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Lässt sich das gegenwärtige Europa über gemeinsame Werte definieren?

Essay 2015 9 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Der Anspruch auf eine Wertegemeinschaft

Das jüdisch-christliche Erbe

Das griechisch-römische Erbe

Europa die sozial-politische Wertegemeinschaft?

Das Problem der Werte und die Einheit in Vielfalt

Literaturverzeichnis

Lässt sich das gegenwärtige Europa über gemeinsame Werte definieren?

Die weltweite Finanzkrise stellt die Währungs- und Wirtschaftsunion Europa seit mehr als einem halben Jahrzehnt vor eine Zerreißprobe. Diskussionen über das Ausscheiden einzelner Staaten aus wirtschaftlichen Gründen begleiten den Prozess der europäischen Integration im neuen Jahrtausend. Die Europäische Union brachte eine Vielzahl sozialer und ökonomischer Gewinne mit sich, doch eben jene Krise wirft die Frage auf, ob man die Einheit Europas nicht durch sozioökonomische Vorteile, sondern durch gemeinsame Werte begründen sollte. In Politik und Medien wird hier von der Wertegemeinschaft Europas gesprochen (vgl. Haller 2009: 335). Der Kontinent ist durch eine Vielzahl kultureller Strömungen und durch eine stürmische Geschichte gekennzeichnet. Viele der technologischen Innovationen und heutigen Lebensweisen, zumindest der westlichen Nationen, haben im Okzident das Licht der Welt erblickt. Nach vielen, von Kriegen gezeichneten Epochen, hat sich Europa zu einem politischen Gebilde zusammengeschlossen. Dieses Konstrukt ist jedoch keineswegs unerschütterlich. Auf der Suche nach einem festeren Kitt, der das Gebilde Europa zusammenhält, stellt sich die Frage, ob sich das gegenwärtige Europa über gemeinsame Werte definieren lässt? Wie lassen sich solche Werte wissenschaftlich begreifen?

Um diese Fragen zu beantworten, soll zunächst der Anspruch der EU, eine Wertegemeinschaft darzustellen, näher beleuchtet werden. Es soll untersucht werden, ob es jüdisch-christlich oder griechisch-römische Werte gibt, die ganz Europa in sich trägt. Darauf folgend wird die Frage untersucht, ob es darüber hinaus auch andere kulturelle Eigenarten gibt, durch welche sich Europa definieren kann? Schlussendlich soll auf den Begriff selbst eingegangen werden, insbesondere darauf, welche Probleme sich aus wissenschaftlicher Perspektive bei der Diskussion gemeinsamer Werte im heutigen Europa stellen.

Der Anspruch auf eine Wertegemeinschaft

Schon im zweiten Absatz der Präambel der Grundrechtecharta der Europäischen Union wird der Anspruch auf eine Wertegemeinschaft betont:

„In dem Bewusstsein ihres geistig-religiösen und sittlichen Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität.“ (EU 2000)

Im Vertrag von Lissabon werden im ersten Artikel insgesamt dreizehn solcher Werte genannt:

„Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet." (EU 2007)

Diese explizite Berufung auf gemeinsame Werte ist einzigartig. Verfassungen beinhalten in der Regel zum einen die Aufgaben und Zuständigkeiten politischer Institutionen und zum anderen die Grundrechte der Bürger, wobei letzteres nicht immer Bestandteil sein muss (vgl. Haller 2009: 336). Die EU positioniert sich also ausdrücklich als Wertegemeinschaft, die laut der Präambel des Vertrags von Lissabon, auf dem „kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas“ (EU 2007) basiert. Hier lassen sich vor allem zwei Grundrichtungen herausdestillieren. Zum einen das religiöse jüdisch-christlich Erbe, zum andern das humanistische griechisch-römische Erbe Europas.

Das jüdisch-christliche Erbe

Auf die religiöse Tradition wird sich im öffentlichen Diskurs wohl am öftesten bezogen, wenn von der Frage um gemeinsame Werte Europas gesprochen wird. Zum einen wird sich von politischen Bewegungen wie PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) medienwirksam auf die Leitkultur jüdisch-christlicher Tradition berufen (vgl. Joffe 2015). Zum andern wird auch von Mitgliedsstaaten gefordert, das christliche Erbe in die Europäische Verfassung mit einzuschließen (vgl. Haller 2009: 337). Auch hochrangige deutsche Politiker beziehen sich immer wieder auf diese religiöse Tradition (vgl. Soboczynski 2010). Wolfgang Huber identifiziert vier christliche Grundmotive aus denen sich europäische Werte ableiten lassen. Erstens das Schöpfungsmotiv, wonach der Mensch Teil der von Gott geschaffenen Welt ist und deshalb die Würde menschlichen Lebens geachtet werden muss. Auch kann Freiheit als unantastbares Gut gelten, da sie der Güte der Schöpfung Gottes zu verdanken ist (vgl. Huber 2005: 77). Zum zweiten das Liebesmotiv, wonach Gottes Güte eine vorbehaltlose Bejahung des Menschen nach sich zieht und sich in Toleranz äußert (vgl. Huber 2005: 78f.). Drittens das Hoffnungsmotiv, das durch die Dreifaltigkeit, im Menschen Vertrauen in die allgegenwärtige Präsenz Gottes schafft, also die Verknüpfung von Verantwortung und Freiheit und als vierter Beweggrund das Umkehrmotiv im Sinne der Wirkung der Grundmotive als Gerechtigkeit (vgl. Huber 2005: 79f.). Jedoch ist die Idee eines christlichen Europas nur ein Pfeiler aus denen die soziale und politische Kultur der Mitgliedsstaaten besteht. Das Prinzip des Säkularismus, beziehungsweise des Multikulturalismus ist in Ländern wie Frankreich, Niederlande und Großbritannien von besonderer Bedeutung (vgl. Haller 2009: 338). Hier ist es schwer die Legitimation Europas nur auf die Werte der Kirche zu berufen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an religiösen Einstellungen in Europa. Insbesondere in Frankreich, aber auch im Rest der Union, gibt es stark antiklerikale Gruppen, die aufgrund von historischem oder gegenwärtigen Fehlverhalten der christlichen Kirche eben jene ablehnen (vgl. Haller 2009: 338). Auch gibt es einen immer größeren Teil der Bevölkerung, der sich gänzlich von der Kirche abgewandt hat. In den Niederlanden und England sind dies schon mehr als die Hälfte der Einwohner (vgl. Haller 2009: 339). Europaweit bezeichneten sich 2012 insgesamt 23% der Menschen als agnostisch oder atheistisch (vgl. Europabarometer 2012: T98f.). Außerdem besteht die EU zunehmend aus Angehörigen anderer Religionen, insbesondere den 15 Millionen Muslimen (vgl. Haller 2009: 339). Angesichts der hohen religiösen Vielfalt der EU kann sich eine europäische Verfassung nicht auf die Werte einer bestimmten Religion berufen, sondern muss sich durch Bezug auf universelle, menschliche Werte legitimieren. Aufgrund der komplexen Vielfalt und der Tendenz zu einer erhöhten kultureller Vielfalt, sowie geringerer Religiosität kann das Christentum nicht als definierendes Charakteristikum der EU angesehen werden (vgl. Haller 2009: 339). Staat und Kirche sind zwei fundamental unterschiedliche Institutionen, die auch unabhängig voneinander legitimiert werden müssen. Die Werte beider Gemeinschaften können sich überschneiden, und heutige christliche Werte sind zu einem Teil auch universelle menschliche Werte, jedoch kann es keine reine Übersetzung christlicher Grundmotive in politische Ethik geben, sondern Europa muss eine Vielzahl allgemeiner menschlicher Werte widerspiegeln, welche frei von den Limitierungen religiöser Werteinstellungen sind. Dies bedeutet jedoch nicht, den geschichtlichen Einfluss und die kulturelle Präsenz des Christentums in Europa zu leugnen.

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Details

Seiten
9
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668048706
ISBN (Buch)
9783668048713
Dateigröße
862 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306340
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Werte Europa Hans Joas Identität sozial-politische Wertegemeinschaft Wertegemeinschaft Tradition

Autor

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