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Stabile Labilität und labile Stabilität in der russischen Geschichte

Essay 2015 9 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Die Frühe Neuzeit in Europa und Russland

II. Mehr als ein Wortspiel

III. Geographie: (K)eine eurasische Frontier

IV. Gesellschaft: Die Fesselung der Eliten

Literaturverzeichnis

I. Die Frühe Neuzeit in Europa und Russland

Während des von mir behandelten Jahrhunderts (1550 – 1650) bildete sich im Osten des europäischen Kontinents das einzige heute noch existierende, eine einzige Landmasse umfassende Imperium. Mitteleuropa war in jener Zeit von Religionskriegen geprägt, in deren Verlauf sich in Westeuropa die Seemächte Frankreich, die Niederlande und Großbritannien mit Kolonialbesitz in Übersee herausbildeten; hier kam es zur Technisierung von Medien und Waffen; hier dachten Wissenschaftler über den Gang der Welt nach, ihre Ideen und Ergebnisse verstießen gegen die gängige stabile Glaubenswelt und brachten das hervor, was gemeinhin als Fortschritt bezeichnet wird. Seit dieser Zeit – seit der Französischen Revolution in verstärktem Maße – erfindet sich Mitteleuropa als gesamtpolitisches System fortwährend neu. In Russland hingegen bildete sich, obwohl zwischen 1550 und 1650 die Wirklichkeit von Labilität geprägt war, unter Beibehaltung und Modifikation mongolischer Traditionen ein stabiles politisches System heraus, das bis zum heutigen Tag grundlegend ist. Dies will ich im Folgenden mittels der geographischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die fundamental für die Ausübung von legitimer Herrschaft sind, im Russland der Frühen Neuzeit belegen.

II. Mehr als ein Wortspiel

Bevor ich die Stabilitäten und Labilitäten der russischen Geographie und Gesellschaft untersuche, erkläre ich, was ich unter den im Titel aufgestellten Begriffen ‚labile Stabilität‘ und ‚stabile Labilität‘ verstehe. Zunächst scheinen sich die Definitionen der Gegensätze ‚Stabilität‘ und ‚Labilität‘ einander auszuschließen und aufzulösen, so dass eine adjektivisch-substantivische Bindung zwischen ihnen unmöglich anmutet. Jedoch gibt es in allen Gegensatzpaaren sprachliche ‚Grauzonen‘, die der näheren Betrachtung wert sind; so auch die zwei von mir aufgestellten adjektivisch-substantivischen Wortpaare, welche Teile der Zwischenbereiche der beiden absoluten Gegensätze abdecken. Wenn wir ‚Stabilität‘ als Tendenz definieren, die sich immer wieder von Krisen zu erholen vermag und dadurch in einen positiv bewerteten Ist-Zustand zurückkehrt, ‚Labilität‘ hingegen als Anfälligkeit zu negativ definierten Veränderungen verstehen, ist ‚labile Stabilität‘ eine zu Veränderungen neigende Balance und ‚stabile Labilität‘ ein Ungleichgewicht, das sich gegenüber weitere, auf es einwirkende Störungen als resistent erweist.

Durch das Streben der heutigen Staaten nach Stabilität vermögen wir die langfristigen Vorteile weder der Labilität noch der zwei definierten Grauzonen einzuschätzen – wir sehen in ihnen lediglich die kurzfristigen Nachteile. Dies ist problematisch, weil wir dadurch selbst Veränderungen in Geographie und Gesellschaft, damit aber auch in der Legitimation von Herrschaft(en) erzeugen, deren Brüchen wir hilflos gegenüberstehen. Auch deshalb war es im Europa der Frühen Neuzeit notwendig, Gesellschaftstheorien zu entwickeln.

III. Geographie: (K)eine eurasische Frontier

Die oben aufgestellte Stabilität-Labilität-Definition auf die russische Expansion im 16. Jahrhundert anwendend, verstehe ich diese als ‚labile Stabilität‘, da nach der ‚Sammlung der russischen Erde‘ unter Iwan III. mit dem Moskowiter Mutterland ein stabiler Kern eines sich nach Süden, Osten und Norden ausdehnenden Reiches existiert. Dass Moskau sich mit seiner Eroberungspolitik zuerst gen Süden wendet, ist weder einem ideologischen Anschluss an das mittelalterliche Kiewer Reich geschuldet noch dem Willen, die Handelswege in das entstehende Moskauer Reich zu inkorporieren: Während erstes eine Legende Russlands zur Legitimation seiner Ansprüche auf die Gebiete südlich von Kiew ist, ist letztes eine Konstruktion, welche den Handel nach modernen Maßstäben bewertet. Vielmehr sehe ich die Eroberungszüge gegen Kasan und Astrachan als Wirtschaftskriege.

Michael Khodarkovsky betont, dass dem Moskauer Großfürsten „ was still given the sole right to collect tribute and other Tatar taxes […] to be paid to the Horde, the Crimea, Astrakhan, Kazan, Kasimov […], and all the Chinggisids serving the grand prince[1]. Das Problem an dieser Feststellung sind die letzten Worte „ serving the grand prince “: Im Jahr 1531, auf welches sich Khodarkovskys These bezieht, waren weder Kasan noch Astrachan von Moskau erobert[2] ; das Zahlen des Tributes an diese war daher eher das Zeichen einer Abhängigkeit Moskaus gegenüber den Resten der Goldenen Horde als das eines Zwangs zur Loyalitätsbekundung der eroberten Teile der Goldenen Horde gegenüber Moskau[3].

Als problematisch erwies sich für die Berechnung des in Geld gezahlten Tributs die Eroberung der Länder um Moskau, da dieser sich auf die wirtschaftliche Stärke des Gebers bezog, in welche sich neben der Größe des Herrschaftsgebietes auch die Zahl der Bevölkerung niederschlug. Dadurch erhöhte sich der zu zahlende Tribut seit der Zeit Iwans III., während der einzusammelnde Tribut durch Steuern ersetzt worden war, die nichts mehr mit dem Tribut aus mongolischer Zeit zu tun hatten, da einige der eroberten Gebiete, die Teil des Moskauer Reiches geworden sind, nicht mehr im Herrschaftsbereich der Horde gelegen hatten. Demnach griff der Tribut an die Tataren von Kasan und Astrachan direkt in die Geldmittel des Großfürsten ein – und damit in die inner-wirtschaftlichen Interessen des Moskauer Staates.

Auch die Anwendung des legendenbehafteten amerikanischen ‚ Frontier ‘-Begriffes auf die russische Steppe ist problematisch; nicht nur die zeitliche Differenz zwischen dessen Entstehung und dem Zeitraum, über den Khodarkovsky schreibt, ist ahistorisch zu nennen; auch der direkte Vergleich der Tataren mit den Indianern ist heikel. Sicher, die Prärie und die Steppe als Lebensräume sind als Räume ohne sichtbare Grenzen einander ähnlich; jedoch sind die asiatischen Steppenvölker als Eroberer in die Gebiete der mittelalterlichen Kiewer Rus‘ eingefallen, die Indianerstämme besiedelten erst aufgrund der europäischen Besiedlung Amerikas die Prärien. Das ist jedoch noch keine ‚ Frontier ‘: Dieser Begriff bildete sich bei der Besiedlung des Gebietes westlich des Ohio und östlich des Mississippi heraus – der Mississippi galt als Grenze der ‚ Frontier ‘; damit hat diese nichts zu tun mit den Great Plains, die gemeinhin mit dem Begriff ‚Prärie‘ bezeichnet werden und das landschaftliche amerikanische Äquivalent der russischen Steppe sind.

In letzterer mögen keine Grenzsteine existiert haben, jedoch spricht Khodarkovsky mittels seines ‚ Frontier ‘-Begriffes und dessen Anwendung sowohl dem Khanat von Kasan als auch dem von Astrachan jede Staatlichkeit ab, was meines Ermessens nach unkorrekt ist, da diese eine Souveränität gehabt haben mussten, die Moskau zwangen, ihnen Tribut zu leisten – auch wenn dies bis zur Eroberung dieser Stadtstaaten nur die Macht der stärkeren Militärmacht gewesen sein mag.[4] Auch vermag ich nicht, im Moskau des 16. Jahrhunderts bereits eine entwickelte politisch-geographische Einheit zu sehen; vielmehr ist diese um 1550 erst im Entstehen begriffen.

[...]


[1] Vgl.: Michael Khodarkovsky: Russia’s Steppe Frontier. The Making of a Colonial Empire 1500 – 1800. Bloomington, Indianapolis 2002. S. 65. (= Khodarkovsky)

[2] Dies geschah erst 1552 (Kasan) bzw. 1556 (Astrachan).

[3] Khodarkovskys These im Teil “Presents and Payments: Bestowed or Extorted?” auf S. 63 über die Wichtigkeit von Moskauer Zahlungen für die Loyalität der eroberten Völkerschaften ist dadurch widerlegt.

[4] In Khodarkovsky S. 49 wird die Frontier folgendermaßen definiert: „ A frontier is a region that forms the margin of a settled or developed territory, a politico-geographical area lying beyond the integrated region of the political unit.

Details

Seiten
9
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668040342
ISBN (Buch)
9783668040359
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306183
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
russland geschichte

Autor

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Titel: Stabile Labilität und labile Stabilität in der russischen Geschichte