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Identitätsbildung in organisierten Gesellschaften. Eine Untersuchung in Anlehnung an George Herbert Mead

Bachelorarbeit 2014 49 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein Einblick in den klassischen Behaviorismus
2.1 Die Definition des Begriffs „Behaviorismus“ nach George H. Mead
2.2 Die Bedeutungen von Haltungen, Gesten und Bewusstsein im Behaviorismus

3. Ein Einblick in den Pragmatismus
3.1 Wie George Herbert Mead dem Pragmatismus begegnet

4. Wie Identität entsteht
4.1 „I“ und „me“- Das „Ich“ und das „ICH“ im gesellschaftlichen Zusammenleben
4.2 Individualität und Gesellschaft

5. Die Bedeutung von Kommunikation für die Ausbildung der Identität

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Identitätsbildung oder Identitätsfindung ist ein großes philosophisches Feld, mit dem sich viele bekannte und weniger bekannte Philosophen befassen und be- fasst haben. Gerade die Auseinandersetzung des Individuums mit der Gesell- schaft und der Einfluss der Gesellschaft auf die Möglichkeit der Selbstfindung finden hier große Beachtung. Kommunikation untereinander, also Sprache, aber auch Mimik und Gestik haben hieran ihren Anteil. Zu diesem Thema finden sich unterschiedlichste philosophische Ansätze und Herangehensweisen. So wird vom Verhalten des Tieres auf den Menschen geschlossen, wie weiter un- ten ausgeführt werde wird. Andere Ansätze finden sich in der Beobachtung der Entwicklung des Kindes während der frühen Kindheit und der späteren Adoles- zenz, wie Erik H. Erikson beispielsweise in seinen Arbeiten explizit macht. Es ist Charles Taylor zu nennen, der in seinem Werk Quellen des Selbst in der Erst- auflage aus 1996, seinen Zugang zu diesem Thema deutlich macht, indem er beispielsweise darstellt, dass es zur Identitätsbestimmung unablässig ist, das Wesen des moralischen und guten Lebens zu berücksichtigen. Taylor sieht die- se beiden Kriterien als Anleitung zur Definition der eigenen Identität. Sie stellen die Maßstäbe für die „starken Wertungen“ dar (vgl. Taylor 1994, S. 17). Diese Sichtweise Taylors genauer zu erläutern, würde an dieser Stelle zu weit führen, sondern soll lediglich einen ersten Einblick in unterschiedliche, philosophische Ansichten ermöglichen.

In diesem Zusammenhang kann als weiteres Beispiel philosophischer Ausei- nandersetzung mit diesem Thema ein Werk neueren Datums angeführt wer- den, welches unter dem Titel Selbstbewußtsein von Sebastian Rödl, in Erstauf- lage aus 2011, veröffentlicht wurde. An dieser Stelle soll ein kurzes Zitat Rödls einen kleinen Einblick in seine Vorstellung von Selbstbewusstsein gewähren:

„Selbstbewußtsein ist diejenige Natur eines Subjekts, die sich darin zeigt, daß es Gedanken denkt, deren sprachlicher Ausdruck die Verwendung des Prono- mens der ersten Person, >>ich<<, verlangt“ (Rödl 2011, S. 7). Gernot Böhme beschreibt in seiner Arbeit Ich-Selbst in der Erstauflage aus 2012, um einen weiteren Vertreter neuerer Zeit zu nennen, das „Ich“ und das „Selbst“ als zwei Pole innerhalb einer Person. Er distanziert sich dabei jedoch von dem Gedanken Goethes als Zweiheit innerhalb einer Person, wie es aus seinem Faust bekannt ist, „Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust“ (Faust 1, S. 1112). Vielmehr möchte Böhme diese zwei Pole als Möglichkeit der Balance innerhalb des Individuums verstanden wissen und ist der Meinung: „Das Ich ist die bewusste Person und das Selbst: das sind die Quellen der Subjektivität. Souveränes Menschsein vollzieht sich deshalb im Zu- sammenspiel beider Pole“ (vgl. Böhme 2012, S. 9).

Um das weite Feld der Identitätsbildung in dieser Arbeit einzugrenzen und ein wenig zu erschließen, soll die Priorität dieser Arbeit auf George Herbert Mead und seinem Werk „Geist, Identität und Gesellschaft“ liegen, welches in erster Auflage 1973 erschien. Seine pragmatische und gleichzeitig sozialpsychologi- sche Herangehensweise an die Thematik spricht mich in großem Maße an, so- dass ich die Identitätsbildung anhand seines Denkens erläutert werde. Außer- dem befinde ich seine Unterscheidung zwischen dem „Ich (I)“ und „ICH (me)“, als die beiden Pole einer Identität als sehr gute Grundlage, um Identitätsbildung darzustellen (vgl. Mead 1973, S. 253). Da in diesem Werk der 3. Teil „Identität“ und der 4. Teil „Gesellschaft“ genau der Thematik entsprechen, die ich mit mei- ner hier vorliegenden Arbeit unter dem Titel Die gesellschaftlichen Grundlagen und Funktionen des Denkens und der Kommunikation- Eine Untersuchung in Anlehnung an George Herbert Mead abdecken möchte, erscheint mir dieses Werk als ausgesprochen passend, um diesem gerecht werden zu können. Hans Joas, der in seinem Werk Praktische Intersubjektivität die Entwicklung des Werkes von George Herbert Mead erläutert, wird meine Aufarbeitung des Themas begleiten. Zum besseren Verständnis ist es jedoch nötig, einige grund- legende Dinge darzulegen, um dann zum eigentlichen Thema dieser Arbeit übergehen zu können. So werde ich im ersten Teil meiner Arbeit die Methode des Pragmatismus erläutern, um ein Verständnis für den Pragmatismus des G.

H. Mead herstellen zu können. Des Weiteren gilt es, den Behaviorismus vorzu- stellen, da das hier zugrunde liegende Werk, welches posthum von einem sei- ner Schüler verfasst wurde, aus der Perspektive des Sozialbehaviorismus ge- schrieben wurde. Ich werde innerhalb des ersten Teils den Bezug zwischen Behaviorismus und Pragmatismus explizit machen und danach darlegen, was Haltungen, Gesten und Bewusstsein im Behaviorismus bedeuten. Die Überlei- tung zum zweiten Teil meiner Arbeit erfolgt dann durch Spezialisierung auf die Themenfelder Identität, Gesellschaft und Kommunikation. Ich beginne in die- sem zweiten Teil damit, das durch Mead definierte „Ich“ und „ICH“ zu untersu- chen und deutlich zu machen. Mit der Frage nach der Möglichkeit eines indivi- duellen Lebens innerhalb der Gesellschaft werde ich mich weiterführend befas- sen, um schließlich auf die menschliche Kommunikation und Artikulation ein- zugehen und aufzuzeigen, ob und welchen Beitrag diese an der Entfaltung der Identität haben.

2. Ein Einblick in den klassischen Behaviorismus

Als ein Projekt von großer Tragweite wird zu Anfang des 20. Jahrhunderts der Behaviorismus gehandelt. Dieser sieht zu jener Zeit vor, rein wissenschaftlich arbeiten zu wollen und fordert in seinem Verlangen nach Objektivität, das affek- tive Innere des Menschen gänzlich außer Acht zu lassen. Begründet liegen die- se behavioristischen Ansätze im Erfolg der Naturwissenschaften, die sich in ihren Aussagen auf Theorien und den ihnen zugrunde liegenden Beobachtun- gen stützen. Die damaligen Philosophen kritisieren Hypothesen und Theorien, die empirisch nicht nachweisbar sind und bevorzugen aus diesem Grunde die wissenschaftlichen Ideale des Logischen Empirismus. Sie gehen in ihrer Ableh- nung des menschlichen Inneren davon aus, dass die Betrachtungen der Seele oder des Gewissens nichts mit Wissenschaft gemeinsam haben. Allein auf Tat- sachen basierend sei es möglich, Hypothesen zu entwickeln und Gesetzmäßig- keiten zu ergründen. Theorien über Entwicklungen der Natur wären zu überprü- fen, indem man sie dem Logischen Empirismus folgend ausschließlich auf be- obachtbare Daten zurückführt. Daraus ergibt sich in Anwendung auf den Men- schen der reine Bezug auf das von außen beobachtbare Verhalten. Diese Vor- gehensweise muss methodisch streng alle inneren Abläufe wie Gefühle, Ab- sichten, Wünsche und Aspekte des Glaubens ausschließen (vgl. Ruffing 2005, S. 264).

Um den Behaviorismus in seiner Ganzheit erfassen zu können, soll an dieser Stelle die Zurückführung auf die Wurzeln dessen erfolgen. Diese Wurzeln lie- gen im Anfang des 20. Jahrhunderts bei Frederic Skinner und Iwan Pavlow, die als die bedeutenden Vorläufer des Behaviorismus gelten. Die beiden Wissen- schaftler begründen das Verhalten von Menschen und Tieren mit dem ReizReaktions-Schema, das zu einem späteren Zeitpunkt noch genauer erläutert werden wird. Diesem R-S-Schema nach wird mentale Repräsentation1 als Annahme für das menschliche Verhalten als unwichtig erklärt.

Pavlow und Skinner vergleichen die menschliche und tierische Funktionsweise mit der von Maschinen, wonach das menschliche Innere als völlig bedeutungs- los dargestellt wird (vgl. ebd.).2 In der Mitte des 20. Jahrhunderts wird die Theo- rie von Skinner und Pavlow dann stark kritisiert. Die Kritiker des Behaviorismus geben zu Bedenken,

„zur Erklärung von Verhalten könne nicht von inneren Einstellungen, Zu ständen, Intentionen usw. abgesehen werden. Will man menschli- ches Verhalten verstehen, -so die Kritiker des Behaviorismus - müsse man ergründen, wie die „Blackbox“ beschaffen sei“ (ebd., S. 264).

Der Sprachwissenschaftler und Gegner des Positivismus und Behaviorismus Noam Avram Chomsky und der Kognitionswissenschaftler Jerry Fodor kehren in einer weiteren Kritik am Behaviorismus zum philosophischen Ansatz zurück und vertreten den Gedanken der angeborenen Ideen oder mentalen Strukturen (vgl. ebd., S. 265). Sie widerlegen die Annahme der beiden behavioristischen Vorreiter Skinner und Pavlow damit, dass sie nach genaueren Untersuchungen der Funktionsweise des menschlichen Geistes darauf schließen, dass kreatives Denken nur dadurch möglich sei, dass der Mensch Ideen, oder eher mentale Strukturen bereits mit auf die Welt bringe.

In der Folgezeit wird durch die Forschungsrichtungen des Funktionalismus und der Künstlichen Intelligenz (KI) der Behaviorismus dann mit der Kognitionswis- senschaft verknüpft, indem Geist und Computer quasi gleichgesetzt werden und beides als Input verarbeitendes Regelwerk behandelt wird. Diese These soll zum Beispiel der Turing-Test nach Alan M. Turing belegen. Diesen genauer zu erläutern, würde jedoch hier zu weit führen. Der Turing-Test stößt nachfol- gend auf vielseitige Kritik, woraufhin viele Gegenbeweise angebracht werden. Hierzu zählen das Gedankenexperiment vom Chinesischen Zimmer des ameri- kanischen Philosophen John Rogers Searle genauso wie der Versuch eines Gegenbeweises des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel oder auch die Gehirn-im-Tank-Hypothese nach Hilary Putnam (vgl. ebd., S. 263).3

Der in Amerika entstandene Behaviorismus erlebt sein Bekanntwerden zeit- gleich mit dem Eintritt der USA in die Weltpolitik und ihrem damit einhergehen- den Aufstieg zur Weltmacht. In der Nachkriegszeit des zweiten Weltkrieges ist der Einfluss des Behaviorismus dann bereits so groß, dass er beinahe zum be- deutendsten Paradigma der akademischen Psychologie des Westens wird. Al- lerdings verhindern dies die amerikanischen Ganzheitspsychologen wie Lewin und Bruner, aber auch Piaget, der sich von der Schweiz aus zu einer ganz- heitspsychologischen, strukturalistischen Psychologie bekennt. Die deutschen ganzheitspsychologischen Zentren sind im Zuge des Krieges zerfallen oder zerschlagen worden und haben somit der starken Anziehung dieser neuen amerikanischen Psychologie in Verbindung mit dem amerikanischen Lebensge- fühl des „american way of life“ nichts entgegenzusetzen. Der „american way of psychology“ hält so zusätzlich Einzug in Deutschland und wird als Rezept zum Erfolg betrachtet. Der Behaviorismus wird damit zu einer einflussreichen Strö- mung der Nachkriegszeit. Er gilt als aus der Aufklärung gewachsen und geht davon aus, dass die Umgebung, in der das Individuum lebt, sehr prägend dafür ist, wie es sich entwickelt. Es kann somit von milieutheoretischen Anteilen ge- sprochen werden. Damit liegt zum ersten Mal eine wissenschaftliche Begrün- dung dafür vor, dass es Hoffnung auf Chancengleichheit geben kann. Durch diesen hoffnungsvollen Gedanken angetrieben, entscheiden sich in dieser Zeit viele Europäer, dem hierarchisch strukturierten Europa den Rücken zu kehren und nach Amerika auszuwandern. Sie sind durch die Hoffnung auf den Mythos angetrieben, „vom Tellerwäscher zum Millionär“ aufsteigen zu können. Dieser Mythos entzieht sich nicht jeglichem wissenschaftlichen Hintergrund, denn hier findet sich die psychologische Komponente des Pragmatismus nach Deweys Konzept einer demokratischen Gesellschaft. Der Behaviorismus unterstützt somit den utopischen Gedanken, durch Wissenschaft Machbarkeit erzielen zu können. Der Erfolg der Naturwissenschaften und auch der Technikentwicklung des 19. Jahrhunderts tun ihr Übriges und verleihen damit der sich nach ihren Grundprinzipien richtenden Psychologie einen großen Aufschwung, sodass der behavioristische Gedanke nicht als rein amerikanisch gesehen werden kann. Auf der anderen Seite ist Amerika an sich das Land des Pragmatismus, geprägt durch Dewey, Pierce und James. Dem amerikanischen Denken nach ergibt sich so die Tatsache, dass der Wert einer Wissenschaft oder einer Theorie nicht so sehr nach metaphysischen Kriterien der „Wahrheit“ bemessen wird, als viel- mehr nach ihrem praktischen Nutzen für die Bewältigung der Realität. Amerika erkennt in seiner Mentalität den Leistungswillen und die Anpassung des Einzel- nen und der Gesellschaft an und folgt somit dem darwinistischen Gedanken des „survival of the fittest“ (vgl. Sämmer, S. 184).

Gegründet wird die psychologische Schule des Behaviorismus durch den Ame- rikaner John Broadus Watson. Unter „Behaviorismus“ werden seit seiner ersten Arbeit von 1913 Psychology as the behaviorist views it sämtliche Forschungs- programme zusammengefasst, die als Basis das sogenannte Reiz-Reaktions- Schema (S-R-Verbindungen) aufweisen und sich auf die naturwissenschaftli- che, objektive, experimentelle Methodik stützen. Als fundamentales Gesetz dient hierbei das „Lernen von S-R-Verbindungen durch Konditionierung“ als ein Prozess, auf den sich alle psychischen Phänomene zurückführen lassen und der als zentrales Erklärungsprinzip des Behavioristen gilt (vgl. ebd., S. 183). Dieser Sachverhalt wird an späterer Stelle noch einmal thematisiert werden. Nach seinem philosophischen Studium bei John Dewey, dessen Veranstaltun- gen ihn jedoch nicht nachhaltig anregen können, geht Watson in seiner eigenen Philosophie von der beobachtbaren Tatsache aus, dass Menschen und Tiere sich durch eine ererbte und gewohnheitsmäßige Ausstattung an ihre Umwelt anpassen. Er macht deutlich, dass Reize unwillkürlich zu bestimmten Reaktio- nen führen. Sein erklärtes Ziel ist es, in Kenntnis der Reize die menschlichen oder tierischen Reaktionen voraussagen zu können. Möglich sei solch eine Vorhersehbarkeit der Reaktionen aber nur dann, wenn zuvor die Reiz-Reaktion- Gesetzmäßigkeiten naturwissenschaftlich-experimentell nachvollziehbar er- forscht wurden. Sind aufgrund dieser Forschungen die Gesetzmäßigkeiten be- kannt, ergibt sich daraus die Möglichkeit der Kontrolle über den Organismus.

Watson definiert höhere Denkprozesse als zurückführbar auf elementare Reaktionen, denn sie basieren seiner Ansicht nach auf schwachen Nachvollzügen muskulärer Aktion. Er geht davon aus, dass Gleiches für die Sprache gilt und alle menschlichen Denkprozesse ebenso mechanisch sind wie Gewohnheiten. Allerdings räumt er ein, dass er sich in seinen Aussagen zunächst lediglich auf die Forschungsergebnisse amerikanischer Tierpsychologen beruft, somit vom Tier auf den Menschen schließt. Das bedeutet folglich, dass seine ersten Veröffentlichungen eher als spekulativ und damit weniger als wissenschaftlich fundiert gewertet werden können (vgl. ebd., S. 191).

2.1 Die Definition des Begriffs „Behaviorismus“ nach

George Herbert Mead

Mead misst seine eigene Philosophie an den allgemein vertretenen psychologi- schen Ansichten, so wie sie sich bei Watson finden. Allerdings geht er davon aus, dass sein eigener Begriff des Behaviorismus angemessener sei (vgl. Mead 1973, S. 40). Mead bezeichnet seinen Behaviorismus als den „wahren“ Behavi- orismus und zählt sich anfänglich deshalb auch selbst zum Behaviorismus, was zur Quelle vieler Missverständnisse und irritierender Kritiken an seinem Werk führt (vgl. Joas 2000, S. 11). Unter Watsons allgemeiner Verwendung wird, wie bereits weiter oben geschildert, von einer Methode ausgegangen, die die Erfah- rungen eines Individuums anhand seines hauptsächlich von anderen beobacht- baren Verhaltens untersucht (vgl. Mead 1973, S. 40). Mead versucht Watsons Behaviorismus, den er als „falschen Watsonismus“ bezeichnet, in Unterschei- dung zu seinem stimmigen eigenen Behaviorismus als „eine nicht- reduktionistische Orientierung einer gleichwohl naturwissenschaftsbezogenen, handlungstheoretischen Psychologie durchzusetzen“ (Joas 2000, S. 11). Mead beschreibt, dass nach Watson das nicht existent ist, was nicht zu untersuchen ist. So überträgt Watson seinerzeit, wie schon bekannt, die Erkenntnisse aus der frühen Tierpsychologie des Verhaltens der Tiere auf das Verhalten der Menschen. Nachdem erst noch von einem tierischen Bewusstsein ausgegan- gen wird, was sich aber als nicht von außen beobachtbar erweist, kann es in der Schlussfolgerung daraus als nicht vorhanden abgetan werden. Daraus ergibt sich, dass ein Bewusstsein welches beim Tier nicht experimentell nach- gewiesen werden kann somit in der Übertragung auf den Menschen auch dort nicht vorhanden ist (vgl. Mead 1973, S. 40 f.). „Es gab keine Vorstellungen und kein Bewusstsein“ (ebd., S. 41). Watson geht davon aus, dass der Mensch nur denkt, indem er spricht und dass es, im Umkehrschluss dazu, Denken ohne zu sprechen nicht geben kann. Allerdings meint Watson damit nicht die verbale Kommunikation. Die von ihm gemeinten Sprachsymbole müssen nämlich nicht unbedingt hörbar für Andere sein. Seiner Auffassung nach reicht hier als Defini- tion von Sprache, die Muskeln des Kehlkopfes zu bewegen. Denken bedingt also sprachliche Symbole. Watson erklärt auf diese Art das ganze Gebiet der inneren Erfahrung, der Introspektion, durch äußeres Verhalten. Dieses Verhal- ten wird jedoch nicht als subjektives Verhalten bezeichnet, wie es nach Meads Auffassung richtig wäre und damit beim Namen genannt würde, sondern es wird vielmehr als der Verhaltensbereich beschrieben, der nur dem Individuum zugänglich ist. Es ist möglich, sich selbst in der eigenen Bewegung zu beobach- ten, dem nicht hörbaren Sprechen, wo außenstehenden Personen diese Mög- lichkeiten des Beobachtens versagt bleiben. Manche Gebiete sind nur für den Einzelnen zugänglich, was nicht bedeutet, dass eine so gemachte Beobachtung sich gänzlich von anderen Beobachtungen unterscheidet. Der Unterschied liegt lediglich darin, dass hier nicht mehrere Beobachter beteiligt sind. Diese Situati- on ergibt sich beispielsweise in dem Moment, in dem sich nur eine einzige Per- son in einem Raum aufhält. Diese im Alleinsein vorgenommene Beobachtung wird sodann zu einer individuellen Erfahrung. In diesem Fall sind auch die Kehl- kopf- und allgemeinen Körperbewegungen für Dritte nicht beobachtbar, aber trotzdem vorhanden. So legt Watson seine Philosophie aus und vor allen Dingen seine Meinung darüber, dass es nichts im Menschen gibt, was nur in ihm und in keiner Weise ersichtlich für andere stattfindet. Alle Abläufe des Menschen stellt Watson als beobachtbar dar. Dabei gebe es zwar unterschiedliche Beobachtungsgrade, wobei aber die Qualität dieser jeweils die gleiche bliebe. Es wird davon ausgegangen, dass der Beobachtungsapparat schlicht mit unterschiedlichem Erfolg angewandt wird (vgl. ebd.).

Mead beschreibt weitere Leugnungsversuche des Bewusstseins und zeigt die dabei den Ansatz von William James auf. Dieser erklärt anhand lebloser Ge- genstände und geht dabei davon aus, dass eine Person ein und dasselbe Ding, einen Sessel zum Beispiel, auf unterschiedliche Art und Weise betrachten kann. Auf der einen Seite sei der Sessel ein Gegenstand, der einen Wert aufweise, egal ob es sich um einen ästhetischen, wirtschaftlichen oder traditionsreichen Wert handle. Auf der anderen Seite könne dieses Möbelstück mit den Augen der Erfahrung gesehen werden. Aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen unter- schiedlicher Individuen finden so unterschiedliche Beurteilungen ein und des- selben Gegenstandes statt. Bewusstsein bedeutet nach dieser Auffassung nichts anderes, als lediglich die Erkenntnis darüber, dass ein Gegenstand nicht nur in einem traditionellen, sachlichen Zusammenhang Bedeutung erlangt, son- dern eben auch im Zusammenhang mit der individuellen Erfahrung eines Men- schen (vgl. ebd., S. 42). Die Philosophie erkennt James` Sichtweise in den 1920-igern an und räumt ein, dass nicht alles was den Menschen betrifft, auf die Bewusstseinsebene bezogen werden dürfe, sondern einiges davon der ob- jektiven Welt zugeordnet werden müsse. Die Wissenschaft der Psychologie könne sich somit ebenfalls nicht ausschließlich mit dem Bewusstsein des Men- schen befassen. Auch diese Wissenschaft müsse sich in ihrer Forschungsarbeit auf ein größeres Terrain begeben. Allerdings hat sie das wissenschaftliche Mo- nopol inne, welche die Introspektion so verwendet, dass sie als einzige inner- halb der menschlichen Erfahrungen nach Anhaltspunkten sucht, die in keiner anderen Wissenschaft Beachtung findet, nämlich diese, die sich ausschließlich dem Individuum selbst erschließt (vgl. ebd., S. 42 f.). Aus diesem Sachverhalt ergibt sich eine Definition des Psychologischen, denn das was nur innerhalb der Erfahrung des Individuums stattfindet und dadurch nur ihm selbst offen steht, kann als spezifisch psychologisch beschrieben werden. Psychologie gelangt über diese Definition zu einer Abgrenzung gegenüber anderen wissenschaftli- chen Bereichen. Mead betont an dieser Stelle jedoch ausdrücklich die Möglich- keit, sich trotz der nun vorausgesetzten Introspektion des Menschen, von beha- vioristischen Ansätzen nicht gänzlich abwenden zu müssen. Wichtig sei hierbei lediglich, die behavioristischen Ansichten nicht zu eng zu halten (vgl. ebd., S. 43).

Der hier aufgeführte letzte Punkt veranschaulicht, dass Mead mit seiner Arbeit einer Phase des Übergangs angehört. Einerseits ist das Verständnis von Psy- chologie als einer Wissenschaft von den Bewusstseinstatsachen zu dieser Zeit ins Wanken geraten, auf der anderen Seite zeigt sich jedoch die behavioristi- sche Theorie nach Watson und das Aufkommen experimenteller Methoden oh- ne Sinnverstehen als noch nicht manifestiert. Häufig wird diese Übergangszeit als Zerfallsform der Bewusstseinspsychologie beschrieben, oder genauer ge- sagt als inkonsequenter Vorläufer des Behaviorismus. Joas erklärt diese Be- zeichnungen für die Übergangsform als ungerechtfertigt, da er sie als Unterbe- wertung jener theoretischen Anstrengung des Übergangs betrachtet. Joas er- kennt in jener Phase vielmehr die Häufung der Versuche, den Leib-Seele- Dualismus gänzlich zu überwinden (vgl. Joas 2000, S. 68).

2.2 Die Bedeutung von Haltungen, Gesten und Bewusstsein im Behaviorismus

Nach Meads Auffassung sind Haltungen die Anfänge von Handlungen. Damit soll der zweite Teil dieser Arbeit eingeleitet werden, der sich mit Identitätsbil- dung und mit der damit in Zusammenhang stehenden Kommunikation innerhalb des gesellschaftlichen Zusammenlebens befasst. Mead veranschaulicht diese Tatsache am Beispiel eines Teleskops in den Händen eines Astronomen. Dem- nach ist ein Teleskop kein Teleskop ohne seinen fachkundigen Nutzer. Erst der Benutzer des Gegenstandes erhebt das Objekt, hier also ein Teleskop, zu dem was es sein soll. Der Astronom führt den Gegenstand seinem Nutzen zu, indem er sich unter Einbringung seines Fachwissens diesem Gerät nähert. Dies ist der Beginn einer Handlung und damit Teil des gesamten Handlungsprozesses. Die äußere Handlung ist durch Dritte beobachtbar als Teil eines Vorgangs, der je- doch bereits vorab innerhalb des Astronomen seinen Anfang findet. Zu Beginn nämlich reagiert der Astronom rein auf den Gegenstand, der sich Teleskop nennt, was jedoch nur innerhalb seines Zentralnervensystems feststellbar sein kann. Lediglich der fachkundige Nutzer kann das Objekt wertschätzend behan- deln und nimmt ihm gegenüber eine gewisse Haltung ein. Ohne das spezifische Nervensystem des Nutzers wäre das Teleskop wertlos (vgl. Mead 1973, S. 43 f.). An diesem von Mead angeführten Beispiel soll gezeigt werden, dass ein Teil einer Handlung von außen durchaus beobachtbar ist, ein anderer Teil jedoch, der Beginn der Handlung nämlich, innerhalb des Individuums stattfindet. Dieser eigentliche Beginn der Handlung bleibt für Dritte unsichtbar. Genau diesen an- fänglichen Teil der Handlung ignoriert Watson in seiner behavioristischen Hal- tung und genau hierin liegt die Kritik Meads (vgl. ebd., S. 44).

Nach Meads Auffassung findet sich innerhalb der Handlung selbst also sehr wohl ein nicht durch Außenstehende beobachtbarer Bereich, der unbedingt zur Handlung zugehörig erklärt werden muss. Dafür gibt es Merkmale des innenlie- genden Verhaltens, die sich besonders in den mit der Sprache verbundenen Haltungen zeigen (vgl. ebd.). Diese Haltungen sollten unter dem behavioristi- schen Standpunkt einkalkuliert werden, um sich dadurch auch für den Bereich der Psychologie zu empfehlen. Die Beachtung der Methode zeigt sich als un- abdingbar aus dem Grund, dass mit dieser auch das Gebiet der Sprache und Kommunikation behandelt werden kann, was Watson mit seiner Methode nicht einzubeziehen vermag, so die Argumentation Meads (vgl. ebd.).

Die Behavioristen befassen sich außerhalb der schon genannten Beobachtun- gen der Tierwelt primär mit den Verhaltensprozessen von Kleinkindern, indem sie jedoch wiederum lediglich die bekannten Methoden aus der Tierpsychologie anwenden. Sie versuchen zu ergründen, welche Verhaltensprozesse es gibt und wie die kindlichen Aktivitäten auf den Erwachsenen übertragen werden können (vgl. ebd., S. 47). In der Psychologie wird nun versucht, von sogenann- ten bedingten Reflexen des Kleinkindes auf die Konditionierung von Reflexen zu verallgemeinern und diese wiederum auf andere Bereiche zu übertragen. Solche Konditionierungsprozesse sollen unter anderem komplexere Verhaltens- formen erklären können. Verschiedene Bestandteile werden mit speziellen Er- eignissen assoziiert, innerhalb derer jedoch keine direkte Verbindung besteht.

[...]


1 Zwei Definitionen zu „mentale Repräsentation“: 1) „Allgemein lässt sich sagen, dass mentale Repräsentation kognitive intentionale Zustände sind. Mentale Repräsentationen wie Begriffsvorstellungen, Wahrnehmungsbilder, Glaubens- oder Wunschzustände haben mit den zuvor genannten Formen der Repräsentation Gemeinsamkeiten. ,Mentale Repräsenta- tion` ist ein zentraler Begriff der Kognitiven Wissenschaften, das heißt von Teilbereichen der Psychologie, der Informa- tik, der Linguistik und der Neurowissenschaften. Der Begriff der mentalen Repräsentation ist hier eindeutig: Er ent- spricht dem ,semantischen Gedächtnis`, das „beispielsweise als semantisches Netzwerk modelliert werden kann“ (Hoffmann 2009, S. 47). 2) Mentale Repräsentation kann weiterhin so verstanden werden, dass von allen Reizen, die aus der Umwelt auf jedes Individuum wirken, eine innere Abbildung geschaffen wird. Im Kognitiven System des Gehirns wird also dann jeder Reiz in die entsprechende Form übersetzt. Dieser als Enkodierung bezeichnete Vorgang liefert als Ergebnis die mentale Repräsentation eines Reizes, zusammen mit den entsprechenden inneren und äußeren Merkma- len. Aus diesem Grunde werden im Gehirn eines Jeden die mentalen Strukturen weiter repräsentiert, die zuvor in der Begegnung mit der Umwelt konstruiert wurden (vgl. Friebe und Hoffmeister 2008, S. 3).

2 Der menschliche Kopf, der als Blackbox bezeichnet und als Schachtel ohne erkennbaren Inhalt definiert wird, kann laut den ersten Behavioristen völlig außer Acht gelassen und für belanglos erklärt werden. Skinner und Pavlow setzen Mensch und Tier hinsichtlich ihrer Theorie des Reiz-Reaktions- oder auch Stimulus-Respons-Schemas (S-R-Schema) auf die gleiche Stufe und erklä- ren das Verhalten im Allgemeinen als Folge aktueller oder auch früherer Konditionierungen (vgl. Ruffing 2005, S. 264).

3 Thomas Nagel erklärt in seinem Gegenbeweis, dass das Bewusstsein einen subjektiven Bestandteil aufweist, hinter den man nicht weiter zurückgehen kann, der nicht weiter objektiv beschreibbar zu sein scheint und das zum Verstehen immer auch eine gewisse Innenperspektive gehört (vgl. Ruffing, S.263). Zu finden ist dieser Beweisversuch in seinem Aufsatz Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? Hilary Putnam bezieht Stellung gegen den Funktionalismus dieser Zeit, der aussagt, dass mentale Zustände mit funktionalen Zuständen gleichgesetzt werden können. In seiner „Gehirn-im- Tank-Hypothese“ will er nachweisen, dass sich menschliches Denken ausschließlich auf eine real existierende Lebenswelt bezieht, was beim Maschinendenken nicht der Fall sein kann (vgl. Ruffing 2005, S. 263).

Details

Seiten
49
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668039315
ISBN (Buch)
9783668039322
Dateigröße
860 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305804
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Schlagworte
Ethik Identitätsbildung Mead Behaviorismus Pragmatismus Identität und Gesellschaft Individualität und Gesellschaft

Autor

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