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Realität und Mythos der Zivilisation. Widerlegt Hans Peter Duerrs Darstellung der Geschichte der Intimität die Zivilisationstheorie von Norbert Elias?

Hausarbeit 2015 11 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die wissenschaftliche Fragestellung

2. Norbert Elias: Der Prozess der Zivilisation

3. Hans Peter Duerr: Der Mythos vom Zivilisationsprozess
3.1) Duerrs Kritik an Elias
3.2) Eine hitzige Debatte: Duerr und die Eliasianer
3.3) Die Geschichte der Intimität

4. Resümee

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Die wissenschaftliche Fragestellung

Im Jahre 2002 erschien der letzte Band des Ethnologen Hans Peter Duerr aus seinem monumentalen Werk „Der Mythos vom Zivilisationsprozess“. Die seit 1988 erschienenen fünf Bände stammten aus der Feder eines Mannes, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, den großen Norbert Elias mit seiner Theorie vom Prozess der Zivilisation zu widerlegen und diese öffentlichkeitswirksam als Mythos zu entlarven. Ein Lebenswerk stand gegen das andere und entfachte auch nach Elias´ Tod 1990 unter Gelehrten eine Diskussion, die bis in die Mitte des letzten Jahrzehnts andauerte. Mittlerweile ist in beiden Lagern weitgehend Ruhe eingekehrt und nur noch wenige Arbeiten werden zu der Thematik veröffentlicht.

Ziel dieser Arbeit ist es zu erörtern, ob Duerrs Darstellung der Geschichte der Intimität die Zivilisationstheorie Elias` widerlegt. Da Duerr keine eigene Theorie vorstellt, sondern sein ganzes Anliegen darin besteht, die des Norbert Elias zu entkräften, widmet sich der erste große Teil dieser Arbeit der ausführlichen Erläuterung der Zivilisationstheorie. Im nächsten Kapitel wird neben den Zielen Duerrs auch die Kontroverse beleuchtet, um einen Einblick in die Art der Diskussion zu bekommen. Die zum Abschluss skizzierte Darstellung ist ein Auszug aus seinem zweiten Band „Intimität“, der der ganzen Arbeit zugrunde liegt.

2. Norbert Elias: Der Prozess der Zivilisation

Bereits im Jahr 1939 erschien Norbert Elias´ Werk „Über den Prozess der Zivilisation“. Eher zufällig war der junge Akademiker im Exil im Lesesaal des Britischen Museums auf Benimmbücher verschiedener Epochen gestoßen, wobei ihm die unterschiedlichen Regeln für sittliches Benehmen auffielen, die sich im Laufe der Zeit stark verändert hatten. Durch die Benimmbücher öffneten sich für ihn neue Erklärungen für die - in der Soziologie - klassische Frage, ob die Veränderung innerhalb der europäischen Gesellschaft etwas rein Zufälliges war, oder ob dahinter ein fortlaufendes Prinzip zu erkennen sei. Ergebnis dieser Studie war die Zivilisationstheorie, die er in den beiden Bänden darlegte. Trotz anfänglicher Kenntnisname durch bekannte Kollegen und Autoren1 blieb das Werk weitgehend unbeachtet und war höchstens unter Fachleuten ein Geheimtipp. Erst als 1976 der Suhrkamp-Verlag eine günstige Taschenbuchausgabe herausgab, wurden innerhalb kürzester Zeit 20 000 Exemplare verkauft und es entstand eine rege Diskussion um die darin vertretene Theorie zur Entwicklung der abendländischen Zivilisation. Von diesem Zeitpunkt an erlangte Elias außerordentliche Berühmtheit und Anerkennung, die bis zu seinem Tod 1990 in Amsterdam anhielt.2

In seiner Theorie vom Prozess der Zivilisation zeigt Elias ausgehend vom späten Mittelalter bis hin zum 20. Jahrhundert, wie sich in Europa die Art des menschlichen Zusammenlebens, die Affekthaushaltung und die Herrschaftsstrukturen fortlaufend verändert haben. Unter Zivilisation ist dabei die „langfristige Umwandlung der Außenzwänge in Innenzwänge“3 zu verstehen - ein Prozess der nicht zielgerichtet ist, dessen bisherige Struktur aber erforscht und erklärt werden kann. Die unterschiedlichen Entwicklungen innerhalb dieses Prozesses bezeichnet er als Psychogenese und Soziogenese, die nur verschränkt und aufeinander aufbauend zu verstehen sind. Besonders den Begriff der Psychogenese hat Elias besonders geprägt. Er versteht darunter die sozialen, psychischen und körperlichen Entwicklungen, die ein Individuum im Laufe des Lebens durchläuft, also den gesamten Habitus eines Menschen. Die Soziogenese hingegen beschreibt den gesellschaftlichen Wandel, die Hierarchien und Machtverhältnisse, die im Laufe der Zeit neu entstehen und sich verändern.4

Das Europa des späten Mittelalters war in viele kleine, isolierte Herrschaftsgebiete geteilt, zwischen denen ein relatives Machtgleichgewicht herrschte. Im Verlauf des Zivilisationsprozesses veränderte sich diese Ordnung, sodass koexistierende Herrschaftsgebiete in größere Territorialstaaten aufgeteilt wurden. Zeitgleich gewannen die Städte an Bedeutung und durch die Ablösung der Naturalwirtschaft von der Geldwirtschaft entstanden allmählich neue Gruppen städtischer Bürger und Akteure, die in zunehmender Abhängigkeit zueinander standen. Diese gestiegenen Interdependenzen zwischen den Gruppen forderten eine höhere Affekt- und Triebkontrolle des Einzelnen und waren zudem Grundlage einer stabilen territorialen Herrschaft.5 Ständiger Konflikt und Konkurrenz der Staaten ließen immer größere Herrschaftsgebiete entstehen, bis schließlich im absolutistischen Staat Steuer- und Gewaltmonopol vereint wurden. Die Herrscher brauchten ein Heer und Polizei, diese wiederum Verpflegung, Ausrüstung und Wohnung, was die Interdependenzketten immer weiter wachsen ließ. Um aber in einem solchen System unter Wohlwollen des Herrschers zu leben zu arbeiten, mussten Regeln und Sitten eingehalten werden. Dieser äußere Zwang entwickelt sich im Laufe des Prozesses zu einem Selbstzwang, da die neuen Lebensumstände eine Selbstkontrolle über Triebe und Affekte forderten.6 Die Umgangsform der Personen innerhalb der Gruppen veränderte und entwickelte sich zu höflichen und peinlichen: „Verhaltensweisen, die im Mittelalter nicht im mindesten als peinlich empfunden wurden, werden mehr und mehr mit Unlustempfinden belegt. […] Diese Tabus sind, soweit sich sehen läßt, nichts anderes als Ritual oder Institution gewordenes Unlust-, Peinlichkeits-, Ekel-, Angst- oder Schamgefühl, das gesellschaftlich unter ganz bestimmten Umständen herangezüchtet worden ist, und das sich dann immer wieder reproduziert […].“7

Dieser Prozess verstärkte sich laut Elias in der Renaissance und Neuzeit erheblich, sodass sich immer mehr Verhaltensweisen vom öffentlichen in den privaten Raum verschoben. Er erklärt diesen Prozess, indem er die Entwicklung der Verrichtung der Notdurft aufzeigt. So soll sich erst im Laufe der Jahrhunderte ein privater Raum, die Toilette, herausgebildet haben, in den sich Menschen zurückzogen, um beim Geschäft den peinlichen Blicken der Anderen zu entfliehen.8

Da Elias das Schamgefühl nun nicht als eine für den Menschen angeborene Verhaltensweise betrachtet, sondern als eine gesellschaftliche Heranzüchtung, ist es nicht verwunderlich, dass in der Zivilisationstheorie auch das menschliche Sexualverhalten einem langfristigen Prozess unterlag. Sexualität wurde von den Eltern bis ins 16. Jahrhundert offen vor den Kindern gelebt und nicht unbedingt geheim gehalten. Die Kinder sahen alles, nichts wurde hinter die Kulissen geschoben, sodass sich erst später eine Mauer um die Sexualität bildete, die dann von den Kindern reproduziert wurde und für nachfolgende Generationen feste Norm zivilisierten Verhaltens war.9

Elias´ Theorie vom Prozess der Zivilisation ist seit der Beachtung seiner Werke Ende der siebziger Jahre zu einer festen Größe in der Soziologie geworden. Über Nacht wurde aus dem unbekannten Soziologieprofessor einer der einflussreichsten Soziologen seiner Zeit. Die Zivilisationstheorie ist seither eine feste die Grundlage, mit der soziologische Forschungsfragen zu jedem Bereich der Gesellschaft bearbeitet und beantwortet werden.10

Der Versuch einer Widerlegung der Zivilisationstheorie ist folglich kein leichtes Unterfangen, da ganze wissenschaftliche Arbeiten und Theorien darauf aufbauen. Die Kontroverse um die Prozesstheorie, die 1988 durch Hans Peter Duerr ausgelöst wurde, ist daher eine sehr emotionale und spannungsgeladene, die im folgenden Kapitel erläutert wird.

3. Hans Peter Duerr: Der Mythos vom Prozess der Zivilisation

3.1) Duerrs Kritik an Elias

Duerrs Kritik an Elias ist scharf und unmissverständlich: Der Prozess der Zivilisation ist ein Mythos, der entlarvt werden muss. Ziel seiner Bände ist deshalb nicht die Formulierung einer eigenen, sondern die Destruktion der eliasianischen Zivilisationstheorie. Duerr will zeigen, dass „von einer allgemeinen Evolution der Gesittung hin zu stärkerer Triebkontrolle und Affektmodellierung innerhalb der letzten Jahrtausende nicht die Rede sein kann.“11 Diese Aussage bildet das Kernstück seines Angriffs. Die zentrale These der Zivilisationstheorie, es sei in den letzten Jahrhunderten eine zunehmende Fähigkeit zur Selbststeuerung der Affekte zu erkennen, entspricht nicht den historischen Fakten. Stattdessen ist Duerr überzeugt, dass „weder die vorneuzeitliche Gesellschaften noch die der sogenannten Naturvölker die Affektstrukturen ihrer Mitglieder in geringerem Maß modelliert haben, als die Gesellschaft es tut, in der wir heute leben.“12

Duerr leugnet bei aller Polemik nicht, dass es eine Entwicklung in der Geschichte der Zivilisation gegeben hat. Ihm wurde häufig von Kritikern und auch Elias selbst vorgeworfen, dass er der Meinung sei, im Verlauf der letzten Jahrhunderte habe sich im Wesentlichen nichts bezüglich der Höhe der Schamschranken verändert. Dem tritt Duerr vehement entgegen. Seiner Ansicht nach gab es eine Entwicklung, nur kann man diese nicht in „Form einer Evolutionskurve darstellen.“13 Viele Verhaltensmuster, die Elias den unzivilisierten Gesellschaften des Mittelalters oder Naturvölkern zuschreibt, sind in unserer heutigen Gesellschaft zu beobachten. „Die Wilden“ sind eher an unseren „Stränden oder in der Sauna“ zu finden „als am Kongo oder in Grönland.“14

3.2) Eine hitzige Debatte: Duerr und die Eliasianer

Der Ton, mit dem die Kontroverse geführt wird lässt klar die mit der Thematik verbundenen Emotionen der Akteure erkennen. In der Einleitung des zweiten Bandes schreibt Duerr über die Reaktion seiner Kritiker auf sein Werk:

[...]


1 So schrieb unter anderem Thomas Mann im Sommer 1939 in sein Tagebuch: „Das Buch von Elias ist wertvoller als ich dachte. Namentlich die Bilder aus dem späten Mittelalter und der ausgehenden Ritterzeit“ (Korte 2003, S. 323.)

2 Vgl. ebd., S. 322ff.

3 Ebd., S. 325.

4 Vgl. Bartels 1995, S. 51 / Deger 2008, S. 116 / Treibel 2008, S. 19.

5 Vgl. Hinz 2002, S. 39.

6 Vgl. Deger 2008, S. 166ff.

7 Elias 1976, Bd. 1, S. 171.

8 Vgl. ebd., S.174ff.

9 Vgl. Treibel 2008, S. 59.

10 Vgl. Korte 2003, S. 329f.

11 Duerr 1994, S. 7.

12 Ebd., S.7f.

13 Ebd., S. 20.

14 Ebd., S. 19f.

Details

Seiten
11
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668039698
ISBN (Buch)
9783668039704
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306158
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd
Note
1,0
Schlagworte
realität mythos zivilisation widerlegt hans peter duerrs darstellung geschichte intimität zivilisationstheorie norbert elias

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Titel: Realität und Mythos der Zivilisation. Widerlegt Hans Peter Duerrs Darstellung der Geschichte der Intimität die Zivilisationstheorie von Norbert Elias?