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Türkisch und Deutsch im Kontext heißer und kühler Sprachen. Grammatischer Vergleich und Relevanz für den Fremdsprachenunterricht

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffliche Grundlegung: „heiß“ und „kühl“
2.1 McLuhan: „heiße“ und „kühle“ Medien
2.2 Ross und Huang: „heiße“ und „kühle“ Sprachen

3. Allgemeine und sprachtypologische Vorüberlegungen
3.1 Türkisch
3.2 Deutsch

4. Türkisch und Deutsch im kontrastiven Vergleich
4.1 Gegenstandsbereich und Vorgehensweise
4.2 Nomen
4.2.1 Genus
4.2.2 Numerus
4.2.3 Kasus
4.3 Artikel
4.4 Pronomina
4.4.1 Personalpronomina
4.4.2 Expletivpronomina
4.5 Fragepartikel
4.6 Zusammenfassung der Ergebnisse

5. Relevanz für den Fremdsprachenunterricht

6. Fazit und Ausblick

Bibliographie

1. Einleitung

Die Grundlage eines kontrastiven Vergleichs zweier Sprachen bildet die im Laufe der 1950er Jahre entwickelte Kontrastivhypothese, deren Vertreter die Annahme teilen, „dass Lerner beim Erwerb einer Zweitsprache permanent auf ihre Erstsprache zurückgreifen – oder anders ausgedrückt: die Gewohnheiten (habits) ihrer Muttersprache fortwährend und systematisch auf die zu erlernende Fremdsprache übertragen (Transfer)“ (vgl. Tekin 2012: 19).

Ziel dieser Untersuchung ist der kontrastive Vergleich des Türkischen und Deutschen, der besonders deshalb interessant ist, da es sich hier um zwei Sprachen handelt, die keine gemeinsame sprachliche Wurzel haben und sich daher typologisch stark unterscheiden.

Anhand eines Vergleichs ausgewählter grammatischer Kategorien soll die Frage beantwortet werden, inwiefern dass Türkische und Deutsche bestimmte Merkmale formal realisiert. Grundlage dieses Vergleichs ist die von Marshall McLuhan (1995) entwickelte Unterscheidung zwischen heißen und kühlen Medien, die später von Ross (1982) und Huang (1984) in die Sprachwissenschaft übertragen wurden. Ausgehend von dieser theoretischen Grundlage, welche zu Beginn erläutert wird, sollen einige Aspekte des Türkischen und Deutschen im Hinblick auf die Kategorien heiß und kühl verglichen werden.

Die kontrastive Untersuchung verfolgt dabei nach Tekin (2012: 89) stets das außerlinguistische Ziel, einen Beitrag für den Fremdsprachenunterricht zu leisten. Ein linguistischer Vergleich dieser beiden Sprachen erscheint auch besonders vor dem Hintergrund der zunehmenden Internationalisierung und der hohen Zahl türkischsprachiger Deutschlerner in der Türkei und in Deutschland besonders geeignet, den Fremdsprachenunterricht unter Einbezug der Muttersprachen effektiver zu gestalten. Nachdem allgemeine, sprachtypologische Merkmale des Türkischen und Deutschen vorgestellt und die beiden Sprachen kontrastiv gegenübergestellt werden, soll im letzten Teil der Untersuchung die Relevanz für den Fremdsprachenunterricht herausgestellt werden.

2. Begriffliche Grundlegung: „heiß“ und „kühl“

2.1 McLuhan: „heiße“ und „kühle“ Medien

Der Ursprung der kategorialen Unterscheidung zwischen „heißen“ und „kühlen“ Sprachen liegt in den Medienwissenschaften. Marshall McLuhan war der Erste, welcher die beiden Attribute „heiß“ und „kühl“ zunächst auf Medien im Allgemeinen angewendet hatte. So formulierte er in dem 1964 erschienenen Werk „Understanding Media“ (zu dt.: „Die magischen Kanäle“, 1968 erstmals übersetzt) „ein Grundprinzip, nach dem sich ein >>heißes<< Medium, wie etwa das Radio, von einem >>kühlen<<, wie es das Telefon ist, oder ein >>heißes<<, wie etwa der Film, von einem >>kühlen<<, wie dem Fernseher, unterscheidet. Ein >>heißes<< Medium ist eines, das nur einen der Sinne allein erweitert, und zwar bis etwas >>detailreich<< ist“ (McLuhan 1995: 44).

Das Kriterium dafür, ob ein Medium heiß ist, ist sein Detailreichtum, d.h. „der Zustand, viele Daten oder Einzelheiten aufzuweisen“ (McLuhan 1995:44). Mit dieser Grundlegung ist gleichzeitig klar, dass damit keine absoluten Unterscheidungen getroffen werden können, sondern dass es sich bei dem Reichtum an Details um eine graduelle Klassifizierung handelt. So bezeichnet McLuhan die Fotographie als optisch detailreich, während eine Karikatur aufgrund der geringeren optischen Informationen als detailarm eingestuft wird (vgl. ebd.).

Mit der Menge an Details der Medien korreliert auch die persönliche Beteiligung des Publikums, welches bei heißen, d.h. detailreichen, Medien nur in geringem Maße zur Vervollständigung des Inhalts beitragen muss bzw. kann, wohingegen bei kühlen Medien eine höhere Eigenleistung zur Vervollständigung des detailarmen Zustandes erforderlich ist (vgl. ebd.: 45). Ein heißes Medium wie das Radio erfordert beispielsweise weniger aktive Partizipation des Publikums als ein kühles Medium wie das Telefon, bei dem der Zuhörer mehr interpretieren und zum Verständnis beitragen muss (vgl. ebd.).

2.2 Ross und Huang: „heiße“ und „kühle“ Sprachen

Die Unterscheidung zwischen heißen und kühlen Medien wurde erstmals von John R. Ross (1982) in die Sprachwissenschaft eingeführt und von C.-T. James Huang (1984) im Hinblick auf Referenz und die Weglassbarkeit von Pronomina aufgegriffen. Mit Bezug auf den Vorschlag von Ross, die Unterscheidung zwischen heiß und kühl auf der Basis von „Explizitheit“ (engl. „explicitness“) zu treffen, schlägt Huang am Beispiel der Sprachen Englisch und Chinesisch folgende Klassifikation vor:

„For example, English may be said to be a "hot" language because pronouns cannot in general be omitted from grammatical sentences, and the information required to understand each sentence is largely obtainable from what is overtly seen and heard in it. On the other hand, Chinese may be said to be a very "cool" language in that such pronouns are usually omissible (and are often more naturally omitted) from grammatical sentences, and understanding a sentence requires some work on the reader's or the hearer's part, which may involve inference, context, and knowledge of the world, among other things.” (Huang 1984: 531)

Das von McLuhan bereits formulierte Prinzip der notwendigen Partizipation des Lesers oder Hörers bei kühlen Sprachen wendet Huang bezüglich der Weglassbarkeit von Pronomina auf Sprachen an[1]. Die Voraussetzung für eine Ergänzung der pronominalen Leerstellen bei kühlen Sprachen wie dem Chinesischen ist demzufolge ein Kontext- und Weltwissen. Demgegenüber stehen heiße Sprachen wie das Englische, bei dem die Eigenleistung des Rezipienten geringer ist, da im Englischen die Pronomina nicht weglassbar sind und daher auch nicht ergänzt werden müssen.

Bei der Unterscheidung zwischen heißen und kühlen Sprachen im Hinblick auf die Weglassbarkeit von Pronomina wird davon ausgegangen, dass es graduelle Unterschiede und Zwischenstufen gibt: Neben dem Englischen und Chinesischen existieren auch Sprachen, die zwischen diesen zwei extremen Polen liegen, welche „empty or zero pronouns“ freier als bei heißen Sprachen aber nicht so frei wie bei kühlen Sprachen verwenden können (vgl. Huang 1984:531f.). Demnach sind Englisch und Französisch „hot“ languages, während Italienisch und Spanisch als „medium-hot“ klassifiziert werden, da zwar das Subjektpronomen weggelassen werden, nicht jedoch das Objektpronomen, wie es beim Chinesischen der Fall ist (vgl. ebd.: 532f.).

Die Frage, ob ein Element wie das Pronomen weggelassen werden kann, ist häufig nicht eindeutig zu beantworten, zumal man zwischen der Schriftsprache und der gesprochenen Sprache sowie Standardvarietäten unterscheiden muss. Ross hat gezeigt, dass im gesprochenen Deutsch entweder ein Subjekt- oder ein Objektpronomen weggelassen werden kann[2], was im Standarddeutschen eher unüblich wäre:

(1) Ich hab‘ ihn schon gesehen.
(2) Hab ihn‘ schon gesehen.
(3) *Hab gesehen. (Huang 1984: 546f.)

Die von Huang getroffene Unterscheidung zwischen heißen und kühlen Sprachen betrifft vor allem die Weglassbarkeit von Pronomina und damit Frage, ob die vom Verb eröffneten Leerstellen besetzt werden müssen oder aus dem Kontext und dem Weltwissen vom Rezipienten erschlossen werden. Darüber hinaus können aber auch noch weitere Merkmale einer Sprache darauf untersucht werden, auf welche Weise bzw. wie detailreich und explizit eine Sprache bestimmte Informationen realisiert und welche Angaben weggelassen werden können. Nachdem im nächsten Kapitel allgemeine und sprachtypologische Merkmale des Türkischen und Deutschen vorangestellt werden, sollen im vierten Kapitel das Konzept des Nomens mit Genus, Numerus und Kasus, die Artikel, Pronomina sowie Fragepartikel im kontrastiven Vergleich der beiden Sprachen auf ihre heiße bzw. kühle Realisierung untersucht werden.

3. Allgemeine und sprachtypologische Vorüberlegungen

3.1 Türkisch

Das Türkei-Türkische oder Osmanisch-Türkische[3], welches hier beschrieben wird, bildet neben Aserbaidschanisch, Gagausisch und Turkmenisch einen wichtigen Teil der Turksprachen (vgl. Campbell 2013: 1691) und gehört zur Sprachfamilie der altaischen Sprachen (vgl. Schroeder/ Yazgül 2010: 719). Türkisch wird von etwa 50 Millionen Menschen in der Türkei und 120.000 Menschen in Zypern gesprochen (vgl. Campbell 2013: 1691). Das moderne Standardtürkisch basiert auf dem Istanbuler Dialekt (vgl. ebd.) und wird gemeinhin als agglutinierende Sprache klassifiziert (vgl. Schroeder/ Yazgül 2010: 719).

Typologisch betrachtet ist nach Humboldt (1836) ein agglutinierender Sprachtyp dadurch gekennzeichnet, dass Affixe an den Wortstamm synthetisch angekettet werden. Im Gegensatz zu flektierenden Sprachen sind agglutinierende Sprachen in der Regel leicht zu segmentieren, d.h. Wortstamm und Affix bzw. Affixe tragen jeweils nur eine grammatische Bedeutung (vgl. ebd.). Eine Besonderheit des Türkischen ist, dass fast ausschließlich Suffixe bei der Wortbildung verwendet werden (vgl. Göksel/ Kerslake 2005: 51). Eine Ausnahme bilden native Präfixe nach dem Prinzip der Reduplikation (z.B. kıp-kırmızı ‚knallrot‘) (vgl. ebd.: 90) sowie die nicht nativen Präfixe -anti, -post, -gayri, -bi und -na (vgl. ebd.: 63f.). Folgendes Beispiel soll die agglutinierende Funktionsweise im Türkischen illustrieren:

(4) ev -ler -im -de

Haus -PL -1.Sg. -LOK. ‚in meinen Häusern‘

Während im Deutschen der Stammvokal bei der Bildung des Plurals verändert wird, werden im türkischen Suffixe, die jeweils eine grammatische Funktion tragen, nach festen Regeln an den Wortstamm angehängt, d.h. suffigiert. Der Stammvokal bleibt dabei unverändert (vgl. Ersen-Rasch 2004: 2).

Was die Wortstellung des Türkischen betrifft, so ist sie kanonisch auf die Reihenfolge Subjekt Objekt Verb (SOV) festgelegt, wobei die Positionen der Satzglieder in Abhängigkeit ihrer pragmatischen Rollen relativ frei variieren können (vgl. Schroeder/ Yazgül 2010: 721). Nimmt man die Erkenntnisse der typologischen Forschung hinzu[4], lassen sich aus der Wortfolge SOV weitere Merkmale des Türkischen ableiten, welche die Wortfolgen innerhalb eines Satzes betreffen. Laut Greenbergs Universale 4 sind mit wesentlich mehr als Durchschnittswahrscheinlichkeit Sprachen mit einer SOV-Struktur postpositional (vgl. Greenberg 1963: 62), was auch für das Türkische zutrifft.

Weitere Ableitungen aus dieser verbfinalen Struktur wurden von Primus (vgl. 2001: 856) mit Bezug auf Greenberg zusammengestellt, von denen allerdings nicht alle auf das Türkische angewendet werden können. Daher erscheint es sinnvoller, statt aus der typologischen Perspektive allgemeine Annahmen abzuleiten, im kontrastiven Vergleich einzelne Aspekte der beiden Sprachen miteinander zu vergleichen, weshalb nach einer allgemeinen Betrachtung des Deutschen eine ausführlichere kontrastive Untersuchung in Kapitel 4 erfolgen wird.

3.2 Deutsch

Das Deutsche gehört zum Zweig des Westgermanischen und damit der indogermanischen Sprachfamilie an (vgl. Campbell 2013: 604). Mit einer Sprecherzahl von 76 Millionen in Deutschland wird Deutsch ebenso in Österreich von 7 Millionen und als eine der Nationalsprachen in der Schweiz von 4 Millionen Menschen gesprochen (vgl. ebd.). Zusätzlich gibt es ca. eine Millionen Sprecher in der ehemaligen Sowjetunion und etwa eine halbe Millionen in Rumänien (vgl.). Insgesamt sprechen schätzungsweise 120 Millionen Menschen Deutsch, wobei es viele dialektal bedingte Unterschiede gibt und insbesondere die für die Entstehung des Hochdeutschen verantwortliche zweite Lautverschiebung von Bedeutung ist (vgl. ebd.).

Das Deutsche wird typologisch als eine flektierende (dt.: beugende) Sprache verstanden, d.h. nach Humboldt (1936) als ein isolierender Sprachtyp, der durch die enge, oft zu einer Verschmelzung führende Verbindung zwischen Wortstamm und Affix gekennzeichnet ist. Das Affix kann dabei mehrere grammatische Bedeutungen zugleich tragen (vgl. ebd.). Am Beispiel der Deklination des Nomens nach Genus, Numerus und Kasus soll die flektierende Funktionsweise des Deutschen aufgezeigt werden, wobei lediglich eine Deklinationsklasse ausgewählt wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Deklinationsklasse 2: Pluralendungen auf e (modifiziert nach Engel 2004: 275)

Bei dieser Deklinationsklasse werden Suffixe an das Nomen gehängt, um den Kasus und den Plural zu markieren. Im Unterschied zu einer agglutinierenden Sprache wie dem Türkischen kann ein bestimmtes Suffix mehrere Funktionen erfüllen, wie z.B. –e für den Plural im Nominativ und gleichzeitig für die Markierung des Singulars Dativ. Das Phänomen, bei dem ein Affix zugleich mehrere Bedeutungen trägt, wird in der Linguistik als „polysem“ bezeichnet (vgl. Sternemann et al. 1983: 107). Außerdem wird bei der Deklination im Deutschen der Stammvokal verändert, was beim Türkischen ausgeschlossen ist (vgl. Schroeder/ Yazgül 2010: 720).

Die Wortstellung im Deutschen ist, vor allem was die Positionen der verbalen Komponenten betrifft, eher strikt geregelt (vgl. Campbell 2013: 611). Bei einem Hauptsatz im Präsens steht das finite Verb an zweiter Stelle, es gilt die Reihenfolge Subjekt Verb Objekt (SVO), während in Relativsätzen das finite Verb an letzter Position steht (vgl. ebd.).

4. Türkisch und Deutsch im kontrastiven Vergleich

4.1 Gegenstandsbereich und Vorgehensweise

Einem kontrastiver Vergleich zweier Sprachen, wie er im Folgenden für das Türkische und Deutsche durchgeführt wird, liegen gewisse Grundannahmen über den Gegenstandsbereich und die Vorgehensweise zugrunde, welche nach Tekin (2012: 103ff.) auf der Makro- und Mikroebene näher bestimmt werden können.

Auf der Makroebene wird zwischen dem Vergleich von Standardsprachen und Substandards unterschieden (vgl. Tekin 2012: 104). Bei dem nachfolgenden kontrastiven Vergleich von Türkisch und Deutsch handelt es sich um einen interlingualen Vergleich (vgl. ebd.), bei dem lediglich die Standardsprachen verglichen werden sollen, wobei umgangssprachliche Varietäten des Substandards beider Sprachen unberücksichtigt bleiben. Aus der Perspektive der Mikroebene stellt sich die Frage, welche Bereiche miteinander verglichen werden sollen oder welche Kriterien angelegt werden sollen (vgl. ebd.: 108). Da aufgrund der hohen Komplexität von Sprachen kontrastive Untersuchungen zwangsläufig immer nur Ausschnittsdarstellungen sein können (vgl. ebd.: 109), wird die Sprachbeschreibungsebene bei der folgenden Untersuchung vor allem die morphologische und syntaktische Ebene betreffen. Dieser eher klassische, sprachsystematische Zugang der kontrastiven Linguistik bedingt damit gleichzeitig, dass vorwiegend die formalen Aspekte berücksichtigt werden und damit inhaltliche sowie pragmatische Aspekte in den Hintergrund treten[5] (vgl. ebd.: 109).

Der Fokus der folgenden kontrastiven Untersuchung liegt auf der Ausdrucksseite der jeweiligen Sprachsysteme im Türkischen und Deutschen, welche vor der Fragestellung nach dem Grad heißer bzw. kühler Realisierungen formaler Aspekte im morphologischen und syntaktischen Bereich beobachtet und verglichen werden sollen. Bei einem theoretischen Vergleich zweier Sprachen tritt dabei das grundsätzliche Problem auf, dass ein tertium comperationis bestimmt werden muss, welches nicht immer aus universellen Kategorien gewonnen werden kann und daher auf Merkmale der beiden Sprachen zurückgegriffen werden muss (vgl. ebd.: 115). Aus praktischen Gründen wird für diese Untersuchung eine Auswahl verschiedener grammatischer Aspekte aus dem Türkischen und Deutschen sowie allgemeine Klassifikationen aus „The World Atlas of Language Structures“ (WALS 2005) getroffen, anhand derer beurteilt werden soll, inwiefern einzelne Aspekte formal eher heiß oder kühl realisiert werden.

4.2 Nomen

4.2.1 Genus

Allgemein betrachtet und auf die Sprachen der Welt bezogen können bei der Markierung von Genus folgende Unterschiede und Verteilungen festgestellt werden, welche den Grad von kühl und heiß widerspiegeln:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(modifiziert nach WALS; Corbett 2005: 127)

Im Deutschen hat jedes Nomen in der Regel genau ein Genus, nämlich männlich, weiblich, sächlich bzw. Maskulinum, Femininum oder Neutrum (vgl. Engel 2004: 270), wobei das Genus nicht mit dem Sexus zusammenfällt (vgl. ebd.: 272). Mit der Kategorie Genus ist im Deutschen auch die Kongruenz betroffen, da besonders bei Artikeln, Adjektiven und Pronomina in Nominalphrasen der inhaltlichen Zusammenhang formal kennzeichnet wird (vgl. ebd.: 452). Da im Deutschen die Kongruenz innerhalb einer Nominalphrase deren Bestandteile stark reguliert und zusammenhält, kann das Deutsche bezüglich der Kongruenz – im Gegensatz zum eher loseren Verbindungen im Türkischen – eher als heiß eingestuft werden.

Darüber hinaus besitzen einige Nomen im Deutschen mehrere Genera, die ebenso bedeutungsunterscheidend sein können, wie z.B. der Leiter (‚Anführer, Vorgesetzter‘) vs. die Leiter (‚Steiggerät‘) (vgl. ebd.: 271). Das Türkische hingegen besitzt – wie 56,4% aller Sprachen der Welt (vgl. WALS 2005: 127) – kein grammatisches Geschlecht (vgl. Ersen-Rasch 2004:3). Daher kann das Türkische hinsichtlich der Markierung von Genus als sehr kühle Sprache im Vergleich zur eher heißen Genusmarkierung im Deutschen klassifiziert werden.

4.2.2 Numerus

Bezogen auf die Sprachen der Welt stellt Haspelmath (vgl. WALS 2005: 142) folgende Möglichkeiten der Pluralmarkierung dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(modifiziert nach WALS; Haspelmath 2005: 142)

Im Türkischen ist der Plural bei allen Nomina möglich, aber er muss nicht immer mit den entsprechenden Pluralsuffixen markiert werden. So werden unbestimmte Mengenangaben wie in Beispiel 5 und 6 nicht grammatisch markiert (vgl. Ersen-Rasch 2004: 25).

(5) Ekmek ald ı m. (‚Ich habe Brot gekauft.‘)

(6) Kitap ald ı m. (‚Ich habe ein Buch gekauft‘; ‚Ich habe Bücher gekauft‘)

In beiden Beispielen wird der Plural nicht markiert, da keine Angaben über die Menge gemacht werden. In Beispiel 6 kommt es zu zwei Lesarten, was darauf zurückzuführen ist, dass im Türkischen unbestimmte Mengenangaben nicht mit einem Pluralmarker versehen werden und daher die Unterscheidung zwischen Singular und Plural nicht mehr erkennbar ist (vgl. ebd.). Um diesen Satz verstehen zu können, muss der Rezipient den Kontext mit einbeziehen, d.h. es wird von ihm eine aktive Partizipation am Verständigungsprozess erwartet, weshalb das Türkische in dieser Hinsicht eher kühl zu verstehen ist.

Bei bestimmten Mengenangaben wird der Plural – wie in Beispiel 7 – mithilfe der Pluralsuffixe -ler/-lar am Ende des Nomens markiert (vgl. ebd.). Eine weitere Möglichkeit besteht in der Verwendung konkreter Zahlwörter oder anderer Quantifizierer, die vor das Nomen gesetzt werden. Das Nomen selbst bleibt dabei – wie in Beispiel 8 – unverändert und wird nicht mit Pluralsuffixen versehen (vgl. ebd.).

(7) Arabalar (Autos‘)

(8) Iki araba (‚Zwei Autos‘)

Das Deutsche sieht in diesem Fall eine doppelte Pluralmarkierung vor, bei der sowohl das Zahlwort als auch Pluralsuffixe (in diesem Falle das Suffix –s) den Plural des Nomens kennzeichnen. Bei einigen Pluralformen tritt ebenso ein Umlaut auf (vgl. Duden 2009: 180ff.). Insofern ist das Deutsche hinsichtlich des Plurals im Vergleich zum Türkischen als eine eher heiße Sprache einzustufen, da die Information „Plural“ doppelt markiert werden muss.

[...]


[1] Sprachen, bei denen die Pronomina weggelassen werden können, nennt man allgemein Pro-Drop-Sprachen, wobei zwischen Sprachen unterschieden werden kann, bei denen das Pronomen am Verb markiert ist und Sprachen, bei denen dies nicht der Fall ist (vgl. Chomsky 1982).

[2] Huang argumentiert diesbezüglich, dass Deutsch keine Pro-Drop-Sprache, sondern eine zero-topic-Sprache sei (vgl. dazu Huang 1984: 546ff.)

[3] Im weiteren Verlauf wird die Bezeichnung Türkisch stellvertretend für das Türkei-Türkische verwendet.

[4] Im Zusammenhang mit der universellen Grammatik hat Greenberg (1963) aus einem Sample von 30 Sprachen zuzüglich Basisinformation von 122 weiteren Sprachen 45 Universalien aufgestellt.

[5] Obschon Sprachsystem und Sprachgebrauch nicht immer eindeutig zu trennen sind (vgl. dazu Tekin 2012: 111ff.) wird hier dennoch der Versuch unternommen, Türkisch und Deutsch auf formaler Ebene zu beschreiben und zu vergleichen.

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668035447
ISBN (Buch)
9783668035454
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305445
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Schlagworte
türkisch deutsch kontext sprachen grammatischer vergleich relevanz fremdsprachenunterricht

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Titel: Türkisch und Deutsch im Kontext heißer und kühler Sprachen. Grammatischer Vergleich und Relevanz für den Fremdsprachenunterricht