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Judenspanisch. Sprache und Sprachkontakt in der Diaspora

von Alexander Bauerkämper (Autor)

Seminararbeit 2010 20 Seiten

Romanistik - Weitere Sprachen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und definitorische Eingrenzung

2 Ursprung, Entwicklung und territoriale Verbreitung
2.1 Sefarad
2.2 Sefarad
2.3 Sefarad

3 Zentrale linguistische Merkmale des Judenspanischen
3.1 Phonologie
3.2 Morphologie
3.3 Lexik
3.4 Nachtrag: die verschiedenen judenspanischen Dialekte

4 Zur Kontaktsituation in den Vereinigten Staaten
4.1 Entlehnungen und phonologische Interferenz
4.2 Code-switching
4.3 Fazit und Problematisierung

5 Schlussbemerkung

6 Bibliographie

1 Einleitung und definitorische Eingrenzung

Ist es historiographisch gesehen auch verpönt, die Geschichte in einzelne, klar definierte Epochen einzuteilen, so dürfte es insbesondere der Romanistik doch schwer fallen, dem Jahr 1492 das Attribut einer epochalen Schwelle abzusprechen. Denn nicht nur wird in diesem Jahr der amerikanische Kontinent erstmalig von der spanischen Flotte angesteuert[1], auch wird die jahrhundertelang umkämpfte Iberische Halbinsel mit der Niederlage der einstigen arabischen Machthaber in Granada wieder vollständig unter die Herrschaft des Christentums gebracht. Darüber hinaus ist auch die Veröffentlichung der ersten kastilischen bzw. spanischen Grammatik, Antonio de Nebrijas Gramática de la lengua castellana, sowohl in nationalpolitischer wie auch linguistischer Hinsicht von großer Bedeutung und damit eine Errungenschaft, auf welche gerne verwiesen wird.

Ganz anders verhält es sich jedoch mit der päpstlich und königlich abgesegneten Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Spanien, dem Alhambra-Edikt, das ebenfalls auf das Jahr 1492 zurückdatiert. Denn auch heute noch ist dieses ein ‚unangenehmes Kapitel‘ in der spanischen Geschichte, welches zu umgehen Politik und Gesellschaft viel zu oft bereit waren. So fragt sich der Berliner Linguist Winfried Busse denn auch zu Recht, „wer – außer den Romanisten“ (Busse 2004: 3) sich denn überhaupt an die grausame Vertreibung oder Zwangsbekehrung tausender spanischer Juden zu jener Zeit erinnere. Denn es ist durchaus ein Verdienst der roma-nistischen Forschung des letzten Jahrhunderts, dass das Schicksal der Sepharden[2], also der damals expatriierten spanischen (und portugiesischen) Juden und ihrer Nachkommen, wieder verstärkt in den Blick der Öffentlichkeit gerückt wurde.

Das Interesse der Romanistik entspringt in diesem Zusammenhang allem voran einer Besonderheit: Die Sepharden nahmen neben ihrer hispanischen Kultur auch ihre jeweilige regionale Varietät der spanischen Sprache mit auf den Weg. Dabei gelang es ihnen trotz der Schwierigkeiten in der Diaspora, diese ethnisch-religiöse und sprachliche Identität zu bewahren. So wurde bis heute eine Sprache konserviert, die – wenngleich stark von den jeweiligen Kontaktsprachen der neuen Lebensräume beeinflusst – im Grunde genommen dem Stand des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts entspricht. Diese Sprache ist inzwischen unmittelbar vom Aussterben bedroht, wird aber noch vereinzelt in den sephardischen Gemeinden, die sich weltweit entwickelt haben, praktiziert.

‚Judenspanisch‘ scheint uns in dieser Arbeit als Bezeichnung dieser Sprache, welche wir natürlich als Abstraktum ihrer verschiedenen diatopischen Ausprägungen verstehen, am sinnvollsten. Es ist unverzichtbar, sich im Zusammenhang mit der Sprache der Sepharden dezidiert auf eine Terminologie festzulegen, da diese insgesamt noch zu schwammig ist: „Much unnecessary ink has been spilled over what this language has been called, has not been called, is called, and should be called“ (Nemer 1981: 6). Trotz dieser Kritik Julie Nemers ist an dieser Stelle kurz zu rekapitulieren, welche Bezeichnungen für die Sprache der Sephardim, welcher wir uns in dieser Arbeit widmen wollen, auftauchen.

Die von den Sepharden selbst verwendeten Bezeichnungen betonen entweder die spanische Herkunft der Sprache (español, españolico, españolit, sefar(a)d í) oder ihren spezifisch jüdischen Hintergrund (jidió / judió, (d)judezmo usw.) (vgl. Bürki/Schmid/Schwegler 2006: 7). Desweiteren finden sich die Termini spanyolit (in Israel), ‚spaniolisch’ sowie speziell für die in Marokko gesprochene Varietät Haketía (vgl. Bitzer 1998: 120). Etwas komplizierter wird es mit der Bezeichnung ladino. Diese findet sich vor allem außerhalb der Sprachwissenschaft und wird außer zur Benennung der gesprochenen Sprache der Sepharden auch in anderen Kontexten verwendet: Ursprünglich „para designar el romance en contraposición con el hebreo“ (Bürki/Schmid/Schwegler 2006: 7). Außerdem ist ladino ein spezielles Wort-für-Wort Übersetzungsverfahren der Juden, welches wohl schon ab dem 12. oder 13. Jahrhundert angewandt wurde (ausführlicher bei Bitzer 1998: 129 ff.).

Diese Liste ließe sich noch erweitern. Es sollte hier aber lediglich deutlich gemacht werden, wie umfangreich und unübersichtlich die Terminologie bezüglich unseres Betrachtungsgegenstandes ist. Trotzdem, ‚Judenspanisch‘ (bzw. judeo-español, giudeo-spagnuolo, judeo-spanish usw.) ist die Bezeichnung, die sich im aktuellen sprachwissenschaftlichen Diskurs – zumindest in Europa – durchzusetzen scheint. Eine Entwicklung, der wir uns hier anschließen wollen.

Welcher soll nun der Inhalt dieser Arbeit sein und wie baut sich diese auf? Wir wollen uns zum Ziel setzen, einen möglichst aktuellen Einblick in das Judenspanische zu bieten, wobei wir wichtige außerlinguistische Aspekte zwar einbeziehen doch nicht zum eigentlichen Thema machen möchten. Besondere Aufmerksamkeit werden wir im Verlauf der Arbeit der Tatsache schenken, dass das Judenspanische schon immer auch dem Kontakt zu anderen Sprachen ausgesetzt war, wodurch zahlreiche Sprachkontaktphänomene hervorgerufen wurden.

Zu Beginn werden wir auf den ‚Werdegang‘ der sephardischen Kultur und ihrer Sprache eingehen, also die Fragen klären, wie es den spanischen Juden vor und nach 1492 erging, wohin sie flüchteten und welche Rolle ihre Sprache dabei spielte. Die Merkmale dieser Sprache werden wir anschließend, also im dritten Kapitel, darstellen, wobei natürlich bedacht werden soll, dass zwischen den verschiedenen judenspanischen Varietäten wiederum zahlreiche Unterschiede existieren, die insbesondere dem Kontakt zu anderen Sprachen geschuldet sind. Eine explizit kontaktlinguistische Sichtweise wollen wir im vierten Kapitel verfolgen. Dort widmen wir uns der Kontaktsituation des Judenspanischen in den Vereinigten Staaten, das – im Gegensatz zu den judenspanischen Varietäten des Balkans – bisher nur relativ wenig Beachtung fand.

2 Ursprung, Entwicklung und territoriale Verbreitung

Die Geschichte der Sepharden und damit ihrer Sprache ist eine äußerst bewegte. Um die Ursprünge und die Entwicklung des Judenspanischen zu beleuchten ist es unabdingbar, einen Blick in die Historie zu werfen.

Wir teilen die Geschichte der sephardischen Kultur in Anlehnung an Bürki/Schmid/ Schwegler (2006: 9) in drei Phasen ein: Die erste (‚Sefarad 1‘) beinhaltet die Zeit vor dem Alhambra-Edikt, also die Lebensumstände der spanischen Juden im Mittelalter. ‚Sefarad 2‘ umfasst all jene Entwicklungen, die sich nach 1492 auftaten, namentlich die Niederlassung der Sephardim in den verschiedenen Teilen der Welt. Im 19. und 20. Jahrhundert waren viele von ihnen abermals zur Umsiedelung gezwungen. Der Untergang des Osmanischen Reichs, die Gründung rassistischer Nationalstaaten in Europa und die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg sorgten für eine erneute Flucht der Sepharden, vor allem in die USA, nach Israel und Latein-amerika. Diese letzte Phase, die bis in die Gegenwart reicht, nennen wir ‚Sefarad 3‘.

2.1 Sefarad 1

„Before 1492 the Jews in Spain enjoyed a very comfortable, if not wealthy, existence. They were indispensable to Spain’s economy [...]. Under Muslim rule Jewish culture in Spain enjoyed a ‚Golden Age‘“ (Harris 1994: 30 f.). Das äußert sich zum Beispiel in den zahlreichen von spanischen Juden verfassten und überlieferten literarischen Werken und Übersetzungen aus dieser Zeit. Die convivencia („an atmosphere of harmony and friedship“, Harris 1994: 32) der drei Religionen im muslimisch regierten Spanien verlagerte sich mit der fortschreitenden Reconquista jedoch zugunsten eines aufkommenden Judenhasses innerhalb des Christentums. Dieser explodierte spätestens mit dem am 4. Juni 1391 in Sevilla initiierten Pogrom, welcher innerhalb eines Jahres zehntausenden Juden das Leben kostete. Das Alhambra-Edikt ist ein bitterer Höhepunkt dieses Fanatismus und gleichzeitig seine rechtliche Absicherung in Form der Inquisition.

Was wir uns aus linguistischer Sicht fragen müssen ist, ob schon vor 1492 eine spezifisch jüdisch-spanische Sprache existierte. Diese Frage wird in der Forschung kontrovers diskutiert und ein sicherer Beweis für die eine oder andere These ist schwer zu finden, da uns nur relativ wenige und natürlich ausschließlich schriftliche Quellen vorliegen (vgl. Bitzer 1998: 121 ff.). Ergebnisse des aktuellen Diskurses deuten darauf hin, dass „each Jewish community spoke similarly (but perhaps not identically) to Christians living in the same city“ (Penny 1992: 126). Also:

La formación de una koiné judeoespañola – gradualmente alejada de las normas del español peninsular – no pertenece a la época medieval, sino que es consecuencia de las nuevas condiciones [...] determinadas por la catástrofe del destierro. (Minervini 2006: 18)

Andererseits:

La lengua de los sefardíes, salvo en algunas excepciones debido al aislamiento […] es generalmente la misma. […] los expulsados llegaron de todas provincias de España, lo cual prueba que la lengua que se hablaba entonces en España era uniforme. Ninguna de estas comunidades en los Balcanes, o en Turquía habla hoy el catalán, el gallego o el austuriano. (Besso 1968: 177 f.)

War diese „uniforme“ Varietät des Spanischen also spezifisch jüdisch? Oder wurde gar bereits in ganz Spanien – auch von den Christen – ein einheitliches Spanisch beherrscht? Nun, was wir hier wohl nur sicher sagen können ist, dass dem mittelalterlichen sephardischen Soziolekt zumindest einzelne spezifisch juden-sprachliche Elemente (also Phrasen und Entlehnungen aus dem Aramäischen, Hebräischen, auch Arabischen) eigen gewesen sind (vgl. Bitzer 1998: 124, 126).

[...]


[1] Von dem eurozentristischen Vorstellung einer ‚Entdeckung‘ Amerikas wollen wir uns hier bewusst distanzieren. Schließlich war der Kontinent schon seit tausenden Jahren von Menschen bevölkert.

[2] Die Schreibweise variiert meist zwischen ‚Sepharden‘, ‚Sefarden‘ oder mit hebräischer Endung ‚Sefardim‘. Bürki/Schmid/Schwegler (2006: 7) präzisieren: „El término sefardí es derivado de Sefarad, topónimo que en la tradición judía, a partir del siglo VIII, ha sido la designación habitual de la Península Ibérica. En este sentido, sefar(a)dí se refiere a los judíos de origen peninsular (de Portugal y España) y a su cultura. De ahí que el término suele usarse hoy en día en oposición al de askenazí, con el que se apunta a otra gran rama étnico-cultural del judaísmo: la franco-germana-eslava.”

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668048744
ISBN (Buch)
9783668048751
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306376
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Romanische Philologie
Note
1,7
Schlagworte
Kontaktlinguistik Sepharden Sephardiem Juden Judenspansich Spanisch Jüdisch Diaspora Kontakt

Autor

  • Alexander Bauerkämper (Autor)

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Titel: Judenspanisch. Sprache und Sprachkontakt in der Diaspora