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Die narrative Dimension des Kunstwerks anhand der Skulpturengruppe „Apoll und Daphne“ von Gian Lorenzo Bernini und des Gemäldes "Reisepläne" von Adolph Menzel

Hausarbeit 2015 18 Seiten

Kunst - Uebergreifende Betrachtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bilderzählung. Problematik und Anwendbarkeit
2.1. Narration in der mythologischen und skulpturalen Darstellung bei Berninis „Apoll und Daphne“

3.Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungen

Abbildungsverzeichnis

1.Einleitung

Das Phänomen der Bilderzählung existiert bereits seit frühester Zeit. Man könnte meinen, dass es ein tief angelegtes Bedürfnis des Menschen ist, Zusammenhänge erschließen zu wollen und kognitives Verständnis zu entwickeln. In zahlreichen frühen gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen sind Bildmotive und Bilderzählungen zu finden. Ob zu Dekorationszwecken von Textilien in der Antike oder als Relief mythologischer Sagen in der römischen Sarkophagplastik.[1]Oder so wie im mitteleuropäischen Raum bereits seit 1400, nach der ersten Papierherstellung[2]in Form von Andachtsbildern, auf denen heilige als Schutzpatrone abgebildet waren und die für den häuslichen Gebrauch als Gebetsbilder hergestellt wurden. Ohne jeden künstlerischen Anspruch als einfache Erinnerung eines religiösen Gemäldes, welches man nun im Kleinformat ins private mitnehmen konnte. Ausschlaggebend war, dass die Möglichkeit der einfachen und günstigen Reproduzierbarkeit dieser Bilder, sie für die breite Masse zugänglich machte und eine Art Ersatz für das gelesene Wort war da nur sehr wenige Menschen des Lesens fähig waren. Man kann also annehmen, dass die literarischen Methoden bereits vor ihrer Benennung unbewusst als solche auch in anderen Gattungen, wie bei diesem Beispiel, in dem die literarische Form dem Bild bereits innerwohnt, Anwendung fanden.

Da die Kunstwissenschaft eine eher junge ist, bedient sie sich heute meist der literarischen Analyseverfahren.[3]In dieser Arbeit werde ich mich mit den Hürden der Analysemethoden beschäftigen, welche Wolfgang Kemp in „Ellipsen, Analepsen, Gleichzeitigkeiten. Schwierige Aufgaben für die Bilderzählung“ thematisiert und werde anhand verschiedener Beispiele die Anwendbarkeit prüfen. Neben dem Gemälde der Genremalerei „Reisepläne“ von Adolph Menzel, werde ich verstärkt auf Berninis Skulpturengruppe „Apoll und Daphne“ eingehen und hier auch den Aspekt der Mythologie unter Berücksichtigung der Zeitlichkeit untersuchen. Die Problematik, die sich ergibt ist natürlich, dass nicht jede einzelne Methode auf jedes Kunstwerk anwendbar ist. Es bedarf der Selektierung, bzw. einer genauen Auswahl um Zutreffendes konstruktiv anwenden zu können. Diese Problematiken bespricht Wolfgang Kemp in seiner Schrift, stets im Hinblick auf die Bilderzählung.

2. Die Bilderzählung - Problematik und Anwendbarkeit

Als Basis der Erzählforschung nennt Kemp zunächst die Unterscheidung zwischen „erzählter Zeit“ und „Erzählzeit“[4]. Also zwischen der Dauer, über die sich eine Handlung erstreckt, wie beispielsweise eine Geschichte, die sich über zehn Jahre ausweitet – der erzählten Zeit - und der Zeit, die der Rezipient benötigt, um die Handlung zu lesen. – die Erzählzeit. Das Erzähltempo oder die Zeitdeckung einzusetzen, bzw. zu variieren ist bei der Bilderzählung fast unmöglich, da sich das Prinzip der Rhythmisierung, nämlich des Verhältnisses zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit meist nicht in einem Bild verarbeiten lässt. Während wir uns in der Literatur die Zeit nehmen können, die wir uns nehmen möchten, um etwas zu erzählen, können Bilder dies auf Grund des begrenzten Raumes, der ihnen zur Verfügung steht und der ab einem gewissen Punkt ausgeschöpft ist, nicht.[5]Dieses Phänomen führt Kemp durch William Hogarths Bilderzyklen an. Diese seien vollgepackt mit Ereignissen und Eindrücken, und durch die großen Zeitsprünge zwischen den einzelnen Bildern sei ein Zusammenhang durch den Betrachter nur sehr schwer zu erschließen[6]. Die Lücke zwischen beispielsweise zwei Bildern nennt Wolfgang Kemp „Intervall“ und bezeichnet diese ebenso als „äußere Leerstelle“ bzw. als Ellipse. Daneben existiert eine weitere Leerstelle, nämlich die „innere“, welche er für die Lücken innerhalb eines Bildes verwendet[7].

Kemp nutzt u.a. William Hogarth „Before and After“ als Beispiel der Veranschaulichung eines Bilderzyklus, dessen Höhepunkt in der Ellipse beinhaltet ist[8]. In „After“ ist klar zu erkennen, dass im Intervall, auch dem unbeobachteten Moment, etwas geschehen ist dass die Situation vollständig verändert hat. Sowohl das Verhalten der Protagonisten scheint komplementär, ebenso hat sich die räumliche Ordnung verändert, Gegenstände wurden beschädigt[9]und auch eine veränderte Tageszeit lässt sich durch die Lichtgebung erkennen[10]. Die Lichtgebung, ist wie ich später an einem anderen Beispiel erläutern werde ein ausschlaggebender Faktor für das „Lesen“ von Bildern, da sie dem Betrachter die Möglichkeit gibt, wie bereits genannt, die Tageszeit aber auch Bezüge zur jeweiligen Jahreszeit zu ziehen, sofern entsprechende Parameter vorhanden sind. Ein weiterer Aspekt in Kemps Schrift ist die Thematisierung sprachlicher Aspekte im Bild, die erklärend oder unterstützend zum Werkverständnis mit hineingearbeitet werden[11] Die Analepse, die im Literarischen als Mittel verwendet wird, das sich erst im Nachhinein einem im Vorfeld geschehenen Ereignis zuwendet, findet in der Bilderzählung ebenfalls Anwendung[12], wie beispielsweise in Adolph Menzels Gemälde „Reisepläne“.[13]Hier weist das auf der Erde stehende Tablett, samt Kaffegeschirr, Kristallgefäß und Flasche auf ein Ereignis hin, welches bereits geschehen ist, da die Gegenstände scheinbar im vorhinein benutzt wurden und dies bevor der Betrachter Einblick in das Geschehen bekommt. Veranschaulichen möchte ich den Faktor der Zeitlichkeit weiterhin an dem Gemälde „Reisepläne“. Aus dem Titel des Gemäldes lässt sich bereits lesen, was der Anlass der zu sehenden Zusammenkunft ist: ein eventueller Ausflug. Die dargestellte Szene findet im Freien statt. Auf einer Terrasse sind zwei Herren zu sehen, einer stehend über eine auf dem Tisch ausgebreitete Landkarte, sie konzentriert studierend. Ein anderer spricht und lacht ihn an, sitzt auf einem Stuhl an selbigem Tisch. Es scheint sich um Gartenmöbel zu handeln, wobei die sitzende Männergestalt auf einem Stuhl aus dem Innenbereich zu sitzen scheint, da sich Holz und Bast als Materialien vermuten lassen. Es ist möglich, dass er der Besucher ist, welcher hinzugestoßen ist und für den ein zusätzlicher Stuhl hinausgestellt wurde. Weiter rechts von ihm stehen zwei Damen an der steinernen Brüstung der Terrasse. Der Kleidungsstil verrät die gehobene Schicht, der sie vermutlich entstammen, sowie eine gewisse Jugendlichkeit, abgeleitet durch die Ausschmückungen der Kleider. Links im Bild erstreckt sich vom steinernen Terrassenboden eine ebensolche etwa zwei Meter breite Treppe hinunter in den prächtigen Garten. Auf ihr schreitet eine Dame herauf, die ebenfalls gut gekleidet, jedoch etwas bedeckter mit einem Tuch, welches mit einer Brosche befestigt über den Schultern liegt, und weißen Handschuhen. In der rechten Hand hält sie einen purpurroten Schirm. Ihr Blick richtet sich zum Kartenleser, vermutlich handelt es sich bei ihm um den Hausherrn. Links von diesem, auf der Erde, liegt wie bereits erwähnt ein Tablett, auf dem sich eine Tasse samt Untertasse befindet, ein Löffel ist an der Untertasse angelegt, einer vermutlich in der Tasse, woraus sich schließen ließe, dass noch eine weitere Tasse im Umlauf ist, eventuell bei den Damen. Daneben auf der Erde, stehend, ein kristallenes Gefäß, ähnlich einem Weinglas nur größer. Schräg rechts eine braune Flasche. Das Licht kommt von links. Es lässt sich vermuten, dass es sich um einen Juni Vormittag handelt. Ich behaupte Juni, da hinter der Terrassenbrüstung Rosensträucher in ihrer vollen Pracht blühen und der Monat Juni ihre Hauptblütezeit ist. Wir finden hier also das Prinzip der Lichtgebung wieder, dem wir bereits bei Hogarth begegnet sind. Sowohl Lichtintensität, als auch die Wahrnehmung der Umgebung haben hier geholfen, das Bild in Bezug auf den verschiedenen Ebenen der Zeit, zu lesen. Darüber hinaus finden wir etliche Leerstellen. Sowohl äußere: das Bild gibt weder Aufschluss darüber woher die herauf schreitende Dame kommt, noch wohin die Gesellschaft plant aufzubrechen, als auch durch innere: im bildinternen Zusammenhang finden sich Indizien wie beispielsweise die Kommunikation der beiden Herren. Diese Aspekte liegen ganz im Ermessen des Betrachters, der die hier aufweisbaren Leerstellen mit seiner Phantasie zu füllen vermag. Das Prinzip der Gleichzeitigkeiten ist besonders deutlich, da verschiedene Schauplätze zu sehen sind, in welchen simultan etwas geschieht.

2.1. Narration in der mythologischen und skulpturalen Darstellung bei Berninis „Apoll und Daphne“

Geboren am 7. Dezember 1598 in Neapel, wurde er seit seiner Kindheit vom Vater, Pietro Bernini, in der Kunst der Bildhauerei geschult. Da der Vater einen Auftrag erhielt, musste die gesamte Familie nach Rom umziehen. Hier wuchs der junge Gian Lorenzo Bernini in der prächtigen Welt der Mäzenen und Kunstliebhaber auf. Sein Interesse galt bereits früh sowohl der Antike, als auch der zeitgenössischen Kunst und da er seine künstlerischen Fähigkeiten seit frühester Zeit studierte und in hohem Maße schulte, erreichte er bereits in jungen Jahren die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen[14]. Als Architekt und Bildhauer wurde er meist vom Klerus beauftragt[15]. So auch für die Borghesefiguren, unter denen sich die Apoll und Daphne Gruppe befindet. Kardinal Scipione Borghese, ein sehr kunstaffines Mitglied des Klerus, beauftragte ihn mit dieser Gruppe[16]. Aufgestellt werden sollte sie in seiner Villa, der sogenannten Villa Borghese in Rom, ein Ort inmitten eines mit Skulpturen gestalteten Parks, der als eine Art musealer Raum für seine Kunstwerke galt.[17]Ursprünglich stand die Apoll und Daphne Gruppe an der Wand eines Eckraumes im Erdgeschoss der Villa, jedoch wurde sie im späten 18. Jahrhundert in die Mitte des Raumes gerückt.[18]In den Jahren 1622 bis 1625 entstanden,[19]misst die Gruppe eine Höhe von 2,43 Meter und steht auf einem 1,15 Meter hohen Marmorsockel.[20]

Die Skulptur bezieht sich auf Ovids Metamorphosen. Diese gehören zu den römisch-antiken Epen, die sowohl die griechischen, als auch die italienischen Mythen beinhalten. Nachdem Apoll den Liebesgott Eros auf Grund seiner Schießfähigkeit verspottet, ist dieser tief gekränkt, willens sich zu rächen und wirft zwei Pfeile ab, einen goldenen auf Apoll und einen bleiernen auf Daphne. Dies hat zur Folge, dass Apoll sich liebestrunken auf eine regelrechte Jagd nach Daphne macht, während diese erfüllt von Abneigung gegenüber Apoll, zu fliehen versucht. Sie schafft es nicht und wird beinahe von ihm eingeholt, als sie ihren Vater Peneus, den Flussgott, um Hilfe bittet. Dieser verwandelt sie in einen Lorbeerbaum und Apoll bleibt nur noch der Kranz, den er sich aus ihrem Zweige bindet[21].

„Vater, komm mir zu Hilfe“ sprach sie, „sofern ihr Flüsse göttliche Macht besitzt! Zerstöre durch eine Verwandlung diese Gestalt, durch die ich allzu sehr gefiel!“ Kaum hat sie ihr Gebet beendet, da kommt über ihre Glieder eine lastende Starre. Um die zarte Brust legt sich dünner Bast. Das Haar wächst sich zu Laub aus, die Arme zu Ästen; der eben noch so flinke Fuß haftet an zähen Wurzeln, das Gesicht hat der Wipfel verschlungen: Allein der Glanz bleibt ihr. Auch so liebt Phoebus sie noch. Er legt die rechte Hand an den Stamm und fühlt noch, wie die Brust unter der frischen Rinde bebt, umschlingt mit den Armen die Äste, als wären es Glieder, küsst das Holz-doch das Holz weicht den Küssen aus.[22]

Bernini wählte eben diesen Moment aus und stellt die gerade beginnende Metamorphose dar. Der Mythos suggeriert eine mögliche Wirklichkeit, die durch den verarbeiteten Inhalt existent und greifbar werden kann. Ebenso durch die Eigenschaft der Wiederholbarkeit[23]. Diese Aspekte sind stark mit denen der Zeitlichkeit verwoben. Erst durch Bewegung kann eine Geschichte entstehen, denn sie dient als Grundlage für Veränderung[24]. Jeder Moment beinhaltet eine Wandlung, davon lebt ein Geschehen. Diese Aspekte sind durchaus ausschlaggebend für die Bilderzählung und die Anwendbarkeit der literarischen Analyseverfahren auf die Kunstgeschichte, insbesondere auf die Skulptur.

[...]


[1]Blattner, 2001, S.37.

[2]Stoschek, 2001, S.9.

[3]Kemp, 1989, S.8.

[4]Kemp, 1989, S. 62.

[5]Ebd.

[6]Ebd., S.66.

[7]Kemp, 1989, S. 67.

[8]Ebd.

[9]Ebd., S. 70.

[10]Ebd., S. 71.

[11]Ebd., S.80.

[12]Ebd.

[13]Abb. 1

[14]Riedl, 1960, S.18.

[15]Kuhn, 1993, S.11.

[16]Avery, 1998, S.56.

[17]Riedl, 1960, S. 5.

[18]Ebd.

[19]Ebd, 1960, S.4.

[20]Ebd., 1960, S.6.

[21]Larsson, 2009, S. 119.

[22]Ovid, 1 n. Chr. -8 n. Chr, V. 545-556; Albrecht (Hrsg./Übersetzer), 1997, S. 45. Der lateinische Originaltext lautet: „fer, pater“, inquit „opem, si flumina numen habetis! qua nimium placui, mutando perde figuram!“ vix prece finita torpor gravis occupat artus: mollia cinguntur tenui praecordia libro, in frondem crines, in ramos brachia crescunt; pes modo tam velox pigris radicibus haeret, ora cacumen habet: remanet nitor unus in illa. Hanc quoque Phoebus amat positaque in stipite dextra senit adhuc trepidare novo sub cortice pectus conplexusque suis ramos, ut membra, lacertis oscula dat lingo: refugit tamen oscula lignum.

[23]Grassi, 1957, S. 84.

[24]Ebd., S.94.

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668034464
ISBN (Buch)
9783668034471
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305572
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Kunsthistorisches Institut
Note
14,0
Schlagworte
Wolfgang Kemp Narration Bernini Apoll und Daphne

Autor

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Titel: Die narrative Dimension des Kunstwerks anhand der Skulpturengruppe „Apoll und Daphne“ von Gian Lorenzo Bernini und des Gemäldes "Reisepläne" von Adolph Menzel