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Reflexivkonstruktionen im gesprochenen und geschriebenen Französisch

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 23 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reflexivität und Reflexivkonstruktionen
2.1 Zur Begriffsbedeutung der Reflexivität
2.2 Reflexivkonstruktionen im Französischen
2.2.1 Die Reflexivkonstruktionsklasse A mit Vererbung durch transitiv direkte Verben
2.2.2 Die Reflexivkonstruktionsklasse B mit Vererbung durch transitiv indirekte Verben
2.2.3 Die Reflexivkonstruktionsklasse C mit Vererbung durch ditransitive Verben mit direktem und indirektem Objekt
2.2.4 Die Reflexivkonstruktionsklasse D mit Vererbung durch ditransitive Verben mit direktem Objekt und Präpositionalobjekt

3. Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit
3.1 Zum Problem der Abgrenzung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit
3.2 Spezifische Phänomene der Mündlichkeit

4. Reflexivkonstruktionen im gesprochenen Französisch: Familiäres Gespräch am Abend

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Der Ansatz der Konstruktionsgrammatik ermöglicht es, die grammatische Grundbedeutung von spezifischen grammatischen Phänomenen aufzuzeigen, die ihnen gemeinsam ist, da sie aus konstruktionsgrammatischer Sicht Form-Bedeutungspaare bilden. Die vorliegende Arbeit verfolgt die Absicht, Reflexivität im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit mit Schwerpunkt auf der französischen Sprache zu untersuchen. Es soll also geklärt werden, ob und möglicherweise inwiefern sich Reflexivität im gesprochenen und geschriebenen Französisch unterscheidet. Die Arbeit umfasst drei Schwerpunkte, wobei die ersten beiden Schwerpunkte die Grundlage für den dritten Schwerpunkt bilden. Zunächst soll es einen Überblick über die französischen Reflexivkonstruktionen geben, wie ihn die Konstruktionsgrammatik ermöglicht hat. Dazu soll der im Jahre 2013 erschienene Beitrag von Corina Petersilka über Reflexivkonstruktionen im Französischen herangezogen werden. Zuvor soll die Begriffsbedeutung der Reflexivierung erläutert werden. Anschließend sollen spezifische Phänomene des gesprochenen und geschriebenen Französisch gegenübergestellt werden und eine Abgrenzung von `gesprochen´ und `geschrieben´ stattfinden. Schließlich soll anhand eines gesprochenen Corpus festgestellt werden, ob und möglicherweise inwiefern sich Reflexivkonstruktionen im gesprochenen und geschriebenen Kontext unterscheiden.

2. Reflexivität und Reflexivkonstruktionen

Im Folgenden soll ein Überblick über die französischen Reflexivkonstruktionen und ihre Einteilung in verschiedene Klassen und Unterklassen nach der Herangehensweise der Konstruktionsgrammatik gegeben werden. Als Ausgangspunkt soll hierzu der im Jahre 2013 erschienene Beitrag „Reflexivität im Französischen aus konstruktionsgrammatischer Sicht“ von Corina Petersilka zu französischen Reflexivkonstruktionen herangezogen werden. Zunächst soll eine Begriffserläuterung zu „Reflexivität“ erfolgen.

2.1 Zur Begriffsbedeutung der Reflexivität

Verben sind reflexiv, wenn Subjekt und Objekt identisch sind. Genau genommen wird beim Verfahren der Reflexivierung das „[…] Subjekt zum Objekt seiner eigenen Handlung“ (Petersilka 2013: 83). Die Argumentstruktur von reflexiven Konstruktionen ist zirkulär; das Subjekt verursacht und führt eine Handlung aus, die sich auf das Objekt auswirkt (vgl. Petersilka 2013: 77-78). Diese Handlung, die sich auf das Objekt bezieht, bezieht sich auf das Subjekt zurück (vgl. ebd.), denn Subjekt und Objekt sind hier „referenzidentisch“ (ebd.). Reflexivität bezieht sich somit auf die Handlungsrichtung eines Verbs. Corina Petersilka bezeichnet Reflexivität als „syntaktisch-grammatisches Phänomen, das ein grundsätzliches Handlungsmuster menschlichen Tuns widerspiegelt“ (Petersilka 2013: 108). Das Verfahren der „referentiellen Gleichsetzung von Subjekt und Objekt“ (Petersilka 2013: 105) bezeichnet sie auch als „Autotransitivierung transitiver Subjekt-Verb-Szenarien“ (Petersilka 2013: 106). In der Reflexivkonstruktion ist das Subjekt in Form von Reflexivpronomen formal vertreten und bildet den Ausgangspunkt des Verbgeschehens (vgl. ebd.).

2.2 Reflexivkonstruktionen im Französischen

Petersilka möchte die Reflexivkonstruktionen „kompositionell hinsichtlich ihrer Bauart“ unterscheiden (Petersilka 2013: 81). Sie betrachtet eine Konstruktion als „formal reflexiv“ (ebd.), wenn ein Reflexivpronomen als direktes oder indirektes Objekt Bestandteil der Konstruktion ist (vgl. ebd.). Da Konstruktionen Form-Bedeutungspaare bilden, geht Petersilka davon aus, dass es aufgrund der gleichen Form der verbes pronominaux eine „wenn auch noch so abstrakte, gemeinsame grammatische Grundbedeutung aller reflexiven Konstruktionen“ gibt (Petersilka 2013: 76). Sie verfolgt „die konstruktionsgrammatische Denkweise […], dass eine bestimmte grammatische Konstruktion eine bestimmte Bedeutung hat“ (Petersilka 2013: 80). In ihrem Beitrag gibt sie einen Überblick über die Einteilung der französischen Reflexivkonstruktionen in vier verschiedene Klassen und ihre Unterklassen, „die das Ergebnis der konstruktionsgrammatischen Herangehensweise“ sind (Petersilka 2013: 104). Dabei werden die unterschiedlichen Eigenschaften von Form und Semantik berücksichtigt ebenso wie die Vererbungsrelationen der reflexiven Verben zu den transitiven Verben (vgl. Petersilka 2013: 77). Vererbung bedeutet hier, dass ein Zusammenhang zwischen den transitiven und den reflexiven Verbklassen besteht (vgl. Petersilka 2013: 76-77). Bei Vererbung besitzt eine Unterklasse Attribute oder Eigenschaften einer Oberklasse und es werden der Unterklasse spezifische Attribute oder Eigenschaften hinzugefügt, wodurch diese eine Erweiterung erfährt (vgl. Petersilka 2013: 77). Bei den französischen Reflexivkonstruktionen sind die Unterklassen „baugleich oder zum Teil baugleich mit [den] Oberklasse[n]“ (ebd.). Die Unterschiede liegen auf formaler und/oder semantischer Ebene, denn die Unterklassen zeigen „mehr formale und/oder semantische constraints (`Beschränkungen´)“ (ebd.).

Durch die Erkenntnisse der Konstruktionsgrammatik können die verschiedenen Formen und Funktionen der Reflexivkonstruktionen analysiert und vier Reflexivkonstruktionsstränge A-D identifiziert werden (vgl. Petersilka 2013: 105). Die vier Hauptstränge umfassen die Klasse A, die zusammen mit ihren Unterklassen in Vererbungszusammenhang mit den direkt transitiven Verben steht; die Klasse B, die mit ihren Unterklassen in Vererbungszusammenhang mit den indirekt transitiven Verben steht; die Klasse C, die mit ihren Unterklassen Vererbung von den ditransitiven Verben mit direktem Objekt (COD = Complément d’objet direct) und indirektem Objekt (COI = Complément d’objet indirect) erfährt und die Klasse D, wiederum mit Unterklassen, die von den ditransitiven Verben mit direktem Objekt (COD) und Präpositionalobjekt erbt (vgl. Petersilka 2013: 104). Die „jeweiligen Instanzen von Reflexivkonstruktionen“ unterscheiden sich „jeweils in Form und/oder Funktion“, da sie „Paare aus Form und Funktion“ sind, so Petersilka (Petersilka 2013: 104).

2.2.1 Die Reflexivkonstruktionsklasse A mit Vererbung durch transitiv direkte Verben

Die Reflexivkonstruktionen des Stranges A seien die vielfältigsten, so Petersilka (vgl. Petersilka 2013: 81). Die Klasse A umfasst reflexive Verben, die in Vererbungsrelation zu direkt transitiven Verben stehen (vgl. ebd.). Folgender Beispielsatz aus Petersilkas Beitrag soll die Konstruktion A veranschaulichen:

(1) Mais Gustave se meurt, madame: il s’est blessé, en tombant de cheval (Dumas Père, Christine, 1830, IV, 3, p. 259 ; TLFi, zitiert in Petersilka 2013: 81).

Die kursiv gesetzten Bestandteile stellen die Reflexivkonstruktion A dar. Diese setzt sich formal aus „Subjekt, Reflexivpronomen und Verb“ zusammen (Petersilka 2013: 81). Das Reflexivpronomen ist hier direktes Objekt (vgl. Petersilka 2013: 81). Das Subjekt ist in der Reflexivkonstruktion A belebt (vgl. Petersilka 2013: 84). Auf semantischer Ebene wird das „Subjekt zum Objekt seiner eigenen Handlung“, wie anhand des Beispielsatzes ersichtlich wird (Petersilka 2013: 83). Die Argumentstruktur ist also zirkulär, da sich die Handlung des Subjekts, die sich auf das Objekt bezieht, auf das Subjekt rückbezieht, denn durch die Reflexivierung sind Subjekt und Objekt referenzidentisch (vgl. ebd.). Die Vererbungsrelation zeigt sich auch anhand des oben genannten Beispiels. So lässt sich das reflexive Verb se blesser = „sich verletzen“ vom transitiv direkten Verb blesser = „verletzen“ ableiten.

Die Reflexivkonstruktion der Subklasse A I 1 (reflexiva tantum) weist dieselbe Form auf wie die Reflexivkonstruktion in A (vgl. Petersilka 2013: 86). Die Unterschiede zwischen der Klasse A und der Subklasse A I 1 lägen auf der semantischen Ebene, so Petersilka (vgl. ebd.). Die Subklasse A I 1 umfasst Verben, die ausschließlich reflexiv gebraucht werden; es liegt somit kein transitiver oder intransitiver Gebrauch vor (vgl. Petersilka 2013: 85). Beispiele für solche Verben sind unter anderem s’écrouler ´in sich zusammenfallen`, se suicider ´Selbstmord begehen` oder s’écrier im Kontext von ´aufschreien` (vgl. Petersilka 2013: 85-86). Schließlich kann das Subjekt nicht durch jemand anderen geselbstmordet, aufgeschrien oder in sich zusammengefallen werden (vgl. ebd.). Der Vorgang könne an keinem anderen Argument als dem Subjekt vorgenommen werden, betont Petersilka in ihrem Beitrag (Petersilka 2013: 86). Es läge also keine Vererbung von transitiven Verben vor (Petersilka 2013: 85). Verben, die ausschließlich reflexiv gebraucht werden, sind inhärent (vgl. ebd.).

Die Subklasse A I 2 ist ebenfalls baugleich mit der Klasse A; der Unterschied liegt ausschließlich darin, dass das Subjekt der Unterklasse A I 2 stets unbelebt ist (vgl. Petersilka 2013: 88). Dadurch steht das Verb immer in dritter Person (vgl. ebd.). Die Bedingung für eine Reflexivierung liegt auch hier auf der semantischen Ebene. So werden in dieser Reflexivkonstruktion Sachen beziehungsweise Sachverhalte personifiziert, wodurch diese „in die Subjektposition einer Reflexivkonstruktion gesetzt werden“ können (Petersilka 2013: 89). Dies geschieht, wenn ein metaphorischer Gebrauch vorliegt (vgl. Petersilka 2013: 88) und eine „subjektive Konzeptualisierung bestimmter Vorgänge“ vorgenommen wird, in denen […] manche Dinge und Sachverhalte als eigendynamisch [wahrgenommen werden]“ (Petersilka 2013: 107). Zur Veranschaulichung kann hierbei folgender Satz dienen, den auch Petersilka in ihrem Beitrag verwendet (Petersilka 2013: 87):

(2) Tout pourrait se compliquer si le conflit s’envenime (Le Monde, 22.12.10, zitiert in Petersilka 2013 : 87).

[Alles könnte noch komplizierter werden, wenn der Konflikt sich weiter verschärft.]

Im oben genannten Beispielsatz wird das Sachsubjekt le conflit als selbsthandelnd präsentiert beziehungsweise konzeptualisiert (vgl. Petersilka 2013: 90). Somit kann sich ein Konflikt „scheinbar von selbst verkomplizieren“ (Petersilka 2013: 89).

Die Subsubklasse A I 2 a ist die Unterklasse der Subklasse A I 2, die wiederum Unterklasse der Oberklasse A ist (vgl. Petersilka 2013: 93). Die Subsubklasse A I 2 a ist baugleich zu A I 2 (vgl. ebd.), es liegt ebenfalls Vererbung von transitiven Verben vor und das Subjekt muss ebenso unbelebt sein (vgl. Petersilka 2013: 92). Allerdings handelt es sich bei der Subsubklasse A I 2 a um „allgemeine Aussagen über das Subjekt und nicht um singuläre Ereignisse wie bei A I 2“ (Petersilka 2013: 93). Folgendes Beispiel, das Petersilka in ihrem Beitrag verwendet, kann dies verdeutlichen (Petersilka 2013: 91-92):

(3) Une vieille habitude se quitte difficilement (Malblanc 1961, 232, zitiert in Petersilka 2013: 91).

Das Subjekt une vieille habitude (eine alte Gewohnheit) hat hier die Eigenschaft, schwer abzulegen zu sein (se quitte difficilement) (Petersilka 2013: 92). Es wird also eine „intrinsische Eigenschaft“ beschrieben, die auf das Subjekt zurückfällt (vgl. Petersilka 2013: 92-93).

Es gibt außerdem eine Subklasse der Klasse A mit Vererbung von transitiv direkten Verben, die reziprok ist (vgl. Petersilka 2013: 94). In der Subklasse A II ergibt sich die Reziprozität „semantisch aus der Pluralität des Subjekts“ (Petersilka 2013: 94), wie im folgenden Beispiel:

(4) Les danseurs se séparaient, puis se rassemblaient (zitiert in Petersilka 2013: 94).

Hier liegt durch die Pluralität des Subjektes eine gedoppelte beziehungsweise eine vervielfachte Reflexivität vor (vgl. Petersilka 2013: 94). In der Konstruktionsbedeutung überkreuzt sich diese gedoppelte beziehungsweise die vervielfachte Reflexivität (vgl. ebd.).

Außerdem gibt es eine Subsubklasse A II 1, die die Unterklasse der Subklasse A II ist. Diese Unterklasse umfasst Verben, die ausschließlich reziprok vorkommen (vgl. Petersilka 2013: 95). Das heißt, auch hier ist das Subjekt nicht nur pluralisch wie in Subklasse A II, sondern ausschließlich pluralisch. Hierfür gibt Petersilka zwei Beispielinstanziierungen zur Veranschaulichung der Reziprozität in der Subsubklasse A II 1:

(5) Les banques grecques s’entraident pour éviter la faillite (La Tribune, 22.8.11, zitiert in Petersilka 2013: 95).

(6) Il [Dieu] a fait les tout petits animaux […]. Et tout ça s’entre-tue, s’entre-chasse, s’entre-dévore et meurt sans cesse (Maupassant , Contes et nouvelles, t. 2, Moiron, 1887, p. 1149 ; TLFi, zitiert in Petersilka 2013: 95).

Die Verben s’entraider, s’entre-tuer, s’entre-chasser und s’entre-dévorer gehören zur inhärent reflexiven Subsubklasse A II 1. Bei den Verben dieser Subsubklasse liegt „Vererbung von transitiv direkten Verben vor“ (Petersilka 2013: 95). So erlebt beispielsweise das inhärent reflexive Verb s’entraider Vererbung durch das transitiv direkte Verb aider, s’entre-tuer erlebt Vererbung durch tuer, s’entre-chasser durch chasser und s’entre-dévorer durch dévorer. Es ist zu beobachten, dass sich die transitiv direkten und inhärent reflexiven Verben aus den oben genannten Beispielen formal durch ein Präfix voneinander unterscheiden. Das Präfix entre- in den obigen Beispielen ist Bestandteil der Konstruktion aus der Subsubklasse A II 1. Somit erfährt auch hier die Unterklasse eine Erweiterung im Vergleich zu ihrer Oberklasse. Die Unterschiede zwischen der Subsubklasse A II 1 und der Subklasse A II liegen auf formaler Ebene, während die Unterschiede beider Klassen zu ihrer Oberklasse A vorrangig auf semantischer Ebene liegen. Das Subjekt in der Subsubklasse A II 1 ist hauptsächlich belebt (vgl. Petersilka 2013: 95).

[...]

Details

Seiten
23
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668030121
ISBN (Buch)
9783668030138
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304698
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Romanische Sprachen und Literaturen
Note
1,3
Schlagworte
reflexivkonstruktionen französisch

Autor

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Titel: Reflexivkonstruktionen im gesprochenen und geschriebenen Französisch