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"Requiem For A Dream" und "Limitless". Die Darstellung des Amphetaminrauschs in Filmen

Seminararbeit 2014 22 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rauschdroge: Amphetamin
2.1. Wirkung
2.2. Phänomene der Rauschwahrnehmung

3. Analyse
3.1. Requiem for a Dream
3.2. Limitless

4. Fazit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das Medium Film wird gern hinzugezogen, wenn es um die Drogenthematik geht. Vor allem der Rausch, dessen Erfahrungen schwer in Worte zu fassen sind, erhält im Film seine visuelle Offenbarung. Von einem eigenen Genre kann allerdings nicht die Rede sein, denn in Bezug auf Rauschmittel finden sich Darstellungen sowohl in Gangster- und Gewaltfilmen, als auch in Thrillern, Dramen, Biopics und Komödien. Filme wie Requiem for a Dream, Fear and Loathing in Las Vegas und Traffic – Macht des Kartells haben abgesehen von ihrer Darstellung von chemischen Substanzen oder glühenden Joints nicht viel gemein.

Daraus ist zu schließen, dass der Drogenrausch vornehmlich als dramaturgisches Mittel eingesetzt wird, welches oftmals einen übergeordneten Rahmen formt und dabei den Zeitgeist und die gesellschaftlichen Bedingungen des Films reflektiert. Bei der Umsetzung wird in der Regel von herkömmlichen Inszenierungsstrategien abgesehen. Wie für das Medium üblich, werden Drogentrips genau wie Traumsequenzen oder Phantasmen von der diegetischen Realität abgesetzt. Der explizite Bruch mit der filmischen Realität ist dabei oftmals an die subjektive Wahrnehmung einer agierenden Figur gekoppelt und vollzieht sich beispielsweise durch die Einbindung von surrealistischen, fantastischen und psychedelischen Elementen ins Filmgeschehen. Der Konsum von Rauschmitteln verändert nicht nur die nach innen gerichtete Wahrnehmung, sondern transformiert auch die Umgebung oftmals in einen surrealen Filmkosmos, in dem die Grenzen der Logik, Kausalität und des Realismus aufgehoben werden. Die veränderte Subjektivität des Drogenkonsumenten und die daraus resultierende Verzerrung des filmischen Bildes zielen auf eine mentale Verknüpfung von Filmfigur und Zuschauer. Der Zuschauer soll sich einfühlen und mit auf den Trip genommen werden.

In welcher Weise Regisseure die veränderte Subjektivität und die Wirkungen von Rauschmitteln inszenieren, soll mit der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Da jede Droge spezifische Rauschphänomene hervorruft, konzentriere ich mich auf die Darstellung des Rauschs durch nur eine Substanz, das Amphetamin, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen. Dazu wurden zwei Filmbeispiele ausgewählt, die diesen unterschiedlich darstellen und auch verschieden konnotieren.

Erstes Filmbeispiel ist Darren Aronofskys Meisterwerk Requiem for a Dream, welches auch im Rahmen des Seminars „Narkokulturen: Drogen in Literatur und Medien seit 1945“ bei Herrn Prof. Dr. Leonhard Fuest Gegenstand der Analyse war. In diesem missbraucht eine der Hauptfiguren Diätpillen mit Amphetaminwirkstoff. Zweites Beispiel ist der US-amerikanische Thriller Limitless von Neil Burger. Dieser wurde ausgewählt, da er zum einen andere interessante Rauschphänomene darstellt, die durch eine amphetaminähnliche Substanz hervorgerufen werden, und zum anderen auch andere Inszenierungsstrategien verwendet.

Für die spätere Analyse werden zunächst die Rauschdroge Amphetamin und ihre Wirkung vorgestellt, außerdem die wichtigsten Rauschphänomene skizziert, um diesen in der Analyse intensivere Beachtung zu schenken. Im Hauptteil der Arbeit folgt die Einführung in die zwei Filmbeispiele und die Analyse jeweils zweier Szenen im Hinblick auf die Darstellung des Drogenrausches. Abschließend folgt ein Fazit.

2. Die Rauschdroge: Amphetamin

Amphetamine werden ihrer Wirkung nach zu den analeptischen Drogen gezählt, welche vornehmlich psychisch und physisch aktivierend wirken.[1] Sie führen zu einer Freisetzung von Noradrenalin aus seinen Speichern und hemmen dessen Wiederaufnahme in die präsynaptische Membran. Zudem wird der enzymatische Abbau des Noradrenalin, der normalerweise durch das Enzym Monoaminoxidase erfolgt, gehemmt. Somit hat Amphetamin eine stimulierende Wirkung auf das zentrale Nervensystem und verschiedene periphere Organe. Die Einnahme von Amphetaminen geht häufig mit der von Schlafmitteln einher, um Schlafstörungen entgegenzuwirken. Diese Kombination mehrerer Drogen, um deren Nebenwirkungen zu unterdrücken, nennt sich Polytoxikomanie.[2]

2.1. Wirkung

Zu den körperlichen Effekten der Droge sind in erster Linie Blutdruckanstieg, Pulsbeschleunigung sowie Bronchialerweiterungen zu nennen. Außerdem kommt es zu einer Vergrößerung der Pupillen und einer Erhöhung der Körpertemperatur, was sich durch die Anregung des Sympathikus erklären lässt. Dies lässt sich auf die Freisetzung von Dopamin und Noradrenalin zurückzuführen. Weitere körperliche Effekte sind die Verminderung der Magen-Darm-Tätigkeit und das damit zusammenhängende Nachlassen des Hungergefühls. Überdies wird das Schmerzempfinden verringert.

Amphetamine wirken als starke Psychostimulanzien und sind in der Lage, das Verhalten des Konsumenten zu beeinflussen. Eine hohe Antriebssteigerung gepaart mit einer stimmungsaufhellenden Wirkung steigert die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit. Euphorisierung führt dabei häufig zu Selbstüberschätzung, sodass sich zusammen mit der Aktivitätssteigerung und einem erhöhten Bewegungs- und Rededrang das Bild eines manischen Syndroms bieten kann. Weiterhin ist gesteigerte Aggressivität zu beobachten. Bei zu hoher Dosierung kann es zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen kommen, die denen im Rahmen paranoider Schizophrenien gleichen. Dauerkonsumenten zeigen vermehrt psychische Auffälligkeiten wie Depressionen oder Amphetaminpsychosen, die oftmals stationäre Behandlungen erfordern. Weitere Gefahren sind gesteigerte Unruhe, tachykarde Herzrhythmusstörungen, Hypertonie, Gewichtsverlust, psychische Abhängigkeit und das Ausführen von sinnlosen, ständig wiederholten Tätigkeiten.

Im Falle einer Sucht wird die Dosis ziemlich schnell gesteigert, da sich eine Toleranzentwicklung schnell einstellt. Dieses als Tachyphylaxie bezeichnete Phänomen kann mit einer Abnahme der Noradrenalinkonzentration in den Speicherbläschen der noradrenergen Neuronen erklärt werden. Die Substanz macht nicht körperlich, jedoch psychisch abhängig.[3]

2.2. Phänomene der Rauschwahrnehmung

Im Folgenden werden einige wichtige charakteristische Phänomene der Rauschwahrnehmung verschiedener Rauschdrogen skizziert, die von Wissenschaftlern und Schriftstellern besonders häufig beschrieben wurden. Diese Aufzählung kann nur sehr geringe Gültigkeit beanspruchen, da sich das Rauscherlebnis sehr unterschiedlich gestalten kann. Allerdings hat wohl jede Droge ihre eigene „Handschrift“, die oft nur dem Drogenexperten mit eigener Rauscherfahrung auffällt, aber dennoch als charakteristisch gelten kann. Vor allem im Hinblick auf die spätere Analyse sind diese Darstellungen wichtig, um zu erkennen, inwieweit das Dargestellte durch die Einnahme von Drogen zu erklären ist. Dabei berufe ich mich auf den deutschen Wissenschaftler Alexander Kupfer[4], der diese Phänomene auf Grundlage verschiedener Wissenschaftler und Literaten[5], unter anderem Thomas De Quincey[6], Herman Hesse[7] und Walter Benjamin[8], aufgelistet hat:

1. Lebhafte Heiterkeit. Dieses Phänomen wird von nahezu jedem Drogenforscher als Symptom der beginnenden Rauschwirkung genannt.
2. Gefühl eines geschärften Wahrnehmungsvermögens. Der Konsument fühlt sich im Rauschzustand dazu fähig, die Dinge in seiner Umgebung zum ersten Mal in ihrer wirklichen Beschaffenheit zu sehen. Dabei wird der Gegenstand so aufmerksam betrachtet, dass die feinsten Details wahrgenommen werden können. Durch diese Konzentrationsfähigkeit meint der Berauschte über ein übergroßes intellektuelles und perzeptives Potenzial zu verfügen, das ihn glauben lässt, diesen klaren Moment zur Lösung schwieriger Probleme oder zur Planung größerer Projekte nutzen zu müssen. Aus Sicht der Naturwissenschaftler ist diese „Sehschärfe“ auf eine Einengung des Gesichtsfeldes, die einen großen Bereich der gewohnten Perspektive verschwimmen lässt, zurückzuführen.
3. Synästhetische Erfahrungen. Diese sind solche, die eine Vermischung verschiedener Arten der sinnlichen Wahrnehmung bezeichnet. Die Ablösung des rationalen Wachbewusstseins durch eine andere Bewusstseinsart äußert sich in Phänomenen wie „Farbe riechen“ oder „Gefühle sehen“.
4. Intensiviertes Farbempfinden. Farben rufen starke visuelle Reize hervor, die im Rausch eine besondere Akzentuierung erfahren. So wirken sie meist wesentlich intensiver und von einem inneren Licht erfüllt, welches sie glühen lässt. Der Farbe Blau wird bei den Autoren besondere Bedeutung zu gesprochen.
5. Veränderung des Raum- und Zeitempfindens. Während des Drogenrausches werden Zeit und Raum ausgedehnt. So können Sekunden zu Stunden werden und Minuten zu Tage. Kleine Räume werden zu riesigen Hallen oder zu ganzen Universen. Wenn dies geschieht, erfolgt eine Sinnentleerung der Begrifflichkeiten Raum und Zeit. Für den Berauschten gibt es nur das Hier und Jetzt.
6. Halluzinationen, Illusionen, Transformationen. Halluzinationen sind erlebte Sinnestäuschungen im Wachzustand, die ohne objektiven Bezugspunkt entstehen. Am häufigsten betroffen ist dabei das Gehör. Illusionen und Transformationen sind Wahrnehmungsstörungen, welche sich auf einen tatsächlichen Gegenstand beziehen und diesen in veränderter oder verzerrter Form wahrnehmen lassen.
7. Empfindungen der Ich-Entgrenzung (Depersonalisation). Solche Empfindungen gehen mit der empfundenen Verschmelzung mit der Umwelt einher. Berauschte stellen fest, dass die Gegenstände ihrer Umgebung zu Lebewesen werden, deren Gefühle den eigenen gleichen. Das rührt daher, dass der Konsument sich nicht mehr darüber bewusst ist, dass die betrachteten Gegenstände auf der eigenen Interpretation beruhen. Die eigenen Befindlichkeiten scheinen sich immer mehr in den Gegenständen der Umwelt auszudrücken und so werden sie auch als Bestandteile der eigenen Persönlichkeit empfunden. Gleichzeitig glaubt sich der Berauschte immer mehr von sich selbst loszulösen. So entsteht der Höhepunkt des Rauscherlebens, die Erfahrung der Einheit mit allem Seienden (unio mystica).
8. Größenwahn. Mit der eben beschriebenen Ich-Entgrenzung geht eine dem Größenwahn ähnliche Empfindung einher. Der Berauschte fühlt sich durch die Depersonalisation zu einem höheren Wesen vervollkommnet. Er fühlt sich von allen körperlichen Zwängen befreit, die seine Seele aufhalten könnten, und fähig, alles erreichen zu können.
9. Lähmung der Willenskraft. Die nicht vorhandene Willenskraft ist ein oft beklagter Negativeffekt des Drogenrausches. Dabei erkennt der Berauschte, dass er nicht in der Lage ist, den Strom seiner Visionen, Gedanken und Impressionen zu steuern und dass er sozusagen von der Droge geleitet wird.
10. Gefühl des Eingesperrtseins und der Isolation. Die Drogensüchtigen fühlen sich von der Droge eingesperrt oder versklavt. Die daraus entstehende Isolation der Konsumenten ist eines der kennzeichnendsten Merkmale der Lebensumstände von Drogenkonsumenten. Aus ihrer Isolation entspringt das Phänomen der „tyranny of the human face“[9]. Darunter versteht der britische Schriftsteller Thomas De Quincey die Wahrnehmung verschiedener Gesichter, die dem Berauschten erscheinen. Dabei kann es das eigene Antlitz sein, ein schreckliches Monster oder auch nur die Gewissheit des Beobachtetwerdens. Diese Vision des schrecklichen Gesichts zeigt die Isolation des Konsumenten, der in seiner Psyche gefangen ist. Verschiedene Inhalte der Psyche können nicht ignoriert werden und werden personifiziert und zu einer Schreckensgestalt aufgebaut.

Nachdem nun die charakteristischen Phänomene des Drogenrauschs dargelegt wurden, ist es interessant zu untersuchen, ob und in welcher Weise diese in den Filmbeispielen aufgenommen werden.

3. Analyse

In der folgenden Analyse geht es vor allem um die ästhetische Darstellung der Rauschszenen und nicht um den Plot an sich. Es werden die Bauformen nach Werner Faulstich[10] analysiert, die Kamera/Einstellung und Montage, Dialog und Geräusche, Musik, Raum, Licht und Farbe vereinen. Diese Bauformen werden in ihrer Wirkung und dem intendierten Ziel der Regisseure untersucht und interpretiert. Dabei wird vor allem darauf geachtet, wie durch sie die subjektive Wahrnehmung des Drogenrausches authentisch nachzuzeichnen versucht wird. Um in die beiden Filme einzuführen, wird zunächst kurz die Handlung umrissen und daraufhin jeweils zwei exemplarische Szenen untersucht, die den Drogenrausch der Protagonisten Sara Goldfarb und Eddie Morra darstellen.

[...]


[1] Vgl.Bastigkeit, Matthias (2013). Rauschdrogen – Drogenrausch. Eigenschaften, Wirkung und Notfallbehandlung. Edewecht: Verlagsgesellschaft Stumpf + Kossendey. S. 56.

[2] Vgl. ebd.: 56.

[3] Vgl. Köhler, Thomas (2008): Rauschdrogen: Geschichte, Substanzen, Wirkung. München: Beck. S. 55ff.; Bastigkeit 2013: 124 ff.

[4] Vgl. Kupfer, Alexander (1996). Die künstlichen Paradiese. Rauch und Realität seit der Romantik. Ein Handbuch. Stuttgart, Weimar: Metzler. S. 245-262.

[5] Hofmann, Albert (1979): LSD – mein Sorgenkind. Stuttgart: Klett.; Witschel, Günter: Rausch und Rauschgift bei Baudelaire, Huxley, Benn und Burroughs. Bonn: Bouvier Verlag.; Michaux, Henri (1961): Turbulenz im Unendlichen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.; Leuner, Hanscarl (1962). Die experimentelle Psychose: ihre Psychopharmakologie, Phänomenologie und Dynamik in Beziehung zur Person. Versuch einer konditional-genetischen und funktionalen Psychopathologie der Psychose. Berlin: Springer.; Fallada, Hans (1959): Der Trinker. Reinbek: Rowohlt.; Baudelaire, Charles (1991): „Die Künstlichen Paradiese: Opium und Haschisch“. Les Paradis artificiels = Die künstlichen Paradiese. Sämtliche Werke/Briefe. Friedhelm Kemp et al. (Hrsg.) Bd 6. München: Hanser.

[6] De Quincey, Thomas (1965): Bekenntnisse eines englischen Opiumessers. München: Dt. Taschenbuch Verlag.

[7] Hessse, Hermann (1981). Steppenwolf. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[8] Benjamin, Walter (1987). Über Haschisch. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[9] Vgl. De Quincey 1965

[10] Vgl. Faulstich, Werner (2013): Grundkurs Filmanalyse. Paderborn: Fink.

Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668036178
ISBN (Buch)
9783668036185
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305638
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Sprache, Literatur, Medien
Note
2,0
Schlagworte
requiem dream limitless darstellung amphetaminrauschs filmen

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