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Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland

Seminararbeit 2013 34 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition und Klassifikation
2.1 Definition von Übergewicht und Adipositas
2.2 Klassifikation nach Gewicht-Längen-Inzidenz
2.3 BMI-Referenzwerte für deutsche Kinder und Jugendliche

3. Epidemiologie
3.1 Übergewicht und Adipositas im internationalen Geschehen
3.2 Prävalenz von Übergewicht und Adipositas in Deutschland
3.3 Risikofaktoren für Übergewicht und Adipositas im Kindesalter
3.3.1 Nicht beeinflussbare Risikofaktoren
3.3.2 Potenziell beeinflussbare Risikofaktoren

4. Folgen
4.1 Komorbidität und medizinische Folgen
4.2 Psychische und psychosoziale Folgen
4.3 Ökonomische Folgen

5. Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten
5.1 Grenzen und Möglichkeiten der Therapie
5.2 Prävention und Perspektiven

6. Fazit und Ausblick
6.1 Fazit
6.2 Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: BMI-Klassifikation

Abbildung 2: Perzentile für den BMI für Mädchen im Alter von 0-18 Jahren

Abbildung 3: Perzentile für den BMI für Jungen im Alter von 0-18 Jahren

Abbildung 4: Prävalenz von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen

Abbildung 5: Ergebnisse der KiGGS-Studie

Abbildung 6: BMI-Perzentile im KiGGS 2003-2006 (durchgezogene Linie) im Vergleich zu den Referenzdaten von 1885-1999 (gestrichelte Linie)

Abbildung 7: Adipositas nach Alter, Geschlecht und Sozialstatus

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Anzahl übergewichtiger und adipöser Kinder in Deutschland hat in den letzten 20 Jahren deutlich zugenommen. Familiäre Einflüsse, genetische- und soziale Faktoren sowie körperliche Inaktivität und Veränderungen der Energieaufnahme gelten als Hauptverursacher für eine steigende Tendenz übergewichtiger und adipöser Kinder und Jugendlicher. Doch was bedeutet dieser Prozess für unsere Gesellschaft? „Auch dicke haben eine Seele“ – so heißt ein im Jahr 2004 erschienener Aufklärungsfilm zum Thema Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen, in dem unter Mitwirkung Betroffener Ursachen und Auswirkungen von Übergewicht thematisiert werden. Dieser Film verdeutlicht, dass Betroffene selbst neben physischen Erkrankungen vor allem unter sozialen und psychischen Folgen leiden. Doch nicht nur unter Individualaspekten bringt Übergewicht und Adipositas wandelnde Umstände mit sich, auch Politik, Wissenschaft und Gesellschaft müssen in diese Diskussion eingebunden werden. Um die gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen in der Gegenwart und für die Zukunft abschätzen zu können, bedarf es einer Analyse des Ausmaßes von Übergewicht und Adipositas sowie deren Versorgungsgegebenheiten und -anforderungen. Aus den daraus resultierenden Daten gilt es Lösungsansätze oder Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen und zu diskutieren.

Die folgende Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel. Im Anschluss an dieses einleitende Kapitel werden im zweiten Kapitel Übergewicht und Adipositas definiert und klassifiziert. Hierzu werden die beiden Begriffe zunächst voneinander abgegrenzt und anschließend die Klassifikation nach Gewicht-Längen-Inzides vorgenommen. Welche BMI-Referenzwerte speziell bei deutschen Kindern und Jugendlichen Anwendung finden, wird im letzten Teil des Kapitels behandelt.

Das dritte Kapitel gibt einen vertiefenden Einblick in die Epidemiologie. Hierzu wird der Fokus zunächst auf das internationale Geschehen gelegt, ehe auf die Prävalenz innerhalb Deutschlands näher eingegangen wird. Im Anschluss werden die Risikofaktoren dargestellt, die sich in nicht beeinflussbare und potenziell beeinflussbare Risikofaktoren unterteilen lassen.

Der Fokus des vierten Kapitels liegt auf der Betrachtung der Folgen von Übergewicht und Adipositas. Da diese ein breites Spektrum umfassen erfolgt zunächst eine Darstellung der medizinischen Folgen, ehe auf psychische und psychosoziale Faktoren eingegangen wird. Zur Abrundung werden abschließen die ökonomischen Folgen aufgezeigt.

Das fünfte Kapitel beschreibt Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten, indem Aspekte der Behandlung aufgezeigt und hinsichtlich der Grenzen und Möglichkeiten diskutiert werden. Daraufhin werden präventive Maßnahmen beleuchtet und mögliche Perspektiven dargestellt.

Das letzte Kapitel zieht ein Resümee der gewonnen Erkenntnisse. Hierzu wird ein Fazit und ein Ausblick zum Thema „Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen“ formuliert.

2. Definition und Klassifikation

Aufgrund dessen, dass die beiden Begriffe „Übergewicht“ und „Adipositas“ häufig fälschlicherweise synonym verwendet werden, werden diese im Folgenden zunächst definiert und voneinander abgegrenzt (Unterkapitel 2.1). Da die genaue Definition von Übergewicht und Adipositas die Klassifikation nach Gewicht-Längen-Inzides erfordert, wird diese in Unterkapitel 2.2 näher erläutert. Abgerundet wird das zweite Kapitel durch die Betrachtung der BMI-Referenzwerte für deutsche Kinder und Jugendliche (Unterkapitel 2.3).

2.1 Definition von Übergewicht und Adipositas

Übergewicht liegt vor, wenn die körperhöhenbezogene Körpermasse gegenüber der entsprechenden Alters- und Geschlechtsnorm ein bestimmtes Maß übersteigt (Vgl. Kronmeyer-Hauschild, 2005, S. 4). Damit ist Übergewicht an sich zunächst nicht als Krankheit zu sehen (Vgl. Benecke, Vogel, 2003, S. 7). Demgegenüber liegt eine Adipositas vor, wenn der Anteil von Körperfett an der Gesamtkörpermasse über eine bestimmte Grenze erhöht ist (Vgl. Becker, Zipfel, 2013, S. 269; Barlow, Dietz, 1998, S. 2). Allerdings wird die Adipositas von der WHO (World Health Organisation) seit 1997 als eine ernst zu nehmende Erkrankung angesehen, wenngleich im deutschen Gesundheitssystem Adipositas nicht als Erkrankung definiert wird und damit die Übernahme der Behandlungskosten seitens der GKV (Gesetzliche Krankenversicherung) ausgeschlossen wird (Vgl. Holzapfel, Hauner, 2013, S. 390; Schorb, Helmert, 2011, S. 31 f.). Da im Unterschied zum Übergewicht die Adipositas über die Körperfettmasse definiert wird sind Übergewichtige nicht zwangsweise adipös, allerdings ist eine Adipositas zumeist mit Übergewicht verbunden (Vgl. Kronmeyer-Hauschild, 2005, S. 4). Um Übergewicht und Adipositas definieren zu können muss daher die Fettmasse bestimmt werden und es muss festgelegt werden, ab welcher Größenordnung eine erhöhte Fettmasse vorliegt (Vgl. Kronmeyer-Hauschild, 2005, S. 4).

2.2 Klassifikation nach Gewicht-Längen-Inzidenz

Um die Fettmasse exakt ermitteln zu können benötigt es kostenintensive und aufwendige direkte Methoden, die eng mit der Fettmasse korrelieren und unabhängig von der Körpergröße sind. Daher wird auf verschiedene indirekte Methoden der Körpergewichts-Körperhöhens-Indizes zurückgegriffen (Vgl. Kronmeyer-Hauschild, 2005, S. 4). Zur Feststellung, bzw. Abschätzung der Fettmasse empfiehlt die WHO somit die Verwendung des BMI, welcher sich wie folgt berechnet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Werte zwischen dem Bereich von 25 bis 29,99 gelten als Übergewichtig und Werte ab 30 beschreiben das Vorliegen einer Adipositas, diese in drei Schweregrade unterteilt wird (Vgl. Abbildung 1) (Vgl. WHO, 2013a, WHO 2013b).

Abbildung 1: BMI-Klassifikation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung, basierend auf WHO, 2013b.

Die Anwendung des BMI zur Definition von Überwicht und Adipositas ist für Kinder und Jugendliche nicht ideal, wird allerdings sowohl von der „Childhood Group“ der „International Obesity Task Force“ (IOTF) als auch von der „European Childhood Obesity Group“ als zureichende Anwendung empfohlen (Vgl. Wabitsch, Kunze, 2012, S 18; Fröschl, Haas, Wirl, 2009, S.12). Allerdings müssen bei Kindern und Jugendlichen zur Beurteilung des BMI-Wertes neben dem Körpergewicht und der Körpergröße auch das Alter und das Geschlecht berücksichtigt werden, da aufgrund der Entwicklungen im Kindes- und Jugendalter diese Faktoren einen wesentlichen Einfluss auf die prozentuale Körperfettmasse nehmen (Vgl. BzGA, o.J.; Fröschl, Haas, Wirl, 2009, S.13 f.).

2.3 BMI-Referenzwerte für deutsche Kinder und Jugendliche

Die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) verwendet hierzu populationsspezifische Referenzwerte für das Kindes- und Jugendalter, anhand dieser individuelle alters- und geschlechtsspezifische BMI-Perzentile eingeschätzt werden (Vgl. Abbildung 2 und 3) (Vgl. Wabitsch, et al., 2013, S. 368; Kurth, Schaffrath Rosario, 2007, S. 736 ff.).

Abbildung 2: Perzentile für den BMI für Mädchen im Alter von 0-18 Jahren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Vgl. Kromeyer-Hauschild, 2001, S. 807 ff.

Abbildung 3: Perzentile für den BMI für Jungen im Alter von 0-18 Jahren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Vgl. Kromeyer-Hauschild, 2001, S. 807 ff.

Zur Erarbeitung dieser BMI-Perzentile wurden Daten zum Körpergewicht und Körpergröße von 17.147 Jungen und 17.275 Mädchen im Alter von 0-18 Jahren herangezogen, die im Zeitraum von 1985 bis 1999 im Rahmen von 17 verschiedenen und bereits durchgeführten Untersuchungen in Deutschland erhoben wurden (Vgl. Fröschl, Haas, Wirl, 2009, S. 13; Kromeyer-Hauschild, 2001, S. 807 ff.). Dabei gibt das jeweilige Perzentil an, wie viel Prozent der Kinder- und Jugendlichen im gleichen Alter und Geschlecht einen niedrigeren BMI-Wert aufweisen (Vgl. Kronmeyer-Hauschild, 2005, S. 5). Wie in Abbildung 2 und 3 dargestellt, liegt bei Werten oberhalb des 90. Perzentils Übergewicht, bei Werten oberhalb des 97. Perzentils Adipositas und oberhalb des 99,5 Perzentils extreme Adipositas vor (Vgl. Wabitsch, et al., 2013, S. 368).

3. Epidemiologie

Diskutiert man über Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen ist es unabdingbar die Epidemiologie vertiefend zu betrachten. Das dritte Kapitel bettet zunächst in Unterkapitel 3.1 Übergewicht und Adipositas in das internationale Geschehen ein. Der prozentuale Anstieg von Übergewicht und vor allem von Adipositas spiegeln die Prozesse der Prävalenz in Deutschland wider, auf die in Unterkapitel 3.2 anhand der aktuellsten Erhebungen eingegangen wird. Im Anschluss werden in Unterkapitel 3.3 die Risikofaktoren dargestellt, die sich zum einen in nicht beeinflussbare Risikofaktoren (3.3.1) und zum anderen potenziell beeinflussbare Risikofaktoren (3.3.2) unterteilen lassen.

3.1 Übergewicht und Adipositas im internationalen Geschehen

Da die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas weltweit kontinuierlich zunimmt bezeichnet die WHO die Adipositas als eine der größten gesundheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts (Vgl. WHO, 2013c; Von Kries, 2005, S. 17). Das Übergewicht und Adipositas in nahezu allen OECD-Ländern (Organisation for Economic Cooperation and Development) an die Spitze der politischen Agenda gestiegen ist, ist keine Überraschung. Daten der OECD aus dem Jahr 2007 zeigen, dass mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung in mindestens 13 Ländern übergewichtig ist, darunter Australien, die Tschechische Republik, Griechenland, Ungarn, Island, Irland, Luxemburg, Mexiko, Neuseeland, Portugal, Spanien, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten (Vgl. Sassi, 2010, S. 58; Fröschl, Haas, Wirl, 2009, S. 14). Seit 1980 hat sich in manchen Ländern die Anzahl der Betroffenen mehr als verdreifacht. Dieser Trend setzt sich mit alarmierender Geschwindigkeit fort, vor allem bei Kindern und Jugendlichen (Vgl. WHO, 2013a; OECD, 2012, S. 52 f.; Branca, Nikogosian, Lobstein, 2007, S. 5).

Wie in Abbildung 4 dargestellt waren im Jahr 2005 ein Drittel aller US-Amerikanischen Kinder von Übergewicht betroffen, Kinder anderer Industrienationen folgen dem US-Muster (Vgl. OECD, 2012, S. 53; Sassi, 2010, S. 107). Selbst in Schwellenländern und weniger entwickelten Volkswirtschaften steigen die Prävalenzraten für Übergewicht und Adipositas an. (Vgl. Wang, Lobstein, 2006, S. 11 ff.).

Abbildung 4: Prävalenz von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung, basierend auf Sassi, 2010, S. 108.

Des Weiteren veranschaulicht Abbildung 4 die Daten zur Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Ländern. Die Daten basieren auf BMI-Messungen, die bei der Definition von Übergewicht und Adipositas das natürliche Wachstumsmuster und die Unterschiede zwischen den Geschlechtern berücksichtigen (Vgl. Sassi, 2010, S. 107). Obwohl die Daten aufgrund länderspezifischer Kategorisierungen und Erhebungsmethoden in ihrer Vergleichbarkeit eingeschränkt sind, stellen sie doch im Kollektiv ein alarmierendes internationales Gesundheitsproblem dar (Vgl. Sassi, 2010, S. 107; Fröschl, Haas, Wirl, 2009, S. 14 f.).

3.2 Prävalenz von Übergewicht und Adipositas in Deutschland

Vergleicht man die Prävalenz für Übergewicht und Adipositas in Deutschland mit der anderer europäischer Länder, so stellt Deutschland mit ca. 60 % übergewichtiger und adipöser Erwachsener im Jahr 2008 keine Ausnahme dar (Vgl. Mensik et al., 2013, S. 788; Fröschl, Haas, Wirl, 2009, S. 15). Laut den erhobenen Daten des Mikrozensus 2009 und der GEDA-Studie 2010 (Gesundheit in Deutschland aktuell) waren, anhand Selbstangaben 15,7 % bzw. 16,1 % der Männer und 13,8 % bzw. 15,6 % der Frauen adipös. Sowohl im Mikrozensus 2009 als auch in der GEDA-Studie 2010 gaben 44 % der Männer und 29 % der Frauen an übergewichtig zu sein (Vgl. RKI, 2012, S. 116). Allerdings ist in beiden Studien zu berücksichtigen, dass Selbstangaben häufig mit Unterschätzungen des Körpergewichts und Überschätzungen der Körpergröße verbunden sind (Vgl. RKI, 2012, S. 116).

So liefert die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS 1), die im Jahr 2008-2011 durchgeführt wurde und Daten sowohl gemessen als auch erfragt hat weitaus höhere Ergebnisse. Laut DEGS 1 sind 67,1 % der Männer und 53 % der Frauen übergewichtig, während 23,3 % der Männer und 23,9 % der Frauen adipös sind (Vgl. Mensik et al., 2013, S. 788; Kurth, 2012, S. 980 ff.). Parallel dazu lässt sich beobachten, dass sich der hohe Anteil Übergewichtiger zeitlich kaum verändert, während gleichzeitig der Anteil Adipöser stetig zunimmt, vor allem unter jungen Erwachsenen (Vgl. Mensik et al., 2013, S. 790; Fröschl, Haas, Wirl, 2009, S. 15).

So zeigt die KiGGS-Studie (Kinder- und Jugendgesundheitssurvey), die von 2003 bis 2006 durch das RKI durchgeführt wurde, dass 15 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren übergewichtig sind und davon 6,3 % unter Adipositas leiden (Vgl. Abbildung 5) (Vgl. Kurth, Schaffrath Rosario, 2007, S. 736 f.).

Abbildung 5: Ergebnisse der KiGGS-Studie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Vgl. RKI/BzGA, 2008, S. 42.

Hochgerechnet sind dies 1,9 Millionen übergewichtige und 800.000 adipöse Kinder in Deutschland (Vgl. Kurth, 2012, S. 736 f.). Für die Studien wurden Daten von 14.747 Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren durch Befragungen und Untersuchungen erhoben. Zur Beurteilung von Übergewicht und Adipositas wurde der BMI auf Grundlage der Referenzwerte herangezogen (Vgl. Unterkapitel 2.3) (Vgl. RKI, 2008, S. 58). Aus Abbildung 5 wird ersichtlich, dass der Anteil der an Übergewicht und Adipositas leidenden parallel zum Lebensalter steigt (Vgl. RKI/BzGA, 2008, S. 42).

Vergleiche mit den Referenzdaten aus den Jahren 1985 bis 1999 zeigen, dass sich der Anteil an Übergewichtigen um 50 % erhöht hat (Vgl. Abbildung 6). Dabei fiel der Anstieg bei den älteren Kindern- und Jugendlichen höher aus, als der der jüngeren. So verdoppelte sich der Anteil Übergewichtiger unter den 14- bis 17- Jährigen und der Anteil Adipöser verdreifachte sich sogar, im Zeitverlauf (Vgl. RKI/BzGA, 2008, S. 42; Kurth, Schaffrath Rosario, 2007, S. 738).

Abbildung 6: BMI-Perzentile im KiGGS 2003-2006 (durchgezogene Linie) im Vergleich zu den Referenzdaten von 1885-1999 (gestrichelte Linie)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Vgl. Kurth, Schaffrath Rosario, 2007, S. 741.

3.3 Risikofaktoren für Übergewicht und Adipositas im Kindesalter

Nach Von Kries (2005) wurden in zahlreichen epidemiologischen Studien verschiedenste Risikofaktoren identifiziert, die Einfluss auf die Entstehung von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter nehmen können (S. 20). Wie nachfolgend dargestellt lassen sich dabei nicht beeinflussbare und potenziell beeinflussbare Risikofaktoren unterscheiden.

3.3.1 Nicht beeinflussbare Risikofaktoren

Familiäre Einflüsse und genetische Faktoren:

Obwohl das Entstehen von Übergewicht und Adipositas multifaktoriell ist, wurde vor allem Elterliches Übergewicht als wichtigste Determinante bei Kindern- und Jugendlichen identifiziert und wird förmlich in allen Querschnitts- sowie Kohortenstudien genannt (Vgl. Langguth, 2011, S. 294; von Kries, 2005, S. 20). Nach dem RKI und dem BzGA (2008) ist das Risiko für Adipositas bei Kindern mit zwei übergewichtigen Elternteilen fast achtmal höher als das von Kindern ohne einen übergewichtigen Elternteil (S. 48). Selbst wenn nur ein Elternteil übergewichtig ist, erhöht sich das Risiko für das Kind an Adipositas zu leiden um das Dreifache, unabhängig davon welcher Elternteil von Übergewicht betroffen ist (Vgl. RKI/BzGA, 2008, S. 48). Dass hierfür zum einen genetische Faktoren eine Rolle spielen können zeigten Zwillingsstudien, die bei getrennt aufwachsenden, eineiigen Zwillingen sehr eng zusammenliegende BMI-Werte aufzeigten (Vgl. Hebebrand, Wermter, Hinney, 2005, S.28 f.; Stunkard et al., 1990, S. 1483 ff.). Zum anderen zeigten sich die Zusammenhänge von elterlichem Übergewicht und einer Adipositas des Kindes auch bei nicht leiblichen Eltern. Dies spiegelt die große Bedeutung von gesundheitsrelevanten Lebensgewohnheiten innerhalb von Familien wieder und die damit an die Kinder übermittelten Verhaltensweisen, als wesentlichen Risikofaktor (Vgl. Wabitsch et al., 2013, S. 370 f.; RKI/BzGA, 2008, S. 48). Zudem ist bei übergewichtigen Kindern die Wahrscheinlichkeit weitaus höher auch als Erwachsene übergewichtig zu sein (Vgl. Fröschl, Haas, Wirl, 2009, S. 17).

Soziale Faktoren:

Übergewicht und Adipositas ist innerhalb der Gesellschaft nicht gleichmäßig verteilt, sondern durch soziale Faktoren definiert, die das Risiko vor allem im Kindesalter beeinflussen (Vgl. Lampert et al., 2013, S. 816 f.; Sassi, 2010, S. 80). So zeigt sich, dass bei Kindern aus Familien mit einem niedrigen SÖS (sozioökonomischen Status) Übergewicht und Adipositas stärker ausgeprägt sind, als bei Kindern aus höheren sozialen Schichten (Vgl. RKI, 2012, S. 59; Monteiro et al., 2004, S. 940 ff.).

Wie in Abbildung 7 ersichtlich ist der Anteil der an Adipositas leidenden Mädchen und Jungen aus Familien mit niedrigem SÖS etwa dreimal höher als der der Kinder aus Familien mit einem sehr hohen SÖS (Vgl. RKI/BzGA, 2008, S. 42). Zudem ist ersichtlich, dass der Zusammenhang von SÖS und Übergewicht bei Mädchen größer ist als bei Jungen (Vgl. RKI/BzGA, 2008, S. 44).

Abbildung 7: Adipositas nach Alter, Geschlecht und Sozialstatus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Vgl. RKI/BzGA, 2008, S. 43.

Hohes Geburtsgewicht:

In Deutschland werden immer mehr Kinder mit einem erhöhten Körpergewicht geboren, d.h. über 4500 g (Branca, Nikogosian, Lobstein, 2007, S. 8). Mehreren Studien stellten in diesem Kontext fest, dass ein Zusammenhang zwischen dem Geburtsgewicht und Adipositas besteht (Vgl. Kurth, Schaffrath Rosario, 2007, S.740; Czerwinski-Mast et al. 2003, S. 728). Die Ergebnisse zeigen, dass ein hohes Geburtsgewicht (> 4000 g) mit einem erhöhten Risiko einer später entstehenden Adipositas verbunden ist, verglichen mit den Probanden mit einem niedrigeren Geburtsgewicht (≤ 4000 g) (Vgl. Yu et al., 2011, S. 525 ff.).

3.3.2 Potenziell beeinflussbare Risikofaktoren

Körperliche Inaktivität und Medienkonsum

Die Zunahme von Übergewicht und Adipositas spricht dafür, dass in den letzten Jahrzehnten umweltbedingte Veränderungen hinsichtlich der Energieaufnahme und/oder –verbrauch stattgefunden haben (Vgl. Winkler, Hebestreit, Ahrens, 2012, S. 25; Hebebrand, Bös, 2005, S. 51). Dabei wird von dem Rückgang beider ausgegangen, wobei die Abnahme des Energieverbrauchs in diesem Zusammenhang stärker ausgefallen ist als die Reduktion der Energiezufuhr. Zusammenfassend bleibt im Ergebnis eine positive Energiebilanz (Vgl. Winkler, Hebestreit, Ahrens, 2012, S. 25; Hebebrand, Bös, 2005, S. 51). Parallel dazu weisen schon Kleinkinder heutzutage eine sehr geringe Bewegungsaktivität auf (Vgl. Reilly et al., 2004, S. 211 f.). Z. B. kam eine Untersuchung von 1500 deutschen Grundschulkindern zu dem Ergebnis, dass ein Viertel der Kinder einmal oder weniger pro Woche im Freien spielt (Vgl. Bös, Opper, Woll, 2002, S. 5 ff.).

Somit ist ein weiterer potenziell beeinflussbarer Risikofaktor für Übergewicht und Adipositas im Kindes und Jugendalter die körperlich-sportliche Aktivität, die allerdings schwer messbar ist (Vgl. Wabitsch et al., 2013, S. 370 f). Um körperliche Aktivität zu messen „wäre eine objektive, apparative Messung“ geeignet (von Kries, 2005, S. 21). Da dies in großen epidemiologischen Studien nicht möglich ist, wird in den meisten Fällen die körperliche Aktivität des Kindes anhand von Befragungen eingeschätzt (Vgl. von Kries, 2005, S. 21). So zeigt die Einzelbetrachtung der KiGGs-Daten, dass eine niedrige Aktivität im Vergleich zu mittlerer bzw. hoher Aktivität einen Einfluss auf das Risiko für Übergewicht und Adipositas nimmt. Allerdings ist dieser Effekt nur gering ausgeprägt. (Vgl. RKI/BzGA, 2008, S. 47).

Besser untersucht ist in diesem Zusammenhang der Einfluss des Medienkonsums, da dieser mit körperlicher Inaktivität assoziiert wird (Vgl. BMBF, 2013). Dies liegt zum einen daran, dass die Kinder- und Jugendlichen in der Zeit vor dem Fernseher nicht körperlich aktiv sind und zum anderen, dass sie währenddessen der Werbung für kalorienreiche Nahrungsmittel ausgesetzt sind (Vgl. RKI/BzGA, 2008, S. 47). Da in vielen Querschnittsstudien für starken Fernsehkonsum eine Risikoerhöhung für Übergewicht und Adipositas im Kindesalter um den Faktor 1,5 bis 2 festgestellt wurde und dies selbst nach Adjustierung der Störfaktoren, gilt Fernsehkonsum nicht nur als indirekter Parameter zur Abschätzung der körperlichen Aktivität (Vgl. BMBF, 2013; Hebebrand, Bös, 2005, S. 56 f.). So wurde auch in der multifaktoriellen Auswertung der KiGGs-Daten, unter Adjustierung der Störfaktoren ein hoher Fernsehkonsum als ein um 60 % erhöhender Risikofaktor für Übergewicht und Adipositas identifiziert (Vgl. RKI/BzGA, 2008, S. 47).

Rauchen der Eltern und/oder der Mutter in der Schwangerschaft

Kinder, deren Eltern rauchen, haben im Vergleich zu Kindern von Nichtrauchern ein erhöhtes Risiko für Übergewicht und Adipositas. In diesem Zusammenhang wurde nachgewiesen, dass der Einfluss der rauchenden Mutter dabei etwas stärker ist als der des Vaters (Vgl. RKI/BzGA, 2008, S. 47). Gleichzeitig muss berücksichtigt werden, dass Rauchen als Indikator für ein wenig gesundheitsbewusstes Verhalten angesehen werden kann und somit ein indirektes Anzeichen für den Sozialstatus der Eltern darstellt (Vgl. BMBF, 2013).

Obwohl Rauchen in der Schwangerschaft bekanntlich die wichtigste Ursache für ein niedriges Geburtsgewicht kennzeichnet, nimmt dies negativen Einfluss auf das spätere Risiko für Übergewicht und Adipositas im Kindesalter (Vgl. von Kries, 2005, S. 22). So belegen die Ergebnisse mehrerer Studien, unter Berücksichtigung anderer Störfaktoren, dass das Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft das spätere Risiko für Übergewicht und Adipositas im Kindesalter erhöht (Vgl. BMBF, 2013; Toschke et al., 2003, S. 1068 ff.).

Nicht Stillen

Ein weiterer potenziell beeinflussbarer Risikofaktor für Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter ist das Stillen (Vgl. Dewey, 2003, S. 9 ff.). So erschienen nach von Kries (2005) in den letzten Jahren eine Vielzahl von Studien, die den Zusammenhang von Stillen und Übergewicht bzw. Adipositas im Kindesalter untersuchten (S. 22). Die Mehrzahl dieser Studien zeigte ein signifikant erhöhtes relatives Risiko für Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter, wenn die Babys nicht gestillt wurden (Vgl. Arenz, von Kries, 2005, S. 40 ff). Zudem zeigte sich „ein klarer Dosis-Wirkungs-Effekt der Stilldauer auf die Adipositasprävalenz [...] [,sowie] für die Prävalenz von Übergewicht“, d.h. je kürzer die Kinder gestillt worden waren, desto größer war das Risiko für Übergewicht und Adipositas (Oberle et al., 2003, S. 59). Gründe, weshalb das Stillen positiven Einfluss auf das spätere Gewicht nimmt könnten z. B. der niedrigeren Eiweißgehalt von Muttermilch im Vergleich zu Formelmilch sein oder die bessere Selbstregulation der Nahrungsaufnahme gestillter Kinder (von Kries, 2005, S. 22).

Gewichtszunahme im 1. Lebensjahr:

Nach Ong et al. (2000) zeigen verschiedene Studien einen Zusammenhang zwischen einer starken Gewichtszunahme in den ersten zwei Lebensjahren und dem Risiko für Übergewicht und Adipositas im Kindesalter (967 ff.). Dabei kann in Betracht gezogen werden, dass die frühe und hohe Gewichtszunahme weniger durch den natürlichen Hunger des Kindes hervorgerufen wird, sondern durch die von außen verabreichte Kalorienverabreichung (Vgl. von Kries, 2005, S. 21). Nach von Kries (2005) stellt die beschriebene Gewichtszunahme in den ersten zwei Lebensjahren allerdings nur einen kleinen Teil des Gesamtrisikos für Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter dar (S. 21).

Wenig Schlaf

Ein weiterer potenziell beeinflussbarer Risikofaktor für Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter ist eine zu niedrige Schlafdauer (Vgl. Wabitsch et al., 2013, S. 370 f.; Kurth, Schaffrath Rosario, 2007, S. 740). Auch die Daten der KiGGS-Studie zeigen bei Kindern, die nachts weniger schlafen als Kinder gleichen Alters, ein leicht erhöhtes Risiko für Übergewicht und Adipositas (Vgl. RKI/BzGA, 2008, S. 47). Da übergewichtige Menschen allerdings schlechter und weniger schlafen, ist abschließend nicht einzuschätzen ob die kürzere Schlafdauer eine Folge von Übergewicht und Adipositas ist, oder ob Übergewicht und Adipositas eine Folge der kürzeren Schlafdauer sind (von Kries, 2005, S. 22). Allerdings könnten hormonelle Einflüsse, aufgrund der Insulin- und Wachstumshormonregulation im Schlaf eine Erklärung für die Annahme sein, dass wenig Schlaf das Risiko von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter erhöhen (Vgl. Wabitsch et al., 2013, S. 370 f.; RKI/BzGA, 2008, S. 47).

Weitere Risikofaktoren

Neben den dargestellten Risikofaktoren wurden in der verfügbaren Literatur noch weitere Risikofaktoren für Adipositas und Übergewicht im Kindes- und Jugendalter erfasst und diskutiert. Hierzu zählten unter anderem z. B.:

- Alleiniges Einnehmen von Hauptmahlzeiten
- niedriger familiärer Zusammenhalt
- aufwachsen mit nur einem Elternteil
- psychische Faktoren
- fehlende Betreuung nach der Schule
- Schultyp (Haupt-, Förder- und Sonderschulen)
- ungesunde Ernährung (Vgl. Fröschl, Haas, Wirl, 2009, S. 16; RKI/BzGA, 2008, S. 43; Kurth, Schaffrath Rosario, 2007, S. 740; von Kries, 2005, S. 21 f.).

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Details

Seiten
34
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668030886
ISBN (Buch)
9783668030893
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305158
Institution / Hochschule
Hochschule Ludwigshafen am Rhein
Note
1,0
Schlagworte
Übergewicht Adipositas Kinder Jugendliche

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Titel: Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland