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Soziale Verhältnisse im spätmittelalterlichen Paris. Infrastruktur, Politik und Wirtschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Allgemeine Verhältnisse im mittelalterlichen Frankreich

3. Vorgeschichte und Entstehung der Stadt Paris

4. Paris im Spätmittelalter
4.1. Infrastruktur und Lage
4.2. Politische und wirtschaftliche Verhältnisse
4.3. Soziale Verhältnisse
4.4. Kirche und Klöster
4.5. Intellektuelles Leben

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

7. Onlineverzeichnis

1. Einleitung

Paris - Die französische Metropole am Ufer der Seine zählt mit seinen 2,5 Millionen Einwohnern innerhalb der Stadt und ca. 12 Millionen Einwohnern im stetig wachsenden Umland heute zu einer der größten und womöglich vielseitigsten Städte in Westeuropa.[1] Gerade was die sozialen und kulturellen Verhältnisse angeht, hat diese Stadt viele Gesichter. Zeugnisse im Bereich der Kunst und Architektur aus unterschiedlichsten Epochen machen das außergewöhnlich schöne Bild der Stadt aus.

Doch wie vollzog sich diese Entwicklung? So vielseitig Paris uns heute erscheint, so einzigartig ist auch seine Geschichte. Der Weg zur europäischen Meteorpole war vielseitig und vollzog sich in unterschiedlichen Dimensionen. Wie jede Stadt schrieb Paris seine ganz eigene Geschichte; hatte eine individuelle Entstehungsphase, wurde von Krisen wie z.B. der Pest erschüttert, sah sich mit wechselnden Herrschern, dem Hundertjährigen Krieg und z.B. viele Jahrhunderte später 1910 mit einer Jahrhundertflut konfrontiert.[2]

Innerhalb dieser Seminararbeit soll Paris jedoch vor allem in der Zeit des Spätmittelalters genauer reflektiert werden. Ziel ist es hauptsächlich die sozialen Verhältnisse im spätmittelalterlichen Paris zu beleuchten. Zu beachten gilt, dass diese von zahlreichen Faktoren in unterschiedlichen Dimensionen beeinflusst waren. So spielen in Bezug auf soziale Aspekte die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu jener Zeit in und um Paris eine bedeutsame Rolle. Ebenfalls möchte ich auf das klerikale und intellektuelle Spektrum der Stadt eingehen.

Im Rahmen des Seminars „Soziale Verhältnisse der spätmittelalterlichen Stadt“ lernten wir zahlreiche europäische Städte auf ihrem Weg durch das Mittelalter kennen. Grundlage für die Arbeit im Semester war zunächst eine genauere Reflexion des Begriffs „Stadt“, vor allem in Bezug auf die Phase des Mittelalters bzw. Spätmittelalters.

Durch die stetige Verbreitung von Zivilisationsarten und das Aufkommen immer weiterer Hochkulturen gibt es Städte bereits seit Jahrtausenden.

Wenn gleich es für jede Epoche Charakteristika und Neuerungen gab, deckt dieses Lexem heute einen für alle Städte allgemein gültigen Bedeutungsinhalt ab. In der Brockhaus Enzyklopädie wird dazu definiert: Eine Stadt ist „ [ … ] eine Siedlung, die im Gegensatz zu l ä ndlichen Siedlungen durch ihre meist nichtlandwirtschaftlichen Funktionen (Ausnahme: Ackerb ü rgerstadt) sowie durch eine gr öß ere Zahl weiterer Einzelmerkmale mit allerdings je nach Raum und Zeit unterschiedlichen Ausma ß en charakterisiert ist; dazu z ä hlen ihre Gr öß e (v.a. gr öß ere Einwohnerzahl), die Geschlossenheit der Ortsform (kompakter Siedlungsk ö rper), h ö here Bebauungsdichte, ü berwiegende Mehrst ö ckigkeit der H ä user (zumindest Stadtkern) [ … ]. “ [3]

In Bezug auf die Zeit des Mittelalters ist Siedlungsgeschichte oftmals im Zusammenhang mit Entwicklungstendenzen der nachrömischen Zeit zu betrachten. So entstand Bonn als Beispiel für viele weitere Städte im Umfeld zerstörter römischer Städte bzw. Kastelle. Besonders wichtig waren darüber hinaus Verbindungen zu den bestehenden Burgen, Pfalzen, Domburgen und Klöstern.[4] Vor allem in Zeit der Staufer und der nachstaufischen Zeit (1125 - 1313) florierten im Deutschen Reich die Städte als Keimzellen für die kontinuierlich wachsende Bevölkerung. Die Arbeitsformen und der Handel wurden vielschichtiger.[5]

Ab ca. 1313 waren diese positiven Entwicklungen rückläufig. Der Wachstum und die stetigen Neugründungen von Städten stagnierten. Da die Arbeit innerhalb der Städte im Vergleich zur agrarwirtschaftlichen Arbeit an Bedeutung gewann und die Zuwanderung aus ruralen Gebieten in urbane Zentren zunahm, konnten die massiven Bevölkerungsverluste durch die Pest (ab ca. 1349) teilweise ausgeglichen werden. Somit war es möglich, dass sich Wirtschaft und Kultur weiterentwickeln. In Bezug auf die gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse kam es zu einer Abwertung.

Immer mehr Zünfte[6] wurden geschlossen und die armen Schichten der Bevölkerung konnten kein Zunft-, bzw. Bürgerrecht mehr erwerben. So fristeten sie ihr Dasein als Tagelöhner, einfache Bedienstete, Gesellen oder Heimarbeiter.[7] Außerdem traten immer weitere soziale Konflikte zwischen Räten der Städte und der Bürgerschaft auf, wobei die ratsfähigen Teile der Gesellschaft stets auf ihrer Stellung über Bürgern und Einwohnern beharrten: „ In ressortm äß iger Aufteilung der laufenden Gesch ä fte auf die einzelnen Ratsmitglieder schufen sie eine fr ü he Form des am Gemeinwohl orientierten, zu umfassender sozialer F ü rsorge, aber auch zum Schutze der b ü rgerlichen Rechte verpflichteten Gemeinwesens mit obrigkeitlichem Gewaltmonopol und Zust ä ndigkeit f ü r Lebensmittelversorgung, Preis -, und Lohnpolitik, Armenpflege, Hygiene, Schulwesen, Kirchen -, und Stiftungsaufsicht, Feuerschutz, freiwillige Gerichtsbarkeit und vieles andere. “ [8]

Bevor ich auf das eigentliche Thema „Soziale Verhältnisse im spätmittelalterlichen Paris“ eingehe, möchte ich das Thema vorab in einen gesamtfranzösischen Kontext einbetten und überblicksartig auf einige Besonderheiten Frankreichs im Mittelalter eingehen.

2. Allgemeine Verhältnisse im mittelalterlichen Frankreich

Sieburg stellt für die Entwicklung Frankreichs heraus, dass man bis ca. zum 9. Jahrhundert nicht von einer direkten französischen Geschichte sprechen könne und benennt weiter: „ Die Grundelemente, aus denen sich nach dem Tod Karl des Gro ß en eine franz ö sische Nation entwickeln sollte, sind allerdings schon erkennbar. “ [9] Ähnlich wie im Deutschen Reich nahmen die Städte in Frankreich ebenfalls eine wichtige Position im politischen Leben ein, wenn gleich Frankreich sich im frühen Mittelalter deutlicher über landwirtschaftliche Aspekte definierte.[10]

In Bezug auf das städtische Leben im 13. und 14. Jahrhundert ist aufgrund des Quellenmaterials festzuhalten, dass sich die Einwohnerzahl französischer Städte oft auf lediglich 1500 - 2000 bezog. Paris war zu jener Zeit mit seiner Einwohnerzahl von ca. 220 000 nicht annähernd zu übertreffen.[11]

Die sozialen Verhältnisse waren lange Zeit ähnlich hierarchisch gegliedert wie im Deutschen Reich. Die ruhmreiche Kaufmannschaften, den Juristenstand und die Finanzbourgeoisie bildeten das Patriziat. Im Zentrum dieser Institution stand die Vergrößerung und Anreicherung des Grundbesitzes; das Unternehmertum trat dafür in den Hintergrund.[12] Weiterhin führt Leguay zu den Schichten im Frankreich des Mittelalters aus: „ Die (wirtschaftlich wenig gesicherten) Handwerker -, und Arbeiterbev ö lkerung lebte meist verstreut, seltener konzentriert in eigenen Stra ß en oder Vierteln. Handwerker konnten in Z ü nften (m é tiers) oder Bruderschaften (confr é ries) zusammengeschlossen (werbes), die diversen Gruppen der (m ä nnlichen und weiblichen) Dienstboten, Handlanger und Tagel ö hner [ … ]. “ [13]

Im fortwährenden Mittelalter des 14. und 15. Jahrhundert häuften sich einige Krisen, die Einfluss auf die Entwicklung der Städte Frankreichs und die sozialen Verhältnisse nahmen. Der Hundertjährige Krieg hinterließ deutliche Spuren im Land; die große Hungersnot plagte die Menschen, es kam zu immer neuen militärischen Ausschreitungen und auch die Pest kam ab 1349 schubartig und ohne Erbarmen immer wieder. Flüchtlinge strömten in die Städte und versammelten sich von Verelendung gezeichnet in den Armenvierteln. Die sozialen Auswirkungen und die negativen Tendenzen in den Städten werden z.B. anhand des rapiden Absinkens von Steuerpflichtigen deutlich.[14]

Ebenfalls rückläufig waren „ Gesch ä ftsabschl ü sse, Lehr-, und Dienstvertr ä ge, der R ü ckgang der st ä dtischen Grundst ü ckspreise und Renteneink ü nfte, der Zunahme der Testamente [ … ], selbst der Anstieg beim Verkauf von Leichent ü chern in den Hospit ä lern [ … ] “.[15]

Genau wie im Deutschen Reich zog es die Menschen erst im fortlaufenden Mittelalter zunehmend in die Städte. Dort wurden z.B. Militärwerkstätten etabliert. Geschütze und Waffen wurden in Kriegszeiten ebenfalls innerhalb der Städte gefertigt. Innerhalb der Stadtmauern wurden, sofern dies der Haushalt zuließ, umfassende Bemühungen „ zur Verbesserung der Infrastruktur: Stra ß enpflasterung, Wasserversorgung (Brunnen), Hospit ä ler (z.T. bereits mit spezieller Krankenhaus - Funktion), Ausbau der Kathedralen, Bau von Bergfrieden und Uhrt ü rmen [ … ], Errichtung von Fleisch -, und Fischm ä rkten, oft als monumentale Hallen [ … ], Schaffung von Bildungseinrichtungen (Schulen, Universit ä ten) [ … ] “ [16] angestellt.

Nach diesen überblicksartigen Ausführungen zu den Sozialen Verhältnissen und der allgemeinen Stadtentwicklung in Frankreich möchte ich nun dazu übergehen Paris in Bezug auf jene Aspekte exemplarisch näher zu beleuchten.

3. Vorgeschichte und Entstehung der Stadt Paris

Um die Entwicklungstendenzen des spätmittelalterlichen Paris zielgerichteter beleuchten zu können, soll meiner Ausführung ein recht kurzer entwicklungsgeschichtlicher Exkurs vorangehen.

Seinen Ursprung findet die Stadt in der gallorömischen Periode. „Lutetia“ wird erstmals im 3. Jhd. v. Chr. als fester Ort, auf der noch heute existenten Seineinsel, benannt. Heute wird dieses Herzstück der Stadt Paris Île de la Cité genannt. Wie weit die Spuren menschlicher Besiedlung reicht ist strittig.[17]

Als sich das Imperium Romanum immer weiter in den Norden und Nordwesten des Seinegebiets verbreitete, rückte auch Julius Cäsar in die Region ein und überfiel mit seinem Heerführer Titus Labienus 52 v. Chr. den ansässigen Stamm der keltischen Parisii. Die damalige keltische Flusssiedlung gehörte fortan dem Römischen Reich an und wurde durch Gallien von Lyon aus beherrscht.[18]

Das nach regelmäßigem Plan und mit Mauern und Brücken befestigte Lutetia wurde im Laufe des Jahrhunderts zum Zentrum der Flussschifffahrt. Unter Tiberius in den Jahren zwischen 14 bis 37 gibt es in Paris eine Gruppierung in der Gesellschaft die sich „Nautes“ nennt. Diese bilden eine bedeutsame Gilde, denn die Magistrate der Hauptverwaltung der Stadt wurden innerhalb dieser Flussschifffahrtshändler gewählt. Später ergab sich daraus die Pariser Hanse, welche wiederum die Schöffen der Stadt stellte.[19] Im 3. Jahrhundert n. Chr. fielen die Barbaren erstmalig in der Stadt ein.[20] Das Römische Reich zerfiel im 5. Jahrhundert n. Chr. als die Barbaren weiter von allen Seiten heranrückten.[21] Paris war vom fränkischen Königtum unbeeinflusst, bis Chlodwig in der Nähe von Soissons 486 über die Römer siegte. Er machte mehr als 20 Jahre später Paris zu der Hauptstadt seines Reiches.[22] Unter Dagobert I. erlebte Paris eine Blütezeit. Courthion veranschaulicht dazu: „ Die Kaufleute werden hier verm ö gend. Die Goldschmiede sind wegen ihres Silbergeschirrs ber ü hmt, die Juweliere wegen ihrer Kunst, die Steine zu bearbeiten, die Kunsttischler wegen ihrer Geschicklichkeit. Zu den Messen der Stadt str ö men viel Volk zusammen. “ [23]

Die nachfolgenden Merowinger waren lediglich für die Errichtung einiger Kirchen am linken Ufer der Seine verantwortlich. Darüber hinaus hatten sie für die Stadt kaum Bedeutung.[24]

Auch in der folgenden Zeit der Karolinger fand Paris zunächst wenig Beachtung. Erst als die Normannen einbrachen kam es zum Wandel. Im Jahr 845 verließen sie das Gebiet im Umfeld der Stadt erst als es zu einer Lösegeldzahlung durch Karl dem Kahlen kam. Doch es folgten weitere Besetzungen, wodurch schließlich die römische Stadtbefestigung wieder aufgenommen wurde.[25]

Im Jahr 888 wurde Odo Graf von Paris zum König von Westfranken. Im Laufe der Jahrzehnte machten die Kapetinger Paris zu ihrer dauerhaften Residenz. Die Pfalz auf der kleinen Steininsel im Herzen der Statt wurde instand gesetzt. Im 11. Jahrhundert entwickelte sich Paris in einer relativ langen Periode des Friedens weiter.[26] Ein Jahrhundert später war das rechte Ufer der Seine mit zahlreichen Geschäftszweigen belebt. Auf beiden Seiten des Flusses wurden mehr und mehr Häuser gebaut. Auf der Île de la Cité vollzog sich in regem Treiben der kleine Handel. An diesem Ort in der Stadt lebten auch die meisten jüdischen Bewohner der Stadt.[27]

[...]


[1] Vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Laender/Frankreich.html, 2015.

[2] Das Thema kann im Rahmen dieser Arbeit leider keine Beachtung finden. Weiterführende Literatur vgl.: Willms, 2010 , S. 26.

[3] Brockhaus Enzyklopädie, 1993, S. 46.

[4] Vgl. Ebd., S. 47.

[5] Vgl. Pitz, 1995, Sp. 2176.

[6] Vgl. Brockhaus Enzyklopädie, 1993, S. 622; Def.: Einigungen, Gilden, ständ. Gliederungen der Handwerker, Gewerbetreibenden (z.B. Kaufleute) u.a. Berufsgruppen (z.B. Notare, Musikanten) vom MA bis ins 19. Jhd., entstanden teils aus freiwilligen genossenschaftl., durch Einung begründete Zusammenschlüsse, teils auf Anordnung des Stadtherrn. […]

[7] Vgl. Pitz, 1995, Sp. 2176 ff.

[8] Pitz, 1995, Sp. 2177.

[9] Sieburg, 1989, S.11.

[10] Vgl. Leguay, 1995, 2189.

[11] Vgl. Ebd., SP. 2191.

[12] Vgl. Ebd., Sp. 2192.

[13] Ebd.

[14] Vgl. Courthion, 1974, S. 42 ff.

[15] Leguay, Sp. 2193.

[16] Leguay, 1995, 2189.

[17] Im Jahr 1992 wurde in einem direkt an der Seine gelegenen Stadtteil neolithische Pirogen im Erdreich gefunden, die auf das Jahr 4800 - 4400 v. Chr. datiert sind. Vgl. dazu: Sohn, 2012, S. 22.

[18] Vgl. Sohn, 2012, S. 24 ff.

[19] Vgl. Courthion, 1974, S. 12.

[20] Vgl. Longère, 1995, Sp. 1705.

[21] Vgl. Courthion, 1974, S. 13.

[22] Ebd. S. 15.

[23] Vgl. Ebd.

[24] Vgl. Ebd. S.17.

[25] Vgl. Longère, 1995, Sp. 1705.

[26] Vgl. Ebd., Sp. 1706.

[27] Vgl. Courthion, 1974, S. 17.

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668046795
ISBN (Buch)
9783668046801
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v305126
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Historisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
Europa Paris Mittelalter Stadt soziale Verhältnisse Frankreich

Autor

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Titel: Soziale Verhältnisse im spätmittelalterlichen Paris. Infrastruktur, Politik und Wirtschaft