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Die Zweite Polnische Republik und die Kresy-Politik. Polonisierung oder Minderheitenschutz?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 15 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Kresy-Politik der Rzeczpospolita zwischen den Weltkriegen
2.1 Inkorporationismus vs. Föderalismus
2.2 Repressive Minderheitenpolitik in den Ostgebieten der Rzeczpospolita contra Minderheitenschutz

3. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

1918 wurde der polnische Staat nach 123 Jahren der Teilung wiedergegründet. Die nach dem Ersten Weltkrieg geführten Kriege Polens gegen die Sowjetunion, die Ukraine und Litauen endeten allesamt siegreich für die junge Zweite Republik und hatten enormen Gebietszuwachs im südlichen und nördlichen Osten zur Folge. Diese umkämpften Ostgebiete waren zwar von einer größeren polnischen Minderheit besiedelt, doch bildeten Nichtpolen wie Ukrainer, Weißrussen und Litauer dort die Mehrheit. Diese ethnisch äußerst heterogene Bevölkerungszusammensetzung sorgte für Konfliktpotential. Polen verfolgte zwischen 1921 und 1939 in seinen Ostgebieten (Kresy) gerade wegen dieser sprachlichen, kulturellen und religiösen Heterogenität eine andere Politik als in Kongresspolen. Ich werde deshalb im weiteren Verlauf die polnische Kresy-Politik vorstellen, analysieren und dabei untersuchen, ob und inwieweit eine vorsätzliche Polonisierung der Bevölkerung der Kresy beabsichtigt war und auch gelang.

2. Die Kresy-Politik der Rzeczpospolita zwischen den Weltkriegen

Ehemals preußische, russische und österreichische Gebiete mussten nach dem Ersten Weltkrieg in einem polnischen Staat vereinheitlicht werden. Dies erforderte einen gewaltigen Organisationsaufwand, mussten doch ökonomisch, sprachlich, kulturell und politisch gegensätzliche Systeme standardisiert werden. Die Ostgebiete der Rzeczpospolita, bestehend aus den vier Woiwodschaften Wilna, Nowogródek, Polesie und Wołyń, waren zudem Frontlinie während des Ersten Weltkrieges, teilweise Schauplatz der Nachfolgekriege und dementsprechend verheert1. Die in jeglicher Hinsicht noch gebrechliche Republik setzte sich aus beinahe einem Drittel ethnischer Nichtpolen zusammen2. Um die junge Rzeczpospolita nach innen zu konsolidieren war also zweckmäßige Nationalitäten- und Sicherheitspolitik unabdingbar.

2.1 Inkorporationismus vs. Föderalismus

Der innerpolnische Kampf zwischen Befürwortern des Inkorporationismus und des Föderalismus sollte Polens Zukunft entscheiden. So forderten die Inkorporationisten unter ihrem herausragenden Führer Roman Dmowski ein weitgehend homogenes, demokratisch regiertes Polen, das diejenigen Ostgebiete mit einbeziehen sollte, in denen eine starke polnische Minderheit siedelte3. Der Nationaldemokratie war eine Einbeziehung der Ukraine und Weißrusslands als Ganzes unerwünscht. Das Ziel der Inkorporationisten bezüglich der Kresy war eindeutig: Wenn die vier östlichen Woiwodschaften zu schwach waren um nationale Strukturen zu bilden, so sollten sie polonisiert werden4.

Anders als die Nationaldemokraten verfügten die Föderalisten über keinen geistigen Wortführer. Wasilewski war zwar eine Art Fürsprecher und Józef Piłsudski eher der Idee des Föderalismus zugetan, doch war letzterer kein ideeller, überzeugter Föderaler. „[…] Polen wie seine potentiellen Partner müssten sich in einem antirussischen Schutzblock zusammenschließen, der allein ihnen die Wahrung ihrer kulturellen und nationalen Identität an der Scheidelinie des polnisch-katholischen Westens und des russisch-orthodoxen Ostens ermögliche5.“ Ihnen ging es also um anti-russische Schutzpolitik unter Einbeziehung oder zumindest engster Anbindung Weißrusslands, Litauens und der Ukraine. Spezifische Aussagen in Bezug auf Minderheitenpolitik enthielt das Föderalismus-Modell nicht.

Letztendlich setzten sich aber die Inkorporationisten mit dem Frieden von Riga durch6. Polen war kein Bollwerk gegen Russland geworden. Im Gegenteil: Das Fehlen eines föderalen Sicherheitsgürtels ließ das später mächtige Sowjetreich nahe an Polen heran. Das Scheitern der Föderalismus-Idee bedeutete eben nicht nur eine äußere Bedrohung durch jenen fehlenden Sicherheitsgürtel, sondern auch die Gefahr verfehlter Minderheiten- und Sicherheitspolitik in den Kresy und damit schlussendlich für Gesamtpolen.

So sahen die Nationaldemokraten in den Bevölkerungsgruppen der Kresy nicht etwa gleichberechtigte Mitbürger. Die bereits erwähnte Absicht zur Polonisierung und der fehlende Sicherheitsgürtel mussten eine verschärfte Sicherheits- und damit Minderheitenpolitik zur Folge haben. Eine innere Konsolidierung wäre föderal, also mit gleichberechtigten Partnern, einfacher zu erreichen, als unter nationaldemokratischen bzw. inkorporationistischen Rahmenbedingungen, welche eine Polonisierungs- und Assimilierungspolitik zum Programmpunkt erhob.

Es musste beispielsweise den Unmut der Minderheiten nach sich ziehen, wenn diese völlig von „politischen und administrativen Schlüsselfunktionen“7 ausgeschlossen wurden. Die Nationaldemokratie sah die Kresy-Völker als rückständig und kulturell niedrigstehend an. Diese Überheblichkeit förderte dann auch den Polonisierungs-Willen. Auch der inkorporationistische Antisemitismus war nicht förderlich, da die zwei Millionen Juden in den Kresy als ebenso minderwertig und ungleichwertig galten8.

Die nationaldemokratische Politik musste also zwangsläufig den Zorn der Bewohner der vier Ostwoiwodschaften heraufbeschwören. Die Wahrung des inneren Friedens und der Zusammenhalt der Bevölkerung, die Grundvoraussetzung für innere und äußere Stabilität sind, konnten auf diese Weise nicht durchgesetzt werden. Der föderale Gedanke Piłsudskis hätte eine alternative Nationalitäten- und Minderheitenpolitik mit sich gebracht. Volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung, die Realisierung der Verfassungsbestimmungen und freie kulturelle Entwicklung waren ja gewissermaßen Piłsudski-Doktrin9.

2.2 Repressive Minderheitenpolitik in den Ostgebieten der Rzeczpospolita contra Minderheitenschutz

Hier ist zuallererst zu konstatieren, dass die aufgezwungenen Minderheitenschutzverträge durch den Völkerbund nach Beendigung des Ersten Weltkrieges in Polen als Eingriff in die staatliche Souveränität betrachtet wurden10, zumal anderen Ländern wie Deutschland ein derartiges Abkommen nicht aufgenötigt wurde. Ein wirklicher Minderheitenschutz war schon von diesem Standpunkt aus deshalb niemals Herzensangelegenheit der Zweiten Republik. Zudem mussten Minderheitenbedürfnisse nach der Staatenbildung hinten anstehen, da die Gründung und Konsolidierung des Staates im Vordergrund standen11. Die Voraussetzungen für gerechte Minderheitenpolitik hätte die polnische Regierung schaffen müssen und hätte auch von polnischen Verwaltungsstellen mitgetragen werden müssen.

Die Polen erachteten überhaupt ihre im Land siedelnden Minderheiten als geringschätzig. Dies zeigt die Tatsache, dass sie die Minderheitenvertreter im Parlament als „Fremde“ kennzeichneten12. So mag die polnische Regierung theoretisch durchaus dazu gewillt gewesen sein, Weißrussen und Ukrainer als Polen anzusehen. Dies jedoch auch nur falls es sich um katholische Weißrussen respektive Ukrainer handelte. Hingegen meinte man die Litauer ebenso schlecht behandeln zu müssen, wie die polnische Minderheit in Litauen behandelt würde13. Dies führt zu einem allgemeinen Problem der polnischen Kresy-Politik:

„Selbst wenn sich die polnische Regierung immer wieder zur Respektierung der Minderheitenrechte verpflichtete, so war noch lange nicht gewährleistet, dass Wojewoden, Starosteien oder die örtliche Polizei dem immer Folge leisten würden14.“

Selbst wenn man also hie und da den guten Willen der polnischen Regierung bezüglich des Minderheitenschutzes sieht, so war dieser Wille nicht ausreichend, wenn örtliche Behörden Befehle missachteten.

[...]


1 W. Bene>polnischen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik in den Kresy (1918-1939), in: Ausgebeutet oder alimentiert? Regionale Wirtschaftspolitik und nationale Minderheiten in Ostmitteleuropa (1897-1939), Berlin 2006, S. 231.

2 Vgl. ebd., S. 232

3 W. Bene>

4 Vgl. ebd., S. 12.

5 Vgl. ebd., S. 17.

6 Vgl. ebd., S. 25.

7 C. Schenke: Nationalstaat und nationale Frage. Polen und die Ukrainer 1921 - 1939, Hamburg 2004, S. 48.

8 Vgl. ebd., S. 49.

9 Vgl. ebd., S. 51f.

10 P. Burian: Ostmitteleuropa 1919. Über das Entstehen einer neuen Staatenwelt, in: Ostmitteleuropa zwischen den beiden Weltkriegen (1918 - 1939). Stärke und Schwäche der neuen Staaten, nationale Minderheiten, Marburg 1997, S. 11., Vgl. auch H. Lemberg: Kulturautonomie, Minderheitenrechte, Assimilation. Nationalstaaten und Minderheiten zwischen den beiden Weltkriegen in Ostmitteleuropa, in: Auf dem Weg zum ethnisch reinen Nationalstaat?, Tübingen 2007, S. 101f.

11 W. Bernecker: Europa zwischen den Weltkriegen 1914 - 1945 (HGE 9), Stuttgart 2002, S. 240.

12 Lemberg: Assimilation, S. 112.

13 M. Scheuermann: Minderheitenschutz contra Konfliktverhütung, Marburg 2000, S. 89.

14 Vgl. ebd., S. 89.

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668031593
ISBN (Buch)
9783668031609
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305186
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Institut für Geschichtswissenschaft und europäische Ethnologie
Note
1,3
Schlagworte
zweite polnische republik kresy-politik polonisierung minderheitenschutz

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