Lade Inhalt...

Herbert Morgenstern und die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 1945

Ein weiterer Beitrag zu einer umstrittenen Problematik

Referat (Ausarbeitung) 2015 5 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Herbert Morgenstern und die (Selbst?) - Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 1945

Jean-Louis Rouhart

Siebzig Jahre nach der Befreiung des KZ Buchenwald bleibt die Frage, ob sich das Lager selbst, d.h. ohne den direkten Eingriff der amerikanischen Truppen, befreit hat, ein heikles Thema und führt immer noch, besonders unter den deutschen Historikern, zu heftigen Diskussionen.[1] Nicht ohne Interesse ist in diesem Zusammenhang der Brief des deutschen kommunistischen Häftlings Herbert Morgenstern, der im Archiv der Gedenkstätte Buchenwald unter dem Aktenzeichen 52-11-652 aufbewahrt liegt. Dieser Brief, der bisher kaum beachtet wurde, wirft jedoch ein neues Licht auf die (Selbst?) - Befreiung des KZ Buchenwald.

Der Buchenwald-Häftling mit der Nummer 234 Herbert Morgenstern (geb. 1913 in Oberlichtenau bei Chemnitz) war Nachrichtentechniker und wurde wegen seiner Zugehörigkeit zur KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) 1936 nach monatelanger Untersuchungshaft zu einer dreijährigen Zuchthausstrafe verurteilt und ins Zuchthauslager Emsland-Moor verschleppt. 1938 wurde er ins KZ Buchenwald eingeliefert und dem Elektrikerkommando zugeteilt. Dort setzte er seine Widerstandstätigkeit fort. Zusammen mit anderen hörte er in der Telefonzentrale Sendungen ausländischer Nachrichtensender sowie Gespräche der SS illegal ab. Im Verborgenen schrieb er auch Gedichte, in denen er seine Freiheitsliebe zum Ausdruck brachte, und beteiligte sich an den militärischen Vorbereitungen zur Lagerbefreiung, indem er heimlich Funksprüche der SS dechiffrierte, einen Notrufsender baute und der Kampfgruppe IMO (Internationale Militärorganisation)[2] Informationen über die Alarmanlagen des Lagers mitteilte.[3] In der Nacht vom 11. zum 12. April 1945 begann er in der Telefonzentrale mit der Verfassung eines Briefes an seine Schwester Hilde, den er erst Tage später, am 19. Mai 1945, einem anderen entlassenen „Kameraden“[4] mitgab, damit seine Familie „wenigstens einen Gruß“ (ebd.) von ihm bekäme. In Form eines Tagebuchs beschreibt er auf mehreren Seiten die wichtigsten Ereignisse, die sich in der Zeitspanne vom 11. April bis zum 19. Mai im Lager abspielten, und schildert dabei seine Eindrücke und Gefühle. Ab und zu legt er Schreibpausen ein, um nach Weimar oder aufs Land zu fahren oder sich mit dringenden technischen Problemen in der Telefonzentrale des Lagers zu beschäftigen.

Dass der Brief ein unmittelbares, authentisches Zeugnis der damaligen Ereignisse darstellt und somit als ein unentbehrliches historisches Material betrachtet werden kann, steht außer Frage. In der deutschen Historiografie wird er jedoch bisher nur wegen der Stelle erwähnt, in der eine Dame der Weimarer Behörde die Telefonzentrale des nun befreiten Lagers in der Annahme anruft, sie spräche noch immer mit einem SS-Mann. Da fragt das „Fräulein vom Amt“ (Morgenstern: 2) ängstlich, ob die „Gefangenen wenigstens getötet“ worden seien (ebd.), weil sie fürchte, dass die Gefangenen nach Weimar geschickt würden und dass sie sich dort an den Einwohnern rächen würden. Ironisch antwortet Herbert Morgenstern dem „zarten Kind“ (ebd.), dass sie unbesorgt sein könne und wünscht ihr einen „recht angenehmen Schlaf“ (ebd.).

[...]


[1] Es ist sogar von einem „Konflikt von Buchenwald“ die Rede (Hasko Zimmer : Der Buchenwald-Konflikt. Zum Streit um Geschichte und Erinnerung im Kontext der deutschen Vereinigung. Münster: agenda Verlag 1999. Im Folgenden zitiert als Zimmer).

[2] Die Kampfgruppe IMO war der verlängerte Arm des Internationalen Lagerkomitees (ILK).

[3] Nach der Lagerbefreiung arbeitete er noch einige Tage in der Telefonzentrale des Lagers, betreute dann in Chemnitz ehemalige Häftlinge, studierte und machte Karriere. Er wurde Mitarbeiter im Zentralkomitee der SED und zum Leiter im Post- und Fernmeldewesen der DDR. Siehe dazu Wiikipedia, die freie Enzyklopädie: Herbert Morgenstern, Internet-Publikation unter: de.wikipedia.org/wiki/HerbertMorgenstern. Eingesehen: 24.6.2014; Herbert Morgenstern: Bericht über meine Tätigkeit nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 1945, Typoskript vom 20. Januar 1973, Buchenwaldarchiv, Signatur 5211-652; ders.: Lebenslauf (am 10. April 1970 verfasst), Buchenwaldarchiv, Sign. 5211-652; ders.: Kommentare zu einigen meiner Gedichte ( 15.2.1988), Buchenwaldarchiv, Sign. 5211-652.

[4] Herbert Morgenstern: Brief an seine Schwester Hilde, Manuskript, S. 10, Buchenwaldarchiv, Sign. 5211-652. Im Folgenden zitiert als Morgenstern.

Details

Seiten
5
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668037106
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305744
Note
Schlagworte
KZ Buchenwald ; (Selbst)befreiung ; Herbert Morgenstern

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Herbert Morgenstern und die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 1945