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Medizinethik. Die ärztliche Aufgabe bei der Sterbehilfe und Sterbebegleitung in Deutschland

Hausarbeit 2014 29 Seiten

Gesundheit - Public Health

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Medizinethik
2.1 Definition Ethik
2.2 Definition Medizinethik
2.3 Grundlagen

3 Sterbehilfe und Sterbebegleitung
3.1 Inhalte der Sterbehilfe und Sterbebegleitung
3.2 Die ärztliche Aufgabe bei der Sterbehilfe und Sterbebegleitung
3.3 Problematik der Moral

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Vorwort

Um eine bessere Lesbarkeit zu gewährleisten, wird in der vorliegenden Arbeit bei häufig verwendeten Personenbezeichnungen (z. B. Patient, Erkrankter, Sterbender, Arzt) nur die männliche Form verwendet. Diese ist jedoch immer inklusiv verstanden, sodass die weibliche Form stets inbegriffen ist.

1 Einleitung

„Die technische Revolution in der Medizin hat das Spektrum der Eingriffsmöglichkeiten beachtlich vergrößert, teilweise mit der Konsequenz, dass neue, bisher undenkbare Synthesen von Mensch und Maschine entstehen. Die weitreichenden Möglichkeiten der Medizin unterliegen einer rechtlichen Kontrolle und Aufsicht mit dem Ziel, das technisch Machbare und das gesellschaftlich Erwünschte in Einklang zu bringen“ (Wiesemann & Biller-Andorno 2005: 14 f.).

Der Sterbeprozess stellt eine Grenzsituation für alle Beteiligten und Angehörigen dar, denn niemand kann berichten, was der Tod bringt. In der heutigen Zeit sterben mehr und mehr Menschen im Krankenhaus und nicht zu Hause in vertrauter Umgebung, was dazu führt, dass das Sterben medikalisiert wird. Diese Tatsache ruft viele ethische Fragen hervor. Wann ist es sinnvoll, einem Erkrankten mit nahendem Tod weiterhin unter möglichen Schmerzen künstlich zu ernähren? Dürfen Sterbende von ihrem Leid erlöst werden? Die Handlungsgrundsätze der Ärzte, Leben zu erhalten und Gesundheit wiederherzustellen, können im Sterbeprozess nicht umgesetzt werden. Die individuellen Wünsche des schwer kranken Patienten rufen häufig moralisch problematische Entscheidungen hervor, die durch die Ärzte zu lösen sind, ohne die ethischen Grundsätze des Berufsstandes zu verletzen (vgl. Wiesemann & Biller-Andorno 2005: 79 ff.).

Public Health gilt als die Wissenschaft und Praxis zur Gesunderhaltung der Bevölkerung. Jeder Einzelne soll befähigt werden, seine Gesundheit zu fördern und zu stärken. Als wissenschaftliche Forschungsrichtung beschäftigt sich Public Health mit dem Gesundheitszustand von Bevölkerungsgruppen und Einzelpersonen. Ein Public-Health-Ansatz ist vorwiegend interdisziplinär ausgerichtet und erfordert die Einbeziehung verschiedener Fachdisziplinen (vgl. Schwartz et al. 2003: 4 f.).

Ein wesentliches Ziel von Public Health ist die Stärkung von ethischen und moralischen Grundsätzen im medizinischen Alltag. Das aus Public-Health-Gesichtspunkten interessante Thema Medizinethik im Sterbeprozess wird in dieser Arbeit mit folgender Fragestellung betrachtet: Welche Aufgabe erfüllen Ärzte im Krankenhaus bei der Sterbehilfe bzw. Sterbebegleitung in Deutschland? Die Fragestellung wird auf Grundlage einer systematischen Literaturrecherche bearbeitet. Eingeschlossen wird deutsche Fachliteratur.

Inhaltlich ist die nachfolgende Arbeit in zwei Kapitel geteilt. Im ersten Teil der Arbeit wird die Medizinethik thematisiert. Das zweite Kapitel betrachtet die Sterbehilfe und Sterbebegleitung. Der letzte Teil der Arbeit beinhaltet das Fazit und die Schlussbemerkung.

2 Medizinethik

„Wohl kaum eine andere Disziplin hat durch die moderne Forschung eine solche Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten erfahren wie die Medizin. Man denke nur an die neuen Möglichkeiten der Diagnose und die Fortschritte der Therapie. […] Da die neuen Methoden tief in das Leben des Menschen eingreifen, sind sie ebenso mit Erwartungen wie mit Ängsten besetzt. Mit den neuen Möglichkeiten verbindet sich zugleich ein Strukturwandel, der das ärztliche Handeln in seinen Randbedingungen tief verändert. Wie aber ist mit den neuen Möglichkeiten und den veränderten Bedingungen umzugehen? Einig sind sich alle, daß zur Regelung dieses Umgangs in ethischer Hinsicht eine bloße Fortschreibung des tradierten hippokratischen Ethos nicht ausreicht. Wie aber müßte eine medizinische Ethik aussehen, die dem eingetretenen Strukturwandel Rechnung trägt, die den Arzt überzeugt und den Patienten vertrauen läßt?“ (Honnefelder & Rager 1994: 9).

Im ersten Kapitel dieser Arbeit sollen wesentliche grundlegende Begriffe erläutert und umfassend dargestellt werden, um die Verständlichkeit des Themas dieser Arbeit zu gewährleisten. Die ersten beiden Abschnitte beginnen daher mit der inhaltlichen Darstellung von Ethik und Medizinethik. Im Anschluss folgt eine Erläuterung wesentlicher Grundlagen für die Medizinethik.

2.1 Definition Ethik

Erstmalig erfolgte eine Unterscheidung zwischen Ethik und dem Wissenschaftszweig der theoretischen Philosophie, mit den Bereichen Logik, Mathematik, Metaphysik etc., durch Aristoteles (vgl. Pieper 2007: 24). „Die Ethik als eine Disziplin der Philosophie versteht sich als Wissenschaft vom moralischen Handeln. Sie untersucht die menschliche Praxis im Hinblick auf die Bedingungen ihrer Moralität und versucht, den Begriff der Moralität als sinnvoll auszuweisen. Dabei ist mit Moralität vorerst jene Qualität gemeint, die es erlaubt, eine Handlung als eine moralische, als eine sittlich gute Handlung zu bezeichnen. […] Ethische Überlegungen sind nicht bloß dem Moralphilosophen oder Ethiker vorbehalten. Vielmehr hat sich jeder in seinem Leben gelegentlich schon mehr oder weniger ausdrücklich ethische Gedanken gemacht, in der Regel jedoch, ohne sie systematisch als eine zusammenhängende Theorie zu entfalten, weil diese Gedanken meist im Zusammenhang mit einer gegebenen Situation, einem bestimmten Konflikt sich einstellen, mit dessen Lösung auch das darin steckende ethische Problem erledigt ist“ (Pieper 2007: 17).

„Ethos (griech. ETHOS = Gewohnheit, Charakter, Sitte) oder Moral (lat. mos = Sitte) bedeutet eine durch ein gewisses Maß an Reflexion gekennzeichnete konkret-geschichtliche Form sittlich bestimmten menschlichen Miteinanderlebens – die gelebte sittliche Überzeugung einer Gruppe, Gesellschaft, Epoche. Es umfaßt einen der individuellen Willkür entzogenen Bestand von Handlungsregeln, Grundhaltungen, Wertmaßstäben, Sinnvorstellungen sowie Institutionen und bildet so einen normativen Rahmen für das Verhalten des Menschen zu seinesgleichen, zu sich selbst und zur Welt. Indem es einen Entwurf gelingenden Lebens beinhaltet, ermöglicht es eine Orientierung für die Praxis. […] Ethik (griech. ETHIKE EPISTEME) ist demgegenüber die philosophische Wissenschaft des Ethos. Das faktische Zusammenleben der Menschen und dieses Zusammenleben leitenden Überzeugungen und Institutionen können Gegenstand verschiedener Wissenschaften sein (z. B. der Soziologie, Psychologie, Ethnologie, Geschichtswissenschaft). Was die Ethik von diesen Fachwissenschaften unterschiedet, ist die normative Fragehinsicht, unter der sie das Ethos und das von ihm geprägte Handeln reflektiert. Ethik ist die methodisch-kritische Reflexion auf das menschliche Handeln unter der Fragehinsicht der Differenz von gut und böse“ (Pöltner 2006: 17).

Im fachsprachlichem Wissensbestand ist Ethik im Allgemeinen die Theorie der Moral. Moral bezeichnet die Quantität von Bewertungen und Vorschriften, die sich mit richtigen und falschen zwischenmenschlichen Verhaltensweisen beschäftigen. Dazu gehören beispielsweise Pflichten, Verbote, Tugenden und Laster (vgl. Schöne-Seifert 2007: 9). Moral in dem Sinne ist der Verbindungspunkt zwischen dem Handeln des Einzelnen und dem, was die Gesellschaft als gutes Handeln befindet. Moralisches Handeln ist daher jenes Handeln, welches den Vorstellungen und Erwartungen der allgemeinen Gesellschaft entspricht. Daher stellt Ethik die systematische Brücke her zwischen den individuellen Handlungen und den Vorstellungen, die der Einzelne für gut erachtet. Ethisches Verhalten ist das Handeln nach den eigenen Prinzipien. Ethik und Moral können sich decken (vgl. Amelung 1992: 2).

„Die Ethik hat somit Moral (Sitte) und Moralität (Sittlichkeit) zu ihrem Gegenstand. Ihre Fragen unterscheiden sich von denen der Moral dadurch, dass sie sich nicht unmittelbar auf singuläre Handlungen bezieht, also auf das, was hier und jetzt in einem bestimmten Einzelfall zu tun ist, sondern auf einer Metaebene moralisches Handeln grundsätzlich thematisiert, indem sie z. B. nach dem Moralprinzip oder nach einem Kriterium zur Beurteilung von Handlungen fragt, die Anspruch auf Moralität erheben; oder indem sie die Bedingungen untersucht, unter denen moralische Normen und Werte allgemein verbindlich sind. Aus dieser begrifflichen Differenzierung zwischen Moral und Ethik folgt, daß ethische Überlegungen nicht eo ipso moralisch sind, aber durchaus aus einem Interesse an einer bestimmten Problematik der Moral hervorgehen können, so wie umgekehrt moralische Überlegungen nicht eo ipso ethisch sind, aber durchaus zu ethischen Fragestellungen radikalisiert werden können“ (Pieper 2007: 28).

Die Moral fällt im alltäglichen Leben deutlich ins Gewicht, denn sie ist in allen menschlichen Verhaltensweisen und Sprachäußerungen vorhanden. Sie stellt immer mehr oder weniger ein bestimmtes Interesse, welches sich auf individuelle Wertvorstellungen stützt, dar. Es ist geradezu philanthropisch, dass menschliches Verhalten nicht auf einer gleichgültigen Grundlage stattfindet, sondern, dass Menschen sich gegenseitig durch Lob und Tadel, Zustimmung und Ablehnung zeigen, was sie für gut oder böse und richtig oder falsch halten. Dies kann sowohl aus persönlichem Interesse oder innerer Überzeugung stammen, aber auch das Verfolgen eines allgemeinen Zieles beinhalten. Diese grundlegende Haltung des Menschen, seine eigene Stellungnahme in der Gesellschaft der interaktiv Handelnden und Redenden einzubringen, ist ein Hinweis für die Freiheit als Grundlage aller humanen Praxis (vgl. Pieper 2007: 30 f.). Zu bedenken ist der Relativismusvorwurf, der besagt, dass es eine große Anzahl von Moralen gibt, die sich teilweise widersprechen und sich im Verlauf der Zeit fortlaufend ändern. Aus diesem Grund ist es nicht möglich, eine allgemeingültige Norm zu finden, die eine bedingungslose Verbindlichkeit erfordert (vgl. Pieper 2007: 49).

2.2 Definition Medizinethik

“Medizin [lat.]: M., Heilkunde: [ist die] Gesamtheit der wissenschaftl. Forschungen und Tätigkeiten, die darauf gerichtet sind, die Gesundheit des Menschen zu fördern, also Krankheiten vorzubeugen, sie zu heilen, zu lindern, Rückfälle zu verhindern und die Folgen von Dauerschäden sowie Leistungsminderungen auf das geringste Maß herabzusetzen. Medizin ist definiert als die Wissenschaft vom gesunden und kranken Menschen bzw. Tier. Sie umfasst die Erforschung der Ursachen und Erscheinungsformen von Krankheiten (Pathologie), ihre Erkennung (Diagnose) und Behandlung (Therapie) sowie ihre Verhütung (Prophylaxe). Ursprünglich Erfahrungsmedizin, die bes. in den Priesterkasten aller Völker gepflegt und überliefert wurde (Heilkunst), basiert die moderne Medizin auf den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, besonders der Anatomie, Physiologie, Bakteriologie, Pharmakologie, Chemie und Physik. Neben dieser sogenannten Schulmedizin gibt es andere heilkundliche Systeme wie die Naturheilkunde, die Homöopathie, die anthroposophische Medizin u. a.“ (Meyer 1971: 668 f.).

„Die Medizinethik untersucht unter Zuhilfenahme philosophisch-ethischer Theorien und Argumentationsformen auf wissenschaftliche Art und Weise den verantwortlichen Umgang mit den medizinischen Möglichkeiten. Aufgabe der Medizin ist es, unterschiedliche Begründungen gegeneinander abzuwägen und allgemeine Prinzipien oder Regeln abzuleiten, nach denen eine Handlung als gut oder schlecht bezeichnet werden kann. Sie ist also die Wissenschaft vom moralischen Urteilen und Handeln im Gesundheitswesen. Medizinethik ist nicht ausschließlich ärztliche Deontologie (Pflichtlehre), denn sie befasst sich mit allen Beteiligten im Gesundheitswesen, also auch mit Patienten, Pflegekräften oder Gesundheitspolitikern“ (Wiesemann & Biller-Andorno 2005: 15).

Medizinethik beschäftigt sich mit der Erkundung moralischer Verpflichtungen, dem Erlaubten und Zulässigen, in Verbindung mit menschlicher Gesundheit und Krankheit. Humanes Leben gilt grundsätzlich als Zentralbereich moralisch bedeutender Güter. Zusätzlich hat der medizinisch-technische Fortschritt insbesondere der letzten 50 Jahre das bereitstehende Handlungsspektrum deutlich vergrößert und damit viele neue Moralfragen aufgeworfen (vgl. Schöne-Seifert 2007: 10). Medizinethik oder auch die Ethik der Ärzte beinhaltet die Umsetzung der allgemeinen Norm, dem Kranken in adäquater Weise zu helfen, im ärztlichen bzw. medizinischen Alltag. Der Arzt hat dabei die die Aufgabe, wirksame Maßnahmen zur Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit zu ergreifen, ohne dem Erkrankten zu schaden oder gegen seinen Wunsch zu handeln. Der Arzt muss in der Behandlungsphase bedenken, dass es sich nicht um einen defekten Gegenstand handelt, der mit technischer Raffinesse wieder repariert werden kann, sondern dass sein Patient ein menschliches Wesen ist, welches zwischenmenschlicher Zuwendung und Fürsorge von Seiten des Arztes bedarf (vgl. Pieper 2007: 93). Beinhaltet das Verständnis von Ethik nur das systematische Erarbeiten, um Handlungen bewerten zu können, dann hat die Medizinethik den selben zeitlichen Ursprung wie das medizinische Handeln selbst. Das medizinische Handeln existiert, wie jedes Handeln, in einer doppelten Dimension. Zum einen bewegt es sich in einer fachlich-technischen Ebene und zum anderen in einer sittlich-praktischen Ebene. Der Arzt muss über Fachwissen verfügen und muss mit diesem Wissen, welches zum Guten aber auch zum Schlechten verwendet werden kann, verantwortlich umgehen können (vgl. Pöltner 2006: 11).

In den verschiedenen Bereichen der Medizinethik treten viele Fragen auf, die einer grundsätzlichen Klärung bedürfen, auf dessen Grundlage der Arzt die Möglichkeit hat, in den jeweils verschiedenen Einzelfällen nach bestem Wissen und Gewissen zu entscheiden (vgl. Pieper 2007: 95). Zum Beispiel „[...] ob der rein biologische Wert eines nur noch künstlich zu erhaltenden Lebens den Vorrang vor einem bewußtlosen und als solchen nicht mehr menschenwürdigen Dasein hat, ob es richtig ist, einem Todkranken zu sagen, wie es um ihn steht und ihm damit möglicherweise die letzte Hoffnung zu nehmen etc. Es geht bei den angedeuteten Problemen insgesamt darum, in einer Konfliktsituation generell anerkannte Werte zu gewichten und Gründe dafür anzugeben, warum in einem Fall der eine Wert, im anderen Fall der andere Wert vorgezogen wurde. Man hat die Beantwortung solcher Fragen nicht den Ärzten allein überlassen, sondern sogenannte Ethikkommissionen gebildet, denen außer Ärzten und Ethikern auch Juristen, Theologen, Soziologen u. a. angehören. Solche Ethikkommissionen haben die Aufgabe, Rahmenrichtlinien für die anstehenden ethischen Probleme zu erarbeiten und falsche Argumentationsstrategien zu kritisieren. Damit bereiten sie den Boden für ethisch verantwortbare Entscheidungen“ (Pieper 2007: 95).

2.3 Grundlagen

Alle Moralsysteme weisen sogenannte oberste Handlungsprinzipien auf. Sie dienen der zusammengefassten und schematischen Darstellung der wesentlichen moralisch guten Handlungsgrundsätze. Anschließend folgen fünf Beispiele der geläufigsten obersten Prinzipien. Beginnend ist die goldene Regel des Handelns auf Gerechtigkeit nennenswert. Sie beinhaltet zum einen die positive Formulierung 'Behandle jeden so, wie du selbst behandelt werden möchtest.' und zum anderen den negativierten Wortlaut 'Was du nicht willst, was man die tu, das füg auch keinem andern zu!' Erstaunlich ist dabei, dass im deutschsprachigen Raum diese gereimte Form bereits Kindern bekannt ist. Weitere Grundsätze sind der Appell von Aristoteles 'Handle gemäß den Tugenden, der Gerechtigkeit und der Vernunft' und der Grundsatz von Thomas Aquin 'Das als gute Erkannte ist zu tun, das als böse Erkannte ist zu unterlassen'. Außerdem ist der kategorische Imperative von Immanuel Kant geläufig 'Handle nur nach derjenigen Maxime [Grundregel], durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!'. Abschließend ist das zentrale Prinzip des Utilitarismus, wonach das 'Größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl an Menschen' als Handlungsziel definiert wird, nennenswert (vgl. Peintinger 2008: 32).

„Analog zu den obersten Handlungsprinzipien lassen sich auch vier mittlere medizinethische Prinzipien beschreiben. Dabei handelt es sich um eine Ebene von Handlungsorientierungen, welche zwar keineswegs so anwendbar wie Alltags-Regeln erscheinen, dennoch aber in ihrer Formulierung die Richtung des konkreten Handelns maßgeblich beeinflussen können. […] Der 1974 in Amerika veröffentlichte 'Belmont Report' stellt in der Neuzeit den Ausgangspunkt für diesbezügliche medizinethische Überlegungen dar. Dieser beschrieb zunächst drei 'mittlere Prinzipien', nämlich jenes der Autonomie, der Fürsorgepflicht und der Schadensvermeidung“ (Peintinger 2008: 58). Die beiden Ethiker Beauchamp und Childress haben aus diesen Prinzipien vier existentielle medizinethische Normen formuliert. Dazu gehören die Autonomie von Menschen, die Schadensvermeidung, die Fürsorge und die Gerechtigkeit (vgl. Peintinger 2008: 58 ff.).

„Der hippokratische Eid bildet den Ausgangspunkt einer langen Entwicklung, die man entsprechend die hippokratische Tradition nennt. In ihr wird oft – zumindest in unserem Kulturkreis – das Kernstück des ärztlichen Selbstverständnisses gesehen. […] Der hippokratische Eid muß vor dem Hintergrund der damaligen Situation des Heilwesens, v. a. der hippokratischen Medizin und deren geistigem Hintergrund, gesehen werden. Heilkunst wird als eigenständige Tätigkeit, die von anderen gesellschaftlichen oder religiösen Unterfangen (magischen Heilverfahren) unterscheidbar ist, angesehen. Sie verwendet für die Erklärung von Entstehung und Verlauf von Krankheiten rationale Erklärungsmodelle. Diesem generellen Anliegen, das medizinische Handeln auf einer rationalen Grundlage zu betreiben, entspricht auch der hippokratische Eid. Sein Anliegen besteht darin, das 'Sachgemäße' zu artikulieren: Zum einen soll rationale Medizin betrieben werden; zum anderen soll dem Patienten eine gewissen Rechtssicherheit in dem Vertragsverhältnis mit dem Arzt vermittelt werden. Das hippokratische Hauptprinzip für das Verhalten gegenüber dem Kranken richtet sich auf das Wohl des Kranken: 'Dem Kranken helfen – oder zumindest nicht schaden.'“ (Amelung 1992: 77 f.).

Weitere entscheidende Grundlagen der Medizinethik sind neben dem Hippokratischen Eid auch das Genfer Gelöbnis und der Code of Medical Ethics. Die ursprünglichen Wortlaute sind im Anhang zu finden. Bei den Inhalten dieser Erklärungen muss berücksichtigt werden, dass sie in einer anderen Zeit entstanden sind und daher können sie nicht unmittelbar für ethische Forderungen in der heutigen Zeit angewandt werden. Das traditionelle Standesethos der Ärzte ist in seinen Grundlagen unverzichtbar. Dennoch ist zu bedenken, dass sich die Voraussetzungen in der heutigen Zeit deutlich geändert haben und daraus folgend auch das Ethos des medizinischen Handelns ergänzungsbedürftig ist (vgl. Pöltner 2006: 11 f.).

3 Sterbehilfe und Sterbebegleitung

In der heutigen Zeit sterben immer weniger Menschen zu Hause, sondern immer häufiger in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen. Aus diesem Grund geschieht menschliches Sterben aktuell einsamer als je zuvor. Kritiker nennen die Vereinsamung und das Fehlen von Selbstbestimmtheit als folgenschwerste Vorwürfe in der Auseinandersetzung um die Würde im Sterben (vgl. Schöne-Seifert 2007: 109 f.). „Bestand früher eher die Sorge, zu früh zu sterben, so besteht heute angesichts der möglich gewordenen lebensverlängernden Maßnahmen (Intensivmedizin) oftmals die Sorge, zu spät sterben zu müssen. Abzuwarten bleibt, ob nicht die Debatte um die Legalisierung einer Tötung auf Verlangen und um gesundheitsökonomische Maßnahmen einen umgekehrten Trend bewirkt, und die Angst vor Überversorgung (Leidensverlängerung, zu spätes Sterben) umschlägt in die Angst vor Unterversorgung“ (Pöltner 2006: 251).

Im folgenden zweiten Teil dieser Arbeit wird das Thema Sterbehilfe und Sterbebegleitung genauer beleuchtet. Im ersten Abschnitt werden wesentliche Begriffe und Inhalte dieser Thematik erläutert. Darauf folgt der Kernpunkt dieser Arbeit mit der Darstellung der ärztlichen Pflichten im Umgang mit sterbenden Patienten. Abschließend werden die Probleme im ärztlichen Umgang mit todkranken Patienten dargestellt.

3.1 Inhalte der Sterbehilfe und Sterbebegleitung

„Sterben und Tod sind nicht identisch. Sterben ist eine Phase des Lebens - wer stirbt, lebt noch. Eine Hilfe in dieser letzten Phase eines Menschenlebens (Hilfe im Sterben) ist Lebenshilfe. Wegen der Zweideutigkeit des Wortes Sterbehilfe ist die Rede von Sterbebegleitung, Sterbebeistand vorzuziehen“ (Pöltner 2006: 254). Die Verschiebung des Sterbeortes bringt eine Delegation an das Krankenhaus und die Medizin mit sich, wodurch eine Hospitalisierung und Medialisierung des Sterbeprozesses resultiert. Sterben geschieht aktuell eher einsam und zurückgezogen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat das gesamte Lebensumfeld bzw. das Dorf und die Wohnstraße am Sterbeprozess teilgenommen und ihn begleitet. Heute ist das Sterben sehr privatisiert. Sterben und Tod passen nicht mehr in die Leitbilder von Wettbewerb, Konsum und Abenteuer und wurden kulturell ausgestoßen und tabuisiert (vgl. Kreß 2009: 252).

„Traditionell unterscheidet man, wenn es um den Umgang mit Todkranken und Sterbenden geht, zwischen Sterbebegleitung, bei der es um alle Formen der Zuwendung und Hilfe geht, die den Zeitpunkt des Sterbens unbeeinflusst lassen, und Sterbehilfe, die diesen Zeitpunkt gezielt oder in Kauf nehmend vorverlegt. In letzter Zeit jedoch wird Sterbebegleitung gelegentlich als Oberbegriff für beide beschriebenen Kategorien des Verhaltens verwendet – in meinen Augen eine begriffliche Entdifferenzierung, die wohl der Emotionalisierung des Themas entgegenwirken soll, in der Sache aber wenig hilfreich ist“ (Schöne-Seifert 2007: 111).

Das Thema Sterbehilfe bei Erwachsenen sollte sich ethisch an dem Selbstbestimmungsrecht und der Würde des Betroffenen orientieren. Sterbehilfe im Allgemeinen ist sehr vielschichtig (vgl. Kreß 2009: 243). „Der Ausdruck Sterbehilfe kann Hilfe beim Sterben (= Sterbebegleitung, Sterbebeistand) oder Hilfe zum Sterben (= gezielte Herbeiführung des Todes) bedeuten. […] Das Begriffspaar aktiv – passiv bezieht sich auf die Verursachung von Handlungsfolgen. Es wird oft gleichgesetzt mit der Unterscheidung von Tun und Unterlassen. Die Unterscheidung direkt – indirekt bezieht sich auf die Intention einer Handlung (intendiert – in Kauf genommen). Unter passiver Sterbehilfe wird in der Regel der Verzicht oder Abbruch lebensnotwendiger Maßnahmen bei einem Sterbenden, unter indirekter passiver Sterbehilfe die Inkaufnahme eines früher eintretenden Todes als Nebenfolge einer schmerzlindernden Maßnahme und unter aktiver Sterbehilfe (aktiver, direkter Euthanasie) die Tötung eines Patienten durch einen Dritten verstanden. Die Unterscheidung von angemessenen und unangemessenen Maßnahmen betrifft vor allem medizinische Sachfragen. Sie ist wandelbar und relativ, weil situationsbedingt und abhängig von den zur Verfügung stehenden medizinischen Möglichkeiten, der Verfassung des Patienten und sozio-kulturellen Bewertungen. Die genannten Begriffe geben zu Missverständnissen Anlass und werden in ihrer Tragweite und Klärungsfunktion unterschiedlich bewertet. Das gilt insbesondere für die Parallelisierung von aktiv = tun, passiv = unterlassen, welche die Fehlmeinungen begünstigt, der Unterschied von Töten und Sterbenlassen läge im Vorhandensein oder Fehlen eines Tuns“ (Pöltner 2006: 251 f.).

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Details

Seiten
29
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668041189
ISBN (Buch)
9783668041196
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306211
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,7
Schlagworte
Public Health Medizin Ethik Sterbehilfe Sterbebegleitung Gesundheitswissenschaften
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Titel: Medizinethik. Die ärztliche Aufgabe bei der Sterbehilfe und Sterbebegleitung in Deutschland