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Biblisch-historische Hintergründe und gegenwärtige Problematik der Kindertaufe

Bachelorarbeit 2012 54 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Biblische Grundlagen der Taufe
2.1 Alttestamentliche Hintergründe
2.1.1 Die Symbolkraft des Wassers
2.1.1.1 Die Erschaffung der Welt (Gen 1,1-2)
2.1.1.2 Die Sintflut (Gen 6-9)
2.1.1.3 Der Durchzug durch das Rote Meer (Ex 14)
2.1.2 Reinigungsriten im Alten Bund
2.2 Neutestamentliche Tauftheologie
2.2.1 Die Taufe des Johannes
2.2.2 Die Taufe Jesu im Jordan und ihre Bedeutung
2.2.3 Hat Jesus selbst getauft?
2.2.4 Ansätze einer Tauftheologie in den neutestamentlichen Gemeinden
2.2.4.1 Aspekte der paulinischen Tauftheologie
2.2.4.2 Die Taufe im Johannesevangelium

3 Die Kindertaufe
3.1 Biblische Grundlegung der Kindertaufe
3.1.1 Die Taufe ganzer Häuser
3.1.2 Stellen zur Kindertaufe im Neuen Testament
3.2 Dogmengeschichtliche Aspekte der Kindertaufe
3.2.1 Die Taufe in der Alten Kirche
3.2.2 Die Taufe als Herrschaftswechsel im Frühmittelalter
3.3 Diskussion der Kindertaufe im 20. Jahrhundert
3.4 Gegenwärtige Problematik
3.5 Ökumenischer Diskurs

4 Schlusswort

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das erste und grundlegende Sakrament ist die Taufe. Diese gehört zu einem Prozess christlicher Initiation und wird in der Sakramententheologie an erster Stelle genannt.1„Die Taufe ist der erste Schritt auf dem Weg eines durch den Blick auf Jesus Christus bestimmten und geprägten Menschenlebens: der erste Schritt, den der Täufling, dem der Blick auf Ihn sich eröffnet hat, mit der Gemeinde zusammen tut - und zugleich der erste Schritt, den die Gemeinde, die sich schon auf dem Weg befindet, zusammen mit dem Täufling tut.“2In der katholischen Kirche wird die Kindertaufe praktiziert. Jedoch erachten nicht alle christlichen Kirchen die Kindertaufe als sinnvoll. „Aus mehreren Gründen wird heute die Taufe unmündiger Kinder problematisiert: Die Tatsache, daß eine große Zahl von Menschen zwar getauft wird, aber praktisch ohne kirchliche Sozialisation aufwächst, führt für die einzelnen zu Rollenproblemen und für die Kirche zum Verlust ihres Profils.“3

In dieser Arbeit mit dem Thema „Die Kindertaufe. Biblisch-historische Hintergründe und gegenwärtige Problematik“ wird die Entwicklung der Taufe von Kindern dargestellt. Der Anlass, warum ich mich mit dieser Thematik in meiner Bachelorarbeit befasst habe, sind die vielen kontroversen Diskussionen, die im Kontext der Kindertaufe geführt werden. Dabei stellt sich für mich als Studentin der Katholischen Theologie vor allem die Frage, auf welche biblischen, historischen und theologischen Hintergründe sich die Praxis der Kindertaufe stützt, worin sich die Problematik im Zusammenhang mit der Kindertaufe widerspiegelt und welche Auswirkungen dies auf die Ökumene hat.

Im ersten Teil wird ein Überblick über die biblischen Grundlagen der Taufe gegeben. Dabei wird in Bezug auf das Alte Testament die Symbolkraft des Wassers näher beleuchtet. Auf drei bekannte Stellen aus dem Alten Testament wird an dieser Stelle eingegangen. Diese drei Stellen sind der Schöpfungsbericht (Gen 1,1-2), die Erzählung von der Sintflut (Gen 6-9) und der Durchzug durch das rote Meer (Ex 14). Nachdem die Symbolkraft des Wassers anhand dieser Bibelstellen herausgearbeitet wurde, wird auf die Reinigungsriten im Alten Bund eingegangen. Bei diesen Reinigungsriten spielt das Wasser eine große Rolle. Es werden unterschiedliche Riten zur Reinigung dargestellt und deren Bedeutung herausgearbeitet. Im Anschluss an die alttestamentlichen Hintergründe der Taufe folgt der Übergang zur neutestamentlichen Tauftheologie. Zuerst wird auf die Taufe des Johannes und ihre Bedeutung eingegangen. Bei der Taufe des Johannes handelt es sich um eine Art Reinigungsritus. Dieser Reinigungsritus besitzt jedoch einen eschatologischen Bezug und unterscheidet sich aus diesem Grund von den bis dahin bekannten Reinigungsriten im Judentum. An diesen Punkt schließt die Darstellung der Taufe Jesu im Jordan und deren Bedeutung an. Die Taufe Jesu wird in allen Evangelien genannt. Die Schwierigkeiten, die sich mit dieser Tatsache ergeben, werden ausführlich geschildert. Anschließend stellt sich die Frage, ob Jesus selbst getauft hat oder nicht. Auf diese Frage wird eine Antwort gegeben. Nach dem Tod und der Auferstehung Jesu wurden die ersten Gemeinden gegründet. Darauf aufbauend werden im darauf folgenden Punkt die Ansätze einer Tauftheologie in den neutestamentlichen Gemeinden dargelegt. In diesem Zusammenhang findet ein Bedeutungswandel der Taufe statt, der bei Paulus besonders deutlich wird. Aus diesem Grund werden an dieser Stelle die Aspekte der paulinischen Tauftheologie näher in den Blick gefasst. Ebenso wird auf das Johannesevangelium eingegangen, bei dem der Gedanke der Umkehr in der Taufe stark akzentuiert ist.

Im Anschluss an die Darlegung der biblischen Grundlagen der Taufe wird nun auf die Kindertaufe eingegangen. Die Entwicklung der Kindertaufe wird von Beginn an dargestellt. Den Anfang bildet hier das Taufverständnis der Urgemeinde. Wenn man eine Antwort auf die Frage sucht, in welcher Zeit die Kindertaufe erstmals praktiziert wurde, dann ist es sinnvoll diese Suche im Neuen Testament zu starten. Aus diesem Grund wird auf die biblische Grundlegung der Kindertaufe eingegangen. Bei einer Untersuchung dieser Frage wird die in der Bibel beschriebene Häusertaufe näher betrachtet. Es lassen sich auch weitere Stellen im Neuen Testament finden, die Hinweise auf eine Kindertaufpraxis in der Urgemeinde liefern. Diese Hinweise werden diskutiert und auf ihren historischen Gehalt geprüft. Anschließend werden die dogmengeschichtliche Aspekte der Kindertaufe behandelt. Allerdings wird nicht der gesamte geschichtliche Verlauf präsentiert. Hauptsächlich wird auf die Taufe in der Alten Kirche und auf die Taufe als Herrschaftswechsel im Frühmittelalter eingegangen. Den Abschluss der geschichtlichen Betrachtung bildet die Diskussion über die Kindertaufe im 20. Jahrhundert. Anschließend setzt sich diese Arbeit mit der gegenwärtigen Problematik der Kindertaufe auseinander. Im Anschluss folgt ein ökumenischer Diskurs, wobei der Blick auf die Unterschiede in der Taufe der christlichen Kirchen gerichtet wird. Abschließend wird im Schlusswort eine kurze Zusammenfassung der Problematik der Kindertaufe geliefert.

2 Biblische Grundlagen der Taufe

Der Akt der Taufe stellt zu einer Gruppe, einem Ereignis oder aber zu einer Botschaft eine Verbindung her die Identifikation schafft. Im Alten Testament sind Reinigungsbäder und rituelle Waschungen bekannt. Bereits im Judentum gab es eine Taufe, die sogenannte Proselytentaufe.4Diese wurde an Heiden vollzogen, die zum Volk Israel übertreten wollten und gehörte zur gängigen Praxis im Judentum (1 Kor 10,2). Die jüdische Taufe auf den Namen Mose soll an den Auszug aus Ägypten erinnern und gleichzeitig zur Identifikation zum Judentum führen. „Trotz der Ausrichtung des ganzen Vorgangs auf äußere levitische Reinigung scheint die Bedeutung der Proselytentaufe, die an den Vorsatz des entsprechenden Lebenswandels gebunden war und durch die der Proselyt - rechtlich - wie ein „neugeborenes Kind“ wurde, für das Verständnis des johanneischen Taufbrauches nicht gering zu sein. Ein Tauchbad zur Einführung in das Leben einer religiösen Gemeinschaft oder zur Einführung in eine höhere Lebensform scheint jedenfalls nichts Unbekanntes zu sein.“5 Dementsprechend lassen sich bereits im Alten Testament grundlegende Elemente der christlichen Taufe sehen, welche in diesem Kapitel genauer betrachtet werden.

Das Neue Testament setzt die Taufe als bekannt voraus. Im Neuen Testament tauft Johannes der Täufer, der als Wegbereiter Jesu gilt, viele Menschen (Mk 1,4-5 ; Joh 1,25- 28). Seine Taufe war eine Taufe mit Wasser und eine Taufe der Buße, die mit dem Entschluss zur Umkehr verbunden war.6Die christliche Taufe hingegen ist eine Taufe mit Wasser und Geist. Sie ist ein bewusster Akt der Identifikation und verbindet den gläubigen Menschen mit Jesus Christus. Ebenso ist die christliche Taufe ein Zeichen für den Tod des alten Menschen und seine Auferstehung zu einem neuen Menschen (Röm 6,1-10).7In Mt 28,19 gibt der nachösterliche Jesus seinen Jüngern den Taufbefehl. Hier liegt der Ursprung des christlichen Initiationsritus. Die neutestamentliche Entwicklung der Taufe wird ebenfalls in diesem Kapitel beleuchtet.

2.1 Alttestamentliche Hintergründe

Das Wasser als Urelement ist ein wichtiges Symbol im Alten Testament. Es kann auf unterschiedliche Weise erfahren werden. Diese unterschiedlichen Erfahrungen, die Menschen mit dem Wasser haben, verdeutlichen dessen Symbolkraft. Das Wasser tötet, belebt und reinigt. Besonders zu dem Aspekt der Reinigung durch Waschen und Besprengen enthält das alttestamentliche Gesetz zahlreiche Gebote.8Im Zusammenhang der Bedeutung des Wassers als tötendes, belebendes und reinigendes Element lassen sich unterschiedliche Ansätze im Alten Testament finden.

2.1.1 Die Symbolkraft des Wassers

In allen Religionen spielt das Wasser eine Rolle. „Gegenüber allem Festgewordenen vermittelt es den Eindruck des Lebendigen, sich ständig Verwandelnden.“9In welcher Religionsgemeinschaft das Element Wasser auch auftritt, immer hat es eine bestimmte Funktion, stets wird diese fortgeführt und löst dabei Formen aus ihrem Zusammenhalt und hebt sie auf.10„Damit tritt das Wasser in den Ursprung alles Gewordenen.“11

Das Wasser gilt als Urelement und als ein Werk göttlicher Macht. „Wasser kann als lebensgefährliche Chaosmacht erfahren werden.“12Es zerstört die Gestalt, löst auf und tötet. Gleichzeitig ist Wasser ein lebenswichtiges und lebensspendendes Element. Darin, dass das Wasser auf der einen Seite ein Symbol für den Tod, auf der anderen Seite ein Symbol für die Lebenskraft ist, zeigt sich die religiöse Mehrdeutigkeit des Wassers. Diese Symbolik spiegelt sich im Taufakt wieder. Das Eintauchen in das Wasser ist ein Zeichen für den Tod. Das Wiederauftauchen hingegen repräsentiert die Wiedergeburt.13„Die Grundstruktur der Erfahrung des Wassers als Verwandlung und Möglichkeit ist entscheidend. Von ihr aus ist es einleuchtend, daß das Wasser kultisch reinmacht.“14

In Bezug auf die Taufe sind drei Urerfahrungen von Menschen mit dem Element Wasser von Bedeutung. Zu diesen Urerfahrungen gehört das Erkennen des Wassers als lebensvernichtende Macht, ebenso aber auch die Erkenntnis darüber, dass Wasser Quelle des Lebens ist. Zusätzlich hat das Wasser eine reinigende und belebende Wirkung.15Diese Urerfahrungen der Menschen in Bezug auf das Wasser spiegeln sich auch in der Bibel wieder. In den folgenden Unterpunkten werden anhand von bekannten alttestamentlichen Schriftstellen diese Urerfahrung aufgezeigt und mit der Taufe in Verbindung gebracht.

2.1.1.1 Die Erschaffung der Welt (Gen 1,1-2)

In den Regionen, in denen die großen Weltreligionen entstanden sind, ist das Wasser eine Kostbarkeit. Für die Menschen in der Antike galt das aus dem Erdboden aufbrechende Quellwasser als ein Werk göttlicher Macht.16So wurde den Quellen Opfer gebracht17, um den Quellgott gnädig zu stimmen. Oft galten Quellen auch als Wohnorte von Göttern oder Geistern. Ebenso bewundernswert war für die Menschen der Antike das Wasser, das vom Himmel strömt. Solch ein Regenguss ermöglicht, das eine Wüste wieder zu leben beginnt und Gräser und Blumen anfangen zu blühen.18„Das Wasser der Quellen und Bäche und das Wasser des Regens, das Wasser »unten« und das Wasser »oben« müssen im Anfang eins gewesen sein. Dieses Ur-Wasser, die Urflut, wird auch in der biblischen Schöpfungserzählung erwähnt.“19Direkt zu Beginn des Schöpfungsberichts wird erzählt, wie Gott den Himmel und die Erde erschuf und das Chaos auf der Erde herrschte. Über der Urflut lag Finsternis und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser (Gen 1,1-2). Dieser Gottesgeist brachte Ordnung in das Durcheinander. Das Wasser wurde geteilt in das Wasser über und in das Wasser unter dem Firmament. „Diese Trennung wird immer wieder aufgehoben durch den Regen, […]. Der Regen vermählt Himmel und Erde. Aus dieser Vereinigung kann das irdische Leben emporkeimen.“20Das irdische Leben wird durch das Wasser ermöglicht.

Durch das Schöpfungshandeln Gottes wird der Mensch zum Leben befähigt. In der Schöpfung dankt der Mensch Gott für sein Dasein. Das Wasser ist ein lebenswichtiges Element für den Menschen. In dem Zusammenhang mit der Schöpfung ist das Wasser ein positives, ein Leben möglich machendes Zeichen. Diese Ansicht spiegelt sich auch in der Taufe wieder. Es wird eine Art Neuschöpfung vollzogen. „Als Element der Taufe deutet es darauf hin, daß der Mensch durch göttliches Handeln dem Chaos, der Unordnung, entrissen ist. Er wird in eine neue Ordnung hineingenommen und durch Gottes Wort zu neuem Leben gerufen.“21

2.1.1.2 Die Sintflut (Gen 6-9)

Nachdem Gott die Welt und den Menschen erschaffen hat, wird berichtet, dass sich Hass und Gewalt unter den Menschen ausbreiten. Durch die Sintflut setzt Gott ein Zeichen, dass das, was auf der Erde geschieht, nicht in seinem Sinn ist. Er will nicht, dass seine Schöpfung in Gewalt und Mord versinkt. Die Sintflut ist ein Symbol für das Strafgericht Gottes über die abgefallene Menschheit.22Das Wasser, aus dem das Leben entstanden ist, zerstört es wieder. „Das Lebenselement wird zum Todesbringer.“23

In der Sintflut spiegelt sich eine menschliche Urerfahrung wieder. An dieser Stelle wird das Wasser als lebensvernichtende Macht erfahren. Das Böse wird durch die Flut vernichtet und das Gute wird von Gott gerettet. Es findet ein Neuanfang statt. Das Bild lässt sich auf die Taufe übertragen, wobei das Taufwasser an die Sintflut erinnern soll. Durch das Eintauchen in das Wasser wird der Mensch sinnbildlich getötet. Das Wiederauftauchen verdeutlicht den Neuanfang. Dementsprechend liegt in der Taufe die Hoffnung auf einen Neuanfang mit Gott.

2.1.1.3 Der Durchzug durch das Rote Meer (Ex 14)

Auch der Auszug aus Ägypten ist eine Urerfahrung der Menschen, die mit Wasser in Verbindung steht. Das Volk Gottes muss sich dem Pharao in Ägypten unterwerfen. Es lebt unfrei in Sklaverei und Unterdrückung. In dieser scheinbar aussichtslosen Situation, steht Gott seinem Volk bei. Die Bibel erzählt, wie Gott sein Volk aus Ägypten geführt hat. Auf ihrer Flucht gelangen die Israeliten an ein Meer. „Es lag im Tal, […] an beiden Seiten hohe unüberwindbare Berge.“24Ein anderer Weg als durch das Meer hindurch bleibt ihnen nicht, denn die anrückende Armee des Pharaos versperrt ihnen den Rückweg. Das Volk Israel befindet sich in einer ausweglosen Situation, bei der kein Weg der Rettung möglich ist. Dieses Bild lässt sich wieder auf die Taufe projizieren. Um Anteil an Gottes Heil zu erlangen, muss der Mensch zur Taufe bereit sein, sich bewusst für die Taufe entscheiden und diese empfangen. Es gibt keinen anderen Weg. In dieser Situation öffnet Gott seinem Volk Israel das Meer, sodass es hindurchziehen kann. Die Armee des Pharaos hingegen versinkt im Meer. An dieser Stelle wird auch der Gedanke an die Flut als vernichtende Macht sichtbar. Im Anschluss an den Auszug führt Gott sein Volk in das versprochene Land. Der Auszug aus Ägypten gilt als starkes Sinnbild für Freiheit, die Freiheit aus Unterdrückung und Ausbeutung, die Gott seinem Volk geschenkt hat. Durch die Taufe wird der Mensch in die Gemeinschaft Gottes aufgenommen. So wie das Volk Israel aus Ägypten befreit wurde, so sind auch die Christen im Sinne des Auszugs durch den Tod Jesu befreit worden.

2.1.2 Reinigungsriten im Alten Bund

„Die Schriften des Alten Bundes enthalten zahlreiche Gebote zur Reinigung durch Waschen und Besprengen mit Wasser.“25 Der Mensch muss frei von allem Verunreinigendem sein um Anteil an Gottes Heiligkeit zu erlangen. Nur wer rein ist, ist dazu berechtigt Opferfleisch zu essen (Lev 7,19) und den Tempel zu betreten (Lev 12,4). Quellen der Unreinheit sind Krankheiten wie Aussatz, Lepra oder auch Exeme (Lev 13,45f), Handlungen wie die Berührung von Leichen (Num 19,10-22) oder sexuelle Vorgänge (Lev 15,19-31). Ebenso gilt der Götzendienst (Hos 5,3) und der Verzehr oder die Zubereitung bestimmter Speisen im Alten Bund als unrein (Lev 11,1-23). Der Priester kann die betroffenen unreinen Personen oder Tiere wieder rein sprechen. Auch Gegenstände können unrein sein, wenn sie mit einem unreinen Menschen in Berührung gekommen sind. Um den Zustand der Reinheit wieder herzustellen und erneut in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, müssen bestimmte Reinigungsriten durchgeführt werden. Üblich sind Opfer, Blutriten und Waschungen. Nicht nur die Reinigung mit Wasser, sondern auch die Reinigung mit Feuer ist bekannt und wird praktiziert. In Num 31,22f. ist davon die Rede, dass Gold-, Silber- und Bronzestücke ins Feuer gehalten und anschließend mit Reinigungswasser besprengt werden müssen, um die Reinheit wieder herzustellen. Alles andere wird durch Wasser gereinigt. Bei der Reinigung eines Aussätzigen ist der Gebrauch von Quellwasser vorgeschrieben. Ansonsten ist beliebiges Wasser ausreichend für den Reinigungsritus.26

Das Alte Testament kennt drei Arten von Waschungen. Dazu gehören die rituellen und die zeremoniellen Waschungen, sowie das Heilungsbad.27Die rituelle Waschung haben die Entfernung von Unreinheiten zum Ziel (Lev 11-14). Die zeremonielle Waschung wurde durchgeführt als Vorbereitung auf das In-Verbindung-Treten mit dem heiligen Gott (Ez 36,25). „So war ein Bad Vorschrift vor der Priesterweihe (Lev 8,6), vor dem Betreten des Allerheiligsten (2 Chron 4,2-6) und vor dem feierlichen Opfer (Lev 16,4).“28Auch bevor ein Priester seinen Dienst im heiligen Zelt und später im Tempel verrichten darf, muss er sich ganz waschen (Ex 30,17-20). Wie schon erwähnt, wird zur Heilung eines Aussätzigen Quellwasser benötigt. Den dazugehörigen Ritus bezeugt die jüdische Überlieferung als Heilungsbad. Als Beispiel sei hier die „Heilung des aussätzigen Naamans nach dem Untertauchen im Jordan (2 Kön 5,14)“29erwähnt.

In der nachexilischen Geschichte bis zur Zeit Jesu gewinnen die rituellen Waschungen an Bedeutung. Während es in der alten Zeit noch keine genauen Vorschriften darüber gibt, wie die rituellen Waschungen durchgeführt werden sollen, wird zunehmend das häufig wiederholte Untertauchen des ganzen Körpers zur Pflicht.30In den Synagogen entstehen die sogenannten Tauchbäder. „Die Waschungen erhalten zusätzlich die Funktion zu trennen: zwischen Israeliten und Nicht-Israeliten sowie zwischen den Angehörigen bestimmter Gruppen (z. B. den Essenern) und den anderen in Israel. Die ausgedehnten Badeanlagen in Qumran illustrieren gerade das letztere.“31In der Zeit um 50 vor Christus ist die Entstehung der Proselytentaufe anzusetzen. Proselyten sind Heiden, die sich dazu entschlossen haben, zum Volk Israel überzutreten. Wie auch bei anderen jüdischen Tauchbädern üblich, vollzieht der Proselyt die Tauchtaufe selbst. „Diese »Taufe« mag ursprünglich nicht mehr als eine Ergänzung schon bestehender ritueller Waschungen gewesen sein. Sie entwickelt sich aber vom einfachen Reinigungsbad zu einem Ritus der Eingliederung in die jüdische Glaubensgemeinschaft.“32Die Menschen, die zu anderen Völkern gehören, werden als unrein angesehen. Sie müssen durch die Reinigung zu einem neuen Menschen gemacht werden. Das Wasser spielt eine wesentliche Rolle, aber reicht zur vollständigen Reinigung nicht aus. „Erst wenn der Novize die „Unterweisung der Erkenntnis der gerechten Satzungen“ bestätigt hat, „wird er von seinen Sünden durch den Heiligen Geist gereinigt werden“. So soll dem Tauchbad, das dann durch den Geist die Seele und durch das Wasser den Körper reinigt, eine Bekehrung vorausgehen.“33„Das Heidentum wurde in reinigendem Wasser ausgelöscht; der in seiner ursprünglichen Unversehrtheit wiederhergestellte Mensch unterstand nunmehr der Tora, dem Gesetz des Mose. In einer alten jüdischen Schrift heißt es: »Der Proselyt gleicht bei seinem Übertritt (zum Judentum) einem eben geborenen Kind.«“34„Die Proselytentaufe ist das erste Tauchbad, welches ein zum Judentum übertretender Proselyt vollziehen darf, wodurch er alle Rechte eines Israeliten erhält.“35

2.2 Neutestamentliche Tauftheologie

Das Christentum hat sich bereits in seinen Anfängen ein Initiationsritual gegeben. Dieses Initiationsritual umfasst eine Einweihungszeremonie, bei der grundlegende Wahrheiten übermittelt wird. Zur Einweihungszeremonie gehört die Taufe als Reinigungsritus und das Kommunionsmahl der Eucharistie. „Das Hauptelement dieses Rituals ist die Taufe, die das Bekenntnis des Bekehrten versiegelt und ihn berechtigt, sich zur christlichen Gemeinde zu zählen.“36„Für eine sachgemäße Erfassung der [neutestamentlichen] Taufaussagen ist die Erkenntnis von grundlegender Bedeutung, daß in der Gemeinde Jesu die durch Johannes prophetisch angekündigte [Taufe] mit dem Heiligen Geist (Mt 3,11 par.) das Ereignis wird, das diese Gemeinde begründet und kennzeichnet.“37Um die christliche Taufe und ihre Bedeutung zu verstehen und würdigen zu können, sollte das religiöse und auch das kulturelle Umfeld zur Entstehungszeit der christlichen Taufe betrachtet werden.

2.2.1 Die Taufe des Johannes

In der Bibel ist das Taufen im Neuen Testament für eine große Gestalt zum Charakteristikum geworden. Diese große Gestalt ist Johannes der Täufer. Die Taufe des Johannes muss etwas Neuartiges gewesen sein, sonst hätte er seinen Beinamen, der Täufer, wahrscheinlich nicht erhalten und zusätzlich wäre ihm und seiner Tätigkeit in der Schrift nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt worden.38

In der damaligen Zeit sind Waschungen und Tauchbäder für das Judentum nichts Außergewöhnliches. Es bestehen keine Zweifel daran, dass die Anfänge der Christentaufe im palästinensischen Judentum liegen. „Die Täuferbewegungen, die um die Zeitwende in Palästina ein bemerkenswertes Ausmaß angenommen hatten, griffen ganz natürlich auf Reinigungsriten zurück, um damit die Bekehrung des Volkes Israel zu seinem Gott zum Ausdruck zu bringen, eine Vorbereitung für das Kommen des messianischen Reiches.“39

Das Wirken des Propheten Johannes hat einen deutlichen Bezug zur christlichen Taufe. Johannes verkündet in seiner Predigt das nah bevorstehende und endzeitliche Gericht Gottes (Mt 3,12). Vor diesem Hintergrund ruft er zur Umkehr und gleichzeitig zur Taufe als Zeichen der Umkehr auf. Durch die Taufe werden die Sünden vergeben (Mk 1,4).40An dieser Stelle kann noch nicht von einem christlichen Initiationsritus die Rede sein. Im Unterschied zu den jüdischen Waschungen und Reinigungsriten hat die Taufe des Johannes einen eschatologischen Hintergrund. Dieser eschatologische Hintergrund ist apokalyptisch begründet, da sich die Verkündigung des Johannes auf das endzeitliche Gericht Gottes bezieht. Ein weiterer Unterschied zu den bisher bekannten Reinigungsriten ist, dass seine Taufe nur einmal durchgeführt werden kann. Für die Taufe als Bußritus zur Vergebung der Sünden ist die Einmaligkeit konstitutiv. „Die Bußtaufe ist gewissermaßen das letzte Angebot der Umkehr vor dem einbrechenden Zorngericht Gottes.“41Die von ihm verkündete eschatologische Situation und die möglichst schnelle Umkehr unterstützen die Einmaligkeit der Johannestaufe.42 Wie bereits erwähnt, sind den Juden Tauchbäder bekannt. Die Proselytentaufe gilt als Selbst-Taufe, bei der kein Täufer erforderlich ist. Anders ist dies bei der Taufe des Johannes. „Denn bei ihr handelt es sich nicht um einen Ritus, den die Leute an sich selbst vollzogen, sie war keine Selbsttaufe.“43 Die Hinzutretenden empfangen die Taufe von Johannes (Mk 1,5).44Außerdem wendet sich die Taufe des Johannes an alle, sowohl Juden als auch Nicht-Juden. Sie werden von ihm auf den Tag des Herrn vorbereitet, indem eine Vergebung der Sünden stattfindet. Die Proselytentaufe hingegen wendet sich nur an die Heiden, die Anteil an Gottes Heil erlangen und in das Volk Israel aufgenommen werden wollen.45Wenn in den drei synoptischen Evangelien von Johannes die Rede ist, wird ihm stets der Beiname »der Täufer« angetragen (Mt 11,11 ; Mk 8,28 ; Lk 7,20). Sein Name ist demnach völlig mit seiner Tätigkeit verbunden. Drei wesentliche Merkmale der Taufe des Johannes lassen sich erkennen, „nämlich das Gegenüber von Spender und Empfänger der Taufe - die Einmaligkeit des Taufempfangs - das ganze Volk Israel als Adressat der Taufpredigt verbinden in auffälliger Weise die Taufe des Johannes und die urchristliche Taufe, so daß wir folgern müssen: Im Ursprung liegen beide nah beieinander.“46

Besonders bedeutsam ist die Taufe für die Jünger Jesu und für die neutestamentlichen Gemeinden. Der Grund hierfür liegt darin, dass „Jesus selbst sich von Johannes hat taufen lassen“47(Mk 1,9). „Die Gestalt des Täufers nimmt in der urchristlichen Überlieferung einen erstaunlichen und unübersehbaren Platz ein.“48Johannes ist nicht nur ein Prophet, der Christus den Weg bereitet, sondern er ist es, der Jesus seinen Taufwunsch erfüllt. Johannes reiht sich in die Reihe der Propheten in der Hinsicht ein, dass er die Nähe des Gottesreiches spürt. Ihm ist bewusst, dass die Ankunft des Messias bevorsteht (Mt 3,7-12 ; Lk 3,7ff.). „Johannes weist auf den hin, der die von den Propheten verheißene endzeitliche Reinigung und Erneuerung durch den heiligen Geist vollbringen wird: »Nach mir kommt einer, der über mir steht; denn bevor ich geboren wurde, war er schon da« (Joh 1,30).“49Er betont, dass seine Taufe eine Taufe mit Wasser ist. Unmittelbar nach ihm wird einer kommen, der mit dem heiligen Geist und Feuer taufen wird (Mt 3,11 ; Lk 3,16).50„Er fordert das Volk auf, sich auf dieses Ereignis durch eine rettende Umkehr vorzubereiten (Lk 3,7-14), und tauft die im Jordan, die zu einer Änderung ihres Lebens bereit sind; durch diesen einmaligen Reinigungsritus von deutlich eschatologischer, soteriologischer Bedeutung zeigt er ihnen an, daß ihre Sünden vergeben sind (Mk 1,4) und daß sie von nun an auf dem Wege der Umkehr beharren müssen bis zum Kommen des Reiches.“51

In den synoptischen Evangelien lassen sich keine Angaben zur genauen Taufpraxis finden. Es ist dennoch vertretbar, dass Johannes eine aktive und entscheidende Rolle im Taufvollzug gespielt haben muss. Es gibt verschiedene Deutungen, die von einem vollständigen Eintauchen des Täuflings in den Jordan bis zu einer von Johannes durchgeführten Übergießung des Kopfes mit Wasser reichen.52

2.2.2 Die Taufe Jesu im Jordan und ihre Bedeutung

Bei einer Überprüfung der Taufe Jesu auf ihren historischen Gehalt lassen sich keine Zweifel anbringen. „Die Perikope von der Taufe Jesu gründet auf der historisch gesicherten Taufe Jesu durch Johannes den Täufer.“53Alle vier Evangelisten berichten von einer Taufe Jesu durch Johannes den Täufer (Mk 1,9 ; Mt 3,13-17 ; Lk 3,21-22 ; Joh 1,25- 34). „Jesus wurde im Jordan »getauft«, d.h. untergetaucht, und zwar von Johannes dem Täufer, der dabei eine aktive Rolle spielte.“54Dennoch scheint diese Tatsache einige Schwierigkeiten mit sich zu bringen. Die Taufe des Johannes bewirkt eine Art Konkurrenzdenken zwischen den Jüngern Jesu und den Jüngern des Johannes (Mt 9,14 ; Lk 11,1 ; Joh 3,22-25). Es lässt sich annehmen, dass normalerweise der Täufer über dem Getauften steht. In diesem Fall würde das bedeuten, dass Johannes der Täufer eine höhere Position einnimmt als Jesus. Die Ausstrahlungskraft des Täufers wird hier unterstrichen. Dennoch darf nicht in Vergessenheit geraten, dass die Johannestaufe ein Akt der Buße ist und einen Vorbereitungscharakter besitzt. Wie Johannes selbst betont, ist seine Taufe eine Taufe mit Wasser zur Vergebung der Sünden, der, der kommen wird hingegen, tauft mit Wasser und Geist (Mk 1,8). Aber nicht nur über Johannes lassen sich Aussagen machen. Die folgenden Aspekte bilden die Anknüpfungspunkt für die Jesus-Jünger. So wie alle Menschen, die die Verkündigung des Johannes vom nahen endzeitlichen Gericht Gottes und dem damit verbundenen Ende der Erdenzeit gehört haben, so ist auch Jesus bestimmt von den Erwartungen auf ein nahes Ende.

[...]


1Vgl. NOCKE, 88.

2BARTH, 164.

3NOCKE, 88.

4Vgl. NOCKE, 91.

5NEUNHEUSER, 13.

6Vgl. SCHNEIDER, 84.

7Vgl. Die Taufe. Eine Orientierungshilfe, 20.

8Vgl. SCHLINK, 15.

9RATSCHOW, 117.

10Vgl. RATSCHOW, 117.

11RATSCHOW, 117.

12NOCKE, 90.

13Vgl. RATSCHOW, 119.

14RATSCHOW, 118.

15Vgl. NOCKE, 90.

16Vgl. SCHOLL, 7.

17Zu den Opfern gehören hier Blumen, Blumenkränze oder Münzen die in das Quellwasser geworfen wurden.

18Vgl. SCHOLL, 7.

19SCHOLL, 7.

20SCHOLL, 8.

21SCHOLL, 8.

22RIENECKER / MAIER, 1498.

23SCHOLL, 8.

24KRUMMACHER, 34.

25SCHOLL, 41.

26Vgl. SCHOLL, 41.

27Vgl. BENOÎT / MUNIER, XI.

28BENOÎT / MUNIER, XI.

29BENOÎT / MUNIER, XI.

30Vgl. SCHOLL, 42.

31NOCKE, 91.

32SCHOLL, 43.

33BENOÎT / MUNIER, XII.

34SCHOLL, 44.

35LENTZEN-DEIS, 72.

36BENOÎT / MUNIER, XI.

37RIENECKER / MAIER, 1566.

38Vgl. SCHOLL, 47.

39BENOÎT / MUNIER, XII.

40Vgl. NOCKE, 92.

41SCHNEIDER, 84.

42Vgl. NOCKE, 92.

43SCHNEIDER, 84.

44NOCKE, 92.

45Vgl. BENOÎT / MUNIER, XIII.

46SCHNEIDER, 85.

47NOCKE, 92.

48SCHNEIDER, 85.

49SCHOLL 48.

50Vgl. SCHOLL, 48.

51BENOÎT / MUNIER, XIV.

52Vgl. BENOÎT / MUNIER, XIV.

53DIGNATH, 16.

54LENTZEN-DEIS, 94.

Details

Seiten
54
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668034822
ISBN (Buch)
9783668034839
Dateigröße
788 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305454
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,3
Schlagworte
biblisch-historische hintergründe problematik kindertaufe

Autor

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Titel: Biblisch-historische Hintergründe und gegenwärtige Problematik der Kindertaufe