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Schulbuchanalyse zum interreligiösen Lernen im katholischen Religionsunterricht. Der Islam als Beispiel

Examensarbeit 2015 53 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Allgemeine Verortung des interreligiösen Lernens
2.1) Historische Hintergründe des interreligiösen Lernens in Deutschland
2.2) Theologische Grundlagen des interreligiösen Lernens
2.2.1) Die Würzburger Synode von 1974
2.2.2) Der Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen (2005)
2.3) Grundzüge des interreligiösen Lernens
2.4) Fünf Schritte interreligiösen Lernens im Religionsunterricht der Sekundarstufe nach Leimgruber

3) Sechs Kompetenzen des interreligiösen Lernens

4) Schulbuchanalyse
4.1) Leben gestalten - Klasse 7
4.1.1) Aufbau des Kapitels
4.1.2) Analyse
4.1.3) Fazit
4.2) Religion vernetzt - Klasse 7
4.2.1) Aufbau des Kapitels
4.2.2) Analyse
4.2.3) Fazit

5) Abschließendes Fazit

1) Einleitung

Migrationsbewegungen und die Globalisierung führen in Deutschland seit einigen Jahrzehnten zu einer zunehmenden Pluralisierung der Gesellschaft. In jüngster Zeit wird diese Pluralisierung durch Flüchtlingsströme nach Deutschland noch weiter verstärkt. Damit ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen gelingen kann, ist der Frieden zwischen den Religionen eine unabdingbare Grundvoraussetzung, betont Ulrich Kropač, in seinem Aufsatz Karikaturen - Kulturen - Religionen. Er beruft sich dabei auf den Leitspruch des Projekts Weltethos von Hans Küng: „Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.“1 Folglich gewinnt der interreligiöse Dialog und mit ihm das interreligiöse Lernen immer mehr an Bedeutung. Da sich die Pluralität der Gesellschaft auch in der Schülerschaft widerspiegelt, bietet der Kontext Schule einen geeigneten Ort um interreligiöses Lernen zu fördern. Im katholischen Religionsunterricht nimmt das interreligiöse Lernen mittlerweile eine feste Rolle ein. Doch, wie funktioniert interreligiöses Lernen? Welche Fähigkeiten müssen die Schüler im Unterricht erlernen, damit ihnen der interreligiöse Dialog gelingt? Sind die gängigen Schulbücher auf interreligiöses Lernen ausgerichtet? Sind sie ein geeignetes Mittel um die entsprechenden Kompetenzen zu fördern? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit geklärt werden.

Der Fokus der Analyse liegt auf der Behandlung des Islam in den beiden fürs bayrische Gymnasium zugelassenen Religionsbüchern. Der interreligiöse Dialog zwischen Christentum und Islam ist in Deutschland von besonderer Bedeutung. Mit circa 4 Millionen Anhängern bildet der Islam die größte Gruppe unter den nichtchristlichen religiösen Menschen.2 Auseinandersetzungen zwischen den beiden Weltreligionen haben schon viele Kriege mitverursacht und führen immer wieder zu Problemen innerhalb der Gesellschaft. Die Protestmärsche der PEGIDA-Aktivisten, die in Dresden unter dem Motto: „„Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ seit Herbst 2014 jeden Montag auf die Straße gehen, machen deutlich, dass das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in Deutschland teilweise immer noch stark durch Vorurteile und Missverständnisse geprägt ist. Umso wichtiger ist es, dass im katholischen Religionsunterricht das Thema Islam im Sinne des interreligiösen Lernens adäquat behandelt wird um bei den Schülern Vorurteile abzubauen und sie für den interreligiösen Dialog mit Muslimen fit zu machen.

In einem ersten Schritt werden die historischen Hintergründe des interreligiösen Lernens knapp skizziert und die theologischen Grundlagen dafür aufgezeigt. Anschließend wird ein Überblick über die Grundzüge des interreligiösen Lernens gegeben und anhand zweier Herangehensweisen des Religionspädagogen Stephan Leimgruber verdeutlicht, welche Lernbereiche für das interreligiöse Lernen wichtig sind.

Die erste Herangehensweise Fünf Schritte interreligiösen Lernens im Religionsunterricht der Sekundarstufe zeigen die Kernbereiche der Umsetzung von interreligiösem Lernen in der Schule auf. Die zweite Herangehensweise Sechs Kompetenzen interreligiösen Lernens hingegen beschreibt, welche Fähigkeiten von grundlegender Bedeutung sind um interreligiöses Lernen in seiner Gesamtheit zu fördern. Anhand der Sechs Kompetenzen interreligiösen Lernens wird in der Schulbuchanalyse überprüft, inwiefern die Schulbücher das interreligiöse Lernen umfassend fördern. Jede Doppelseite wird im Bezug auf die sechs interreligiösen Kompetenzen hin analysiert und die Ergebnisse pro Schulbuch in einem Fazit zusammengefasst. Abschließend werden die beiden Schulbücher hinsichtlich ihrer Förderung der interreligiösen Kompetenzen verglichen und es wird auf Verbesserungsmöglichkeiten eingegangen.

Zur leichteren Lesbarkeit wurde die männliche Form personenbezogener Hauptwörter gewählt. Frauen und Männer werden jedoch gleichermaßen angesprochen.

2) Allgemeine Verortung des interreligiösen Lernens

Bevor die historischen und theologischen Hintergründe des interreligiösen Lernens aufgezeigt werden, wird an dieser Stelle der Begriff interreligiöses Lernen kurz erklärt. Eine ausführlichere Definition erfolgt ab dem Abschnitt 2.3) Grundzüge des interreligiösen Lernens.

Für den Schweizer Theologen und Religionspädagogen Stephan Leimgruber bezeichnet der Begriff interreligiöses Lernen das

„Lernen zwischen verschiedenen Religionen, beginnend mit achtsamen Wahrnehmungen von Personen, Dokumenten und Räumen, weiterführend in Begegnungen, Gesprächen und Auseinandersetzungen, was zu korrigierten religiösen Einstellungen und Verhaltensweisen führen kann.“3

2.1) Historische Hintergründe des interreligiösen Lernens in Deutschland

Die Notwendigkeit interreligösen Lernens in Deutschland ergibt sich aus der ethnischen Zusammensetzung der Gesellschaft, deren heutige Gestalt maßgeblich von der Anwerbung von Gastarbeitern in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg geprägt wurde.4 Zu Beginn der Ansiedelung von Migranten in Deutschland in den 1960er Jahren, im Zuge der ersten Migrationswelle, als diese einen wichtigen Teil zum wirtschaftlichen Aufschwung beitrugen, war davon ausgegangen worden, dass die „Gastarbeiter“ lediglich vorübergehend in Deutschland bleiben würden. Als in den 1970er Jahren die zweite Generation von Arbeitsmigranten nach Deutschland kam und sich abzeichnete, dass die „Gastarbeiter“ nicht beabsichtigten in naher Zukunft in ihre Herkunftsländer zurück zu kehren, so wurde eine „Assimilationpädagogik“ im Umgang mit den Migranten propagiert. Diese hatte zum Ziel, die Kultur der Einwanderer an die „Leitkultur“ der Mehrheitskultur anzupassen. Im Laufe der Zeit wurde ein Großteil der ehemaligen Gastarbeiter und deren Familien eingebürgert und sie forderten zunehmend gleiche Rechte wie z.B. Mitspracherecht und auch spezielle Rechte zum Schutz ihrer Minderheitenkultur (z.B. eigene Friedhöfe oder islamischen Religionsunterricht) ein. In der Mehrheitsgesellschaft wuchs die Einsicht, dass Integration keineswegs eine Sache ist, die singulär die Immigranten selbst betrifft, sondern auch die aktiven Teilhabe der einheimische Bevölkerung mit einschließt. Somit entwickelte sich eine interkulturelle Pädagogik, die der Einsicht, dass ein wechselseitiger Lernprozess notwendig ist, Rechnung trägt und heutzutage in der Pädagogik unter dem Begriff interkulturelles Lernen einen festen Platz einnimmt. Das Pendant in der Religionspädagogik wird als interreligiöses Lernen bezeichnet. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts sind sowohl das interkulturelle, als auch das interreligöse Lernen in den meisten Lehrplänen der Kindergärten, Grundschulen und Sekundarstufen zu finden und das interreligöse Lernen gilt mittlerweile als eine der Hauptaufgaben des Religionsunterrichts.5

2.2) Theologische Grundlagen des interreligiösen Lernens

2.2.1) Die Würzburger Synode von 1974

Grundlage für den Religionsunterricht an den Schulen der Bundesrepublik ist unter anderem die Würzburger Synode, mit ihrem Synodenbeschluss Der Religionsunterricht in der Schule von 1974. Die Synode fand 1971-1975 in Würzburg statt mit dem Ziel die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils zu verwirklichen. In dem Synodenbeschluss artikulierten die Bischöfe ein Gesamtverständnis des Religionsunterrichts, indem sie den Religionsunterricht neu konzipierten und ihn für die öffentlichen Schulen legitimierten.6

Ein besonders wichtiger Aspekt bei der Neukonzeption des Religionsunterrichts war die Trennung von schulischem Religionsunterrichts und Gemeindekatechese. Bis zur Synode fungierte der Religionsunterricht vor allem zur Unterweisung in der katholischen Glaubenslehre (z.B. durch die materialkerygmatische Methode), weshalb das Prinzip des interreligiösen Lernens damals noch undenkbar gewesen wäre. Der Synodenbeschluss Der Religionsunterricht in der Schule legte somit gewissermaßen den Grundstein für das interreligiöse Lernen im katholischen Religionsunterricht.7

Innerhalb der Synode wurden keine expliziten Unterrichtsinhalte formuliert, sondern ein Rahmen bezüglich inhaltlich-thematischer Anforderungen aufgestellt und folgende Ziele postuliert:

„Religionsunterricht soll zu verantwortlichem Denken und Verhalten im Hinblick auf Religion und Glaube befähigen. Deshalb ergibt sich für den Religionsunterricht:

1. Er weckt und reflektiert die Frage nach Gott, nach der Deutung der Welt, nach Sinn und Wert des Lebens (…) und ermöglicht eine Antwort aus der Offenbarung und aus dem Glauben der Kirche;
2. Er macht vertraut mit der Wirklichkeit des Glaubens und der Botschaft, die ihm zugrunde liegt (…);
3. Er befähigt zu persönlicher Entscheidung in Auseinandersetzung mit Konfessionen und Religionen, mit Weltanschauungen und Ideologien (…);
4. Er motiviert zu religiösem Leben und zu verantwortlichem Handeln in Kirche und Gesellschaft“.8

Es ist somit nicht mehr nur das Ziel, den katholischen Glauben zu verkünden, sondern den Schülern eine eigenständige Entscheidung innerhalb der religiösen Vielfalt zu ermöglichen. Folglich ist es notwendig, die anderen nichtchristlichen Religionen mit ihren Zugängen und Fragen kennen zu lernen und eine aktive Auseinandersetzung damit zu unterstützen. Diese Auseinandersetzung mit verschiedenen Religionen wird in dem Synodenbeschluss explizit als eigenständiges Ziel genannt.9

2.2.2) Der Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen (2005)

In dem Dokument Der Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen versuchten die deutschen Bischöfe drei Jahrzehnte nach der Würzburger Synode verstärkt auf die gewandelten gesellschaftlichen Umstände einzugehen und formulieren die Aufgaben10 des Religionsunterrichts wesentlich konkreter als bisher.

Sie heben dabei drei Aufgaben hervor, denen sich Schule stellen muss:

1) „Vermittlung von strukturiertem und lebensbedeutsamem Grundwissen über den Glauben der Kirche,
2) Vertrautmachen mit Formen gelebten Glaubens und
3) Förderung religiöser Dialog- und Urteilsfähigkeit“.11

Vor allem die letzte Aufgabe Förderung religiöser Dialog- und Urteilsf ä higkeit ist vor dem Hintergrund des interreligiösen Lernens relevant. Die nähere Beschreibung dieser Aufgabe in dem Dokument besagt, dass der katholische Religionsunterricht zum Ziel hat, „den Glauben im Dialog mit den Erfahrungen und Überzeugungen der Schülerinnen und Schüler, mit dem Wissen und den Erkenntnissen der anderen Fächer, mit den gegenwärtigen Fragen der Lebens- und Weltgestaltung und mit den Positionen anderer Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen zu erschließen. “ 12

Des weiteren wird betont, dass der Religionsunterricht in der Schule nicht zum Ort des „unverbindlichen Austauschs von Meinungen“ werden dürfe, sondern vielmehr der „Ort eines ernsthaften Ringens um Wahrheitserkenntnis“ sein solle. Es sei nicht auszuschließen, dass sich in diesem Dialog „Einsichten und Erkenntnisse gewinnen lassen, die das eigene Verständnis des christlichen Glaubens reinigen, erweitern und vertiefen.“ Der Religionsunterricht führe und fördere das „Gespräch und die Verständigung über die Grenzen der eigenen Konfessionszugehörigkeit hinaus.“ 13

Als didaktische Grundprinzip wird die Perspektivenübernahme vorgeschlagen, die in dialogischer Gestalt dazu dienen soll, die eigene Perspektive als begrenzt zu erkennen, aus der Perspektive anderer sehen zu lernen und neue Perspektiven dazu zu gewinnen.

Was 1974 im Beschluss Der Religionsunterricht in der Schule der Würzburger Synode bereits angeklungen war, wurde 2005 in dem Dokument Der Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen nun wesentlich deutlicher formuliert. Wenn auch das interreligiöse Lernen nicht wörtlich benannt wird, so lassen sich in den oben zitierten Passagen doch deutliche Spuren davon erkennen.

2.3) Grundzüge des interreligiösen Lernens

Clauß Peter Sajak zufolge hat sich „kein katholischer Religionspädagoge […] so intensiv und ausführlich mit der Frage des interreligiösen Lernens auseinandergesetzt, wie der Schweizer Theologe Stephan Leimgruber“14, der seit 1998 als Ordinarius für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilian-Universität München tätig ist. Die vorliegende Arbeit fokussiert sich auf Leimgrubers Ansätze zum interreligiösen Lernen und verwendet sie als theoretische Grundlage für die Schulbuchanalyse.

Interreligiöses Lernen bedeutet weitaus mehr, als die schlichte Betrachtung der verschiedenen Weltreligionen im Religionsunterricht. Es steht nicht das reine Wissen über unterschiedliche Religionen im Vordergrund, sondern das Lernen durch Verstehen, Wahrnehmung und Begegnung. 15

Leimgruber unterteilt das interreligiöse Lernen in zwei Bereiche: Interreligiöses Lernen im weiteren und im engeren Sinne. Ersteres meint die reine Wahrnehmung, z.B. durch Filme, Dokumentationen oder Texte über Religionen, wohingegen das interreligiöse Lernen im engeren Sinne durch den persönlichen Kontakt, Gespräche und Begegnungen geschieht. Dieser Art des Zugangs zu fremden Religionen kommt eine besondere Bedeutsamkeit zu, da nur hier ein echter Dialog stattfindet. Im Zentrum des Dialogs stehen „ein Empfangen und Geben, ein Hören und Antworten, ein tieferes Verstehen des Glaubens und der Religion des anderen“.16

Als zentrale Grundlage für das interreligiöse Lernen wird die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel gehandelt. Hierbei ist das Ziel, die fremde Religion nicht nur aus der eigenen Perspektive zu betrachten, sondern auch aus der Perspektive dieser selbst. Interreligiöses Lernen kann als die „religionsdidaktisch organisierte Praxis des Perspektivenwechsels verstanden werden, die sich an alters- und entwicklungsbedingten Voraussetzungen orientieren muss.“ 17

Ziel des interreligiösen Lernens ist nicht das vollständige Verstehen der anderen Religion, sondern in erster Linie das respektvolle Wahrnehmen und das Erkennen von Gemeinsamkeiten. Darüber hinaus sollen direkte Begegnungen und ein gemeinsamer Austausch ermöglicht werden, da derartige Erfahrungen eine ganz besondere Wirkung hinterlassen, „indem sie nämlich die Grundeinstellung gegenüber den Fremden prägen und oft unvergessliche Erinnerungen zurücklassen“. 18

Bei Leimgruber sind zwei Zugänge zum interreligiösen Lernen zu finden. Die

Fünf Schritte interreligiösen Lernens im Religionsunterricht der Sekundarstufe zeigen die Kernbereiche der Umsetzung von interreligiösem Lernen in der Schule auf. Sie können Lehrkräften als Leitfaden zur Unterrichtsplanung dienen. Die Sechs Kompetenzen interreligiösen Lernens hingegen beschreiben, welche Fähigkeiten von grundlegender Bedeutung sind um interreligiöses Lernen in seiner Gesamtheit zu fördern. Dem entsprechend sollten Lehrkräfte die Unterrichtsmaterialien so auswählen, dass alle sechs Kompetenzen bei den Schülern eingeübt werden. Ob die gängigen Schulbücher dafür ein geeignetes Mittel sind, gilt es in der Schulbuchanalyse in Abschnitt 4) zu prüfen. Zuvor werden die beiden genannten Zugänge erläutert.

2.4) Fünf Schritte interreligiösen Lernens im Religionsunterricht der Sekundarstufe nach Leimgruber

Die fünf Schritte sind zwar in logischer Abfolge angeordnet, diese Reihenfolge muss jedoch im Unterricht nicht eingehalten werden. Zudem können sich die einzelnen Schritte in der Praxis teilweise überlagern.

1. Schritt: Fremde Personen und religiöse Zeugnisse wahrnehmen lernen

Zuerst einmal gilt es, die Schüler für neue Einflüsse zu öffnen. Eine achtsame Wahrnehmung Angehöriger anderer Religionen und deren Zeugnisse und Glaubenserfahrungen trägt zur Weckung des Interesses der Schüler für die ihnen fremde Religion bei. Wichtig hierbei ist die ganzheitliche Wahrnehmung, also das Lernen mit Kopf, Herz und Hand, damit sich die Schüler auf die neuen Erfahrungen einlassen und sich von ihnen leiten lassen können. Dabei geht es jedoch nicht um eine rein äußerliche Sinnesschulung, sondern es soll primär das Interesse der jungen Menschen für fremde religiöse Wirklichkeiten geweckt werden. 19

2. Schritt: Religiöse Phänomene deuten

Der zweite Schritt besteht darin, sich den religiösen Zeugnissen zu nähern und aus der genaueren Betrachtung eine neue Art der Wahrnehmung zu erzielen, die versucht den Sinn des Betrachteten zu erschließen. Hier bieten sich z.B. Vergleiche von einzelnen Suren mit biblischen Textpassagen an. Daraus „sind Folgerungen möglich (und) durch wiederholte Wahrnehmungen eröffnen sich neue Zusammenhänge, die nicht von vornherein erkennbar sind“.20 In dieser Phase kann es gegebenenfalls sinnvoll sein, dass die Lehrperson Hilfsstellungen gibt um Lernprozesse zu initiieren, jedoch sollte stets der Schüler als lernendes Subjekt im Fokus des Unterrichts stehen. 21

3. Schritt: Durch Begegnung lernen

Dies ist ein Teil dessen, was Leimgruber als „Königsweg“ bezeichnet: die Begegnung mit Angehörigen anderer Religionen. Eine Begegnung prägt und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Daher birgt die Begegnung als Methode interreligiösen Lernens großes Potential in sich, wobei die jeweiligen „Referenten“ der fremden Religion gut ausgewählt sein sollten und auch auf der Schülerseite einiges an Vorarbeit geleistet werden muss, damit die Begegnung auch ihr Lernpotential entfalten kann. Wenn dies gelingt, können Begegnungen einen nachhaltigen positiven Eindruck hinterlassen und dabei helfen Vorurteile abzubauen und Toleranz zu fördern.22

Dieser Schritt ist jedoch an ein hohes Maß an Empathie gebunden, welches allen Beteiligten abverlangt wird. 23

4. Schritt: Die bleibende Fremdheit respektieren

Eins der wichtigsten Lernziele des interreligiösen Lernens ist zu erkennen, dass fremde Religionen meist nur ansatzweise oder vordergründig, niemals jedoch in ihrer Gänze erfasst werden können. Eine gewisse Fremdheit wird immer bleiben und diese gilt es zu respektieren. „Trotz des teilweisen Unverständnisses den Menschen achtsam zu begegnen und ihnen gegenüber Respekt zu zeigen, gehört zu den faszinierenden Aufgaben interreligiösen Lernens“.24 Die Ausprägung einer gewissen Ambiguitätstoleranz sollte beim interreligiösen Lernen eine zentrale Rolle einnehmen und gilt besonders im Umgang mit fremden Kulturen als eine notwendige Kernkompetenz.

5. Schritt: In eine existentielle Auseinandersetzung verwickeln

Interreligiöses Lernen soll letztlich dabei helfen die Auseinandersetzung mit anderen und sich selbst zu fördern. „Lernen geschieht primär durch das personale Verarbeiten von Erfahrungen und soll zur Erweiterung des Verhaltensrepertoires führen. Interaktion und Kommunikation sind dabei Schlüssel um in die eigenen Welten einzudringen und am Ende auch selbst neu zu werden, sich wieder zu erkennen, zu verstehen und anzunehmen.“ 25

Interreligiöses Lernen meint somit die Verarbeitung von den neuen Einflüssen, die durch die Begegnung mit der fremden Religion hervorgerufen werden und auch sein Verhalten entsprechend anzupassen. Die „Begegnung mit dem Fremden, sei es als Person oder Sache, Zeuge oder Zeugnis, soll zu einer Befähigung des lernenden Subjekts führen, die Pluralität und Alterität der Gesellschaft - vom Kopftuch der Schulklasse bis zum Moschee-Bau in der Nachbarschaft - anzunehmen (…)“. 26

[...]


1 Kropač,, Ulrich: Karikaturen - Kulturen - Religionen. Zu Schwierigkeiten und Chancen eines Dialogs der Religionen, in: RHS 49 (2006). 310.

2 vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und- fakten/soziale-situation-in-deutschland/145148/religionszugehoerigkeit (Zugriff: 06.06.2015)

3 Leimgruber, Stephan: Interreligiöses Lernen. München, 2007. 20.

4 vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier- migration/56367/migration-1955-2004 (Zugriff: 20.03.2015)

5 vgl. Leimgruber, Stephan / Ziebertz, Hans-Georg: Interkulturelles und interreligiöses Lernen, in: Hilger, Gregor / Leimgruber, Stephan / Ziebertz, Hans-Georg: Religionsdidaktik. Ein Leitfaden für Studium, Ausbildung und Beruf. München, 2013. 462f.

6 vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Texte zu Katechese und Religions unterricht. Bonn 1998. 127-161.

7 vgl. Sajak, Clauß Peter: Das Fremde als Gabe begreifen. Münster, 2005 (Forum Religionspädagogik interkulturell 9). 33.

8 Sekretariat, Texte. 146f.

9 vgl. Sajak, Gabe. 35.

10 Anm.: Wurde in der Erklärung von 1974 noch von „Zielen“ gesprochen, so werden in dem Dokument von 2005 drei konkreten „Aufgaben“ genannt.

11 Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Der Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen. Bonn 2005, 18.

12 Sekretariat, Herausforderungen. 28f.

13 Sekretariat, Herausforderungen. 28f.

14 Sajak, Gabe. 72.

15 vgl. Leimgruber, Stephan (Hg.) / Renz, Andreas: Lernprozess Christen Muslime. Gesellschaftliche Kontexte-Theologische Grundlagen-Begegnungsfelder. Münster, 2002. 44.

16 Leimgruber, Interreligiöses. 20f.

17 Leimgruber, Religionsdidaktik. 468.

18 Leimgruber, Interreligiöses. 96.

19 vgl. Leimgruber, Interreligiöses. 108.

20 Leimgruber, Interreligiöses. 108.

21 vgl. Leimgruber, Religionsdidaktik. 470.

22 vgl. Leimgruber, Religionsdidaktik. 470. 23 vgl. Leimgruber, Interreligiöses. 109. 24 Leimgruber, Interreligiöses. 109.

25 Leimgruber, Religionsdidaktik. 471.

26 Sajak, Gabe. 78 .

Details

Seiten
53
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668033221
ISBN (Buch)
9783668033238
Dateigröße
846 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305196
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,7
Schlagworte
schulbuchanalyse lernen religionsunterricht islam beispiel

Autor

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Titel: Schulbuchanalyse zum interreligiösen Lernen im katholischen Religionsunterricht. Der Islam als Beispiel