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Helmut Qualtinger und Serdar Somuncu auf Lesereise mit Hitlers „Mein Kampf“

Eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mein Kampf
2.1 Genese
2.2 Inhalt und Edition
2.3 Verbreitung
2.4 Rechtslage

3. Helmut Qualtinger
3.1 Persönlicher Kontext und Umsetzung der Idee
3.2 Die Qualtinger-Lesung im historischen Kontext
3.3 Qualtingers Kunst des Stimmenimitierens und das Vorlesen
3.4 Öffentliches Interesse, Politik und Pressestimmen

4. Serdar Somuncu
4.1 Biographisches
4.2 Historischer und persönlicher Kontext
4.3 Recherche und Inhalt
4.4 Intention
4.5 Annäherungen an die Rolle und Lesung
4.6 Auf Tournee
4.7 Pressestimmen

5. Zusammenfassung

6. Literatur

1. Einleitung

Deutsche Geschichte ist anstößig - vor allem dann, wenn es um den Nationalsozialismus geht. Diese Zeit gehört, anders als das Kaiserreich oder die Weimarer Republik, nicht allein den Historikern, die sich berufsmäßig damit beschäftigen. Sie gehört vor allem der Öffentlichkeit: Politikern und Journalisten, Verbands Vertretern und Schriftstellern, den Zeitzeugen und ihren Nachkommen - und Künstlern. Um die Zeit des Nationalsozialismus wird gestritten, und eben dieser Streit sichert ihr einen privilegierten Dauerplatz auf der Bühne des öffentlichen Interesses. Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus bildet den Kern nachkriegsdeutscher Identität. Sie definiert unser Verhältnis zu uns selbst und unseren Nachbarn, sie trennt und vereint Generationen, Ost und West. Wie diese Auseinandersetzung erfolgt, ist dabei sehr individuell und geschieht auf unterschiedliche Weise.

Helmut Qualtinger, der österreichische Menschenimitator, und Serdar Somuncu, ein deutscher r w ' A Schauspieler, Kabarettist türkischer Herkunft, haben sich in ihrer ganz eigenen Weise mit dem Nationalsozialismus auscinandergcsctzt und ließen die deutsche Öffentlichkeit daran teilhaben. Beide begaben sich mit Hitlers Autobiographie Mein Kampf auf Lesereise durch Deutschland und Europa. Qualtinger wohl aus einem inneren Bedürfnis heraus, Somuncu eher durch Zufall. Beachtenswert erscheint in diesem Zusammenhang auch der persönliche und historische Kontext der Künstler zu sein. Qualtinger hat den Krieg noch als Jugendlicher miterlebt, Somuncu ist erst 1968 geboren. Qualtingers Lesung ist eingebettet in eine Hitler­Renaissance, die rechtzeitig zum 40. Jahrestag der „Machtergreifung“ der Nazis nach Deutschland schwappte. Somuncu las erstmals 1996 aus Mein Kampf, im gleichen Jahr, als in Lübeck zehn Menschen in einem Asylbewerberheim verbrannten. Obwohl die Täter nie gefasst wurden, geht die Staatsanwaltschaft von einer rassistisch motivierten Tat aus.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Künstler im Umgang mit diesem brisanten Thema aufzuzeigen und deren Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu untersuchen.

Zunächst erfolgt eine Einführung in die Geschichte des Buches, dessen Entstehung und die rechtliche Lage. Im Anschluß daran steht die Analyse der Programme von Qualtinger und Somuncu und deren Vergleich. Die Einordnung in den historischen Kontext fällt in diesen Bereich. Abschließend werden die entscheidenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zusammengefaßt.

2. Mein Kampf

2.1 Genese des Buches

Nach dem missglückten Putschversuch[1] vom 9. November 1923 begann am 26. Februar 1924 in München der Hochverratsprozess gegen Hitler und diejenigen, die daran beteiligt waren. Die Nachricht, dass es ein ordentliches, öffentliches Gerichtsverfahren gegen Hitler geben würde, brachte Hitler wieder in bessere Stimmung. Alan Bullock schreibt in seinem Buch Hitler uncí Stalin, Parallele Leben: „Er sah darin die Chance den gescheiterten Putsch nachträglich in einen Triumph umzuwandein“. (Bullock 1991, S. 190)

Angeklagt waren Hitler, Ludendorff, Rohm, Frick, Pöhner, Kriebel und vier weitere Beteiligte, während Kahr, Lossow und Seisser für die Anklage in den Zeugenstand traten. Joachim Fest in seiner Hitler-B io graphie: und schon aus dieser eigentümlichen prozessualen Gegenüberstellung, die den komplizierten Einverständnissen der Vorgeschichte schwerlich entsprach, hat Hitler Nutzen gezogen:“ (zitiert nach Fest 1973, S. 275). Hitler drehte den Spieß in der Folge geschickt um, denn er bestritt den Vorwurf des Hochverrats nicht, sondern bekannte sich stolz dazu und stellte die Zeugen der Anklage gleichsam mit an den Pranger, indem er sie beschuldigte, sic seien in der Sache ebenfalls verwickelt gewesen, nur besäßen sie nicht den Mut und die Aufrichtigkeit, es zuzugeben. Da dies der Wahrheit entsprach, hatte Hitler damit sogleich die Initiative an sich gerissen, (vgl. Bullock, S. 192). Immer wieder wurden Äußerungen Hitlers während des Prozesses mit lautstarkem Applaus des vollbesetzten Gerichtssaals bedacht.

„Die Verantwortung trage ich allein. Aber Verbrecher bin ich deshalb nicht; [...] Es ist unmöglich, daß ich Hochverrat getrieben habe. Es gibt keinen Hochverrat bei einer Handlung, die sich gegen den Landesverrat von 1918 wendet. [...] Ieh fühle mich [...] als Deutscher, der das Beste für das deutsche Volk gewollt hat" (zitiert nach Fest, S. 275).

Der Prozess dauerte 24 Tage und beherrschte die Titelseiten aller deutschen Zeitungen. „Damit gelang Hitler erstmals der Durchbruch zu landesweiter Publizität“ (Bullock, S. 193). Nach Würdigung aller Beweise sprach das Gericht Ludendorff frei, verhängte gegen Hitler lediglich die Mindeststrafe von fünf Jahren Festungshaft und stellte ihm nach Verbüßung von sechs Monaten eine Bewährungsfrist in Aussicht,

Bullock schreibt zum Auftreten Hitlers während des Prozesses: „Sein Auftritt vor Gericht setzte Hitler in die Lage, sieh nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis als derjenige zu profilieren, der als einziger einen Putschversuch gewagt, dafür die Verantwortung getragen und erklärt hatte, er werde seinen Kampf gegen die verhaßte Republik fortsetzen“ (Bullock, S. 193)

Rund vierzig nationalsozialistische Parteigänger waren mit Hitler in Landsberg am Lech in Haft, Hitler verbrachte sie unter angenehmsten Bedingungen. Zu Beginn pflegte er eine umfangreiche Korrespondenz und konnte beliebig viele Zeitungen und Bücher lesen. Am Mittagstisch hielt er liof, den Respekt beanspruchend und genießend, der ihm als Parteiführer zustand (vgl. hierzu Bullock und Fest), Vom Juli 1924 an zog er sich jedoch für längere Zeit zurück, um Mein Kampf za diktieren, wobei ihm zu Beginn erst sein Chauffeur Emil Maurice und später sein persönlicher Sekretär Rudolf Heß zur Hand gingen. Tatsächlich verfasste Hitler zwischen 1924 und 1928 drei Bücher, Den ersten Teil von Mein Kampf (geplanter Titel: Viereinhalb Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit), 1925 veröffentlicht. Den zweiten Teil von Mein Kampf diktiert in Hitlers Haus auf dem Obersalzberg und Ende 1929 publiziert; und sein so genanntes Zweites Buch, seinem Verleger Max Amann 1928 diktiert, aber niemals publiziert und gänzlich unbekannt geblieben, bis das maschinengeschriebene Manuskript 1958 autgefimden wurde.

Bullock und Fest begründen Hitlers Interesse an einer Veröffentlichung eines Buches unterschiedlich: Bullock glaubt, dass die Veröffentlichung eines politischen Manifestes in Buchform helfen konnte, die NS-Bewegung nach Verbüßung Hitlers Strafe wiederzubeleben und seinen selbst verkünd et en Anspruch auf ihre Führung einzulösen (vgl. Bullock, S.196f.). Einen weiteren Grund für das Verfassen des Buches, vermutet Fest, könnte die Gelegenheit gewesen sein, seine Ideen zu ordnen und seine „Weltanschauung“ zu Papier zu bringen, jenes Idecnfimdament, das er als unerläßliche Grundlage für wirksames politisches Handeln betrachtete. „Diese Zeit gab mir Gelegenheit, mir über verschiedene Begriffe klarzuwerden, die ich bis dahin nur instinktiv empfunden hatte“, schreibt Hitler in Mein Kampf (zitiert nach Fest, S. 289).

Wesentlicher erscheint jedoch die Tatsache, dass Hitler, nachdem er seinen Dogmenkatalog einmal beisammen hatte - in den wesentlichen Grundzügen schon in Mein Kampf endgültig dann zum Zeitpunkt der Niederschrift semes unveröffentlichten Zweiten Buches im Jahr 1928 - nie mehr veränderte.

„Hs besteht eine offenkundige Kontinuität zwischen Ideen, die er in den Zwanziger Jahren zu Papier brachte, seinen Aussagen in den Tischgesprächen der vierziger Jahre und dem politischen Testament, das er kurz vor seinem Selbstmord im April 1945 im Bunker diktierte“ (Bullock, S, 198).

Auch Hitler selbst bestätigt diese Vermutung, indem er schreibt:

In dieser Zeit bildeten sieh mir ein Weltbild und eine Weltanschauung, die zum granitenen Fundament meines derzeitigen Handelns wurden. Ich habe zu dem, was ich mir so einst schuf, nur Weniges hinzulernen müssen, zu ändern brauchte ich nichts. [...]“ (Adolf Hitler, Mein Kampf)

2.2 Inhalt und Edition

Hitler vermied es, sich explizit zu seinen Quellen zu äußern. Dabei lässt sich jedes Element der in Mein Kampf dargelegten „Weltanschauung“ ohne weiteres einem oder mehreren Autoren des 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende zuordnen, wenn auch keiner sie in dieser Form zusammensetzte. Was jedoch tatsächlich Grundlage für Mein Kampf war, lässt sich heute schwer nachvollziehen. Denn Hitler vermied es über seine bevorzugten Autoren zu sprechen, da er sich als immerwacher Autodidakt vor dem Verdacht geistiger Abhängigkeiten schützen wollte (vgl. Fest 289).

Otto Strasser, dessen Bruder Gregor Strasser mit Hitler in Landsberg inhaftiert war, schrieb in seinem Buch Hitler und ich zur Erstfassung von Mein Kampf dass es sich um ein Konglomerat „schlecht verdauter politischer Lektüre“ handelte. Namentlich um Ansichten von Karl Lueger, Georg von Schönerer, Houston Stewart Chamberlain, Paul de Lagardc und Alfred Rosenberg zur Außenpolitik sowie antisemitische Wutausbrüche von Streicher[2] (vgl. Strasser, S. 45). Hans Frank hat für die Landsberger Monate Nitzsche, Chamberlain, Ranke, Treitschke, Marx und Bismarck genannt.

„Aber daneben und auch davor hat er die Elemente seines Weltbilds aus den Ablagerungen bezogen, die der Strom pseudowissenschaftlicher Kleinliteratur aus weil entfernten, kaum mehr auffindbaren Quellen bezogen hat: rassenkundliche und antisemitische Schriften, Theoriewerk zu Germanentum, Blutmystik und Eugenik, auch geschichtsphilosophische Traktate und Darwinismuslehren“ (Fest, S. 289).

Fest steht jedoch, dass der langatmige, stark von Floskeln geprägte Text - „alles zusammen [...] im Stil eines Sextaners geschrieben, von dem erst später klare Aufsätze zu erwarten sind“ (zitiert nach Strasser, S. 86) - von Vertrauten Hitlers und Lektoren wiederholt stilistisch und grammatikalisch geringfügig verbessert wurde. Die meisten der rund 2300 Änderungen stammen aus der Zeit vor 1933 und betreffen den ersten Band.

Bernd Sösemann beschreibt eine der bedeutendsten Abänderung in einem Artikel in Die Welt vom 20. Mai 2008, Diese galt einem innenpolitischen Prinzip beziehungsweise der Parteiführung. Hitler ersetzte nämlich 1930 in seiner Feststellung „Die Bewegung vertritt im kleinsten wie im größtem den Grundsatz der germanischen Demokratie, gepaart mit höchster Verantwortung“ den kursiv hervorgehobenen Begriff durch „unbedingten Führerautorität“[3].

Hitler sei es in Mein Kampf wichtig, so Sösemann „nicht nur die Ziele der Bewegung klarzulegen, sondern auch ein Bild der Entwicklung derselben zu zeichnen“. Mit Kindheit und Jugend, den Wiener und Münchner Erlebnissen aus der Vorkriegszeit setzt er ein, schildert seine Erfahrungen aus Krieg und Revolution, räsoniert über Volk, Antisemitismus und Rasse und endet im zwölften Kapitel mit einem Bericht über die Parteigründung. Fest schreibt in seiner Hitler-Biographie: „Anfangs als Abrechung und Bilanz nach „viereinhalb Jahren Kampf“ gedacht, entwickelte es sich zusehends zu einer Mischung aus Biographie, ideologischem Traktat sowie taktischer Aktionslehre und diente gleichzeitig der Verfestigung der Führerlegende“(Fest, S. 290).

Die 15 Kapitel des zweiten Bandes behandeln Themen wie Weltanschauung und Propaganda, Staat, Parteien und Gewerkschaften, Politik als Kampf Organisation und Außenpolitik (Lebensraum).

2.3 Verbreitung

Trotz intensiver Werbekampagnen verkauften sich die zehntausend Exemplare von Mein Kampf (- Eine Abrechnung) ebenso schlecht wie der Nachfolgeband (Die nationalsozialistische Bewegung), der anderthalb Jahre später in gleicher Auflagenhöhe vor lag.

Die Situation änderte sich im Frühjahr 1933, als Hitler in dem Präsidialkabinett Hugenberg- Papen die Reichskanzlerschaft angetragen wurde. Danach schnellte die Auflage gewaltig in

die Höhe. Die Grafik im Anhang dieser Arbeit zeigt die Phasen eines unaufhaltsamen Erfolgs. Von Ende 1932 an stieg die Auflage bis zum Jahresende von 1936 um das Dreizehnfache. Anschließend wurden Standesämter und Verwaltungen verpflichtet, die Geschenkexemplarc für Brautpaare oder Ehrenbürger aus ihrem Etat zu finanzieren. Um dieses einträgliche Geschäft nicht zu gefährden, erwirkte Hitler das besondere Gesetz, dass sein Buch nicht zweiter Hand verkauft werden durfte. Der Reichtum des Autors Hitler gründete sich auf diesen Zwangskauf und diversen Sonder- und Lederausgaben, Offiziers- und Feld-, Pracht- und Jubiläums-Ausgaben bei einem Honorar von mindestens zehn Prozent.

Als erste fremdsprachige Ausgaben unter den weltweit mindestens 14 Übersetzungen publizierte im Oktober 1933 ein amerikanischer und ein britischer Verleger gekürzte Textausgaben (My Battle; My Struggle). Eine italienische Übersetzung beschränkte sich vorerst auf den zweiten Band (La Mia Battaglia, 1934); 1938 folgte der erste Band (La Mia Vita). Die Originalmanuskripte von Mein Kampf gelten seit 1945 als verschollen; einige Fragmente von Typoskripten mit handschriftliche Marginalien sind 2007 aufgetaucht.

2.4 Rechtslage

Da Hitler bis zu seinem Tod mit Wohnsitz am Prinzregentcnplatz 16 in München gemeldet war, wurde sein Vermögen, das von den Alliierten beschlagnahmt worden war, nach Kriegsende vom Freistaat Bayern eingezogen. Zu diesen Vermögenswerten zählen nach Ansicht des Bundeslandes Bayern auch die Nutzungsrechte an Mein Kampf. Sie enden am 31. Dezember 2015 (70 Jahre nach Hitlers Tod, gemäß Urheberrechtsgesetz). Der Bayerische Staat geht gegen unkommentierte oder vollständige Nachdrucke mit allen rechtlichen Mitteln vor.

Der Historiker und Hitlerbiograph Werner Maser schreibt zur Rechtslage: „[...] Der Anspruch des Bayerischen Staatsministeriums der Finanzen, mit der Übertragung des 1945 liquidierten Franz-Eher-Verlages zugleich auch über die Urheberrechte an Mein Kampf zu verfügen, ist rechtlich umstritten, was ausländische Verlage, so beispielsweise auch der russische Verlag “T­OKO”, der das Buch 1992 - ohne Kürzungen - publizierte, zu ihren Gunsten nutzen. Schon eine Klage auf Wahrnehmung des Nutzungsrechts seitens der Erben Hitlers würde das Bayerische Ministerium zwingen, seine Ansprüche zu überprüfen. Der Freistaat Bayern war laut Urteil des Landgerichts München I vom 15. Oktober 1948 zwar berechtigt, Hitlers Vermögen zu beschlagnahmen; aber er war[4] und ist niclit berechtigt, auch als Inhaber des Urheberrechts von Adolf Hitler aufzutreten, da das Urheberrecht ein Recht eigener Art mit ineinander über greifenden verwertungs- und urhebcrpcrsönlichkcitsrcchtlichen Befugnissen darstellt, so dass weder die Vorschriften über Vermögensrechte (insbesondere des Sachrechts) noch über die des Persönlichkeitsrechts unmittelbare Anwendung finden können. Die Berufung des bayerisehen Finanzministeriums im Zusammenhang mit dem behaupteten Erwerb des Urheberrechts auf die bayerische Einziehungs verordnung von 1948 ignoriert, dass das Urheberrecht zwar vererblich, jedoch unübertragbar ist. Der Kern des Urheberrechts ist kraft Erbganges auf die Erben Adolf Hitlers übergegangen. [...]“ (zitiert nach Maser: S.23)

In den angelsächsischen Ländern, in Israel (dort wird in Englisch und Hebräisch nachgedruckt) und in Skandinavien erscheinen immer mehr Nachdrucke. Während die Rechtslage in den USA und Großbritannien eindeutig eine Veröffentlichung erlaubt, ist die Lage in Skandinavien unklar. Einem (politisch linksliberalen) Verleger in Schweden beispielsweise wurde die Publikation untersagt; er musste allerdings bisher keinerlei Sanktionen furchten, obwohl er die Veröffentlichung fortsetzte. Ob Bayern überhaupt das Urheberrecht für Mein Kampf in Schweden besitzt, ist gerichtlich noch nicht abschließend entschieden, ln Deutschland darf Mein Kampf laut einem Urteil des Bundesgerichtshofes antiquarisch vertrieben werden (BGHSt 29, 73). Auch der Besitz des Buches ist legal.

3. Helmut Qualtinger

3.1 Persönlicher Kontext und Umsetzung der Idee „Wenn sich Helmut Qualtinger für ein Thema entschied“, so schreibt Gunna Wendt in ihrer Qualtinger-Biographie, „war das keine freiwillige Wahl, sondern eine Notwendigkeit. Dann hatte er dieses Thema schon lange mit sich herumgetragen, in sich gespeichert und suchte einen Außerungsweg, ein Ausweg“ (Wendt, S. 130). Beim Thema Nationalsozialismus führte ihn dieser Weg oft auf die Bühne - in einigen Fällen mit nichts mehr als einem Tisch und der Leselampe und ihm selbst als Gesamtkunstwerk. Erich Kuby schreibt dazu im Magazin Stern vom 20. September 1973: „Indem er, Hitlers Text lesend, mit Hitlers Stimme dessen Blödsinn einem heute kaum betroffenen, eher amüsierten Publikum bewußt macht, glaubt Qualtinger, er trüge ein Duell auf Leben und Tod mit dem verflossenen Führer aus und versetzte ihm einen späten Todesstoß im Rampenlicht. ,Den hab i erwischt, den Kerl, den hab i erwischtľ, sagt er darüber“ (Kuby, S. 75).

Obwohl Qualtinger erst 16 Jahre alt war, als der Krieg zu Ende ging, glaubt er, es könne einer auf die Idee kommen, ihm vorzuwerfen, dass er kein Widerstandskämpfer gewesen sei. Das

sitzt sdir tief. Kehlmann schreibt in seiner Biographie über den jungen Nachkriegs­Qualtinger:

„Und so marschierte Adolf Hitler durch unsere Bibliothek, die abgewinkelte Hand zum Gruß erhoben, [...] und hielt dazu Reden von beiden[5]. Dann rülpste ein Gauleiter, und Hitler sah ihn strafend an. Und die Familie bog sich vor Lachen, meine kleine Schwester jauchzte vor Freude, und mein Vater war den Tranen nahe“ (Kehlmann, S. 89).

Wie ein roter Faden zieht sich die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus durch Qualtingers Leben und gipfelt in der Lesung aus Mein Kampf. Neben der geistigen Kontroverse gibt es auch eine ganz handfeste, über die Qualtinger in Die Weit vom 7. August 1976 spricht. In einem Bremer Lokal hatte ein Gast nämlich Goebbels Tiraden geschwungen, was zu einigen Blutergüssen auf beiden Seiten führte.

„Bei Adolf Hitler“, sagt Qualtinger in einem Interview mit dem deutschen Playboy, „war es die Faszination der Dummheit und des Unartikulierten, die über das Geprägte hinausgeht. Das Phänomen der Dummheit, das mich, glaube ich, ein Leben lang umkreisen wird“ (zitiert nach Fuldaer Volkszeitung vom 9. Mai 1974).

Doch was wollte Qualtinger neben den persönlichen Motiven mit der Lesung aus Mein Kampf bewirken? „Ich möchte die Leute, wenn’s geht, erschrecken“, sagt Qualtinger in einem Interview mit Der Spiegel vom 29. Januar 1973. „Um aus zeitlicher Distanz Phrasen und Klischees zu denunzieren, die einst ein ganzes Volk verführten“, erklärt Qualtinger am Ende der ersten Lesung im Hamburger tik-Theater,

„Seinerzeit habe kaum einer das Schriftwerk gelesen - weil es gratis vergeben wurde. Leider, denn die Schwarte lieferte doch, dreist prophezeiend, den präzisen Fahrplan des größten Ego-Trips aller Zeilen“ (zitiert aus Der Spiegel, 29. Januar 1973).

Allerdings hat Donald Watt daraufhingewiesen, dass Bewegungen, bei denen politische Loyalität die Form von Glaubensbekenntnissen annimmt, offenbar immer so etwas wie eine Bibel brauchen (siehe Stalins Grundlagen des Leninismus, die Mao-Bibel). Wie die Bibel, braucht ein solcher Text nicht verstanden oder auch nur gelesen zu werden.

„Er muß natürlich eine Botschaft enthalten, die sich auf einfache Formeln reduzieren läßt [...] Aber seine Komplexität und Unverständlichkeit sind von Vorteil, demonstrieren sie doch die Tiefgründigkeit der Visionen des Führers [...] Für sie (die Gefolgsleute, Anm. des Verfassers) genügte cs, daß es existiert“ (D.C. Wall, Einführung zur englischen Ausgabe von Mein Kampf London 1969, S. XIII - XIV zitiert nach Bullock, S. 197)

[...]


[1] Am 8. und 9. November 1923 versuchte Hitler von München aus, begünstigt durch den schweren Konflikt der bayerischen Regierung unter G. Ritter von Kahr mit dem Reich, die Reichsregierung in Berlin gewaltsam zu stürzen und eine Diktatur zu errichten. Kahr, der zum Schein auf die Pläne Hitlers und General Ľ. LudendorlTs cinging, schlug den Putsch am 9. November mithilfe von Reichswehr und Polizei nieder.

[2] Streicher propagierte einen eliminatorischen und ungewöhnlich vulgären Antisemitismus, der ihm Kritik selbst in seiner Partei einbrachte. Die wesentliche Plattform dafür war die von ihm gegründete, ihm gehörende und von ihm herausgegebene Hetzschrift „Der Stürmer“.

[3] Allerdings verfuhr Hitler damit aber nicht konsequent, denn auf Seite 100 blieb erhalten: „Gott sei gedankt, darin liegt ja eben der Sinn einer germanischen Demokratie, dass nicht der nächstbeste unwürdige Streber und moralische Drückeberger auf Umwegen zur Regierung seiner Volksgenossen kommt, sondern dass schon durch die Größe der zu übernehmenden Verantwortung Nichtskönner und Schwächlinge zurückgeschreckt werden.“ (vgl. Sösemann)

[4] Das bayerische Finanzministerium, das sich auf eine Entscheidung der Spruchkammer des Landgerichts München 1 vom 15. Oktober 1948 beruft, ging (und geht) davon aus. dass eine Neuveröffentlichung von Mein Kampf das Ansehen der Bundesrepublik im Ausland schädigen und ihr den Vorwurf eintragen könnte, eine “Weiterverarbeitung nationalsozialistischen Gedankengutes” zu dulden.

[5] Neben Hitler ist Goebbels gemeint.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668039353
ISBN (Buch)
9783668039360
Dateigröße
11.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305814
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsche Philologie
Note
1,7
Schlagworte
helmut qualtinger serdar somuncu lesereise hitlers mein kampf eine auseinandersetzung nationalsozialismus

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Titel: Helmut Qualtinger und Serdar Somuncu auf Lesereise mit Hitlers „Mein Kampf“