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Der Anti-Bias-Ansatz als Seminarkonzept. Erwachsenenbildung in der Friedrich-Ebert-Stiftung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 25 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Stand der Forschung
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Von der Interkulturalität über Diversity zum Anti-Bias-Ansatz? Das Beispiel der Bildungsangebote der Friedrich-Ebert-Stiftung

3. Der Anti-Bias-Ansatz
3.1 Begriffsbestimmung
3.2 Herkunft des Anti-Bias-Ansatzes
3.3 Intentionen
3.3.1 Anti-Bias-Curriculum (USA)
3.3.2 Zentrale Inhalte der Anti-Bias-Arbeit in Deutschland
3.3.2.1 Diskriminierung
3.3.2.2 Differenzierung (Intersektionalität)
3.3.2.3 Macht
3.3.3 Abgrenzung zu ‚interkulturellen‘ Trainings und ähnlichen Angeboten
3.4 Der Anti-Bias-Ansatz als Seminarkonzept in der Erwachsenenbildung der FES
3.5 Anti-Bias-Seminare im Kontext der Bundesrepublik Deutschland

4. Resümee: Der Anti-Bias-Ansatz als Seminarprogramm?

Bibliographie

1. Einleitung

Interkulturalität, interkulturelle Kommunikation und interkulturelle Kompetenz scheinen in Deutschland seit den 1980er Jahren1 zunehmend an Bedeutung gewonnen zu haben, wie auch Mecheril et al. (2010b) bemerken:

ÄSeit Anfang der 1980er-Jahre findet das Wort ‚interkulturell‘ im Zusammenhang mit Bildung, Erziehung und Pädagogik Verwendung und seither hat sich der Ausdruck ‚interkulturell‘ in der erziehungswissenschaftlichen Fachöffentlichkeit zum Schlüsselbegriff entwickelt, um Fragen im Themenfeld ‚Migration und Bildung‘ zu thematisieren.“2

Auch in den außeruniversitären Bildungsangeboten gibt es eine Vielzahl an Seminaren und Workshops mit interkultureller Perspektive, die mitunter auch explizit als interkulturelle Trainings bezeichnet werden, die aber nicht unbedingt den Logiken und Fragestellungen des wissenschaftlichen Arbeitsfeldes der sogenannten Interkulturellen Pädagogik folgen müssen.3 Was damit gemeint sein kann, offenbart etwa die Kritik Mecherils (2010a) an Theorie und Praxis einiger interkultureller Ansätze in der Bildungsarbeit. Sie richteten sich an die Mehrheitsangehörigen und blendeten die als kulturell Andere vorgestellten aus. Oftmals herrsche ein Äessentialisierte[s] Verständni[s] von Fremdheit“ vor; Differenzen würden kulturalisiert und als Änational-ethnische Unterscheidung[en]“ festgeschrieben.4 Die Bedeutung anderer Differenzlinien wie Ä‚Klasse‘ und ‚Geschlecht‘“ sowie Äbestehende Machtunterschiede“ in der Gesellschaft blieben dabei außen vor. Ein Äinstrumentelle[s] Verständnis von interkultureller Kompetenz“ leiste zudem der Vorstellung Vorschub, es handele sich hierbei um eine Art Rezeptwissen, das nur einmal angeeignet werden müsse, um fortan ständig verfügbar zu sein. Mecheril (2010a) fordert daher davon abgrenzend in spöttischer Weise die Herausbildung einer ÄKompetenzlosigkeitskompetenz“ ein, worunter er ein Phänomen versteht, Ädas in reflektierten, Zeit beanspruchenden Prozessen gebildet wird und sich bildet.“ Allerdings bedürfe es hierfür zunächst einmal

Äreflexiver Orte in universitären und außeruniversitären Bildungskontexten, sowie in Kontexten pädagogischen Handelns.“5

Die im Rahmen dieser Arbeit im Mittelpunkt des Interesses stehende Frage lautet nun, ob sich mit dem sogenannten Anti-Bias-Ansatz womöglich ein solch reflexiver Raum eröffnen und für Bildungsprozesse zugänglich machen ließe. Denn zumindest auf konzeptioneller Ebene scheint dieser Ansatz den skizzierten Unzulänglichkeiten einiger interkultureller Ansätze zu begegnen.

Den Ausgangspunkt für die kritischen Überlegungen zu interkulturellen Ansätzen und zur Frage ihrer möglichen Weiterentwicklung mit Blick auf den Anti-Bias-Ansatz bilden eigene Erfahrungen des Autors im Rahmen interkultureller Bildungsangebote, die zwischen 2012 und 2014 im Rahmen des stipendiatischen Seminarangebotes der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) durchgeführt wurden (siehe Kapitel 2). Vor dem Hintergrund der Beschäftigung mit dem Anti- Bias-Ansatz bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass mit diesem Ansatz ein Konzept (siehe Kapitel 3) vorliegt, das die bisherige Praxis der interkulturellen Trainingskultur, zumindest soweit ich sie in der FES selbst erlebt habe, fortentwickeln helfen könnte. Denn wenn es zu den

Hauptanliegen der Anti-Bias-Arbeit gehört, kritisches Denken und solche Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, die dazu befähigen, erfahrener Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft aktiv entgegenzutreten,6 scheint den Werten einer der sozialen Gerechtigkeit verpflichtenden Stiftungsarbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung7 geradezu entsprochen zu werden.

Im Kern der vorliegenden Arbeit soll daher versucht werden, den Anti-Bias-Ansatz einschließlich seiner Intentionen prägnant zu skizzieren und daraufhin zu befragen, inwiefern dieser als Seminarkonzept in der Erwachsenenbildung im Kontext der Bundesrepublik Deutschland realisiert werden kann.

1.1 Stand der Forschung

Die Forschungslage zum Anti-Bias-Ansatz in Deutschland ist derzeit noch durch eine sehr überschaubare Anzahl theoretischer Arbeiten gekennzeichnet.8 Zu nennen sind hier insbesondere die Promotionsschriften von Katja Gramelt (2010) und von Oliver Trisch (2013) sowie die Magisterarbeit von Bettina Schmidt (2009), deren Doktorarbeit zum Thema bald folgen wird. Gramelt (2010) fokussiert in ihrer Arbeit insbesondere die ÄAnwendungs- und Umsetzungskonzept[e] des Anti-Bias-Ansatzes“9 in Deutschland, geht dabei aber nur knapp auf den Aspekt der Erwachsenenbildung ein. Schmidt (2009) verfolgt dahingegen eine eher allgemeine, theoretische Bestimmung des Ansatzes und diskutiert dabei ebenso das Für und Wider eines Anti-Bias-Seminarkonzeptes für die politische Bildungsarbeit. Auch Trisch (2013) beschäftigt die Ätheoretisch[e] Weiterentwicklung, Fundierung und Begründung des Konzeptes sowie seine Adaption an den deutschen Kontext“, wobei die Erwachsenenbildung hier klar im Vordergrund des Forschungsinteresses steht.10

Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer Dokumente zum Ansatz, die teils aus der Praxisarbeit hervorgegangen sind und einen einführenden Überblickscharakter aufweisen, sowie eine Evaluationsstudie von Mechtild Gomolla (2007)11 zum Projekt ÄKinderwelten“12, einem Projekt zur frühkindlichen Bildung mit dem Anti-Bias-Ansatz in Kindertageseinrichtungen. Da der Fokus hier aber nicht auf der Bildungsarbeit mit (Klein-) Kindern ruht, soll darauf kein weiterer Bezug genommen werden.

1.2 Aufbau der Arbeit

In Kapitel (2) soll ein knapper Überblick über das stipendiatische, interkulturelle Bildungsangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) dabei behilflich sein, den Anti-Bias-Ansatz an späterer Stelle mit den bisherigen Konzepten ins Verhältnis setzen zu können. Hiernach gilt es in Kapitel (3) Bedeutung, Herkunft, Intentionen und zentrale Inhalte des Anti-Bias-Ansatzes zu umreißen. Dabei werden - zumindest prägnant - auch die Besonderheiten des Seminarkonzeptes sowie des Anwendungskontextes der Bundesrepublik Deutschland berücksichtigt. In Kapitel (4) werden die Befunde dann zusammengeführt und einer abschließenden Bewertung unterzogen.

2. Von der Interkulturalität über Diversity zum Anti-Bias-Ansatz? Das Beispiel der Bildungsangebote der Friedrich-Ebert-Stiftung

Mithilfe einer knappen Betrachtung des jüngeren stipendiatischen Bildungsangebotes der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) gilt es zunächst, die generellen Intentionen des interkulturellen Seminarprogrammes der Stiftung zu rekonstruieren. Die hierdurch erhaltene Referenzfolie kann einerseits den formulierten Kritikpunkten interkultureller Ansätze, andererseits aber auch den Ansprüchen des Anti-Bias-Ansatzes gegenübergestellt werden und zum Vergleich dienen.

Ein Blick in die Selbstbeschreibungen der online verfügbaren Seminarinhalte13 offenbart die vordergründigen Zielrichtungen des Bildungsangebotes der FES: So solle das Seminar ÄInterkulturelle Kompetenz“ (2003) Ädie Sensibilisierung für einen Auslandsaufenthalt“ fördern. Ein gleichnamiges Angebot aus dem Jahr 2007 verheißt, ÄInterkulturelle Kompetenz als ‚soft skill‘“ mit Blick auf Berufsfelder in Äinternational agierenden Firmen und Organisationen“ vermitteln und auch kritisch reflektieren zu wollen. Zwei Veranstaltungen aus dem Jahr 2011 mit der Bezeichnung ÄInterkulturelles Training“ nehmen dagegen vor allem den ÄInterkulturellen Dialog […] zwischen den internationalen Studierenden, Bildungsinländern und deutschen StipendiatInnen“ in den Blick. Das Seminar ÄInterkultur“ aus dem Jahr 2012 versteht ÄInterkulturelle Kompetenz“ wiederum als eine Äunabdingbaren Voraussetzung [im Alltag]“ sowie Äfür alle Arbeitsbereiche schlechthin“ und versucht, diese aus den Perspektiven von ÄWissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft“ näher zu beleuchten. Der Schlusssatz ÄInterkulturelle Erfahrungen sind sehr willkommen, stellen aber keine Voraussetzung dar!“ verrät jedoch, dass es offenbar Stipendiat*innen geben kann, die trotz - behaupteter - unabdingbarer Interkulturalität bisher ohne interkulturelles Erleben durch ihren Alltag navigieren konnten.

Wenngleich der Titel ÄInterkulturelles Training und Diversity“ aus dem Jahr 2013 eine gewisse Öffnung der interkulturellen Perspektive vermuten lässt, verbleibt die Seminarbeschreibung eng der ÄInterkulturalität“ verhaftet, die gerade Ä[a]usländische Studierende und Promovierende“ in ihrer Äfremden Umgebung [täglich erfahren]“. Erst das Programm des Seminars ÄVielfalt statt Einfalt - Diversity is not about the others, it is about you” (2013) kommt ohne einen expliziten Verweis auf die Interkulturalität aus und beansprucht nunmehr wesentlich allgemeiner, sich Ämit der Vielfalt unter den Stipendiat_innen“ hinsichtlich etwa der Kategorien ÄHerkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung, Religion [und] Lebensstil“ beschäftigen zu wollen. Auch das Seminar ÄDiversitätskompetenz“ aus dem Jahr 2014 verzichtet auf eine explizit interkulturelle Perspektive und widmet sich dem Äkonstruktiven Umgang mit Andersartigkeit und Fremdheit im Zusammenleben mit anderen Menschen“ im Kontext etwa einer allgemeinen ÄPluralisierung von Lebensentwürfen“.

Erkennbar wird bei diesen Selbstbeschreibungen, dass interkulturelle Kompetenz zunächst etwas mit Situationen im Ausland oder mit ausländischen Menschen in Deutschland bzw. mit beruflichen Chancen in international aufgestellten Unternehmen zu tun haben soll. Interkulturalität scheint damit vor allem als Berufs- oder Ausbildungskontakt zwischen als national vorgestellten Kulturen verstanden zu werden, der einer spezifischen, zu trainierenden, je individuellen Kompetenz (Äsoft skill“) bedarf. Erst mit der zunehmenden ÄAblösung“ vom Konzept der Interkulturalität im Jahr 2013 werden neben der Kategorie der Kultur auch andere Differenzlinien (Geschlecht, Religion etc.) relevant gemacht und der Kompetenzbegriff nicht mehr per se an international und beruflich gerahmte Situationen geknüpft. Der Untertitel ÄDiversity is not about the others, it is about you” unterstreicht zudem einen Perspektivwechsel, der wohl auch als eine stärkere Abkehr vom Lernen über fremde Kulturen hin zu einer Auseinandersetzung mit dem je eigenen Blick auf die wahrgenommene Realität verstanden werden kann.

Bei Berücksichtigung all der Oberflächlichkeit, durch welche diese Kurzanalyse von Seminartiteln und Selbstbeschreibungen gekennzeichnet ist, bleibt insgesamt doch der Eindruck bestehen, dass es bei dem skizzierten Bildungsangebot jeweils vor allem um Ädie Perspektive einer auf Wertschätzung sozialer und kultureller Vielfalt ausgerichteten Steigerung des Leistungspotentials“14 der Stipendiat*innen geht, wobei der berufliche und der Ausbildungskontext im Mittelpunkt stehen. Reflexionen der Eingebundenheit der Akteur*innen Äin hierarchische gesellschaftliche Verhältnisse“15 der Ungleichheit sowie von struktureller Diskriminierung16, die mit Blick auf den Diversity-Begriff auch - aber nicht notwendigerweise - thematisiert werden können, finden sich nicht explizit erwähnt. Zwar beinhaltete das Seminar ÄVielfalt statt Einfalt - Diversity“ (2013) auch einen dreistündigen ÄAnti-bias-Workshop“, der typischerweise das Thema Diskriminierung fokussieren sollte - der Programmpunkt, so die Erfahrungen des Autors, ließ jedoch keine Unterschiede zur Diversity-Thematik erkennen. Dies scheint angesichts der sehr knappen Zeit für die Seminarsequenz trivial, da die nachhaltige Auseinandersetzung mit dem Anti-Bias-Gedanken ob eines unter enormen Zeitdruck stehenden Gruppenprozesses geradezu verunmöglicht wird. Um dies aber besser einschätzen zu können, ist zunächst einmal zu umreißen, was unter der Bezeichnung des Anti-Bias überhaupt vorgestellt werden kann, wie der Ansatz entstanden ist und welche Intentionen damit gemeinhin verfolgt werden sollen.

[...]


1 Raithel et al. 2009: 254; Auernheimer 2001: 345.

2 Mecheril et al. 2010b: 18.

3 Auernheimer 2010c: 121.

4 Zum Kulturbegriff und zur national-kulturellen Verengung siehe auch Gramelt 2010: 51 ff.

5 Mecheril 2010a.

6 Derman-Sparks et al. 1989: ix.

7 Siehe etwa unter ÄÜber die FES“ auf der Internetpräsenz der Stiftung [www.fes.de/sets/s_stif.htm; Zugriff am

20.05.2014].

8 Trisch 2013: 44, 223.

9 Gramelt 2010: 16.

10 Trisch 2013: 18.

11 Gomolla, Mechtild (2007): Wissenschaftliche Begleitung. Kinderwelten. Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung in Kindertageseinrichtungen. Bundesweites Disseminationsprojekt (Baden-Württemberg, Niedersachsen, Thüringen). Oktober 2004 - Dezember 2008. Zwischenbericht. Münster.

12 Ein Überblick zum Projekt findet sich u. a. bei Gramelt 2010: 87 ff. 5

13 Quelle für alle Seminarbeschreibungen: Archiv des Seminarprogramms der Onlinepräsenz des Netzwerkes der StipendiatInnen der Friedrich-Ebert-Stiftung [www.fes-stip.de/seminare/archiv/; Zugriff am 29.04.2014] (passwortgeschützter Bereich).

14 Hormel 2008: 21.

15 Mecheril et al. 2010b: 83.

16 Siehe etwa Hormel (2008): Diversity und Diskriminierung. 7

Details

Seiten
25
Jahr
2014
ISBN (Buch)
9783668032224
Dateigröße
992 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304736
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien
Note
1,0
Schlagworte
anti-bias-ansatz seminarkonzept erwachsenenbildung friedrich-ebert-stiftung

Autor

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Titel: Der Anti-Bias-Ansatz als Seminarkonzept. Erwachsenenbildung in der Friedrich-Ebert-Stiftung