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Bildformung durch die Medien-Berichterstattung des Nieuwsblad van het Noorden um die Tage des 4. und 5. Mai in Bezug auf den deutschen Nachbarn

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 36 Seiten

Niederlandistik (Literatur, Sprache, Kultur)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Niederländisch-deutsche Beziehungen
2.1. Die politisch-wirtschaftlichen Beziehungen
2.2. Die politisch-psychologischen Beziehungen
2.3. Normalisierung

3. Deutsche Vergangenheit im niederländischen Alltag
3.1. Dodenherdenking
3.2. Bevrijdingsdag

4. Die Rolle der Medien bei der Bildformung

5. Deutschlandbildformung durch die Berichterstattung niederländischer Medien
5.1. Das Nieuwsblad van het Noorden
5.2. Dodenherdenking und Bevrijdingsdag im Fokus der Untersuchung
5.3. Analyse des Nieuwsblad van het Noorden
5.3.1. Kategorie 1: Allgemeine Artikel über Deutschland
5.3.2. Kategorie 2: Deutschland und der 4. und 5. Mai
5.3.3. Kategorie 3: Deutschland und der Zweite Weltkrieg
5.3.4. Kategorie 4: Deutschland, 4./5. Mai und Zweiter Weltkrieg
5.4. Fazit der Zeitungsanalyse

6. Schluss

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das deutsch-niederländische Verhältnis ist trotz der Annäherung in den vergangenen Jahrzehnten bis zum heutigen Tage in politisch-psychologischer Hinsicht kein leichtes und unproblematisches. Erste Anzeichen für die schwierige Beziehung zwischen der Bundesrepublik und dem Königreich sind bereits in den vergangenen Jahrhunderten zu finden und drücken sich in einem negativen Bild über den jeweiligen Nachbarn aus. Nicht zuletzt die Erfahrungen der Niederländer mit Deutschland als Besatzungsmacht in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts haben das Verhältnis insoweit negativ geprägt, dass sie bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt Einfluss auf die bilateralen Beziehungen dieser Länder nehmen. Die Schatten der Nazivergangenheit wirken im Gedächtnis der Niederländer teilweise nachhaltiger als die Annäherungsversuche zwischen den Staaten und die Bemühungen, Vorurteile abzubauen.

Darauf könnte man zumindest schließen, wenn man die Darstellung der Medien hinsichtlich des deutsch-niederländischen Verhältnisses betrachtet. Medien spielen in der heutigen Gesellschaft bei der Bildformung eine wichtige Rolle. Sie bestimmen, welche Informationen der Empfänger zu einem Thema erhält, und auch wenn sie sie auch nicht vorgeben, nehmen sie auf diese Weise zumindest Einfluss auf das (Meinungs-)Bild desjenigen.

Ich möchte in dieser Arbeit der Frage nachgehen, inwieweit das Deutschlandbild der Niederlande durch niederländische Medien in den Tagen des 4. und 5. Mai negativ beeinflusst wird, wenn man Deutschland vor dem Hintergrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit betrachtet. Hierfür werde ich zunächst auf das deutsch-niederländische Verhältnis eingehen, das ich aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten möchte. Im Anschluss daran möchte ich die Rolle der deutschen Vergangenheit im niederländischen Alltag näher beleuchten. In diesem Zusammenhang möchte ich die niederländische Gedenkkultur im Allgemeinen und den 4. und 5. Mai im Speziellen näher betrachten. Im weiteren Verlauf werde ich kurz auf die Rolle der Medien bei der Bildformung eingehen, bevor ich mich schließlich der Bildformung Deutschlands durch die Berichterstattung niederländischer Medien und der zentralen Frage dieser Arbeit widme. Diese möchte ich gerne anhand des Nieuwsblad van het Noorden als ein Beispiel für ein niederländisches Medium beantworten.

Den Fokus meiner Untersuchung richte ich aufgrund der Bedeutung, welche die Niederländer dem 4. und 5. Mai im Zusammenhang mit ihren östlichen Nachbarn beimessen, auf diese beiden Tage. Die Medienanalyse soll eine Periode von zehn Jahren umfassen, die sich auf die letzten erschienenen Jahrgänge des Nieuwsblad van het Noorden stützt. Bei der Beantwortung meiner Fragestellung werde ich mich auf einige Tabellen und Grafiken beziehen, die ich aus meiner Zeitungsrecherche hervorgehend angefertigt habe. Mit Hilfe einiger exemplarischer Artikel werde ich schließlich das durch das Nachrichtenblatt geschaffene Deutschlandbild herausarbeiten.

2. Niederländisch-deutsche Beziehungen

In der Beziehung zweier Länder zueinander spielt sowohl das Fremdbild (die Vorstellung, wie das jeweils andere Land vermeintlich über das eigene denkt), als auch das Selbstbild (die Vorstellung davon, wie man selbst glaubt, von der Umwelt wahrgenommen zu werden) eine wesentliche Rolle. Das Fremdbild begründet sich auf den historischen Traditionen, den sozialen Erfahrungen der Menschen und der Wahrnehmung der Vergangenheit. Nicht selten entwickeln sich diese Vorstellungen vom Fremdbild zu Stereotypen, auf die wir unser Urteil über das andere Land und deren Menschen aufbauen. Menschen begegnen einander dann nicht mehr als Individuen, sondern als Stellvertreter ihres Volkes, die alle Eigenschaften tragen, welche diesem Volk dem Fremdbild nach zugeschrieben werden.[1]

Richten wir unser Augenmerk aber auf die spezifische Beziehung zwischen den Niederlanden und seinem Nachbarn im Osten, also Deutschland. Hinsichtlich der Deutschlandbilder aus den Niederlanden und die Entwicklung der Beziehung zueinander sagen Bernd Müller und Friso Wielenga zunächst:

„Die Diskussion über Deutschland und die Niederlande bewegt sich auf zwei Ebenen. Es gibt die Ebene der wirtschaftlichen und politischen Bedingungen, die sich seit 1945 kontinuierlich verbessert haben. Die Ebene der politisch-psychologischen Beziehungen ist schon schwieriger zu ergründen und darzustellen. Hier verzögert sich eine Normalisierung.“[2]

Wie sehen nun die Beziehungen zwischen diesen beiden Nachbarländern auf den verschiedenen Ebenen aus, die das Bild über den jeweilig anderen ausmachen? Gehen wir der Frage anhand der von Müller und Wielenga definierten Beziehungsebenen nach.

2.1. Die politisch-wirtschaftlichen Beziehungen

Auf nationaler-, aber auch auf regional-wirtschaftlicher Ebene sind die Niederlande und Deutschland in vieler Hinsicht eng miteinander verstrickt. Bereits Anfang der fünfziger Jahre waren die Deutschen (wieder) wichtigster Handelspartner der Niederländer. Sie belieferten ihren Nachbarn im Nordwesten mit Gütern, die benötigt wurden, um die Wirtschaft im Königreich wiederaufbauen zu können. Ebenso standen die Niederlande auf der Liste der deutschen Handelspartner schnell wieder ganz oben. Man denke nur an Philips, Shell oder die Käseherstellung. Die 1976 gegründete Euregio, die 3,7 Millionen Menschen in der Region zwischen Maas und Rhein einen bedeutenden Lebens- und Wirtschaftsraum bietet und die Ems-Dollart-Region, die sich bemüht, Kontakte zwischen den Menschen, Unternehmen und Organisationen innerhalb der Grenzregion zu knüpfen oder zu vertiefen, sind nicht allein Beispiele für grenzüberschreitende Zusammenarbeit, sondern auch für die engen regional-wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern.[3]

Über die wirtschaftliche Ebene hinaus arbeiten die beiden Nachbarländer auch im politischen, genauer gesagt im sicherheits- und europapolitischen Bereich seit langem eng zusammen. So sind beide Länder beispielsweise seit Jahrzehnten enge Partner im 1949 gegründeten NATO-Bündnis, ebenso wie sie beide Mitglieder der Europäischen Gemeinschaften waren beziehungsweise heute Mitglieder der Europäischen Union sind und aufgrund dessen in enger Kooperation miteinander agieren.[4]

In Hinblick auf die politisch-wirtschaftlichen Beziehungen kann somit allgemein von einer seit langem bestehenden, engen Zusammenarbeit zwischen den beiden europäischen Nachbarländern gesprochen werden, die nicht allein auf einer gegenseitigen Abhängigkeit beruht, sondern durchaus auf einer freiwilligen Ebene.

2.2. Die politisch-psychologischen Beziehungen

Die politisch-psychologische Beziehung zwischen dem Königreich und der Bundesrepublik wird laut Wielenga, Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, als „mühsam“, „problematisch“ und „schwierig“ bezeichnet.[5] Auf dieser Ebene müssen die Entwicklungen in erster Hinsicht vor dem Hintergrund des Traumas der Besatzungszeit gesehen werden. Zu stark wirken die Schatten der nationalsozialistischen Vergangenheit der Deutschen aus der Zeit der Besatzung der Niederlande, die seit Ende des 19. Jahrhunderts eine strikte Neutralitätspolitik verfolgten. Die Erinnerung an fünf Jahre Gestapoherrschaft, Deportation und Zwangsarbeit wirken in der Erinnerung vieler Niederländer nachhaltig. Sie beeinflussen damit die psychologischen Beziehungen zwischen Niederländern und Deutschen und formen Bilder, die das kollektive Gedächtnis der Niederländer und somit auch das Deutschlandbild in negativer Hinsicht prägen. Erich Wiedemann schrieb hierzu 1994 in seinem Spiegel-Artikel „Frau Antje in den Wechseljahren“: „Die Wunden der Vergangenheit wollen nicht vernarben. Im Gegenteil: Der Moffenhaat, der Hass auf die Deutschen, gewinnt an Boden.“[6]

Antideutsche Gefühle können auf niederländischer Seite vor allem in den Jahren kurz nach dem Krieg wahrgenommen werden. Jedoch können diesbezüglich regionale Unterschiede festgestellt werden. In Amsterdam gehörte es in den Nachkriegsjahren zum guten Ton, antideutsch eingestellt zu sein. Dies begründete sich auf die hohen Zahlen von aus der Hauptstadt deportierten Juden. Hingegen suchte man in den Handelsstädten wie Rotterdam ebenso wie in der Grenzregion, in der die sprachlichen und kulturellen Unterschiede geringer waren, schnell wieder Kontakt zum Nachbarn. Animositäten gegen Deutsche kamen hier weniger häufig vor.[7]

2.3. Normalisierung

Die Beziehungen zwischen beiden Ländern können heute als weitgehend normal bezeichnet werden. Doch war der Weg bis dahin ein langer und mühsamer, der teilweise auf der psychologischen Ebene heftige Proteste innerhalb der niederländischen Bevölkerung hervorrief. Man denke beispielsweise an die Hasstiraden der Bevölkerung gegen den Diplomaten Claus von Amsberg, als im Jahre 1965 die Verlobung mit der Kronprinzessin Beatrix bekannt wurde. Einen Deutschen wollten die Niederländer nicht an der Seite ihrer künftigen Königin akzeptieren. Da die eigens hierfür eingesetzte Untersuchungskommission keine Belege für eine Sympathie des jungen Claus zum Naziregime fand und ihm auch keinerlei Beteiligung am Kriegsgeschehen nachgewiesen werden konnte, entspannte sich die Situation unter der niederländischen Bevölkerung schließlich wieder.[8]

Es kommt immer wieder zu derartigen Situationen, die negativen Einfluss auf das niederländisch-deutsche Verhältnis ausüben. So zum Beispiel das Fußballspiel der holländischen gegen die deutsche Nationalmannschaft im Jahre 1974 in München, bei dem Deutschland mit einem 2:1 gegen die Niederländer als (erneuter) Sieger hervorging. Dass die Holländer ausgerechnet gegen Deutschland verloren hatten, machte die Niederlage für sie umso schmerzhafter. Ein Sieg gegen die frühere Besatzungsmacht hätte die Niederlage des Krieges in gewisser Weise kompensieren können. Ein tiefer Schlag für die Deutschen bedeutete ebenfalls die viel kritisierte Studie des Haager Clingendael-Instituts in den Jahren 1992/1993, dessen Ergebnisse aufzeigten, dass niederländische Jugendliche zum damaligen Zeitpunkt ein mehrheitlich negatives Bild von den Deutschen haben. Die niederländische Protestkartenaktion „Ik ben woedend“ als Reaktion auf den Brandanschlag von Solingen, bei dem am 29. Mai 1993 fünf türkische Mädchen und Frauen getötet wurden, ist ein ebensolches Beispiel.

Parallel trug eine Reihe von Ereignissen jedoch dazu bei, dass sich die bilaterale Beziehung auf politischer Ebene langsam verbesserte. Formell wurde die politische Normalisierung im Jahre 1963 mit der Ratifizierung des so genannten Ausgleichsvertrages vollzogen, durch den sich die Bundesrepublik verpflichtete, 280 Millionen DM Schadensersatz an die Niederlande zu zahlen, während die Niederlande gleichzeitig fast alle deutschen Gebiete zurückgaben, die seit 1949 als Kompensation für Kriegsschäden besetzt hatten. Ebenso wirkten sich Staatsbesuche wie der Ludwig Erhards, der 1964 als erster Bundeskanzler die Niederlande besuchte, oder der erste offizielle Besuch eines deutschen Staatsoberhauptes im Jahre 1969, nämlich der des Bundespräsidenten Gustav Heinemannns, positiv auf das politisch-psychologische Verhältnis der beiden Länder aus. Der Besuch des vorletzten Staatsratsvorsitzenden der DDR Erich Honeckers trug im Jahre 1987 zur Verbesserung der Beziehung zwischen den Niederlanden und der Deutschen Demokratischen Republik bei. Mit den Wahlen des Jahres 1969 stärkte sich schließlich wieder das Vertrauen der Niederländer in die Bundesrepublik als demokratischer Staat. Damals führte der Wahlsieg Willy Brandts zur Bildung einer sozialliberalen Koalition. Gleichzeitig scheiterte die rechtsextremistische NPD an der 5%-Hürde, was die Veränderungen in Deutschland noch unterstrich.

Gegenüber der ausgeprägten Ablehnung hinsichtlich der Deutschen stehen die Entwicklungen auf der persönlichen, zwischenmenschlichen Ebene. Dik Linthout, Wissenschaftler der Universität Amsterdam und Autor des Buches „Frau Antje und Herr Mustermann“, sagt, dass im Vergleich zu den acht anderen Nachbarländern Deutschlands zwischen Deutschen und Niederländern mit Abstand die meisten Ehen geschlossen werden.[9] Berühmte Beispiele sind die verstorbene Prinzessin Juliana und ihr deutscher Ehemann Prinz Bernhard sowie bereits erwähnt, Königin Beatrix und ihr verstorbener deutscher Gatte Prinz Claus.

[...]


[1] Moldenhauer, Gebhard/Vis, Jan: „ Die Niederlande und Deutschland. Einander kennen und verstehen“. Waxmann, Münster/New York/München/Berlin (2001). S. 13f.

[2] Müller, Bernd/Wielenga, Friso (Hrsg.): „ Kannitverstan? Deutschlandbilder aus den Niederlanden“. Agenda Verlag, Münster (1995). S. 147.

[3] Wendelmann, Ulli: „Erzrivalen auf dem Rasen. Rache, Tore, Meisterschaften: Der Fußballkrieg zwischen Deutschland und den Niederlanden“. Das Erste online. Kultur- Welt- Spiegel (2004): 6 Absätze. Online. Internet. 20. Juli 2004. Verfügbar http://www.wdr.de/tv/kulturweltspiegel/20040523/3.html. Stichting Euregio Maas-Rhein (EMR): „Die Euregio Maas Rhein“. Euregioweb. (2003): 4 Absätze. Online. Internet. 20. Juli 2004. Verfügbar http://www.euregioweb.de/03euregioweb_euregio/euregio.shtml. Ems Dollart Region (EDR). „Wir über uns“. Ems Dollart Region. (2004): 1 Absatz. Online. Internet. 20. Juli 2004. Verfügbar http://www.edr-org.de/index.php?pageId=37.

[4] Wendelmann: „Erzrivalen auf dem Rasen...“ Absatz ???.

[5] Wielenga, Friso: „Niederlande. Die Mythen der Besatzungszeit“. Institut für Auslandsbeziehungen. Zeitschrift für KulturAustausch, Ausgabe 4/1999 (1999): 8 Absätze. Online. Internet. 20. Juli 2004. Verfügbar http://www.ifa.de/zfk/themen/99_4_erinnerung/dwielenga.htm. Absatz 1.

[6] Erich Wiedemann: „Frau Antje in den Wechseljahren“. In: Der Spiegel 9/1994. Ausgabe vom 28.02.1994. S. 181.

[7] Wielenga: „Niederlande. Die Mythen der Besatzungszeit“.

[8] Deutsche Presseagentur: „Deutschstämmiger Ex-Diplomat wird Liebling der Niederländer“. ZDF. Politik & Zeitgeschehen (2004): 10 Kapitel. Online. Internet. 20. Juli 2004. Verfügbar http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/18/0,1872,2017778,00.html

[9] Deutsche Presseagentur: „Niederländer heiraten am liebsten deutsche Frauen“. Berliner Morgenpost. (2004): 6 Absätze. Online. Internet. 20. Juli 2004. Verfügbar http://morgenpost.berlin1.de/archiv2003/030104/ttt/story574092.html.

Details

Seiten
36
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638318266
ISBN (Buch)
9783656562115
Dateigröße
962 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30607
Institution / Hochschule
Rijksuniversiteit Groningen
Note
1,3
Schlagworte
Bildformung Medien-Berichterstattung Nieuwsblad Noorden Tage Bezug Nachbarn Deutschland Problem

Autor

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Titel: Bildformung durch die Medien-Berichterstattung des Nieuwsblad van het Noorden um die Tage des   4. und 5. Mai in Bezug auf den deutschen Nachbarn