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Wie ernährt sich China? Eine Analyse zur chinesischen Nahrungsmittelsicherung und Nahrungsmittelsicherheit

Bachelorarbeit 2015 55 Seiten

Ernährungswissenschaft / Ökotrophologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Motivation und Zielsetzung
1.2 Methodisches Vorgehen
1.3 Struktur der Arbeit

2 Die Nahrungsmittelsicherung
2.1 Begrifflichkeit und Definition der Nahrungsmittelsicherung
2.2 Die Entwicklung des landwirtschaftlichen Systems
2.2.1 Entwicklung ab 1949 bis 1978
2.2.2 Entwicklung ab 1978 bis 2008
2.3 Internationaler Lebensmittelhandel versus Chinas Selbstversorgung
2.3.1 Die Entwicklung der Getreideproduktion
2.3.2 Der globale Handel mit Nahrungsmitteln
2.3.3 Die Eigenversorgung Chinas
2.4 Weitere Maßnahme zur Gewährleistung der Nahrungsmittelsicherung

3 Die Nahrungsmittelsicherheit
3.1 Definition und Überblick der chinesischen Nahrungsmittelsicherheit
3.1.1 Definition und Begrifflichkeit der Nahrungsmittelsicherheit
3.1.2 Ursachen, Entwicklungen und Auswirkungen der Sicherheitsprobleme von Nahrungsmitteln
3.2 Der Einfluss des Wirtschaftswachstums auf die Nahrungsmittelsicherheit
3.2.1 Der negative Einfluss des wirtschaftlichen Wachstums
3.2.2 Der positive Einfluss des wirtschaftlichen Wachstums
3.3 Rechtliche Grundlagen in Form des Lebensmittelrechts
3.3.2 Der chinesische Verbraucherschutz

4 Fallbeispiel: Der chinesische Melamin-Skandal
4.1 Hintergrundinformationen zu Chinas Milchindustrie
4.2 Die Entwicklung, Probleme und Folgen des Melamin-Skandals 2008

5 Fazit
5.1 Die Rolle der Nahrungsmittelsicherung und -sicherheit in China
5.2 Möglicher Zukunftsausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Darstellung der Entwicklung der Getreideproduktion in China

Abbildung 2: Die weltweit sechs größten landwirtschaftlichen Exporteure

Abbildung 3: Die weltweit sechs größten landwirtschaftlichen Importeure

Abbildung 4: Top Exporte China - 2011

Abbildung 5: Top Importe China - 2011

Abbildung 6: Der Anstieg des chinesischen Agrarhandels nach WTO-Beitritt

Abbildung 7: Darstellung der Produktionsmenge von Sojabohnen

Abbildung 8: Import- und Exportstruktur von Sojabohnen

Abbildung 9: Darstellung der Produktionsmenge von Weizen

Abbildung 10: Import- und Exportstruktur von Weizen

Abbildung 11: Darstellung der Produktionsmenge von Reis

Abbildung 12: Import- und Exportstruktur von Reis

Abbildung 13: Daten zu Fällen chinesischer Lebensmittelvergiftungen

Abbildung 14: Der Lebensmittelsektor für Milchpulver in China

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Chinas Stellung in der Welt hat heutzutage an derart großem Ansehen gewonnen, dass es schwer ist, nicht von dem Land der Superlative zu hören und zu reden. Das Wachstum seiner Wirtschaft liegt momentan bei knapp 7,7 Prozent (Stand Dezember 2014) und ist damit nicht mehr im zweistelligen Bereich wie noch vor ein paar Jahren, jedoch ist die Zahl verglichen mit anderen Schwellenländern noch immer besonders hoch. Allerdings scheint das Land mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern in vielerlei Hinsicht mit großen Herausforderungen konfrontiert zu sein.1 Besonders in Bezug auf Chinas Nahrungsmittelversorgung und seine weltweit kritisierte Nahrungsmittelsicherheit gewinnt die Volkrepublik an Brisanz. Während die Regierung mit Blick auf den landwirtschaftlichen Output des Landes bisher vorrangig quantitative Ziele verfolgt, sorgt sich die Bevölkerung angesichts der unzähligen Lebensmittelskandale der letzten Jahre zunehmend um die Qualität der Nahrungsmittel, die sie täglich zu sich nimmt. Es lässt sich sagen, dass sowohl Umweltverschmutzung, die ansteigende Urbanisierung als auch die Versorgung der noch immer wachsenden Bevölkerung Chinas einige Probleme mit sich bringen, die die Nahrungsmittelpolitik Chinas im 21. Jahrhundert zu lösen versucht.

In der folgenden Thesis wird sich mit den Themen der Nahrungsmittelsicherung und der Nahrungsmittelsicherheit in China auseinandergesetzt, die gerade in der heutigen Zeit immer mehr an Aktualität gewinnen. In der Arbeit werden somit die beiden Themenkomplexe der Sicherung und der Sicherheit von Nahrungsmitteln genauer durchleuchtet und kritisch hinterfragt. Da die Lebensmittelbranche äußerst viele Bereiche umfasst und dadurch eine recht komplexe Struktur aufweist, wird sich in der folgenden Ausarbeitung hauptsächlich mit agrarischen Produkten beschäftigt, um das Themengebiet zumindest ein wenig eingrenzen zu können.

1.1 Motivation und Zielsetzung

Die Motivation für die Wahl des Themas entstand während meines einjährigen Aufenthaltes in China von August 2012 bis Juli 2013. Während dieser Zeit durfte ich in zwei Städten, nämlich Chengdu und Shanghai, leben und ich konnte erfahren, wie sich die asiatische mit der mir vertrauten, westlichen Esskultur doch sehr unterscheidet. Ein oft heimlicher Blick in die Küchen kleinerer Restaurants und Essnischen verriet mir auf Anhieb, dass viele Standards beispielsweise in Bezug auf die Hygiene und die Art der Zubereitung in Deutschland und anderen westlichen Ländern auf diese Weise nicht praktiziert werden. Somit stellte sich mir die Frage, wie ein Land, das weltweites Ansehen und globale wirtschaftliche Bedeutung erlangt hat, eine derart große Bevölkerungsmenge zu solch für mich zurückgebliebenen Standards ernährt und wie sicher diese Lebensmittel für die chinesische Bevölkerung sein mögen. Im Zuge dessen kam für mich somit die weitere Frage auf, wie China sein Volk mit ausreichend Nahrungsmitteln versorgen kann. Diese Frage bezieht sich daher auf die Quantität und folglich auf die Sicherung der Nahrungsmittel, um die größte Bevölkerung der Welt (Stand 2013) ernähren zu können.2

Nach meinem Aufenthalt in China und der ersten Ideenfindung für ein geeignetes Bachelorthema im siebten Semester meines Studiums hatte ich zunächst die Überlegung, über Corporate Social Responsibility in Bezug auf Chinas nahrungsmittelproduzierende Unternehmen zu schreiben, jedoch erinnerte ich mich an meine Erfahrungen und die sich mir noch unbeantworteten Fragen während meiner Zeit in China zurück und entschied mich für den Arbeitstitel „ Wie ernährt sich China? Eine Analyse zur chinesischen Nahrungsmittelsicherung und Nahrungsmittelsicherheit“. Das Ziel dieser Bachelorarbeit soll es daher werden, einen Überblick und eine allgemeine Einschätzung über die beiden zusammenhängenden Themenkomplexe der Sicherung und Sicherheit von Nahrungsmitteln bezogen auf China zu verschaffen. Dabei sollen dem Leser / der Leserin grundlegende Fakten, herausfordernde Probleme und zukünftige Aussichten bezüglich der beiden Teilbereiche vermittelt werden.

1.2 Methodisches Vorgehen

Da sich die Ausarbeitung sowohl auf historische Entwicklungen als auch auf aktuelle Themen stützt, werden unterschiedliche Arten von Quellen Verwendung in der Arbeit finden. Besonders statistische Informationen werden aus chinesischen statistischen Jahrbüchern und anderen internationalen Quellen entnommen. Als Referenzen zur sowohl historischen als auch jüngsten Entwicklung der beiden Themenkomplexe dienen vielerlei Fachzeitschriften, mehrsprachige Zeitungsartikel mit wirtschaftlichem Bezug und Journals aus unterschiedlichen Ländern, um einen allumfassenden Überblick gewährleisten zu können. Aktuelle Themen werden zudem mit einem Fallbeispiel exemplarisch dargelegt. Besondere Aktualität bekommt die Arbeit durch die Teilnahme einer Vorlesung mit dem Thema „The Economics of China and the Asia Pacific Region“ bei Herrn Professor Christer Gunnarsson an der renommierten Lund University in Schweden.

1.3 Struktur der Arbeit

Zunächst lässt sich sagen, dass die Arbeit zwei große Themenkomplexe, nämlich zum einen die Nahrungsmittelsicherung, zum anderen die Nahrungsmittelsicherheit, umfasst. Dabei wird zuerst auf die Nahrungsmittelsicherung in China eingegangen. In diesem ersten großen Themenbereich geht es nach einer kurzen Definition des Begriffes und der Erläuterung der Historie des landwirtschaftlichen Systems darum, zu erläutern, wie Chinas Situation in Bezug auf die Eigenversorgung und dem internationalen Handel mit Nahrungsmitteln sich im Laufe der Zeit entwickelt hat und wie der aktuelle Stand heute ist. Dabei wird der Fokus auf drei landwirtschaftliche Produkte gelegt, um einen Vergleich zu ermöglichen und um das Spannungsfeld zwischen Selbstversorgung und internationalem Handel zu verdeutlichen.

Im Anschluss daran wird im dritten Kapitel der zweite Themenkomplex der Nahrungsmittelsicherung behandelt. Es wird darauf eingegangen, welchen Einfluss das Wirtschaftswachstum Chinas auf die Sicherheit der Nahrungsmittel hat und wie der Konsument sich im Falle von unsicheren Lebensmitteln in Form von rechtlichen Grundlagen in gewisser Weise schützen kann.

Im vierten Kapitel werden beide Themenbereiche noch einmal durch ein Fallbeispiel aufgegriffen und dadurch in einen praxisnahen Kontext eingeordnet. Den Abschluss der Arbeit bildet das Fazit, in dem anhand der behandelten Fakten die Fragen geklärt werden sollen, wie China es schafft, seine Nahrungsmittelsicherung gewährleisten zu können und wie sicher diese Lebensmittel tatsächlich für den Konsumenten sind. Außerdem wird im letzten Teil des Fazits versucht, einen möglichen Zukunftsausblick hinsichtlich der genannten Faktoren Nahrungsmittelsicherung und Nahrungsmittelsicherheit zu geben.

2 Die Nahrungsmittelsicherung

Wie im ersten Kapitel bereits erwähnt, sieht China sich mit seiner weltweit höchsten Bevölkerungsanzahl und seinem noch immer recht hohen Wirtschaftswachstum mit einigen Problemen und Herausforderungen konfrontiert. Die Sicherung der Nahrungsmittel spielt dabei sowohl für Chinas Bevölkerung als auch für die chinesische Regierung eine besondere Rolle. Laut des Generalsekretärs der United Nations (UN) Ban Ki-moon ist die Gewährleistung der Nahrungsmittelsicherung sowohl auf nationaler als auch auf globaler Ebene essenziell. Er verweist zudem auf die Wichtigkeit der Sicherung von Lebensmitteln als Grundlage für ein lebenswertes Leben als auch für eine fundierte Bildung.3 Im folgenden Abschnitt geht es demzufolge darum, ob China es gelingt, Nahrungsmittelsicherung gewährleisten zu können und welchen Problemen sich das Land in Bezug auf diese Zielerreichung stellen muss.

2.1 Begrifflichkeit und Definition der Nahrungsmittelsicherung

In vielen Wirtschaftszeitungen und Fachzeitschriften liest man über die Begriffe der „Nahrungsmittelsicherung“ und „Nahrungsmittelsicherheit“. Dabei fällt auf, dass teilweise beide Begrifflichkeiten synonym verwendet werden und somit inhaltlich Fragen bei dem Leser / der Leserin aufwerfen, in welchen Kontext der Begriff tatsächlich eingeordnet werden kann. In der vorliegenden Ausarbeitung wird der Begriff der Nahrungsmittelsicherung (oder auch Lebensmittelsicherung, im Chinesischen shípǐn ānquán , 食品安全) wie folgt verwendet: Laut der Organisation für Nahrung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen (FAO) herrscht Nahrungsmittelsicherung vor, wenn alle Menschen zu jeder Zeit physischen, sozialen und wirtschaftlichen Zugang zu ausreichenden, sicheren und nährstoffreichen Lebensmitteln haben. Diese Lebensmittel treffen die Ernährungsbedürfnisse und Lebensmittelpräferenzen der Bevölkerung für ein aktives und gesundes Leben.4 Im Human Development Report von 1994 wird die Nahrungsmittelsicherung als eine von sieben Kategorien in das Konzept der menschlichen Sicherheit durch das sogenannte United Nations Development Programme (UNDP) mit aufgenommen, wodurch seine wichtige Stellung in der Welt bekräftigt wird. Laut der UNDP bedeutet Lebensmittelsicherung, dass auch hier alle Menschen Zugang zu Grundnahrungsmitteln und einen gewissen ‚Anspruch‘ auf Nahrung haben, indem sie es selbst für sich erzeugen, käuflich erwerben oder die Vorteile eines öffentlichen Distributionssystems nutzen. Allerdings lässt sich sagen, dass ein Unterschied zwischen der westlichen und der chinesischen Auffassung des Konzepts der Nahrungsmittelsicherung besteht: Während unter der westlichen Vorstellung unter dem Begriff, wie oben bereits erwähnt, ein effektiver Zugang zu Grundnahrungsmitteln und allgemeiner Nahrung verstanden wird, versteht die chinesische Regierung darunter eher die Versorgung mit Getreide aus der Binnenproduktion. Jedoch bringen beide Konzepte der Nahrungsmittelsicherung große Herausforderungen für China mit sich.5

2.2 Die Entwicklung des landwirtschaftlichen Systems

Um das Thema der chinesischen Nahrungsmittelsicherheit umfassend zu bearbeiten und die eingangs erwähnte Frage der Selbstversorgung innerhalb Chinas zu klären, wird im folgenden Abschnitt der Arbeit auf die historische Entwicklung des landwirtschaftlichen Systems in China eingegangen. Es soll dabei im ersten Teil die Entwicklung seit Gründung der Volksrepublik Chinas im Jahre 1949 bis zur Öffnungspolitik unter Deng Xiaoping im Jahre 1978 erläutert werden. In dem zweiten Teil wird die Entwicklung seit der wirtschaftlichen Öffnung bis zum Jahre 2008 dargestellt, um so die Aktualität der Thematik herauszuarbeiten.

2.2.1 Entwicklung ab 1949 bis 1978

Die Wirtschaftspolitik Chinas unter dem damaligen Führer Mao Zedong war von der Einführung einer Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild geprägt. Mao legte großen Wert darauf, dass China sich autark entwickelte und sich somit selbst versorgen konnte, um Abhängigkeit von den entwickelten Industrienationen zu vermeiden. Jedoch war der Hunger stets ein großes Problem im damaligen halbfeudalen und halbkolonialen China, wobei ungefähr 80 Prozent der chinesischen Bevölkerung nicht genug zu essen hatte.6 Mit der Gründung der Volksrepublik Chinas durch die Kommunistische Partei im Jahre 1949 wurden schrittweise Reformen eingeführt, unter denen die Bodenreform eine wesentliche Rolle gespielt hat.7 Beispielsweise wurde durch diese Neuerung das feudale Bodensystem durch die chinesische Regierung abgeschafft, wodurch die Bauern ein gewisses Mitspracherecht in Bezug auf Produktionsmenge und -weise erhielten.8 Die Landwirtschaft sollte dadurch schnellstmöglich wieder aufgebaut und deren weitere Entwicklung verbessert werden.9

Nach dem Jahr 1958 wurde eine Kollektivierung der Landwirtschaft beziehungsweise das sogenannte Kommunensystem eingeführt, in dem Land, Viehbestände und Produktionsmaterial kollektiv besessen wurden und die Mitglieder dieses Systems geschlossen zusammenarbeiteten. Ein Problem bestand damals darin, dass die Bauern lediglich in Form von Nahrungsmitteln durch die Regierung bezahlt wurden oder nur eine geringe Geldmenge für ihre Arbeit erhielten. Die Motivation der Bauern in Bezug auf die Herstellung von Agrarprodukten wurde dadurch derartig gesenkt, dass die ländliche Wirtschaft enorm an Dynamik verlor und dies zu einem Rückgang in der chinesischen Produktion bezüglich landwirtschaftlicher Produkte geführt hat. Dies führte zunehmend dazu, dass die Produktion von agrarischen Konsumgütern lange Zeit nur einen geringfügigen Anteil an Chinas gesamtem landwirtschaftlichen Ertrag repräsentierte und die meisten Produkte von den Bauern, die diese herstellten, selbst konsumiert wurden.10 Bedingt wurde diese Entwicklung außerdem durch den rasanten Bevölkerungsanstieg, wodurch eine Knappheit an Agrarprodukten folgte und der größte Teil der Bevölkerung sich in dem Zeitraum zwischen der Gründung der Volksrepublik bis hin zur Öffnungspolitik im Jahre 1978 überwiegend mit großen Problemen, wie beispielsweise mit der Knappheit landwirtschaftlicher Konsumgüter, innerhalb des landwirtschaftlichen Systems konfrontiert sah.11

2.2.2 Entwicklung ab 1978 bis 2008

Deng Xiaoping, der die Führung der Kommunistischen Partei Chinas nach dem Tode Mao Zedongs übernommen hatte, leitete ab dem Jahr 1978 wesentliche Reformen ein, die China nicht nur auf nationaler, sondern besonders auch auf internationaler Ebene einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung ermöglichen sollten. Unter der neuen Führung war es infolgedessen oberste Priorität, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und zudem den Lebensstandard der chinesischen Bevölkerung zu optimieren.12

Die nach und nach eingeführten Reformen unter Deng fanden ihren Ursprung im landwirtschaftlichen Sektor, da China, wie bereits erwähnt, enorme Einbußen innerhalb der Nahrungsmittelversorgung vor 1978 erleben musste und einigen Versorgungskrisen ausgesetzt war. Maßnahmen der Regierung bestanden darin, die allgemeinen Preise für agrarische Produkte zugunsten der Bauern zu erhöhen und zudem das System zur Kollektivierung der Landwirtschaft in ein sogenanntes Haushalts-Verantwortlichkeitssystem umzuwandeln. Unter diesem neu etablierten System konnten ländliche Haushalte ihre landwirtschaftlichen Erträge, nachdem ein gewisser Anteil davon zu offiziellen Preisen an die chinesische Regierung verkauft worden war, auf dem freien Markt absetzen und die Preise selbst bestimmen. Den Bauern wurden dadurch Eigentumsrechte an ihren selbst hergestellten Produkten ermöglicht, allerdings blieb der Landbesitz weiterhin in den Händen der Regierung.13

Ab dem Jahr 1984 wurde die Idee des Verkaufs von Agrarprodukten auf dem freien Markt auch auf die Industrie übertragen, wodurch ebenfalls den staatlichen Betrieben zunehmend freie Handlungsmacht bezüglich ihrer Tagesgeschäfte gelassen wurde.14 Dieser Ansatz der freien Marktwirtschaft führte dazu, dass die wirtschaftliche Entwicklung Chinas ihren ersten Aufschwung erlebte und landesweit zu ansteigenden Einkommen der Bevölkerung führte.15 Bedingt durch diese Faktoren wandelten sich in den frühen 1990er Jahren die Strukturen der Nachfrage nach Nahrungsmitteln innerhalb der Bevölkerung und fingen an, sich allmählich mit denen anderer ostasiatischer Nationen anzugleichen. Beispielsweise wuchs der Bedarf an Getreide langsam aber stetig an. Außerdem fand eine stärkere Nachfrage nach Früchten, Fisch und auch Fleisch vor allem in den städtischen Gebieten Chinas statt.16

Durch Deng Xiaopings Reise in den Süden Chinas zu Beginn des Jahres 1992 wurde die Motivation der Eindämmung der Planwirtschaft hin zu einer sozialistischen Marktwirtschaft gestärkt und als eines der großen wirtschaftspolitischen Ziele festgesetzt. Vor allem die auf dem Land entwickelten Betriebe bildeten eine enorme Dynamik. Die staatlichen Pläne und die damit einhergehenden Preisvorgaben verloren immer mehr an Gewicht, jedoch fand eine Privatisierung der Staatsunternehmen und ländlichen Betriebe weiterhin nicht statt.17 Allerdings lässt sich sagen, dass sich durch die Reformen die Produktion von Konsumgütern erhöhte, sich die allgemeine Lebensmittelversorgung erheblich verbesserte und zudem die Zahl ländlicher Märkte anstieg und infolgedessen das Angebot an Nahrungsmitteln größer und vielfältiger wurde. Nach etlichen Jahren des chībǎo (吃饱), zu Deutsch „karge Kost“, als die meisten Menschen in China überhaupt das Privileg hatten, satt werden zu können, folgte die Zeit des chī hào (吃好), also eine Zeitperiode, die geprägt war durch reichliches und gutes Essen.18

Abgesehen von den oben geschilderten Reformen und Veränderungen innerhalb des landwirtschaftlichen Sektors bargen der enorme Wirtschaftsaufschwung Chinas und die Transformation des wirtschaftlichen Systems große Probleme, denen China sich nun ausgesetzt sah und die die weitere Entwicklung des Agrarsektors hinderten. Zum Beispiel war zu damaliger Zeit, genauso wie heute, der Anteil an Chinas kultivierbarem Land begrenzt: Laut Stephen Scoones (2008) lag dieser Anteil im Jahre 2008 bei 122 Millionen Hektar nutzbarer Ackerfläche. Heutzutage können davon circa sechs Millionen Hektar nicht für die landwirtschaftliche Bebauung genutzt werden, da besonders industrielle Verschmutzung und Wüstenbildung die Agrarproduktion beeinträchtigen. Lediglich circa 40 Prozent Chinas gesamter Anbaufläche haben ein geeignetes Bewässerungssystem und angemessenes Wetter für die Förderung von Agrarerträgen.19 Besonders der Aspekt, dass bedingt durch die zunehmende Industrialisierung und die steigende Urbanisierung viele Bauern ihr Agrarland verloren haben, trägt dazu bei, dass China weiterhin mit erheblichen Problemen in Form von einer ausreichenden Lebensmittelversorgung konfrontiert wird. Im Jahre 2008 wurde daher eine Reform durch das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas verabschiedet, die sicherstellen sollte, dass die landwirtschaftliche Nutzfläche nicht weiter sinkt. Es ging zudem um die weitere Entwicklung der Landwirtschaft, einhergehende Modernisierung, um Produktionssteigerung und Effizienz, um Profitabilität und Ernährungssicherheit. Allerdings konnte die Reform nicht erreichen, dass das kollektive Eigentum beseitigt wurde, um umfassende private Eigentumsrechte an Agrarland einzuführen. Offensichtlich spielte dabei auch die Befürchtung eine Rolle, dass bei einem Verlust des Zugangs zu Land der Zustrom in die Städte weiterhin unkontrollierbar zunehmen würde.20

2.3 Internationaler Lebensmittelhandel versus Chinas Selbstversorgung

China scheint anhand der bereits ausgearbeiteten Entwicklung seines landwirtschaftlichen Systems vor einigen strukturellen Problemen zu stehen, die es der chinesischen Regierung und Bevölkerung erschweren, seine Nahrungsmittelversorgung hinreichend zu gewährleisten. Im nachfolgenden Abschnitt soll daher erläutert und ausgearbeitet werden, inwiefern China sich tatsächlich selbst mit ausreichend Lebensmitteln versorgen kann und wie weit das Land abhängig vom internationalen Handel ist, um sein Ziel der Nahrungsmittelsicherheit erreichen zu können.

2.3.1 Die Entwicklung der Getreideproduktion

Die Produktion von Getreide besitzt innerhalb Chinas Landwirtschaft einen besonderen Stellenwert, wenn es um das Erreichen des Status der Selbstversorgung geht.21 Die sogenannte grain self-sufficiency oder auch die Selbstversorgung mit Getreideprodukten war schon nach der Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 ein äußerst bedeutender Bestandteil der Agrarpolitik unter Mao. Unter dem historischen Aspekt des „Großen Sprungs nach vorn“ oder zu Chinesisch dà yuè jìn, (大跃进), unter dem es bedingt durch eine wirtschaftliche Fehlsteuerung Maos zu einer starken Senkung der landwirtschaftlichen Erträge der Bauern kam und letzten Endes zu einer der größten Hungersnöte der Menschheitsgeschichte geführt hat22, entwickelte sich die Selbstversorgung mit Getreide zum höchsten Prinzip der chinesischen Nahrungsmittelpolitik.23 Die zunehmende Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte und die steigende Bevölkerungszahl lassen, wie bereits erwähnt, die Nachfrage nach Lebensmitteln und somit nach mehr Getreide massiv steigen.24 Gleichzeitig steht allerdings immer weniger Fläche für die allgemeine Lebensmittelproduktion zur Verfügung25 und stellt laut Wu Naitao (1996) das größte Problem in einer ausreichenden Getreideversorgung dar.26

Von Natur aus ist China mit nur geringen landwirtschaftlichen Produktionsfaktoren ausgestattet. Allerdings heißt es, das Land könne mit lediglich sieben Prozent der weltweit landwirtschaftlichen Nutzflächen und sechs Prozent der Wasserressourcen circa zwanzig Prozent der Weltbevölkerung ernähren.27 Wie schafft es China trotz der großen Herausforderungen, seine Versorgung an ausreichend Getreide für seine Bevölkerung und der weiterverarbeitenden Nahrungsmittelindustrie sicherzustellen?

Abbildung 1 verdeutlicht den historischen Verlauf der chinesischen Getreideproduktion von 1949 bis zum Jahr 2013. Es lässt sich deutlich anhand der stetig steigenden Kurve erkennen, dass die Getreideproduktion innerhalb der Jahre enorm gestiegen ist und binnen 64 Jahren ein jährliches Wachstum (CAGR = Compound Annual Growth Rate) von 23,12 Prozent zu verzeichnen hat. Direkt nach der Gründung der Volksrepublik erfuhr die Getreideproduktion eine rapide Entwicklung und Steigerung28, die bis zum heutigen Zeitpunkt stetig zugenommen hat. Verfolgt man den Verlauf der Kurve, so ist auffällig, dass zwei Einbrüche des Graphen zu erkennen sind: Der erste findet um 1960 statt und ist mit dem eingangs erwähnten Ereignis des „Großen Sprungs nach vorn“ zu erklären. Der zweite Einbruch um die Jahrtausendwende hatte weniger fatale Folgen und ist teilweise auf die schrittweise Öffnung des chinesischen Marktes zurückzuführen. Dies liegt darin begründet, dass viele Bauern begannen, von der Getreideproduktion auf wirtschaftlich attraktivere und somit lukrativere Alternativen umzuschwenken. Zum Beispiel zählten dazu Obst, Gemüse und agrarische Rohstoffe wie Baumwolle, Ölsaaten oder tierische Produkte.29 Allerdings erkannte die Regierung schnell, dass die Weiterförderung der Getreideproduktion eine Notwendigkeit zur Sicherstellung von Nahrungsmitteln darstellte, und begann somit sich wieder stärker der intensiven Förderung der Landwirtschaft zuzuwenden.30

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Darstellung der Entwicklung der Getreideproduktion in China

Quelle: Eigene Darstellung nach US Department of Agriculture (2012); Schmitt, Stefanie (2014);

Löhr, Susanne; Trappel, René (Hg.) (2008): 10.

Nun ist es interessant, die Frage zu klären, wie China es geschafft hat, einen derartigen Anstieg der Produktion von Getreide zu ermöglichen. Nicht nur die Reformvorteile des bereits erwähnten vertragsverbundenen Haushalts-Verantwortlichkeitssystems, sondern auch die des sogenannten Zwei-Schichten-Bewirtschaftungssystems, in dem einheitlich und dezentralisiert produziert wurde, führten schon in den frühen 1980er Jahren zu einer Produktionssteigerung an Getreide. Während dieser Zeit förderte die chinesische Regierung weiterhin den Getreideanbau, indem sie die Struktur der landwirtschaftlichen Produktion regulierte und eine diversifizierte Bewirtschaftung in der Landwirtschaft unterstützte.31

Um das Ziel ausreichender Ackerflächen zur Bewirtschaftung gewährleisten zu können, setzt die chinesische Regierung eine Mindestfläche für die Landwirtschaft gesetzlich voraus. Die sogenannte Rote Linie von 120 Millionen Hektar Anbaufläche darf dabei nicht unterschritten werden. Dies entspricht rund 13 Prozent der Gesamtfläche Chinas.32 Allerdings beträgt die tatsächliche Anbaufläche mit circa 121,7 Millionen Hektar (Stand 2009) nur marginal mehr als gefordert.33 Der derzeitige Landwirtschaftsminister Chinas namens Han Changfu hat das Problem des in China schrumpfenden Ackerlandes erkannt und betonte auf einer Pressekonferenz in Beijing, dass die Getreidesicherheit der Volkrepublik auf dem Schutz des Ackerlandes basiere.34 Somit ist es die Absicht der chinesischen Regierung, neben der Verstärkung des Schutzes vorhandener Ackerflächen durch das Setzen einer Roten Linie außerdem die Erschließung geeigneten Ödlandes zu beschleunigen und das von Industriebetrieben nicht mehr genutzte Land zu rekultivieren. Folglich sollen jährlich über 300.000 Hektar an Ackerland hinzugewonnen werden, um zweckentfremdetes Land zu ersetzen und die gesamte Anbaufläche langfristig stabil zu halten.35

Möglichkeiten, wie bislang durch immer weitere Intensivierung des Getreideanbaus die Erträge zu steigern, stoßen bereits jetzt schon in vielen Regionen Chinas an ihre Grenzen.36 Eine bedeutende Methode zur Erhöhung der Produktionseffizienz ist laut Han Changfu der Zusammenschluss von Kleinbauernhöfen zu Großbetrieben. Statistiken zufolge sind dafür bisher 26 Prozent der gesamten agrarwirtschaftlich genutzten Fläche des Landes konzentriert worden. Experten sagen, dass es tendenziell so sei, dass die prozentualen Verluste der landwirtschaftlich genutzten Fläche umso größer ausfallen, je kleiner die Betriebe seien.37 Aus diesem Grund wäre es zumindest eine erfolgsversprechende Maßnahme, durch den Zusammenschluss und die Konzentration von landwirtschaftlicher Fläche ein Stück weit Effizienz in Bezug auf die Getreideproduktion herzustellen.

Die chinesische Regierung hat außerdem durch den im November 2008 verabschiedeten Getreidesicherheitsplan eine Reform ins Leben gerufen, die erreichen soll, dass China sich selbst in Form von ausreichend Getreide versorgen kann. Die National Development and Reform Commission legte in diesem Plan genauer die Strategie zur chinesischen Selbstversorgung bis zum Jahr 2020 fest.38 Dies bedeutet ferner, dass der Agrarsektor eine Eigenversorgungsrate an Getreide von mindestens 95 Prozent des Gesamtkonsums sicherstellt und der verbleibende prozentuale Anteil durch mögliche Importe aufgestockt werden soll.39

Abschließend lässt sich sagen, dass die oben genannten Maßnahmen zur Erhaltung und weiteren Sicherstellung einer ausreichenden Getreideversorgung nur einen Teil ausmachen, den die chinesische Regierung in dem Zeitraum von 1949 bis heute umsetzte und noch zu realisieren hat. Eine weitere Maßnahme, die sich nicht nur auf die Selbstversorgung mit dem Produkt Getreide bezieht, wird in Kapitel 2.4 erläutert.

2.3.2 Der globale Handel mit Nahrungsmitteln

Heutzutage ist China nicht nur das größte nahrungsmittelproduzierende, sondern auch das bedeutendste nahrungsmittelkonsumierende Land der Welt.40 Der Markt für sowohl Lebensmittel als auch Getränke wächst derzeit doppelt so schnell wie die bisherige Nummer eins, die Vereinigten Staaten von Amerika. Experten rechnen damit, dass China im Jahr 2017 hinter den USA der weltweit größte Markt für Lebensmittel sein und kurz darauf auch die USA ablösen wird.41 Wie es scheint, schafft es China, zumindest in Bezug auf seinen enorm gewachsenen Getreideanstieg, sich in Form von Eigenproduktion selbst versorgen zu können. Starke heimische Ressourcen sind von Chinas politischer Führung seither als die beste Garantie für Nahrungsmittelsicherung hervorgehoben worden.42 Doch gibt es einige chinesische Politiker, die behaupten, dass China sich schon seit dem Jahr 2009 nicht mehr selbst ernähren könne.43 Dieser Widerspruch soll im folgenden Abschnitt genauer durchleuchtet werden.

Um die Nahrungssicherung der chinesischen Bevölkerung gewährleisten zu können, ist der Handel mit Lebensmitteln für China essenziell und ein wichtiger Bestandteil seiner Nahrungsmittelpolitik.44 China ist einer der Hauptakteure im weltweiten Nahrungsmittelhandel und beeinflusst maßgeblich Preise und Produktion von bestimmten Lebensmitteln der Welt.45 Anhand der Abbildung 2 lässt sich erkennen, dass China im Jahre 2013 weltweit den vierten Platz der größten Exporteure hinter den 28 EU-Ländern, den USA und Brasilien in Bezug auf Agrarprodukte eingenommen hat. Zudem ist China der weltweit knapp hinter den EU-Ländern und den USA drittgrößte Importeur von landwirtschaftlichen Produkten, wie man in Abbildung 3 erkennen kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die weltweit sechs größten landwirtschaftlichen Exporteure

Quelle: Eigene Darstellung nach European Commission (2013).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Die weltweit sechs größten landwirtschaftlichen Importeure

Quelle: Eigene Darstellung nach European Commission (2013).

Diese Stellung Chinas in Bezug auf landwirtschaftliche Importe und Exporte weltweit lässt erkennen, dass das Land sich scheinbar doch nicht nur auf die Eigenproduktion von Agrarprodukten stützt und einer sogenannten politischen Ideologie der Eigenversorgung nachgeht, sondern dass China eben auch auf Exporte und insbesondere Importe angewiesen zu sein scheint, um das Ziel einer ausreichenden Nahrungsmittelversorgung für sein Volk erreichen zu können. Dabei gehen allgemein gesprochen Importe und Exporte von Produkten in den globalisierten Märkten Hand in Hand mit komparativen (Kosten-)Vorteilen, die durch wirtschaftlichen Pragmatismus gefördert werden sollen. Die Eigenversorgung Chinas mit Getreide und der Import und Export anderer agrarischer Produkte führt zu der These, dass China sich in gewisser Weise in einem Spannungsfeld zwischen politischer Ideologie und wirtschaftlichem Pragmatismus befindet, worauf im Folgenden weiter eingegangen wird.46

Um einen Überblick über den Handel Chinas mit Nahrungsmitteln in Bezug auf seinen Import und Export von bestimmten Produkten zu erhalten, ist es interessant zu erfahren, welche Nahrungsmittel für China in Hinblick auf Einfuhren von Belang sind und welche Güter es in andere Länder wiederum exportiert. In Abbildung 4 sieht man Chinas fünf Ausfuhrprodukte, die im Jahr 2011 mengenmäßig den größten Anteil am Lebensmittelexport ausmachten. Dabei stehen Obst und Gemüse an oberster Stelle. Der Begriff Food Prep bezieht sich auf Fertigwaren, wie beispielsweise Suppen und Teigwaren, die im verkaufsfertigen Zustand ausgeliefert werden.47 Durch die hohen Anteile an der Weltproduktion bei Obst und Gemüse und den verschiedenen Erzeugnissen schwanken die Top fünf Exportgüter lediglich zwischen 1,6 und circa einer Million Tonnen. Insgesamt bestehen 40 Prozent aller aus China exportierten Agrarprodukte aus frischen und verarbeiteten Früchten und Gemüsesorten.48 Dabei gehen ungefähr die Hälfte aller Exporte in die Hauptabnehmerländer USA, die Europäische Union und Japan.49 Die Exportzahlen der fünf größten Ausfuhrprodukte gestalten sich im Gegensatz zu Chinas fünf Importprodukten, die im gleichen Jahr die größte Einfuhr ausmachten, durchaus diversifizierter. Wie sich in Abbildung 5 erkennen lässt, bestehen die fünf mengenmäßig größten Importprodukte aus Sojabohnen, Palmöl, Maniok, Baumwolle als Agrarprodukt und Rohrzucker. Die Importstatistik weist eine starke Konzentration auf ein einziges Produkt, nämlich der Sojabohne, auf, die schon allein quantitativ über 52 Millionen Tonnen ausmacht.50 Insgesamt lässt sich also an der Top Import- und Exportstruktur Chinas erkennen, dass das Land, bewertet an der Menge, viel mehr Produkte einführt als es exportiert. Man kann also schließen, dass China doch in gewisser Weise abhängig von Lebensmittelimporten ist und somit der Idee des wirtschaftlichen Pragmatismus nachgeht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Top Exporte China - 2011

Quelle: Eigene Darstellung nach FAO STAT (2014).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Top Importe China - 2011

Quelle: Eigene Darstellung nach FAO STAT (2014).

Doch was genau ist nun unter dem wirtschaftlichen Pragmatismus zu verstehen? Der Begriff beschreibt die auf den britischen Wirtschaftswissenschaftler David Ricardo zurückgehende Theorie der komparativen Kostenvorteile. Unter dieser Theorie ist zu verstehen, dass sich jedes Land auf die Produktion und auf den Export derjenigen Güter spezialisieren sollte, die es mit dem kleinsten absoluten Kostennachteil, demnach dem relativen komparativen Kostenvorteil, produzieren kann. Nach dieser Definition lohnt sich der Handel zweier oder mehrerer Länder auch dann, wenn ein Land bei der Produktion aller Güter dem Ausland unterlegen ist. Vergleicht man so die Produktionskosten zweier Güter für zwei Länder miteinander, so kann das Land mit den für beide Güter zusammen absolut höheren Produktionskosten trotzdem ein günstigeres Kostenverhältnis haben, den komparativen Kostenvorteil, der durch Produktivitätsunterschiede oder durch unterschiedliche Ausstattung mit Produktionsfaktoren erklärt werden kann.51 Genau diesen wirtschaftlichen Pragmatismus entlang der beschriebenen komparativen Kostenvorteile nutzt China für seine Sicherstellung der binnenländischen Nahrungsmittel.

Der Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahre 2001 hat einige Vorteile mit sich gebracht, die sich besonders positiv auf die chinesische Import- und Exportstruktur auswirken.52 Die Mitgliedschaft in der WTO beschreibt einen enormen Liberalisierungsprozess bezüglich des internationalen Warenaustauschs, durch den China seine Intention zum wirtschaftlichen Pragmatismus bekannte. Wie sich an Abbildung 6 erkennen lässt, hat sich die Import- und Exportstruktur des chinesischen Agrarhandels innerhalb der Jahre 1997 bis 2011 enorm verändert: Gemessen an der Menge lag die Importrate seit 1997 bis heute zwar immer über der der Exporte, allerdings lässt sich klar erkennen, dass die Kurve der Importe ab dem Jahr 2001 enorm angestiegen ist. Ein Anstieg ist zwar auch für die Exportkurve zu verzeichnen, jedoch ist ihre Steigung bei Weitem nicht so drastisch.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6 : Der Anstieg des chinesischen Agrarhandels nach WTO-Beitritt

Quelle: Eigene Darstellung nach FAO STAT (2013).

Seit der Vernetzung Chinas mit dem globalen Handel durch den Beitritt in die WTO kann das Land mit dem internationalen Lebensmittelmarkt seine Handelsbeziehungen aufbauen, so dass sich die Produzenten auf die Herstellung eines Produktes konzentrieren können, deren Produktion am ökonomischsten mit den Ressourcen des Landes übereinstimmt. Dadurch kann China seine komparativen Kostenvorteile nutzen.53 Doch worin liegen Chinas komparative Kostenvorteile, die für seinen Außenhandel von hoher Bedeutung zu sein scheinen? Wie bereits erwähnt, besitzt das Land lediglich zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche und nur sechs Prozent der Wasserressourcen weltweit und ist somit im Vergleich zu anderen Ländern relativ ressourcenarm.54 Jedoch weist China mit seiner größten Bevölkerungszahl von über 1,3 Milliarden Menschen einen Produktionsvorteil auf, der sich in seiner enormen Arbeitsintensität ausdrückt.55 Laut Fan Shenggen, dem Generaldirektor des Internationalen Forschungszentrums für Lebensmittel in Washington, gibt die relativ große Menge an Arbeitskräften dem Land einen Vorteil bei den arbeitsintensiven Produkten wie Früchten und Gemüse56, wodurch die Exportstruktur in Abbildung 4 zu erklären ist. Profitabel sind somit Investitionen in arbeitskraftintensive und gleichzeitig flächensparende Nahrungsmittelsektoren.57

[...]


1 Vgl. Auswärtiges Amt (2014).

2 Vgl. Statista (2015b).

3 Vgl. Löhr, Susanne; Trappel, René (Hg.) (2011): 9.

4 Vgl. FAO (2015).

5 Vgl. Löhr, Susanne; Trappel, René (Hrsg.) (2011): 9-14.

6 Vgl. Presseamt des Staatsrats der Volksrepublik China (1996): 13.

7 Vgl. China Radio International (2009).

8 Vgl. Gunnarsson, Christer (2014).

9 Vgl. China Radio International (2009).

10 Vgl. FAO Corporate Document Repository (o.a.).

11 Vgl. China Radio International (2009).

12 Vgl. Gunnarsson, Christer (2014).

13 Vgl. Zhe, Feng (2013): 7.

14 Vgl. Fischer, Doris (2006).

15 Vgl. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (2013).

16 Vgl. Fuller, Frank et al. (2005): 1.

17 Vgl. Fischer, Doris (2006).

18 Vgl. Hoering, Uwe; Sausmikat, Nora (2010): 6.

19 Vgl. Scoones, Stephen (2008): 29.

20 Vgl. Hoering, Uwe; Sausmikat, Nora (2010): 13-14.

21 Vgl. Löhr, Susanne; Trappel, René (Hg.) (2011): 9-10.

22 Vgl. Chan, Alfred L. (2001): 16.

23 Vgl. Löhr, Susanne; Trappel, René (Hg.) (2011): 40.

24 Vgl. FAO Corporate Document Repository (o.a.).

25 Vgl. Deutsche Mittelstandsnachrichten (2012).

26 Vgl. Wu, Naitao (1996): 24.

27 Vgl. Schmitt, Stefanie (2014).

28 Vgl. Wu, Naitao (1996): 24.

29 Vgl. Löhr, Susanne; Trappel, René (Hg.) (2011): 11.

30 Vgl. Hoering, Uwe; Sausmikat, Nora (2010): 7.

31 Vgl. Presseamt des Staatsrats der Volksrepublik China (1996): 14.

32 Vgl. Beijing Rundschau (2014).

33 Vgl. Hoering, Uwe; Sausmikat, Nora (2010): 7.

34 Vgl. German China Org. (2014).

35 Vgl. Presseamt des Staatsrats der Volksrepublik China (1996): 16.

36 Vgl. Hoering, Uwe; Sausmikat, Nora (2010): 8.

37 Vgl. German China Org. (2014).

38 Vgl. Hoering, Uwe; Sausmikat, Nora (2010): 11.

39 Vgl. Bonnariva, Joanna (2011): 14.

40 Vgl. Lu, Wencong; Kjeldsen-Kragh, Søren (2008): 71.

41 Vgl. GBI (2013).

42 Vgl. Beijing Rundschau (2014)

43 Vgl. Schmitt, Stefanie (2014).

44 Vgl. Auberger, Andreas (2012): 15.

45 Vgl. Löhr, Susanne; Trappel, René (Hg.) (2011): 7.

46 Vgl. Löhr, Susanne; Trappel, René (Hg.) (2011): 40.

47 Vgl. Auberger, Andreas (2012): 15.

48 Vgl. European Commission (2013).

49 Vgl. Lu, Wencong; Kjeldsen-Kragh, Søren (2008): 72.

50 Vgl. Auberger, Andreas (2012): 15.

51 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2013a).

52 Vgl. German China Org. (2011).

53 Vgl. Lu, Wencong; Kjeldsen-Kragh, Søren (2008): 72.

54 Vgl. Hoering, Uwe; Sausmikat, Nora (2010): 4.

55 Vgl. Cui, Sandy (2008): 11.

56 Vgl. German China Org. (2011).F

57 Vgl. Mangelsdorf, Axel et al. (2012): 7.

Details

Seiten
55
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668036369
ISBN (Buch)
9783668036376
Dateigröße
965 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305712
Institution / Hochschule
Hochschule Bremen
Note
2,0
Schlagworte
china eine analyse nahrungsmittelsicherung nahrungsmittelsicherheit

Autor

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Titel: Wie ernährt sich China? Eine Analyse zur chinesischen Nahrungsmittelsicherung und Nahrungsmittelsicherheit