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Sokrates kontra Dionysos oder: Die Notwendigkeit der Illusion

Seminararbeit 2002 14 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Hauptteil
1.1.1. Apollon und das Apollinische
1.1.2. Dionysos und das Dionysische
1.2. Die notwendige Duplizität des Apollinischen und Dionysischen
1.3 Die tragische Kunst
2.1. Der Untergang der klassischen griechischen Tragödie
2.2. Sokrates und der Typus des theoretischen Menschen
2.3 Wissenschaft und tragische Erkenntnis

III. Fazit

IV. Anhang
1. Primärliteratur
2. Sekundärliteratur

I. Einleitung:

Als im Januar 1872 Nietzsches Erstlingswerks Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik erscheint, ist dieser Inhaber eines Lehrstuhls für klassische Philologie an der Universität Basel. Auch der Titel lässt vermuten, dass es sich hier um eine philologische Schrift handelt. Dies ist die Geburt der Tragödie mit ihren kunst- und literaturtheoretischen Reflexionen in weiten Teilen auch. Darüber hinaus jedoch finden wir in ihr die grundlegenden und zentralen Gedanken von Nietzsches philosophischem Werk. Nietzsche begnügt sich in der Geburt der Tragödie nicht mit einer Beschreibung der Entstehungsgeschichte der Tragödie als Kunstgattung, sondern richtet seinen Blick auf das gesamte Griechentum und die moderne Kultur, die für ihn nur „die in den Zustand der Verwesung übergangenen Reste der (...) griechischen Kultur repräsentieren“[1]. Die Grundfrage, die Nietzsche in seinem Werk umkreist, ist von existenzielle Natur: Wie kann man trotz der Einsicht in die Grausamkeit und der offensichtlichen Sinnlosigkeit des Daseins das Leben bejahen? Diese Frage sieht Nietzsche im Griechentum beantwortet. Die Griechen schufen in einem künstlerischen Prozess die Welt der olympischen Religion und des Mythos, in der sie die entsetzliche und lebensfeindliche Wahrheit des Daseins im apollinischen Glanz „verklärten“. „So rechtfertigen die Götter das Menschenleben, indem sie es selbst leben“[2] Die beiden Kunsttriebe, die diese Schöpfung der Griechen ermöglichten, sind in den Gottheiten Apollon und Dionysos versinnbildlicht. Diese miteinander in Konkurrenz tretenden Triebkräfte sind für Nietzsche auch für die Entstehung der griechischen Tragödie verantwortlich und bilden in der Geburt der Tragödie das zentrale Begriffspaar.

Diese beiden Kunsttriebe und ihre illusionären Schöpfungen möchte ich in der folgenden Arbeit beschreiben und deren Bedeutung für die Kunst, die Kultur und Nietzsches Sichtweise auf das Dasein erklären. Im zweiten Teil dieser Arbeit möchte ich Nietzsches Stellung zu Sokrates, den er für das Ende der griechischen Tragödie verantwortlich macht, und die damit eng verbundene Kulturkritik an der Moderne analysieren. Einige philologische Elemente der Geburt der Tragödie und die Überlegungen zur Erneuerung der Kultur durch die Musik Richard Wagners werde ich bewusst vernachlässigen, da sie den Rahmen meiner Arbeit überschreiten würden.

1.1.1. Apollon und das Apollinische:

Apollon, Sohn des Zeus und der Leto, ist der griechische Gott der Reinheit, der delphischen Weissagung, des Saitenspiels und Gesangs, der Rede und des Maßes; der Licht- und Sonnengott.[3] Er ist das Symbol für Ordnung, Form und maßvolle Begrenzung, für Klarheit, Strenge und Schönheit. Als Kunstgottheit stellt Apollon die „bildnerischen Kräfte“ dar, die den „schönen Schein der Traumwelten“ hervorbringen und die Voraussetzung aller bildenden Kunst sind.[4] Maßgeblichen Einfluss hat das Apollinische auch auf das „principii individuationis“, indem es als begrenzende und ordnende Kraft die Individuation des Menschen ermöglicht und aufrechterhält.

1.1.2 Dionysos und das Dionysische:

Dionysos, Sohn der Unterweltgöttin Persephone und des Zeus, wird durch einer Intrige im Götterreich von den Titanen in Stücke zerrissen und aufgefressen. Nur das Herz wird von Athene gerettet und zu Zeus zurückgebracht. Dieser verschluckt das Herz seines Sohnes zunächst, um ihm erneut das Leben zu schenken, indem er Semele, die Tochter des thebanischen Königs Kadmos, verführt. Als diese jedoch durch eine weitere Intrige Heras, der Gattin des Zeus, beim Anblick ihres Geliebten Zeus verbrennt, näht Zeus das ungeborene Kind in seinen Schenkel ein und bringt es später selbst zur Welt. Der junge Dionysos wächst dann unter der Obhut Inos, der Schwester Semeles, in Einsamkeit auf dem Berg Nysa auf. Später bricht er von dort mit seiner Gefolgschaft, den Mänaden[5], Satyrn[6] und Silenen[7], in die Welt auf, um sich in Delphi mit Apollon zu verbünden und

in den Kreis der olympischen Götter aufgenommen zu werden.[8]

Der schwärmerisch, ausschweifende Kult, der sich in seinem Namen entwickelte, zeigt die Macht des Dionysos. In ihm wird er als Gott der Frauen, des Weines und des Rausches verehrt. Die Symbole, die sich in diesem Gott vereinigen, weisen eine gewisse Ambivalenz auf. So ist Dionysos der Gott des Sexus und des Todes, der Lebenden und der Toten. In Abgrenzung zu Apollon jedoch versinnbildlicht Dionysos hauptsächlich die dunklen, titanischen Mächte der Natur, des Untergrundes und des Triebhaften, die man am deutlichsten in rauschhaften Zuständen empfindet, in denen das „principii individuationis“ zerbricht und sich der „Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen [schließt].“[9] Das Gefühl des Verbundenseins mit der Natur und dem „Urwesen“ bei gleichzeitiger Aufgabe der Individualexistenz löst im Menschen Lust und Entsetzen aus und ist nach Nietzsche die elementare Wesenserfahrung des Dionysischen. Ausgelöst werden solche rauschhaften, von der Vernunft nur schwer nachzuvollziehenden Empfindungen z.B. durch die Einnahme „narkotischer Getränke“, vor allen Dingen aber durch das Hören von ergreifender, mitreißender Musik.

1.2. Die notwendige Duplizität des Apollinischen und Dionysischen:

Nietzsche begründet die Einzigartigkeit des Griechentums und seiner Kunst damit, dass das Zusammentreffen der apollinischen und dionysischen Kräfte, trotz der eigentlichen Gegensatzstruktur, bei den Griechen einer „Versöhnung“ glich, und das die Dynamik ihres Zusammenspiels eine Ausgewogenheit und Balance erreichte, die es keiner Kraft ermöglichte, dauerhaft zu dominieren. Wie die alleinige Vorherrschaft des Dionysischen sich äußert, beschreibt Nietzsche mit Blick auf die Orgien der Barbaren: „Fast überall lag das Centrum dieser [dionysischen] Feste in einer überschwänglichen geschlechtlichen Zuchtlosigkeit, (...) [und] gerade die wildesten Bestien der Natur wurden hier entfesselt, bis zu jener abscheulichen Mischung aus Wollust und Grausamkeit (...)“[10] Diese „tragische Einsicht“ in die dionysische Wirklichkeit, in den triebhaft-titanischen und grausamen Untergrund der Welt ruft im Individuum Grauen und einen lebensverneinenden Pessimismus hervor. Die schreckliche Wahrheit, dass der Mensch nicht kontrollierbaren Schicksalsmächten unterworfen ist, die sein Leben bestimmen und viel Leid und Schmerz hervorrufen, ist im griechischen Mythos kunstvoll verbildlicht und tritt am deutlichsten in der griechischen Sage vom Weisen Silen und König Midas hervor, welche besagt, dass das Allerbeste sei, nicht geboren zu sein, das Zweitbeste bald zu sterben.[11] Die Frage, die Nietzsche nun aufwirft, lautet: Wenn die Griechen die „Schrecken und Entsetzlichkeiten des Daseins“ kannten, wie konnten sie das Leben so eindeutig bejahen und eine so „glanzvolle“ und „heitere“ Kultur erschaffen? Die Antwort gibt Apollon – bzw. die unter seinem Namen wirkende Triebkraft. Er trat in seinem formgebenden Schönheitstrieb den rauen und zerstörerischen dionysischen Kräften entgegen, verhüllte die grausame dionysische Wahrheit und „verklärte“ das Dasein im Schein der griechischen Kunst und der olympischen Religion. „Wie anders hätte jenes (...) zum Leiden so einzig befähigte Volk [der Griechen] das Dasein ertragen können, wenn ihm nicht dasselbe, von einer höheren Glorie umflossen, in seinen Göttern gezeigt worden wäre.“[12]

[...]


[1] Metzler-Philosophen-Lexikon, hrsg. v. Bernd Lutz, 2. Aufl., Stuttgart 1995.

[2] Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie Oder: Griechenthum und Pessimismus, Stuttgart 1993, S. 30.

[3] Vgl.: Der Brockhaus: in einem Band, hrsg. v. F.A. Brockhaus GmbH, 8. Aufl., Leipzig 1998.

[4] Vgl.: Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, S.20.

[5] Anm.: ekstatisch-wilde Frau.

[6] Anm.: ein lüsterner Waldgeist.

[7] Anm.: trunkener Alter, Fabelwesen in der griech. Sage.

[8] Vgl.: Ries, Wiebrecht: Nietzsche für Anfänger „Die Geburt der Tragödie“ Eine Lese-Einführung, München 1999, S.196-200.

[9] Vgl.: Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, S.23.

[10] Ebd., S.25.

[11] Vgl.: Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, S.29.

[12] Ebd. S.30.

Details

Seiten
14
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638317504
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v30499
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Philosophie
Note
unbenotet
Schlagworte
Sokrates Dionysos Notwendigkeit Illusion Einführung Philsophie

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