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Kollektivschuld am Holocaust. Warum das deutsche Volk eine moralische Gesamthaftung an den NS-Verbrechen trifft

Essay 2014 8 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

1. Einleitung

Es gibt eine deutsche Kollektivschuld für den Holocaust. In diesem Essay werde ich versuchen, meine Ansicht bezüglich der Gesamtschuldfrage der Deutschen am Holocaust zu vertreten. Der Begriff der Kollektivschuld kann sehr umfassend verstanden werden. So kann beispielsweise diskutiert werden, ob US-Amerikaner kollektiv am Indianer-Genozid schuldig geworden sind, oder überhaupt allgemein, ob Männer eine Kollektivschuld an der Geschlechterdiskriminierung trifft. Im deutschen Zusammenhang wird die Kollektivschuldhypothese allerdings meist mit der NS-Vergangenheit in Verbindung gebracht. Deswegen, und auch im Hinblick auf das Seminarthema, möchte ich darstellen, dass das deutsche Volk im Dritten Reich eine moralische Gesamthaftung für die NSVerbrechen und insbesondere für den Holocaust trifft.

2. Die Kollektivschuld der Deutschen am Holocaust

Zuerst gilt es, den Begriff der Kollektivschuld näher zu betrachten. In diesem Sinne muss das Kollektivbewusstsein eines Volkes definiert werden: „Die Gesamtheit der gemeinsamen religiösen Überzeugungen und Gefühle im Durchschnitt der Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft bilden ein umgrenztes System, das sein eigenes Leben hat; man könnte sie das gemeinsame oder Kollektivbewusstsein nennen. […] Es ist definitionsgemäß über die gesamte Gesellschaft verbreitet“1. Es handelt sich also um Ideale und Wertvorstellungen, die den Angehörigen eines Volkes, in diesem Falle des deutschen, gemeinsam sind. Die homogene Bevölkerungszusammensetzung während der Zeit des Nationalsozialismus sowie der überwiegend völkisch gestimmte Nationalismus der Deutschen bieten ein einheitliches und geschlossenes Bild des deutschen Volkes im Dritten Reich. Es ist meines Erachtens demnach nicht möglich zu argumentieren, dass „ja nicht alle Nazis waren“ und die Deutschen nicht kollektiv schuldig gesprochen werden können. Als Mitglieder einer homogenen „Volksgemeinschaft“ fühlten sie sich Deutschland oder zumindest einem „Deutschsein“ verbunden, und dieses Deutschland war im Kern radikal antisemitisch. Selbst Widerstandskämpfer und Oppositionelle waren antijüdisch geprägt. Die Deutschen während der Zeit des Nationalsozialismus waren demzufolge untereinander wesensverwandt: „So fühlt der Deutsche - d.h. der deutsch sprechende Mensch - sich mitbetroffen von allem, was aus dem Deutschen erwächst. Nicht die Haftung des Staatsangehörigen, sondern die Mitbetroffenheit als zum deutschen geistigen und seelischen Leben gehörender Mensch, der ich mit den andern gleicher Sprache, gleicher Herkunft, gleichen Schicksals bin, wird hier Grund nicht einer greifbaren Schuld, aber eines Analogons von Mitschuld“2. Aus dieser gemeinsamen deutschen Mentalität erwuchsen Adolf Hitler, die nationalsozialistische Bewegung sowie der durch extremen Judenhass vollzogene Holocaust: „Die Täter waren deutscher Nationalität und handelten im Namen Deutschlands und seines höchst populären Führers Adolf Hitler. […] All diesen Menschen aber ist gemeinsam, dass sie Deutsche waren und die politischen Ziele Deutschlands verfolgten, die in diesem Falle auf einen Genozid an den Juden hinausliefen“3. Deutschsein beinhaltete folglich am grausamsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte Mitschuld zu tragen.

Ein weiterer Erklärungsversuch zur Kollektivschuldthese ist banal: Viele Deutsche beteiligten sich aktiv an den Verbrechen und am Holocaust. Wie wäre ein solches gigantisches Mammutwerk sonst zu bewerkstelligen gewesen? Die Erschießungskommandos in Polen und Russland, die Aufseher in den Lagern und die Mitarbeiter der Reichsbahn waren Täter. Deren Familien und Freunde waren sicherlich ebenfalls im Bilde, und so musste doch durch Mundpropaganda das Verbrechen in Deutschland publik werden, wenn man bedenkt, dass Hunderttausende Deutsche am Holocaust beteiligt waren. Deswegen glaube ich auch, dass die allermeisten Deutschen wussten, was im Osten geschah. Täter und Mitwisser haben sich also gleichermaßen schuldig gemacht, denn wer von solch beispiellosen Verbrechen weiß, und entgegen seinem Gewissen feige untätig bleibt, kann nicht behaupten schuldlos zu sein. Moralisch, politisch und metaphysisch. Auf die verschiedenen Formen der Schuld wird im Folgenden noch eingegangen.

„Verbrechen bestehen in objektiv nachweisbaren Handlungen, die gegen eindeutige Gesetze verstoßen“4. An dieser Stelle werden darum explizit die Täter in den Fokus gerückt. Eine kriminelle Schuld den Ausführenden des Holocaust, also den Mördern, Totschlägern und Folterern zu unterstellen, ist kompliziert. Unzweifelhaft war das Reichsstrafgesetzbuch im Dritten Reich verbindlich. Darin war Mord ebenso wie heute unter Strafe gestellt. Auf der anderen Seite wurden die ersten Morde während der Novemberpogrome 1938 gebilligt und die gesamte Aktion vom NS-Regime gelenkt und organisiert. Auf der Wannsee-Konferenz, bei der SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich von Hermann Göring mit der Organisation des Holocaust betraut wurde, war nun der Massenmord endgültig beschlossen. Ähnlich wie bei der T4-Aktion, dem Mord an geistig Behinderten, musste der Holocaust aber geheim gehalten werden weil es nun einmal auch nach nationalsozialistischen Rechtsmaßstäben eben Mord war. Die Täter führten also Befehle der Staatsführung aus und machten sich andererseits nach dem Strafgesetzbuch des Mordes schuldig im kriminellen Sinne. Andererseits hätte kein deutsches Gericht einen Nazi-Henker während des Zweiten Weltkrieges deshalb schuldig gesprochen. Infolgedessen machten sich die Judenmörder juristisch und damit kriminell schuldig, praktisch gesehen handelten sie entsprechend der nationalsozialistischen Weltanschauung, in der das Führerwort mehr galt als jedes Gesetz. Sie handelten entsprechend der Nazi-Ideologie und hätten in gewisser Weise deshalb nicht kriminell gehandelt.

Die politische Schuld der Deutschen am Holocaust ist eindeutiger darzustellen: „Es ist jedes Menschen Mitverantwortung, wie er regiert wird“5. Millionen von Deutschen haben die NSDAP gewählt. Abgesehen davon erfreute sich Adolf Hitler größter Popularität. Die Nürnberger Gesetze, die Judenpogrome, die Einführung des Judensterns und die offene Diskriminierung waren die Folge der Politik eines Mannes der die Unterstützung seines Volkes genoss, ohne das deutsche Volk wären Hitler und sein Judenhass nicht denkbar gewesen. Die Steigerung der antisemitischen Radikalität war für jedermann ersichtlich. In meiner Nürnberger Heimatregion herrschte zudem ein besonders verabscheuungswürdiger Antisemitismus. Hier regierte der Gauleiter Frankens, der womöglich schlimmste und barbarischste Antisemit aller Zeiten, Julius Streicher.

[...]


1 E. Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, Frankfurt a. M. 1992, S. 128.

2 K. Jaspers: Die Schuldfrage. Von der politischen Haftung Deutschlands, München 2012, S. 60.

3 D. Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 2012, S. 19.

4 Jaspers: Schuldfrage, S. 19.

5 ebd., S. 19.

Details

Seiten
8
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668033085
ISBN (Buch)
9783668033092
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305180
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Institut für klassische Philologie und Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
kollektivschuld holocaust warum volk gesamthaftung ns-verbrechen

Autor

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Titel: Kollektivschuld am Holocaust. Warum das deutsche Volk eine moralische Gesamthaftung an den NS-Verbrechen trifft