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Annäherung an den Umgang mit dem Fremden im Unterricht

Examensarbeit 2014 124 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Eigene, das Andere und das Fremde
2.1 Das Eigene
2.2 Das Andere und das Fremde
2.3 Das „Anderswo“ und das „Außer-ordentliche“

3 Der Anspruch des Fremden und seine Wirkungen
3.1 Die Entdeckung der Fremderfahrung durch das Anderswo und das
3.2 Ein Wandel festgefahrener Denkgewohnheiten

4 Möglichkeiten des Umgangs mit dem Fremden
4.1 Aneignung
4.1.1 Positive Aneignung
4.1.2 Positive Aneignung durch das Fremde im Eigenen
4.2 Stereotype und Vorurteile
4.3 Rassismus

5 Bildung im Anspruch des Fremden

6 Einleitung der praktischen Arbeit

7 Das eigene Vorverständnis in Bezug auf das Fremde

8 Das eigene Erkenntnisinteresse

9 Methodologisches Positionieren und Vorgehen
9.1 Der Zugang zum Feld
9.2 Lerngruppenbeschreibung
9.3 Methode der Untersuchung und Datenerhebung
9.4 Methode der Transkription
9.5 Methode der Auswertung

10 Auswertung
10.1 Auswertungsphase 1
10.1.1 Konkrete Befragung zur Fremderfahrung
10.1.2 Zuordnung der Bildergalerie zum Fremden und Bekannten
10.1.3 Auswertungsphase 1 Die Diskussion der Collagenzuordnung
10.1.4 Experiment zum Umgang mit dem Fremden
10.1.5 Auseinandersetzung mit dem Bilderbuch „Irgendwie Anders“
10.2 Auswertungsphase 2

11 Schwierigkeiten im Forschungsprozess

12 Ergebnis

13 Fazit und offene Fragen

14 Literaturverzeichnis

15 Anhang
15.1 Unterrichtsabschnitt 1a: Konkrete Befragung zur Fremderfahrung
15.2 Unterrichtsabschnitt 1c: Zuordnung der Bildergalerie zum Fremden und
15.3 Unterrichtsabschnitt 2d: Die Collagenzuordnung
15.4 Unterrichtsabschnitt 3a: Das Experiment
15.5 Unterrichtsabschnitt 3b: Auseinandersetzung mit dem Bilderbuch

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Formel zum "trigonometrischen Polynom"

Abbildung 2: Objektive Unterscheidung anhand eines objektiven Abstandes

Abbildung 3: Subjektive Unterscheidung anhand eines subjektiven Abstandes

Abbildung 4: Abhängigkeit von eigenem Verhalten und der Wahrnehmung des Fremden

Abbildung 5: Fotografie einer Montagehilfe für Glühbirnen

Abbildung 6: Zuordnung der Bilder zum Fremden

Abbildung 7: Zuordnung der Bilder zum Bekannten

Abbildung 8: Fotografie der Collage von Nikolas

Abbildung 9: Fotografie der Collage von Phil

Abbildung 10: Fotografie der Collage von Alberta

Abbildung 11: Fotografie der Collage von Jan

Abbildung 12: Fotografie der Collage von Marie B.

Abbildung 13: Fotografie der Collage von Sandra

Abbildung 14: Fotografie der Collage von Ahmet

Abbildung 15: Fotografie der Collage von Remus

Abbildung 16: Fotografie der Collage von Emilia

Abbildung 17: Fotografie der Collage von Angelika

Abbildung 18: Zeitungsausschnitt "kleiner Junge"

Abbildung 19: Zeitungsausschnitt "Model"

Abbildung 20: Zeitungsausschnitt "kleines Mädchen"

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: synoptischer Vergleich

A. Theoretischer Teil

1 Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Formel zum "trigonometrischen Polynom"[1]

Fragen Sie sich gerade, was mit dieser Formel berechnet werden könnte? Oder fragen sie sich, warum das Thema „Annäherungen an den Umgang mit dem Fremden im Unterricht“ mit einer mathematischen Formel beginnt? Wenn ja, dann hat dieser außer-ordentliche Anfang bereits (s)einen Sinn erfüllt, indem er Ihre Aufmerksamkeit geweckt und Sie auf die Suche nach eigenen Sinngebungsmöglichkeiten geschickt hat. So konnten Sie bereits ein grundlegendes Potenzial des Fremden erfahren.

Vielleicht haben Sie diese Formel aber auch sofort als einen repräsentativen, anschaulichen Einstieg für etwas Fremdes verstanden. Doch nicht jeder verbindet mathematische Formeln mit etwas Fremdem. Mathematisch begabte oder interessierte Menschen betrachten sie möglicherweise sogar als einen wichtigen Bestandteil ihres Lebens. Ebenso könnte kritisiert werden, dass diese oder ähnliche Formeln und Zeichen schon vielfach gesehen wurden und sie damit nichts wirklich Fremdes darstellen.

Entsprechend beginnt diese Arbeit nicht mit einem Stellvertreter für etwas Fremdes. Stattdessen beginnt sie mit einer Formel, welche Ihnen entweder die Zugänglichkeit des Eigenen oder die Unzugänglichkeit des Fremden vor Augen führt.

Damit stellt sich die Frage, was das Eigene bestimmt und das Fremde vom Eigenen abgrenzt. Dieser Frage geht Kapitel 2 anhand der philosophisch-phänomenologischen Analysen von Bernhard Waldenfels, nach, da sie sich im Umfeld eigener Recherchen als hilfreiche Grundlage erwiesen haben.

B. Waldenfels hat sich, geschult in der phänomenologischen Tradition Husserls und beeinflusst von bedeutenden Philosophen (wie z. B. Ricœur, Merleau-Ponty, Derrida und E. Levinas), sehr umfangreich mit sozialen Phänomenen auseinandergesetzt, welche ihn bereits frühzeitig mit dem Phänomen des Fremden konfrontierten, während sie ihm offensichtlich eine vielschichtig fundierte Basis boten, um dieses Phänomen umfangreich zu beleuchten (https://www.husserlarchiv.uni-freiburg.de/bernhard-waldenfels-archiv).

Ausgehend von seinen WerkenDas Zwischenreich des Dialogs, Sozialphilosophische Untersuchungen im Anschluß an E. Husserl (1986)undOrdnungen im Zwielicht (1987)entwickelten sich seine vielfach rezipierten Publikationen zum Fremden(Der Stachel des Fremden (1990)oder dieTopographie des Fremden – Studien zur Phänomenologie des Fremden (1997)), auf welche diese Arbeit nachfolgend eingeht.

Kapitel 2.1 definiert das Eigene und Kapitel 2.2 beleuchtet das schwer zu greifende Phänomen des Fremden. Besonders die von B. Waldenfels erwähnte und von mir anschaulich hervorgehobene Unterscheidung von Anderem und Fremdem soll helfen, über die Subjektivität der eigenen Wahrnehmung zu reflektieren, damit die schwer zu fassenden Grenzen zwischen Eigenem und Fremdem ins Bewusstsein gerückt werden. Gleichzeitig wird hiermit ein bedeutsamer und vielfach vernachlässigter Unterschied zwischen Anderem und Fremdem erkennbar. Wie vielschichtig die Grenzen zwischen Eigenem und Fremdem aufgrund diverser eigener Ordnungssysteme zu setzen sind, thematisiert anschließend Kapitel 2.3. Dabei ist unsere subjektive Wahrnehmung als Ausgangspunkt jeder Generierung von Fremdheit zu erkennen.

Der von mir kurz zitierte Erik H. Erikson liefert hierfür eine psychoanalytisch geprägte Perspektive auf das Eigene. So beschäftigt er sich in seinem WerkIdentität und Lebenszyklussowohl mit den freudschen Antipoden von Ich, Es und Über-Ich als auch mit der Prägung des Eigenen durch die Gesellschaft. Seine Publikation über die Identitätsentwicklung stellt damit eine interessante Ergänzung zu B. Waldenfels dar, indem er die von B. Waldenfels theoretisch beleuchteten Inhalte mit Leben füllt. Allerdings sollen seine umfangreichen Theorien hier keine weitere Berücksichtigung finden, da dies den Rahmen der Arbeit überschreiten würde.

Kapitel 2.3 beleuchtet weiterhin unterschiedliche Steigerungsgrade des Fremden. Aus diesen leitet sich der in Kapitel 3 hervorgehobene Anspruch des Fremden unmittelbar ab. Zu erkennen ist, warum manche Formen des Fremden das Eigene kaum berühren, während andere Fremderfahrungen vielfach als Bedrohung wahrgenommen werden. Diese bedrohliche Seite des Fremden vertieft Kapitel 3.1 weiter, um das Fremde als eine eindringliche Problemerfahrung hervorzuheben. Gleichfalls existiert hiermit eine nachvollziehbare Perspektive auf einen vielfach kritisch zu betrachtenden Umgang mit dem Fremden. Kapitel 3.2 beginnt mit dem Hervorheben der konstruktiven Kräfte des Fremdanspruchs. Insgesamt öffnet sich hiermit der Blick für ein bedeutsames Wechselspiel von destruktiven und konstruktiven Kräften, welches mit dem Anspruch des Fremden auf das Eigene einwirkt. So ist das Fremde einerseits als eine ernst zu nehmende Krisenerfahrung zu erkennen, während eine Entwicklung des Eigenen ohne Fremderfahrungen sich als überhaupt nicht möglich erweist.

Der Eingang von Kapitel 4 thematisiert kurz die vielfach bevorzugte Abwehr des Fremden im Kontext tief greifender Veränderungen und damit verbundene Ängste. Kapitel 4.1 verdeutlicht weiterhin, inwieweit die Abwehr des Fremden aus einem weitgehend unreflektierten Verhalten resultiert und welche Konsequenzen sich daraus für das Fremde und das Eigene ergeben. So lässt sich die von B. Waldenfels als „negative Aneignung“ bezeichnete Abwehr des Fremden im Hinblick auf eigennützige Intentionen reflektieren, um sie als durchaus trügerisch zu erkennen. Damit eröffnet sich die Frage, wie dieser kritikwürdigen Umgangsform entgegenzuwirken ist, sodass eine Überleitung auf die in Kapitel 4.1.1 dargestellte ›positive Aneignung‹ erfolgt. Diese arbeitet Kapitel 4.1.2 aus den Ausführungen von B. Waldenfels heraus, die durch Beiträge einer „Jahrestagung der Gesellschaft für Tiefenpsychologie“ eine erweiterte Darlegung erfahren.

Kapitel 4.2 handelt Stereotype und Vorurteile ab. Hierbei sind diese gesellschaftlichen Phänomene in ihren Ursachen und Wirkungen zu erkennen, während sie einen Bezug zur negativen Aneignung von B. Waldenfels ermöglichen und seine Ausführungen in einem neuen Licht aufzeigen.

Kapitel 4.3 beschäftigt sich mit dem Rassismus als eine mögliche Wirkung von stereotyper Wahrnehmung und Vorurteilen. Hierbei stellen sich die z. T. schwerwiegenden Konsequenzen für alle Betroffenen anschaulich dar, welche aus dieser Form der Wahrnehmung resultieren können. Besonders interessant zeigt sich die aufgegriffene Unterscheidung eines traditionellen und eines modernen Rassismus, wobei dem modernen Rassismus besondere Aufmerksamkeit zukommt.

Kapitel 5 beinhaltet das Verständnis von Bildung und ihre möglichen Auswirkungen. Als Beispiel für den aktuell hohen Bildungsanspruch in institutionellen Einrichtungen dient ein kurzer Bezug zur Bildungstheorie von Rainer Kokemohr, welche sich aus der humboldtschen Bildungstheorie ableitet und diese erweitert. Dabei bildet sich ein erkennbarer Bezug zwischen dem schwierigen Anspruch des Fremden und dem Verständnis von Bildung heraus.

Mit Kapitel 6 beginnt der praktische Teil dieser Arbeit. Hier liegt der Fokus auf der Frage, ob sich insbesondere kleine Kinder bzw. Schulanfänger an einen positiven Umgang mit dem Fremden heranführen lassen. Eine qualitative Forschungsmethode dient dem Nachgehen dieser Fragestellung und diesbezüglich der Entwicklung einer eigenen Theorie als Basis. Kapitel 6 leitet diese ein, die Kapitel 8 – 11 stellen sie ausführlich vor.

In Kapitel 12 erfolgt eine Zusammenführung des Ergebnisses dieser Forschungsarbeit im Kontext mit dem theoretischen Teil. Kapitel 13 zieht ein Fazit und stellt abschließende offene Fragen.

2 Das Eigene, das Andere und das Fremde

Das Eigene, das Andere und das Fremde stellen alltägliche Begriffe dar, welche selten eine genauere Betrachtung und Definition erfahren. Eine Auseinandersetzung mit diesen Begriffen ist jedoch vonnöten, um sich die vielseitigen Wechselbeziehungen zwischen Eigen und Fremd sowie den bedeutsamen Unterschied zwischen Anderem und Fremdem zu vergegenwärtigen. Dieser Weg ermöglicht eine bewusste Annäherung an das schwer zu greifende Phänomen des Fremden.

2.1 Das Eigene

Der eigene Körper als Ausgangspunkt des eigenen Lebens und die eigene Wahrnehmung als verbindende Instanz zur Umwelt sind als etwas Eigenes zu bezeichnen, da ein eigenes Leben ohne sie gar nicht denkbar wäre. Unter etwas Eigenem ist außerdem alles zu verstehen, was sich im eigenen Besitz befindet. Allerdings findet auch Vieles ganz selbstverständlich Bezeichnung als etwas Eigenes (z. B. die eigenen Verwandten und Freunde, der eigene Lebensraum etc.), was als Teil des Eigenen erscheint, weil es unmittelbar auf den eigenen Körper und die eigene Ich-Identität[2] einwirkt. Dazu zählen z. B. Menschen, welche nicht direkt dem Eigenen gehören, mit welchen jedoch eine Identifizierung stattfindet.

„Identifizierung bedeutet, daß ich ich selbst werde durch Einbeziehung anderer. Ich werde zu dem, der ich bin, indem ich mich mit einem Elternteil, den Vorfahren, einer Gruppe, mit einem social self im Sinne von William James identifiziere.“ (B. Waldenfels 1997, S. 22)

Eine vergleichbare Identifikation besteht auch in Bezug auf den eigenen Wohnort bzw. die eigene Heimat, weil dieser Raum die soziale Umwelt und alle damit verbundenen Erfahrungen prägt. Immerhin fordert jeder Lebensraum mit seinen Gegebenheiten bestimmte Verhaltensregeln ein, welche das Überleben in ihm sichern (z. B. sind in einer Großstadt andere Verhaltensregeln notwendig als in einem Urwald). Aber auch Glaubens- und Moralvorstellungen bilden sich in Abhängigkeit von den Bedingungen und Möglichkeiten eines Lebensraumes. Dies vermitteln u.a. die spezifischen Glaubens- und Moralvorstellungen verschiedener Urvölker. D. h., der Lebensraum prägt die unmittelbare Gesellschaftsordnung (mit ihren Verhaltensnormen, Glaubenssätzen etc.) und damit auch die eigene Ich-Identität. Eigenes beschreibt damit einmal alles »mir Eigene«, was dem Selbst (bzw. dem Subjekt) direkt zuzuschreiben ist, oder was im Verlauf des eigenen Lebens zu etwas »mir Eigenem« generiert wird, indem eine bestimmte belebte und unbelebte Umwelt kontinuierlichen Einfluss auf den Prozess der Ichwerdung eines Subjekts nimmt. Insgesamt beschreibt Eigenes aber auch einen erweiterten Eigenheitsbereich eines »uns Eigenen«, welcher aus einer engen Beziehung des Subjekts mit seiner sozialen Umwelt hervorgeht.

„Freunde sind >>Gleichgeartete und Verbündete<<, mit denen ich das eigene Dasein teile in Form einer >>echten participatio<<; ähnlich wie der Freund bei Aristoteles erweitern sie die Eigenheitssphäre […].“ (ebd., S. 47)

2.2 Das Andere und das Fremde

Wenn das Eine und das Andere, zwei Objekte, voneinander zu unterscheiden sind (z. B. der Busch und der Baum), geschieht dies in der Regel anhand von zuvor bestimmten Eigenschaften. Ein Holzgewächs mit einem Stamm, der sich erst weit vom Boden entfernt verästelt, findet Bestimmung als Baum, ein Holzgewächs, welches sich bereits direkt über dem Boden verästelt, dagegen Bestimmung als Busch. Diese „spezifische Differenz“ (ebd., S. 21) zwischen Baum und Busch ermöglicht es, die beiden Objekte innerhalb eines allgemein verbindenden Bereichs (z. B. innerhalb der Holzgewächse) voneinander zu unterscheiden. Sehr ähnlich beschreibt auch Waldenfels eine einfache Unterscheidung von dem Einen und dem Anderen.

Die einfache Unterscheidung von Objekten nach Waldenfels[3]

„Das eine ist schlichtweg das andere des anderen, wenn wir es als dieses oder jenes bestimmen. Die Bestimmung >>a = nicht b<< läßt sich jederzeit vertauschen gegen die Bestimmung >>b = nicht a<<. […] Die Unterscheidung vollzieht sich im Medium eines Allgemeinen, das uns erlaubt, zwischen verschiedenen Früchten oder Möbelstücken zu unterscheiden. Dies gilt selbstverständlich auch für >Selbste< (selves) oder für Gruppen, sofern wirüber siereden, sie sortieren und klassifizieren. Eines ist in diesen Fällen von anderem verschieden, weil es von ihmunterschieden wirdaufgrund einer >spezifischen Differenz<, nicht aber weil essich selbstvon anderemunterscheidet.“ (ebd.)

Da bei dieser einfachen Unterscheidung (zwischen dem Einen und dem Anderen) beide Objekte gleichwertig zu betrachten und zu bestimmen sind, erfährt sie im Folgenden die Bezeichnungobjektive Unterscheidung. Voraussetzung für eine objektive Unterscheidung ist ein Überblick in Bezug auf die zu unterscheidenden Objekte. Auf diesen Sachverhalt verweist B. Waldenfels deutlich, indem er in seinem o. g. Zitat das ›über sie‹ reden betont und ein ›sich selbst von anderem unterscheiden‹ davon abgrenzt. D. h., sobald das Selbst von anderem unterschieden wird, geht dieser Überblick häufig verloren, da das Selbst bzw. etwas Eigenes nur selten in einer allgemein verbindenden Rahmung mit dem Anderen betrachtet werden kann. So hebt Waldenfels kurz einen leicht zu übersehenden Unterschied hinsichtlich der Unterscheidung von Eigenem und Anderem und der einfachen Unterscheidung von zu überblickenden Objekten hervor. Da hiermit der bedeutsame Unterschied zwischen Anderem und Fremden erkennbar wird und sich auf diesem Weg auch die Entstehung des Fremden näher beleuchten lässt, erfährt diese von Waldenfels kurz erwähnte Veränderung nun besondere Aufmerksamkeit. Dies geschieht mithilfe von zwei eigens erstellten Grafiken, welche die objektive Unterscheidung von dem Einen und dem Anderen und die subjektive Unterscheidung von Eigenem und Anderem anschaulich gegenüberstellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Objektive Unterscheidung anhand eines objektiven Abstandes

Abbildung 2 zeigt die einfache, objektive Unterscheidung von dem Einen (=a) und dem Anderen (=b) durch einen Betrachter (=c), welcher mit einem objektiven Abstand[4]beide Objekte im Rahmen eines allgemeinen Bereichs betrachtet. Die Abbildung bezieht sich damit auf die einfache Unterscheidung von Objekten nach Waldenfels, mittels derer Baum und Busch, Tisch und Stuhl etc. voneinander unterscheidbar sind. Des Weiteren führt sie vor Augen, dass der Betrachter den allgemein verbindenden Bereich nur überblicken kann, wenn dieser sich im Rahmen seines allgemeinen Erfahrungsbereichs befindet. Nur unter dieser Voraussetzung ist es möglich, a (z. B. der Baum) und b (z. B. der Busch), anhand ihrer spezifischen Differenz objektiv bestimmt, und durch »a = nicht b« und »b =nicht a«, zu unterscheiden. Gehörte der allgemeine Bereich dagegen nicht zum Erfahrungsbereich von c, müsste der Betrachter sich die spezifische Differenz zwischen a und b erst erarbeiten (z. B. mithilfe von Untersuchungen, Beobachtungen etc.), um beide Objekte mittels dieser Differenz bestimmen und unterscheiden zu können (womit der zuvor allgemein unbekannte Bereich nun aber dem Erfahrungsbereich von c zugeschrieben werden kann). Von dieser einfachen Unterscheidung grenzt Waldenfels ein „sich selbst von anderem“ unterscheiden, also die Unterscheidung von Eigenem und Anderem, deutlich ab. Nach Ansicht der Verf. wird von B. Waldenfels jedoch nicht postuliert, dass Eigenes niemals objektiv von Anderem unterschieden werden kann. So ist ein Betrachter durchaus in der Lage, seinen eigenen Körper (=a) und den Körper eines Anderen (=b) gleichwertig zu betrachten, um a (= z. B. klein, braunhaarig etc.) und b (= z. B. groß, schwarzhaarig etc.) zu bestimmen (vgl. Abb. 2) und anhand ihrer spezifischen Differenz objektiv zu unterscheiden. Voraussetzung hierfür ist allerdings die Fähigkeit des Betrachters, beide zu vergleichenden, menschlichen Körper seinem eigenen Erfahrungsbereich (einem ihm bekannten Bereich menschlicher Erscheinungsbilder) zuzuordnen. Lässt sich der andere menschliche Körper diesem Bereich dagegen nicht zuordnen, fällt also das zu unterscheidende Andere aus dem eigenen Erfahrungsbereich des Betrachters heraus, ist keine objektive Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Anderen mehr möglich. Stattdessen wird die Unterscheidung durch einen subjektiven Zugriff bestimmt, welcher in Abbildung 3 dargestellt ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Subjektive Unterscheidung anhand eines subjektiven Abstandes[5]

Abbildung 3 zeigt eine Unterscheidung von Objekten durch einen Betrachter (=c), welcher das Eine (=a) dem allgemeinen Bereich des Eigenen (=A) zuordnen kann, während das Andere (=b) aus diesem Bereich herausfällt. D. h., hierbei ist es nicht möglich, die beiden Objekte innerhalb eines allgemein verbindenden Bereichs (z. B. innerhalb der Holzgewächse, der menschlichen Erscheinungsbilder o. Ä.) zu unterscheiden. Stattdessen findet das Eine, welches sich im Rahmen des Eigenen befindet (dem Vertrauten zugerechnet wird, mit dem die Identifizierung aus verschiedensten Gründen möglich ist), stets Betrachtung und Bestimmung aus einer besonderen Nähe und Zugänglichkeit, während der/das Andere (=b) sich dieser Nähe und Zugänglichkeit des eigenen Erfahrungsbereichs entzieht. Diese Einseitigkeit des eigenen Zugangs zur Umwelt ist, nach Auffassung der Verf. insbesondere anhand der eigenen Wahrnehmung zu erkennen, da keine andere Wahrnehmung aus der gleichen Nähe und Zugänglichkeit zu betrachten und zu bestimmen ist wie die eigene. Aus dieser besonderen Nähe zum Eigenen erfährt der Betrachter einen entsprechend einseitigen Abstand (//)[6] zum Anderen (=b), wodurch b als eine nur entfernt bestimmbare Größe erkennbar ist. Damit veranschaulicht die oben dargestellte Grafik, wie das Fremde (=?β) aus einer plötzlichen Gegenüberstellung resultiert, in welcher die Nähe und Zugänglichkeit des Eigenen als deutlicher Unterschied zu der Unzugänglichkeit und Ferne des Fremden erfahrbar wird. Damit zeigt sich das Fremde als etwas, dass sich jeder gleichwertigen Betrachtung bzw. jeder objektiven Unterscheidung entzieht. Während damit schlichtweg Anderes durch die Gleichung »a=nicht b« objektiv zu vergleichen und zu unterscheiden ist, weil es sich auf eine Unterscheidung bezieht, welche im Rahmen eines allgemein verbindenden Bereichs vollzogen wird, erscheint das Fremde als etwas Nicht-Vergleichbares »A //?β«, indem es dem Vergleich entrückt und sich dem Eigenen entzieht.

„Wenn Fremdheit sich […] durch ihre Unzugänglichkeit bestimmt, so ist Fremdes nicht unvergleichlich, was immer noch eine komparative Qualität wäre, es ist vielmehr dem Vergleich entrückt, es ist über jeden Vergleich erhaben.“ (B. Waldenfels 1997, S. 50)

So zeigt sich das Fremde als ein ›Mehr als einfach Anderes‹. Es erscheint als ein Phänomen, auf das ein Zugreifen stets nur subjektiv möglich ist, da hier immer nur von einer besser bestimmbaren auf eine weniger bis gar nicht mehr bestimmbare Seite geschaut werden kann. Das Fremde geht demzufolge stets aus einer gleichzeitigen Eingrenzung (des Eigenen) und Ausgrenzung (des Anderen) hervor (vgl. B. Waldenfels 1997, S. 21).

Das Fremde „[…] ist ähnlich wie Schlafen vom Wachen, Gesundheit von der Krankheit, Alter von der Jugend durch eine Schwelle vom jeweils Eigenen getrennt. Dabei steht keiner von uns jemals auf beiden Seiten der Schwelle zugleich. Dies gilt auch für die Geschlechterdifferenz und die kulturellen Unterschiede. Es gibt keinen neutralen >dritten Menschen< der voraussetzungslos zwischen Mann und Frau unterscheiden könnte, da doch zunächst der Mannsichvon der Frau und diesesichvom Mann unterscheidet.“ (B. Waldenfels 1997, S. 21)

So bezieht sich einfach Anderes auf die Unterscheidung von Objekten einer selben Ordnung (bzw. Objekte innerhalb desselben Bereichs), während das Fremde sich aus einer Unterscheidung hervorhebt, in welcher ein Phänomen dem Selbst bzw. dem Eigenen gegenübersteht, das sich der eigenen Ordnung entzieht (vgl. 2.4). Fremdes ist folglich nicht unvergleichlich, weil es ein Gegenteil zum Eigenen darstellt. Vielmehr ist es in einer unvermeidbaren Gegenüberstellung unvergleichlich, weil sich ein erfahrbarer Kontrast von Zugänglichkeit und Unzugänglichkeit zeigt, sobald das Fremde dem Eigenen gegenübersteht. Dieser Kontrast findet stets Begleitung von einem besonderen Selbstbezug, der Vorliebe für das vertraute Eigene, was die Einseitigkeit des subjektiven Zugriffs besonders verstärkt und die Unvergleichbarkeit des Fremden unüberwindbar erscheinen lässt.

„Zur Differenz von Eigenheit und Fremdheit gehört […] eine unaufhebbare Präferenz des Eigenen, und dies nicht im Sinne eines Besseren oder Höheren, sondern im Sinne eines Sich-unterscheidens, eines Selbstbezugs in der Beziehung [...], [die] zwischen Eigen- und Fremdkultur eine unaufhebbare Asymmetrie verleiht.“ (ebd., S. 74)

Das bisher Erwähnte sollte verdeutlichen, dass eine objektive Unterscheidung stets nur zwischen etwas Eigenem und etwas Anderem (des Eigenen) bzw. zwischen etwas Fremdem und etwas Anderem (des Fremden) vornehmlich ist (auch wenn sich die Unterscheidung zwischen Fremden und anderem Fremden als schwierig erweist). Die Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremdem ist dagegen immer durch einen subjektiven Zugriff gefärbt, weshalb dieser Begriff deutlich von dem schlichten Begriff des Anderen zu differenzieren ist.

2.3 Das „Anderswo“ und das „Außer-ordentliche“

Wie lässt sich nun etwas näher betrachten und analysieren, das sich dem eigenen Zugang entzieht, weil es aus eigener Perspektive nicht ungefärbt zu erfassen ist? Mit dem Begriff der „Topographie“ macht Waldenfels das Fremde anhand von Orten fassbar (vgl. ebd., S. 11–12). So erinnert der Begriff einmal an den „Topos, den orthaft gedachten Raum […]“ (ebd., S. 11), aber auch an eine „Vielfalt von Orten, an Ortsnetze, […]“ (ebd.) in Form von „Topoi, […]“ (ebd.), während mit dem Begriff der ›Graphie‹ auf die Beschreibung von Wegen, Verbindungen, Grenzen etc. angespielt wird (vgl. ebd., S. 12). Ausgehend von einem orthaft gedachten Raum des Eigenen, welcher sich aus einer Vielzahl eigener Räume (einschließlich ihrer Verbindungen, Brücken und Grenzen) zusammensetzt, ergibt sich eine Landkarte des Eigenen. Diese eröffnet gleichzeitig den Blick für das Ortsnetz des Fremden, welches sich als ein „Anderswo“ (ebd.) oder „Nicht-Ort“ (ebd.) des Eigenen darstellt. Es entspricht den blinden Flecken des Eigenen, die stets jenseits der Wege und Grenzen zu verorten sind, welche die Bereiche des Eigenen beschreiben. Dieses Jenseitige ist aber nicht nur auf direkte Örtlichkeiten des Eigenen zu beziehen, sondern lässt sich vielfältig auf alle Bereiche des Eigenen übertragen. So sind z. B. zeitliche oder soziale “Landkarten“, das Selbst beschreibende Landkarten u. v. m. vorstellbar, welche die jeweiligen Bereiche des Eigenen hervorheben, während diese Bereiche stets von fremden Bereichen umsponnen werden. So ist der eigene Lebensraum von Nicht-Orten bzw. dem Anderswo durchwoben, die Eigengruppe von Nicht-Zugehörigen bzw. Fremdgruppen umgeben und sogar das Selbst nur durch zugängliche Bereiche beschreibbar, welche von unzugänglichen Bereichen (z. B. dem eigenen Unterbewusstsein, unbewussten äußeren Einflussfaktoren etc.) durchzogen werden.

„Fremdheit, die durch die Art ihres Zugangs bestimmt ist und nicht vorweg ein gesichertes Terrain des Eigenen, eine >Eigenheitssphäre< voraussetzt, begegnet uns nicht nur in Anderen, sie beginnt im eigenen Haus als Fremdheit meiner selbst oder als Fremdheit unserer selbst.“ (ebd., S. 27)

Diese topographischen Beschreibungen nutzt B. Waldenfels, um eine anschauliche Beschreibung des Außerordentlichen zu ermöglichen. Er beschreibt eine “Landkarte“ der eigenen Ordnung, innerhalb welcher eine Vielfalt eigener Ordnungen, die alle untereinander in Verbindung stehen, voneinander abzugrenzen ist.

„Schließlich verweist die Erfahrung auf Ordnungen, die in bestimmten Grenzen variieren. Daß etwas als etwas erscheint, besagt zugleich, daß etwas so und nicht anders erscheint, daß als bestimmte Erfahrungsmöglichkeiten ausgesondert, andere ausgeschlossen sind. Die gleichzeitige Selektion und Exklusion führt dazu daß es bestimmte Ordnungen gibt.“ (ebd., S. 20)

D. h., die Grenzen der eigenen spezifischen Ordnungen ergeben sich aus selektiven Prozessen, durch welche sich Ordnungsmöglichkeiten innerhalb dieser Grenzen ergeben. So sind z. B. für eine Sprachordnung diverse Möglichkeiten(Geräusche, Laute, Gesichtsausdrücke und Körperhaltungen, o. Ä.) auszugrenzen, um diese spezifische Ordnung zu organisieren. Dabei lebt jedes Individuum jedoch nicht nur mit seiner spezifischen Sprachordnung, sondern auch mit einer jeweils spezifischen Verhaltens-, Glaubensordnung etc., während all diese begrenzten Ordnungen innerhalb der allgemeinen Lebensordnung[7]eines Individuums verbunden erscheinen. Gleichzeitig leben die einzelnen Individuen in der Regel im Rahmen einer allgemeinen Familienordnung, welche wiederum eng mit einer übergreifenden Gesellschaftsordnung verbunden ist (vgl. Kapitel 2.1). Alle diese Ordnungen (z. B. die allgemeine familiäre oder gesellschaftliche Ordnung) lassen sich ihrerseits aber auch wieder in spezifische (z. B. Sprach-, Verhaltens-, Glaubens- etc.) Ordnungen unterteilen und voneinander abgrenzen. Waldenfels spricht hier von horizontalen und vertikalen Ordnungen (vgl. ebd., S. 34), welche parallel zueinander existieren, durch übergeordnete Ordnungsbereiche (die ihrerseits auch parallel zueinander existieren) in verschiedenen Verbindungen zueinanderstehen, und sich wechselseitig beeinflussen. So bewegt sich jedes Individuum im Alltag innerhalb eines großen Netzwerks, bestehend aus diversen spezifischen Ordnungen, welche in ihren spezifischen Kontexten zum Tragen kommen. Dementsprechend erlebt jedes Individuum „an den Rändern und in den Lücken“ (ebd., S. 10–11) der eigenen spezifischen Ordnungen eine Konfrontation mit ganz alltäglicher Fremdheit bzw. mit dem Außer-Ordentlichen, welches den jeweils eigenen Ordnungen gegenübersteht.

„So viele Ordnungen, so viele Fremdheiten. Das Außer-Ordentliche begleitet die Ordnungen wie ein Schatten.“ (ebd., S. 33)

Doch alltägliche Fremdheit nehmen einzelne Individuen im Alltag selten deutlich wahr, da sie von umfassenden Ordnungen eingebettet ist (vgl. ebd., S. 34). D. h., die Rahmung durch übergreifende Ordnungen (z. B. die allgemeine Gesellschaftsordnung) begrenzt die Verschiedenheit einzelner spezifischer Ordnungen und damit auch die Abweichungen dessen, was außerhalb der eigenen Ordnung liegt. Ähnliches beschreibt auch Erikson, wenn er Gemeinsamkeiten von Moralvorstellungen innerhalb einer Gesellschaft bzw. die Übernahme von gesellschaftlichen Glaubensordnungen beschreibt.

„Menschen, die derselben Volksgruppe angehören […] auf dieselbe Art und Weise ihr Brot verdienen, werden auch von gemeinsamen Vorstellungen von gut und böse geleitet. Diese Vorstellungen […] nehmen […] für die Ich-Entwicklung jedes Einzelnen in Gestalt der herrschenden soziologischen Modelle und Leitbilder von gut und böse sehr konkrete Formen an.“ (E. H. Erikson 1973, S. 11)

Das alltäglich Fremde durchwebt somit alle Bereiche des Eigenen, ohne jedoch im Alltag deutlich spürbar zu sein. Doch proportional zum Steigerungsgrad der Abweichung, mit welcher das Anderswo bzw. das Außerordentliche dem Eigenen gegenübersteht, ist es als Fremdes deutlich spürbar.

Steigerungsgrade der Fremdheit

B. Waldenfels zeigt insgesamt drei Steigerungsgrade der Fremdheit auf; zum einen s. o. die beschriebene, alltägliche und normale Fremdheit, welche sich innerhalb der eigenen allgemeinen Ordnung finden lässt und das Individuum kaum berührt. Zum anderen gehört dazu die strukturelle Fremdheit, „[…] die all das betrifft, was außerhalb einer bestimmten Ordnung anzutreffen ist […]“

(B. Waldenfels 1997, S. 36). Damit verweist die strukturelle Fremdheit auf die Scheidung von „>Heimwelt< und >Fremdwelt<“ (ebd.) bzw. die „[…] Zweiheit von Eigen- und Fremdgruppe.“ (ebd.), welche sich durch ein mangelhaftes gegenseitiges Verständnis auszeichnet. Sie betrifft vorwiegend alle interkulturellen Differenzen, welche z. B. aus unterschiedlichen Sprachordnungen, Schreibsystemen, Handlungs- und Ausdrucksnormen etc. hervorgehen. Anhand dieser Differenzen kommt es zum deutlichen Überschreiten des jeweils eigenen Vertrautheitshorizonts, sodass das Eigene Sinn und Regel des Fremden nicht mehr einfach erschließen kann (vgl. ebd.). In diesem Kontext zeigt sich das strukturell Fremde bereits als eine deutlich spürbare Form des Fremden, da sie die Grenzen des Eigenen deutlich ins Bewusstsein ruft.

„Die Rätselhaftigkeit des Lächelns verweist nicht nur auf Lebensabgründe, sondern auch auf interkulturelle Ausdrucksdifferenzen. Missverständnisse, die hier aufkommen und die durch keine Alltagsverständigung abgepolstert sind, können in kritischen Situationen tödlich ausgehen.“ (ebd.)

Die letztlich von B. Waldenfels beschriebene radikale Fremdheit bezieht weiterhin alle diejenigen Phänomene mit ein, welche durch keine Ordnung zu erfassen sind und somit „außerhalb jeder Ordnung bleibt […]“ (ebd.). Aus diesem Grund stellt die radikale Fremdheit bereits die Möglichkeit zur Interpretation infrage (vgl. ebd., S. 37), da sie jeden „bestehenden Sinnhorizont“ (ebd.) deutlich überschreitet. So würde z. B. eine radikal fremde Sprache, welche von jeder denkbaren Sprachordnung abweicht, „als bloßes Geräusch den Bereich möglicher Verständigung hinter sich lassen.“ (ebd.).

3 Der Anspruch des Fremden und seine Wirkungen

In Kapitel 2 zeigt sich das Fremde als das nicht gleichwertig Bestimmbare und dadurch Unvergleichliche, das sich stets jenseits der eigenen Grenzen verortet und sich damit dem Eigenen entzieht. Es erscheint als das ursprüngliche Anderswo bzw. das originär Außerordentliche, welches das Eigene berührt, indem es den eigenen Vertrautheitshorizont überschreitet. Das Fremde verweist auf jenseitige Ordnungssysteme, denen weder Sinn noch Regel entnommen werden kann, da sie dem Eigenen hierin nicht entsprechen.

Aus ebendiesen Gründen gleicht jede bewusste Berührung mit dem Fremden einer Aufforderung, passend auf etwas zu reagieren, das mit den eigenen Möglichkeiten (z. B. den eigenen Sinn- und Regelungsmöglichkeiten) nicht erfassbar ist. Das Fremde fordert nach Antworten, für welche im Eigenen (noch) keinerlei Mittel zur Verfügung stehen. Je weiter es dabei das Eigene überschreitet, desto deutlicher kommt es zur Wahrnehmung dieser Heraus-Forderung. So wächst mit fortschreitendem Fremdheitsgrad ein Problembewusstsein in Bezug auf den hohen Anspruch des Fremden.

„Die Aufforderung des Fremden hat keinen [eigenen] Sinn, und sie folgt keiner [eigenen] Regel, vielmehr provoziert sie Sinn, indem sie vorhandene Sinnbezüge stört und Regelsysteme sprengt. Dasdérèglement des sens, das Rimbaud der Poesie zuschreibt, eignet allen genuinen Formen der Fremdheit.“ (ebd., S. 52)

Damit zeigt sich der Anspruch des Fremden als eine Herausforderung, die mehr ist als eine bloße Erweiterung des eigenen Horizonts. Die Geschichte (s. u.) über die Entdeckung der Fremderfahrung veranschaulicht diesen besonderen Anspruch des Fremden. Hierdurch zeigt sich, warum häufig dazu tendiert wird, abwertend auf Fremdes zu schauen oder das Fremde als eine Bedrohung wahrzunehmen. Neben den destruktiven oder problematischen Wirkungen des Fremden zeigen sich jedoch auch konstruktive Kräfte bzw. produktive Folgen des Fremden, welche gleichfalls Erklärung finden.

3.1 Die Entdeckung der Fremderfahrung durch das Anderswo und das Außerordentliche

In der Geschichte gab es Zeiten ohne bewusste Fremderfahrungen. Nichts, was es gab, „[…] was, sofern es überhaupt ist und so oder so ist [...]“ (ebd., S. 16), wurde als fremd wahrgenommen. Stattdessen kam es zur Bändigung alles Fremden, das hier und dort aufflackerte, durch eine allgemeingültige,scheinbareGesamtordnung, die das Umgreifen des Eigenen und Fremden zur Aufgabe hatte (vgl. ebd.). So gingen z. B. die klassischen Griechen davon aus, dass es möglich sei, alle unterscheidbaren Lebensordnungen mittels einer Theorie der Vernunft zu umrahmen. D. h., sie mutmaßten, jedem Menschen sei eine Vernunft zuzusprechen, welche allen gemeinsam ist, und dass – je mehr sich jeder Einzelne in seinem Tun und Denken von dieser Vernunft leiten lasse – alle Unterschiede zwischen den Menschen aufhebbar seien (vgl. ebd.).

Die „klassische Form der Ordnung zeichnet sich dadurch aus, daß sie dem Menschen (a) vorgegeben, daß sie (b) allumfassend, daß sie (c) mehr oder weniger fest umgrenzt und (d) in ihren Grundzügen repetitiv ist.

Eine radikale Form der Änderung und Neuerung kann es nicht geben, außer im Sinne von Verfall und Wiederherstellung. Denn zu dieser allumfassenden Ordnung gibt es keine andere Alternative als das Chaos […] Ihren plastischen Ausdruck fand diese Gesamtordnung, die Welt, Leben und Gesellschaft umgreift, im griechischen Kosmos, im mittelalterlichen Ordo – mutatis mutandis auch außerhalb Europas, so etwa im altchinesischen Li oder Tao […]“ (B. Waldenfels 1990, S. 18)

Mit den vielen kleinen und großen Eroberungs- und Entdeckungsfahrten im Laufe der Geschichte trafen die Gesellschaften jedoch auf Ordnungen, welche keinen angestammten Platz im Eigenen fanden und sich jeder Einordnung entzogen (vgl. B. Waldenfels 1997, S. 12). So rückte die Existenz des Fremden „[…] zu Beginn der Neuzeit“ (ebd., S. 16) durch die Entdeckung von gesteigerter bzw. struktureller Fremdheit (vgl. 2.3) deutlich ins Bewusstsein.

Die klassische Perspektive der Gesellschaft ließ jedoch zunächst nur eine Gegenüberstellung von Ordnung und Chaos zu, womit die Angst vor dem Chaos deutliche Schwierigkeiten im Umgang mit dem Außerordentlichen zur Folge hatte. Denn jede fremde Ordnung, welche der eigenen Gesamtordnung entgegenstand, ließ Lücken oder Brüche im Gesamtheitsanspruch erkennen, sodass zu befürchten war, die eigene Ordnung sei (über kurz oder lang) zu hinterfragen und deren Verfall zu befürchten. Das Chaos, welches zuvor einfach durch die eigene Ordnung zu vermeiden war, drohte in die eigene Ordnung einzubrechen, indem sich andere Ordnungsmöglichkeiten zeigten, welche jedoch mit der eigenen Ordnung nicht einfach zu vereinbaren waren. In diesem Kontext wurden „[…] Fugen und Risse [welche nun in der eigenen Ordnung erkenntlich wurden] vielfach künstlich übertüncht und gewaltsam abgedichtet – bis hin zur Ausrottung […]“ (ebd.) von allem, was keinen Platz im Eigenen fand. Weiterhin ist eine Orientierung am dualen System von Gut und Böse, Wahr und Falsch etc. anzunehmen, was dieses zielstrebige Vorgehen gegen alles Außer-Ordentliche noch begünstigte. Das Eigene entsprach dem Guten, göttlich Vorgesehenen, dem richtigen und wichtigen Zentrum der Vernunft. Diesem stand jetzt das Fremde gegenüber, welches diesem guten Eigenen nicht einfach zugeordnet werden konnte (und dadurch dem Gegenteil zuzuordnen war). Doch all die Gewalt gegenüber dem Fremden, im Verlauf der Geschichte und alle Versuche, die eigene Ordnung vor dem Eindringen des Fremden zu beschützen, konnten dem Zerfall der eigenen Ordnung offensichtlich nicht erfolgreich entgegenwirken.

3.2 Ein Wandel festgefahrener Denkgewohnheiten

Die Erschütterung der beherrschenden Stellung von Gesellschaften, welche sich stets als Zentrum der Welt betrachtet hatten (vgl. ebd., S. 11), ließ nicht nur die ursprüngliche Ordnung zersplittern. Auch das Subjekt, welches sich zuvor als „[…] Ort oder Träger der Vernunft betrachtete […]“ (ebd.), erlitt einen „Selbstentzug“ (ebd.) bzw. eine „Dezentrierung“ (ebd., S. 16) seiner selbst. D. h., trotz aller Schutzmaßnahmen trat das zuvor befürchtete “Chaos“ ein und zeigte sich vorerst nur in Form eines Verlustes. So galt es, einen Verlust der Gesamtordnung, der Vorherrschaft des Eigenen, eine Trennung von zuvor gelebten Selbstverständlichkeiten und der damit einhergehenden Geistesruhe zu ertragen. Die Konfrontation mit dem Fremden hinterließ somit leidvolle Spuren, welche bis zum einzelnen Subjekt vordrangen. Doch diese Zersplitterung, Dezentrierung, “dieses Chaos“, hatte auch befreiende Aspekte und eine erneuernde Wirkung. Denn während das Hinterfragen der klassischen Ordnung zuvor mit einer Bedrohung verbunden zu sein schien, weil damit ein Schwund der eigenen (von Gott) „bestimmten Ordnungsform“ (B. Waldenfels 1990, S. 18) verzeichnet wurde, begann der moderne Geist nach neuen Wahrheiten, neuen Ordnungsmöglichkeiten etc. zu suchen.

„Eine neue Form der Ordnung, die wir als modern bezeichnen können, bricht sich Bahn, wenn der Verdacht aufkommt, die so unverbrüchlich und allumfassend scheinende Ordnung sei nur eine unter möglichen anderen.“ (ebd.)

Ob sich das zwanghafte Verweilen an der ›einen Wahrheit‹ oder der einen richtigen Ordnung durch das Auflösen der Gesamtordnung lockerte oder ob diese Lockerung als Ursache für die Auflösung zu betrachten ist, ist hier nicht aufzuklären, aber „an der Tatsache des Wandels besteht wohl kein Zweifel.“ (ebd.) Dieser Wandel wurde nicht zuletzt an vielen Denkern erkennbar, welche nun zu fragen wagten, ob nicht alles auch ganz anders sein könnte und ob dieses Andere nicht ebenso gut und richtig sein könnte (vgl. ebd., S. 17). So zerbrach eine scheinbare fest gefügte Gesamtordnung letztlich in viele Ordnungen, „welche ihrerseits (a) wandelbar und (b) beschränkt [waren], (c) bewegliche Grenzen [aufwiesen], und (d) grundlegende Innovationen [zuließen].“ (ebd., S. 19)

Die destruktiven und konstruktiven Kräfte des Fremden

Wie der oben beschriebene, geschichtliche Wandel zeigt, stört das Fremde die eigenen Regelsysteme und greift damit z. T. tief in das Eigene ein. Es führt die Grenzen des Eigenen vor Augen, innerhalb welcher bisher alles seinen Platz zu haben schien und welche nun doch nicht ganz auszureichen scheinen (vgl. B. Waldenfels 1997, S. 54). Sollen diese Unzulänglichkeiten behoben und das Fremde Integriert werden, ist eine Veränderung von eigenen Grenzen und festen Ordnungen erforderlich, welche einer Zerstörung gleichkommen kann. So nötigt das Fremde stets zu einer Stellungnahme des Eigenen. Soll das Eigene im Rahmen der eigenen Grenzen verbleiben? Oder soll das Eigene einem unsicheren Pfad des Fremden nachgehen? Doch noch bevor eine Antwort auf diese Fragen zu finden ist, hat das Fremde bereits das Eigene berührt und Spuren in der Erfahrung hinterlassen. Diese Spuren sind meist mit Ent-Täuschungen (z. B. die Zulänglichkeit eigener Ordnung, das eigene Wissen, eigene Verstehen etc. betreffend) verbunden, welche das Eigene zutiefst beunruhigen können.

„Fremdheit hebt an mit Trennung, Spaltung, Absonderung, Ausschließung und nicht mit Muße, Genuß und gelehriger Neugier.“ (ebd., S. 41)

Dies alles vergegenwärtigt, ›eine Erfahrung zu machen‹ ist kein bewusstes Aussuchen eines bestimmten Erlebnisses. Vielmehr beschreibt es das bewusste Erleben eines Ereignisses, welches sich der eigenen Aufmerksamkeit aufdrängt bzw. „[…] ein Geschehen, in dem die >Sachen selbst< von denen jeweils die Rede ist, zutage treten.“ (ebd., S. 19) Somit gilt es, die Erfahrung des Fremden, den mit ihr verbundenen Anspruch (an das Eigene) und die Wirkungen, welche dieser Anspruch mit sich bringt, nicht zu verharmlosen. Eine Fremderfahrung erscheint vergleichbar mit einem Eindringling, der das eigene Haus betritt, noch bevor man sich davor zu schützen weiß (vgl. ebd., S. 42). Da dieser (für das Eigene vorerst sinnlos erscheinende) Eindringling nicht zu bestimmen ist, ist ihm auch nicht anzusehen, was er (z. B. ob er Nützliches oder Unnützes) mit sich ins Haus bringt. So löst er eine Beunruhigung aus, welche die Angst vor dem Verlust des Eigenen bzw. die Angst vor dem Chaos innerhalb der eigenen Ordnung beinhaltet, während der Auslöser der Verunsicherung bereits im Raume steht. Die Fremderfahrung zeigt sich demnach als ernst zu nehmendes Problem, das mit seinen destruktiven Seiten das Eigene zu stören oder sogar zu zerstören vermag. Gleichzeitig verweist der Begriff der Erfahrung aber auch auf:

die aristotelische ὲμπειρία, die im wiederholten Umgang mit den Dingen Gestalt annimmt. Dazu gehört auch, daß wir durch Leiden und Enttäuschungen lernen. >Erfahrungen machen< heißt etwas durchmachen und nicht etwas herstellen. […] Erfahrung bedeutet […] einen Prozess, in dem sich Sinn bildet und artikuliert und in dem die Dinge Struktur und Gestalt annehmen.“ (ebd., S. 19)

Der Anspruch, welcher sich mit der Erfahrung des Fremden zeigt und vorerst die destruktiven und problematischen Aspekte erfahrbar macht, lässt demzufolge auch einen Ausblick auf konstruktive Seiten erkennen. Lernen aus Leiden und Ent-Täuschungen ermöglicht neue Gestalt von alten Strukturen. Diese durchaus produktiven Kräfte des Fremden zeigen sich im geschichtlichen Verlauf, besonders durch neue „Formen der Befragung, der Erprobung, der Erfindung, der Grenzziehung […].“ (B. Waldenfels 1990, S. 19)

Die Erfahrung mit dem Fremden erweist sich damit als eine Grenzerfahrung, welche eine Entwicklung von Wissen ermöglicht, „[…] das den Alltag selbst über sich hinausführt […].“ (B. Waldenfels 1997, S. 59) Egal ob wissenschaftliche oder vorwissenschaftliche Grenzerfahrungen (vgl. ebd., S. 58–62) betreffend, in beiden Fällen kann eine „[…] Verflechtung von Eigenem und Fremdem, von Neuem und Altem […]“ (B. Waldenfels 1990, S. 26) entstehen. So wird es möglich, „[…] daß jemand, der sich redend und handelnd in den Grenzen einer bestimmten Ordnung bewegt, diese Grenzen zugleichüberschreitet, ohne sie zu überwinden.“ (ebd.)

„Ein solcher Überschritt über die bestehende Ordnung hinaus ist jedoch kein Privileg des Philosophen, er findet sich überall dort, wo eine Ordnung sich in den Angeln bewegt, sei es in den Berufswelten der Wissenschaft, der Kunst, der Religion […] oder in den Umbrüchen, die das Leben des Einzelnen oder einer Gruppe heimsuchen.“ (B. Waldenfels 1997, S. 64)

Damit geht es um produktives Antworten, in welchem nicht einfach bereits existierender Sinn wiedergegeben oder vervollständigt wird, sondern in welchem Sinn und neuartige Gedanken im Prozess des Antwortens entstehen (vgl. ebd., S. 53).

„[…] so stoßen wir auf das Paradox einer kreativen Antwort, in der wir geben, was wir nicht haben. […] Wo neuartige Gedanken entstehen, gehören sie weder mir noch dem Anderen. Sie entstehen zwischen uns. Ohne dieses Zwischen gäbe es keine Inter-subjektivität und Inter-kulturalität, die ihren Namen verdient.“ (ebd.)

Das Fremde gleicht einem Reiz, der es ermöglicht, bestehende Ordnungen (egal ob wissenschaftliche, vorwissenschaftliche, allgemeine oder individuelle spezifischen Ordnungen) in produktive Entwicklungs- und Neuerungsprozesse hineinzuführen. Deshalb ist sein schwieriger Anspruch auch als eine Art Befreiung „[…] aus vorgegebenen Gehäusen […]“ (B. Waldenfels 1990, S. 19) zu erfahren. Darin liegt vermutlich auch begründet, warum das Fremde, neben der Angst, die es auslösen kann, eine so faszinierende Wirkung auf viele Menschen ausübt.

4 Möglichkeiten des Umgangs mit dem Fremden

Wie die Geschichte der Entdeckung der Fremderfahrung (vgl. 3.1) bereits deutlich gezeigt hat, berührt das Fremde das Eigene und hinterlässt dort, über kurz oder lang, seine Spuren.

Je nachdem, wie nahe das Fremde an das Eigene herangelassen werden kann bzw. muss (weil das Eigene vor den Wirkungen des Fremden nicht zu schützen ist), können die Spuren oberflächlichen Kratzern, aber auch tief greifenden Furchen gleichen. So zeigten sich Kratzer in einer scheinbaren Gesamtordnung, welche jedoch durch ein Gleichmachen bestehender Fremdheit bzw. die gewaltsame Bekämpfung des Fremden über lange Zeit verleugnet und übertüncht worden sind. Letztendlich entwickelten sich diese oberflächlichen Spuren allerdings zu tief greifenden Furchen, welche die bestehende Ordnung und ihre Selbstverständnisse immer tiefer durchzogen, zerteilten und schließlich völlig zerrissen. Im Rahmen dieser starken Veränderungen drang das Fremde bis zum Kern der Vernunft und des Subjekts vor, sodass es die neuzeitliche Vernunftauffassung und die neuzeitliche Subjektrolle eindrücklich veränderte (vgl. B. Waldenfels 1997, S. 10). Auf diesem Weg überschritt das Fremde eine Problematisierungsschwelle (vgl. ebd.), sodass sich die Menschen, besonders im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts, aber auch bis ins 20. Jahrhundert hinein, mit der „Herausforderung durch ein radikal Fremdes“ (ebd., S. 17) deutlich konfrontiert sahen (vgl. ebd.).

„Kein Wunder, daß man dem Ordnungsschwund, der wie ein Bazillus um sich greift, zu begegnen sucht.“ (B. Waldenfels 1990, S. 20)

Einige Möglichkeiten des Umgangs mit dem Fremden fanden bereits in den Kapiteln 3.1 und 3.2 Andeutung; so z. B. das Gleichmachen des Fremden (mittels einer scheinbaren Gesamtordnung), seine gewaltsame Bekämpfung oder aber das Ergreifen von neuen Möglichkeiten. Da sich diese Umgangsformen mit dem Fremden sehr vielschichtig zeigen, greifen die nachstehenden Kapitel sie auf und beleuchten sie näher.

4.1 Aneignung

Sobald einem fremden Menschen, z. B. durch die Vergegenwärtigung seiner Menschlichkeit, eine Vergleichbarkeit mit dem Eigenen unterstellt wird, zeigt sich eine Form des Umgangs mit dem Fremden, welche B. Waldenfels als Aneignung bezeichnet. Damit erscheint Aneignung zunächst als gut und richtig, da der Fremde bzw. das Fremde nicht minderwertig, sondern gleichwertig betrachtet wird. Doch B. Waldenfels äußert scharfe Kritik an diesem Umgang mit dem Fremden und erklärt die Aneignung zu einer „wirksame[n] Form der Abwehr“ (B. Waldenfels 1997, S. 48). Aber was ist verwerflich an einer Gleichstellung des Fremden? Und wie lässt sich diese Gleichstellung als eine Form der Abwehr verstehen?

Wie zuvor ausführlich beschrieben, zeigt sich das Phänomen des Fremden als der Nicht-Ort des Eigenen (vgl. 2.2), als das originär Unzugängliche und Außerordentliche, das jedem Vergleich mit dem Eigenen entrückt ist (vgl. 2.3). D. h., das Fremde ist als ein unfassbares Phänomen zu betrachten, welches nicht mit eigenen Vorstellungen zu besetzen ist, als ob es in der Begegnung bereits erfasst und verstanden worden wäre. Die Kritik von Waldenfels richtet sich demnach nicht gegen eine gleichwertige Offenheit in Bezug auf das Fremde, sondern dagegen, das Eigene vor dem Fremden zu verschließen, sobald das Fremde eigenen Bildern, Vorstellungen und Wertschätzungen zugeordnet wird (vgl. ebd., S. 49). Auf diesem Weg findet einfach ein Absorbieren und Verarbeiten des Fremden durch das Eigene statt. Einen solch selbst zentrierten Umgang mit Fremderfahrungen tituliert Waldenfels mit dem Begriff der „Zentrierung“ (ebd.).

„Ob man ein Makrozentrum oder eine Vielzahl von Mikrozentren ansetzt, um Zentrierung handelt es sich allemal. Ob man die Vergleichbarkeit von Lebens- und Kulturformen betont oder deren Unvergleichbarkeit, man hält sich hier wie dort an das Vergleichen, also an ein Gleichmachen, das den Unterschied zwischen Eigenem und Fremdem einebnet.“ (ebd., S. 50)

So kommt es stets zum Bewerkstelligen des Wunders, „[…] im Eigenen das Allgemeine und im Allgemeinen das Eigene wiederzufinden.“ (ebd., S. 49) Die Ursache für einen solchen Umgang mit dem Fremden sieht Waldenfels in einem Zitat von Nietzsche beschrieben, welcher es als menschliches (Grund-)Bedürfnis bezeichnet, in allem Unbekannten etwas zu entdecken, das bekannt erscheint, um der Beunruhigung des Fremden zu entgehen (vgl. ebd.). Doch B. Waldenfels hebt in aller Deutlichkeit hervor, eigene Normen und Vorstellungen würden nur innerhalb der eigenen Grenzen gelten, während Fremdes und Allgemeines stets über diese Grenzen hinaus verweisen.

„Das Ganze ist das, was immer noch aussteht. Wer sich auf das Ganze beruft, täuscht vor, was er nicht hat.“ (B. Waldenfels 1990, S. 21)

Niemals fühlt sich jemand jenseits der eigenen Grenzen zu Hause bzw. niemals wohnt jemand anderswo (vgl. ebd., S. 39). D. h., jedem Menschen zeigt sich “im Hier und Jetzt“ eine real existierende Grenze „zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Eigenem und Fremden“ (ebd.), welche nicht statisch ist, aber auch nicht ohne eine Umorganisation des Eigenen neu zu stecken und damit zu erweitern ist (vgl. 3.2). Der Vorgriff auf alles Jenseitige, außerhalb des Eigenen, entspricht einem unreflektierten Grenzverhalten, welches Waldenfels als Grenzverletzung bezeichnet (vgl. ebd., S. 38–39). Neben der Abwehr von möglicher Beunruhigung dient diese Grenzverletzung besonders der „Selbstbehauptung und Weltbemächtigung“ (ebd., S. 20). Aneignung zeigt sich demnach besonders den eigennützigen Intentionen dienlich.

Ob die Ziele der Aneignung (Beruhigung und Selbstbehauptung des Eigenen) häufiger bewusst oder unbewusst verfolgt werden, geht aus B. Waldenfels Text nicht eindeutig hervor. Da die unbewusste Aneignung aber in jedem Fall vielfältig vertreten zu sein scheint (und wie sich in Kapitel 4.2 zeigt, meist unbewussten Mechanismen unterliegt), besteht die Frage, ob und wie – zumindest den ungewollten – unbewussten Aneignungsversuchen entgegenzuwirken ist.

Dies erscheint besonders in Bezug auf die rein illusionäre Beruhigung und Bereicherung des Eigenen wichtig. Zu groß ist die Gefahr hierdurch, immer neuen Selbstbetrug zu begehen, welcher einen hervorragenden Nährboden für gravierende Ent-Täuschungen bietet, während sich das Eigene bereits auf sicherem Boden zu bewegen scheint. Schließlich kann sich Fremdes, welches man gezähmt, gebändigt oder zu erkennen geglaubt hat, im Verlauf des Kontakts immer wieder störend, beunruhigend oder beängstigend verhalten. Auf diesem Weg ist demnach keine Entwicklung (Annäherung zwischen Eigen und Fremd) möglich. Vielmehr gestaltet sich das Fremde als ein beständiges Problem. Doch trotzdem beschreibt Waldenfels diese negative Form der Aneignung[8] als eine gängige Praxis im europäischen Raum, weshalb sie hier sogar häufig „[…] als Synonym für>Erkennen<, >Erlernen< oder >Befreiung< gebraucht […]“ (B. Waldenfels 1997, S. 49)wird.

4.1.1 Positive Aneignung

B. Waldenfels systematische Analysen zum Fremden verweisen an vielen Stellen auf das Postulat, einen bewussteren Umgang mit dem Fremden zu entwickeln, um nicht der negativen Aneignung zu verfallen. Aber wie ist dem Anspruch des Fremden bewusst zu begegnen? Waldenfels erklärt, hierfür müsse sich die Einstellung zum Fremden ändern (vgl. ebd., S. 51). Anstatt nach möglichst sachgemäßen Bestimmungen bzw. nach einem bestimmten Sinn des Fremden zu suchen, als ob ihm diese Dinge inhärent wären, gilt es, „die Stellung des Fremden in der Erfahrung“ (ebd., S. 50–51) zu ändern. Eine solche Veränderung erscheint der Verf. als schwierig. Deswegen finden hier zwei Aspekte des Fremden Hervorhebung, welche auch B. Waldenfels betont, um dem Fremden eine bedeutsame und positive Stellung in der Erfahrung beimessen zu können.

1. Die Unausweichlichkeit des Fremden

Immer wieder betont B. Waldenfels die Allgegenwart des Fremden (vgl. ebd., S. 27, 33, 78). Aus dieser lässt sich die Unausweichlichkeit des Fremden bereits ableiten. Denn wie ist einem Phänomen aus dem Weg zu gehen, welches das Eigene sowohl umgibt als auch durchdringt? Diese Unausweichlichkeit verdeutlicht sich insbesondere im Ereignis der Fremderfahrung.

„Fremdes gehört zu dem, was wirEinfällenennen. Was uns zustößt und widerfährt; wird erst nachträglich in seinen Wirkungen faßbar. Es erinnert uns an überraschende Geräusche, die uns aufschrecken lassen […]; es gleicht jenen Gedanken, von denen Nietzsche sagt, daß sie nicht kommen, wenn wir wollen […] [und] besteht aus singulärenEreignissen, die unseren Intentionen zuvorkommen, sie durchkreuzen, von ihnen abweichen […].“ (ebd., S. 51)

Das Fremde stößt dem Eigenen zu und manifestiert sich erst in seinen Wirkungen. Ein Schutz vor der Fremderfahrung ist somit nicht möglich. Vielmehr ist in irgendeiner Form ein Reagieren auf diese Erfahrung vonnöten. B. Waldenfels spricht hier von einer „Responsivität“ (ebd., S. 52), also von einer Ansprechempfindlichkeit des Eigenen gegenüber dem Fremden.

„Ein Japaner würde vielleicht sagen: Fremdes durchdringt uns wie die Luft, […] die wir ein- und ausatmen, aber nicht fassen begreifen, abzählen können […].“ (ebd., S. 84).

Durch diese Vergegenwärtigung ist nach Auffassung der Verf. bereits die Einsicht möglich, dass das Leben stets von Fremderfahrungen begleitet wird und deshalb das Fremde eine bedeutsame Stellung in der Erfahrung verdient.

2. Die Selbstverantwortung in der Fremderfahrung

Dem Fremden sind weder eine festzumachende Qualität noch ein eigener Sinn inhärent (vgl. 3). Stattdessen zeigt es sich immer erst im Nachhinein in seinen Wirkungen (vgl. ebd., S. 51). Dabei wird das Fremde stets zu dem, wozu es das Eigene im Ereignis des Antwortens führt (vgl. ebd., S. 52). Im Akt des Antwortens erfolgt demnach das Generieren von Sinn und Qualität des Fremden durch das Eigene.

Dem Eigenen zeigen sich Qualität und Sinn des Fremden somit positiv, falls positives Antworten auf seinen Anspruch möglich ist. Dagegen erscheinen Qualität und Sinn dem Eigenen negativ, falls ein Mangel an angemessenen Antworten vorliegt, welcher nicht zu beheben ist. So offenbart sich eine große Selbstverantwortung gegenüber der Fremderfahrung, welche es zu tragen gilt. Zum Wohle des Fremden – aber auch des Eigenen – sind Bemühungen anzustreben, dieser Verantwortung nachzukommen. Insgesamt dokumentiert sich hiermit ein hoher Anspruch, dem nur mit einer positiven Stellung des Fremdanspruchs in der Erfahrung nachzukommen ist.

Obwohl das Eigene zuallererst der Beunruhigung verfällt und um sein Eigenes fürchtet, lohnt es sich, einer Fremderfahrung eine positive Qualität beizumessen und damit zukünftigen Erfahrungen der Beunruhigung ggf. erneut eine positive Qualität abgewinnen zu können. Anstatt das Fremde als einen Feind zu betrachten, der für die Beunruhigung des Eigenen verantwortlich ist (vgl. ebd., S. 45), ist es möglich, die Beunruhigung als Anreiz wahrzunehmen, welcher der „Befreiung aus vorgegebenen Gehäusen“ (vgl. 3.2) dient, und so mit positivem Sinn zu füllen.

Statt direkt auf das Fremde zuzugehen und zu fragen, was es ist und wozu es gut ist, empfiehlt es sich, von der Beunruhigung durch das Fremde auszugehen.“ (ebd., S. 51)

Angemessenes Antworten auf das Fremde kann demnach nur darin bestehen, sich dem schwierigen Anspruch des Fremden zu stellen. Die schwer zu ertragende Antwortlosigkeit des Eigenen auszuhalten, zur Reflexion des Eigenen bereit zu sein, die originäre Sinnlosigkeit des Unbegreiflichen mit Sinn zu erfüllen und sich auf die Umorganisation eigener Grenzen einzulassen; all diesen Herausforderungen gilt es, mit einer möglichst positiven Einstellung zu begegnen. Die bewusste Wahrnehmung einer Selbstverantwortung führt demnach vor Augen, dass das Selbst entscheidend dazu beiträgt, ob in der Eigenheitssphäre ein positiver Zugewinn durch Fremderfahrungen zu verzeichnen ist oder ob das beunruhigende Fremde abgewertet, ausgeschlossen und/oder zu bekämpfen ist, weil die Eigenheitssphäre stets alsbesondersschützenswert zu erachten ist.

Eine reine Eigenkultur wäre eine Kultur, die keine Antworten mehr gibt, sondern nur noch vorhandene Antworten repetiert oder variiert. […] Insofern ist das Fremde bei aller Bedrohung und Gefährdung, die von ihm ausgeht, ein Lebenselixier […].“ (ebd., S. 84)

Besonders anhand der Kapitel 2 und 3 ist deutlich geworden, warum dieses Lebenselixier nicht als eines zu betrachten ist, welches eingenommen und selbstständig wirksam werden kann. Stattdessen erfordert es eine permanente Anstrengungsbereitschaft, die selbstverantwortlich zu tragen ist. Denn die „unaufhebbare Präferenz des Eigenen“ (ebd., S. 74) und der Wunsch nach Selbsterhaltung stehen der Auseinandersetzung mit dem Anspruch des Fremden stetig im Weg (vgl. ebd., S. 45). Wie herausragend muss demnach die Motivation entwickelt sein, um sich dieser anscheinend immerwährenden Herausforderung immer wieder angemessen stellen zu wollen?

Diesen Aspekt beleuchten die Ausführungen zur „Jahrestagung der internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie e.V.“ (vgl. H. Egner 1994). Hier stellt H. Egner eine Form des Umgangs mit dem Fremden vor, welche nach Ansicht der Verf. auch in Waldenfels Sinne angemessen erscheint. Zwar findet der hier postulierte Umgang mit dem Fremden zuerst statt, als sei er von negativer Aneignung durchwoben, da vielstimmig das Erkennen von Eigenem im Fremden postuliert wird.

„Im Fremden das Eigene erkennen – dieser Satz durchzog wie ein cantus firmus die Vorträge […].“ (ebd., S. 10)

Doch bei näherer Betrachtung der Weiterführung des o. g. Zitats fällt auf, dass es sich bei diesem Erkennen des Fremden nicht um einen vorschnellen Übergriff auf das Fremde handelt.

„[…] gleichsam als Aufruf und Zusicherung, daß, wer sich um die Erkenntnis des ihm Fremden, ihn Beunruhigenden, vielleicht von ihm Abgewehrten und Verdrängten kümmere, sich ihm stelle und es aufnehme, Bereicherung und Erweiterung seines Eigenen und Eigentlichen erfahren werde.“ (ebd., S. 10–11)

Die Erkenntnis des Fremden erfolgt vielmehr durch ein ›sich um Beunruhigendes kümmern‹ oder ›sich Verdrängtem stellen‹. Die hier beschriebene Form der Aneignung verweist demzufolge deutlich auf einen Prozess, in welchem das Eigene durch die Auseinandersetzung mit Beunruhigung oder Verdrängung einen Zugewinn erfährt. Die Wahrnehmung des Fremden als Problemerfahrung scheinen die Teilnehmer der Jahrestagung demnach mit B. Waldenfels zu teilen. Aber anstatt das Fremde als unausweichliche, problematische Beunruhigung in den Vordergrund zu rücken, heben die Diskussionsteilnehmer besonders die Probleme und Ängste hervor, welche durch einen inadäquaten Umgang mit dem Fremden entstehen. Gleichzeitig rückt die Erkenntnis des Fremden in den Mittelpunkt, welche der eigenen Problemlösung dienlich erscheint, um zu einer Anstrengungsbereitschaft zu motivieren (vgl. ebd.). Deshalb wird das Fremde als das noch nicht Erkannte, als das aus Angst Verdrängte betrachtet, welches es zu erkennen gilt, wenn der Wunsch besteht, eigene Hindernisse zu überwinden.

„Es zeigt sich, daß sowohl das persönliche Eigene, die Identität des Einzelnen, als auch die kollektive Identität weder unwandelbar noch stabil oder sicher sind, sondern sich im Lauf der Geschichte ändern. Ein Einzelner wie ein Kollektiv können sich in diesem Prozeß zur Beziehungsfähigkeit und Offenheit dem Unbekannten gegenüber entwickeln, können zur Persönlichkeit werden, was immer auch heißt, daß durch Kennenlernen Fremdes an Fremdheit und Beängstigendem verliert und letztlich dem Eigenen integriert werden kann. […] Gelingt es nicht, sich dem zu öffnen, was fremd und anders anmutet, so daß man es erkennen kann, so ist Verarmung des Lebens und des Eigenen die Folge und wir laufen Gefahr, in unserer Entwicklung steckenzubleiben.“ (ebd., S. 11)

Damit legt der Text seinen Schwerpunkt besonders auf eine gezielte Hervorbringung von Motivation, um den Wunsch nach einer Erweiterung des Eigenen sowie eine Anstrengungsbereitschaft in der Fremderfahrung zu fördern.

Doch immer noch besteht der Verdacht auf negative Aneignung, da das Fremde als erkennbar und erreichbar dargestellt und seine Integration ins Eigene postuliert wird. Nach persönlichen Untersuchungen beziehen sich die Ausführungen allerdings nicht auf ein endgültiges Erkennen des Fremden in seiner ganzen Phänomenalität (wie sie B. Waldenfels beschreibt). Vielmehr besteht ein Bezug zu konkreten Grenzerfahrungen, in welcher das Eigene durch das Fremde Berührung erfährt – ähnlich der von Waldenfels beschriebenen Erweiterung des Eigenen durch das Finden von produktiven Antworten – (vgl. 3.2).

Als Kritikpunkt gäbe es weiterhin zu nennen, im Fremden dürfe keinesfalls Eigenes gefunden werden bzw. im Fremden gelte es, keineswegs eigene Erwartung zu bestätigen. Stattdessen soll doch das Fremde, nach Waldenfels Auffassung, besonders zu neuem Sinn, neuen Ordnungen und neuen Möglichkeiten herausfordern. Erkenntnis ist dabei vielfach als ein Prozess der Veränderung definiert, gewonnen aus Eindrücken und Erfahrungen (vgl. www. duden.de[9]).

In diesem Kontext zeigt sich jede Neuorganisation des Eigenen (durch Erfahrungen mit dem Fremden) als Prozess, welcher im Rahmen des Eigenen verbleibt. Entsprechend lässt sich die Erkenntnis von ›Eigenem im Fremden‹ als ein Prozess verstehen, in welchem ›noch nicht Eigenes‹ zu etwas ›nun Eigenem‹ generiert wird. Dieses ›noch nicht Eigene‹ ist allerdings nicht als ein bestimmbarer Teil des Fremden zu verstehen, welcher auf seine Erkenntnis gewartet hat. Ausgelöst durch die Grenzerfahrung mit dem Fremden ist, im Zwischenbereich von Eigen und Fremd, etwas bisher Fremdes zu finden, was nun dem Eigenen integriert wird.

4.1.2 Positive Aneignung durch das Fremde im Eigenen

Auch einem Beitrag von Chr. Scharfetter ist zu entnehmen, dass mit der Erkenntnis des ›Eigenen im Fremden‹ auf die zuvor (vgl. 4.1.1) dargestellte Interpretationsweise abgezielt wird bzw. kein bedeutender Widerspruch zu Waldenfels besteht. Gleichzeitig erfolgt das Hervorheben des ›Fremden im Eigenen‹ auf besonders eindrückliche Weise. Ausgehend von einem beschränkten Bewusstsein, welches durch eine originär fremdartige Perspektive auf das Eigene weiterzuentwickeln ist, sind starre Vorstellungen vom Eigenen zu bearbeiten bzw. Ordnungen zu erweitern. Erst mittels dieser gezielten Beunruhigung des Eigenen ist der Boden für einen angemessenen Umgang mit dem Fremden zu bereiten. Scharfetter geht von drei verschiedenen Bewusstseinsebenen im Eigenen aus, von welchen nur das sogenannte Alltagsbewusstsein als regulär zugänglich beschrieben wird.

„Der Mensch hält sich im mittleren Wachzustand in seinem Alltagsbewußtsein auf, in welchem die Kategorien von Logik, linearer Zeit, Kausalität gelten und in welchem der Mensch offen ist für eine menschengemeinsame, das heißt intersubjektiv geteilte Realität. Dieses […] [Alltagsbewusstsein] wird in der westlichen Kultur am meisten wertgeschätzt und darum fälschlicherweise oft für das einzige Bewußtseinsfeld gehalten, unter Vernachlässigung, Verleugnung der anderen Bewußtseinsebenen.“ (Chr. Scharfetter, in H. Egner (Hrsg.) 1994, S. 13)

Dem stehen das Unterbewusstsein und das Überbewusstsein als nur bedingt zugängliche Bereiche gegenüber. Das Unterbewusstsein beschreibt laut Scharfetter den Teil des Bewusstseins, welcher „in herabgesetzter Wachheit“ (ebd.) erfahrbar wird. Diese ist einmal mithilfe von halluzinogenen Drogen zu induzieren, kann aber auch non-pharmakologisch entstehen (vgl. ebd.). Dagegen findet das Überbewusstsein Beschreibung als ein Bereich des Eigenen, welcher „aus den orientalischen Meditations- und Bewußtseinslehren“ (ebd.) bekannt ist, dem hier nun besondere Beachtung zukommen soll. Denn während das Alltagsbewusstsein eine starke Einschränkung erfährt und laut Scharfetter dem Eigenen zu seinem geozentrischen, anthropozentrischen und egozentrischen Weltbild verhilft, dient das Überbewusstsein der Überschreitung des Alltagsbewusstseins (vgl. ebd., S. 14). Entsprechend erscheint das Alltagsbewusstsein als bedeutsame Wahrnehmungsform für die von Waldenfels beschriebene Zentrierung (vgl. 4.1). Dieses im Alltagsbewusstsein als wesentlich wahrgenommene Bewusstsein ist erweiterbar durch eine individuums- und persönlichkeitsüberschreitende Perspektive, welche im Überbewusstsein zu finden ist (vgl. ebd., S. 18).

Wo das individuelle Ich seine egozentrische Selbstherrlichkeit verliert, wird der Raum frei für ein Anderes, Größeres, ein Nicht-Ich, an welchem das dann kleinere Ich gleichwohl teilhat (Gott, Atman, Maha-Atman, Purusha, Brahman, Tao, die Buddha-Natur aller Dinge).“ (ebd., S. 15)

Im Überbewusstsein bezieht sich das Eigene auf „ein Allgemeinsames in der Wurzel“ (ebd.), an dem jeder Teil hat. Hier öffnet sich das Eigene für etwas Übergreifendes, in welchem dem Eigenen bzw. dem Ich kein besonderer Stellenwert zukommt. Stattdessen wird eine Anteilnahme des Eigenen an etwas Größerem wahrgenommen, „[…] vor jeder Unterscheidung zwischen gesund und krank.“ (ebd., S. 17) Hier zeigen sich demnach religiöse Vorstellungen von Gott, „[…] als essentia in jedem Wesen.“ (ebd., S.15)

Dieses Erkennen vom Allgemeinen im Eigenen und umgekehrt ist nach Auffassung der Verf. nicht mit dem von Waldenfels kritisierten Akt des Gleichmachens (im Rahmen der negativen Aneignung) zu verwechseln, da hier nicht das Ziel ist, eine Auflösung der bestehenden Unterschiede durch einfache Projektionen bereits vorhandener Bilder anzustreben. Ebenso existiert hier kein Postulat, zwischen Eigenem und Allgemeinem bestünden keine Unterschiede. Nur im Überbewusstsein sollen sich Eigenes, Anderes, Fremdes und Allgemeines als eine nicht unterscheidbare Einheit zeigen. Doch zu dieser originär fremden Bewusstseinsebene besteht, wie oben bereits beschrieben, nur bedingter Zugang. Die Auseinandersetzung des Alltagsbewusstseins mit dem Überbewusstsein ist so bereits als Berührung von Eigen- und Fremdbereich zu betrachten. Es geht nicht um ein schnelles Zugreifen auf bereits bestehende Vorstellungen, welche alle Unterschiede übertünchen, sondern um eine gezielte Auseinandersetzung mit fremdartigen Perspektiven im Überbewusstsein.

Erst aus diesem Kontakt zwischen dem Alltagsbewusstsein und einem originären Fremdbereich (z. B. das Überbewusstsein), in welchem die Bedeutsamkeit des Eigenen (nach persönlichen Erfahrungen z. T. sehr beunruhigend) Hinterfragung und Relativierung erfährt, ergeben sich neue Einsichten, welche die Unterschiede von Eigen, Allgemein und Fremd zu relativieren scheinen, aber keinesfalls verneinen oder übertünchen.

„Diese Bewußtseinsentwicklung bedeutet Teilhaben, Eingebettetsein in, Verbundenheit mit […] [und] vermittelt die Erfahrung (oder zumindest die Ahnung) des All-Eins-Seins, der All-Verbundenheit, der Geschwisterschaft aller Wesen.“ (ebd.)

Es geht um das Postulat einer Bewusstseinsentwicklung des Eigenen, welche aus einer großen Bereitschaft zur Hinterfragung des Eigenen hervorgeht und das Eigene für beunruhigend Fremdes öffnet. Letztlich ist der Blick auf Eigenes und Fremdes davon geprägt, ob das Betrachten von beidem aus einer egozentrischen, selbstsüchtigen Position heraus geschieht oder ob das Eigene in zunehmendem Maße Erweiterung durch Fremdes erfahren soll (vgl. ebd., S. 19).

„Dieses Bewußtsein bringt die Erfahrung der Geborgenheit in einem überindividuellen Größeren, nicht ein Geworfensein in eine chaotische Existenz.“ (ebd., S. 16)

So besteht die Möglichkeit, Gefühle der Bedrohung (infolge der Allgegenwart des Fremden) durch Gefühle der Geborgenheit in einem Allgemeinsamen zu ersetzen. D. h., regelmäßige Herausforderungen des Alltagsbewusstseins durch das Überbewusstsein sind als lohnenswert zu betrachten. Sie zielen zum einen der Relativierung von Eigen und Fremd bzw. der Öffnung eigener Grenzen entgegen, um das egozentrierte Eigene bewusst erweitern zu können. Zum anderen erfolgt das nähere Beleuchten der außerordentlichen Bereiche des Über- und Unterbewusstseins, die das Eigene durchdringen und beeinflussen. So sind unbewusst gesteuerte Mechanismen und ihr Einfluss auf das Eigene leichter erkennbar, um ihnen möglichst gezielt entgegenwirken zu können.

„Das individuelle Eigene ist letztlich nichts Bleibendes, was ein Mensch definitiv zu Eigen hat, sondern ein „Prozeß allmählicher Gestaltung, Formung des Ich und des Eigenen […].“ (ebd., S. 18)

Soll diese Entwicklung nicht vielfach fremdgesteuert verlaufen, erfordert es die von Waldenfels postulierte Anstrengungsbereitschaft. Die hierfür benötigte besondere Motivation ist mit Blick auf die in Aussicht gestellten Ziele für das Eigene zu entwickeln. So ermöglicht das ›Fremde im Eigenen‹ gezielte Erweiterung des Bewusstseins, Befreiung aus unbewussten Mechanismen und evtl. sogar Gefühle von allgemeiner Geborgenheit. Es ermöglicht die gezielte Entwicklung mit dem Fremden, um sich auf schwierigere Konfrontationen mit dem Fremden (welche leicht Überforderung hervorrufen können) so weit wie möglich vorzubereiten.

Letztlich bringt jede Auseinandersetzung mit allgegenwärtiger Fremdwelt und mit dem ›Fremden im Eigenen‹ eine Form der Aneignung bzw. ein ›zu Eigen machen‹ des originär Fremden mit sich. Es stellt sich nur die Frage, wie das vonstattengeht. Absorbiert man das Fremde, um der Beunruhigung im Eigenen zu entgehen, oder eignet man sich in der Berührung mit dem Fremden produktive Antworten an, durch welche sich das Eigene geborgen fühlen und von unbewusster Einflussnahme immer weiter befreien kann?

4.2 Stereotype und Vorurteile

Das Kapitel 2.3 thematisiert selektive Ordnungsprozesse, welche für die Organisation eigener Ordnungen (z. B. Sprach- oder Verhaltensordnungen) vonnöten sind. Die Notwendigkeit der Vereinfachung einer komplexen Umwelt zur Aufnahme von wichtigen Informationen zeigt sich vergleichbar in Beiträgen aus der Hirnforschung. Auch hier werden Selektionsprozesse als grundlegender Bestandteil der Informationsverarbeitung beschrieben. Es liegt demnach fern, durch Bewusstseinserweiterung eine mögliche Befreiung hinsichtlich dieser grundlegenden Verarbeitungsprozesse anzustreben. Stattdessen gehören Stereotype und Vorurteile, welche mit diesen unbewussten Ordnungsprozessen Hand in Hand gehen, zu den Phänomenen des menschlichen Alltags und nehmen großen Einfluss auf die Wahrnehmungsweisen und das Verhalten (vgl. L. E. Petersen und B. Six 2008, S. 17). Sie erweisen sich als bedeutsame Phänomene, welche großen Einfluss auf jede Gesellschaft nehmen.

„Die intensive Beschäftigung der Psychologie mit den Ursachen, Wirkungsweisen und Folgen von Stereotypen, Vorurteilen und sozialer Diskriminierung hat mittlerweile eine Fülle von Theorien und Befunden hervorgebracht.“ (L. E. Petersen und B. Six 2008, S. 17)

Ein grundlegender, vorwiegend unbewusster Ordnungsprozess, erforscht und beschrieben durch psychologische Studien, ist die soziale Kategorisierung (vgl. K. Chr. Klauer, in L. E. Petersen & B. Six (Hrsg.) 2008, S. 23). Kategorisierung bezieht sich auf die spontane menschliche Bereitschaft (bzw. den Mechanismus), soziale Umwelt anhand von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in Geschlechtergruppen, Nationalitäten, Eigen- und Fremdgruppe oder auch in weitere Unterkategorien einzuteilen (vgl. ebd.). Soziale Kategorien zeigen hiermit eine Vergleichbarkeit zu den von Waldenfels thematisierten horizontalen und vertikalen Ordnungen (vgl. 2.3), wobei soziale Kategorien sich deutlich nur auf die komplexe soziale Umwelt beziehen. Mit diesen sozialen Ordnungen sind häufig Verhaltens- und Eigenschaftserwartungen verbunden, welche auch Bezeichnung als Stereotype finden.

„[…] soziale Kategorien [sind] inhaltlich in der Regel mit kategoriespezifischen Erwartungen an typische Eigenschaften und Verhaltensweisen der Mitglieder verbunden. Diese Erwartungen bilden sozial geteilte Wissensstrukturen, die Stereotype genannt werden und vielfältig Auswirkungen auf soziales Erleben und Verhalten haben.“ (ebd.)

Stereotype gehen demnach immer aus sozialen Kategorien hervor (vgl. ebd., S. 28), während beide gemeinsam alltägliche und adaptive Funktionen für die Wahrnehmung und Informationsverarbeitung erfüllen und das Verhalten prägen (vgl. L. E. Petersen & B. Six (Hrsg.) 2008, S. 17).

„Die mit der Kategorisierung verfügbar werdenden stereotypen Inhalte erlauben es, Menschen auch dann zu beurteilen und zu bewerten, wenn außer der Kategoriezugehörigkeit nur wenige Informationen vorliegen. Die stereotypen Wissensstrukturen sind auch dabei nützlich, möglicherweise zweideutige und unklare Geschehnisse und Beobachtungen zu deuten. […] Im Nachhinein können Kategorien und Stereotype schließlich helfen, Gedächtnislücken aufzufüllen […].“ (K. Chr. Klauer in L. E. Petersen & B. Six (Hrsg.) 2008, S. 24.)

Bei Betrachtung der Begriffsdefinition ›Stereotyp‹ finden sich die griechischen Wörter ›stereos‹, welches mit starr, hart und fest übersetzt werden kann und ›typos‹, welches den Entwurf, die feste Norm o. Ä. bedeutet (vgl. ebd., S. 21). Im 18. Jahrhundert wurde der Begriff häufig im Rahmen von Vorgängen innerhalb der Drucktechnik verwendet (vgl. ebd.). Stereotype beschreiben entsprechend feste bzw. verhärtete Entwürfe über die eigene soziale Umwelt, welche aus eigenen Ordnungen hervorgehen und sich als nützliche Alltagshilfen darstellen können. Ihre hilfreichen Funktionen stehen allerdings immer in Verbindung mit starker Vereinfachung einer eigentlich komplexen sozialen Umwelt (vgl. ebd., S. 24). D. h., eine komplexe Umwelt ist zum Wohle eigener Ordnungen bereits stark zu vereinfachen, während mit diesen Ordnungen stereotype Erwartungen verknüpft sind, welche die Selektionsprozesse weiter verstärken. So kommt es, ausgehend von einer sozialen Kategorie, zu einer Generierung stereotyper Verhaltens- oder Eigenschaftserwartungen, durch welche passende (bzw. bekannte) Informationen in die eigene Ordnung aufgenommen und unpassende (bzw. unbekannte) Informationen weitgehend herausgefiltert werden.

So erleichtern aktivierte Stereotype die Wahrnehmung von solchen Informationen, die zu den stereotypen Erwartungen passen und diese damit bestätigen, und sie erschweren gleichzeitig die Wahrnehmung von anderen Informationen, die den stereotypen Erwartungen widersprechen.“ (T. Meiser, in L. E. Petersen & B. Six (Hrsg.) 2008, S. 53)

Diese starke Vereinfachung von komplexer sozialer Umwelt zeigt sich besonders eindrücklich in der Beschreibung von „Salience-Effekten“ (K. Chr. Klauer, in L. E. Petersen & B. Six (Hrsg.) 2008, S. 21.), welche die bevorzugte Bildung von Stereotypen anhand von hervorstechenden optischen Merkmalen bezeichnen. Vermutlich sind sie verantwortlich dafür, dass Rassenstereotype und Geschlechterrollenstereotype stärker vertreten sind als Stereotype, die sich auf weniger augenfällige soziale Kategorien beziehen (vgl. ebd.). Die Reduktion einer komplexen Umwelt auf soziale Kategorien und die damit verbundenen Eigenschafts- und Verhaltenserwartungen gehen hierbei aus optischen Reizen hervor, welche schnell und einfach zu erfassen sind. Insgesamt ist die kategoriebasierte Informationsverarbeitung damit als Grundlage für die von Waldenfels beschriebene negative Aneignung zu betrachten. Sie verführt stets zu vorschnellen Übergriffen auf originär fremde Personen. Eigene Vorstellungen und Bilder (Informationen aus der eigenen Ordnung) werden auf Fremdes projiziert, wodurch Fremdheit übertüncht und vorwiegend Bekanntes im Fremden wahrgenommen wird.

Ebenfalls ist negative Aneignung bei der von U. Wolfradt behandelten „Impliziten Persönlichkeitstheorie“ zu erkennen, welche eng mit der Bildung von Stereotypen verbunden ist (vgl. U. Wolfradt, in L. E. Petersen & B. Six (Hrsg.) 2008, S. 71 ff.). Laut dem Autor sind sie besonders von der Vorstellung getragen, ein besonderer Zusammenhang sei zwischen bestimmten Eigenschaften und Verhaltensweisen von Menschen herzustellen.

„So schlussfolgern Personen, dass gewisse Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen stärker zusammenhängen als andere Eigenschaften. Beispielsweise erwarten Personen, dass freundliche Menschen besonders gesprächig sind. Diese Annahmen werden von einer großen Anzahl an Personen geteilt.“ (ebd.)

D. h., auch implizite Persönlichkeitstheorien werden vorwiegend aus eigenen Vorstellungen über bestimmte Zusammenhänge (vgl. ebd.) generiert. Sie entspringen der eigenen Ordnung und finden vielfach Anwendung auf fremde Menschen. Sowohl bei stereotypen Vorstellungen als auch impliziten Persönlichkeitstheorien zeigt sich damit ein unbewusstes Grenzverhalten, indem über eigene Grenzen hinaus interpretiert wird, allein auf der Basis eigener Ordnungen. So kann z. B. ein anwesender Asylbewerber ein anderes Individuum dazu veranlassen, prüfend nach der Brieftasche zu greifen, weil die stereotype Erwartung von kriminellem Verhalten mit der Kategorie des Asylbewerbers verknüpft wurde (vgl. M. Schmid Mast/ F. Krings, in L. E. Petersen & B. Six (Hrsg.) 2008, S. 33).

„Ein Großteil der Forschung zeigt, dass Stereotype in vielen Situationen automatisch, innerhalb weniger Millisekunden aktiviert werden. Zudem werden wir uns dieser Aktivierung – und der daraus resultierenden Folgen für unsere Wahrnehmung und unser Verhalten – meist nicht bewusst.“ (ebd., S. 39)

Eine gravierende Folge dieser Automatismen für die eigene Wahrnehmung ist sicherlich die hiermit drohende Verarmung. Kommt es immer nur zur Integration von passenden Informationen in die eigene Ordnung, während Fremdes sich der Wahrnehmung entzieht, ist es kaum möglich, bestehende Ordnung zu modifizieren und zu erweitern (vgl. Kap 3.2). Weitere bedeutsame Konsequenzen dieser Wahrnehmung ergeben sich aus dem Konzept der „illusorischen Korrelationen“ (vgl. T. Meiser, in L. E. Petersen & B. Six (Hrsg.) 2008, S. 54 ff.). Es beschreibt die Generierung falscher Zusammenhänge zwischen verschiedenen Merkmalen von Menschen (z. B. Frauen sind zurückhaltend), auf der Basis von stichprobenartigen Beobachtungen und verweist damit auf die große Gefahr solcher Wahrnehmungsformen (vgl. ebd.).

D. h., infolge einer ausschließlich kategoriebasierten Wahrnehmung besteht einmal die Gefahr, der negativen Aneignung zu verfallen, während illusorische Korrelationen zusätzlich zur Integration von Informationen in die eigene Ordnung führen können, welche in der Realität überhaupt nicht bestehen (vgl. ebd., S. 54). Entstehen daraus nun Kategorien und stereotype Erwartungen, welche ein falsches Bild von der Realität repräsentieren, resultieren daraus auch Urteilsfehler (vgl. K. Chr. Klauer, in L. E. Petersen & B. Six (Hrsg.) 2008, S. 24). Diese Urteilsfehler bezeichnet der Volksmund als Vorurteile, während die Sozialpsychologie den Begriff des Vorurteils allgemein auf positive oder negative Bewertungen bezieht, die aus sozialen Kategorien und ihren Merkmalsträgern hervorgehen (vgl. ebd.). So ist die Rede von einem Vorurteil, wenn die mit einer Kategorie einhergehenden Bewertungen auf ein bestimmtes Mitglied dieser Kategorie Übertragung finden, ohne sie genauer zu betrachten (vgl. ebd.).

Die Bildung von stereotypen Erwartungen, illusorischen Korrelationen und Vorurteilen entspringen allesamt der kategoriebasierten Verarbeitung, welche unbewusst, automatisch und innerhalb von Sekunden abläuft. Der Mensch ist aber nicht als hilfloses Opfer von unumgänglichen und unveränderlichen Mechanismen zu verstehen. Diese Mechanismen sind einerseits niemals völlig auflösbar, aber es existieren doch Möglichkeiten, um diesen unbewussten Automatismen etwas entgegenzusetzen.

„Vielfach wird als Gegenstück der Kategorisierung die Individuierung gesehen (Brewer, 1988; Fiske & Neuberg, 1990). Damit ist die Eindrucksbildung gemeint, die die Besonderheiten der betrachteten Person, insbesondere die Informationen, die über die Kategoriezugehörigkeit hinausgehen, berücksichtigt und in den Eindruck integriert.“ (K. Chr. Klauer, in L. E. Petersen & B. Six (Hrsg.) 2008, S. 24)

Wenig überraschend ist die bewusste Anstrengungsbereitschaft hinsichtlich der hier beschriebenen individuierenden Verarbeitung (vgl. M. Schmid Mast/ F. Krings, in L. E. Petersen & B. Six (Hrsg.) 2008, S. 37). Während Kategorisierung und Stereotypisierung innerhalb von wenigen Sekunden zu einer automatischen Eindrucksbildung von Personen führen, bedarf es einer Motivation zu bewussten bzw. kontrollierten Verarbeitungsprozessen, um die automatische Eindrucksbildung zu erweitern oder zu verändern (vgl. ebd.). Ähnliches beschreibt auch das sogenannte Kontinuum-Modell von 1990.

Im Kontinuum-Modell wird angenommen, dass, wenn wir jemanden treffen, wir uns automatisch einen ersten Eindruck über die Person bilden, der auf prägnanten, leicht beobachtbaren Eigenschaften wie z. B. Geschlecht, Hautfarbe oder Alter beruht. […] Nur wenn eine Motivation zu mehr kontrollierter Verarbeitung vorhanden ist, wird der Wahrnehmende auch individualisierende Informationen in Betracht ziehen.“ (ebd.)

Auch das Zwei-Faktoren-Modell der Eindrucksbildung von Brewer und Harasty Feinstein (1999) unterstützt diese Theorie, wenn auch in leicht abgewandelter Form (vgl. ebd., S. 38). Auch hier ist die stereotype Wahrnehmung als automatischer Prozess zu verstehen. Allerdings besteht im Anschluss die Wahlmöglichkeit, ob einer kategorialen („top-down“) oder einer personalisierten („bottom-up") Verarbeitungsstrategie nachgegangen wird. D. h., auch hier folgt auf einen automatischen Eindruck ein bewusster Prozess. Die Autoren stellen jedoch nicht den Automatismus einer bewussten Verarbeitung gegenüber, sondern heben den Aspekt einer bewussten Entscheidung hervor. Abhängig von dieser Entscheidung kommt es entweder zur stereotypen oder personalisierten Wahrnehmung.

„Es wird angenommen, dass die Entscheidung ob kategorial oder personalisiert verarbeitet wird, früh im Wahrnehmungsprozess fällt. Sie ist abhängig von einer Reihe Faktoren wie z. B. von der Art der Beziehung zum Gegenüber. Je stärker man in eine Beziehung involviert ist, desto eher laufen personalisierte Verarbeitungsprozesse ab.“ (ebd.)

Einzig das Modell der parallelen Verarbeitung von Kunda und Thagard (1996) weicht von den vorangestellten Theorien ab, indem es von einer parallelen Aktivierung stereotyper und individualisierender Wahrnehmung ausgeht und beides dem Automatismus unterstellt (vgl. ebd., S. 39). Zwar ist auch Platz für kontrollierte Prozesse in der Verarbeitung eingeräumt, doch sie finden in diesem Modell keine weitere Berücksichtigung (vgl. ebd.). Wie automatische und bewusste Prozesse genau ineinander verflochten sind bzw. wann und wo bewusste Prozesse einsetzen, ist nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Wichtiger ist die Betonung einer notwendigen Ergänzung bestehender handlungsleitender, automatischer Verarbeitungsprozesse durch bewusste Verarbeitungsprozesse. Jede bewusst individualisierende Wahrnehmung zeigt sich jedoch als bedeutend aufwendiger und anstrengender als die ökonomische Kategorisierung, weshalb hierfür immer genügend freie Ressourcen aufbringbar sein müssen, um sie in Gang setzen zu können (vgl. ebd., S. 33). Ebenso „ist es wichtig, dass wir die Stereotype kennen und dass wir motiviert sind, diese zu umgehen.“ (ebd., S. 40) Nur so gerät ein Individuum nicht zum Spielball eigener Automatismen (vgl. ebd., S. 39 f.).

„Ob nun Vorurteile schwerer zu spalten sind als Atome, wie Einstein gesagt haben soll, […] oder ob die Ausschaltung von zu sozialer Diskriminierung führenden Prozessen der Aufgabe ähnelt, einen Kreis in ein flächiges Quadrat zu transformieren – es sind dies alles Metaphern, die eines verdeutlichen sollen: es gibt Schwierigkeiten und es ist zeitaufwändig und anstrengend, Stereotype und Vorurteile zu ändern und soziale Diskriminierung zu verhindern.“ (L. E. Petersen & B. Bernd Six (Hrsg.) 2008, S. 18)

Was passiert, wenn Individuen sich bequem in ihrer eigenen Ordnung einzurichten versuchen, womit das Eigene zu einem unhinterfragten Manifest mutiert? Nach Kapitel 3.1 kann keine Ordnung als Manifest beruhigt bestehen bleiben, ohne sich vor der Beunruhigung des Fremden verteidigen zu müssen und damit seiner eigenen Entwicklung entgegenzuwirken. Zudem ist hier die Gefahr eines jeden Individuums veranschaulicht, als reiner Spielball eigener unbewusster Mechanismen zu agieren.

Doch besonders rassistische Ordnungen, welche über Generationen hinweg viele Individuen aufrechterhalten und häufig aggressiv verteidigen, zeigen die allgemein gesellschaftliche Problematik, welche mit nicht hinterfragten Ordnungen bzw. Stereotypen einhergehen können. Sie sind vielfach die Ursache für kriminelle Handlungsweisen und ein diskriminierendes Verhalten gegenüber anderen Menschen, während ein Großteil der Gesellschaft sich bemüht zeigt, gegen diese Ordnungen anzukämpfen.

[...]


[1]Haller-Dintelmann, Robert 2012/13: Mathematik I/II für Informatik.

[2]Unter der Ich-Identität versteht Erikson ein definiertes Ich, innerhalb einer sozialen Realität (vgl. E. H. Erikson 1973, S.17).

[3]Diesem Zitat von Waldenfels wurde eine Überschrift gegeben, um an anderen Stellen deutlich darauf Bezug nehmen zu können.

[4]Mit Abstand ist hier ein Nähe-Distanz-Verhältnis gemeint, welches räumlich gedacht werden kann, sich aber nur peripher auf örtliche Entfernungen bezieht. Demnach bezeichnet der objektive Abstand hier ein gleichwertiges Nähe-Distanzverhältnis zu den Objekten, welches auch durch eine gleiche Pfeillänge in der Grafik dargestellt wird.

[5]Der subjektive Abstand beschreibt die Einseitigkeit des Abstands zu b bzw. die ungleichwertige Betrachtung von a und b und steht damit im Gegensatz zum objektiven Abstand.

[6]Durch den ›objektiven Abstand‹ konnten a und b gleichwertig bestimmt werden, weshalb die Bestimmung von Waldenfels (»a=nicht b«) mit einem ›=‹ versehen werden konnte. Bei der subjektiven Betrachtung können die Objekte jedoch nur ungleichwertig bestimmt werden, weshalb es inkorrekt erscheint, ein ›=‹ zu setzen. Deshalb muss an die Stelle des Gleichzeichens nun ein Zeichen des Nicht-Vergleichbaren rücken, welches gleichzeitig einen Abstand zwischen den Objekten verbildlicht. Darum erfolgte die Entscheidung für dieses Zeichen ›//‹.

[7] Mit Lebensordnung bezeichnet die Verf. hier eine bestimmte Art und Weise, mit welcher ein Individuum seine Erfahrungen, Vorstellungen, Verhaltensweisen etc. organisiert und verinnerlicht.

[8]Der Begriff der negativen Aneignung dient einer Gegenüberstellung von der durch Waldenfels kritisierten Form der Aneignung und der von der Verf. eingeführten positiven Aneignung.

[9]Vollständiger Internetverweis im Literaturverzeichnis

Details

Seiten
124
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668035089
ISBN (Buch)
9783668035096
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305459
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
das Fremde Umgang mit dem Fremden Waldenfels Unterricht qualitative Forschung pädagogik Rassismus Stereotype Vorurteile das Eigene

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Titel: Annäherung an den Umgang mit dem Fremden im Unterricht