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Replikation des Stroop-Experiments mit Fokus auf der moderierenden Wirkung von Fremdsprachenkompetenz

Bachelorarbeit 2015 71 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abbildungsverzeichnis

Zusammenfassung

1. Einleitung

2. Theoretischer Teil
2.1 Die mannigfaltige Verwendung der Stroop-Konzeption
2.2 Testtheoretische Güte des Stroop-Tests
2.3 Beschreibung des originären Stroop-Experiments
2.4 Kausalität des Stroop-Effekts
2.5 Moderatoren
2.6 Forschungshypothese

3. Methodischer Teil
3.1 Stichprobe
3.2 Messinstrumente und Operationalisierung der Hypothesen
3.3 Durchführung

4. Ergebnisse
4.1 Statistische Beschreibung der intendierten Reproduktion
4.2 Statistische Beschreibung der ergänzenden Forschungshypothese
4.3 Auswertung der intendierten Reproduktion
4.4 Auswertung der ergänzenden Forschungshypothese

5. Diskussion
5.1 Diskussion der reproduzierten Thesen
5.2 Diskussion der explorativen Thesen

6. Literaturverzeichnis

7. Pressemitteilung

8. Anhang

Vorwort

Zufällig bin ich bei der Seminarvorbereitungen über den Stroop-Effekt gestolpert. Auf der Suche nach spektakulären Aha-Effekten, die das zuweilen etwas monotone Seminarsetting auflockern, illustrierte ich diesen und kann bestätigen, dass sich dieser als „most powerful effect to demonstrate in a classroom“ (Durgin, 2000) empirisch bestätigt hat. Die Durchfüh- rung erweckte aber nicht nur bei den Studenten1 Neugierde, sondern auch bei mir, da die Fra- ge nach der Kausalität spannend und fesselnd ist. Auch zeigte sich bei der differenzierten Auseinandersetzung, dass der Stroop sich geradezu ideal dazu eignet, erste wissenschaftliche, experimentelle Schritte zu unternehmen.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Histogramme der 3 Subtests in numerischer Reihenfolge

Abbildung 2: Histogramme für Subtest 1 und 3

Abbildung 3 Vergleich der Mittelwerte

Abbildung 4 Histogramme des Farb-Wort-Interferenz-Scores nach Zweitsprache

Abbildung 5 Scatterplot des Scores bei Subtest 3 und Sprachkategorie

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Soziale Lokalität der Stichprobenrekrutierung & Bildungsniveau

Tabelle 2 Sprachspezifische Aspekte der Stichprobe

Tabelle 3 Kennzahlen von Stroop 1935 und Marx 2015

Tabelle 4 Kolmogorov-Smirnov-Test für selbst erhobene Daten

Tabelle 5 t-Test von Marx 2015 und Stroop

Tabelle 6 Testung auf Normalverteilung

Tabelle 7 ANOVA-Tabelle der 4 Faktorstufen für Task

Tabelle 8 Tests auf Normalverteilung des bereinigten Datensatzes

Tabelle 9 ANOVA der 4 Faktorstufen um Extremwerte bereinigt

Zusammenfassung

Eine gute Ausprägung der Exekutivfunktion ist aus mannigfaltiger Sicht ein absolutes kogni- tives Desiderat. Forschungsüblich wird diese u.A. mit dem Score beim Farb-Wort-Interferenz von Stroop quantifiziert, der eine lange Tradition hat und bis heute in diversen Modifikatio- nen und Adaption zur Anwendung kommt. Die Wirkung einiger bisher bekannter Moderato- ren auf den Score konnte in diese Ausarbeitung reproduziert werden. Darüber hinaus wurde der bisher vorwiegend dichotom konzeptualisierte Moderator „bilingual“ diversifiziert und erweitert. Diese alternative Skalierung erschien aus linguistischer Perspektive zutreffender und intendierte, auch für das Sprachkompetenzspektrum zwischen den Polen Befunde zu er- bringen. In der Korrelationsanalyse konnten jedoch nur für eben diese Pole, signifikante Aus- prägungen nachgewiesen werden, d.h. ein signifikanter Effekt für ein, auf unterrichtlichem Wege erlerntes Fremdsprachenniveau, fand sich nicht.

Schlüsselwörter: Stroop, bilingual, Exekutivfunktion

Abstract

A well developed level of the executive function is, from various points of view, absolutely desirable. It is common in science to measure it with the colour-word-interference test which has a very long tradition and is still frequently used in its various modifications and adapta- tions. The effect of some known moderators could be reproduced in this elaboration. Fur- thermore the, by the majority so far only, dichotomous drafted moderator „bilingual“ was expanded and used to distinguish different levels. The alternative scaling appeared to be more suitable from a linguistic point of view and was intended to deliver results even in the range between the two extremes. In the analysis of correlation significant results for various levels of „bilingual“ could be found, an effect for foreign language competence acquired in foreign- language lessons, could not be.

Key words: Stroop, bilingual, executive function

1. Einleitung

Das Psychologiestudium beginnt mit einer basalen Definition: „Psychologie ist die Wissenschaft vom „Erleben und Verhalten“. Während „Verhalten“ vergleichsweise einfach zu (er)fassen ist, erscheint „Erleben“ flüchtiger, insbesondere angesichts der methodischen Güteansprüche an die Erkenntnisgewinnung. Intuitiv plausibel ist, dass Erleben u.A. von der Wahrnehmung, der individuell konstruierten „Wirklichkeit“ (Glasersfeld, 1997) abhängt, die wiederum von physiologischen und sozialen Einflussfaktoren wie auch individuellen Disposi- tion geprägt ist (Baddeley, 1988). Mechanismen, welche der Wahrnehmung und somit dem „Erleben“ zu Grunde liegen, gilt es daher zu erfassen, da Verhalten durch diese bedingt ist, von Lewin gar als resultierende mathematische Funktion, in Abhängigkeit von Person und Umwelt, modelliert wurde (Lewin, 2012).

Interferenzen, d.h. die Beeinflussung der Speicherung der Bearbeitung eines Inputs durch andere Informationen, die zeitgleich oder zeitnah bearbeitet werden (MacLeod, 1991), ermöglichen Erkenntnisse über das Erleben, bzw. die „Wahrnehmung“. Sie kamen bereits in den Arbeiten von James McKeen Cattel (1886) zur Anwendung und sind seither in der Expe- rimentalpsychologie populär. In der Folge wurden Konzepte der ursprünglichen Pionierarbei- ten durch James (1908), Descoeudres (1914), Peterson und David (1918) und Telford (1930) aufgegriffen und führte 1935 zu der Publikation von Stroop „Studies of interference in serial verbal reactions“ im „Journal of Experimental Psychology“. Killian (1985) datiert den Beginn entsprechender Forschung sogar auf 1883 und veranschaulicht so die Historie der experimen- tellen Forschung mit Interferenzen, deren Anfänge nahezu mit der Institutionalisierung der experimentellen Psychologie selber zusammenfallen (ibidem). Divergierende Datierungen und Verortungen der Urheberschaft unterstreichen, neben der Historie und den mannigfalti- gen Anwendungen, die Reputation des Stroop-Tests, der hier definiert wird als „ein leicht anwendbarer, sensumotorischer, Speed-Leistungstest, der als Testprofil die kognitiven Grund- funktionen des Lesens, Benennens und der Selektivität (Farb-Wort-Interferenz) erfasst“ (Bäumer, 1985, S.7).2 Der Stroop Effekt beruht auf der „Schwierigkeit, die Personen beim Bearbeiten einer Aufgabe mit inkongruenten Informationen, z.B. dem Vorlesen des in rot ge- schriebenen Wortes „grün“ haben“ (Kebeck 1994, S. 324).

Der besondere Nutzen des Stroop-Tests ist auch dadurch gegeben, dass die Psyche des Menschen, nur bedingt fragmentierbar, und mehr als die Summe ihrer Teile ist. Aus dieser Erkenntnis folgt die schon „fast triviale“ (Hermey, 2010, S. 246) These, dass Interferenzen Aufschlüsse über das komplexe Zusammenwirken, der in Quantität und Qualität unbekannten, Komponenten des Erlebens ermöglichen. Zu diesem Zweck hat sich „der Stroop-Effekt (…) als äußerst zuverlässiges, erstaunliches und robustes Phänomen [erwiesen] (…), welches bis heute von großem Interesse in den Kognitionswissenschaften ist“ (Schinkmann, 2012, S. 2).

Dies illustrierten z.B. Stroop basierte Experimente, die erkunden, ob Chinesen konzep- tionell anders lesen und schreiben, d.h. ob chinesische Schriftzeichen „represent words (…) or ideas“ (Goodman, Wang, Iventosch, & Goodman, 2012, S. 16), ob psychopathische Straftäter eine andere, selektive Aufmerksamkeit haben (Hiatt, Schmitt, & Newman, 2004) oder wie Zeitempfinden interindividuell variiert (Stöckinger, 2014). Derartig zahlreiche und mannigfal- tige Verwendungen mit explizit betonten Analogien zum Original animierten zu einer Repli- kation und Vertiefung in einer besonders „intriguing“ (Poulin-Dubois, Blaye, Coutya, & Bia- lystok, 2011, S. 3) Dimension.

So sollen im Folgenden die Polyvalenz, Güte und moderierende Variablen des Stroop- Tests thematisiert und um eine Dimension erweitert werden. Anschließend wird die experi- mentelle Erforschung dieser additiven Dimension erläutert und in ihren Implikationen disku- tiert.

2. Theoretischer Teil

2.1 Die mannigfaltige Verwendung der Stroop-Konzeption

Die ursprünglich auf die visuelle Modalität und perzeptive Dimension „Farbe“ be- schränkte Untersuchung wurde nach 1935 stetig diversifiziert. Neunzehnhundertfünfundsech- zig konstatiert Jensen “over sixty published psychological studies” (S. 398), 1985 berichtet Killian von „more than a hundred studies“, 1991 nennt MacLeod 700 Publication und 2011 existierten 1000 wissenschaftliche Schriften, die auf dem Stoop-Test Paradigma beruhten (Überblick bei Algom & Melara, 2003; Hermey, 2010). Einige Diversifikationen entstanden, um spezifische Dispositionen selektiv zu erfassen wobei es weiterer Forschung (Baddeley, 1996) bedarf, um zu klären, ob z.B. selektive Aufmerksamkeit (Algom, Chajut, & Lev, 2004; Commodari, 2012), Widerstandsfähigkeit gegen Interferenzen ( Censabella & Noël, 2008; Lansbergen, Kenemans, & van Engeland, 2007; ) und kognitiver Stil (Brovermann, 1960a; Green, 1989) Facetten der kognitiven Flexibilität oder trennscharfe Konstrukte sind; neuro- physiologisch sind sie allesamt die Folge eines neuronalen Adaptionsprozesses bzw. eines erweiterten Arbeitsspeichers (D'Amico & Guarnera, 2005).

Neben Versionen zu Erfassung spezifischer Konstrukte, intendierte andere das Layout zu optimieren (Brovennan, 1960; Jensen, 1965) bzw. zu variieren (Regan, 1978; Spreen & Strauss, 1991), welches beim Piloten, auch aus drucktechnischen Gründen, eingeschränkt war. Diese erbrachten jedoch keine signifikanten Befunde (Jensen & Rohwer, 1966; MacLeod, 1991). Laut Killian (1985) wurden grafische Erkenntnisse in der „current standardised Version revised by Golden“ mit aufgenommen; wobei Homack und Riccio (2004) die Existenz einer „allgemein anerkannten Standardausführung“, (ibidem, S. 727) bestreiten und Charles Golden Stroop (1975) lediglich als eine von drei Varianten nennen.

Andere Modifikationen variieren die Modalität der Reaktion, u.A. von oral auf manu- ell, die Modalität der Stimuli, oder agieren „cross-modal“ (Donohue et al., 2013; Lutfi- Proctor, Elliott, & Cowan, 2014). Laut MacLeod (1991) beeinflusst die Modalität der Reakti- on die Reliabilität nicht, lediglich sei die Stroop Interferenz reduziert (vgl. Klein, 1964; Elliott et al., 2013). Schinkman (2012) kritisiert jedoch, dass es dem manuellen Stroop-Tests auf- grund der Variationen an Standarisierung fehle, was die Vergleichbarkeit einschränke (ibidem). Prinzipiell hat sich eine Variation der Modalität der Reaktion als ebenso valide, wenn auch nicht ohne Effekt (Flowers, Warner, & Polansky, 1979) erwiesen, wie Variationen der Modalität der Stimuli, wie zahlreichen Adaptionen zu auditiven Interferenzen (Cohen & Martin, 1975; McClain, 1983) illustrieren.

Auch das Spektrum der perzeptiven Dimensionen wurde seit den 50er Jahren (Hom- mel & Nattkemper, 2011) modalitätsübergreifend ausgeweitet. So entstanden experimentelle Untersuchungen zu Interferenzen, verursacht durch: Quantität (Morton, 1969; Shor, 1971; Windes, 1968), physische Größe bzw. Positionierung in Raum und Richtung (Shor, 1970, Wuhr, 2007), piktorale Zeichen (Hentschel, 1973; Lavy & van den Hout, 1993), Semantik (Arochova, 1971; Cramer, 1967; Klein, 1964), geometrische Form (Irwin, 1978; Redding & Gerjets, 1977; Shor, 1971), Musik bzw. Noten (Grégoire, Perruchet, & Poulin-Charronnat, 2014; Zakay, 2014) und Sprache.

Da Sprache und Erleben, bzw. Denken in einem augenscheinlichem Zusammenhang stehen, kommt dem zuletzt genannten Aspekt besondere Bedeutung zu. Schon Platon defi- nierte Denken als inneres Gespräch der Seele mit sich selbst und Herder nannte Sprache eine „Schatzkammer menschlicher Gedanken“ (Morton, 1989). Bisherige Experimente in diesem Kontext lassen sich in Intra- und Interlinguale kategorisieren. Diese erschließen die Zusammenhänge bisher aber nur bedingt, so dass weiterhin Forschungsbedarf besteht (Kroll, 2015). Die interlinguale Dimension wurde bisher mit folgenden Parametern getestet: Der für die Verarbeitung relevanteste Faktor (Hernandez & Li, 2007; Kumar Mishra, 2015) der Be- herrschung der Zweitsprache (Mägiste, 1984; Zied et al., 2004), das Alter bei Aneignung der Zweitsprache (Hernandez & Li, 2007; Tzelgov, Henik, & Leiser, 1990) und Ähnlichkeit von Erstsprache (L1) und zweiter Sprache L2 (Lee & Chan, 2000; Sumiya & Healy, 2004). Intra- lingual wurde erforscht, wie sich z.B. Häufigkeit im Sprachgebrauch (Kalkofen, 1969), Wort- länge oder emotionale Valenz (Schinkmann, 2012) auswirken. Für beide Dimensionen konn- ten Interferenzen gezeigt werden (Mägiste, 1984; Preston & Lambert, 1969), wobei diese bei intralingualen Settings stärker scheinen (Dalrymple-Alford, 1968; Preston & Lambert, 1969).

Eine elementare Erweiterung der Stroop-Test Anwendung erfolgte gegen Ende des 20ten Jahrhunderts, als das grundlegende Paradigma auch in der klinischen Diagnostik zur Anwendung kam (Bäumler, 1985; Dyer, 1973; Williams, Mathews, & MacLeod, 1996). Dort wurde es zur Erfassung von Phobien, Depressionen, Angststörungen, posttraumatischen Be- lastungsstörungen und Borderline (Bohnen, Twijnstra, & Jolles, 1992; Huang, 2010) mittels emotionaler oder phobischer Aufmerksamkeitsverzerrung, eingesetzt. Besonders nachhaltig, bis dato jedoch wenig reliabel, ist die Forschung bei Angststörungen (Olatunji, Sawchuk, Lee, Lohr, & Tolin, 2008) und Essstörungen (Dobson & Dozois, 2004), mit teilweise widersprüch- lichen Befunden: Amir, Mcnally, Riemann und Burns (1996) sowie Lundh und Öst (1996) fanden Effekte, Mansell, Ehlers, Clark und Chen (2002) sowie Nierkerk (1999), wiederum nicht und Algom et al. (2004) negieren eine emotionale Stroop-Implikation komplett. Darüber hinaus ist der Stroop-Test „a reliable, efficient and effective clinical test for evaluating psy- chopathology and brain dysfunction” (Killian, 1986, S.754) und kam u.a. in folgenden Kon- texten zur Anwendung: Schizophrenie (Schmidt-Kraepelin, 2008); Friedreich´s ataxia (White, Lalonde, & Botez-Marquard, 2000), altersbedingten Gedächtniseinschränkungen (Hanninen et al., 1997), chronischem Alkoholismus (Goudie & Cole, 2006), HIV Infektion (Castellon, Hinkin, Wood, & Yarema, 1998), Rolando-Epilepsie (Chevalier, Metz-Lutz, & Segalowitz, 2000), Parkinson (Hanes, Andrewes, Pantelis, & Chiu, 1996), Huntington (Kargieman et al., 2014) und mit kontroversen Befunden (Song, 2013) bei ADHD.

Testökonomisch plausibel wurde auch versucht, den lediglich für Einzeluntersuchungen konzipierten Test sowohl in Gruppen, als auch per Internet (Linnman, Carlbring, Åhman, Andersson, & Andersson, 2006), durchzuführen. Erste, wenig erfolgreiche (Jensen & Rohwer, 1966) Gruppenuntersuchungen realisierten Kipnis und Glickman (1959, 1962), Uhlman, (1962) und Podell, (1963).

Darüber hinaus wird der Stroop-, wie auch der reverse Stroop Effekt (Nealis, 1974; Durgin, 2000) auch in der der Arbeits- und Organisationspsychologie eingesetzt (Schink- mann, 2012) und in seinen Implikationen auch für die Sozialpsychologie (z.B. Adam & Ga- linsky, 2012), Schlafforschung (z.B. Murkar, Smith, Dale, & Miller, 2014), Entspannungsfor- schung (Peng, 2011) als auch salutogenetisch motivierte Untersuchungen (Puschmann & Sommer, 2011) genutzt. Als finale Illustration der Polyvalenz eignen sich die Experimente von Washburn (1994), welcher die Zahlen-Stroop-Variante Spezies-übergreifend, d.h. mit den aufgrund vieler Ähnlichkeiten „bevorzugte Primatenmodell der elektrophysiologischen Forschung“ (Thier & Kamath, 2006, S. 473), Makaken, durchführte.

2.2 Testtheoretische Güte des Stroop-Tests

Die wissenschaftliche Popularität des Stroop-Tests untermauern auch die vielen und unterschiedlichen Sprachen (Homack & Riccio, 2004), in welche dieser übersetzt wurde3 und die fortgeführte Erforschung des Phänomens mit innovativen Instrumenten wie z.B. Eye- Tracker (Roelof, 2014) EEG, MRI (Fehr, Wiechert, & Erhard, 2014), fMRI ( Gruber & et. al., 2002; Norris, Zysset, Mildner, & Wiggins, 2002) und Brain Electromagnetic Tomography, „LORETA“ (Campanelli, 2013). Dabei zeigt der Stroop „signifikante Korrelationen mit vie- len anderen, oft komplexeren psychologischen Messungen“ (Schinkmann 2012) und „Instru- menten, Populationen, Eigenschaften und Störungen“ (Golden, 1978, S. 757) und überzeugt durch die zentralen, als auch Nebengütekriterien (Lienert & Raatz, 1998): Vergleichbarkeit, Ökonomie und Nützlichkeit (Killian, 1985). Eingeschränkter gilt dies für die Standarisierung, denn „no other psychological test (…) yielded so many different scores as the Stroop test” (Jensen & Rohwer, 1966, S. 45),4 so dass Optimierungs- bzw. Standarisierungsversuche bis heute andauern (u.A. Chafetz & Matthews, 2004).

Die Inhaltsvalidität der Pilotversion ist offensichtlich, die Konstruktvalidität wurde durch Vergleichsuntersuchungen zwischen klinischen Gruppen und Gesunden (Beaumont, 1987) geprüft, bei denen hirngeschädigte Probanden erwartungskonform signifikant mehr Zeit benötigen. Darüber hinaus wird die Konzeption durch Untersuchungen zu konvergenter und divergenter Validität gestützt (Eder, 1995), wie auch Korrelationen zu Bildungsniveau und Intelligenz (vgl. Fischer, Mönks, & Grindel, 2004), die sich als Konvergenzvalidität bzw. Kriteriumsvalidität auffassen lassen.

Die Variante von Smith und Borg (1964) zielte darauf ab, Trainingseffekte zu mini- mieren, obschon überzeugende Retestreliabilität in der Literatur mehrfach betont wird (Killi- an, 1985; Schinkmann, 2012). Observierte Übungseffekte sind „in den ersten 3 Wiederholun- gen besonders stark ausgeprägt“ (Bäumler, 1985; S. 27), variieren altersbedingt wenig (Da- vidson, Zacks, & Williams, 2003; Feinstein, Brown, & Ron, 1994), wobei vereinzelt ein hö- here Trainingsgewinn bei Kindern attestiert wird (Baltes, Sowarka, & Kliegl, 1989; Bürki, Dirk, Fagot, Ludwig, & Ribaupierre, 2010). Dabei ergeben sich analog zu Ebbinghausens (1880) Lernkurven bei der Wort-Farb-Interferenzbedingung, ausgehend von einem wenig ausgeprägten Ausgangsniveau, mehr potentielle Lernzuwächse. Mit dem Aspekt der Validität ergeben sich auch Erkenntnisse für die Reliabilität, da genannte Differenzierung reliabel er- folgte (Lezak, 2004; Van der Elst, Van Boxtel, Van Breukelen, & Jolles, 2006). Differenziert prüfte Jensen (1965) und berichtet von überzeugenden Retest-Reliabiltäten von r= .88, .79 und r = .71 (N=436) bei einem durchschnittlichen Retestintervall von einer Woche und nann- te dies „more reliable than any other psychometric test“ (ibdiem). Für die gleichen Ergebnisse ermittelte Golden (1987) Reliabilitäten von r= .89, .84, .73 (N=450) und nennt den Stroop „highly consistent across different versions of the test” (Golden, 1978, S. 2).

Eingeschränkt werden muss die Validität und Reliabilität lediglich (Gwiggner, 2004, S. 18) im Hinblick auf das Lebensalter, da „Angaben zur Validität und Reliabilität (…) bei Kindern und Jugendlichen nicht vor[liegen]“ und der Interferenzscore bei Senioren mit altersbedingten Dispositionen konfundiert sein kann.

Zur Subtestinteritemkorrelation attestiert Bäumler (1985), dass „trotz weitgehend ähn- licher Korrelationsmuster unterscheiden sich die Subtests-Interkorrelationen von Stichprobe zu Stichprobe in der Höhe der Korrelationen. Die Korrelationen liegen bei den relativ homo- genen Stichproben im Allgemeinen niedriger als bei den leistungsheterogenen Stichproben“ (S.11). Analog zum technischen Fortschritt wurde auch die Reliabilität fortlaufend optimiert; da z.B. mit einen PC verstrichene Zeit exakter gemessen werden kann als mit einer manuellen Stoppuhr. So sind Zweifel in dieser Dimension, wie noch bei (Sjöberg, 1969, 1974), ausge- räumt. Aus dem simplen Versuchsaufbau ergibt sich ein hohes Maß an Durchführungsobjek- tivität und Auswertungs- und Interpretationsobjektivität, so dass Bäumler (1985) die Gesamt- objektivität auf den nahezu optimalen Wert von 0,98-0,99 quantifiziert.

Somit ist der Stroop qualitativ überzeugend, polyvalent in seiner Verwendung, “requires few materials and minimal space” (Golden, 1978, S.753) und bedarf lediglich einer Versuchsdauer von fünf (Killian, 1985) bis zehn Minuten (Bäumler, 1985).

2.3 Beschreibung des originären Stroop-Experiments

Das ursprüngliche Experiment bestand aus drei Versuchsreihen: Das Versuchsmaterial für Reihe 1 und 2 setzte sich aus drei Kartentypen zusammen, die sich den Kategorien kon- gruent oder inkongruent zuordnen ließen: Einer Wortkarte (kongruent bzw. neutral, d.h. Farbwort in schwarzem Druck), einer Farbkarte (kongruent bzw. neutral) und einer inkongru- enten Farb-Wort-Karte. Es wurden fünf Farben verwendet (rot, blau, grün, lila und braun), die Farbe gelb wurde aufgrund mangelnder Kontrastintensität ausgeschlossen (Stroop, 1935). Die Worte wurden mit schwarzer Farbe in der Fontgröße 14, „Franklin“ in Kleinschreibung auf weißen Hintergrund gedruckt und die Farben in einer regelmäßigen zehn mal zehn Matrix angeordnet. Die Farbstimuli bestanden aus „solid squares (n) from 24 point type instead of words“ (ibidem). Jedes der fünf Worte bzw. Farben erschien zwei Mal, nicht in direkter Wie- derholung, in jeder Reihe, wobei insgesamt so wenig Regelmäßigkeit wie möglich intendiert wurde und für jede Variante zwei Karten generiert und verwendet wurden, die zweite in „re- verse order“ (ibidem). Die Aufgabe bestand darin, nach einem Testdurchlauf mit jeweils zehn separaten Items, die Karten fehlerfrei und möglichst schnell zeilenweise und korrekt vorzule- sen.

Bei der ersten Versuchsreihe sollten einmal neutrale Wortkarten und einmal inkongruente Stimuli benannt werden, d.h. der korrekte auditive Output des Probanden für den visuellen, inkongruente Stimulus „Grün“ war „Grün“,. Die Abfolge der Wortkarten wurde variiert, um interne Validität zu gewährleisten und Reihenfolgeeffekte, die sich z.B. in kognitiver Ermüdung äußern könnten, auszuschließen. An dieser Reihe nahmen 70 College Studenten (14 männliche und 56 weibliche) freiwillige teil. Es ergab sich geschlechtsübergreifend eine durchschnittliche Differenz von 2.3 s, die für die inkongruenten Stimuli mehr benötigt wurden. Der Ermittlung des Scores bzw. der Umgang mit Fehlern, war unkompliziert, da lediglich 14 Probanden insgesamt 24 Fehler machten.

An der zweiten Versuchsreihe partizipierten N = 100 College Studenten (n = 29 männ- liche und 71 weibliche) unter identischen Bedingungen. Das Material wurde für diese Ver- suchsreihe modifiziert: Im ersten von zwei Durchgängen verwendete man reine Farbstimuli ohne Schrift. Im zweiten Durchgang wurde inkongruenten Stimuli eingesetzt und Aufgabe war es, die Farbe und nicht das Wort zu nennen, d.h. für den visuellen Stimulus „red“ war die korrekte Reaktion die Verbalisierung „blue“. Für jeden nicht korrigierten Fehler wurde die doppelte Durchschnittzeit der entsprechenden Seite addiert. Stroop (1935) selber nennt diese Kalkulation „willkürlich“, konnte aber auf keine akkurate, alternative Gewichtung zurückgrei- fen. Dies war jedoch nicht problematisch, da nicht autokorrigierter Fehler selten waren.

Die dritte Reihe untersuchte Übungseffekt und ist in dem gewählten Kontext nicht weiter relevant. Die Resultate der ersten beiden Versuchsreihen ergaben, dass sich die benö- tigte Durchschnittszeit zur Benennung der kongruenten Stimuli, von 63.3 Sekunden auf 110.3 Sekunden bei den inkongruenten erhöhte, was einer Zunahme um 74 % entspricht. Darüber hinaus diagnostizierte Stroop (1935) über die Versuchsreihen hinweg “a sex difference in naming colors“ (S. 658), welchen er auf Sozialisationseffekte, d.h. eine größere Salienz für Farben bei Frauen, zurückführte.

2.4 Kausalität des Stroop-Effekts

Die Kausalität des Stroop-Effekts wird kontrovers diskutiert (vgl. Dalrymple-Alford & Azkoul, 1972). Längere Bearbeitungszeiten und höhere Fehleranzahl bei inkongruenten Sti- muli scheinen durch die Differenzierung in automatische und kontrollierte Prozesse erklärbar (vgl. Posner & Snyder, 1975). Deren Verarbeitung erfolgt auf parallelen, sprachaffinen Pfa- den, die miteinander in Konkurrenz um kognitive Ressourcen stehen bzw. unterschiedlich schnelle Verarbeitungsgeschwindigkeit ermöglichen, so dass bei inkongruenten Stimuli die falsche, bzw. schneller prozessierte Antwort priorisiert wird (Fitts & Posner, 1967; Treisman & Fearnley, 1969).

Gegen eine ausschließlich auf Sprache beruhende Kausalität spricht jedoch, dass Inter- ferenz u.A. auch bei manueller Reaktion auftritt (Keele, 1972; Pritchatt, 1968). Postuliert man eine Determiniertheit von Denken und resultierendem Handeln durch Sprache, wäre dies wie- derum stringent, da dann auch Handeln durch Sprache determiniert wäre. Roelofs (2014) kommt mittels Eye-Tracker zu dem Schluss, dass Interferenz während der Planung des ge- sprochenen Wortes entsteht und stützt somit diese These. Dalrymple-Alford und Azkoul (1972) fanden jedoch, dass bei nicht oralen Reaktion die Interferenz durch Training leichter zu minimieren sei und Pritchatt (1968) eine allgemein geringer Ausprägung.

Der Prozess des Wortlesens vollzieht sich nicht volitional, sondern nahezu automa- tisch, so dass keine Aufmerksamkeit für die Ausführung aufgewendet werden muss. Für die Unterdrückung hingegen bedarf es begrenzter Ressourcen (Herrmann & Grabowski, 1994), da dies ein kontrollierter, intentionaler Prozess ist. Dies zeigt sich in der phasenweisen Überlas- tung bei der dritten Aufgabe. Irrtümer bei den inkongruenten Stimuli resultieren dann in der Verbalisierung des Schriftbildes, wenn lediglich die Farbe hätte benannt werden sollen und die benötigte Zeit zum Lesen eines relativ kurz gehalten Wortes aus nur einer semantischen Kategorie geringer ist, als die Zeit zur Benennung einer Farbe. Dieses Phänomen konnte schon lange vor Stroop nachgewiesen werden (vgl. z.B. Cattel, 1886) und „extends beyond color naming. It also takes more time to name common objects than to read the names of the objects” (Jensen & Rowher 1966, S.55). U.A. Durgin (2000) hält diese Erklärung jedoch für schwach (ibidem, S. 121) und Cohen (1990) sowie Jensen und Rowher (1966) halten die kon- kurrierende Verarbeitung für kausal. Sie argumentieren, dass Worte einen höheren Aufforde- rungscharakter evozieren als Objekte oder Farben, weshalb auch das Lesen von Worten bei inkongruenten Stimuli zu keinem, bzw. unwesentlichen Effekten führe. Die Erklärung ist plausibel, da Umweltreize lediglich selektivin das Bewusstsein vordringen (Mack, 2012), wie z.B. vom Cocktailpartyeffekt bekannt (vgl. Slatky, 1992). Auch Experimente mit pathologischen Probanden (Golden & Golden, 2002) bestätigten diese These.

Eine monokausale Erklärung ist jedoch nicht hinreichend, da Interferenzeffekte auch bei verzögerter Darbietung des Störreizes auftreten (MacLeod, 1991). Folglich muss auch Automatisation involviert sein, wobei Automatisation und Volition nicht dichotom, sondern als ein Kontinuum zu verstehen sind (Dunbar & MacLeod, 1984). Genauere Aussagen zu den Prozessen und Abläufen der exekutiven Funktion sind derzeit schwierig; es fehlt noch an ei- ner allgemein akzeptierten Theorie über „den strukturellen Zusammenhang verschiedener Teilbereiche zur Aufteilung der exekutiven Funktion“ (Gwiggner 2004, S. 6).

2.5 Moderatoren

Bereits 1933 untersuchte Stroop die Wirkung moderierender Variablen. Dieser Ansatz wurde vermehrt aufgegriffen und mündete 1966 in einer Rezension, der bis dato untersuchten interindividuellen Unterschiede in Abhängigkeit von soziodemographischen Leistungs- und Persönlichkeitsvariablen: Alter, Geschlecht, Antrieb, Rasse, Problemlösen, kognitiver Stil, intellektuelle Fähigkeiten, Persönlichkeitsmaße, psychiatrische Diagnosen und Drogenkon- sum ( Domier et al., 2007; Wapner & Krus, 1960); ergänzend finden sich in der Literatur auch einige Exoten wie z.B. die Untersuchung von Lu, Siu, Fu, Hui-Chan, und Tsang (2013), die eine Auswirkung von Freizeitaktivitäten wie z.B. Tai-Chi auf den Interferenzscore prüften.

Die potentielle Varianz des Faktors Lebensalter ist beim klassischen5 Stroop einge- schränkt. In der „most comprehensive investigation of age involving all three basic Stroop scores” (Jensen & Rohwer 1966, S. 62), von Comalli, Wapner und Werner, (1962) wurde ein Spektrum von 7 bis 80 gewählt. Ligon (1932) setzte die untere Grenze bei 6 Jahren an und attestiert, dass bereits Kinder Farbwörter schneller lesen, als entsprechende Farben zu verbali- sieren. Laut Jensen und Rowher (1966. S. 62) jedoch ist „below seven years of age reading ability (…) not sufficiently established“. Folglich ist die Untergrenze auch kulturbedingt vom jeweiligen Schulsystem abhängig.

Auch die obere Altersbegrenzung ist diskutabel, da kognitive Leistungen mit physi- schen Einschränkungen konfundiert sein können (van Boxtel, ten Tusscher, Metsemakers, Willems, & Jolles, 2001). Im mittleren Altersbereich wiederum, d.h. für junge Erwachsene, ist die Korrelation derart valide, dass zumindest die Farb-Wort-Interferenz „für die Entwick- lungsdiagnostik geeignet [ist]“ (Bäumler, 1985, S. 20). Die grundlegende negative Korrelation des Scores beim Farb-Wort-Interferenztest und dem Lebensalter finden sich in der Literatur vermehrt (u.A. Davidson et al., 2003; Root-Bernstein, 2007).

Über mögliche Geschlechtsunterschiede existieren keine eindeutigen Befunde (Gwiggner, 2004). Wie Stroop (1935) attestiert auch Killian (1966) einen leichten Vorteil von Frauen bei „color naming“ und Golden (1978) schließt den Themenkomplex für die experimentelle Forschung erschöpfend ab: „the differences between the groups are slight, even when significant, and are generally of no importance in clinical or experimental work". Die originäre Erklärung von Stroop (s.o.) ist plausibel und somit die Kausalität im soziologischen Bereich, mit abnehmender Bedeutung lokalisierbar (Kasten, 1996).

U.a. Scarmeas et al. (2003) und Wilson (2002) postulieren eine moderierende Wirkung von Bildung bzw. kognitiver Aktivität auf eine, im ontogenetischen Verlauf abfallende Leis- tungsentwicklung der Exekutive, was auch neurophysiologisch plausibel ist (vgl. Schandry, 2011). In der Literatur werden moderate Korrelation von p <.30 (Carone, 2007; Spreen & Strauss, 1991) genannt, jedoch sind die Konstrukte nicht trennscharf. Allgemein erscheint die Analogie des Gehirns zu einem Muskel, der atrophiert, wenn ungenutzt und bei Stimulation seine Funktionalität erhält, bzw. hypertrophiert (vgl. Spitzer, 2007), passend. Ebenso sind Effekte der Intensität, d.h. Unter-, bzw. Überforderung, entsprechend, was angesichts biologi- scher Adaptionsprozesse durch Ausbildung bzw. Absterben von Synapsen bzw. Muskelfasern nicht verwundert (z.B. Teki et al., 2012). Fraglich bleibt in dieser Analogie mit Bezug auf die Wirkung von Intelligenz und Bildung die Kausalität bzw. kausale Abfolge. Plausibel ist, dass das Niveau der kristallinen Intelligenz, operationalisiert durch Bildungsabschlüsse, in einem positivem, korrelativen Verhältnis zur fluiden Intelligenz steht (Cattel & Horn, 1966) und somit gebildete Menschen in der Regel jeweils höhere Ausprägungen aufweisen.

Laut Steinberg (2005) weist der IQ eine engere Korrelation zum Testresultat auf, als das Bildungsniveau, was u.A. angesichts klassischer Fehler bei der Leistungsbeurteilung (vgl. Neuweg, 2014) und Konfundierung beim Schulerfolg mit sozialen Variablen (ibidem), plau- sibel erscheint. Allgemein gilt, dass mit steigender (fluider) Intelligenz ist die Interferenz sinkt (Shilling, Chetwynd, & Rabbitt, 2002). Postuliert man, dass der Stroop kulturübergrei- fend fluide Intelligenz (Schmidt-Atzert, Amelang, & Fydrich, 2012) misst, sollte der Farb- Wort-Interferenztest, auch mit dem „Culture-Fair-Intelligence-Test“ von Cattell korrelieren. Diese Korrelation ist aber nur „vergleichsweise niedrig“ (Bäumer 1985, S. 16). Dennoch wird aufgrund der hermeneutischen Beweislast und Quantität der Befunde geschlussfolgert, dass der Stroop-Test mit inkongruenten Stimuli, ein hinreichender Indikator für liquide Intelligenz ist. Dies unterstreicht auch die „gute“ Korrelation mit dem Zahlen-Symboltest aus dem Hamburger-Wechsler-Intelligenztest (Bäumer, 1985) und Korrelationen mit dem Raven Test (Maltby, Day, & Macaskill, 2011).

Aufgrund circadianer Zyklen (Schandry, 2011) wird vereinzelt auch der Testzeitpunkt thematisiert, dessen Einfluss altersbedingt zu variieren scheint (May & Hasher, 1998). Moe- ring, Schinka, Mortimer und Graves (2004) behaupten, ethnische Testunterschiede ausge- macht zu haben. Baumeister und Vohs (2004) postulieren analog eine divergierende Ausprä- gung der Selbstkontrolle zwischen Individuen, die in einer kollektivistischen und Individuen, die in einer individualistischen Kultur (Hofstede & Hofstede, 2009) sozialisiert wurden. Jen- sen und Rowher (1966) sowie Goldsmith (1968) fanden keine Korrelationen zu Persönlich- keitsmerkmalen, Lazarus und Ludwig (1983) hingegen schon. Plausibel sind starke Korrelati- onen mit Konzentrationsfähigkeit bzw. dem d2 (Bäumler, 1985; Brickenkamp, 1962), doch bleibt dieser Aspekt, wie auch die These, dass die Leistungsfähigkeit der Exekutive von Gly- kogenressourcen abhängt (Gagnon, 2012; Gailliot & Baumeister, 2007), in dieser Ausarbei- tung unberücksichtigt.6

Im Kontext des Moderators „Bilingualität“ ergibt sich ein terminologisches Problem. Konservativ wird „bilingual“ häufig als zweisprachig im Sinne Bloomfields mit „native-like control of two languages“ definiert (1935); Haugen (1953) hingegen bezeichnet Personen bereits als bilingual, sobald sie sich in der Fremdsprache sinnvoll äußern können. Aus onto- genetischer Perspektive mit Fokus auf die Genese kognitiver Dispositionen, wie z.B. Kreativi- tät, divergentem Denken oder „Inhibitory control“, erscheint die Art und der Zeitpunkt der Aneignung, d.h. natürlicher oder erlernter, bzw. sukzessiver oder simultaner Spracherwerb, relevanter als das finale Kompetenzniveau, da „innerhalb der Typen beträchtliche Unterschie- de bestehen“ (Heimann-Bernoussi, 2011). Dies ist u.A. dadurch bedingt, dass natürlicher Spracherwerb die kognitive Entwicklung nachhaltiger, weil in der Regel früher und somit zu einer noch plastischeren Phase des Gehirns, beeinflusst (Schandry, 2011). Entsprechend wur- de divergierende, neurophysiologische Repräsentationen multipler (fremd) sprachlicher Akti- vität in Abhängigkeit vom Aneignungsalter (Kim, Relkin, Lee, & Hirsch, 1997) bzw. der kommunikativen Komptenzen (Perani et al., 1996), ebracht.

Relevant erscheinen auch die Erkenntnisse von Bialystok (2005), die zeigen, dass „one aspect of cognitive functioning, namely inhibitory control (…) develops more rapidly in chil- dren with extensive bilingual experience”. “Inhibitory control“ ist Teil der Exekutivfunktion und lässt sich neuronal (Carlson & Meltzoff, 2008) und sachlogisch (Posner & Rothbart, 2000) im gleichen Raum verordnen wie das erfasste Konstrukt beim Stroop-Wort-Farb- Interferenz-Tests. Zahlreiche Studien belegen Vorteile von Bilingualen in dieser Dimension (Bialystok et al., 2004, 2006, 2008; Carlson & Meltzoff, 2008). Blumenfeld und Marian (2011) geben zu bedenken, dass Vorteile Bilingualer nicht monokausal erklärbar sind. Darüber hinaus erscheint der Effekt insbesondere durch die Ähnlichkeit von L1 und L2 (s.o.) bzw. kulturelle Implikationen (Sabbagh et al., 2006) mediiert.

Allgemein hat sich im wissenschaftlichen Diskurs die Auffassung durchgesetzt, „that language experience changes cognition and the brain“ (Kroll, 2015, S. 32) und das eindeutig und signifikant in vorteilhafter Weise (Abutalebi et al., 2012). Diese Thematik beschäftigt die Forschung derzeit vermehrt (Heimann-Bernoussi, 2011; Kroll, 2015) und Salvatierra und Rosselli (2010) sind mit Ihrer Attestierung schwächerer Testleistungen von Bilingualen (Spanisch-Englisch) beim Stroop-Test eine Ausnahme.

2.6 Forschungshypothese

Bei bilingualen Sprechern konkurrieren kontinuierlich aktive Sprachsysteme (Bialys- tok, 2011; Brysbaert & Duyck, 2010), was auch das eher seltene (Altarriba, 2013) sozio- und psycholinguistischen Normen (Gardner-Chloros, 2009) unterworfene, „Code switching“ illus- triert. Somit erbringen sie eine sprachstrukturelle Zusatzleistung bei der Priorisierung omni- präsenten Sprachcodes und die Exekutivfunktion ist stets gefordert (Green, 1998).

Entsprechend der illustrierten Analogie wird angenommen, dass die Unterdrückung eines Sprachcodes einem kontinuierlichem Training der Exekutivfunktion entspricht (Kroll & Groot, 2009; Rodriguez-Fornells et al., 2005), welches sich mittel- und langfristig (Tao, Marzecová, Taft, Asanowicz, & Wodniecka, 2011) in einer besseren oder ontogenetisch früheren (Carlson & Meltzoff, 2008; Poulin-Dubois et al., 2011) Ausprägung äußert. Konver- gente Validität für diese These ergibt sich aus Versuchen mit Kindern (Diamond & Lee, 2011), jungen Erwachsenen (Bialystok, 2006) und älteren Probanden (Bürki et al., 2010), die teilweise bis heute auch widersprüchliche Befunde erbringen (Bialystok, 2008; Salvatierra & Rosselli, 2010) und so Zweifel evozieren (Klein, 2015; Paap, 2015), obschon Befunde ver- mehrt, überzeugend, repliziert wurden (Goral, Campanelli, & Spiro, 2015).

Bekräftigt wird die These durch Untersuchungen, welche die Ausprägung der Exeku- tivfunktion von mono- und bilingualen Personen vergleichen (Zelazo, Frye, & Rapus, 1996) wie z.B. theory of mind (Bialystok & Senman, 2004), Drehen mehrdeutiger Figuren (Bialys- tok & Shapero, 2005) der Simon Test (Martin-Rhee & Bialystok, 2008), und der „Dimensio- nal Change Card Sort (DCCS)” Task (Bialystok, 1999), der für Vorschulkinder gut etabliert ist (Zelazo et al., 1996).

In der eigenen Untersuchung wurde postuliert, dass eine dichotome Unterscheidung der Sprachkompetenz bzw. des Aneignungsszenarios den Themenkomplex nicht erschöpfend erfasst (Kaushanskaya & Prior, 2015), sondern ein quantitatives Maß, d.h. ein Grad der Sprachbeherrschung, bzw. „gradueller Bilingualität“ bzw. „Semilingualismus“, zielführender ist (Kroll, 2015). Mediierende Variablen wie z.B. die Ähnlichkeit von L1 und L2 (Sabbagh et al., 2006) und das Erwerbssetting wurden auch erfasst, da die u.A. von Tse & Altarriba (2012) angestoßene These: „that bilinguals‟ L1 and L2 proficiencies could affect their Stroop per- formance“ überprüft werden sollte. Postuliert wurde eine stärkere Ausprägung der Exekutiv- funktion bei größerer Ähnlichkeit von L1 und L2, obschon Bialystok (1999) auch bei ext- remster Unähnlichkeit von L1 und L2 (Chinesisch-Englisch) Effekte konstatiert. Die grundle- gende Ausweitung einer meist dichotom konzeptionalisierten Variabel zu einer quantitativen Variabel basierte u.A. auf der Empirie, dass es auch bei fremdsprachenaffinen Menschen zu interlingualem Code switching kommt, als auch der basalen, kognitionspsychologischen Er- kenntnis, dass intralinguale Sprachcodes „nicht getrennt voneinander abgespeichert sind“ (Müller-Lancé, 2002, S. 134). Somit ergeben sich folgende Hypothesen, wobei der erste Block primär Rückschlüsse auf die Reliabilität des Designs ermöglichen soll.

1) Können grundlegende Resultate repliziert werden, d.h.
a. Wird für den Subtest mit inkongruenten Stimuli „mehr“, bzw. konkret 75 % mehr Zeit benötigt, als für den zweiten Subtest?
b. Haben Frauen einen leichten Vorteil bei der Farbbenennung?
2) Moderieren das Fremdsprachenniveau, das Aneignungssetting und die Ähnlichkeit von L1 und L2 das Abschneiden im Farb-Wort Interferenztest?

3. Methodischer Teil

Das Forschungsdesign zielte darauf ab, durch eine Replikation bereits etablierter Er- kenntnisse, zunächst die Reliabilität des Designs zu fundieren. Da bei der Durchführung pri- mär der Aspekt der Ökonomie im Vordergrund stand, um Ressourcen effizient eine hinrei- chend große Stichprobe zu generieren, wurde nicht unter sterilen, standarisierten Laborbedin- gungen getestet, sondern zu divergierenden Zeitpunkten an unterschiedlichen Orten unter folglich variierenden Rahmenbedingungen. Das dies die Reliabilität hätte gefährden können, musste die gerühmte Robustheit des Designs (vgl. Kapitel 3) eingangs untersucht werden.

3.1 Stichprobe

Weil das Maß an Fremdsprachenkompetenz als moderierende Variable auf das Ab- schneiden beim Stroop-Subtest erhoben werden soll, wurden Probanden gewählt, die in dieser sprachlichen Dimension relevante und heterogene Ausprägungen aufwiesen. Diese Fokussie- rung, bzw. resultierende Rekrutierung an Bildungseinrichtungen ging zwangsläufig mit einer Einschränkung im Hinblick auf das Altersspektrum einher, weshalb eine Prüfung der Reliabi- lität mittels negativer Korrelation von Alter und Score nicht möglich war: Es wurden n = 35 Studierende der RWTH, größtenteils im Hauptstudium Anglistik, n = 23 Studenten des Abendgymnasiums Aachen, größtenteils im Leistungskurs Englisch im zweiten Lernjahr, n = 30 Probanden aus dem persönlichen Umfeld und n = 12 Psychologiestudenten der Fernuni- versität Hagen, d.h. N = 100, getestet. Ein Proband wurde im Zuge der Datenbereinigung von der Auswertung ausgeschlossen, so dass alle folgenden Angaben, auf dem bereinigten Daten- satz basieren. Der Ausschluss erfolgte, da Proband PF07 um mehr als 6 SD (21,621) vom Mit- telwert (M = 94,45) des unbereinigten Datensatzes im letzten Subtest abwich, was angesichts des Lebensalters und u.A. postulierter einhergehender Korrelation zur Lesekompetenz im frühen Lebensalter plausibel ist und somit auch die Reliabilität der Erhebung stützt.

Unter demografischen Gesichtspunkten ergab sich ein nahezu paritätisches Ge- schlechtsverhältnis (n = 50 Männer und n = 49 Frauen), der Altersdurchschnitt lag bei M = 29,27 (MD: 27; SD: 7,319, Minimum: 20, Maximum: 51 ); n =12 Probanden besaßen zum Zeitpunkt der Testung den Realschulabschluss, n = 18 den Fachhochschulabschluss, n = 18 das Abitur, n = 34 hatten das Vordiplom oder einen vergleichbaren Abschluss abgelegt, n = 14 den Master oder einen vergleichbaren Abschluss und n = 3 Probanden waren promoviert.

Tabelle 1 Soziale Lokalität & Bildungsniveau der Probanden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten7

Anhand des GeR wurden n = 26 Probanden auf Niveau B und n = 73 auf Niveau C, oder besser, d.h. als bilingual diagnostiziert. Nach der Datenbereinigung war die Kategorie A des GeR normativ nicht mehr möglich, da ein schulischer Abschluss in der BRD mindestens Niveau B in einer Fremdsprache voraussetzt. Im Rahmen der statistischen Auswertung wurde daher die Variabel Sprachkompetenz recodiert und lediglich dichotom differenziert, d.h. also in die Klassen „Niveau C“ bzw. „kein Niveau C“.

Die Befragung zu Fremdsprachenbiografie ergab, dass von den n = 73 Probanden, die eine signifikante Ausprägung ihrer Fremdsprachenkompetenz aufweisen, n = 46 die am stärksten ausgeprägte Fremdsprache erlernt hatten, n = 5 eine solche unter natürlichen Bedin- gungen nach der Pubertät erlernt bzw. erworben hatten8 und bei n = 22 Probanden von „natür- licher“ Bilingualität, sowohl im Hinblick auf das Aneignungsszenario, d.h. simultan, als auch im Sinne des finalen Kompetenzniveaus gesprochen werden kann. Bei den Bilingualen war für n = 6 die zweite Sprache germanischen Ursprungs, für n = 9 die Zweitsprache eine Turk- sprache, für n = 7 eine slawische, ein Proband gab eine romanische Sprache an und n = 4 Pro- banden weitere Sprache.

Tabelle 2 Sprachspezifische Aspekte der Stichprobe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ausschlusskriterien waren Achromasie, Dyslexie und, unzureichende Deutschkenntnisse bzw. Lesekompetenz. Achromasie führte vereinzelt zum Ausschluss.

[...]


1 Wenn aus Gründen des Leseflusses nur ein Geschlecht genannt ist, schließt dies nachdrücklich auch das jeweils andere mit ein

2 Vertrautheit mit dem Stroop Experiment wird bei der Struktur der Arbeit vorausgesetzt, alternativ sollte Kapitel 4 vorgezogen werden

3 z.B. Chinesisch: Chen & Ho, 1986; Tschechisch: Sovcikova & Bronis, 1985; Hebräisch: Ingraham, Chard, Wood, & Mirsky, 1988; Japanisch: Fukui, Sugita, Sato, Takeuchi, & Tsukagoshi, 1994.

4 In manchen Versionen wird die Fehleranzahl mit aufgenommen (Spreen & Strauss, 1998) und auch die Operationalisierung der Interferenz divergiert (e.g., Golden & Golden, 2002, Golden, 1978; MacLeod, 1991;Graf, Utte, & Tuokko, 1995).

5 Adaptionen des Stroop wie z.B. von Kochanska, Murray, & Coy (1997) wurden für Vorschulkinder entworfen, Poulin-Dubois, Blaye, Coutya, & Bialystok (2011) experimentierten mit einer Version für 2jährige

6 Auch aus dem banalen Grunde, dass eine explizite Prüfung der These zu Glykogenressourcen erst kürzlich, mit mehr Ressourcenaufwand als ein Einzelner leisten kann, an der Fernuni durchgeführt wurde (z.B. Olejak (2014)

7 Probandtin besaß einen belgischen, universitären Abschluss, der in der BRD nicht zur Lehrbefähigung an öffentlichen Schulen legitimiert, weshalb sie meine Veranstaltungen besuchte.

8 Eine dichotome Differenzierung im Sinne Krashen (1992) in „Erwerben“ und „Erlernen“ erscheint bei einer Aneignung nach der Pubertät, insbesondere vor dem Hintergrund metalinguistischer Kompetenzen, nicht zielfüh- rend

Details

Seiten
71
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668033184
ISBN (Buch)
9783668033191
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305276
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Psychologie
Note
Schlagworte
replikation stroop-experiments fokus wirkung fremdsprachenkompetenz

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Titel: Replikation des Stroop-Experiments mit Fokus auf der moderierenden Wirkung von Fremdsprachenkompetenz