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Segen bringende Lektüre. “Die Buddenbrooks” als narrative Auseinandersetzung mit der Ontologie Schopenhauers

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was beinhaltet die Ontologie Schopenhauers?
2.1 Was bedeutet der Begriff Ontologie?
2.2 Verschiedene Aspekte der Ontologie Schopenhauers

3. Welche Rollen spielte Philosophie im Leben des Autors Thomas Mann?
3.1 Philosophie
3.2 Schopenhauer- Einflüsse

4. Der Einfluss von Philosophie auf den Roman, speziell auf Thomas Buddenbrook
4.1 Kurze Charakterisierung Thomas Buddenbrooks
4.2 Narrative Einbindung der Schopenhauer- Lektüre im Roman
4.3 Folgen der Schopenhauer- Lektüre für Thomas Buddenbrook

5. Fazit: Führte tatsächlich die Lektüre zur Erlösung?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Niemand bleibt ganz, der er ist, indem er sich erkennt.“[1]

Dieses Zitat kann beginnend auf der ganz externen Ebene des Seins bis hin zu internen Vorgängen jedes Individuums gedeutet werden. Der Homo Sapiens ist ein Lebewesen des Fortschrittes, des Wandels, der immerwährenden Bewegung, der Neugier. Schon im Ankommen beginnen wir ein neues Abenteuer; beim Enträtseln unseres eigenen Charakters versuchen wir neue Facetten an uns zu entdecken, um ja nie zum Stillstand zu kommen. Auf dem beschwerlichen Weg zur Selbsterkenntnis, oftmals verbunden mit einem inneren Lossagen von äußeren Zwängen, verändert sich ein jeder Mensch. Bei Thomas Buddenbrook ist es eher ein kurzer Moment, ein in der Sekundärliteratur vielmals als rauschartiger Zustand benannter Exkurs, geleitet von der Lektüre Schopenhauers. Den Einfluss dieses Philosophen und der Philosophie in all ihrer Vielseitigkeit, möchte ich in den folgenden Ausführungen erläutern. Es gilt der Fragestellung nachzugehen, ob der einmalige Konsum der „Droge“ Literatur eine tiefe innere Erlösung und Lossagung vom Leben hervorrufen kann oder macht man es sich nicht etwas einfach, nur dieses eine Faktum zu benennen? Um diese Frage zu beantworten, möchte ich zunächst einige Grundlagen diskutieren, um schließlich die narrative Auseinandersetzung mit der Ontologie Schopenhauers im fünften Kapitel des zehnten Teiles des Romans von Thomas Mann genauer zu betrachten.

2. Was beinhaltet die Ontologie Schopenhauers?

2.1 Was bedeutet der Begriff Ontologie?

Um im nächsten Kapitel auf die Frage einzugehen, welche Aspekte die Ontologie Schopenhauers beinhaltet, muss die grundsätzliche Frage nach der Begriffsbedeutung des Wortes „Ontologie“ geklärt werden. Im Fremdwörterbuch wird sie, als „die Lehre vom Sein; von den Ordnungs-, Begriffs- und Wesensbestimmungen des Seienden“[2] bezeichnet. Die Ontologie kann also als ein Teilbereich der Philosophie bezeichnet werden, der sich mit dem Leben und dem Tod sowie allen damit verbundenen Gedanken des Individuums Mensch befasst.

2.2 Verschiedene Aspekte der Ontologie Schopenhauers

Arthur Schopenhauer (1788- 1860) ist ein bekennender Misanthrop und Pessimist, der als Lehrer von Nietzsche gilt und somit maßgeblich auch dessen Lehren geprägt hat, wenngleich diese sich in ihren Tendenzen nicht unwesentlich von Schopenhauers Lebensverneinung unterscheiden. Erwähnenswert ist das an dieser Stelle, da ich im Verlauf meiner Arbeit des Öfteren auf die Verbindung beider Philosophen und derer Theorien zu sprechen kommen werde, denn es herrscht in der Frage nach dem Einfluss der Ontologie keineswegs Einigkeit in der Literaturwissenschaft. So werde ich verschiedene Ansätze präsentieren, vergleichen und bewerten. Mit der Schopenhauer- Lektüre von Thomas Buddenbrook, möchte ich zunächst, ganz unabhängig von der narrativen Einbindung des Philosophen seine Denkansätze kurz erläutern und somit eine Basis für spätere Ausführungen schaffen.

Das Hauptwerk A. Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ benennt schon im Titel zwei Hauptgedanken seiner Philosophie, wie Fred Müller in seiner Interpretation „Thomas Mann- Buddenbrooks“ ausführt. Der Wille ist eine blinde, nicht näher zu bestimmende Kraft, gleichzusetzen mit dem Trieb, der Leben schafft. Somit kann festgehalten werden, dass der Wille der „Urgrund der Welt und allen Seins ist“. Die Vorstellung oder von Schopenhauer als Intellekt benannter Baustein, lässt uns die Eigenschaften der Erkenntnis, Fantasie und des Bewusstseins ausprägen, die jedoch immer nur als Orientierungs- und Hilfsmittel des Willens dienen. Die können eine subjektive Vorstellung der Welt erschaffen. Durch den Intellekt wird uns ebenso ermöglicht, die Sinnlosigkeit unseres Willens zu erkennen, den „leeren Kreislauf des Lebens“, von welcher wir uns nur kurzweilig durch die Kunst und das ästhetische Erleben oder langfristig durch Askese und Mitleid befreien können.[3]

Als zweiten Aspekt der Schopenhauerschen Philosophie, möchte ich das Erb-lichkeitskonzept erwähnen, welches Katrin Max in ihrem umfangreichen Werk „Thomas- Mann- Studien“ ausgearbeitet hat. Es soll an dieser Stelle nur kurz erwähnt werden, da mein Hauptaugenmerk eher auf der metaphysischen Ebene liegen soll. Auch in diesem Konzept ist der Wille die tragende Instanz. Er gilt hier als Kern, das Radikale des Menschen und wird gleichgesetzt mit der Rolle des Vaters. Der Intellekt ist sekundär und kommt der Mutter zu. So gibt der Vater als zeugende Instanz Moralisches, Charakter, Neigung und Herz. Die Mutter- empfangende Instanz beeinflusst den Grad, die Beschaffenheit und die Neigungsrichtung des Intellekts. Nach Schopenhauers Auffassung werden die lebenswichtigen Züge eines Menschen also über die väterliche Linie vererbt.[4] Dieses Konzept ist in den Budden-brooks sehr auffällig integriert, da die Generationsproblematik und die wachsende Feinfühligkeit und Ästhetik von den angeheirateten Frauen in die Familie getragen werden. Paradebeispiel hierfür ist die vierte Generation, denn Hanno hat seine musikalische Begabung eindeutig von seiner Mutter Gerda geerbt. Dies soll aber genügen, um diesen Teilaspekt zu verdeutlichen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Schopenhauers Ontologie eine Philosophie des Willens oder angelehnt an die Idee des Willens als Urkraft, eine „Triebphilosophie“[5] ist, deren Primärinstanz durch die männliche Linie einer Familie vererbt und bestimmt wird.

3. Welche Rollen spielte Philosophie im Leben des Autors Thomas Mann?

3.1 Philosophie

Um philosophische Theorien in einen Roman einzubinden, muss der Autor selbst Zugang zur Philosophie haben- sollte man zumindestens annehmen. Thomas Mann selbst flüchtete sich, nach Werner Frizen, in die Philosophie, weil er in ihr das Erweckungserlebnis fand, wofür das Kulturchristentum, das ihm von seiner Senatorenfamilie gelehrt wurde, eine Leerstelle ließ. Er lernte die Religion und Theologie stets als Spruch- und Lernweisheit ohne jeglichen problem- und wissenschaftsorientierten Anspruch kennen, was ihm nicht ausreichende Befriedigung liefern konnte. So erscheint es auch nicht ungewöhnlich, dass das christliche Substrat in den Buddenbrooks überbaut wurde von musikalischem, philosophischem und literarischem Gedankengut.[6] Aber zurück zur eigentlichen Frage dieses Kapitels, inwieweit Thomas Mann von der Philosophie beeinflusst wurde. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Mann in Kontakt kam mit Schopenhauer und auch Nietzsche und dass vor allem der Letztgenannte auch einige seiner Folgewerke durchzieht. Das etwas eigenartige Lehrer- Schüler- Verhältnis von Schopenhauer und Nietzsche in Bezug auf die Verflechtung ihrer Theorien, übertrug

Thomas Mann auch auf seinen Bezug zu beiden, indem er feststellte, dass es „schwer […] auseinanderzuhalten [ist], was er dem einzelnen verdankt.“[7] und[8] So verwundert es auch nicht, dass man oftmals eine Vermischung beider Theorien auch in seinen Werken vorfindet. Ich fand jedoch keinen Beleg dafür, dass Thomas Mann große Teile seiner Freizeit damit verbrachte, die Philosophie eingehend zu studieren und Interesse daran hatte, sie mehr als auf narrative Ebene zu verwerten. Seine eigenen Erfahrungen mit der Philosophie Schopenhauers möchte ich im nun folgenden Abschnitt erläutern.

3.2 Schopenhauer- Einflüsse

Thomas Mann, ein „hingerissene[r] Bewunderer Schopenhauers“[9], bezeichnet sein erstes Kennenlernen mit dessen Philosophie als „ein seelisches Erlebnis ersten Ranges und unvergesslicher Art“ (Lebensabriss, E3, 189). Er übernahm jedoch nur das Fundament der Schopenhauerschen Philosophie für sich, jenes von der Zeugungskraft des Willens[10]. In seinem Schopenhauer- Essay von 1938 ist zu lesen, dass er „die organische Erschütterung, die [Schopenhauer] bedeutete, nur mit der verglichen werden kann, welche die erste Bekanntschaft mit der Liebe und dem Geschlecht in der jungen Seele erzeugt […]“(IX, 561). Ihm kam die Weltdeutung, die pessimistische Weltsicht entgegen und legte dieses Denkmodell wie eine Schablone über seine eigene Wahrnehmung und sah die Wirklichkeit nun durch sie hindurch. Die Wirkung der Lektüre ist also eine Transformation des eigenen Welterlebnisses. Er bekam die „große Erlaubnis zum Pessimismus“, die Welt des Willes, als Welt des Leidens und den Tod als Aufhebung der Tortur dieses Willens und dem Wahn der „Welt als Vorstellung“ und genau dieses Konzept finden wir auch in den „Buddenbrooks“ wieder.[11] Vorwegnehmen möchte ich noch, dass Thomas Mann selbst nicht „von dem Roman Buddenbooks [sprechen kann], ohne des ungeheuren seelischen Erlebnisses zu gedenken, das im letzten Teil eine so große Rolle spielt, [er] mein[t] das Erlebnis Schopenhauer, das Thomas

Buddenbrook gegen Ende seines Lebens, und durch das er sozusagen zum Tode reif gemacht wird.[...] (Thomas Mann, Aufsatz On Myself) und somit der Einfluss dessen auf Mann als Autor und den Roman unumstritten bleiben kann.[12]

[...]


[1] Stern, Guy. Thomas Mann und die jüdische Welt. In: Thomas- Mann- Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. 3.Auflage. Frankfurt am Main: Fischer 2005. S.65

[2] Dr. Wermke, Matthias u.a.: Ontologie. In: DUDEN. Das Fremdwörterbuch. Hrsg. vom Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion. 7. Auflage. Mannheim: Bibliographisches Institut und F.A. Brockhaus 2000.

[3] Vgl. Müller, Fred. Thomas Mann- Buddenbrooks. 3. überarbeitete Auflage. München: Oldenburg 1998.

[4] Vgl. Max, Katrin: Thomas- Mann- Studien. Hrsg. von Thomas- Mann- Archiv der eigengenössischen Technischen Hochschule Zürich. Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann 2008 (=Niedergangsdiagnostik, zur Funktion von Krankheitsmotiven in „Buddenbrooks“).

[5] Reed, Terence J.: Nietzsche und kein Ende; Schopenhauer als Episode. In: Thomas- Mann Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. 3. Auflage. Frankfurt a.M. 2005. S. 98-103.

[6] Vgl. Frizen, Werner. Thomas Mann und das Christentum. In: Thomas- Mann Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. 3. Auflage. Frankfurt a.M. 2005. S.307-309

[7] Reed, Terence J.: Nietzsche und kein Ende; Schopenhauer als Episode. In: Thomas- Mann Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. 3. Auflage. Frankfurt a.M. 2005. S. 122 (XII,79)

[8] Vgl. Reed, Terence J.: Nietzsche und kein Ende; Schopenhauer als Episode. In: Thomas- Mann Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. 3. Auflage. Frankfurt a.M. 2005. S. 117- 122

[9] Kristiansen, Borge: Thomas Manns Schopenhauer Rezeption. In: Thomas- Mann Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. 3. Auflage. Frankfurt a.M. 2005. S. 277.

[10] Vgl. Vogt, Jochen: Thomas Mann: „Buddenbrooks“. 2.Auflage. München: Wilhelm Fink 1995. S.74-90.

[11] Vgl. Kristiansen, Borge: Thomas Manns Schopenhauer Rezeption. In: Thomas- Mann- Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. 3. Auflage. Frankfurt a.M. 2005. S. 276-283.

[12] Vgl. Müller, Fred. Thomas Mann- Buddenbrooks. 3. überarbeitete Auflage. München: Oldenburg 1998.

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668044647
ISBN (Buch)
9783668044654
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306176
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Schlagworte
die buddenbrooks schopenhauer thomas buddenbrook ontologie schopenhauer literaturwissenschaft philosophie

Autor

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