137211/volksgemeinschaft [Stand: 23.05.2015].

[2] Vgl. URL: http://www.deutschlandradiokultur.de/wir-sind-das-volk-vom-ruf-nach-freiheit-zur-hassparole.1005.de.html?dram:article_id=311714 [Stand: 23.05.2015].

[3] Was zunehmend auch von Journalisten beklagt wird, vgl. Smolka (2015): Die Bedenken der gemeinen Leute, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 32, 07.02.2015, S. 21.

[4] Besonders erfolgreich zeigen sich „Rechtspopulisten“ in so genannten Konkordanzdemokratien wie in Österreich (FPÖ) oder der Schweiz (SVP) (vgl. Frölich-Steffen 2006). Aber auch in Skandinavien – beispielsweise in Finnland (PS) und Norwegen (FrP) – ist die elektorale Unterstützung erheblich.

[5] Aufgrund des begrenzten Volumens des Wissenschaftlichen Projekts sei an dieser Stelle nur die qualitativ hochwertigste Quelle wissenschaftlichen Arbeitens wiedergegeben. Eine detailliertere Darstellung zur wissenschaftlichen Qualität verschiedener Quellenarten findet sich bei Stickel-Wolf/Wolf (2013: 135ff.).

[6] „Zitierzirkel“ beruhen unter anderem darauf, dass „Autoren mit ähnlichen Ansichten oder persönlichen Näheverhältnissen“ (Ebster/Stalzer 2013: 45) dazu neigen, einander häufig zu zitieren (vgl. ebd.). Dies wurde versucht zu umgehen, indem nicht nur nationale (deutschsprachige) Titel aufgenommen wurden, sondern auch internationale (durch angloamerikanische Forschung geprägte) Titel. Damit sollten zumindest „persönliche Näheverhältnisse“ weitestgehend ausgeschlossen werden.

[7] Vgl. URL: https://www.gbv.de/benutzer/datenbanken/datenbanken_des_GBV [Stand: 06.03.2015].

[8] Auch wenn dadurch das vielzitierte Werk von Pierre-André Taguieff (2002), „ L'Illusion populiste. De l'archaïque au médiatique “, ausgeklammert werden muss, da es nach Recherchen des Autors nur in französischer sowie italienischer Sprache vorliegt.

[9] Dies ist fast immer gelungen. Bis auf wenige Ausnahmen lagen dem Autor alle zitierten Werke im Original vor.

[10] Internetquellen wurden ausschließlich verwendet, um bestimmte Aspekte mit Beispielen aus dem aktuellen gesellschaftlichen und politischen Tagesgeschehen zu veranschaulichen.

[11] Sammelbände genügen – ähnlich wie andere Herausgeberwerke – nicht immer höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen, da es sich oft um „Einladungswerke“ handelt, bei denen die Artikel von relativ unbekannten Autoren verfasst sind, die sich gegenseitig die Möglichkeit zur unkomplizierten Publikation verschaffen (vgl. Stickel-Wolf/Wolf 2013: 137). In größerem Umfang wurden daher nur Herausgeberwerke von renommierten Autoren, wie beispielsweise Mény/Surel (2002a), Werz (2003c) oder Decker (2006c), aufgenommen.

[12] Im europäischen Raum dominiert die Forschung zum Rechtspopulismus, da Rechtspopulisten hier – im Gegensatz zu Linkspopulisten – immer wieder elektorale Erfolge feiern können und das Interesse dementsprechend größer ist (vgl. Decker 2004). In anderen Teilen der Welt, insbesondere in Lateinamerika, wird hingegen verstärkt der Linkspopulismus untersucht (vgl. Werz 2003a).

[13] Einen kompakten Überblick bietet beispielsweise Brink (2013: 109-116).

[14] Alle Hervorhebungen in Zitaten jeweils im Original.

[15] Berücksichtigt werden hier nur Bewegungen vor 1981.

[16] Erwähnt seien hier vor allem die amerikanische People’s Party und die russische Bewegung Narodniki, die in der Populismus-Forschung, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten, vielfach als klassische Populismus-Beispiele genannt werden (vgl. Spier 2006: 42). Für eine Zusammenfassung der amerikanischen Bauernbewegungen sei auf Goodwyn (1978) verwiesen. Eine umfassende Einführung in die Bewegung der Narodniki hingegen bietet Walicki (1969).

[17] Die Subkategorien des „ agrarian populism “ und des „ political populism “ können an dieser Stelle nicht gänzlich nachvollzogen werden und seien nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Für Details wird auf die entsprechenden Kapitel in Canovan (1981) verwiesen.

[18] Decker konzeptualisiert Populismus in seinen Arbeiten immer wieder auf drei Ebenen: einer ökonomischen (Verteilungskrise), einer soziokulturellen (Identitäts-/Sinnkrise) und einer politisch-institutionellen (Repräsentationskrise). Für Details siehe Decker (2004: 27ff., 2006a: 14).

[19] Die Unterscheidung lässt sich auch dann nachvollziehen, wenn man weitere Ebenen mit in die Betrachtung einbezieht. Neben dem temporären Aspekt (zwischen der Blütezeit der „klassischen“ Populismen und dem Aufkommen des „Neo-Populismus“ liegt fast ein Jahrhundert) sei hier vor allem auf die unterschiedliche sozioökonomische Konstitution der jeweiligen Anhängerschaft verwiesen. Während die Anhänger der Bauernbewegungen Ende des 19. Jahrhunderts – mit Ausnahme der Narodniki – hauptsächlich Bauern bzw. Farmer waren, die sich in prekären ökonomischen Verhältnissen befanden, rekrutieren neuere populistische Bewegungen ihre Anhängerschaft im Stile so genannter „ catch-all-parties “ aus allen gesellschaftlichen Schichten, zuweilen auch aus einem ökonomisch abgesicherten Mittelstand (vgl. Betz 1993a: 421ff., Betz 1993b: 676ff.).

[20] So wie beispielsweise der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy, der mit seinem plötzlichen Rechtsruck während der Präsidentschaftswahl 2007 versuchte, Themen des FN zu besetzen, um Wählerstimmen zu gewinnen. In letzter Instanz trug er somit aber implizit dazu bei, die Positionen des FN salonfähig zu machen, vgl. URL: http://www.sueddeutsche.de/politik/ump-chef-sarkozy-der-mit-dem-feuer-spielt-1.2406280 [Stand: 24.03.2015].

[21] Freedens Konzeptualisierung unterschiedlicher Ideologien ist relativ komplex und geht weit über die hier skizzierte Struktur hinaus. Für Details sei daher auf Freedens Hauptwerk „ Ideologies and Political Theory: a Conceptual Approach “ (1996) verwiesen.

[22] Freeden bedient sich hier mit dem Parasitismus eines Konzeptes aus der Biologie. Demnach kommen in der Natur vielfach so genannte Parasit-Wirt-Beziehungen vor, bei denen der Parasit im Organismus des Wirts lebt und ihm so Nährstoffe entzieht, ohne ihn jedoch dabei zu töten. Freeden bezieht dieses Konzept beispielsweise auf den Nationalismus, den er als Merkmal (Parasit) mehrerer host-ideologies wie Liberalismus, Konservatismus oder Faschismus versteht (vgl. Freeden 1998: 759-65).

[23] So wünscht sich die italienische Partei LN eine Abspaltung des wohlhabenderen Nordens vom größtenteils ärmlichen Süden Italiens. Zum „wahren Volk“ gehören demnach hauptsächlich die ökonomisch besser gestellten Schichten der Gesellschaft (zur LN vgl. Decker 2004: 41-49). Die österreichische FPÖ hingegen sieht in ihrem Verständnis von „Volk“ den „kleinen Mann“ im Mittelpunkt. So inszenierte sich Jörg Haider einst mit dem Slogan „Ich sage, was Ihr denkt“ als Anwalt der „einfachen Leute“ (vgl. Grabow/Hartleb 2013: 17).

[24] Spätestens seit der ideologischen Instrumentalisierung des Begriffs „Volk“ während des Dritten Reiches ist der Terminus überdies historisch vorbelastet (siehe III. Exkurs zum Begriff „Volk“), was eine genauere Analyse erschweren dürfte.

Details

Seiten
113
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668049673
ISBN (Buch)
9783668049680
Dateigröße
925 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306539
Institution / Hochschule
Hochschule Osnabrück – Institut für Kommunikationsmanagement
Note
1,0
Schlagworte
Populismus Rechtspopulismus Studie Topic_Rechtspopulismus

Autor

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Titel: Ordnung im Populismus. Aspekte, Projekte und Definitionen vom Populismus- zum Rechtspopulismusbegriff