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Bildungsideal und Bildungswege in Hermann Hesses Werken 'Peter Camenzind', 'Unterm Rad' und 'Demian'

Seminararbeit 1999 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Peter Camenzind
2.1. Kindheit, Heimat und Schule
2.2. Jugend, Studium und Frauenliebe
2.3. Freundschaft und soziales Umfeld
2.4. Der Einfluß Franz von Assisis und Camenzinds Bildungsreise
2.5. Mannesalter und Rückkehr nach Nimikon
2.6. Das Bildungsideal Peter Camenzinds

3. Unterm Rad
3.1. Hans Giebenrath
3.2. Der Bildungsgedanke in Unterm Rad

4. Demian
4.1. Elternhaus
4.2. Erste Liebe
4.3. Pistorius
4.4. Bildungsprinzip

5. Schlußbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein Motiv, das Hermann Hesses Werke durchläuft ist die Bildung des Menschen. Bildung, betrachtet als Selbstverwirklichung des Menschen, ist ein Bestreben jedes Einzelnen seinen angemessenen Ort im Gefüge des ganzen zu finden. Es gilt an den genannten drei Werken Hesses die Bildungsgänge und maßgeblichen Bildungsmächte herauszuarbeiten, um einen Überblick über Hesses Bildungsideal vom Menschen zu bekommen. Die neuere Forschung schweigt sich über dieses Thema weitgehenden aus, weshalb auf ältere Literatur zurückgegriffen werden mußte. Man wird sehen, daß Hesse auch in der Bildung ungeheuer viel Wert auf die freie Entfaltung aller Kräfte des Individuums legt, wie man in „Unterm Rad“ erkennen kann, desweiteren hebt Hesse die Bildung durch die Natur im „Peter Camenzind“ hervor und läßt im „Demian“ ein, die komplette Welt umfassendes, Bildungssystem anklingen.

2. Peter Camenzind

Vier Jahre nach dem „Hermann Lauscher“ erschien 1904 der „Peter Camenzind“, das Werk, welches den Ruhm Hermann Hesses begründete. Dieser Roman ist ein Heimat- und Bildungsroman.[1] Hier interessiert also nur der Aspekt der Bildung und man kann die zufälligen äußeren Erlebnisse Peter Camenzinds außer Acht lassen und sich lediglich auf die wesentlichen Züge seiner Bildungsstruktur konzentrieren, wie sie im Prozeß der seelischen Entwicklung sichtbar werden.

2.1. Kindheit, Heimat und Schule

Geboren ist Peter Camenzind in dem abseits liegenden Dorf Nimikon in der Schweiz. Die Natur nimmt das Kind Peter vom ersten Tag an in ihren Bann und ist sein erhabener Lehrer. „Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erzählten mir und erzogen mich und waren mir lange Zeit lieber und bekannter als irgend Menschen und Menschenschicksale.“[2] Nicht Schule oder Freunde sind seine ersten Führer und Erzieher, sondern allein die abwechslungsreiche Natur. Sie umschließt die komplette Welt Peters und bildet ihn zu einem Dichter, der ihre Gestalt mit mythischen Bildern phantasiereich umhüllt. Vom Vater bezieht Peter ab und an grundlos eine Tracht Prügel und erreicht damit eine „Pädagogik, die das Leben selbst an uns zu üben pflegt, indem es uns hie und da aus heiteren Lüften ein Donnerwetter sendet“[3]. Seine Eltern haben ansonsten kaum Einfluß auf seine Bildung gehabt und erscheinen nicht als autonome Individuen, sondern gleichsam als ein natürlicher Teil der sie umgebenden schweizerischen Bergwelt.

Eine Schule wird in Nimikon gar nicht erst erwähnt, deshalb scheint Peters Fähigkeit einen „manierlichen Brief“[4] an die Klosterbrüder schreiben zu können aus heiterem Himmel gekommen zu sein. Die Klosterschule, die er dann auf Grund dieses Briefes besucht, bricht in seine konventionelle, naturgebundene Ordnung ein und bringt ihn in Kontakt mit humanistischen Bildungswerten. Diese sind dem jungen Schüler jedoch „Schulfuchsereien“ und „unzulängliches Stückwerk“[5].

Die Schule hat eine mehr negative, als positive Funktion. Sie bildet und erzieht ihn nicht, sondern mutet wie ein Abenteuer an. Die wichtigste Bildung hat Peter Camenzind in der gewaltigen Schönheit der Natur gefunden und empfindet die Schule als einen Hemmschuh. „Das Göttliche und Lächerliche alles Menschenwesens ging mir auf: das Rätsel unseres zwiespältigen, unbändigen Herzens“[6]. Sie zerbricht sein idyllisches Leben und entläßt ihn in eine Welt voller Zwiespalt und Zweifel, die seine Fortsetzung auf dem Gymnasium und der Universität findet. .

2.2. Jugend, Studium und Frauenliebe

Ein erstes Liebeserlebnis hatte ihn zur Literatur geführt, zuerst zu Heine, dann weiter zu Lenau, Schiller, Goethe und schließlich zu Shakespeare. Peter Camenzind ist, zugleich mit seiner ersten Liebe, erwacht zu einer Freiheit, die auch seelische Zwiespälte enthält, die dem junge Camenzind in der Idylle seiner Kinderzeit nicht bekannt waren. Um diesem Dilemma beizukommen, beschäftigt er sich mit Literatur und Geschichte, also denjenigen Wissenschaften, die die „Wirklichkeit in ihrer Individualität“[7] darstellen und die Phantasie anregen. Er nimmt weiterhin seine Bildung selbst in die Hand, beginnt sogar eigene Verse zu dichten und gibt sein Studium schließlich vollends auf.

Erst mit dem Austritt aus der heilen, und in sich geschlossenen Welt der Heimat tritt der eigene Wille als erzieherischer Faktor auf. Peter Camenzind will und muß seine Bildung und seinen Lebensweg selbst gestalten und seine Welt selbst deuten. In Zürich, der Stadt seines Studiums angekommen, gibt er an: „ich kam angefahren, bereit, mir ein Stück Welt zu erobern und sobald als möglich den Rauhbeinen daheim zu beweisen, daß ich aus einem anderen Holze als die übrigen Camenzinde geschnitten sei.“[8], und desweiteren zielt er darauf ab „ohne äußeren Zweck an sich selber zu bauen“.[9] Die Wahrheit, so hat Camenzind durch seine Schulbildung und erste Liebe bemerkt, liegt also außerhalb seiner Selbst und muß von den Menschen erst gesucht werden. Als er in seiner Kinderzeit noch in die Natur eingebunden war, war die Wahrheit nicht in diesem Maße objektiviert, sonder vielmehr allgegenwärtig.

2.3. Freundschaft und soziales Umfeld

Durch die Freundschaft Camenzinds mit dem Musiker Richard erhält er neue Bildungsideale und neue Wege tun sich vor ihm auf. Er wird bekanntgemacht mit der Musik Richard Wagners, den Schriften Nietzsches und der Kunst der Segantini, aber auch mit den bedeutenden Künstlerkreisen Zürichs. Allerdings ist er schnell angewidert von deren „Ästetengeflunker“[10] und kann sich später nur mit „Grauen und Mitleid“[11] an die Gefahr dieses Umganges erinnern. Peter Camenzind fühlt instinktiv, daß hier viel kreative Energie verschwendet wird. Er ahnt unbestimmt, daß er seinem Ideal nicht näherkommt. Zwar besitzt er einen gewissen kleinen Dichterruhm, weiß aber, daß „was ich gelegentlich schrieb, war Feuilleton, nicht Dichtung“[12] und er „trieb mit vollen Segeln dem verächtlichen Leben eines kleinen Berufsliteraten entgegen“[13].

2.4. Der Einfluß Franz von Assisis und Camenzinds Bildungsreise

Ein entscheidendes Bildungserlebnis für den Studenten Camenzind wird die literarische Begegnung mit der Gestalt des umbrischen Heiligen. Er wird ihm zum Symbol des einfachen, in sich vollkommenen Lebens. Auf seiner Italienreise sucht er die Stätten des Heiligen auf und schwärmt für das einfache solide Leben der dort lebenden italienischen Bevölkerung. In den Norden Europas zurückgekehrt strebt er seinem Ideal nach und versucht sich „aus seiner individualistischen Isolierung zu befreien und die Brücke vom Ich zum Du zu schlagen“.[14] Er zieht sich von den Künstlerkreisen zurück, weil er erkannt hatte, daß er „ein Herrenmensch gewesen und hatte es weder an Selbstverehrung noch an der Mißachtung geringerer Leute fehlen lassen“[15] und übernimmt die Fürsorge von Boppi, einem körperlich Behinderten. Die gemeinsamen Tage der beiden sind ihm lehrreich und wertvoll zugleich.

[...]


[1] Vgl. Geffert, Heinrich, Das Bildungsideal im Werke Hermann Hesses, Diss. Mach., Hamburg 1927, S. 61.

[2] Hesse, Hermann, Peter Camenzind, Suhrkamp Taschenbuchverlag, Ulm 1974 (1.Auflage), S. 18.

[3] Hesse, Camenzind, S. 18.

[4] Ebd., S. 23.

[5] Ebd., S. 27.

[6] Ebd., S. 30.

[7] Geffert, Bildungsideal, S. 62.

[8] Hesse, Camenzind, S. 47.

[9] Ebd., S. 54.

[10] Ebd., S. 78.

[11] Ebd., S. 78.

[12] Ebd., S. 61.

[13] Ebd., S. 76.

[14] Geffert, Bildungsideal, S. 64.

[15] Hesse, Camenzind, S. 126.

Details

Seiten
16
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638118422
ISBN (Buch)
9783638805957
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3063
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Neuere Deutsche Literatur
Note
2,0
Schlagworte
Hermann Hesse Demian Unterm Rad Peter Carmenzind Bildungsideal Neuere Deutsche Literatur Calw

Autor

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Titel: Bildungsideal und Bildungswege in Hermann Hesses Werken 'Peter Camenzind', 'Unterm Rad' und 'Demian'