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Deutschland schafft sich ab? Kritische Auseinandersetzung mit den Thesen Thilo Sarrazins und anderer Eugenikern

Studienarbeit 2013 14 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Überblick über eugenische Tradition und Ausblick auf die Hausarbeit

2. Hintergrund
Sarrazin der Eugeniker?

3. Statistischer Beleg
Religion als vermeidliche Problemquelle

4. Untersuchung
Sarrazins Quellen

5. Abschluss
Begründungsvorschlag für eugenische Theorien

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Überblick über eugenische Tradition und Ausblick auf die Hausarbeit

Die westlichen Länder Europas und Nordamerikas inszenieren sich als freie Welt, in der im Idealfall die Chancengleichheit aller rechtmäßigen Bürger gewährleistet sein sollte. Dennoch werden vor dem Hintergrund eugenischer Argumentationen seit mehreren Jahrhunderten immer wieder Konsequenzen für Teile von Bevölkerungen, die von Streichungen von Sozialleistungen bis hin zur Euthanasie, z. B. in Nazideutschland, reichen, gefordert.

Wo in den Vereinigten Staaten traditionell die afroamerikanische Minderheit von Eugenikern als von Natur aus weniger intelligent angesehen wird, meinte in Deutschland zuletzt Thilo Sarrazin in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ mit fest verankerten Tabus brechen und seine Mitbürger darauf hinweisen zu müssen, dass die ursprünglichendeutschenTeile der Bevölkerung sich in solchem Maße fortpflanzten, dass ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung auf lange Sicht rückläufig wäre. Dagegen vermehrten sich die genetisch bedingt bildungsferneren Personen mit Migrationshintergrund übermäßig, wodurch ihr Anteil an der Gesamtpopulation Deutschlands explodiere, was eine allmähliche Verdummung und Verfremdung Deutschlands mit sich brächte.[1]

Ungeachtet der Brisanz dieses Themas weist Sarrazin die Anschuldigung zurück, dass er ein Eugeniker sei. Entgegen dieser Beschuldigung betont er überdies, zwar eine unangenehme, jedoch auch notwendige Wahrheit anzusprechen. Er bezieht sich hierbei auf scheinbar seriöse, objektive Quellen, die keinen anderen Schluss zuließen, als den, dass die Intelligenz und die Qualität der Deutschen auf dem Spiel stehe, wenn nicht ein Wandel des Fortpflanzungsverhaltens in Deutschland stattfinde. Sowohl bei den hochwertigen, gebildeten „echten“ Deutschen, die zu wenig Kinder bekämen als auch bei den minderwertigeren, ungebildeteren Immigranten, bei denen zu viele Kinder pro Frau geboren würden. Er fordert hierfür z. B. eine Änderung der deutschen Sozialpolitik, die eine angenehme Grundlage für Einwandererfamilien böte, die sich auf ein niedriges Lebensniveau eingestellt hätten, und nun von einer Sozialhilfe lebten, die eine höhere Kinderzahl mit erhöhten Zahlungen noch belohne.[2]

Sarrazins Quellen sind ihrerseits Verfechter ähnlicher Thesen, die sich meist nur in den Bevölkerungsgruppen unterscheiden, deren Vermehrung Schuld an der „Verdummung“ der jeweiligen Bevölkerung ist.

Welchen Wahrheitsgehalt haben Sarrazins Quellen und wie objektiv sind sie tatsächlich? Zunächst scheint es, nicht zuletzt dank der Aufmerksamkeit und der immer weniger verhaltenen Zustimmung, die Sarrazin und anderen Vertretern seiner These zukommt, als ob die allmähliche Verdummung verschiedener Bevölkerungen ein ernstzunehmendes und von vielen insgeheim wahrgenommenes Problem darstellt, das nur auf Grund von gesellschaftlichen Tabus noch nicht mit der angebrachten Aufmerksamkeit und schonungslosen Ehrlichkeit behandelt wurde, die es verdient und derer es bedarf. Doch ist dem wirklich so? Oder handelt es sich bei der ständigen Angst vor dem Zerfall alter Werte und Tugenden hin zu einer Gesellschaft der Dummen, die von einem sie unterstützenden Sozialstaat leben um ein Nebenprodukt einer anderen Angst? „[Der] Angst vor sozialem Abstieg, [der] Angst vor heraufwuchernden Unterschichten, [der] Angst den Anschluss zu verlieren, als Individuum wie als Nation“[3], die durch eine zunehmende Globalisierung der modernen Welt hervorgerufen wird?

Diese Frage soll hier untersucht werden. Dabei soll vor allem der Sammelband von Michael Haller und Martin Niggeschmidt „Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik“[4]im Mittelpunkt stehen, worin das Problem ausführlich und aus verschiedensten Sichtweisen beleuchtetet wird.

2. Hintergrund

Sarrazin der Eugeniker?

Obwohl Thilo Sarrazin bestreitet selbst Eugeniker zu sein, soll an dieser Stelle doch ein Überblick über die Tradition der eugenischen Wissenschaft gegeben werden. Es wird deutliche werden, dass Sarrazins Thesen, entgegen seiner eigenen Aussage, stark eugenische Denkmuster erkennen lassen.

Die Eugenik war eine wissenschaftliche und gesundheitspolitische Bewegung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Besonders präsent war sie in England den USA, Deutschland und skandinavischen Ländern. Der Grundgedanke der Eugenik ist der, dass durch die Kombination erwünschter, erblicher Eigenschaften Rassen mit eben diesen positiven Eigenschaften gezüchtet, ebenso, wie Rassen mit unerwünschten Eigenschaften ausgemerzt werden können, indem ihre Vermehrung unterstützt oder unterbunden wird. Was wie Prinzipien der Tierzucht klingt wird auf den Menschen angewandt und führt schnell zu rassistischen Praktiken in Politik und Wissenschaft. Im dritten Reich wurden die Prinzipien der Eugenik auf die Spitze getrieben und führten zur Ermordung von unerwünschten Minderheiten, wie z. B. Juden und geistig- und körperlich Behinderten.[5]

Dysgenik bedeutet dagegen die Verbreitung schlechter Eigenschaften durch Vererbung. Eugeniker geben dafür der modernen Medizin die Schuld, da diese die natürliche Selektion neutralisiere. Eine zu ausgeprägte Sozialpolitik unterstütze diesen Effekt noch.

Als Vater der Eugenik gilt der Statistiker Francis Galton, auf den auch Sarrazin ausführlich referiert.

Sarrazins Hauptthese, die deutsche Bevölkerung verliere zunehmend an Intelligenz, weil sich von Natur aus weniger intelligente Immigranten ebenfalls ihrer Natur entsprechend zu stark vermehrten, ist eine klassischer Bestandteil eugenischen Denkens und beschreibt einen klassischen dysgenischen Vorgang. Und auch die von Sarrazin wiederholt vorgebrachte Idee von Genen, die vererbt werden und so die Eigenschaften von Personen bestimmen ist nichts als eine Modernisierung des eugenischen Prinzips nach dem bestimmte „Pools“ von Eigenschaften von Eltern an ihre Kinder durch Vererbung weiter gegeben werden, die mehr oder weniger erwünscht sind. Eine Idee, die seit den 1950er Jahren allgemein als überholt gilt.[6]

3. Statistischer Beleg

Religion als vermeidliche Problemquelle

Das Hauptanliegen Thilo Sarrazins, das er in seinem Buch versucht geltend zu machen ist das, dass Deutschland auf Grund demographischer Entwicklungen auf lange Sicht sein intellektuelles und technisches Potenzial, seinen Lebensstandard und seine Stellung in der Welt einbüßen würde. Zu dem Zeitpunkt, an dem dieses Szenario eingetreten wäre, gäbe es allerdings nur noch wenige Deutsche, die das prophezeite Dilemma betrauern könnten.[7]Der Grund für Sarrazins dunkle Vorhersage ist eine, laut Sarrazin, falsche Einwanderungs- und Sozialpolitik, durch die genetisch bedingt bildungsferne ethnische Minderheiten, in Deuschtland besonders die, der muslimischen Einwanderer, dazu motiviert würden sich explosionsartig zu vermehren. Sarrazin attestiert diesen muslimischen Minderheiten dabei pauschal Eigenschaften wie eine unterdurchschnittliche Integration auf dem Arbeitsmarkt, überdurchschnittliche Abhängigkeit von Sozialtransfers, unterdurchschnittliche Bildungsbeteiligung, überdurchschnittliche Fertilität, den Hang zur räumlichen Segregation mit der Tendenz zur Bildung von Parallelgesellschaften, eine überdurchschnittliche Religiosität und einen überdurchschnittlichen Hang zur Kriminalität.[8]

Ein Problem der Argumentation wird schon hier offensichtlich. Sarrazin bezieht sich bei seiner Prognose ausschließlich auf Immigranten aus Ländern mit muslimischem Hintergrund. Er weist einen Vergleich mit etwa hispanischen Einwanderern in den Vereinigten Staaten zurück, wobei er den Unterschied zwischen den beiden Volksgruppen daran festmacht, dass die Einwanderer aus Mittel- und Südamerika eine europäische Sprache sprächen und von christlichem Glauben wären[9]. Betrachtet man aber den Mikrozensus 2009 zeigt sich, dass, obwohl es tatsächlich Gruppen von Einwanderern gibt, die einen niedrigeren Bildungserfolg erzielen, sich dieses Phänomen in Deutschland durchaus nicht auf Immigranten mit muslimischem Migrationshintergrund beschränkt. Zwar zeigt sich, dass bei Mitgliedern der Geburtskohorte 1981 - 1986, von den Personen deren Eltern aus der Türkei einwanderten, 50% einen niedrigen oder keinen Schulabschluss erhalten (38% Hauptschulabschluss; 12% ohne Schulabschluss), ähnliche Ergebnisse finden sich aber auch bei Kindern italienischer Gastarbeiter (41% Hauptschulabschluss; 5% ohne Schulabschluss). Bei beiden Gruppen erhalten nur 24% bzw. 22% die Fachhochschulreife. Der Vergleich mit den Personen ohne Migrationshintergrund dieser Geburtskohorte, bei denen 45% die Fachhochschulreife erlangen, während nur 15% mit einem Hauptschulabschluss die Schule verlassen und nur 2% ohne Abschluss bleiben, zeigt eklatante Unterschiede zwischen den Gruppen. Es sollte aber auch offensichtlich sein, dass es sich bei italienischen Einwanderern ebenso um Sprecher einer europäischen Sprache handelt, die einen christlichen Glauben haben, wie bei den hispanischen Einwanderern in die USA, die allerdings dieselben Probleme vorweisen, die türkische Einwanderer haben und die Sarrazin vorrangig muslimischen Einwanderern zusprechen will. Währenddessen erhalten 50% der Schüler mit iranischem/irakischem Migrationshintergrund die Fachhochschulreife. Diese Zahlen weisen zwar auf Unterschiede zwischen einzelnen Gruppen von Einwanderern hin, lassen aber Sarrazins Bild vom minderbemittelten, bildungsunwilligen, paarungsfreudigen und kriminellen Einwanderern aus muslimischen Ländern sehr einseitig und unvollständig erscheinen.[10]

An dieser Stelle soll dieser Makel an Sarrazins Argumentation aber einmal außen vor bleiben und stattdessen seine Quellen, die nach eigener Aussage objektiv und ernstzunehmen sind, näher betrachtet werden.

Was sich zeigen wird ist eine lange Tradition immer wieder verwendeter eugenischer Argumente, die zumeist schon entkräftet oder zumindest fragwürdig sind.

[...]


[1]vgl. Sarrazin, Thilo: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2010, S. 9

[2]ebd., S. 149.

[3]Etzemüller, Thomas: Die Angst vor dem Abstieg. In: Haller, Michael/Niggeschmidt, Martin (Hrsg.): Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik. Wiesbaden: Springer VS 2012, S. 181.

[4]Haller, Michael/Niggeschmidt, Martin (Hrsg.): Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik. Wiesbaden: Springer VS 2012

[5]vgl. :Weingart, Peter: Ist Sarrazin Eugeniker?. In: Haller, Michael/Niggeschmidt, Martin (Hrsg.): Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik. Wiesbaden: Springer VS 2012, S. 22.

[6] ebd., S. 19 ff.

[7]Sarrazin 2010, S. 372.

[8]Sarrazin 2010, S. 264.

[9]ebd., S. 265.

[10]vgl. :Canan, Coskun: Über Bildung, Einwanderung und Religionszugehörigkeit. In: Haller, Michael/Niggeschmidt, Martin (Hrsg.): Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik. Wiesbaden: Springer VS 2012, S. 143.

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668035584
ISBN (Buch)
9783668035591
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305462
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Thilo Sarrazin Deutschland schafft sich ab Eugenik Intelligenz

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