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Hindi in der internationalen Fachkommunikation

Masterarbeit 2014 109 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Einführung in das Hindi
2.1 Allgemeines
2.1.1 Sprachname
2.1.2 Sprachgeschichte und Verwandtschaft
2.1.3 Verbreitung
2.2 Die Devanāgarī
2.2.1 Herkunft und Entwicklung
2.2.2 Inventar
2.2.3 Ligaturen
2.2.4 Umschrift
2.3 Grammatik
2.3.1 Sprachtypologie und Wortarten
2.3.1.1 Substantive
2.3.1.2 Verben
2.3.1.3 Adjektive
2.3.2 Syntax
2.3.3 Soziolinguistische Aspekte
2.3.3.1 Höflichkeit
2.3.3.2 Code Switching
2.4 Fazit

3 Moderne Fachsprachen im Hindi
3.1 Historische Entwicklung der modernen Fachsprachen
3.1.1 Antike und Mittelalter
3.1.2 Kolonialisierung und Post-Kolonialismus
3.2 Wirtschaftliche Entwicklung Indiens
3.3 Wortschatz
3.4 Wortbildung
3.4.1 Übernahme aus anderen Sprachen
3.4.2 Terminologisierung
3.4.3 Komposition
3.4.4 Derivation
3.4.5 Konversion
3.5 Terminologienormung und Terminologiearbeit in Indien
3.5.1 Sprachpolitik und Sprachplanung im modernen Indien
3.5.2 CSTT
3.5.3 NCSTC
3.5.4 NISCAIR
3.5.5 Department of Official Language
3.6 Merkmale der Fachsprachen
3.7 Fazit

4 Internationale Fachkommunikation und Übersetzen
4.1 Aspekte des Übersetzens Hindi-Englisch, Englisch-Hindi
4.1.1 Übersetzungsprobleme
4.1.2 Berufsverbände
4.1.3 Softwarelokalisierung
4.1.3.1 Textverarbeitung mit Westlichen Systemen
4.1.3.2 Devanāgarī auf Mobiltelefonen
4.1.4 Hilfsmittel des Übersetzers
4.1.4.1 Wörterbücher
4.1.4.2 Maschinelle Übersetzung
4.2 Hindi als Wissenschaftssprache
4.2.1 Englisch als internationale Wissenschaftssprache
4.2.2 Das Verhältnis zwischen Englisch und Hindi
4.2.3 Unternehmenskommunikation
4.2.4 Populärwissenschaftliche Kommunikation
4.2.5 Zukunftsperspektiven
4.3 Fazit

5 Fazit und Ausblick

Bibliografie

A Abbildungsverzeichnis
B Materialsammlung

Zusammenfassung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Fachkommunikation auf Hindi. Das Thema wird unter sprachwissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet. Der Schwerpunt liegt auf dem Gebrauch des Hindi in technisch-naturwissenschaftlicher Texten sowie auf der Fachübersetzung des Sprachenpaars Hindi-Englisch/Englisch-Hindi. Ein wesentlicher Teil der Arbeit befasst sich mit der Sprachplanung durch die indische Regierung und der Komplexität der indischen Sprachpolitik.

Abstract

This thesis looks at technical communication in Hindi, taking into account linguistic, political and social factors. The focus lies on the use of Hindi in technical and scientific texts as well as on technical translation of the language pair Hindi-English/English-Hindi. A significant part of the thesis deals with the Indian government‘s language planning policies and the complexity of Indian language politics.

1 Einleitung

Während Indien bis vor wenigen Jahren noch vor allem als beliebte Destination für das Outsourcing von Dienstleistungen bekannt war, gewinnen indische Firmen inzwischen immer mehr an Bedeutung. Konzerne wie Tata oder die Unternehmen im Äindischen Silicon Valley“ in Bangalore haben international Bedeutung erlangt.

Doch auch die traditionellen Reichtümer Indiens gelangen international zu immer mehr Ansehen. Jahrtausendealte Lehren wie Yoga, Meditationstechniken oder die ayurvedische Heilkunst finden außerhalb Indiens immer mehr Anhänger, besonders in den westlichen Ländern.

Wenn die wichtige Rolle Indiens in der globalisierten Welt im Zusammenhang mit der großen ethnischen, kulturellen und sprachlichen Diversität Indiens betrachtet, ergibt sich die Frage, wie sich Situation der indischen Sprachen im Kontext der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes verändert. In dieser Arbeit wird die derzeit am weitesten verbreitete indische Sprache, Hindi betrachtet. Der Fokus dieser Arbeit liegt auf der Fachkommunikation in Hindi und dem Einfluss von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik auf den Status des Hindi im naturwissenschaftlich-technischen Bereich.

Diese Arbeit wurde inspiriert von der Diplomarbeit von Dörte Cordes zum Thema ÄJapanisch in der internationalen Fachkommunikation“, die 2006 am Institut für Übersetzungswissenschaften und Fachkommunikation der Universität Hildesheim verfasst wurde. Der Aufbau ist an diese Arbeit angelehnt. Die Situation des Hindi unterscheidet sich jedoch deutlich von dem des Japanischen, schon deshalb, weil es eine Sprache von vielen in einem vielsprachigen Land ist. Daher ist die indische Sprachpolitik ein zentraler Themenbereich der vorliegenden Arbeit.

Das Ziel ist die Beantwortung einiger zentraler Fragen: Wie gut eignet sich Hindi als Sprache der Technik und Wissenschaft? Was sind die charakteristischen Merkmale von technischwissenschaftlichem Hindi? Wie wird sich die Sprache in Zukunft entwickeln? Aufgrund der komplexen Sprachsituation in Indien muss ergänzend untersucht werden, welchen Status Hindi im Verhältnis zu anderen indischen Sprachen und zum Englischen hat und in welchen Bereichen es eine Daseinsberechtigung hat. Ein untergeordnetes Ziel dieser Arbeit ist die Vorstellung eines Lösungsansatzes für Sprachkonflikte in Indien, wobei der Fokus auf dem naturwissenschaftlich-technischen Bereich liegt.

Zu Anfang ist eine Analyse der wichtigsten Merkmale des Hindi und der Devanāgarī-Schrift nötig, denn ein Verständnis der Natur des Hindi ist Voraussetzung, um die daraus entstehenden Vorteile und Probleme der Verwendung dieser Sprache in der Fachkommunikation nachvollziehen zu können.

Der zweite Teil der Arbeit befasst sich mit den Fachsprachen als funktionalen Varietäten des Hindi. Zuerst werden geschichtliche Aspekte untersucht. Darauf folgt eine Analyse des Fachwortschatzes und der Wortbildung im Hindi sowie eine Vorstellung der Initiativen zur Terminologienormung in Indien. Abschließend werden zwei Fachtexte kurz analysiert, um Schlüsse hinsichtlich der inhaltlichen und grammatischen Eigenschaften der Fachsprache des Hindi ziehen zu können.

Der dritte Teil der Arbeit befasst sich mit dem Themenbereich internationale Fachkommunikation und Übersetzen. Zuerst erfolgt eine Analyse der Rolle des Hindi als Wissenschaftssprache. Abschließend werden einige Aspekte des Übersetzens des Sprachenpaars Englisch-Hindi-Englisch und der technischen Hilfsmittel für das Übersetzen von Hindi-Texten vorgestellt.

Aufgrund der Begrenzung von Zeit und Seitenzahl können hier nur die wichtigsten Aspekte der jeweiligen, sehr komplexen Themen behandelt werden. Zu jedem der Kapitel könnte mindestens ein ganzes Buch geschrieben werden. Bisher ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema Hindi in der internationalen Fachkommunikation jedoch sehr gering. Zu verschiedenen Teilthemen der Arbeit, wie der Sprachpolitik, gab es sehr viele Quellen, doch zum Thema technisch-wissenschaftliches Hindi war kaum Fachliteratur zu finden. Ich hoffe daher, dass dieser Themenbereich in Zukunft mehr erforscht wird und diese Arbeit darauf hinweisen kann, dass eine weitere Beschäftigung mit dem Thema erforderlich ist.

2 Einführung in das Hindi

Den meisten Bewohnern westlicher Länder ist außer dem aus dem Yoga bekannten Gruß नमèत namaste und der heiligen Silbe ॐ auṃ kaum etwas über Hindi bekannt. Die wachsende Popularität von Hindi-Filmen sowie das zunehmende Interesse an Indien als Reiseziel und Quelle von Spiritualität sind wohl die häufigsten Beweggründe für Menschen aus westlichen Ländern, Hindi zu lernen. Zudem ist Indien eine beliebte OutsourcingDestination, sodass es für in diesem Bereich tätige Menschen erforderlich sein kann, zumindest grundlegende Hindi-Kenntnisse zu erwerben, schon allein, um ein besseres Verständnis für das sogenannte Indian English, die in Indien vorherrschende Varietät des Englischen zu bekommen (vgl. Kolanad, 2010).

Im folgenden Abschnitt wird ein Überblick über die Grundzüge des Hindi und seines Schriftsystems gegeben. Die Darstellung erfolgt in vielen Fällen vereinfacht, da es im Hindi viele Ausnahmen von den Grammatikregeln gibt. Es wird jedoch versucht, einen Eindruck von der großen Vielfalt dieser Sprache zu vermitteln, die sowohl grammatikalisch als auch lexikalisch gesehen über eine erhebliche Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten verfügt. Dieser Punkt erhöht einerseits die Ausdruckskraft der Sprache, kann bei der Terminologiearbeit allerdings zu Problemen führen, was in Abschnitt 2 noch weiter erläutert wird.

In der Regel folgen die Hindi-Äquivalente der sprachwissenschaftlichen Fachausdrücke hinter den deutschen Benennungen. Die Analyse der historischen Aspekte bezieht sich vor allem auf Nordindien und dort besonders auf die Regionen, in denen Hindi gesprochen wird.

2.1 Allgemeines

Im Folgenden werden die wichtigsten Eigenschaften des Hindi beschrieben. Ausführlichere Beschreibungen des Hindi und seiner Verwendung finden sich bei Friedrich (1999), GatzlaffHälsig (2003), Kachru (2008a) und Snell & Weightman (2003).

2.1.1 Sprachname

Der Name हहनदȣ hindī Hindi stammt genauso wie das Wort हहद hiṃdū Hindu aus dem Persischen. Damals war Hindi vermutlich eine Bezeichnung der persischen Eroberer für die Bewohner und Sprachen Südasiens (vgl. Kachru 2008b: 82f.).

Indien heißt auf Hindi भारत bhārata oder हहनदèतान hindustāna, wobei bhārata die offizielle Bezeichnung ist.

2.1.2 Sprachgeschichte und Sprachverwandtschaft

Hindi gehört zu den neuindoarischen Sprachen, die eine Unterfamilie der indoeuropäischen Sprachen bilden. Daher ist Hindi entfernt mit germanischen Sprachen wie Deutsch und

Englisch verwandt, was sich an ähnlich klingenden Wörtern wie नाम nāma Name oder माता mātā Mutter leicht erkennen lässt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die indoeuropäische Sprachfamilie

Besonders eng ist das Hindi mit dem in Pakistan und von in Indien lebenden Moslems gesprochenen Urdu verwandt. Die Übergänge zwischen den beiden Sprachen sind fließend.

Hindi und Urdu unterscheiden sich hauptsächlich dadurch, dass im gehobenen Hindi Wörter mit arabischen und persischen Wurzeln zu einem großen Teil durch aus dem Sanskrit stammende Wörter ersetzt wurden. Im gehobenen Urdu werden dagegen vor allem persische bzw. arabische Lehnwörter verwendet. Außerdem wird Hindi mit der Devanāgarī-Schrift geschrieben, während für Urdu die Nastaliq-Schrift, eine Variante des persischen bzw. arabischen Alphabets, verwendet wird. Im umgangssprachlichen Register sind Hindi und Urdu nicht mehr voneinander zu unterscheiden und bilden eine einzige Sprache, die mit dem Namen Hindustani bezeichnet wird (vgl. Kachru, 2008b).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Überschneidungen im Wortschatz von Hindi und Urdu

Das Hindustani hat sich vermutlich ab dem 12. Jahrhundert, während der Periode wiederholter muslimischer Invasionen, auf den Märkten und in den Armeestützpunkten in der Region rund um Delhi gebildet. Es war eine Mischung indigener Sprachen mit dem Persischen. Der Dialekt von Delhi ist damals wie heute unter dem Namen khari boli bekannt. Mit der Zeit entwickelten sich die beiden Varietäten Hindi und Urdu, da die indigene Bevölkerung Lehnwörter aus dem Sanskrit und die persisch-stämmige Bevölkerung Lehnwörter aus dem Persischen bevorzugte. Allerdings wurde diese Entwicklung teilweise bewusst gesteuert (siehe Kapitel 3.5).

Inzwischen ist jedoch auch das umgangssprachliche Hindi nicht mehr mit Urdu gleichzusetzen. Aufgrund des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts mussten entsprechende neue Termini geschaffen werden, die sich im Falle des Hindi meistens vom Sanskrit ableiten. So werden Hindi-Sprecher in bestimmten Kontexten dazu gezwungen, auch im umgangssprachlichen Register Sanskrit-Ausdrücke zu verwenden (vgl. Kachru, 2008a).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: „Hindustānī“ in Devanāgarī und Nastaliq

2.1.3 Verbreitung

Hindi ist für etwa 260 Millionen Menschen, von denen 258 Millionen in Indien leben, die Muttersprache und liegt damit hinter Chinesisch, Spanisch und Englisch weltweit auf Platz 4. Hinzu kommen etwa 120 Millionen Hindi-Sprecher, die keine Muttersprachler sind. (vgl. SIL International, 2013). Insgesamt gibt es also etwa 380 Millionen Hindi-Sprecher, was etwa 5,4% der Weltbevölkerug, beziehungsweise etwa 32% der indischen Bevölkerung, die etwa 1,2 Milliarden Menschen umfasst (vgl. Census of India, 2011), ausmacht.

Außerhalb von Indien wird Hindi überall dort gesprochen, wo Hindi sprechende indisch- stämmige Einwanderer leben. Man unterscheidet zwischen Non-resident Indian (NRI) und Person of Indian Origin (PIO). Erstere besitzen einen indischen Pass, während Letztere eine andere Nationalität haben. Beide Gruppen werden auf eine Gesamtzahl von 22 Millionen Menschen geschätzt, wobei nicht alle dieser Personen auch Hindi-Sprecher sind. Länder mit relativ vielen Menschen indischer Abstammung sind Nepal, die USA, Burma, Malaysia, Saudi-Arabien, Sri Lanka, das Vereinigte Königreich und Südafrika (vgl. Ministry of Overseas Indian Affairs, 2012).

In einer Studie von Ramakrishna (1997) gaben 57% der Hindi-Sprecher an, Hindi bei der Kommunikation mit Personen mit einer anderen Muttersprache zu verwenden. Die Ursache für die große Verbreitung des Hindi in Indien ist also neben der staatlichen Förderung der Sprache auch der verstärkte Wunsch, mit anderen Kulturkreisen in Indien zu kommunizieren. Hindi ist also eine Mittlersprache zwischen verschiedenen Sprachgruppen, und wird von Indern oft als Link Language bezeichnet. Dies gilt vor allem für Nordindien, denn in Südindien wird aus sprachpolitischen Gründen oft Englisch als Mittlersprache bevorzugt (mehr dazu in Kapitel 3.5.1).

In Indien werden über 400 Sprachen gesprochen, die Anzahl variiert jedoch je nachdem, was als Sprache und was als Dialekt einer Sprache definiert wird (vgl. Friedrich, 1999). 1950 wurde in der indischen Verfassung offiziell festgelegt, dass Hindi die Amtssprache (National Official Language, NOL) des Staates Indien ist. Englisch ist die zweite überregionale Amtssprache (Associate Official Language, AOL), über deren Status allerdings alle 15 Jahre neu entschieden wird. Neben Hindi dürfen die 28 indischen Bundesstaaten noch eine zweite, regionale Amtssprache wählen, solange es sich um eine der folgenden Sprachen handelt: Asamiya, Bengalisch, Bodo, Dogri, Gujarati, Kannada, Kashmiri, Konkani, Maithili, Malayalam, Marathi, Meitei, Nepali, Oriya, Panjabi, Santali, Sanskrit, Sindhi, Tamil, Telugu oder Urdu (vgl. Government of India, 2007). Wichtig ist, zu beachten, dass Hindi zwar überregionale Amtssprache ist, offiziell jedoch nicht den Status einer Nationalsprache hat. Es werden viele Debatten darum geführt, ob Indien überhaupt eine Nationalsprache braucht und wenn ja, welche Sprache dies sein soll (mehr dazu in Kapitel 3.5.1).

Abbildung 4 zeigt das Verbreitungsgebiet der indischen Sprachen in Indien und Umgebung. Hindi ist Amtssprache in den Bundesstaaten Uttar Pradesh, Rajasthan, Madhya Pradesh, Bihar, Haryana, Himachal Pradesh, Jharkhand, Chhattisgarh, Delhi, Chandigarh und Uttarakhand (vgl. Kachru, 2008a: 12). Vergleicht man diese Karte jedoch mit einer Karte der indischen Bundesstaaten, lässt sich feststellen, dass sich das Verbreitungsgebiet meist nicht ganz mit den Grenzen dieser Bundesstaaten deckt.

Der Begriff des ÄStandard-Hindi“ ist ein reines Konstrukt, denn Hindi ist ein Sammelname für eine Vielzahl von regionalen, sozialen und funktionalen Varietäten, deren Komplexität durch die Praxis des Code Switching (siehe Kapitel 2.3.3.2) sowie eine Vielzahl von Lehnwörtern aus verschiedenen Sprachen noch erhöht wird. Außerdem sind die Grenzen zwischen Hindi und anderen Sprachen oft fließend (vgl. Kachru, 2008a). Dies lässt sich am Beispiel des Rajasthani erläutern. Das Rajasthani und seine Dialekte galten zu Zeiten der Kolonialisierung wegen der großen Überschneidungen von Lexik und Grammatik als Dialekte des Hindi. Inzwischen wird Rajasthani als eigene Sprache angesehen und es gibt eine starke Bewegung, die es zur Amtssprache Rajasthans machen will (The Sunday Standard, 2013). Die große Anzahl der Varietäten und der ständige Kontakt durch Migration zwischen den Gebieten verschiedener Sprachen führt dazu, dass man in Indien in der Regel tolerant ist, was die korrekte Aussprache und Grammatik des Hindi betrifft (eine Ausnahme sind akademische und politische Bereiche) (vgl. Krack & Krasa, 2009: 387 ff.).

Wie in Abbildung 4 zu sehen ist, unterscheidet man zwischen westlichen und östlichen Hindi- Dialekten. Diese Aufteilung basiert darauf, dass die beiden Gruppen sich aus zwei verschiedenen Sprachen entwickelten. Auch heute noch gibt es spürbare Unterschiede zwischen westlichen und östlichen Hindi-Dialekten. Das Modern Standard Hindi basiert auf den westlichen Hindi-Dialekten, deren Orthographie und Grammatik standardisiert wurden (vgl. Kachru 2008a).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Indische Sprachen und ihre Verbreitungsgebiete

2.2 Die Devanāgarī

In der indischen Verfassung von 1950 ist festgelegt, dass Hindi mit der Devanāgarī-Schrift geschrieben wird (Government of India, 2007). Die gleiche Schrift wird außerdem für die neuindoarischen Sprachen Marāṭhi und Nepālī sowie für die altindischen Sprachen Vedisch und Sanskrit verwendet (vgl. Friedrich, 1999:7).

Im Folgenden werden Hindi-Wörter zuerst in Devanāgarī geschrieben. Darauf folgt kursiv die Umschrift nach dem IAST-System (siehe Kapitel 2.2.4) sowie in fett das deutsche Äquivalent. Namen, die auch im Deutschen breite Verwendung finden, wie ÄHindi“ oder ÄSanskrit“ werden aus Gründen der Einfachheit nach den Regeln der deutschen Rechtschreibung geschrieben (vgl. Duden, 2013). Die Informationen basieren auf der ausführlichen Darstellung von Friedrich (1999).

2.2.1 Herkunft und Entwicklung

Wie einige andere indische Schriftarten entwickelte sich die Devanāgarī auf Grundlage der zur Zeit des Kaisers Aśoka verwendeten Brāhmī-Schrift, die ungefähr aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. stammt. Von dieser Schrift stammen einige der wichtigsten Merkmale der Devanāgarī: die Ligaturen, die syllabische Schreibweise und das inhärente a hinter jedem Konsonanten (siehe Kapitel 2.2.2). Als das Kaiserreich zerfiel, entwickelte sich die Brāhmī in mehrere verschiedene Richtungen, sodass mehrere Schriften entstanden. Abbildung 5 zeigt die nordindischen Verwandten der Devanāgarī. Die südindischen Schriften der Sprachen Telugu, Tamil und Malayālam stammen auch von den Brāhmī ab, haben jedoch weniger Gemeinsamkeiten mit der Devanāgarī als die nordindischen Verwandten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Schriftentwicklung im Norden Indiens

2.2.2 Inventar

Abbildung 6: Devanāgarī-Zeichen für Hindi

Die Devanāgarī ist eine Schrift, bei der ein Zeichen für eine Silbe steht. Wenn der kurze Vokal a auf einen Konsonanten folgt, muss er nicht ausgeschrieben werden, da er bereits im Zeichen enthalten ist. Folgt an der Stelle des a jedoch ein anderer Vokal, so wird dieser als diakritisches Zeichen auf oder unter dem Silbenzeichen geschrieben. Eine solche Schrift wird Abugida genannt. Zusätzlich gibt es noch elf eigenständige, Matra genannte, Vokalzeichen, die verwendet werden, wenn ein Vokal am Wortanfang steht oder Teil eines Diphtongs ist.

Wie die lateinische Schrift ist die Devanāgarī eine waagrechte rechtsläufige Schrift. Es werden heutzutage die Satzzeichen Anführungszeichen, Doppelpunkt und Fragezeichen aus der lateinischen Schrift verwendet. Allerdings gibt es im Hindi kein Komma und statt des Punktes am Satzende wird ein vertikaler Strich, das Danda, geschrieben.

Auch die Schriftauszeichnungsarten fett und kursiv wurden aus der lateinischen Schrift übernommen.

Das phonetische Inventar des Hindi verfügt über 7 Vokale und 40 Konsonanten. In der Devanāgarī-Schrift gibt es für jeden dieser Laute ein Zeichen. Hinzu kommen noch 7 zusätzliche Vokalzeichen für den Fall, dass ein Vokal am Anfang eines Wortes oder als Teil eines Diphtongs geschrieben wird. Außerdem gibt es 10 verschiedene Zeichen für die Ziffern von 0 bis 9, die genau wie die im westlichen Raum üblichen Zeichen auf den arabischen Zahlen basieren. Bei den Vokalen a, i und u wird zwischen langen und kurzen Vokalen unterschieden. Dies ist bei der Aussprache der wichtigste Faktor für das Verständnis, da es sehr viele Minimalpaare gibt, die sich nur durch die Länge eines Vokals unterschieden. So unterscheiden sich zum Beispiel कम kama wenig und काम kāma Arbeit nur durch die Länge des a.

Außerdem verfügt die Devanāgarī-Schrift über diakritische Zeichen, die Besonderheiten in der Aussprache markieren. Das Anusvāra ist ein Punkt über einem Zeichen und zeigt an, dass diese Silbe nasal ausgesprochen wird, zum Beispiel beim Personalpronomen म maiṃ ich. Das Anusvāra kann auch ein n in einem Konsonantencluster ersetzen, wodurch sich häufig mehrere mögliche Schreibweisen ergeben. Das Wort Hindi kann zum Beispiel हहदȣ hiṃdī oder हहनदȣ hindī geschrieben werden (mehr zu den diesbezüglichen Empfehlungen des indischen Instituts für Terminologienormung steht in Kapitel 3.5.2).

Das wegen seines Aussehens auch als Candrabindu (Mond-Punkt) bezeichnete Anunāsika markiert ebenfalls einen Nasallaut. Ein Anunāsika wird nur über einem Zeichen geschrieben, wenn über diesem nicht schon ein Vokalzeichen steht, denn in diesem Fall wäre kein Platz mehr für ein zusätzliches diakritisches Zeichen. Ein Wort, das mit Anunāsika geschrieben wird ist zum Beispiel पाच paṃca fünf. Auch die heilige Silbe ॐ auṃa enthält dieses Zeichen.

Das Visarga stammt aus dem Sanskrit. Es handelt sich um ein Zeichen in Form eines Doppelpunktes und steht für einen stimmlosen Hauch. Im Hindi kommt es nur in ganz wenigen, dem Sanskrit entlehnten Wörtern, vor, zum Beispiel in ननयमतः niyamata regelmäßig. Es steht meist am Wortende.

Das im Hindi auch als halant bezeichnete Virāma ist ein kurzer Schrägstrich unter einem Silbenzeichen und zeigt an, dass der inhärente Vokal a hinter dem entsprechenden Konsonanten fallen gelassen wird. So wird zum Beispiel aus der Silbe क ka der einzelne

Konsonant क k. Dies kann entweder am Ende oder in der Mitte eines Wortes geschehen. Wird ein Virāma zwischen zwei Silbenzeichen gesetzt, so kann das Virāma auch weggelassen und durch eine Ligatur ersetzt werden (siehe Kapitel 2.2.3).

Die Devanāgarī des Hindi verfügt also über deutlich mehr Zeichen als die lateinische Schrift der englischen Sprache. Dies führt zu Herausforderungen bei der Textverarbeitung mit westlichen Systemen, zum Beispiel beim Entwurf von Hindi-Tastaturen (siehe Kapitel 4.1.3).

Eine Besonderheit ist das Schriftzeichen ऑ. Es gehört nicht zum traditionellen Inventar der Devanāgarī und hat sich aus dem Bedürfnis heraus entwickelt, englische Wörter mit dieser Schrift festzuhalten. Das Zeichen steht für den im Englischen, aber nicht im Hindi vorkommenden Laut [æ] (z.B. in Äcat“). Der Laut [ɒ] (z.B. in Älog in“) wird mit Hilfe eines candra über einem Punkt dargestellt: लȨग इन loga ina Login (vgl. Kachru, 2008a). Hier zeigt sich, welch großen Einfluss die britische Kolonialherrschaft und der heutige Status des Englischen als Weltsprache auf die alphabetisierten Hindi-Sprecher hat.

Im Hindi-Alphabet sind die Zeichen nach ihren phonetischen Merkmalen angeordnet. Abbildung 6 zeigt diese Anordnung in tabellarischer Form einschließlich der entsprechenden Umschrift nach dem IAST-System (siehe Kapitel 2.2.4). Diese Art der Ordnung ist zunächst gewöhnungsbedürftig, wenn man nur das lateinische Alphabet kennt. Doch eigentlich ist es bei dieser Anordnung einfacher, den gewünschten Buchstaben zu finden, da es im Gegensatz zum willkürlich angeordneten lateinischen Alphabet in einer logischen Reihenfolge steht.

Es folgt eine Beschreibung des Hindi-Alphabets. Soweit die Aussprache nicht näher erläutert wird, werden die Laute wie im Deutschen ausgesprochen.

Zuerst stehen die eigenständigen Vokalzeichen in der Reihenfolge a, ā, i, ī, u, ū, ṛ, e, ai, o und au. ऋ ṛ wird als leicht an der Zungenspitze gerolltes r mit einem angedeuteten i danach

ausgesprochen. ऐ ai wird wie das deutscheäausgesprochen. Die Aussprache von औ au ist eine Kombination aus der deutschen Aussprache von au und einem langen o.

Als nächstes stehen im Hindi-Alphabet die stimmlosen Konsonanten. Sie werden unterteilt in nichtaspirierte und aspirierte Konsonanten. Aspirierte Konsonanten enthalten im Gegensatz zu den nichtaspirierten einen Hauch, ähnlich dem deutschen h.

Danach stehen die stimmhaften Konsonanten. Auch hier stehen zuerst die nichtaspirierten und dann die aspirierten Konsonanten.

Darauf folgen die Nasallaute, Halbvokale und Zischlaute. Letztere werden wieder in stimmlose und stimmhafte Laute unterteilt. Bemerkenswert ist hier der Laut ख ḵha, der dem deutschen stimmlosen ch sehr ähnlich ist und nur in arabischen Wörtern vorkommt. Muttersprachlern des Deutschen und Englischen fällt oft die Unterscheidung zwischen dem palatalen श śa und dem retroflexen ष ṣa schwer, denn beide sind dem englischen sh sehr ähnlich. Tatsächlich können auch viele Inder diese Laute schwer voneinander oder von dem dentalen स sa, das dem englischen s entspricht, unterscheiden. Das stimmhafte ज za entspricht dem deutschen Stimmhaften s, bzw. dem englischen z. Der Halbvokal r entspricht einem leicht an der Zungenspitze gerollten r, ähnlich einer abgeschwächten Version des r im Spanischen.

Als letzter Buchstabe des Hindi-Alphabets folgt der Hauchlaut ह ha, den es auch im Englischen bzw. Deutschen gibt.

Die oben genannten Kategorien sind wiederum geordnet nach dem Ort, an dem der Laut gebildet wird. Zuerst stehen die Laryngale, also Laute, die im hinteren Mund- und Rachenraum gebildet werden. Darauf folgen die Palatale, die am harten Gaumen mit dem Zungenrücken gebildet werden. Die Retroflexe werden mit zurückgebogener Zungenspitze am harten Gaumen gebildet und kommen im Deutschen und Englischen nicht vor. Die Dentale werden an den oberen Schneidezähnen mit der Zunge gebildet. Zum Schluss folgen die Labiale, die mit der Unterlippe an der Oberlippe gebildet werden.

So kommt es, dass es im Hindi zum Beispiel vier verschiedene d-Laute gibt: das aspirierte retroflexe ढ ḍha, das nichaspirierte retroflexe ड ḍa, das aspirierte dentale ध dha und das nichtaspirierte dentale द da, deren Unterscheidung für Muttersprachler des Englischen eine erhebliche Schwierigkeit darstellen kann. Auch hier ist die Unterscheidung aufgrund des häufigen Vorkommens von Minimalpaaren jedoch von großer Wichtigkeit.

Die für Vokale verwendeten diakritischen Zeichen werden in der Tabelle unter dem jeweiligen Vokal abgebildet.

Wie sich bereits erkennen lässt, sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Lauten im Hindi oft sehr fein, besonders zwischen retroflexen und dentalen Lauten. Da es vielerorts in Indien zu einer Vermischung verschiedener Akzente kommt und nicht alle Inder über gute Schreibkenntnisse verfügen, existieren für viele Wörter verschiedene Schreibweisen.

2.2.3 Ligaturen

Soll das inhärente a zwischen zwei Konsonanten ausgelassen werden, so wird dies in der Schrift durch ein Virāma oder eine Ligatur vermerkt. Ligaturen werden aus zwei Silbenzeichen gebildet, die zu einem Zeichen verbunden werden. Dabei wird der senkrechte Strich des ersten Konsonanten ausgelassen. Manche Konsonanten werden auch unter dem anderen geschrieben. Bei manchen Ligaturen kann der Schreiber zwischen den beiden oben genannten Möglichkeiten auswählen. Es gibt für die Devanāgarī etwa 1300 mögliche Ligaturen. Im Hindi werden üblicherweise jedoch nur etwa 200-300 verschiedene Ligaturen verwendet (vgl. Friedrich, 1999: SEITE). Trotz dieser hohen Anzahl bereitet ihr Verständnis normalerweise keine Probleme, da sich in der Regel erkennen lässt, aus welchen Konsonanten die Ligatur besteht. Es folgen zwei Beispiele.

प pa und र ra werden zu प pra, zum Beispiel in पम prema Liebe

स sa und व va werden zu èव sva, zum Beispiel in èवèत svasta gesund

Die Verbindung aus क ka und क ka ist ein Beispiel für eine Ligatur, die auf zwei Arten

geschrieben werden kann:

कक oder

Die Ligaturen stellen eine besondere Herausforderung bei der elektronischen Textverarbeitung von Devanāgarī-Schriftzeichen dar, da das elektronische System die Kombination der beiden Schriftzeichen zu einem völlig neuen Zeichen umrechnen muss (siehe Kapitel 4.1.3).

2.2.4 Umschrift

Generell werden in Hindi-Texten auch Wörter in anderen Sprachen (z.B. Ähospital“) in Devanāgarī geschrieben, sodass eine Art Lautschrift entsteht, die oft eher der Aussprache der indischen Bevölkerung entspricht, als der muttersprachlichen (zum Beispiel अèपताल aspatāla Krankenhaus - von engl. hospital). Im alltäglichen Leben begegnet man allerdings auch Schildern mit Aufschriften auf Englisch oder Hindi in lateinischer Schrift - sogar in ländlichen Regionen, wo nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Englisch spricht (vgl. Kolanad, 2012: 232 ff.). Englisch wird also auch als Marketing-Instrument eingesetzt, um dem Geschäft oder einem Produkt ein internationales oder zumindest urbanes Flair zu verleihen.

Die in Europa gebräuchlichste und in dieser Arbeit verwendete Umschrift für Hindi ist das International Alphabet of Sanskrit Transliteration (IAST). Es wurde 1894 in Genf auf dem internationalen Kongress der Orientalisten entwickelt. Genau wie die Devanāgarī-Schrift hat das IAST besondere Zeichen für lange und kurze Vokale, die drei verschiedenen s-Laute sowie die retroflexen Konsonanten. Damit erlaubt die Umschrift eine phonetische Interpretation. Allerdings kann in einem Punkt Verwirrung entstehen: der Vokal a wird auch am Ende des Wortes ausgeschrieben, obwohl er von Muttersprachlern fast immer kaum oder gar nicht ausgesprochen wird (vgl. Sharma, 1972). Es handelt sich also meistens um einen anderen Laut als das kurze a in der Wortmitte. Jemanden, der mit der Aussprache des Hindi vertraut ist, wird dies jedoch kaum irritieren. Außerdem trifft diese Eigenschaft auf alle hier beschriebenen Transkriptionssysteme zu.

Das IAST stimmt in fast allen Punkten mit dem internationalen Standard ISO 15919 überein.

Bei den Hindi-Zeichen gibt es beim ISO 15919 den Unterschied, dass auch die Vokale e und o mit einem Strich darüber geschrieben werden. Im IAST wird diese Schreibweise nur angewendet, wenn ein langer von einem kurzen Vokal unterschieden werden muss.

Die von der United Nations Group of Experts on Geographical Names (UNGEGN) entwickelte Umschrift United Nations Romanization Systems for Geographical Names (UNRSGN) ist ebenfalls fast identisch mit IAST und unterscheidet sich von dieser nur in der Position der diakritischen Punkte bei ein paar Zeichen (vgl. United Nations Group of Experts on Geographical Names, 2007).

Dabei ist allerdings anzumerken, dass IAST bzw. ISO 15919 in Indien selbst kaum verwendet wird. Die indische Regierung hat stattdessen die Umschrift nach Hunter als offizielles System anerkannt. Diese Umschrift ist das Resultat der Bemühungen britischer Sprachwissenschaftler, die indischen Schriftsysteme in die lateinische Schrift zu übertragen. Auch in diesem System werden lange Vokale durch einen Strich auf dem Vokal von kurzen

Vokalen unterschieden. Retroflexe Konsonanten werden jedoch nicht gekennzeichnet (ध dha und ढ ḍha werden beide als dha geschrieben). Ebenso wird zwischen den beiden sch-Lauten ष ṣ und श ś kein Unterschied gemacht. Darin spiegelt sich die Tatsache wider, dass die Umschrift von Briten entwickelt wurde, die diese feinen Unterschiede nicht als wichtig genug erachtet haben. Die Hunter-Umschrift lässt sich nicht als phonetische Umschrift verwenden und ist daher für eine akkurate Transkription weniger geeignet als IAST/ISO (vgl. United Nations Group of Experts on Geographical Names, 2007).

Um in Hindi geschriebene Texte elekronisch verarbeiten zu können, musste es bis zur Entwicklung des Nachfolgers Unicode eine Umschrift geben, die kompatibel mit der ASCII- Zeichenkodierung ist. ASCII steht für Standard American Code for Information Interchange und ist ein 7-Bit-Code mit dessen Hilfe Texteingaben in digitale Informationen umgewandelt werden. Diese dienen zum Beispiel zur Textausgabe auf Bildschirmen oder zur Ansteuerung von Geräten wie Druckern. Die Kodierung wurde 1963 veröffentlicht und ist bis heute im Einsatz, auch wenn es inzwischen andere Zeichenkodierungen gibt. ASCII verfügt über 33 Steuerzeichen und 95 Schriftzeichen. Zu letzteren zählen die Buchstaben des lateinischen Alphabets, einige Sonderzeichen sowie die im westlichen Raum verwendeten arabischen Ziffern von 0 bis 9 (vgl. Fricke, 2009).

Es können also nur Umschriften verwendet werden, die diesen Zeichenbereich nicht überschreiten. Eine passende Umschrift ist die Harvard-Kyoto Convention. Sie verwendet im Gegensatz zu anderen Umschriften keine diakritischen Zeichen. Auch diese Umschrift ist phonetisch. Zum Beispiel wird mit Hilfe von Groß- und Kleinbuchstaben zwischen langen und kurzen Vokalen (अ a = a, आ ā = A) sowie zwischen labialen und retroflexen Konsonanten (त ta = t, ट ṭa = T) unterschieden (vgl. Aiba, Simmons & Oide, 1999).

Ein ähnlicher Versuch, Hindi mit Hilfe der auf einer englischsprachigen Standard-Tastatur vertretenen Zeichen zu transkribieren, ist die Indian Languages Transliteration (ITRANS). Es wurde erschaffen, als in den 1990er Jahren Hindi-Mailinglisten aufkamen und der Bedarf für eine Umschrift ohne komplizierte Sonderzeichen wuchs.

Aktuell verlieren diese Umschriften jedoch an Bedeutung, denn der ASCII-Code wurde von dem Standard Unicode abgelöst, mit dem praktisch alle Zeichen aus allen Alphabeten der Welt darstellbar sind. Mehr dazu steht in Kapitel 4.3.1..

Der Standard der American Library Association - Library of Congress (ALA-LC) wird für bibliographische Angaben in englischsprachigen Bibliotheken auf der ganzen Welt verwendet. Auch er unterscheidet sich nur durch einige diakritische Zeichen von IAST.

Im Alltag (zum Beispiel in sozialen Netzwerken im Internet) wird jedoch eine ganz andere Form der Umschrift verwendet. Hindi-Wörter werden meist anhand der englischen Aussprache transkribiert. Zum Beispiel wird der Name गीता gītā oft Geeta oder Geetaa (Doppel-a zur Markierung eines langen Vokals) geschrieben. Diese Transkription ist nicht standardisiert, was zu Verwirrung und Verwechslung von Lauten und damit zu Verwechslung von Minimalpaaren führen kann. Zum Beispiel ist nicht sofort ersichtlich, dass bei dem oben

genannten Beispiel ee für ein langes ई ī steht (denn es gibt im Hindi auch das lang ausgesprochene ए e) und dass i für das kurze इ i steht. Besonders für Menschen, die hauptsächlich in Devanāgarī schreiben und lesen und selten mit Umschriften zu tun haben ist die in sozialen Online-Netzwerken übliche Umschrift nur mit Mühe lesbar.

2.3 Grammatik

In der Grammatik ist die Sprachverwandtschaft zwischen Hindi und Englisch (und Deutsch) noch erkennbar, zum Beispiel gibt es viele Tempora, die beiden Sprachen gemeinsam sind. Andererseits gibt es im Hindi auch grammatische Merkmale, die im Englischen nicht vorkommen, zum Beispiel die Deklination von Substantiven.

Im Folgenden werden die wichtigsten Merkmale der Hindi-Grammatik hinsichtlich Wortarten, Tempora, Kasus, Genus, Syntax sowie Höflichkeitsformen behandelt und mit dem Englischen verglichen.

2.3.1 Sprachtypologie und Wortarten

Hindi gehört zu den flektierenden Sprachen. Ein flektierender Sprachbau zeichnet sich dadurch aus, dass Lexeme abhängig von Faktoren wie Kasus, Modus oder Tempus ihre Gestalt ändern, also flektiert werden. Im Hindi werden sowohl Substantive als auch Verben und Adjektive flektiert.

Im Gegensatz dazu werden bei agglutinierenden Sprachen grammatische Funktionen von verschiedenen Affixen übernommen. Bei isolierenden Sprachen wird die grammtische Funktion durch die Syntax ausgedrückt. Dies ist zum Beispiel der im Englischen vorherrschende Sprachbau (vgl. Kortmann, 2005: 121 f.).

Dabei muss angemerkt werden, dass die Flexion im Hindi ein Zeugnis seiner Verwandtschaft zum Sanskrit ist. In neuerer Zeit hat sich Hindi immer mehr in Richtung einer isolierenden Sprache entwickelt (vgl. Gatzlaff-Hälsig, 2003). Es gehen also immer mehr flektierte Formen verloren. Im Englischen ist diese Entwicklung deutlich weiter vorangeschritten.

2.3.1.1 Substantive (सजा saṃajṃā)

Im Hindi haben Substantive im Gegensatz zum Englischen einen Genus (ललग linga): entweder Maskulinum (पल्लग pullinga) oder Femininum èरीललग (strīlinga). Es lässt sich nicht sofort erkennen, welchen Genus ein Substantiv hat. Substantive, die auf -ā oder auf einem Konsonanten enden, sind meist männlich und Substantive, die auf -ī enden sind meist weiblich, aber es gibt einige Ausnahmen. Daher muss der Genus auswendig gelernt werden.

Es gibt im Hindi keine Artikel. Daher muss aus dem Kontext erschlossen werden, ob es sich um ein bestimmtes oder ein unbestimmtes Subjekt handelt. Zur besonderen Betonung kann ein Zahlwort wie एक eka ein/eine vor ein Subjekt gesetzt werden.

Allerdings gibt es wie im Hindi wie im Englischen die beiden Numeri (वचन vacana) Singular (एकवचन ekavacana) und Plural (िहवचन bahuvacana). Es gibt pro Genus jeweils zwei Pluralformen, die durch Suffixe gebildet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Außerdem können Substantive in drei verschiedenen Kasus (कारक kāraka) stehen. Der Casus rectus (मल रप mula rūpa) ist mit dem deutschen Nominativ bzw. dem englischen direct case zu vergleichen. Im Englischen richten sich nur Personalpronomen nach dem Kasus. Sie können im Casus rectus (I), im Casus obliquus (me) oder im Genitiv (my) stehen. Diese Deklination der Personalpronomen ist auch im Hindi zu finden.

मरा कमरा िड़ा ह merā kamrā baṛā hai mein Zimmer ist groß

Der Casus obliquus (ववकत रप vikṛta rūpa) wird ausgelöst, wenn auf ein Substantiv eine Postposition folgt. Er signalisiert, dass ein Substantiv das Objekt des Satzes ist und signalisiert daher, dass Objekt und Subjekt zueinander in Beziehung stehen. Im Singular wird der Casus obliquus bei manchen Nomen durch die Endung -e signalisiert. Im Plural bekommen alle Nomen im Casus obliquus die Endung -oṃ.

मर कमर म सामान ह mere kamre meṃ sāmāna haiṃ in meinem Zimmer sind Möbel

कमरो म सामान ह kamroṃ meṃ sāmāna haiṃ in den Zimmern sind Möbel

Der Vokativ (सिोधन कारक saṃbodhana kāraka) wird verwendet, wenn eine Person gerufen wird. Er wird mit der Endung -o gebildet.

आए लोगो ! āe logo! he, ihr da!

2.3.1.2 Verben (किया kriyā)

Im Infinitiv enden Hindi-Verben immer auf -ना nā. Sie werden nach Person, Genus und Numerus des Subjekts, Tempus, Modus und Genus verbi flektiert.

Wie im Englischen gibt es im Hindi drei Personen. Ein Unterschied zum Englischen ist, dass neben dem Numerus auch der Genus des Subjekts Einfluss auf die Verbform nimmt.

पकाश िोलता ह prakāśa bolatā hai Prakash spricht

गीता िोलती ह gītā bolatī hai Gita spricht

Außerdem wird zwischen transitiven und intransitiven Verben unterschieden. Transitive Verben lösen im Präteritum, im Perfekt, im Plusquamperfekt, im Futur III, im Konjunktiv III und im Konditional III die Verwendung der Postposition न ne sowie des Casus obliquus aus.

लड़क न आल खाया laṛke ne ālu khāyā der Junge aß eine Kartoffel

Im Hindi gibt es zehn Tempora: generelles Präsens, duratives Präsens, Präteritum, duratives Imperfekt, generelles Imperfekt, Perfekt, Plusquamperfekt, Futur I, Futur II und Futur III. Damit hat Hindi vier Tempora mehr als das Deutsche. Die durativen Zeitformen sind mit den Englischen Äcontinuous tenses“ zu vergleichen, d.h. sie drücken aus, dass jemand gerade dabei ist bzw. dabei war etwas zu tun. Das Imperfekt hat eine ähnliche Funktion wie zum Beispiel das Äimparfait“ im Französischen. Es drückt sich wiederholende Handlungen in der Vergangenheit aus. Im Englischen wird das Imperfekt nicht durch die Morphologie sondern mit Hilfe von Konstruktionen wie Äused to“ oder Äwould“ ausgedrückt.

म िोलता था maiṃ boltā thā ich pflegte zu sprechen (von einer männlichen Person gesagt)

Das Präteritum wird hingegen für einmalige Handlungen verwendet. मन िोला maiṃne bolā ich sprach

Das Perfekt steht wie im Englischen für noch nicht abgeschlossene Handlungen, die in der Vergangenheit begonnen haben.

मन िोला ह maiṃne bolā hai ich habe gesprochen

Die drei Formen des Futurs im Hindi haben allerdings andere Bedeutungen als im Deutschen. Das Futur I entspricht dem deutschen Futur I. Das Futur II drückt allerdings aus, dass etwas wahrscheinlich in der Zukunft passieren wird oder dass man annimmt, dass etwas geschehen wird. Das Futur III ähnelt dem deutschen Futur II (Äer wird gegangen sein“).

Das Hindi verfügt über fünf Modi: Imperativ, Optativ, Indikativ, Konjunktiv und Konditional. Alle außer dem Optativ kommen auch in der deutschen Sprache vor. Der Optativ wird aus Gründen der Höflichkeit genutzt (siehe Kapitel 2.3.3.1). Er entspricht einer besonders höflichen āpa-Form (2. Person Singular oder Plural) des Imperativs und wird gebildet, indem die Suffixe -इय -iye, -इयगा -iyegā oder -इयो -iyo an den Verbstamm gehängt werden.

िोललएगा ! boliegā! Sprechen Sie bitte!

Wie im Deutschen gibt es die beiden Genera verbi Aktiv und Passiv. Der Passiv wird gebildet, indem das Partizip perfekt mit dem im Präsens stehenden Hilfsverb जाना jānā gehen kombiniert wird. म हहदȣ िोलती ह maiṃ hindī bolatī huṃ ich spreche Hindi हहदȣ भारत म िोलȣ जाती ह hindī bhārata meṃ bolī jātī hai Hindi wird in Indien gesprochen Aus den oben angeführten Regeln, ergibt sich eine sehr große Vielfalt von Verbformen, die durch das Auftreten von unregelmäßigen Verben noch erhöht wird.

Hilfsverben (सहायक किया sahāyaka kriyā)

Im Hindi werden sehr oft Hilfsverben verwendet, die den Bedeutungsumfang eines Verbs erweitern. Das am häufigsten verwendete Hilfsverb ist होना honā sein. Es wird zur Bildung verschiedener Zeitformen verwendet.

म हहदȣ िोलती ह maiṃ hindī bolatī huṃ ich Hindi spreche bin - ich spreche Hindi

Das Verb जाना jānā gehen zeigt an, dass eine Handlung abgeschlossen ist, wenn es als Hilfsverb verwendet wird. Es wird hinter die Wurzel des Verbes gestellt, das es bestimmt.

वपयका घर आ गई ह priyaṃkā ghara ā gaī hai Priyanka zuhause gehen-gegangen ist - Priyanka ist zuhause angekommen

Die Hilfsverben लना lenā nehmen und दना denā geben werden nach dem gleichen Prinzip eingesetzt. Lenā steht dafür, dass die Handlung dem Handelnden zugutekommt. Denā steht dafür, dass jemand anders als der Handelnde von der Handlung profitiert.

य चीज ल लो ye cīzeṃ le lo diese Sachen nehmen-nimm - nimm diese Sachen

मझ Üयाज द दो mujhe pyāza de do mir Zwiebel geben-gib - gib mir die Zwiebel

Der Gebrauch solcher Hilfsverben erscheint Sprechern europäischer Sprachen in vielen Fällen als redundant. So werden jedoch Bedeutungsnuancen transportiert, die in anderen Sprachen nicht ausgedrückt werden. Im ersten der beiden obigen Beispiele wird durch das Ädoppelte“ lenā suggeriert, dass der Handelnde auf irgendeine Weise davon profitiert, dass er die Sachen nimmt.

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Details

Seiten
109
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668044401
ISBN (Buch)
9783668044418
Dateigröße
3.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305851
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation
Note
1,7
Schlagworte
Hindi Indien Fachkommunikation Sprachwissenschaft Übersetzen Fachübersetzung Übersetzung Hinduistik Sprachpolitik Lokalisierung Fachsprachen Sprachplanung Code Switching Devanagari maschinelle Übersetzung Sprachdatenverarbeitung

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Titel: Hindi in der internationalen Fachkommunikation