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Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Beziehung zwischen Tschechen und Sudetendeutschen

Seminararbeit 2015 25 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Volkswirtschaft der Ersten Tschechoslowakischen Republik: Vergleich böhmischer, mährischer und karpatenukrainischer Wirtschaft

3. Weltwirtschaftskrise 1929-33
3.1 Auswirkungen auf die tschechoslowakische Wirtschaft
3.2 Auswirkungen auf die sudetendeutsche Wirtschaft
3.3 Populistischer Vorwurf bezüglich Staatsauftragsvergabe

4. "Erweiterte" Wirtschaftskrise 1933-1936
4.1 Wirtschaftliche Destabilisierung durch das NS-Regime
4.2 Prager Boykottbewegung

5. Zusammenfassung

6. Literaturliste
6.1 Onlineressourcen

1. Einleitung

Im Zuge des Proseminars „Die Tschechoslowakei / Tschechien von der Ersten Republik bis zur Gegenwart“ habe ich bereits eine 30-minütige Präsentation über die „Sudetendeutschen in der Ersten Tschechoslowakischen Republik“ gehalten. Daher war es naheliegend, dass auch die Proseminararbeit über diese Thematik bzw.: im Ansatz mit dem Thema der Präsentation zu tun hat.

Diese Arbeit behandelt hierbei die von mir aufgeworfene Fragestellung, welche Auswirkungen die massiven Kursverluste an der New Yorker Börse im Oktober 1929, auf die Beziehung zwischen Tschechen und Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei hatte. Ich untersuche dieses Thema aufgrund meines persönlichen Bezuges und allgemeinen Interesses daran. Außerdem ist das Thema prinzipiell sehr aktuell, in Bezug auf die Weltwirtschaftskrise, die seit 2007 in der Welt für steigende Arbeitslosenquoten, Staatsinflation und Staatsverschuldung sorgt.

Über die Vertreibung der Sudetendeutschen wurden bereits sehr viele Seminar- und Bachelorarbeiten geschrieben, aber ich widme mich trotzdem diesem Thema. Ich versuche in dieser Arbeit herauszufinden, ob die Wirtschaftskrise vom Oktober 1929, und die dadurch entstandene vergleichsweise lange Krisenzeit, die Boykottbewegung in der Tschechoslowakei und andere gegenseitige wirtschaftliche Diskriminierungen, die ausschlaggebenden Gründe für den endgültigen Bruch zwischen diesen beiden Völkern führte. In dieser Arbeit werde ich daher vielmehr auf die allgemeine Volkswirtschaft der Ersten Tschechoslowakischen Republik und die Folgeerscheinungen der Wirtschaftskrise auf die Bevölkerung eingehen, als andere bisherige Arbeiten, die zum Thema Sudetendeutsche und Tschechen geschrieben wurden.

Weitere wichtige Aspekte, um die historischen Vorgänge in der Tschechoslowakei besser verstehen zu können, wie die Sprachenfrage oder die Bodenreform von 1919 bzw.: die „Entösterreicherung“, das Nationalstaatskonzept, Aktivismus und Negativismus und die ab Mai 1945 stattgefundenen Vertreibungen der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, können in dieser Arbeit nicht behandelt werden.

Sebastian Engel, Salzburg, August 2015

2. Die Volkswirtschaft der Ersten Tschechoslowakischen Republik: Vergleich böhmischer, mährischer und karpatenukrainischer Wirtschaft

Nach dem Zusammenbruch der kaiserlichen und königlichen Monarchie, proklamierten die ehemaligen Länder Cisleithaniens und Transleithaniens ihre Unabhängigkeit als „nationale“ Nachfolgestaaten. Diese Staaten erbten unfreiwillig die wirtschaftlichen, politischen und ethnischen Probleme der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Für diese Arbeit ist die Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik (Československá Republika, im Folgenden kurz: ČSR) relevant, ausgerufen als multiethnischer Staat (Stichwort „modus vivendi“) mit 13,6 Millionen Einwohnern, indem Tschechen, Slowaken, Sudetendeutsche, Juden, Ungarn, Ukrainer und Polen gelebt hatten. Jedoch war die Republik auf ein nationales Staatskonzept ausgelegt, sprich, das gesetzgebende Recht ging vom Volk der „Tschechoslowaken“ aus. Diese restriktive Innenpolitik ging auf Kosten der übrigen Völker in der ČSR, den sudetendeutschen, ungarischen, ukrainischen und polnischen Minderheiten.[1] Die Minderheiten genossen volle Bürgerrechte und zugesicherte Sonderrechte. Durch den Vertrag von Saint-Germain vom 10.9.1919 wurden ihnen aber keine kollektiven Rechte zuerkannt und kein Schutz vor möglicher Majorisierung in Nationalitätenangelegenheiten angeboten.[2] Die Tschechoslowakei war mit einer Fläche von 110 100km² einer der größten und wirtschaftlich stärksten Nachfolgestaaten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie.[3] Die Wirtschaftszweige der Ersten Tschechoslowakischen Republik kann man im Groben in ihre Territorialgebiete unterteilen, es gab einen großen Agrarsektor in der Karpatenukraine und in der Slowakei. Die beiden Letzteren waren damit, im wirtschaftlichen Vergleich zu Böhmen und Mähren, mit seinem hohen Grad an Industrialisierung, weit unterlegen. Die wirtschaftlichen Unterschiede innerhalb der ČSR waren deswegen enorm. Die im Osten der ČSR liegende Karpatenukraine war ein weitestgehend industrieloses Gebiet mit einem hohen Anteil an Analphabeten in der hiesigen Bevölkerung. Während in den überwiegend von Sudetendeutschen bewohnten Grenzregionen Böhmens, die äußerst stark exportorientierte Konsumgüterindustrie bzw.: Leichtindustrie und die Glas- bzw.: Textilindustrie beheimatet war, waren die Tschechen im Landesinneren angesiedelt und in der Groß- bzw.: Schwerindustrie beschäftigt.[4]

Der neue Staat erschloss „ […] 80 Prozent, in einigen Branchen wie der Textilproduktion sogar bis zu 90 Prozent […][des] Industriepotentials“[5] der Monarchie. Die böhmischen Länder gehörten schon vor 1918 zu den industriereichsten Gebieten der Donaumonarchie. Aufgrund der Änderung des Staatsgefüges durch den bereits erwähnten Zusammenbruch der Monarchie, fiel auch der riesige protektionistische Binnenmarkt weitestgehend weg. Die Nachfolgestaaten der ehemaligen Monarchie erschwerten hierbei außerdem noch den wirtschaftlichen Aufschwung, indem sie an den neuen Staatsgrenzen Zölle für den Import ausländischer Waren forderten.[6] Die tschechoslowakische Wirtschaft war aufgrund seines enorm großen Produktionspotenzials sehr auf den Export ihrer produzierenden Güter angewiesen, so waren „ […] im Durchschnitt aller Branchen nach 1918 30-40 Prozent der Industrieproduktion - in der Metallindustrie über 50, in der Textil- und der Glasindustrie deutlich über 70 Prozent – [der Produkte die] ausgeführt werden mußten [sic!] “[7]

Aufgrund dessen möchte man meinen, dass die Tschechoslowakei zu ihrem Vorteil im Ersten Jahrzehnt nach der Staatsgründung eine Wirtschaftspolitik ohne Protektionismus zur Staatsdoktrin erklärt hätte. Dies hätte geschehen können, um den Außenhandel zu den Nachbarländern zu verbessern. Das ist aber nicht der Fall gewesen. Die ČSR entschloss sich aber zum Aufbau eines eigenen tschechoslowakischen Wirtschaftsorganismus, und versuchte die wirtschaftliche Verflechtungen zu den Verlierern des 1. Weltkrieges zu kappen.

Der tschechoslowakische Wirtschaftsnationalismus wurde von Seiten der Regierung und der tschechischen Wirtschaftselite forciert. Ihre Wirtschaftspolitik hatte den Wohlstand der Nation, der tschechoslowakischen, im Auge. Diese Wirtschaftsidee stand im Einklang mit dem Gedanken und den politischen Umsetzungen in Richtung eines tschechoslowakischen „Nationalstaates“. Für die Mehrheit der tschechischen Gesellschaft war die ČSR ihr „Nationalstaat“.[8] Um den Wohlstand der Nation zu garantieren wurde eine protektionistische Wirtschaftspolitik betrieben z.B.: Schutzzölle auf ausländischen Import usw. Es sollte hierbei aber nicht vergessen werden, dass die ČSR in den ersten Jahren seiner Gründung mit Grenzproblemen sprich, mit der „Konstituierung der Staatsgrenzen“ zu Ungarn, dem Deutschen Reich und Deutsch-Österreich zu kämpfen hatte, und die Versorgungslage nach dem Krieg erst gesichert werden musste und der Staat sich dadurch zu einer protektionistischen Handelspolitik gezwungen sah.[9]

[...]


[1] Vgl. Eduard Kubů, Die brüchigen Beziehungen. Die Weimarer Republik und die Tschechoslowakei, in: Jörg Konrad Hoensch / Dušan Kováč, Hg., Das Scheitern der Verständigung. Tschechen, Deutsche und Slowaken in der Ersten Republik (1918-1938), Essen 1994, 15-28, 15-21.

[2] Vgl. Václav Kural, Češi a Němci v Československu a německém státě (1918-1945). Pokus o nástin logiky vývoje, in: Bohumil Černý, Hg., Češi, Němci, odsun. Diskuse nezávislých historiků, Praha 1990, 226.

[3] Vgl. Jiří Kosta, Die tschechoslowakische Wirtschaft im ersten Jahrzehnt nach der Staatsgründung, in: Hans Lemberg, Hg., Das Jahr 1919 in der Tschechoslowakei und in Ostmitteleuropa. Vorträge der Tagung des Collegium Carolinum in Bad Wiessee vom 24. bis 26.November 1989, München 1993, 63-99, 63.

[4] Vgl. Joachim Bahlcke, Geschichte Tschechiens. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2014, 99-101, 99.

[5] Christoph Boyer, Das Deutsche Reich und die Tschechoslowakei im Zeichen der Weltwirtschaftskrise, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 39 (1991), 551-587, 555.

[6] Vgl. Kosta, Wirtschaft, 63 f.

[7] Boyer, Reich, 555.

[8] Vgl. Eduard Kubů / Helga Schultz, Hg., Wirtschaftsnationalismus als Entwicklungsstrategie ostmitteleuropäischer Eliten. Die böhmischen Länder und die Tschechoslowakei in vergleichender Perspektive, Prag / Berlin 2004, 9-11.

[9] Vgl. Kosta, Wirtschaft, 63-67.

Details

Seiten
25
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668038059
ISBN (Buch)
9783668038066
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305894
Institution / Hochschule
Universität Salzburg
Note
Schlagworte
auswirkungen weltwirtschaftskrise beziehung tschechen sudetendeutschen

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Titel: Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Beziehung zwischen Tschechen und Sudetendeutschen