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Frühkindliche Tagesbetreuung. Auswirkungen von Fremdbetreuung in den ersten drei Lebensjahren auf die Mutter-Kind-Beziehung

Bachelorarbeit 2014 31 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Relevanz der Bindungstheorie
2.1 Die frühkindliche Bindung
2.2 Die Qualität der Bindung

3. Bindung im Kontext der frühkindlichen, außerfamiliären Tagesbetreuung

4. Darstellung des empirischen Forschungsstandes
4.1 Charakteristische Aspekte der frühkindlichen Tagesbetreuung und deren Einfluss auf die Mutter-Kind-Bindung
4.2 Der Charakter des Kindes und dessen Einfluss auf die Mutter-Kind-Bindung im Kontext der frühkindlichen Tagesbetreuung
4.3 Der Einfluss familiärer Faktoren auf die Mutter-Kind-Bindung im Kontext der frühkindlichen Tagesbetreuung

5. Zusammenfassung
5.1 Implikationen für die Forschung
5.2 Fazit

6. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Forschungen der letzten Jahre verdanken wir die Erkenntnis, dass die Phase der frühen Kindheit zentral für die Entwicklung kognitiver, sozialer und emotionaler Kompetenzen einer Person ist (z.B. Sroufe, 1979, Piaget, 1991, Diamond, 2000). Seit Beginn des letzten Jahrhunderts wurden verstärkt empirische Säuglings- und Kleinkindforschungen initiiert, die Verhaltensweisen von Kleinkindern systematisch und analytisch beobachteten. Zu nennen sind hier beispielsweise die ethologischen Studien Bowlbys, aber auch die zu Beginn des letzten Jahrhunderts erschienenen psychoanalytischen Arbeiten Spitz´ oder Erkenntnisse Freuds (vgl. Spitz, 1965, Freud, 1933, Bowlby, 1969).

Allgemein angenommen wird heute, dass jegliche Erfahrungen in den ersten Lebensjahren prä- gend für weitere Entwicklungsverläufe sind und nicht nur frühkindliche Phasen, sondern auch dar- über hinaus stattfindende Entwicklungen beeinflussen (vgl. Oerter & Montada, 2002). Eine Schädigung der Psyche in der frühen Kindheit zeigt eine meist „tief greifende und lang anhal- tende Wirkung“, da sich die Persönlichkeit in dieser Periode in einem dynamischen Entwicklungs- verlauf befindet, das heißt besonders sensibel gegenüber externen Einflussfaktoren ist (Bowlby, 2001, S.14). Eine zentrale Rolle in dieser Zeit spielen Bindungserfahrungen, da sie die Basis für emotionale Regulierungen darstellen und den Aufbau von Selbstvertrauen so wie die Entwicklung von sozialen Kompetenzen ermöglichen (vgl. Sroufe 2005). Bindung, die durch interaktive Prozes- se zwischen primärer Bezugsperson und Kind hervorgerufen wird, lässt eine Grundlage entstehen, auf dessen weitere bedeutende Entwicklungen und Veränderungen erst möglich sind (vgl. Stern, 1979; Brazelton & Cramer, 1994).

Wesentliche Erkenntnisse hinsichtlich des Bindungsverhaltens von Kleinkindern sind aktuell von hoher Bedeutung, da sich die familiären Strukturen und die Umwelten, in denen Kinder aufwach- sen, entscheidend verändert haben (vgl. Ahnert & Lamb 2011). Unter Betrachtung zunehmender Erfordernis berufstätiger Frauen und dem Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf ent- stand in Deutschland in den letzten Jahren ein erhöhter Bedarf an Tagesbetreuungsplätzen für Kin- der unter drei Jahren. Während im März 2012 27,6% der unter drei jährigen Kinder fremdbetreut wurden, waren es 2013 bereits 29,3% (vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2013, S. 7).

Dies bedeutet, dass sich das Bindungsverhalten, das heißt jegliche auf Nähe ausgerichtete Handlungen, von Kleinkindern in Deutschland immer häufiger auf mehrere Personen richtet, weil sie nicht nur von der primären Bezugsperson betreut, sondern auch in der Gegenwart von Erziehern oder Erzieherinnen aufwachsen (vgl. Hédervári-Heller, 2012).

Unter bindungstheoretischer Perspektive John Bowlbys, die die Relevanz frühkindlicher Bin- dungsbeziehungen für die weitere Persönlichkeitsentwicklung betont, konnte gezielt deutlich wer- den, dass Kinder in den ersten Jahren ihres Lebens eine primäre Bezugsperson brauchen, in der Regel die Mutter, die ihnen kontinuierlich Nähe, Zuwendung und Schutz darbietet (vgl. Bowlby, 2001). Aus Sicht der Bindungstheorie scheint eine frühkindliche, in den ersten Lebensjahren statt- findende Fremdbetreuung daher ein Risikofaktor für die Entwicklung und die Aufrechterhaltung einer sicheren Bindungsbeziehung zwischen Eltern und Kind zu sein. Die tägliche Trennung von der primären Bezugsperson könnte beim Kind als Zurückweisung und Ablehnung erfahren wer- den, eine Stresssituation, wodurch unsichere Bindungsbeziehungen hervorgerufen und auch aufsei- ten der Eltern die Sensibilität und Responsivität gegenüber des Kindes minimiert werden (vgl. Brazelton, 1988). Im Gegensatz dazu steht die allgemeine Erkenntnis, dass eine Inanspruchnahme einer qualitativ hochwertigen frühkindlichen Bildung und Betreuung die Potenziale des Kleinkin- des hinsichtlich seiner kognitiven und sozioemotionalen Kompetenzen auch bis in die Adoleszenz angemessen ausschöpfen kann (Vandell et al., 2010).

Auf der Grundlage der Ergebnisse internationaler empirischer Studien soll in dieser Arbeit der Fra- ge nach gegangen werden, inwiefern sich eine Fremdbetreuung unter drei Jahren auf die Bin- dungsbeziehung zwischen Mutter und Kind auswirkt und ob es mögliche Effekte bezüglich der Responsivität und Sensibilität der Mutter gibt. Hierbei sollen sowohl die Ergebnisse der Studien zusammengefasst, die existierenden Arbeiten analysiert, sowie im aktuellen bildungspolitischen Kontext diskutiert werden.

Aufgrund des aktuellen Ausbaus der frühkindlichen Betreuungsinstitutionen in Deutschland, so wie dem Wissen hinsichtlich der bedeutenden Entwicklungsphase der frühen Kindheit und einer intensiven Bindungsbeziehung, ist die Frage fachwissenschaftlich, aber auch politisch, wie gesellschaftlich sehr zentral und wesentlich. Empirische Daten bezüglich dieses Themas können dazu beitragen, dass sich das deutsche frühkindliche Betreuungssystem zugunsten der kindlichen Entwicklung und der Eltern-Kind-Bindung verbessern kann.

In dieser Arbeit soll zunächst der Wirkungsbereich der frühkindlichen Fremdbetreuung „Mutter-Kind-Bindung“ genauer betrachtet und beschrieben werden, sodass eine theoretische Grundlage zum Thema Bindung geschaffen wird.

Im Anschluss wird der empirische Forschungsstand dargestellt und die distalen, proximalen, sowie weitere Einflussfaktoren analysiert, die sich im Kontext der frühkindlichen Betreuung auf die Mut- ter-Kind-Bindung auswirken. Analysiert wird lediglich die Mutter-Kind-Bindung und nicht die Va- ter-Kind-Bindung, da die existierenden Studien sich hauptsächlich mit diesem Elternteil auseinandergesetzt haben.

Zum Schluss werden die empirischen Studienergebnisse zusammengefasst und hinsichtlich der aktuellen Betreuungssituation in Deutschland diskutiert.

Bezüglich der Auswirkungen von frühkindlicher Fremdbetreuung auf die Mutter-Kind-Bindung finden sich bereits einige existierende Forschungsarbeiten (z.B. NICHD ECCRN, 1997, Sagi et al., 2002, Burchinal et al., 1992). Viele der Studien können jedoch meist die Komplexität dieses Wirkungsbereiches nicht genügend beleuchten.

Ziel ist es daher in dieser Arbeit die vorhandenen Forschungen miteinander zu vergleichen und diese gegenseitig zu ergänzen, um letztendlich zu einem aussagekräftigen und repräsentativen Ergebnis zu gelangen, so wie zukünftige Forschungsimplikationen zu verdeutlichen.

2 Die Relevanz der Bindungstheorie

Um der Frage dieser Arbeit nachgehen zu können, ist es zunächst von hoher Bedeutung den Wirkungsbereich „Mutter-Kind-Bindung“ genauer zu analysieren, um die Strukturen, die Notwendigkeit und die Risiken dieser Beziehung aufzuzeigen.

John Bowlby, englischer Kinderarzt und Analytiker, entwickelte in der Mitte des 20. Jahrhunderts basierend auf den Erkenntnissen der Psychoanalyse erste Theorien, die sich mit der Organisation und Entwicklung emotionaler Bindungen zwischen Mutter und Kind beschäftigten und die einen gezielten Fokus auf die Notwendigkeit von beständiger Fürsorge und Zuneigung der Mutter, beziehungsweise einer Mutter-Ersatz-Figur, legten (vgl. Bowlby, 2014).

Anlehnend an die ethologischen Arbeiten Harlows (1958), welche das Instinktverhalten von Rhesusaffen untersuchten und die starke Bindungsbeziehung zur Mutter auch ohne Futteranreiz deutlich machten und anhand seiner Beobachtungen der Folgen von Mutterentbehrung bei Waisenkindern, entwickelte Bowlby bindungstheoretische Prinzipien als ein Alternativmodell zur traditionellen Psychoanalyse (vgl. Bowlby, 2001). In der Tradition John Bowlbys wird die Bindungstheorie bis heute als Grundlage zahlreicher Forschungsarbeiten verwendet und soll auch in dieser Arbeit als Vorlage dienen (vgl. Wetting, 2009, Bowlby, 1969,1973).

2.1 Die frühkindliche Bindung

Eine Bindung ist eine emotionale Beziehung zweier oder mehrerer Personen, die für den Menschen überlebenswichtig ist. Die intensive Verbindung zeichnet sich durch einen im ersten Lebensjahr stattfindenden Prozess aus, der durch das natürliche Bedürfnis nach Nähe, der Interaktion und Kommunikation zwischen Eltern und Kind ermöglicht wird. Ein Repertoire an Verhaltensweisen und Kommunikationsformen lässt diese Basis zwischen Säugling und Bezugsperson entstehen und gewähren somit das Überleben des Kindes und dessen psychisches Wohlbefinden.

Der Aufbau einer sicheren Bindungsbeziehung zu einer Bezugsperson stellt ein elementares Grundbedürfnis des geborenen Kindes dar. Eltern sicher gebundener Kinder reagieren sensibel und empathisch auf die seelischen und physischen Bedürfnisse des Säuglings, wodurch das Kind kon- stant Vertrauen und Anerkennung erfährt (vgl. Bowlby, 2014, Grossmann, 1977). Dies begünstigt eine gesunde Entwicklung hinsichtlich sozioemotionaler Kompetenzen, birgt Vorteile in Bildungs- prozessen und begünstigt die Entfaltung des kindlichen Selbst und der Fähigkeit interpersonelle Beziehungen im weiteren Leben einzugehen, denn das Kind fühlt sich behütet und geliebt, wie auch in seiner späteren Autonomieentwicklung unterstützt (vgl. Erikson, 1998, Neumann, 2002). Fehlt dem Kind diese sichere Basis, so kann dies gravierende Folgen für die „geistigen und seeli- schen Funktionen“ haben (Bowlby, 1985, S.205).

Bereits direkt nach der Geburt besitzt der Säugling ein biologisch angelegtes Bindungsverhaltenssystem, welches durch innere oder äußere Stresssituationen aktiviert wird. Der Säugling sucht hierbei emotionalen und physischen Kontakt zur Mutterfigur und versucht die innere Verbundenheit durch unterschiedliche Verhaltensweisen wie Lächeln, Weinen oder Anklammern zu bewahren. Sowohl das Bindungsverhalten des Kindes als auch das instinktive, zum Teil aber auch erlernte Pflegeverhalten der Eltern stehen in einer kontinuierlichen Wechselwirkung, in der das Kind, aber auch die Bezugsperson Zufriedenheit erfährt.

Dieses elementare Bedürfnis nach emotionaler Nähe und das Bestehen des Bindungsverhaltens si- chern das Überleben des Säuglings und innerhalb der ersten zwölf Lebensmonate kann so eine Bindungsbeziehung zwischen Mutter und Kind entstehen. Nach der Auffassung Bowlbys ist der Bindungsaufbau von physischen und psychischen Entwicklungsmerkmalen abhängig. Bis zum zweiten, zum Teil dritten Lebensmonat kann der Säugling visuell nicht zwischen ihm ver- trauten und unbekannten Personen unterscheiden, erkennt seine primäre Bezugsperson lediglich am Geruch, ihrer Stimme und der Art des Gehaltenwerdens. Die zweite Phase des Bindungsauf- baus findet zwischen dem vierten bis sechsten Lebensmonat statt, in der das Verhalten des Säug- lings auf nun bestimmte Personen, meist auf die primäre Bezugsperson, projiziert wird und dieser unbekannte und bekannte Personen auch visuell differenziert. Ein aktives Bindungsverhalten, bei dem der Säugling unentwegt Nähe und Kontakt zu einer ihm vertrauten Person sucht, findet erst im sechsten Lebensmonat statt und wird bis hin zum dritten Lebensjahr fortgesetzt. In dieser Zeit entwickelt der Säugling die kognitive Fähigkeit, das Mutterbild zu verinnerlichen (vgl. Bowlby, 1969, 2014).

Diese unterschiedlichen Phasen zeigen deutlich, dass ein Aufbau menschlicher Beziehungen stark von der individuellen, biologischen Entwicklung geprägt ist. Laut Bowlby (2001) ist die kontinuierliche Anwesenheit der Bezugsperson des Säuglings bis zum vollendeten dritten Lebensjahr daher notwendig und erst im Anschluss kann diese Bindungsbeziehung auch in Abwesenheit der primären Bezugsperson aufrechterhalten werden.

2.2 Die Qualität der Bindung

Das natürliche Überlebensmuster einer Bindung ist in seinem Bestehen individuell ausgeprägt. Die Bindung zwischen Elternteil und Kind, die sich im Laufe der Zeit entwickelt, kann sich in ihrer Qualität und Intensität gravierend zu anderen unterscheiden und zu individuellen Entwicklungsverläufen beitragen (vgl. Hedervari-Heller, 2012).

Eine sichere und positive Bindung zwischen Mutter und Kind oder einer ähnlichen Bezugsperson wird dadurch ermöglicht, dass sich das Kind auf die emotionale und körperliche Fürsorge so wie auf die kontinuierliche Unterstützung und Verfügbarkeit der Eltern verlassen und besonders in be- lastenden Situationen bei diesen Schutz aufsuchen kann. Zentral für die Entstehung einer sicheren und befriedigenden Bindung ist die Responsivität und Sensibilität der Mutterfigur und die stetige Anwesenheit der pflegenden Person (vgl. Isabella, 1993). Die Responsivität bezeichnet die Bereit- schaft der Mutter oder des Vaters, auf die kindlichen Interaktionsversuche angemessen einzugehen und diese feinfühlig zu beantworten (vgl. Ainsworth, 1978). Die sichere Eltern-Kind-Beziehung ermöglicht eine Basis, von der aus das Kind explorativ seine Umgebung kennenlernt. Dies setzt die Voraussetzung für die Entwicklung von Vertrauen zu anderen und der Wertschätzung seiner ei- genen Person (vgl. Bowlby, 2001).

Gefährdet ist diese sichere Basis, wenn das Pflegeverhalten der Eltern durch jegliche Gründe in- konsistent ist, nicht gewährleistet wird, beziehungsweise wenn nicht auf die Bedürfnisse des Kin- des eingegangen werden kann. Eine unsichere emotionale Bindung kann zu pathologischen Ent- wicklungsverläufen führen, da sie das Selbstempfinden des Kindes stark beeinflusst. Erfahren Kin- der ständig auftretende emotionale Zurückweisung oder nur zeitweilige, unzuverlässige Fürsorge seitens der Eltern, entwickeln diese infolgedessen häufig Trennungsängste oder narzisstische Persönlichkeiten (vgl. Bowlby, 2014). Das Urvertrauen, das durch die wechselseitige Regulation zwischen Eltern und Kind entsteht, fehlt bei unsicheren Bindungen vermehrt, sodass die Grundlage eines Identitätsgefühls verwehrt bleibt und es demzufolge zu Schwierigkeiten in der Entwicklung einer geistig gesunden Psyche kommen kann (vgl. Erikson, 1998).

Die qualitativ unterschiedlichen Bindungsbeziehungen zwischen Müttern und einjährigen Kindern konnte Mary Ainsworth in Anlehnung an die bindungstheoretischen Erkenntnisse Bowlbys in den 1960er Jahren anhand eines Beobachtungsinstrumentes darstellen. Der von ihr und Kollegen ent- wickelte Fremde Situation Test konfrontiert das Kleinkind mit Trennungen der Mutter und der An- wesenheit einer fremden, unbekannten Person. Die unvertraute Umgebung des Labors, die Tren- nungen der Mutter und die Anwesenheit der fremden Person stellen Stressfaktoren dar, die das Bindungsverhalten des untersuchten Kindes aktivieren sollen und welches bei der Rückkehr der Mutter identifiziert werden kann. Ainsworth entwickelte anhand ihrer Beobachtungen während des Tests verschiedene Klassifikationen, die die Qualität einer Mutter-Kind-Beziehung bewerten.

Sie stufte die unterschiedlichen Verhaltensstrategien, die die Kinder in den Stresssituationen anwandten, in drei kategoriale Bindungsmuster ein: das sichere, das unsicher-vermeidende und das unsicher-ambivalente Bindungsmuster (vgl. Ainsworth, Blehar, Waters & Wall, 1978). Kinder mit einem sicheren Bindungsmuster suchen durch ihre positiven Erfahrungen hinsichtlich des verlässlichen und feinfühligen Verhaltens der Eltern sofortigen Schutz bei ihren Bezugspersonen und lassen sich von diesen instinktiv trösten. Unsicher-ambivalent gebundene Kinder sind hingegen in Stresssituation extrem belastet.

Die Eltern zeigen keine klar verständlichen Reaktionen auf das Bindungsverhalten und fungieren nicht als verlässliche Basis, sondern sind in ihrem fürsorglichen Verhalten ambivalent und somit für das Kind schwer nachvollziehbar. Diese Kinder zeigen folglich ein sehr ängstliches Verhalten. Kinder unsicher-vermeidender Bindungen erfahren eine kontinuierliche Ablehnung durch die Eltern, sodass ihnen keine sichere Schutzfunktion in Stresssituationen zur Verfügung steht. In belastenden Situationen suchen sie keine „Zuneigung“ oder „fremde Hilfe“, da sie diese innerhalb des frühen Bindungsaufbaus nicht erfahren durften (Bowlby, 2014, S.101).

Main und Solomon (1986) fügten einige Jahre später ein weiteres unsicheres Bindungsmuster hinzu, das „desorganisierte/desorientierte“ Bindungsmuster, in dem Kinder keine eindeutige Verhaltensstrategie gegenüber der Bindungsperson vorweisen. In dieser Kategorie lassen sich keine klaren Verhaltensstrukturen erkennen, bei der die Bindungsperson als Regulierung der Stresssituation genutzt wird. Sie bezeichneten die Kinder dieser Einstufung als äußerst unsicher.

Beachtet man die von Bowlby und weiteren Forschern aufgestellten Theorien bezüglich der kindli- chen Entwicklung und des Aufbaus der Bindung zwischen Eltern und Kind, so wird deutlich, dass eine Störung der Bindungsbeziehung besonders in den ersten drei Lebensjahren als entwicklungshemmend und für die psychische Verfassung als gefährlich anzusehen ist. Die Bindung eines Kindes zu seinen Eltern muss sich in dieser Zeit erst entwickeln und scheint äußerst anfällig für jegli - che äußerliche Einflussfaktoren zu sein.

3 Bindung im Kontext der frühkindlichen, außerfamiliären Tagesbetreuung

Die Mutter-Kind-Bindung im Kontext der frühkindlichen Fremdbetreuung ist ein Feld, welches genauestens zu beobachten und zu erforschen gilt, da laut bindungstheoretischer Annahme eine tägliche Trennung, wie sie in Institutionen wie der Kindertagesbetreuung stattfindet, als Risikofak- tor für die Qualität der Mutter-Kind-Bindung zu sehen ist. Bowlby (2001) geht davon aus, dass insbesondere ein häufiger Wechsel von Bindungspersonen in den ersten Lebensjahren negative Folgen für die Charakterentwicklung haben, sowie unsichere Bindungsmuster fördern kann.

Nachgewiesen ist, dass Kinder berufstätiger Frauen zwar eine Bindung zu ihrer Mutter aufbauen und sie als Bindungsperson den ErzieherInnen vorziehen, es ist jedoch wichtiger zu analysieren, ob diese bestehende Bindung qualitativ gut ist und ob sich diese durch den Aufenthalt in einer Tagesbetreuung verändert (vgl. Farran & Ramey, 1977).

Säuglinge lernen in ihren ersten Lebensjahren wie sie durch ihr Bindungsverhalten Signale versen- den können, und sofern diese erwidert und verstanden werden, weiß das Kind, dass sein Bindungs- verhalten richtig interpretiert wird. Die primäre Bezugsperson lernt mit der Zeit sich auf die Kom- munikationsweisen des Säuglings abzustimmen, diese zu verstehen, sodass sich ein höchst indivi- dueller Kommunikationsbestand herausbildet. Kann die primäre Bezugsperson nun jedoch nicht die Betreuung ausüben, sei es durch die Berufstätigkeit oder eine auftretende Krankheit, so muss das Kind meist institutionell betreut werden. Problematisch hierbei, so sehen es Grossmann und Grossmann (1998), ist diese Fremdbetreuungssituation deswegen, weil sich das Kind unter einem hohen Maß an Anpassungsfähigkeit auf den ungewohnten Rhythmus der fremden betreuenden Per- son einstellen muss. In diesem konstruierten Betreuungsarrangement „verliert es plötzlich alles, was ihm vorher Sicherheit gab: die Person, die seine vertraute Sicherheitsbasis und sein Fluchtziel war“ (Grossmann & Grossmann, 1998, S.73). Das Kind muss, anders als in der traditionellen Fa- milienform, in der zunächst die Mutter die primäre Bindungsperson darstellt, weitere Bindungen eingehen, um trotz Abwesenheit der Mutter eine sichere, Schutz gebende Basis zu besitzen.

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Details

Seiten
31
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668035720
ISBN (Buch)
9783668035737
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305595
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
frühkindliche Tagesbetreuung Mutter-Kind-Bindung Bindungsbeziehung Fremdbetreuung Mutter-Kind-Beziehung

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Titel: Frühkindliche Tagesbetreuung. Auswirkungen von Fremdbetreuung in den ersten drei Lebensjahren auf die Mutter-Kind-Beziehung