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Octavio Paz und der Chiapas-Konflikt

Eine Auseinandersetzung

von Alexander Bauerkämper (Autor)

Seminararbeit 2009 16 Seiten

Literaturwissenschaft - Lateinamerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Octavio Paz und der lange Weg zur Demokratie

3 Chiapas, Octavio Paz und die Intellektuellen
3.1 Der zapatistische Aufstand in Chiapas
3.2 Octavio Paz’ Bewertung der Ereignisse
3.3 Paz’ Kritik an den Intellektuellen Mexikos

4 Evolution und Evaluation
4.1 Die Entwicklung des Konflikts nach 1996
4.2 Octavio Paz’ Standpunkt heute betrachtet

5 Schlussbemerkung

6 Bibliographie

1 Einleitung

Es war ein Urknall, als 1989 die gefallene Mauer die DDR unter sich begrub und sich viele der kommunistischen Satellitenstaaten in den Folgemonaten von der Sowjetunion lossagten, bevor diese sich selbst auflöste. Selten konnten Geschichts-schreiber so nah an den Geschehnissen und zeitlich exakt den Beginn einer neuen, weltweit einschneidenden Epoche festmachen, wie in den Jahren von 1989-91. Der Untergang der Sowjetunion, so sehr er sich angekündigt hatte und so viele ihn herbeigesehnt hatten, kam schlagartig und vollzog sich rapide. Plötzlich stand die Welt ohne Kalten Krieg im Nacken da und die kapitalistischen Systeme des Westens konnten sich als Sieger rühmen.

Im nicht ganz so fernen Mexiko hatte man sich schon spätestens seit den 70er-Jahren dem Freien Markt verschrieben und wollte sich ab dem 1. Januar 1994 durch das Freihandelsabkommen NAFTA[1] weiter in Richtung Erste Welt mausern (vgl. Kerkeling 2003: 105f). Doch als am selben Tag in Chiapas, dem südwestlich gelegenen und ärmsten Bundesstaat Mexikos, der bewaffnete Aufstand der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung[2] zur Besetzung mehrerer Gemeinden führte, sahen sich große Teile der mexikanischen Politik und Gesellschaft plötzlich von ihrer Flucht nach vorn abgelenkt und von der chiapanekischen Guerilla bedroht. Schnell wurde diese vornehmlich aus indigenen Kleinbauern bestehende Bewegung von der Linken, die seit Jahren an ihrer Desillusionierung zu knabbern hatte, für sich eingenommen. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums sah man alte Gespenster aus kommunistischen Zeiten aufkommen und begrüßte die harten Vergeltungsschläge der mexikanischen Armee gegen die Aufständischen.

Der damals 80-jährige und zur Institution gewordene mexikanische Poet, Essayist und Literaturnobelpreisträger Octavio Paz äußerte sich in seiner Zeitschrift Vuelta unter anderem folgendermaßen:

Ni por su poderío militar ni por su ideología el movimiento de Chiapas puede triunfar. En cambio, sí puede ensangrentar a esa región, arruinar la economía del país, dividir a las conciencias y, en fin, dar un golpe mortal a nuestro incipiente y débil proceso democrático. (Paz 1994a: C)

Ich möchte dieses Zitat vorerst unkommentiert stehen lassen, es aber im Verlauf dieser Arbeit wieder aufgreifen und näher beleuchten. Paz wurde nicht selten wegen seiner einstigen Abkehr vom sozialistischen Mainstream als neoliberaler Opportunist abgestempelt[3]. Die Frage, die uns deshalb in diesem Aufsatz interessieren soll und worauf eben zitierter Auszug schon eine kurze Antwort geben mag, ist diese: Wie reagiert Octavio Paz, als ein Schriftsteller mit einem ursprünglich sozialistischen Hintergrund, auf diesen nach Meinung der Öffentlichkeit marxistisch orientierten Aufstand?

Eine Möglichkeit sich der Frage zu nähern, ist eine nahezu chronologische Argumentationsstruktur: Bevor auf den Schwerpunkt dieser Arbeit, also die Geschehnisse in Chiapas von 1994 und deren Bewertung durch Octavio Paz, eingegangen werden soll, wird es zuerst sinnvoll sein, in einem kurzen Abriss den ideologischen Paradigmenwechsel in dessen bewegten Leben einzugrenzen. Im zweiten Teil wird es um die Entwicklung des Konflikts nach Octavio Paz’ Tod gehen, was uns zum Schluss eine Evaluation seiner Äußerungen aus heutiger Sicht erlauben wird.

2 Octavio Paz und der lange Weg zur Demokratie

Octavio Paz, 1914 geboren, war Ende der Dreißigerjahre wie viele Intellektuelle seiner Generation vom Geiste der sozialistischen Revolution eingenommen und verband große Hoffnungen mit dem Vormarsch der weltweiten linken Bewegung. Er engagierte sich im spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republik und ließ sich dabei unter anderem zu einem Gedicht inspirieren, das den Schlachtruf der Republikaner trug: „¡No pasarán!“. Man könnte sagen, dass Paz seine damaligen politischen Überzeugungen bereits von seinem Vater, der während des mexikanischen Bürgerkrieges in den Reihen Emiliano Zapatas kämpfte, in die Wiege gelegt bekommen habe. Dies würde jedoch nicht nur seiner unabhängigen Denkweise nicht gerecht werden, auch wäre die Feststellung unvollständig. Denn auch der Großvater war politisch aktiv, allerdings als einflussreicher Liberaler unter Porfirio Díaz. Der Einfluss von Vater und Großvater entwickelte in Octavio Paz also früh eine Gespaltenheit[4], die bis an sein Lebensende für seine Überzeugungen prägend sein sollte.

Dieser Zwiespalt äußerte sich erstmals besonders deutlich im Jahr 1939. Paz war damals unzufrieden mit der simplifizierenden Praxis der Kommunisten. Er zeigte sich enttäuscht durch die Diskrepanz zwischen den von Marx und Engels propagierten Ideologien und der realen Anwendung in kommunistischen Staaten und kritisierte Pablo Neruda für die Instrumentalisierung der Literatur (vgl. Arana 2002: 137). Auch von dieser Forderung der Unabhängigkeit der Künste ausgehend entwickelte er im Laufe der Jahre eine selbständige Haltung, in welcher Demokratie und Freiheit immer wieder als zentrale Begriffe auftauchten.

Das Image des traidor und converso verfolgte ihn seitdem zeitlebens. Es hinderte ihn jedoch nicht daran, vehement seine persönlichen politischen Auffassungen öffentlich zu vertreten. Seine Kritik richtete sich nicht nur gegen eine Strömung im Speziellen, sondern hatte die Entlarvung politischer Verfehlungen in allen Lagern zum Ziel. So erkennt er in seinem großen Gedicht El laberinto de la soledad, dass das Wesen des Kapitalismus und des Liberalismus zwar zu Freiheit und Gleichheit führten, jedoch oft auch für Ungerechtigkeit und Unfreiheit sorgten. Vor allem dann nämlich, wenn die Individuen zum reinen Marktwert degradiert würden. Dabei argumentiert er aber nicht mit dem gebräuchlichen Vokabular der Linken, sondern bedient sich mehr poetisch-philosophischer Ausdrücke wie der identidad und despersonalización. Im selben Gedicht spricht er sich gar für eine Kontrolle und Leitung der Wirtschaft durch einen intervenierenden Staat aus (vgl. Paz 1982: 162). Dies zeigt, dass er dem sozialistischen Gedanken nicht generell abgeneigt war. Seine Abkehr vom Sozialismus beruhte wohl vielmehr auf seiner Erkenntnis, dass in ihm keine Freiheit möglich sei (vgl. Arana 2002: 145). Später aber, nach jahrelangen Aufenthalten im teilweise auch sozialistischen Ausland, musste er sich selbst berichtigen, als er feststellte, dass die Länder des totalitären Kommunismus unfähig schienen, die Wirtschaft effizient zu führen. Vor allem seit Posdata rückten demokratische und liberale Vorstellungen unübersehbar in den Mittelpunkt.

Neben 1939 dürfte auch 1968 ein für Paz einschneidendes Jahr gewesen sein. Es ist das Jahr der Studentenbewegungen und des Massakers von Tlatelolco. Aus Solidarität mit den niedergeschossenen und streikenden Studenten trat er von seinem Amt als Botschafter zurück, nach jahrelanger, loyaler Arbeit für den mexikanischen Staat.

Paz steht also bis ins hohe Alter für eine Dynamik, die kreativ und nicht destruktiv zwischen den gegensätzlichen politischen Ansätzen vermittelt. Juan Arana sagt dazu:

Paz siempre ha tenido resortes intelectuales para evitar caer en el esquematismo fácil. Nada más alejado de él que el utopismo político; [...] su realismo [...], y además esa visión dialéctica no reduccionista [...] (Arana 2002: 144)

Diese Fähigkeit, ideologisierte Ansichten zu durchschauen, lässt Paz erkennen, dass es für eine funktionierende, Freiheit und Gleichheit schaffende Demokratie unabdingbar sei, umfassend und stetig auf rationale Weise Kritik zu üben. Kritik sei das einzige, was unverantwortliche Machthaber in Schach halten könne (vgl. Paz 1976: 100). Trotz seines starken Glaubens in die Demokratie ist diese „für ihn in keiner Weise eine definitive Lösung, sondern eine Hilfe bei der Suche nach neuen Antworten auf die alten Fragen“ (Arana 2002: 153).

3 Chiapas, Octavio Paz und die Intellektuellen

Wie der vorangehende Abschnitt zeigen wollte, kann man Octavio Paz tatsächlich als eine relativ isoliert stehende Ausnahme unter den mexikanischen Intellektuellen verstehen. Selten stieß er in dasselbe Horn wie seine Kollegen, vielmehr war er immer wieder Solist in einem Orchester, das ihn nicht spielen lassen wollte. Mit dieser Aussage soll Paz aber nicht in eine Opferrolle gedrängt werden: Dass er auch kräftig austeilen konnte, zeigte er in seinen Schriften zum Chiapas-Konflikt.

Bevor aber auf die paz’sche Schelte der mexikanischen Intellektuellen eingegangen werden kann, soll es darum gehen, das Wesen des zapatistischen Aufstandes in Chiapas zu beleuchten und herauszuarbeiten, welche Stellung der 80-jährige Paz in seiner Zeitschrift Vuelta dazu bezog.

3.1 Der zapatistische Aufstand in Chiapas

Chiapas ist die südlichste mexikanische Provinz, die den größten Anteil an indigener Bevölkerung in Mexiko hat. Viele sprechen noch heute ausschließlich die Sprachen ihrer nichtspanischen Vorfahren. Der Großteil der Bevölkerung ist in der Landwirtschaft tätig. Innerhalb Mexikos ist Chiapas die ärmste, unterentwickelteste und marginalisierteste Provinz. Sie leidet unter miserablen Hygiene- und Lebensbedingungen.

Die Zapatisten stellen sich mit ihrem Namen in die Tradition von Emiliano Zapata, welcher in der mexikanischen Revolution (1910-1917) als Bauernführer mit der Forderung nach Tierra y Libertad berühmt wurde. Vor der Revolution hatte sich in der Land- und Viehwirtschaft ein Latifundiensystem etabliert. Das Land gehörte privaten Großgrundbesitzern, welche die landlosen Bauern für sich arbeiten ließen. Ein großer Erfolg der Revolution war die 1917 verabschiedete Verfassung, welche Arbeiterrechte und eine gerechte Landverteilung garantieren sollte (vgl. Kerkeling 2003: 11-16). Diese Verfassung gilt mit einigen Einschränkungen auch heute noch.

Nach der Ermordung Zapatas bündelte die Partei der Institutionalisierten Revolution (Partido Revolucionario Instituciona, PRI) die teilweise konträren revolutionären Kräfte. Sie blieb bis zum Jahr 2000 an der Macht. Nach 70 Jahren PRI-Regierung übernahm Vicente Fox 2001 als Vertreter der christdemokratisch-konservativen Partei (Partido Acción Nacional, PAN) das Amt des Präsidenten.

In Chiapas konnte die zentrale Forderung der Revolution nie durchgesetzt werden. So kam es aufgrund der sozialen Missstände in der Vergangenheit immer wieder zu Aufständen durch Kleinbauern- und Landlosenbewegungen. Mitte der 80er Jahre entstanden in bäuerlichen Selbstverteidigungsgruppen erstmals radikalere Über-legungen zum bewaffneten Kampf und Widerstand. Ab 1983 kam es dann zu Organisation und Aufbau der bewaffneten Guerillaarmee EZLN. Sie war von Anfang an ein Zusammenschluss aus marxistisch geprägten, jungen Intellektuellen aus den Städten und den ansässigen, bäuerlichen Indigenen.

Am 1. Januar 1994 besetzte die EZLN fünf Städte in Chiapas. Zeitgleich trat das NAFTA-Freihandelsabkommen in Kraft. Die Zapatisten forderten den Rücktritt der mexikanischen Regierung, verlangten freie demokratische Wahlen, Autonomie für die indigenen Gemeinden, eine Landreform und soziale Gerechtigkeit für die Bürger Mexikos und von Chiapas. Zwölf Tage dauerte der bewaffnete Kampf, nachdem die mexikanische Armee eine Gegenoffensive startete. Danach wurde ein Waffenstillstand vereinbart, was zu Friedensgesprächen und den viel versprechenden Vereinbarungen von San Andrés[5] führen sollte.

3.2 Octavio Paz’ Bewertung der Ereignisse

Octavio Paz äußerte sich zu dem im Januar 1994 entstandenen Konflikt erstmals in der Februarausgabe seiner Literaturzeitschrift Vuelta, welche sich mit mehreren Artikeln verschiedener Autoren in einer Sonderbeilage dem mehr politischen als literarischen Thema annahm. In der folgenden Märzausgabe erschien ein weiterer kurzer Essay, in dem Paz den Bericht über die Friedensgespräche des Bischofs Samuel Ruiz analysierte und kommentierte. Zwei Jahre später und damit zwei Jahre vor seinem Tod, nahm er ein letztes Mal Stellung zu den Entwicklungen.

In den folgenden Absätzen möchte ich versuchen, Octavio Paz’ Kernaussagen zum Chiapas-Konflikt zu isolieren und soweit wie möglich zu klassifizieren. Anfangs soll es um Aussagen zur Entstehung und Entwicklung des Aufstandes gehen, um danach Paz’ Lösungsvorschläge und die damit verbundenen Vorstellungen von Demokratie zu betrachten.

[...]


[1] Das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA (North American Free Trade Agreement) ist ein ausgedehnter Wirtschaftsverbund zwischen den USA, Kanada und Mexiko.

[2] kurz: EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional)

[3] Darauf wird vor allem im zweiten Kapitel eingegangen, soll aber exemplarisch mit diesem Zitat zu Paz von Enrique Fallies Fuentes in El Heraldo de México (25.02.1984) gezeigt werden: „Su ideología fue de izquierda, luego de centro y ahora de nada.“

[4] Dazu sagt er in einem Interview: „Mi abuelo tenía razón, pero también era cierto lo que decía mi padre.” Arana (2002: 137) zitiert hier aus einem Interview zwischen Octavio Paz und Scherer García (1977): „Octavio Paz“, Proceso 57, S. 610.

[5] Das Abkommen von San Andrés beinhaltete die Anerkennung der Rechte und der Kultur der indigenen Bevölkerung mit erstmalig konkreten Bestimmungen zu Autonomie und sozialen Reformen in Chiapas.

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668044906
ISBN (Buch)
9783668044913
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306224
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Romanische Philologie
Note
1,7
Schlagworte
Octavio Paz Mexiko Chiapas EZLN Zapatismus Zapatismo Zapatistas Ejercito Zapatista de Liberación Nacional Nobelpreis Guerilla Chiapas-Konflikt Intellektuelle

Autor

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    Alexander Bauerkämper (Autor)

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