Lade Inhalt...

Die Attraktivität der Mark Brandenburg im 12. Jahrhundert

Die Entstehung des Raumes Brandenburg aus verkehrspolitischer, ökonomischer und religiöser Sicht

Seminararbeit 2015 11 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Regionalgeographie

Leseprobe

Inhalt

Anstelle einer Einleitung: Die Entwicklung des Raumes Brandenburg/ Havel

1. Zu Wasser und zu Land: Das Verkehrssystem im Havelland

2. Brandenburgische Handelsgüter: Die innerbrandenburgische Ökonomie

3. Harlunger-Berg und Parduin: Religiöses und wirtschaftliches Zentrum der Heveller

Schlusspunkt

Literaturverzeichnis

Anstelle einer Einleitung: Die Entwicklung des Raumes Brandenburg/ Havel

Geprägt von den während der letzten Eiszeit entstandenen Oberflächenformen, liegt Brandenburg/ Havel in einer für den heutigen Menschen attraktiven Umgebung. Wald und Wasser gehören zu den Voraussetzungen für ein Naherholungsgebiet, das durchwandert werden kann – sowohl zu Wasser als auch zu Land. In der Peripherie der Berliner Metropole gelegen, ist Brandenburg ein heute geschichtsträchtiges Sport- und Erholungszentrum, welches im Gespräch war, an einer möglichen Olympia-Bewerbung der Hauptstadtregion teilzunehmen.

Diese vorteilhafte Wahrnehmung der geographischen Lage Brandenburgs existierte nicht immer. Das Gebiet um Brandenburg/ Havel war aufgrund dieser seiner Lage von wechselnder Bedeutung. Von der sich der Eiszeit anschließenden Steinzeit an war es ein Durchzugs- und Siedlungsgebiet verschiedener Kulturen. In der jüngeren Bronzezeit lag es im Grenzraum zweier Kulturen, die sich zu einer weiteren durchmischten, deren Zentrum das umliegende Havelland war. In der weiteren Peripherie des Römischen Reiches gelegen, entwickelte sich hier ein zentraler Siedlungsort des germanischen Stammes der Semnonen; dieser Zentralort degenerierte während der Völkerwanderungszeit zu einem Durchzugsraum. Im frühen Mittelalter siedelten sich slawische Stämme an, unter denen Brandenburg/ Havel sich als ein bedeutsames mehrerer Zentren auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes entwickelte.[1]

In der Peripherie des benachbarten Salierreiches gelegen, wurde die Brandenburg zu Beginn des 10. Jahrhunderts erobert, um nach einem erfolgreichen Slawenaufstand im Jahre 983 in der Mitte des 12. Jahrhunderts endgültig von den Deutschen besetzt und besiedelt zu werden. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, lautet: Was machte den Raum Brandenburg/ Havel für die Deutschen so attraktiv, dass sie ihn trotz mehrfachem Scheitern unbedingt zurückerobern ‚mussten‘? Lag dies einzig an der direkten Nachbarschaft des sächsisch-deutschen Reiches zu den Slawen? Oder gab es andere Auslöser?

Die erste Auffassung vertritt neben dem Kirchenhistoriker Fritz Curschmann das Historikerkollektiv um Joachim Herrmann. In „Die Slawen in Deutschland. Geschichte und Kultur der slawischen Stämme westlich von Oder und Neiße vom 6. bis 12. Jahrhundert“ verficht Letzteres eine negativ verlaufende ökonomisch-gesellschaftliche Entwicklung im Reich als vorherrschende Ursache für die Eroberung der östlich angrenzenden Gebiete[2]. Fritz Curschmann hingegen legt in „Die Diözese Brandenburg. Untersuchungen zur historischen Geographie und Verfassungsgeschichte eines ostdeutschen Kolonialbistums“ den Schwerpunkt auf die christliche Befriedung der kriegerischen slawischen Stämme, die Raubüberfälle auf das Reichsgebiet unternahmen[3].

Nach Ansicht von Herbert Ludat und Klaus Grebe greift die einseitige Ursachenforschung der exponierten Grenzlage zwischen dem Reich und den slawischen Gebieten für die Eroberung der Brandenburg zu kurz. Während Herbert Ludat in „An Elbe und Oder um das Jahr 1000. Skizzen zur Politik des Ottonenreiches und der slavischen Mächte“ den Brandenburger Raum als Spielball außenpolitischer Mächte skizziert[4], zeichnet Klaus Grebe in „Archäologische Forschungen auf der Dominsel in Brandenburg (Havel)“ ein selbständigeres Bild des Brandenburger Herrschaftsgebietes, dessen Ökonomie auf einem ausgedehnten Handel basiert[5].

In Anlehnung an Herbert Ludat und Klaus Grebe ein Gemisch mehrerer Ursachen für die Eroberung der Brandenburg vermutend, stütze ich mich bei der folgenden Untersuchung vornehmlich auf die verkehrstechnischen, ökonomischen sowie religionspolitischen Räume Brandenburgs. Diese einander bedingenden ökonomischen Dimensionen der Geschichtswissenschaft sind in mehreren Veröffentlichungen im Einzelnen gut erforscht, jedoch nicht in ihren Zusammenhängen erfasst. Beginnend mit dem Makroraum Verkehr, der die Brandenburg mit Magdeburg und Posen verbindet, konzentriere ich mich im zweiten Kapitel auf die Möglichkeiten der brandenburgischen Ökonomie. Das dritte Kapitel ist der Religion als kulturhistorischem Teil derselben gewidmet. Im Ergebnis erwarte ich, dass die Wirtschaft ein wichtiger ‚Pull-Faktor‘ für die Deutschen war, die Brandenburg zu erobern.

1. Zu Wasser und zu Land: Das Verkehrssystem im Havelland

Zu einer funktionierenden Ökonomie eines begrenzten Raumes gehört der Austausch von Informationen und Handelswaren mittels eines grenzüberschreitenden Verkehrssystems. Ein solches ist im Havelland durch die topographische Mittellage der Burg Brandenburg zweifach gegeben.

Zunächst liegt die Brandenburg im Zentrum des hevellischen Herrschaftsgebietes, so dass dem Herrscher die Möglichkeit gegeben ist, eine personengebundene Herrschaft über den Stamm direkt auszuüben[6]. Zur Sicherung der Herrschaft über den Stamm eignet sich die Lage der Burg Brandenburg auf einer Insel zwischen Havel, Beetz-See-Rinne und Plane, da aus diesem Grunde einerseits die Stammesgebiete über den Wasserweg gut erreichbar und kontrollierbar sind[7]. Andererseits bieten dieselben den Stammesmitgliedern, die zumeist als Fischer tätig sind, eine sicherere Verbindung zum Herrschafts- und Marktzentrum als das Land mit seinen Wäldern und Sümpfen[8]. In der bisherigen Forschung werden die brandenburgischen Wasserwege gegenüber den Landwegen vernachlässigt, obgleich diese für die slawische Bevölkerung ihrer Struktur als Fischervolk wegen wichtiger gewesen sind. Mit der Neuheit der Unterwasserarchäologie, dem geringen Interesse von Unterwasserarchäologen an der Brandenburger Region sowie dem hohen Kostenaufwand dieser Untersuchungen ist der Mangel an der unterwasserarchäologischen Erschließung des Havellandes erklärbar[9].

Stattdessen wird in der Forschungsliteratur die Wichtigkeit der Handelsstraßen an Land diskutiert, denn Brandenburg liegt am Schnittpunkt mehrerer Straßen, die das Havelland durchschneiden. Als wichtigste Straße gilt die „Alte Herr- und Handelsstraße“, die von Magdeburg über Brandenburg nach Posen führt. Seit der Bronzezeit bestehend, wird sie nach der ersten Eroberung des Havellandes durch die Deutschen im 10. Jahrhundert reaktiviert und nach dem Slawenaufstand von 983 von deutschen (Fern-) Händlern genutzt[10]. Mehrfach wird in der Literatur ihr Verlauf im Havelland und ihre Bedeutung als Handelsweg diskutiert. So schätzt Hans Mundt in seiner Schrift „Die Heer- und Handelsstraßen der Mark Brandenburg vom Zeitalter der ostdeutschen Kolonisation bis zum Ende des 18. Jahrhunderts“ ihre Bedeutung aufgrund der schwierigen natürlichen Bedingungen für den europäischen Handel als eher gering ein[11]. Außerdem laufen laut Hans-Dietrich Kahl die wichtigen Fernhandelsstraßen am brandenburgischen Herrschaftsraum vorbei; andererseits existieren wichtige Landstraßen, welche die Brandenburg mit Magdeburg als wichtiger Handelsstadt verbinden[12]. Auch er betont die schwierigen natürlichen Bedingungen für ein Handelsstraßensystem an Land, erwähnt die „Sperr-Riegel“-Funktion der Brandenburg im Verlauf der alten Heer- und Handelsstraße, als deren Endpunkt er Parduin darstellt[13].

Dabei beachtet er zwei Einzelheiten im Verlauf dieser alten Straße nicht, obgleich er diese selbst erwähnt. 1. Gilt in der Literatur der südliche Zugang von der Zauche her als beste Route des Landhandelsweges[14]. Das heißt jedoch auch 2., dass die Brandenburg als Zollstelle passiert werden muss, bevor die Waren in Parduin umgeschlagen werden können. Dementsprechend kann die Brandenburg zwar als wichtiger Herrschaftssitz vom Handel nicht umgangen werden, jedoch ist in ihr kein Hindernis für den weitergehenden Handel zu sehen. Problematischer ist meines Dafürhaltens die Einschätzung mehrerer Mediävisten, dass diese Verbindungsstraße von geringer Bedeutung für den europäischen Handel sei[15]. Schließlich verbindet sie mittels ihres Verlaufes durch das Havelland nach Lebus die Brandenburg mit der großen Handelsstraße Uckermark – Oder – Pommern –Weichsel – Dnestr – Kiew[16].

2. Brandenburgische Handelsgüter: Die innerbrandenburgische Ökonomie

Die diesem Kapitel zugrunde liegende Frage lautet: Warum gilt die brandenburgische Ökonomie in der Forschung als so rückschrittlich, dass sie im europäischen Handel keine größere Rolle spielt?

Dies liegt, wie oben gezeigt, keineswegs an mangelnden Anschlussmöglichkeiten an den europäischen Handel. Auch liegt dies nicht am existierenden Rohstoffmangel, sondern vielmehr an der doppelt peripheren Lage des Landes. Doppelt peripher, weil es einerseits die westliche Grenze des slawischen Siedlungsgebietes bildet, andererseits der östliche Nachbar des deutschen Reiches ist. Dass die Ökonomie der Heveller aufgrund dieser Lage ihres Stammesgebietes von großem Interesse für die Deutschen war, gilt es in diesem Kapitel nachzuweisen.

Zunächst muss untersucht werden, worauf ein Land, das von Wasser und Wäldern geprägt ist, seine Ökonomie aufbauen und Handel treiben kann. Schon die Teilnahme am Handel[17] impliziert, dass die Heveller nicht subsistent lebten; sie verfügten über einen gewissen Reichtum. Worin jedoch bestand dieser? Die wichtigsten Ressourcen des Landes waren die Flüsse und Wälder. Dass, im Gegensatz zur Lebenswirklichkeit der Heveller, für die Deutschen der an Land befindliche Wald Priorität hat, zeigt die am 28. Juli 965 in Wallhausen von Otto I. ausgestellte Urkunde. In dieser schenkt der deutsche König den Brüdern der Moritzkirche zu Magdeburg sowohl den Honigzins als auch den Honigzehnten in mehreren ostelbischen Gauen[18]. Nach Lesart der christlichen Eroberer des 10. Jahrhunderts ist demnach ein Produkt des Waldes, respektive des Landes, wertvoller und daher eher einen Streit wert als die Produkte der Flüsse. Deren Wert ist laut Kahl für den Handel der Slawen mit den christlichen Nachbarn nur durch die Deckung des Nahrungsbedarfs derer bestimmbar, die aufgrund religiöser Bestimmungen fasten müssen und sich daher nur von Fischen ernähren dürfen[19]. Durch den Fischhandel erhalten die Heveller das wertvollere Gut Salz, welches der Haltbarmachung von Fisch und Fleisch dient.

[...]


[1] Vgl. mit dem Textabschnitt Günter Mangelsdorf: „Geschichte und Raumstruktur. Ur- und frühgeschichtliche Besiedlung.“ In: Sebastian Kinder/ Haik Thomas Porada (Hrsg.): Brandenburg an der Havel und Umgebung. Eine landeskundliche Bestandsaufnahme im Raum Brandenburg an der Havel, Pritzerbe, Reckahn und Wusterwitz. (= Landschaften in Deutschland. Werte der deutschen Heimat Bd. 69) Köln, Weimar, Wien 2006. S. 32-39.

[2] Laut Herrmann-Kollektiv zogen die Deutschen gen Osten, weil der Feudalisierungsprozess noch nicht abgeschlossen und die bäuerliche Produktion niedrig war. (Siehe: Joachim Herrmann: Die Slawen in Deutschland. Geschichte und Kultur der slawischen Stämme westlich von Oder und Neiße vom 6. bis 12. Jahrhundert. Berlin 1985.“ S. 333 – 334. (= Hermann 1985)

[3] Laut Fritz Curschmann: Die Diözese Brandenburg. Untersuchungen zur historischen Geographie und Verfassungsgeschichte eines ostdeutschen Kolonialbistums. Leipzig 1906. S. 65. (= Curschmann) sind die Slawen ein gefährlicher Störfaktor für das Reich und werden durch Christentum und deutsche Kultur befriedet.

[4] Siehe: Herbert Ludat: An Elbe und Oder um das Jahr 1000. Skizzen zur Politik des Ottonenreiches und der slavischen Mächte in Mitteleuropa. Köln, Wien 1971. (= Ludat 1971)

[5] Klaus Grebe: Archäologische Forschungen auf der Dominsel in Brandenburg (Havel). In: Das Altertum Bd. 25 (1979) S. 231 – 240. (= Grebe 1979)

[6] Laut Curschmann S. 136 „kann der Zusammenhang des Stammes […] nur durch einen regen persönlichen Verkehr […] gesichert werden.“

[7] Vgl. Klaus Grebe: Die Brandenburg vor 1000 Jahren. Potsdam 1991. S. 11. (= Grebe 1991)

[8] Vgl. Curschmann S. 153.

[9] Andererseits ist die Wichtigkeit der Flüsse als Handelswege gut dokumentiert. (siehe unten im Text.)

[10] Joachim Herrmann: Magdeburg-Lebus. Zur Geschichte einer Straße und ihrer Orte. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam Bd. 2 (1963). S. 89 – 106. (= Herrmann 1963)

[11] Hans Mundt: Die Heer- und Handelsstraßen der Mark Brandenburg vom Zeitalter der ostdeutschen Kolonisation bis zum Ende des 18. Jahrhundertes. Berlin 1932. S. 83 – 104. (= Mundt)

[12] Vgl. Hans-Dietrich Kahl: Slawen und Deutsche in der brandenburgischen Geschichte des zwölften Jahrhunderts. Die letzten Jahrzehnte des Landes Stodor. Erster Halbband: Darlegungen. Köln, Graz 1964. S. 14 und S. 243. (= Kahl)

[13] Kahl S. 13 und 338.

[14] Kahl S. 338. Weitere Historiker, die einen südlich-nördlichen Verlauf der Alten Heer- und Handelsstraße bevorzugen, sind: Otto Tschirch: Geschichte der Chur- und Hauptstadt Brandenburg an der Havel. Festschrift zur Tausendjahrfeier der Stadt 1928/29. Brandenburg/ Havel 1928. S. 22. (=Tschirch). Günter Ahrendts: Brandenburg vor eintausendzweihundert Jahren. Karl der Große vor der Brandenburg vor 1200 Jahren. Potsdam 1991. S. 84 und 87. (=Ahrendts). Sowie Grebe 1991. S. 36.

[15] Auf diese Weise äußern sich: Herrmann 1963, Kahl, Mundt.

[16] Kahl S. 243.

[17] Laut Klaus Grebe: Die Brandenburg (Havel) – Stammeszentrum und Fürstenburg der Heveller. In: Ausgrabungen und Funde 21 (1976). S. 156-159. (=Grebe 1976) existiert Fernhandel bis in die Kiewer Rus hinein. S. 157; außerdem ist mittels Münzfunden Handel mit arabischen, deutschen und skandinavischen Kaufleuten bezeugt (Grebe 1991, S. 36).

[18] MGH I DD. 303. (S. 418).

[19] Kahl S. 243.

Details

Seiten
11
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668044623
ISBN (Buch)
9783668044630
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306173
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Brandenburg Havel Heveller Albrecht der Bär Parduin Münzen Pribislaw-Heinrich Regal Königtum Ostelbien Marienberg Harlungerberg Kiewer Rus Heer- und Handelsstraße Handel Slawen Deutsche Heidentum Christentum Pribislaw Triglaw

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Attraktivität der Mark Brandenburg im 12. Jahrhundert