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Familienleben in der DDR. Das propagierte, sozialistische Familienideal als Leitbild einer Nation

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 3

2. Die sozialistische Familienideologie der DDR ... 5

2.1 Die Ehe als Grundlage der Familie ... 6

2.2 Familie und Gesellschaft ... 7

2.3 Funktionen der Familie und Forderungen an die Familie der DDR ... 7

3. Familien- und Frauenpolitik der DDR ... 8

3.1 Maßnahmen zur Unterstützung der Familie ... 8

3.2 Staatliche und betriebliche Einrichtungen ... 10

3.1.1 Aufgaben und Formen der Erziehung in staatlichen und betrieblichen Einrichtungen ... 10

3.1.2 Das Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit ... 11

4. Familienleben in der DDR ... 13

5. Angekommen im Hier und Jetzt ... 14

6. Fazit ... 16

7. Literaturverzeichnis ... 18

1. Einleitung

"Das süßeste Glück, das es gibt, ist das des häuslichen Lebens, das uns enger zusammenhält als kein andres. Nichts identifiziert sich stärker, beständiger mit uns, als unsere Familie, unsere Kinder. Die Gefühle, die wir erwerben oder die wir in jenem intimen Verkehr verstärken, sind die echtesten, die festesten, die uns an sterbliche Wesen knüpfen können, weil nur der Tod allein sie auslöschen kann. Sie sind auch die reinsten, weil sie der Natur, der Ordnung der Dinge entspringen und uns aus eigener Kraft vom Laster und von verderblichen Neigungen fernhalten." (Jean- Jacques Rousseau, 1770)

Dieses Zitat macht deutlich, dass die Familie schon seit Jahrhunderten als die wichtigste Gemeinschaft angesehen wird. Vertrauen, gegenseitige Rücksichtsnahme und bedingungslose Liebe sind das Fundament dieser. In allen Gesellschaften ist die Familie die bedeutsamste aller sozialen Lebensformen.

In der folgenden Arbeit geht es speziell um das Leben von Familien in der Deutschen Demokratischen Republik (im weiteren Verlauf abgekürzt DDR) ab Mitte der 60er Jahre, als sich die Frauen- und Familienpolitik modifizierte. Durch das vom 20. Dezember 1965 von der Volkskammer verabschiedete Familiengesetz gewann die Familie als "kleinste Zelle der Gesellschaft", wie es in der Präambel des Familiengesetzbuches (FGB) heißt, an Bedeutung im Sozialismus. Das Hauptziel der Familienideologie der DDR war es, die Frau, beziehungsweise die Mutter, vollständig in den industriellen Produktionsprozess einzugliedern und somit eine Gleichstellung beider Geschlechter zu erreichen, um die individuelle "Entfaltung" von Männern und Frauen zu garantieren.

Ziel dieser Ausarbeitung ist es, einen Einblick in das Familienleben zu gewinnen, das Familienideal der DDR kennen zu lernen und die sozial- politischen Maßnahmen zur Unterstützung dieser nachvollziehen zu können. Im Verlauf wird versucht, Antworten auf zahlreiche Fragen zu finden. Wie kamen die Ehepartner mit dem beruflichen Eingebundensein und der Unterbringung und Betreuung der Kinder in staatlichen und betrieblichen Einrichtungen zurecht? Wie gestaltete sich das Familienleben, wenn man relativ wenig Zeit füreinander hatte? Wirkte sich die Erziehung und Versorgung der Kinder durch staatliche und betriebliche Organisationen auf die Eltern-Kind-Beziehung aus und war die Vereinbarung von Beruf, Haushalt und Kindererziehung ein Konzept, dass allen Familienmitgliedern gerecht werden konnte? All diese Fragen kommen auf, wenn man sich mit dem sozialistischen Familienideal beschäftigt. Viele Probleme tauchen auf, wie zum Beispiel die Doppelbelastung der Frau, die "Vernachlässigung" elterlicher Pflichten und der Mangel an Zeit für die Kinder sind nur wenige davon. Um diesen Problemen auf die Spur zu gehen, habe ich diese Arbeit verfasst.

Das erste Kapitel soll inhaltlich zum Thema hinführen und dem Leser erst einmal einen Überblick darüber verschaffen, welche Rolle die Familie in der Gesellschaft der DDR hatte. Dazu dient hier das Familiengesetzbuch, dessen Bestimmungen näher untersucht werden. Auch die Funktionen und Aufgaben, welche eine Familie im Sozialismus zu erfüllen hat, werden erläutert.

Anschließend sollen die Familien- und Frauenpolitik, welche eine große Rolle spielten, einen Überblick verschaffen, welche Maßnahmen erfolgten, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich zu machen. Welche Maßnahmen zur Unterstützung der Familie wurden getroffen? Ein Blick in den Bildungs- und Erziehungsplan verrät im Anschluss daran, wie die Kinder zu sozialistischen Persönlichkeiten erzogen werden sollten.

Im Anschluss daran wird das Familienleben in der DDR beschrieben, um Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wie sah ein ganz normaler Tag aus? Hatte man wirklich so wenig Zeit für die Kinder? Wenn ja, litt wohl möglich die Eltern- Kind- Beziehung darunter? Anhand eines Interviews aus einer Studie des Ministeriums für Familie und Senioren aus dem Jahr 1992 wird deutlich, wie schwierig die Koordination für die Frauen war.

Ein letztes Kapitel versetzt uns zurück in die Gegenwart und beschreibt, was die Familie in der heutigen Zeit für eine Rolle spielt. Was hat sich verändert? Spielt die Familie auch heute noch eine so große Rolle?

Abschließend werden die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst. Der Versuch dieser Arbeit ist es, die Lebenswirklichkeit und die Lebensumstände von Familien in der DDR zusammenfassend darzustellen und eventuell einige Unklarheiten und Vorurteile aus der Welt zu schaffen.

2. Die sozialistische Familienideologie der DDR

Das erste Kapitel soll inhaltlich erst einmal zum Thema hinführen, indem ein Blick in das Familiengesetzbuch der DDR geworfen wird und die Hauptbestandteile unter die Lupe genommen werden. Welche Rolle spielte die Ehe? Wie standen Familie und Gesellschaft in Zusammenhang? Und wie sah das sozialistische Familienleitbild überhaupt aus?

Mit dem Inkrafttreten des Familiengesetzes am 01.04.1966 wurde die Familie Ziel der Politik. Obertreis nennt es den Anfang für eine "selbstständige sozialistische Familienpolitik" (Obertreis, 1986, S. 245). Partei und Staat entwickelten also eine Familienideologie. Nach Busch (1980) wird Ideologie hier als ein "gesellschaftliches Leitsystem von Vorstellungen, Normen und Werten" verstanden, welches politisch durchgesetzt werden kann. In der DDR beruhte diese Ideologie auf marxistisch- leninistischen Gedankengut

Der Kerngedanke dieser Familienideologie besagt, dass "mit dem Aufbau des Sozialismus auf der Grundlage der Beseitigung des Privateigentums an Produktionsmitteln und der Beseitigung der ungleichen Stellung der Frau in der Gesellschaft und in der Familie alle objektiven Bedingungen für die Schaffung und Sicherung glücklicher Familienbeziehungen gegeben sind" (Busch, 1980, S. 73).

Das Familiengesetzbuch der DDR sollte als "Orientierungsmaßstab für ein richtiges sozialistisches Verhalten, das durch die Familienmitglieder selbst realisiert werden soll[te], dienen" (Obertreis, 1986, S. 259). Es bestand aus sechs Teilen:

I. Grundsätze

II. Die Ehe

III. Eltern und Kinder

IV. Verwandtschaftliche Beziehungen

V. Vormundschaft und Pflegschaft

VI. Verjährungsbestimmungen (vgl. Familiengesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik, 1965)

Schauen wir uns im folgenden einige Bestimmungen des Familiengesetzes genauer an.

2.1 Die Ehe als Grundlage der Familie

Die Ehe gilt als das Kernstück des Familienrechts und wird dort als "eine für das Leben geschlossene Gemeinschaft" bezeichnet (Par. 5 Abs. 1 FGB), die auf gegenseitiger Liebe, Achtung und Vertrauen basiert. Nur die Liebe, die beide Menschen füreinander empfinden, gilt als Motiv für die Eingehung (vgl. Obertreis, 1986, S.251). Die Grundlage einer Ehe ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau. So heißt es in Par. 5 Absatz 3 im FGB, "dass beide das Recht auf Entfaltung ihrer Fähigkeiten zum eigenen und gesellschaftlichen Nutzen voll wahrnehmen können." Die Entwicklung zu sozialistischen Persönlichkeiten soll durch die gegenseitige Unterstützung der Partner umgesetzt werden (vgl. Obertreis, 1986, S. 252).

Der Gleichberechtigungsgrundsatz wird im Gesetz deutlich: So haben "beide Ehegatten ihren Anteil bei der Erziehung und Pflege der Kinder und der Führung des Haushalts zu leisten" (Par. 10, Abs. 1 FGB).[1] Die Ehepartner können außerdem den Namen des Mannes oder den Namen der Frau als gemeinsamen Familiennamen wählen.

Des Weiteren hat man großes Interesse an "stabilen, sozialistischen Familienbeziehungen" (Obertreis, 1986, S.253). Dies bestätigt die im Familiengesetz festgeschriebene Losung, welche die Überschrift "Kampf für die Festigung der Ehe" trägt. Eine Scheidung ist nur möglich, wenn dem Gericht ernstliche Gründe vorgelegt werden, die belegen, dass die Ehe ihren Sinn für die Kinder, die Gesellschaft und für die Ehegatten selbst verloren hat (vgl. Obertreis, 1986, S.253f.).

Zusammenfassend kann man sagen, dass "aus der Ehe (…) eine Familie erwachsen [soll], die ihre Erfüllung im gemeinsamen Zusammenleben, in der Erziehung der Kinder und in der gemeinsamen Entwicklung der Eltern und Kinder zu charakterfesten, allseitig gebildeten Persönlichkeiten findet" (Par. 5, Abs. 2 FGB).

2.2 Familie und Gesellschaft

Die Familie gehörte zum sozialistischen System der DDR und war abhängig von Werten und Regeln, um den Selbsterhaltungsprozess der Gesellschaft zu gewährleisten. Familie und Gesellschaft sollten laut Busch (1988, S.106) "eine Einheit bilden, in der es keine antagonistischen Widersprüche geben kann". Das bedeutet, dass die Familie niemals losgelöst von der Gesellschaft betrachtet werden darf. Die Aufgabe besteht also darin, die persönlichen Interessen des Einzelnen mit den Interessen der ganzen Gesellschaft in Übereinstimmung zu bringen. Man kann auch sagen, dass eine Vereinigung, eine Übereinstimmung, der privaten und der öffentlichen Sphäre stattfindet (vgl. Busch,1980, S.92).

[...]


[1] Dies ist jedoch ein Wunschbild, eine Idealvorstellung. Denn wie wir später erfahren werden, sah die Wirklichkeit der Rollenverteilung eher traditionell aus.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668046979
ISBN (Buch)
9783668046986
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v306052
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Bildung und Kultur
Note
2,7
Schlagworte
familienleben familienideal leitbild nation

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Titel: Familienleben in der DDR. Das propagierte, sozialistische Familienideal als Leitbild einer Nation