Lade Inhalt...

Bezeichnung und Bezeichnetes im Kontext sprachlicher Sozialisationsprozesse. Peter Handkes "Kaspar" als Modellfall

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Zeichenlehre von Ferdinand de Saussure
2.1 Zeichen, Bezeichnung, Bezeichnetes
2.2 Beliebigkeit, Konventionalität und Unveränderlichkeit des sprachlichen Zeichens

3. Bezeichnung und Bezeichnetes im Kontext sprachlicher Sozialisationsprozesse

4. Analyse: Bezeichnung und Bezeichnetes in „Kaspar“
4.1 Vorgehensweise und Untersuchungsgegenstand
4.2 Analyse
4.3 Zusammenfassung der Ergebnisse

5. Fazit und Ausblick

1. Einleitung

Das Stück >Kaspar< zeigt nicht, wie ES WIRKLICH IST oder WIRKLICH WAR mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was MÖGLICH IST mit jemandem. Es zeigt, wie jemand durch Sprechen zum Sprechen gebracht werden kann. Das Stück könnte auch >Sprechfolterung< heißen. (Handke (1968): 7)

Handke stellt diese Aussage dem Theaterstück „Kaspar“ voran, um zu zeigen, dass es ihm nicht um die authentische Wiedergabe eines historischen Ereignisses geht, sondern dass vielmehr die Sprache im Allgemeinen und ihre kommunikative Verwendung in der Gesellschaft den Gegenstand des Stückes bilden. Um das „Sprechstück“ zu begreifen, ist es folglich notwendig, die Funktionsweise von Sprache in der Gesellschaft in ihrer gesamten Komplexität zu erfassen.

In der Sekundärliteratur gibt es verschiedene Herangehensweisen zur Interpretation von „Kaspar“: Allen gemein ist die Herstellung einer Verbindung des Dramas „Kaspar“ mit theoretischen Weltanschauungen des beginnenden 20. Jahrhunderts, welche sich durch eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem gesellschaftlich akzeptierten Gebrauch von Sprache auszeichnen. Ausgehend von Nietzsches Kritik an Platons postulierter Einheit von Denken und Sprechen[1] entwickelte sich eine sprachkritische Tradition, die sich in der Literatur der Moderne bei Schriftstellern wie Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger und Peter Handke als literarische Sprachkritik äußert[2].

Der theoretische Ansatz, welcher in dieser Arbeit zur Analyse der Sprachkritik in „Kaspar“ herangezogen wird, ist der des schweizerischen Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure, der sich in seiner Semiologie mit dem Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit bzw. „Bezeichnung“ und „Bezeichnetem“ auseinandergesetzt hat. Saussures ontologische Unterscheidung zwischen dem sprachlichen Ausdrucks und dessen Inhalt kann zu einem Verständnis der geäußerten Sprachkritik in „Kaspar“ beitragen, indem diese Konzeption auf Kaspars Spracherwerbsprozess in diesem Stück angewandt wird.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Realisierung der in „Kaspar“ geäußerten Sprachkritik mithilfe von Saussures Unterscheidung zwischen „Bezeichnung“ und „Bezeichnetem“ im Kontext des sprachlichen Sozialisationsprozesses von Kaspar herauszustellen. Im ersten Teil soll daher zunächst die Zeichentheorie von Saussure mit dem Fokus auf dem Unterschied von „Bezeichnung“ und „Bezeichnetem“ in ihren Grundzügen vorgestellt werden. Im zweiten Teil soll diese Theorie in einem größeren Zusammenhang des sprachlichen Sozialisationsprozesses von Kaspar verortet werden. Im dritten Teil erfolgt eine werkimmanente Analyse ausgewählter Szenen, welche die literarische Sprachkritik in diesem Stück mithilfe der Unterscheidungen von Saussure zu erklären versucht.

2. Die Zeichenlehre von Ferdinand de Saussure

Der schweizerische Sprachwissenschaftlicher Ferdinand de Saussure (1857-1913) gilt mit seinen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehaltenen Vorlesungen als Begründer des Strukturalismus, dessen Anhänger nach den kleinsten Bausteinen einer Art in einem System suchen[3]. Es kann zwischen der Bezeichnung „Semiotik“ für die allgemeine Zeichentheorie und der „Semiologie“ für die strukturalistische Variante[4] unterschieden werden. Sein Hauptwerk „Cours de linguistique générale“, auf welches im Folgenden Bezug genommen wird[5], ist nach seinem Tod erschienen und basiert auf Mitschriften seiner Assistenten und Studenten[6]. Die Darstellung konzentriert sich dabei auf Saussures Ausführungen zur Doppelseitigkeit des sprachlichen Zeichens und dessen Eigenschaften Beliebigkeit, Konventionalität und Unveränderlichkeit.

2.1 Zeichen, Bezeichnung, Bezeichnetes

Saussure versteht unter dem Begriff „Zeichen“ – entgegen dem allgemeinen Verständnis von einem Zeichen – die Ganzheit seiner Bestandteile, also sowohl die Bezeichnung als auch das Bezeichnete:

Ich nenne die Verbindung von Vorstellung mit dem Lautbild das Zeichen; dem üblichen Gebrauch nach bezeichnet dieser Terminus im allgemeinen das Lautbild allein, z.B. ein Wort (arbor usw.). Man vergißt dabei, daß, wenn arbor Zeichen genannt wird, dies nur insofern gilt, als es Träger der Vorstellung ‚Baum‘ ist, so daß also diese Bezeichnung außer dem Gedanken an den sensorischen Teil den an das Ganze anschließt. (Saussure (2001): 78f.)

Das sprachliche Zeichen besteht also aus zwei Komponenten: „Vorstellung“ und „Lautbild“ bzw. „signifié“ (Bezeichnetes) und „signifiant“ (Bezeichnung/ Bezeichnendes) bilden zusammen eine Einheit, die bei Saussure durch folgende Figur dargestellt wird[7]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Signifikant und Signifikat nach Saussure (2001): 78.

Die beiden Aspekte des Zeichens, welche von Hjelmslev freier als „Ausdruck“ und „Inhalt“ übersetzt wurden[8], sind untrennbar miteinander verbunden.

2.2 Beliebigkeit, Konventionalität und Unveränderlichkeit des sprachlichen Zeichens

Saussure kritisiert die allgemein vorherrschende Auffassung von der Sprache als 1:1-Abbildung der Welt, als reine „Nomenklatur, d.h. eine Liste von Ausdrücken, die ebensovielen Sachen entsprechen“[9]. Die Verbindung der Bezeichnung mit einem Bezeichneten steht in keinem natürlichen Zusammenhang, vielmehr ist das sprachliche Zeichen beliebig (auch: arbiträr)[10]:

So ist die Vorstellung ‚Schwester‘ durch keinerlei innere Beziehung mit der Lautfolge Schwester verbunden, die ihr als Bezeichnung dient; sie könnte ebensowohl dargestellt sein durch irgendeine andere Lautfolge: das beweisen die Verschiedenheiten unter den Sprachen und schon das Vorhandensein verschiedener Sprachen (…). (Saussure (2001): 79)

Obwohl sprachliche Zeichen beliebig sind, kann ein Ausdrucksmittel dennoch in einer Gesellschaft verstanden werden, da die Verbindung von der Bezeichnung und dem Bezeichneten auf einer Kollektivgewohnheit bzw. Konvention beruht[11]. Saussure geht von der Beliebigkeit des Zeichens aus, was aber nicht darauf schließen lässt, dass „die Bezeichnung von der freien Wahl der sprechenden Personen abhinge“[12]. Die Bezeichnung hinsichtlich der Vorstellung innerhalb einer Sprachgemeinschaft ist nicht frei, sondern den Sprechern auferlegt[13]. Sprache erscheint den Sprechern als „Erbe der vorausgehenden Epoche“[14]:

Nicht nur ein Individuum wäre außerstande, wenn es wollte, die vollzogene Wahl nur im geringsten zu ändern, sondern auch die Masse selbst kann keine Herrschaft nur über ein einziges Wort ausüben; sie ist gebunden an die Sprache so wie sie ist. (Saussure (2001): 83)

Die Gebundenheit an den konventionellen Sprachgebrauch hängt mit Saussures Vorstellung einer „langue“ bzw. „Sprache“ zusammen, welche er vom individuellen „Sprechen“, der „parole“ unterscheidet[15]. Heringer bezeichnet die von der langue bestimmte Zuordnung von Bezeichnetem und Bezeichnung als „absoluten Zwang“ für das sprechende Individuum, da es ihm – um verstanden zu werden – ausgeliefert sei und es ihm nicht einmal gelinge, „mit einem etablierten Satz gegen die Bedeutung etwas Anderes zu meinen“ [...][16]. Die Arbitrarität des sprachlichen Zeichens bedeutet also nicht, dass die Sprecher frei über die Sprache verfügen können. Es verhält sich vielmehr so, dass das Individuum bei der Wahl eines sprachlichen Ausdrucks auf die konventionalisierten Beziehungen zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem der langue angewiesen ist.

3. Bezeichnung und Bezeichnetes im Kontext sprachlicher Sozialisationsprozesse

Sprache hat eine soziale und normative Komponente, die für das Verständnis der Sprachkritik in „Kaspar“ unabdingbar ist. Saussure beschreibt die gesellschaftliche Relevanz der Sprache folgendermaßen:

Die Sprache ist von allen sozialen Einrichtungen diejenige, welche am wenigsten zur Initiative Gelegenheit gibt. Sie gehört unmittelbar mit dem sozialen Leben der Masse zusammen, und diese ist natürlicherweise schwerfällig und hat vor allem eine konservierende Wirkung. (Saussure (2001): 86)

Für die nachfolgende Untersuchung relevant ist daher die soziale Funktion der Sprache im Zusammenspiel des Einzelnen und der Gesellschaft, welche sich in Kaspars Aneignung der Sprache der Einsager äußert. Unter der Heranziehung soziologischer Perspektiven von Sprache wurde „Kaspar“ als ein Drama über einen sprachbestimmten Sozialisationsprozess mit einhergehendem Identitätsverlust klassifiziert[17], bei der das Individuum durch den Erwerb von Sprache „in die herrschenden Normensysteme ‚eingepaßt‘ wird“[18]. Kaspars Aneignung der Sprache der Einsager, welche von einigen Autoren als Repräsentanten der Gesellschaft verstanden wurden[19], zeigt als Modellfall die Funktionsweise von Sprache als kommunikatives Instrument der Gewalt[20]. Dem gewaltvollen Sozialisationsprozess Kaspars „durch, in und mit Sprache“[21] liegt ein gesellschaftliches Grundverständnis von Sprache zugrunde, dessen Verwendung im Spracherwerbsprozess Kaspars im Folgenden mit Saussures Unterscheidung zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem zu untersuchen sein wird.

4. Analyse: Bezeichnung und Bezeichnetes in „Kaspar“

4.1 Vorgehensweise und Untersuchungsgegenstand

Obschon die Theaterrezeption in den letzten Jahren zunehmend eine Tendenz zur Einbeziehung der Rezeptionsebene aufweist[22], wird für die Untersuchung dieses Theaterstücks ein rein werkimmanenter Ansatz gewählt. Interpretatorische Ansätze, welche die Verbindung von Produktion und Rezeption einschließen, bleiben unberücksichtigt. Pragmatische Aspekte, die Sprache als Handeln begreifen (wie etwa die im Zuge von Saussures Wirken von Austin und Searle entwickelten Sprechakttheorien[23] ), werden nur dann angeführt, wenn sie das Ziel der Untersuchung unterstützen.

Eine Ausrichtung auf die Produktionsebene, d.h. die Analyse des Theaterstücks als „Text“, ist am besten zugänglich ist und für das Ziel der Untersuchung hinreichend. Der sprachliche Sozialisationsprozess Kaspars vollzieht sich im Theaterstück als „Sprechstück“, dessen Gegenstand die „Sprache“ bildet. Daher kann eine werkimmanente Analyse mit der Theorie von Saussure zu einem Verständnis der im Stück geäußerten Sprachkritik beitragen, die sich in der sprachlichen Entwicklung Kaspars im Zusammenspiel mit den Einsagern zeigt. Es wird dabei nicht methodisch nach dem strukturalistischen Muster von Saussure vorgegangen, vielmehr soll anhand ausgewählter Textstellen analysiert werden, welche Funktionen die im Stück gemachten Äußerungen über die Unterscheidung von Signifikant und Signifikat und deren gesellschaftlichen Verwendungsweisen im Hinblick auf eine übergeordnete Sprachkritik übernehmen.

Ausgehend von Kaspars privatem Satz wird sein Spracherwerbsprozess bis zur Aneignung der Satzmodelle verfolgt. Dies entspricht den von Sergooris aufgestellten Entwicklungsphasen: „Phase der ‚privaten Sprache‘ oder der ‚utopischen Freiheit‘ (Szene 4-7), „Phase der Zerstörung des privaten Satzes“ (Szene 8-17) sowie die „Phase der Erziehung“ (Szene 18-27)[24]. Die „sprachlose Phase“ wird nicht analysiert, da Kaspar an dieser Stelle lediglich vorgestellt wird. Die „Phase der Pause“ wird ebenfalls herausgenommen, da sie die Rezeptionsebene betrifft und pragmatische Ansätze zur Erklärung hinzuzuziehen wären. Die Phase der Entfremdung muss aus Platzgründen ebenfalls ausgenommen werden. Es geht hier also in erster Linie um die Analyse der Sprachkritik im Hinblick auf Kaspars Spracherwerbsprozess.

[...]


[1] Vgl. dazu: Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. München 1999.

[2] Vgl. Schmidt (2008): 30.

[3] Vgl. Kjørup (2009): 11.

[4] Vgl. ebd. 12.

[5] Zitiert wird die deutsche Übersetzung: Saussure, Ferdinand de: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Nach d. Übers. H. Lommels. Hg. v. Ernst, Peter. Berlin, New York 20013.

[6] Vgl. Kjørup (2009):. 11.

[7] Saussure (2001): 78.

[8] Vgl. Hjelmslev (1974).

[9] Saussure (2001): 76.

[10] Vgl. ebd.: 79.

[11] Vgl. ebd.: 80.

[12] Ebd.: 81.

[13] Vgl. ebd.: 83.

[14] Ebd.

[15] Saussure (2001): 16ff.

[16] Heringer (2013): 46.

[17] Vgl. Saße (1977).

[18] Ebd.: 160.

[19] Dixon (1973: 34) beschreibt die Einsager als „elektronisch vermittelte, anonyme Öffentlichkeit“.

[20] Vgl. Schmidt (2008): 31.

[21] Ebd.: 30.

[22] Vgl. Pavis (1988): 1ff.

[23] Vgl. dazu: Austin, John Langshaw: Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with words). Stuttgart 1972 sowie: Searle, John Rogers: Sprechakte. Ein sprachphilosophischer Essay (Speech acts. An Essay in the Philosophy of Language). Frankfurt a. M. 1971.

[24] Vgl. Sergooris (1979): 107ff.

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668035201
ISBN (Buch)
9783668035218
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305444
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
bezeichnung bezeichnetes kontext sozialisationsprozesse peter handkes kaspar modellfall
Zurück

Titel: Bezeichnung und Bezeichnetes im Kontext sprachlicher Sozialisationsprozesse. Peter Handkes "Kaspar" als Modellfall