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Die Wissenschaftsentwicklung nach Thomas S. Kuhn. Begrifflichkeit und Bedeutung des Wissenschaftsfortschritts

von Anna Kindler (Autor)

Hausarbeit 2015 18 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

I.) Thematik und Erkenntnisinteresse

II.) Das Kuhn'sche Modell der Wissenschaftsentwicklung

III.) Bedeutung und Ausmaß des Wissenschaftsfortschritts nach Kuhn
a) Allgemeine Definition des Fortschritts
b) Fortschritt in der normalen Wissenschaft
c) Fortschritt durch wissenschaftliche Revolutionen
d) Fortschritt als sozio-psychologischer Prozess einer wissenschaftlichen Gemeinschaft

IV.) Resumé im Hinblicke persönlicher Anmerkungen

V.) Literaturverzeichnis

I.) Thematik und Erkenntnisinteresse

Gegenstand und Erkenntnisinteresse meiner Hausarbeit wird unter Fokussierung des Werkes "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen"11962 des Wissenschaftsphilosophen und -historikers Thomas S. Kuhn, die Klärung der Bedeutung und des Ausmaßes des Wissenschaftsfortschritts sein. Zu den Erklärungsansätzen des wissenschaftlichen Fortschritts, die er liefert und im Laufe seiner Forschung modifiziert und erweitert, werden unter anderem sein Postskriptum1969, eine spätere Publikation der 1970er Jahre und zusätzliche Sekundärliteratur herangezogen. Zunächst werden die Darstellung des Kuhn'schen Modells der Wissenschaftsentwicklung, das den zentralen Kern des Werkes (Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen) repräsentiert, zur vertieften Einführung in die Thematik skizziert und für ein differenziertes Verständnis des Wissenschaftsfortschritts im Sinne Kuhns, werden zentrale Begriffe erläutert. Der anschließende viergliedrige Hauptteil bezieht sich explizit auf die Begrifflichkeit des Wissenschaftsfortschritts, beinhaltet aber zum Vergleich mit Kuhns Verständnis, eine allgemeine Definition des Fortschritts. Weiterhin werden die einzelnen Charakteristika des Fortschritts in den von Kuhn konzipierten Phasen der Wissenschaften seines Ablaufmodells, herausgearbeitet. Anschließend wird der wissenschaftliche Fortschritt als sozio-psychologischer Prozess präzisiert. In einem abschließenden Resumé der Ansätze Kuhns, wie der Wissenschaftsfortschritt sich äußert und interpretiert werden kann, werde ich noch weitere persönliche gedankliche Anregungen hinzufügen und diskutieren.

II.) Das Kuhn'sche Modell der Wissenschaftsentwicklung

Das erstmalig 1962 publizierte wissenschaftsphilosophische und wissenschaftshistoriographische Werk „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ (Originaltitel: The Structure of Scientific Revolutions) des renommierten Wissenschaftsphilosophen und Wissenschaftshistorikers Thomas Samuel Kuhn, umfasst eine Theorie der Wissenschaftsentwicklung der Naturwissenschaften hinsichtlich der Grundlagenforschung1, die einerseits deskriptiver und andererseits normativer Natur ist.2

Zu einem differenzierten Verständnis der Vielschichtigkeit des Begriffs „Wissenschaftsfortschritt“ im Sinne Kuhns, ist es von Nöten, das von ihm konzipierte Ablaufmodell der wissenschaftlichen Entwicklung zu skizzieren und ebenfalls weitere, für dieses Modell signifikante Begriffsklärungen vorzunehmen.

Demnach beschreibt das „Anfangsstadium“ des Kuhn'schen Modells, welches vom ihm als „vorparadigmatische“ oder auch „vornormale“ Phase der Wissenschaft bezeichnet wird, eine Phase, in denen sich die Wissenschaftler eines spezifischen Fachgebietes noch uneinig über die Grundlagen ihrer Forschung sind. Noch herrscht kein umfassender Konsens bezüglich allgemeiner Kriterien ihrer (noch nicht zielgerichteten) Forschung, der Wahl ihrer Forschungsprobleme, wesentlicher Charakteristika und Schwerpunkte des Erkenntnisinteresses und auch der Wahl der wissenschaftlichen Methoden. Grundlegend gekennzeichnet ist die Phase der vornormalen Wissenschaft insbesondere durch die Unentschlossenheit der Forscher, die meist hypothetische und oftmals auch oppositionelle Ansätze generiert. In dieser Phase existieren verschiedene „Schulen“ des gleichen Fachgebiets, die in Konkurrenz zueinander stehen und kontroverse theoretische Ansätze formulieren.3 Wenn im Zuge dieses Stadiums erstmalig ein allgemeiner Konsens der Forscher eines wissenschaftlichen Fachgebiets bezüglich der Grundlagenforschung entsteht, erreicht die Wissenschaftsentwicklung den Zustand der „reifen“ Wissenschaft, die bei Kuhn auch als die Phase der „Normalwissenschaft“ bezeichnet wird.4

Der Konsens wird dadurch erreicht, dass eine der Schulen eine wissenschaftliche Leistung vollbringt, die qualitativ die Leistungen ihrer Konkurrenten überbietet und grundlegende Forschungsprobleme des jeweiligen Gebietes vermeintlich vollständig bewältigt. Die triumphierende Schule dient nun als Leitbild der übrigen, im Wettstreit ausgeschiedenen Schulen, deren Mitglieder als treue Jünger eine ganze Forschungstradition bilden.5 Getragen wird der Konsens durch das sogenannte „Paradigma“, das die Theorie und Praxis der Normalwissenschaft maßgebend konstituiert.6

Die Bedeutung des Paradigmas beinhaltet ein soziologisches Moment, das die Sichtweisen und Meinungen, Werte und Methoden einer wissenschaftlichen Gemeinschaft determiniert.7 Es bestimmt, welche Aspekte wesentlich und unwesentlich für die Forschung sind, postuliert zudem die Forschungsinteressen, Methoden und Regeln, nach denen sich die Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft in ihrer Forschung fortan zu richten vermögen.8 Der ebenfalls soziologische Begriff der „wissenschaftlichen Gemeinschaft“ bezeichnet die Fachleute eines wissenschaftlichen Spezialgebiets, die im Laufe ihrer Sozialisation die gleiche Ausbildung und Initiation erfuhren. Sie intendieren die Verfolgung gemeinsamer Ziele; ihre fachlichen Urteile sind weitestgehend konform. Nach Kuhn sind die Mitglieder einer wissenschaftlichen Gemeinschaft zugleich „Erzeuger und Prüfer wissenschaftlicher Erkenntnisse“.9

Die Anwendung der (wissenschaftlichen) Werte variieren unter den Gruppenmitgliedern innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft, da eine Kontaminierung durch individuelle biografische Faktoren (Sozialisation und psychische Beschaffenheit) nie gänzlich auszuschließen und auch nicht zu vermeiden ist. Folglich generieren sie teils unterschiedliche Schlussfolgerungen hinsichtlich eines Forschungsproblems. Jedoch dienen jene Werte, die das Paradigma den Subjekten der Gemeinschaft liefert, grundsätzlich als Determination des gesamten Gruppenverhaltens. Die Verschiedenheit in der Anwendung dieser allgemein akzeptierten wissenschaftlichen Werte des Paradigmas, die durch die individuelle Sozialisation und psychischen Beschaffenheit zustande kommt, ist von beachtlicher Bedeutung für die Entwicklung wissenschaftlicher Revolutionen.10

Während die Zielsetzung in der Praxis der Normalwissenschaft, die Forschungsprobleme anhand der „Schablone des Paradigmas“ im Sinne eines nach Kuhn bezeichneten „Rätsellösens“ zu lösen ist, in denen der Wissenschaftlicher mit spezifischen Erwartungen an seinen Ergebnissen zu Werke geht, können innerhalb dieser reglementierungskonformen, dogmatischen Tätigkeit, sogenannte Anomalien die Forschung erschweren. Sie bezeichnen unerwartete Phänomene, die zur Disposition des Paradigmas stehen, auf Grund dessen die Wissenschaftler Modifikationen an ihren Theorien vornehmen.11

Treten Anomalien in einer Vielzahl von Fällen auf, gerät die reife Wissenschaft in eine „Krise“, durch welche sich die wissenschaftliche Gemeinschaft eines Fachgebiets in die Phase der „außerordentlichen“ Wissenschaft begibt.12 Das Streben ihrer Forschung richtet sich nun primär an die Lösung der aufgetreten Anomalien, wobei die genauere Analyse dieser Fälle, wiederum zu unerwarteten Ergebnissen führen kann. Ist es der außerordentlichen Wissenschaft nun nicht mehr möglich sich Richtlinien des Paradigmas zu fügen, führt sie zu einem „ Paradigmenwechsel “ bzw. einer „wissenschaftlichen Revolution“.13

Das neue Paradigma beinhaltet meist eine neue Theorie, mit modifizierten Regelungen, Werten und gegebenenfalls auch neuen Forschungsschwerpunkten. Die wissenschaftliche Revolution führt also folglich wieder zu einer Phase der normalen Wissenschaft, die zyklisch mit dem Krisenzustand wechselt.14

Die charakteristischen Eigenschaften dieser beiden Phasen der Wissenschaften nach Kuhn (Die normale Phase, sowie die wissenschaftliche Revolution), mit ihren Forschungsbestrebungen und dem kollektiven Verhalten der wissenschaftlichen Gemeinschaft, das sich nach dem Leitbild des derzeit herrschenden Paradigmas richtet, verändern auch die Bedeutung, die der Begriff "Fortschritt" in der jeweiligen Phase einnimmt. Zudem ist die neue Theorie durch einen Paradigmenwechsel inkommensurabel, d.h. nicht messbar mit derjenigen "veralteten" Theorie. Durch einen Paradigmenwechsel verändert sich somit auch die Erscheinungswelt* der Wissenschaftler.15

Die Inkommensurabilität der beiden Paradigmen (das Vorherrschende und das Neue) führt durch eine veränderte Erscheinungswelt zu "Begriffsverschiebungen", worunter ebenfalls die Begrifflichkeit des Fortschritts fällt. Durch Begriffsverschiebungen können sich die Eigenschaften von Definitionen und die Bedeutung von Begriffen wandeln.16 Inwiefern sich die Bedeutung eines wissenschaftlichen Fortschritts ändert und in wie weit er sich mit einer allgemeinen Definition des Fortschritts deckt, soll Gegenstand der folgenden Untersuchung sein.

[...]


1 Hoyningen-Huene, Paul: Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (The Structure of Scientific Revolutions, 1962), in: Interpretationen. Hauptwerke der Philosophie 20. Jahrhundert, Stuttgart 1992, S. 314, 316, 320. (Im Folgenden zitiert als: „Hoyningen-Huene, Paul: Kuhn. Wissenschaftliche Revolutionen.“)

2 Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Zweite revidierte und um das Postskriptum von 1969 ergänzte Auflage, 24., überarb. Aufl. Frankfurt am Main 2014 [11976], S.218.
(Im Folgenden zitiert als: „Kuhn, Thomas S.: Wissenschaftliche Revolutionen.“

3 Hoyningen-Huene, Paul: Kuhn. Wissenschaftliche Revolutionen, S.322.

4 Hoyningen-Huene, Paul: Kuhn. Wissenschaftliche Revolutionen, S.322.

5 Hoyningen-Huene, Paul: Kuhn. Wissenschaftliche Revolutionen, S.323.

6 Kuhn, Thomas S.: Wissenschaftliche Revolutionen, S.186

7 Kuhn, Thomas S.: Wissenschaftliche Revolutionen, S.186.

8 Poser, Hans: Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, 2., überarb. Aufl. Stuttgart 2012, S.154-156.

9 Kuhn, Thomas S.: Wissenschaftliche Revolutionen, S.188-189, 205.

10 Kuhn, Thomas S.: Wissenschaftliche Revolutionen, S.197-198.

11 Hoyningen-Huene, Paul: Kuhn. Wissenschaftliche Revolutionen, S.323-324

12 Hoyningen-Huene, Paul: Kuhn. Wissenschaftliche Revolutionen, S.324.

13 Hoyningen-Huene, Paul: Kuhn. Wissenschaftliche Revolutionen, S.324-325.

14 Hoyningen-Huene, Paul: Kuhn. Wissenschaftliche Revolutionen, S.325.

15 Hoyningen-Huene, Paul: Die Wissenschaftsphilosophie Thomas S. Kuhns. Rekonstruktion und Grundlagenprobleme, Braunschweig 1989, S.197.
(Im Folgenden zitiert als: "Hoyningen-Huene, Paul: Die Wissenschaftsphilosophie Kuhns.")

16 Hoyningen-Huene, Paul: Die Wissenschaftsphilosophie Kuhns, S.205

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668038233
ISBN (Buch)
9783668038240
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305901
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Schlagworte
wissenschaftsentwicklung thomas kuhn begrifflichkeit bedeutung wissenschaftsfortschritts

Autor

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