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Zur Situation von Frauen in Entwicklungsländern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 58 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abkürzungen

Vorwort

0 Einige Bemerkungen zur Unterdrückung der halben Menschheit

1 Frauendiskriminierung weltweit
1.1 Physische Gewalt
1.2 Sexuelle Gewalt
1.3 Ideologische Gewalt
1.4 Materielle Gewalt

2 Entwicklungspolitik aus Frauensicht
2.1 Zur Frauenförderungspolitik der Vereinten Nationen (UN)
2.1.1 Rechtliche Grundsteinlegung von 1945 bis Anfang der 60er Jahre
2.1.2 Frauen als menschliche Ressource für Entwicklung vom Beginn der 60er Jahre bis 1985
2.1.3 Frauen als Subjekte ab 1985
2.1.4 „Frauenrechte sind Menschenrechte“ ab den 90er Jahren
2.1.5 Strukturelle Stärken und Schwächen der Frauenförderung von UN und Weltbank: Ein Vergleich
2.1.6 Frauenförderung an der Schwelle zum 21. Jahrhundert
2.2 Von „Women in Development“ zu „Gender and Development“: Verschiedene Entwicklungsansätze in den letzten Dekaden
2.3 Internationale Frauenbewegungen und –netzwerke
2.4 Selbsthilfegruppen und Frauenprojekte

3 Basta! Lateinamerikanische Frauen gegen Machismo
3.1 Alte Frauenbilder in der Neuen Welt
3.2 Indígena-Frauen heute
3.3 Frauenleben in Guatemala
3.4 Interview mit einer guatemaltekischen Ladina

4 Resumé und Perspektiven

Quellenverzeichnis

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Lange habe ich mir Gedanken über ein geeignetes Thema für eine ethnologische Hausarbeit gemacht. Als ich im Frühjahr 2000 einen Flug nach Guatemala buchte, um dort fünf Wochen in den Sommerferien Spanisch zu lernen und das Land zu bereisen, reifte in mir der Entschluss, den empirischen Teil meiner Arbeit in Guatemala entstehen zu lassen. Mit Frauenthemen hatte ich mich aus persönlichem Interesse schon vorher mehrmals beschäftigt – so lautete z.B. das Spezialgebiet meiner Religionsmatura „Die Frau in den Weltreligionen“. Was lag also näher, als mich mit meiner Spanischlehrerin, die dreieinhalb Wochen lang täglich vier Stunden nur für mich da war, eingehend über das Leben guatemaltekischer Frauen zu unterhalten? Ich begann, Literatur über Frauen in der „Dritten Welt“ und in Lateinamerika im Besonderen zu durchforsten. Je mehr ich mich auf mein Thema einließ, desto bewusster wurde mir die Vielfalt seiner Dimensionen. Als ich einmal mit dem Schreiben begonnen hatte, fiel es mir außerordentlich schwer, zu einem Ende zu kommen – nie hatte ich mir vorgenommen, eine so verhältnismäßig lange Hausarbeit zu verfassen. Jedoch hoffe ich, solchermaßen einen umfassenden Überblick über Frauenbelange in „Entwicklungsländern“ bieten zu können.

An dieser Stelle möchte ich meiner Interviewpartnerin und Spanischlehrerin Nohemy Lancerio-Cabrera für ihr geduldiges Eingehen auf meine Fragen danken.

Es mag zwar „ethnologischere“ Themen für eine Hausarbeit geben als das meinige, aber ich halte eine Einmischung der Ethnologie - die ja für sich in Anspruch nimmt, die gesamte Menschheit zum Forschungsgegenstand zu haben - in Frauenfragen für unumgänglich: Eine kritische Ethnologie kann kulturrelativistische Tendenzen, die frauenunterdrückende Praktiken verteidigen, entlarven und somit zu einer Erweiterung der Menschenrechte um spezielle Frauenrechte beitragen.

Pitten, im Dezember 2000

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

0 Einige Bemerkungen zur Unterdrückung der halben Menschheit

Eine Brennholz, Nahrungsmittel und ihr Kind schleppende Frau, auf deren ohnehin schon strapaziertem Rücken sich ein Mann ein angenehmes Leben macht - diese Karikatur stellt leider ein Stück soziale Realität auf unserem Globus dar. Die Unterdrückung der Frau ist laut Frauennetzwerk DAWN (Vgl. Devivere/König 1993:17) vierdimensional: national-, klassen-, geschlechts- und kulturspezifisch. Sie stellt ein universales Phänomen dar, fest durch Religion und Tradition in der Gesellschaft verankert.

In den sog. Industrieländern (IL) wurden - zumindest formal - schon viele geschlechtsspezifische Unterschiede eingeebnet, wenngleich von einer tatsächlichen Gleichberechtigung und -behandlung noch lange keine Rede sein kann. Wesentlich prekärer gestaltet sich die Stellung der Frau jedoch in den sog. Entwicklungsländern (EL), da dort das Problem der doppelten Ausbeutung der Frau in Wirtschaft und Haushalt noch mehr zum Tragen kommt.

Eine solche Diskriminierung ist jedoch nicht nur um ihrer selbst willen zu verurteilen - vielmehr setzt sich in letzter Zeit in der entwicklungspolitischen Debatte der Standpunkt durch, dass Entwicklung ohne Feminismus nicht machbar ist. Zu dieser längst fälligen Erkenntnis trugen auch Frauen selbst bei, indem sie durch Eigeninitiativen ihre Subjekthaftigkeit unterstrichen - man denke z.B. an die Madres de la Plaza de Mayo in Argentinien, die sich gegen die Militärdiktatur zusammenschlossen; oder an den „Marsch der leeren Töpfe“ chilenischer Frauen, die am Sturz der sozialistischen Regierung Allende beteiligt waren.

Einen wesentlichen Beitrag zur Institutionalisierung von Frauenfragen sowie zur Solidarisierung von Frauen untereinander lieferten die UN-Weltfrauenkonferenzen, deren wahrscheinlich größtes Verdienst das Anheizen der öffentlichen Diskussion um Frauenbelange darstellt. Im Umfeld um diese Konferenzen bildeten sich auch zahlreiche Nichtregierungsorganisationen (NROs oder NGOs), die den Kontakt zur Basis aufrecht erhalten. Weltweite Frauennetzwerke haben sich gebildet, deren Ziel nicht bloß die Anprangerung gegebener Missstände, sondern auch deren Beseitigung ist.

Nun möchte ich im ersten, „allgemeinen“ Teil meiner Arbeit - er umfasst die Kapitel 1 und 2 - der Frage nachgehen, welche diskriminierenden Strukturen Frauen in EL den Alltag erschweren, also den Status quo beschreiben. Im Anschluss daran werde ich frauenspezifische entwicklungspolitische Initiativen von Seiten der Vereinten Nationen und anderer Organisationen skizzieren, feministische Entwicklungsansätze sowie internationale Frauenbewegungen und -projekte präsentieren.

Der zweite, „besondere“ Teil alias Kapitel 3 wird den Fokus auf Frauen in Mittel- und Südamerika einengen, die mir aus persönlichem Interesse ein besonderes Anliegen sind. Es sollen die historischen Voraussetzungen für die jetzigen Frauenbilder geklärt sowie die heutigen Lebensbedingungen für indigene Frauen dargestellt werden. Während der erste Teil ausschließlich auf Literaturrecherche beruht, wird hier ein von mir selbst durchgeführtes Interview die Arbeit anschaulicher gestalten.

1 Frauendiskriminierung weltweit

Dass die Frauen der Welt zwei Drittel der Arbeit leisten, aber nur ein Zehntel des Einkommens erhalten und nur ein Prozent des Eigentums besitzen, ist eine schon so abgedroschene Aussage, dass ihre volle Tragweite gar nicht mehr registriert wird. Doch nicht nur in wirtschaftlichen Belangen, sondern in nahezu allen gesellschaftlichen Sphären erfahren Frauen Unrecht. An der Klage Fu Xuans im 3. Jahrhundert: „Wie traurig, eine Frau zu sein! Nichts auf der Welt wird so gering geschätzt.“ hat sich bis heute wenig geändert (Launer/Wilke-Launer 1992:10).

Jedes Land ist Entwicklungsland in Sachen Verwirklichung grundlegender Menschenrechte bei Frauen - denn kaum wo werden folgende Ausschnitte aus der Menschenrechtskonvention wirklich eingehalten (Vgl. Devivere/König 1993:21ff).

„Jeder Mensch hat ein angeborenes Recht auf Leben.“ (Art 6)

„Alle Menschen haben das Recht auf körperliche und geistige Gesundheit.“ (Art 12)

„Alle Menschen sind vor Gericht gleich.“ (Art 14)

„Die Ehegatten haben gleiche Rechte und Pflichten bei der Eheschließung, während der Ehe und bei der Auflösung der Ehe.“ (Art 23)

„Jeder hat ein Recht auf persönliche Sicherheit und Freiheit. Niemand darf seiner Freiheit entzogen werden.“ (Art 7)

Letzten Endes sind die von Männern an Frauen begangenen Menschenrechtsverletzungen ein Schuss zurück, da der Schaden wie eine Bremse die Entwicklung der gesamten Menschheit verlangsamt.

Macht- und Gewaltverhältnisse stellen einen unleugbaren Bestandteil menschlicher Beziehungen dar; seien es Differenzen religiöser, ethnischer, regionaler oder eben geschlechtlicher Art. An dieser Stelle bedarf es der Klärung eines vielverwendeten Begriffs, nämlich „Gender“. Darunter versteht man die geschlechtsspezifischen Rollen, die Frauen und Männern von der Gesellschaft zugeschrieben werden. Sie werden durch je nach gesellschaftlichem Umfeld unterschiedliche Vorschriften, Normen und Tabus bestimmt (Vgl. Engelhardt 1995:16). Der „Gender Bias“ baut also auf der sozialen Konstruktion biologischer Geschlechtsunterschiede auf. Seine Wurzeln liegen sowohl im Essenzialisieren als auch im Ignorieren von Gender-Unterschieden: Essenzialisten nehmen einzig biologische Unterschiede zum Ausgangspunkt von Maskulinität und Feminität, wogegen Leugner von Gender-Unterschieden männliche Verhaltensweisen als die Norm betrachten. Unter allen EL klafft die Gender-Kluft in Ägypten, Bahrain und Hong Kong am meisten, in El Salvador, Thailand und Paraguay am wenigsten auseinander. Häufig werden „weibliche“ Fertigkeiten wie Nähen und Kochen als angeboren angesehen und somit weniger (finanziell) gewürdigt als „männliche“ wie Arbeiten mit Holz und Metall (Vgl. Henshall Momsen 1998:97 und 108).

Folgende Tabelle soll bestehende regionale Gender-Unterschiede in Zahlen fassen (Henshall Momsen 1998:99):

Ich möchte nun näher auf die einzelnen unterdrückenden Praktiken und Strukturen eingehen, die letztendlich alle als irgendeine Form der Gewalt gegen Frauen zum Vorschein kommen. Sie werden in allen Gesellschaften in vier Bereichen der Gewaltausübung sichtbar (Vgl. Devivere/König 1993:18ff).

1.1 Physische Gewalt

Der Machtanspruch des Mannes basiert auf seiner körperlichen Überlegenheit. In klassisch patriarchalen Gesellschaften machte die Tradition körperliche Gewalt gegen Frauen sogar so selbstverständlich, dass sie staatlich anerkannt ist. Schließlich sorgt die Misshandlung der eigenen Frauen für einen stärkeren Zusammenhalt innerhalb der Männergemeinschaft. Laut UN werden mehr als 20% aller Frauen von ihrem Partner missbraucht, geschlagen oder misshandelt (Vgl. Eigelsreiter-Jashari 2000:21). 70% der in Peru der Polizei gemeldeten Fälle betreffen von ihren Partnern verprügelte Frauen. In manchen Ländern wie Indien werden sogar Mörder juristisch kaum belangt - nämlich Ehemänner, die ihre Frauen wegen mangelnder Mitgift umbringen (Vgl. Launer/Wilke-Launer 1992:12).

Eine besonders grausame Art physischer Gewalt ist die gezielte Tötung weiblicher Säuglinge und Kleinkinder, die in Teilen Indiens und Chinas üblich ist. Ein chinesisches Sprichwort nennt einen Grund dafür: „Eine Tochter aufzuziehen ist genauso, als ob man fremder Leute Garten bewässert.“ (Launer/Wilke-Launer 1992:12) - schließlich wird die (mit einer immensen Mitgift auszustattende) Tochter einmal ökonomisch den Haushalt ihres Mannes bereichern. Um aus der Tochter dennoch maximalen ökonomischen Gewinn herauszuschlagen, werden Mädchen von manchen armen asiatischen Familien sogar verkauft - oft verbringen diese dann ihr weiteres Leben in einem Bordell. Erst unter dem wachsenden Druck der Öffentlichkeit werden Regierungen allmählich bereit, gegen die Ausbeutung solcher Frauen vorzugehen. Denn lange schauten offizielle Stellen aus ökonomischen Gründen weg (Vgl. Henshall Momsen 1998:100f).

Weniger krass als die Tötung, dafür umso häufiger ist die gezielte Vernachlässigung weiblicher Kinder, die langfristig auch zu einer Verringerung weiblicher Lebenserwartung führt. In Bangladesch, Bhutan, Indien, Nepal und Pakistan leben Frauen jetzt schon durchschnittlich kürzer als Männer (Vgl. Henshall Momsen 1998:98). Laut einer Schätzung der Menschenrechtskommission der UN sterben jedes Jahr eine Million Kinder allein deshalb, weil sie Mädchen sind und die Eltern sich deshalb nicht so sehr um sie kümmern wie um Buben (Vgl. Launer/Wilke-Launer 1992: hinterer Umschlag) - sie werden weniger geimpft und bekommen weniger zu essen. In vielen EL sind die Sterblichkeitsraten für Mädchen zwischen ein und vier Jahren höher als für Buben, während in IL 20% mehr Buben als Mädchen in dieser Altersgruppe sterben (Vgl. Henshall Momsen 1998:98).

Besonders schlimm finde ich, dass Errungenschaften der Medizin als Tötungsinstrument missbraucht werden: So dienen v.a. in Arabien und Indien Fruchtwasseruntersuchungen (Amniozentese) und Ultraschall, eigentlich zum Aufdecken von Krankheiten gedacht, zur rechtzeitigen Identifizierung und Tötung unerwünschter weiblicher Föten.

Somit gipfelt die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts in der erschreckenden Tatsache, dass es wesentlich weniger Frauen gibt, als es geben müsste. Würden Frauen in allen Ländern so behandelt wie z.B. in Kanada, Japan, Norwegen, Schweden oder der Schweiz, gäbe es 120 Mio. Frauen mehr. Würden Frauen und Männer wirklich gleichbehandelt, wären es noch einmal etliche zehn Mio. mehr. So hat in China die systematische Vernachlässigung und Tötung von Mädchen schon einen Mangel von 20 Mio. Frauen nach sich gezogen. Folgende Länder weisen ein zehn- oder mehrprozentiges Defizit an Frauen auf: Libyen, Saudi-Arabien, Oman, Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate, Katar, Bahrain, Pakistan, Indien, Malediven, Papua-Neuguinea (Vgl. Kidron/Segal 1996:46f). Dieser Frauenmangel wird in gar nicht allzu ferner Zukunft paradoxerweise negative Folgen für seine Verursacher - nämlich die Männer - haben.

1.2 Sexuelle Gewalt

Sie führt zu Angst, Scham, Demut, Verletzungen, Einschüchterung und letztlich zu einer Verdrängung aus der Öffentlichkeit, was im Alltag wiederum die weibliche „Zurückgezogenheit“ und die männliche Dominanz bestätigt. Ca. 100 Mio. Mädchen werden von erwachsenen Männern, häufig den Vätern, sexuell missbraucht.

In Teilen Afrikas und Asiens ist die Klitorisbeschneidung zwischen wenigen Tagen nach der Geburt und der Pubertät ein weitverbreiteter Brauch, der den von Männern diktierten rituellen Jungfräulichkeitskult widerspiegelt. Dabei wird mit dem Messer oder auch einer Glasscherbe die Klitoris ganz oder teilweise entfernt; im radikalsten Fall werden anschließend zwecks Sicherstellung der Treue die Schamlippen fast oder ganz zugenäht (Vgl. Launer/Wilke-Launer 1992:13). Bis zu 114 Mio. Frauen und Mädchen sind auf diese Weise verstümmelt (Vgl. Eigelsreiter-Jashari 2000:21). Solch ohne chirurgisches Gerät, ohne Fachwissen und ohne Betäubung durchgeführte Beschneidungen führen nicht selten zu tödlichen Infektionen, lebenslangen Blutungen und schweren Erkrankungen, die zu erhöhter Säuglings- und Müttersterblichkeit beitragen - von der Störung der geistigen Gesundheit mal ganz abgesehen. Inzwischen haben sich in vielen afrikanischen Ländern Frauengruppen zum Protest gegen diese grausamen Praktiken gebildet, häufig animiert durch Aufklärungskampagnen afrikanischer Ärztinnen. Meiner Meinung nach ist die Beschneidung so ein schwerwiegender Eingriff in die körperliche Integrität einer Frau, dass hier das Argument mancher AfrikanerInnen und AsiatInnen, hier würden einmal mehr westliche Maßstäbe verallgemeinert, nicht greift. Vielmehr handelt es sich um eine krasse patriarchale Ausprägung, die sich unter dem Deckmantel der kulturellen Eigenart zu legitimieren versucht.

1.3 Ideologische Gewalt

Das herrschende Gewaltverhältnis zwischen den Geschlechtern wird durch Vorschriften, Rechtsverordnungen, Ideologien und Mythologien abgestützt, wodurch diese scheinbar höhere, überlieferte, kulturell tradierte Ordnung der öffentlichen Kritik weitgehend entzogen ist. So legitimiert z.B. in unserer eigenen Kultur das männliche Gottesbild einen Ausschluss von Frauen aus den meisten Schlüsselpositionen in der Kirche.

In verschiedenen Ländern manifestieren sich rechtliche Benachteiligungen auf verschiedene Weise: So dürfen in Asien und im Großteil Lateinamerikas und des Nahen Ostens Frauen rechtlich ohne die Erlaubnis männlicher Verwandter kein Land besitzen oder verpachten. In einigen Ländern sind Frauen von Erbschaft ausgeschlossen; das islamische Recht gesteht einer Tochter nur halb soviel zu wie einem Sohn, eine Witwe erbt nur ein Achtel des Vermögens ihres Mannes (Iran). Im Scheidungsfall werden die Kinder automatisch dem Mann zugesprochen. In Pakistan wiegt eine männliche Zeugenaussage soviel wie zwei weibliche. Ein Prozess kann nur mit mindestens einem männlichen Zeugen geführt werden. Einige islamische Länder erlauben der Frau die Ausreise bzw. die Beantragung eines Passes nur mit schriftlicher Erlaubnis des Mannes. In weiten Teilen Afrikas, des Nahen Ostens und Indiens ist die Frau verpflichtet, die Wohnortwahl des Ehemannes zu akzeptieren. Es gibt sogar noch Länder und Regionen, in denen Frauen kein oder nur ein eingeschränktes Wahlrecht zuerkannt wird. In einigen Ländern Lateinamerikas entzieht die Gesetzgebung verheirateten Frauen das Recht, über Berufstätigkeit oder Kontoeröffnung selbst zu entscheiden - was den weitverbreiteten Männlichkeitswahn, den sog. „Machismo“, widerspiegelt.

Diese Aufzählung ließe sich wahrscheinlich unendlich fortsetzen. All diesen unterdrückten Frauen ist eines gemein: In Krisenzeiten bleiben sie fast immer auf sich allein gestellt. Von den derzeit rund 20 Mio. Flüchtlingen weltweit sind 80% Frauen mit ihren Kindern. Alleingelassen von den Zeugern ihrer Kinder hat mittlerweile ein Drittel aller Familien weltweit ein weibliches Oberhaupt, dem die ganze Verantwortung zugeschoben wird.

Aus rechtlichen Diskriminierungen ersten Grades folgen Diskriminierungen zweiten - keine oder wenig Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen - und schließlich dritten Grades - keine oder wenige Zugangsmöglichkeiten zu einflussreichen und gutbezahlten Arbeitsplätzen (Vgl. Kidron/Segal 1996:138).

1.4 Materielle Gewalt

Erst durch den Prozess der abhängigen kapitalistischen Entwicklung verloren Frauen das frühere Ausmaß an Kontrolle über Produktion und Verteilung. Hatten sie traditionell ihren eigenen Wirtschaftsbereich (z.B. landwirtschaftliche und handwerkliche Produktion, Handel) und somit eine gewisse Gleichberechtigung, verschlechterte sich zunehmend ihre soziale und ökonomische Position. Außerdem drängte die Expansion kapitalistischer Unternehmen ihre Tätigkeiten in die Marginalität ab (Vgl. Stahl/Wachendorfer-Schmidt 1993:253f).

Heute werden weltweit fast zwei Drittel der Arbeitsstunden von Frauen geleistet. Ein Großteil davon geht jedoch nicht in die offiziellen Statistiken ein und wird nicht gebührend gewürdigt - es handelt sich um Haushaltsführung, Krankenpflege, Kindererziehung, Feldarbeit, etc. („Überlebensproduktion“) oder um Tätigkeiten im informellen Sektor. Offiziell ist der Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen am höchsten in Kambodscha (56%) und Ruanda (54%), am niedrigsten in Algerien (4%) und den Vereinigten Arabischen Emiraten (6%) (Vgl. Kidron/Segal 1996:64). Der Anstieg an weiblichen Arbeitskräften in den vergangenen Jahrzehnten ist signifikant: So z.B. waren 1960 in Lateinamerika 12,7% der um Lohn arbeitenden Bevölkerung Frauen, heute sind es schon 32,0% (Vgl. Henshall Momsen 1998:104). In landwirtschaftlichen Großbetrieben verrichten Frauen meist die niedersten Tätigkeiten, in bestimmten industriellen Bereichen wie Textil, Elektrotechnik, Feinmechanik, Optik dienen sie als billiges Arbeitskräftereservoir für multinationale Konzerne. Soweit Frauenarbeit überhaupt statistisch erfasst ist, verteilt sie sich in Prozent der Erwerbsbevölkerung so (Vgl. Stahl/Wachendorfer-Schmidt 1993:254):

- Landwirtschaft: Afrika 34%, Asien 39%, Lateinamerika 9%
- Industrie: 20%, 29%, 16%
- Dienstleistungen: 32%, 23%, 39%

Gleichzeitig verdienen Frauen weltweit im Durchschnitt rund 50% des Männereinkommens und stellen 70% der Armen (Vgl. Eigelsreiter-Jashari 2000:21). Die niedrigere Bildung von Frauen kann solche Lohndifferenzen nur teilweise erklären: Regierungen von EL halten sie oft bewusst aufrecht, um transnationale Firmen anzulocken. Am sichtbarsten wird die Verbindung zwischen Geschlecht und Armut in - aus Gründen wie Konflikt, Scheidung, Migration, Schwangerschaft im Teenageralter, Verwitwung - von Frauen geführten Haushalten (Vgl. Henshall Momsen 1998:95ff).

Nicht selten streifen sich die Ehemänner die Gehälter ihrer Frauen sowie deren Karenzgelder ein, um durch Spiel oder Alkohol dem tristen Alltag zu entkommen - eine „Option“, die sich Frauen als Mütter nicht leisten können. Generell sind es eher Frauen, die ihr ohnehin spärliches Gehalt für Nahrung, Gesundheit und Erziehung ausgeben.

Während einer Rezession sind Frauen meist die ersten, die ihren Arbeitsplatz verlieren; oft sind die Arbeitslosenquoten für Frauen auch bei guter Wirtschaftslage höher als für Männer. Da bleibt dann nur mehr der Rückzug in den informellen Sektor oder in unbezahlte Hausarbeit. Die „Unsichtbarkeit“ solcher Tätigkeiten bestärkt wiederum jene soziale Wahrnehmung, die Frauen eher als Abhängige als als Produzentinnen begreift - anscheinend ist die Ideologie des männlichen Ernährers und Geldverdieners universell (Vgl. Henshall Momsen 1998:104f). Dabei beträgt der Schätzwert für die unbezahlte Frauenarbeit elf Billionen US-Dollar, fast die Hälfte der jährlichen Weltgesamtproduktion von 23 Billionen (Vgl. Wichterich 1998:149).

Meist haben Frauen keine Kontrolle über die ertragbringenden Anlagen und Produktionsmittel, die die Voraussetzung für materielle Unabhängigkeit darstellen. In vielen Fällen verweigert die Politik der Kapitalgeber und Banken Frauen die Mittel für wirtschaftliche Aktivitäten (Vgl. Kidron/Segal 1996:138).

Der größte Teil aller Nahrungsmittel wird von Frauen produziert, in Afrika und Indien über 80%. Grundlegende Ressourcen wie Wasser, Energie und Lebensmittel werden von Frauen beschafft. Paradoxerweise bekommen aber gerade die Nahrungsmittelproduzentinnen am wenigsten und als letzte zu essen, was ein Verteilungsproblem darstellt. Argumentiert wird damit, dass Frauen ja schließlich weniger brauchen und „verdienen“ als Männer.

Ungleicher Lohn für gleiche Arbeit, Ausschluss von jeglichen Rechten durch Heimarbeit und andere ungeschützte Arbeitsverhältnisse (Stichwort „Hausfrauisierung der Arbeit“) sind ein weiterer Ausdruck patriarchalischer Gewalt. In jedem Land gelten bestimmte Tätigkeiten als Frauensache. Aus diesen Jobghettos - das sind weltweit Krankenpflege, Grundschulunterricht, Dienstleistungen und Kinderbetreuung - gibt es kaum ein Entrinnen. Während in Afrika Handel und Ackerbau als Frauendomäne gelten, sind es in Südostasien die Herstellung von Textilien und Elektronik, in Lateinamerika und in der Karibik die Tätigkeit als Hausangestellte.

Arbeiterinnen gehören oft schon mit 25 zum alten Eisen, weshalb ihnen nur die Arbeit im informellen Sektor bleibt - die Spannweite reicht von Garküchen bis zu Gelegenheitsprostitution; sie stehen dann buchstäblich auf der Straße und kämpfen täglich ums Überleben (Vgl. Launer/Wilke-Launer 1992:15). Dass der sog. „Fortschritt“ häufig zu einer Verschärfung der Situation geführt hat, wird in Folge noch zu besprechen sein.

[...]

Details

Seiten
58
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638318372
ISBN (Buch)
9783638748612
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30620
Institution / Hochschule
Universität Wien – Ethnologie, Sozial- und Kulturanthropologie
Note
Sehr gut
Schlagworte
Situation Frauen Entwicklungsländern

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Titel: Zur Situation von Frauen in Entwicklungsländern