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Soziale Kognition

von Markus Bürgel (Autor) Inga Großmann (Autor) Oliver Palussek (Autor)

Referat (Ausarbeitung) 2004 63 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Was ist sozial an der sozialen Kognition?

3 Grundlagen der Kognition
3.1 Informationsverarbeitung
3.2 Struktur des Wissens
3.3 Schlussfolgerungen, Entscheidungen und Urteile – Beeinflussung
3.4 Urteilsheuristiken

4 Kognitive Vorgänge im Alltag
4.1 Testen sozialer Hypothesen
4.2 Stereotype
4.3 Illusorische Korrelation
4.4 Der Bestätigungseffekt
4.5 Der Anspielungseffekt

5 Die Bedeutung von Umwelteinflüssen in kognitiven Prozessen
5.1 Verteilung von Stimulusinformationen
5.2 Sprache und Kommunikation
5.2.1 Implizite Verbkausalität
5.2.2 Adjektive
5.2.3 Systematische Ordnung
5.2.4 Linguistische Kategorien
5.2.5 Linguistische Intergruppenverzerrung
5.3 Die kognitiv-affektive Regulation
5.3.1 Stimmungskongruenz

6 Schlussfolgerungen

Quellen

1 Einleitung

Henri Tajfel sagt: „Der größte Anpassungsvorteil des Menschen liegt in der Fähigkeit, sein Verhalten danach auszurichten, wie er eine Situation wahrnimmt und versteht“[1].

Damit ist man dem Kern der sozialen Kognition bereits auf den Fersen. Es geht darum, dass die eigene Reaktion von vielen verschiedenen Faktoren abhängig ist und nicht stur nach einem vorgegebenen Muster abläuft.

Der Mensch ist geprägt von Vorstellungen, Wahrnehmungen und Stereotypen. Er reagiert individuell und verschieden. Soziales Verhalten wird demnach nicht direkt von Reizen bestimmt, sondern überwiegend durch die innere Auseinandersetzung mit dem Gehörten, Gesehenen und Erlebten.

Von daher ist es wichtig, zu begreifen, wie „Individuen ihre subjektive Realität konstruieren“[2], denn nur dann kann verstanden werden, was soziales Verhalten eigentlich ist. Dies ist auch die Kernfrage der sozialen Kognition, bei der es darum geht, soziales Wissen und kognitive Prozesse zu untersuchen[3].

Ziel der sozialen Kognition ist es also, die verschiedenen Prozesse, die zu einer Meinungsbildung führen, kenntlich zu machen. Es soll herausgefunden werden, „wie Informationen enkodiert, gespeichert und aus dem Gedächtnis abgerufen werden.“[4]

Durch die Vielzahl von Prozessen, die in der sozialen Kognition eine Rolle spielen, hat sich dieses Gebiet der Sozialpsychologie zu einem der beliebtesten Forschungsgebiete entwickelt. Im Besonderen spielen hier Einstellungsänderung, Attributionsforschung und Stereotype eine herausragende Rolle.

Wichtig ist auch, dass sich die Forscher keineswegs nur für Fakten interessieren. So sind Affekte und Emotionen ebenso wichtig wie die rationalen Abläufe.

Auch die kognitive Psychologie ist bei der sozialen Kognition von Bedeutung. Dies zeigt sich besonders daran, dass „viele Begriffe und Annahmen aus der kognitiven Psychologie entliehen“[5] sind.

Die Frage, ob Urteile über Menschen stark vom Vorwissen des Urteilbildenden abhängen und nicht nur von den momentanen Stimuli (= Reizen), soll im folgenden beantwortet werden.

Beispiele für Urteile können am äußeren Erscheinungsbild eines Menschen festgemacht werden, an seiner Herkunft, seiner Sprache etc. . Von diesem Vorwissen hängt automatisch der Gesprächsverlauf zweier oder mehrerer Menschen ab. Je nachdem was man vom Anderen weiß, wird man unbewusst unterschiedliche Fragen stellen, aufmerksam für bestimmte Verhaltensmuster sein und davon – ebenfalls unbewusst – seine spätere Entscheidung abhängig machen. Die Grundannahme mit der man in eine Situation hineingeht entscheidet also bereits in Teilen über die spätere Entscheidung.

Die zweite Grundannahme stellt darauf ab, dass das Denken stark von der „Begrenztheit der Verarbeitungskapazität beeinflusst wird“[6]. Demnach ist die Kapazität dessen was wir verarbeiten können, nicht groß genug, um alles Wahrgenommene zu verarbeiten.

Die Motivation spielt bei der Verarbeitungskapazität ebenfalls eine wichtige Rolle. Ist sie gering, wird die Entscheidung stärker vom Vorwissen abhängen als das bei größerer Motivation der Fall wäre. Dieses Modell wird auch als Top-down-Verarbeitung[7] bezeichnet.

Das Gegenstück nennt man Bottom-up-Verarbeitung[8]. Dieses kommt zur Anwendung wenn man mehr Verarbeitungsressourcen zur Verfügung stellt. Hieraus wird ersichtlich, dass das Ausmaß oder die Tiefe der Verarbeitung einen großen Einfluss auf unsere Entscheidungen haben.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass kognitive Prozesse teils automatisch ablaufen, teils aber auch kontrollierbar sind. So kann man sich zum Beispiel bewusst einen bestimmten Inhalt seines Gedächtnisses vor Augen führen um zu einer Entscheidung zu kommen. In anderen Situationen wird automatisch bestimmtes Vorwissen in die Entscheidung einfließen.

2 Was ist sozial an der sozialen Kognition?

Kognitive Prozesse sind nur ein Teil der sozialen Kognition. Ein anderer wichtiger Punkt ist, „dass der soziale Charakter der Informationsverarbeitung hervorgehoben wird“[9]. Durch die Abhängigkeit unserer Entscheidung von Vorwissen und momentanen Reizen wird deutlich, dass es sich bei der sozialen Kognition um einen sozialen Prozess handelt. Wobei wichtig ist, dass „sozial“ nicht gleich „wohlwollend“ bedeuten muss.

Soziale Prozesse begleiten uns unser ganzes Leben und auch daraus ist ersichtlich, dass es sich bei der sozialen Kognition um einen sozialen Prozess handelt.

Mit dem „evolutionstheoretischen Ansatz zum logischen Denken“[10] wird klar, dass das Denken der Menschen stark vom sozialen Kontext abhängt. So erklärt sich auch das „Versagen selbst hoch intelligenter Menschen bei Aufgaben zum logischen Denken“[11].

Eine weitere Antwort auf die Frage was sozial ist an der sozialen Kognition kann aus den unterschiedlichen Reizeigenschaften der physikalischen Umwelt (Farbe, Töne, Größe etc.) und denen der sozialen Umwelt (Risiko, Liebe, Ehrlichkeit etc.) gegeben werden. Während wir für die Reize der physikalischen Umwelt Sinnesrezeptoren haben, die uns einen direkten Zugang zu den Reizen verschaffen, gibt es für die soziale Umwelt so etwas nicht. Hier werden Gefühle und Emotionen erlebt und verarbeitet, die nicht klar messbar sind und von jedem auf unterschiedliche Art und Weise wahrgenommen werden.

Ein Beispiel hierfür ist, dass die „Wahrnehmung“ von Maskulinität auf den gleichen Hinweisreizen beruht, wie die von Rationalität. Nämlich auf den geringen Ausdruck von Emotionen und tiefer Stimme[12].

3 Grundlagen der Kognition

3.1 Informationsverarbeitung

Die menschliche Informationsverarbeitung besteht aus verschiedenen Prozessen, mit denen sich die kognitive Psychologie beschäftigt. Um dies verdeutlicht darzustellen wurde ein Schema entwickelt, das die kognitiven Stufen der Informationsverarbeitung darstellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Informationsverarbeitung beginnt mit der Wahrnehmung eines Reizereignisses (Stimuli). Das Wahrgenommene wird dann mit bekanntem Wissen (Kategorien) in Beziehung gesetzt (Enkodierung) und interpretiert. Daraus folgt ein Urteil oder eine Schlussfolgerung, die zu einer Verhaltensreaktion führen. Die enkodierte Wahrnehmung wird dabei im Gedächtnis abgespeichert und kann wiederum Einfluss auf zukünftige Ereignisse haben.

Die Wahrnehmung solcher Stimuli ist abhängig von der Informationsselektion. Diese richtet unsere Aufmerksamkeit einerseits auf für unsere momentanen Ziele relevanten Reize und andererseits auf die Salienz der Stimulusmerkmale (Merkmale des Reizereignisses). Salienz bezeichnet die Unterschiedlichkeit eines Stimulus in Relation zum Kontext (zum Beispiel eine Frau in einer Gruppe von Männern).[13] Durch die Informationsselektion wird es dem Menschen vereinfacht mit seiner begrenzten kognitiven Verarbeitungskapazität umzugehen.

3.2 Struktur des Wissens

Das soziale Wissen des Menschen hat einen komplexen Aufbau, den wir an dieser Stelle verdeutlichen möchten. Das wesentliche Strukturmerkmal sind die Kategorien.

Kategorie: Gruppierung von zwei oder mehr unterscheidbaren Objekten, die ähnlich behandelt werden. Klasse von in der Welt vorhandenen Objekten.[14]

Wahrnehmungen werden in Kategorien eingeordnet (kategorisiert), die es ermöglichen mehr Informationen über das Wahrgenommene zu erschließen, als tatsächlich gegeben sind, was jedoch auch zu falschen Schlussfolgerungen führen kann. Die Kategorisierung und Enkodierung sind abhängig vom Vorwissen, der Anwendbarkeit des Vorwissens und der momentanen Zugänglichkeit zu diesem Vorwissen. Alle vorhandenen Kategorien im Gedächtnis eines Menschen sind untereinander verknüpft und bilden ein assoziatives Netzwerk. Dabei sind sich Kategorien mit gemeinsamen oder ähnlichen Eigenschaften näher als unähnliche. Bei der Kategorisierung können demnach auch Verwandte Kategorien Einfluss auf Schlussfolgerungen haben. Durch dieses assoziative Netzwerk erlangt das gespeicherte soziale Wissen großen Einfluss auf Schlussfolgerungen und Urteile. Auch die „Bottom-Up-Verarbeitung“ ist daher durch altes Wissen beeinflusst und eingeschränkt. Sobald es sich um eine soziale Gruppe einer Kategorie handelt, spricht man von dem Begriff Stereotyp.

Stereotyp: Sozial geteilte Meinungen über Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen von Mitgliedern einer sozialen Kategorie. Durch die Bildung von Stereotypen lässt man die Individualität außer Acht.[15]

Stereotypen helfen besonders bei der Enkodierung von speziellen Situationen. Die Repräsentation der Kategorien im Gedächtnis kann auf zweierlei Weisen geschehen. Ein Modell beschreibt die Repräsentation durch Prototypen.

[...]


[1] Tajfel 1969, S. 81, in: Fiedler / Bless 2002, S. 126

[2] Fiedler / Bless 2002, S. 127

[3] Fiedler / Bless 2002, S. 127

[4] Fiedler / Bless 2002, S. 127

[5] Anderson 1976, in: Fiedler / Bless 2002, S. 127

[6] Fiedler / Bless 2002, S. 128

[7] Fiedler / Bless 2002, S. 129

[8] Fiedler / Bless 2002, S. 129

[9] Fiedler / Bless 2002, S. 129

[10] Fiedler / Bless 2002, S. 130

[11] Cosmides 1989, in: Fiedler / Bless 2002, S. 130

[12] Fiedler / Bless 2002, S. 132

[13] Fiedler / Bless 2002, S. 137

[14] Fiedler / Bless 2002, S. 134

[15] Fiedler / Bless 2002, S. 134

Details

Seiten
63
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638317689
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30518
Institution / Hochschule
Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung; ehem. VFH Wiesbaden
Note
15 Punkte (höchste Punktzahl)
Schlagworte
Soziale Kognition Sozialpsychologie

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Titel: Soziale Kognition