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Dimensionen von Vaterschaft. Vater sein im Strafvollzug

Bachelorarbeit 2011 90 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Einleitung

II. Theoretische Grundlagen
1. Stand der Forschung
1.1 Vaterschaft in der Forschung
1.2 Forschungen zu Vaterschaft bei Inhaftierung
1.3 Das Verhältnis Familie, Vaterschaft und Inhaftierung
2. Vater-Kind-Beziehung bei räumlicher Trennung
2.1 Statistischen Angaben zu abwesenden Vätern
2.2 Statistische Angaben zu Vätern im Strafvollzug
2.3 Getrennt lebende Väter
2.4 Trennung durch Inhaftierung
2.4.1 Vollzugsziele
2.4.2 Resozialisierungsziele
3.4.3 Kontaktmöglichkeiten und Ausüben von Vaterschaft
2.4.4 Die Rolle der Mutter der Kinder und anderer Angehörige
2.4.5 Bewältigung
3. Unterbringung von Kindern in einer Haftanstalt
4. Soziale Bedürfnisse
5. Sozialisation der Kinder
6. Folgen von Trennungen oder Vaterverlust
7. Vaterverlust durch Inhaftierung
8. Familienbilder von Kindern
9. Kindschaftsrechte
10. Neue Aufgaben und Anforderungen durch eine Trennung vom Partner
11. Vaterschaft und Familienorientierung im sächsischen Strafvollzug
11.1 Familienbesuchstage
11.2 Familienbesuchstage in der JVA Zeithain und weitere Vorhaben für Familien
11.3 Vätergruppe in der JVA Zeithain
11.4 Familienorientierte Wohngruppe der JVA Dresden
12. Reflexion

III. Rechtliche Grundlagen zu Vaterschaft und Familienorientierung im Strafvollzug
1. Rechtliche Bezüge zu internationalen Richtlinien im Strafvollzug
2. Rechte der Kinder
3. Grundrechte der Inhaftierten und der Angehörigen
4. Reflexion

IV. Empirische Untersuchung
1. Fragestellung
1.1 Planung und Durchführung der Befragung
1.2 Vorbereitungsphase der Untersuchung
1.3 Untersuchungsgegenstand und Untersuchungsplan
1.4 Methodik der Untersuchung
1.5 Schritte der Durchführung
1.5.1 Entwicklung des Interviewleitfadens
1.5.2 Durchführung der Befragungen
1.5.3 Auswertung der Befragungen
2. Darstellungen der Ergebnisse
2.1 Merkmale der Stichprobe
2.2 Kontaktmöglichkeiten der Väter im Strafvollzug
2.2.1 Normalbesuche
2.2.2 Familienbesuche
2.2.3 Briefkontakte
2.2.4 Telefonkontakte
2.3 Einstellungen zur Vaterschaft und zu den Kindern
2.4 Das Verhalten der Kinder
2.4.1 Das Verhalten der Kinder bei Zeitpunkt des Haftantritts
2.4.2 Das Verhalten der Kinder während der Haftzeit
2.5 Umgang mit eigenen Gefühlen in der Haft
2.6 Die Rolle der Mutter der Kinder, Partnerin
2.6.1 Einschätzung der Qualität der Partnerschaft
2.6.2 Veränderungen bei den Frauen und den Kindern durch die Haft
2.7 Die Rolle der weiteren Familie
2.8 Die Rolle des eigenen Verhaltens
2.9 Die Rolle der Kunsttherapien
2.10 Veränderungen während der Haft
2.11 Bedürfnisse der Väter
2.11.1 Wünsche für die Haftzeit
2.11.2 Vorstellung für die Zeit nach der Haft
3. Bewertung der Ergebnisse
3.1 Diskussion und Reflexion der Ergebnisse
3.2 Reflexion und Anregungen für Forschung und Praxis

V. Fazit

Quellenverzeichnis

Anlagen
Anlage 1: Abkürzungsverzeichnis
Anlage 2: Zitierte Gesetze
Anlage 3: Besuchszeiten der JVA Zeithain
Anlage 4: Tabelle neue Aufgaben und Anforderungen durch eine Trennung vom Partner nach Griebel und Oberndorfer
Anlage 5: Interviewleitfaden

Vorwort

Dieser Arbeit vorgelagert habe ich im Rahmen eines Projektes die Lage der (Familien-)Angehörigen und eng verbundenen Bezugspersonen von Inhaftierten an der Justizvollzugsanstalt (JVA) Zeithain (bei Riesa in Sachsen) untersucht (Hermes 2010).1 Durch die Vollstreckung einer individuellen Freiheitsstrafe sind Angehörige wie Ehepartner, Lebenspartner, Eltern und Kinder eines Straftäters mit betroffen und oft mit umfassenden Auswirkungen auf die Bedingungen im Alltag bzw. ihrer aktuellen Lebenssituation sowie ihres gesamten sozialen Umfeldes von heute auf morgen konfrontiert. Während der viermal jährlich stattfindenden Familienbesuchstage in der JVA Zeithain haben die Väter die Gelegenheit, einen ganzen Nachmittag mit ihren Kindern zu verbringen. In dieser Zeit wurden von mir die Befragungen der begleitenden Angehörigen zu ihrer Lebenssituation durchgeführt. Vordergründig war der Fokus der Arbeit auf die Untersuchung der Lebens- und Bedürfnislagen der Angehörigen gerichtet. Durch meine Anwesenheit an mehreren Familiennachmittagen und der zunehmenden Vertrautheit aller Beteiligten suchten einige der Väter auch vermehrt das Gespräch mit mir. Bei dieser Gelegenheit konnte ich feststellen, dass neben den Angehörigen auch die anwesenden Väter einen hohen Gesprächsbedarf haben, der sich vor allem auf ihre Situation als Vater und die Trennung von den Kindern bezieht. Diese Erfahrung hat mich veranlasst, in der vorliegenden Abschlussarbeit das Thema Vaterschaft zu bearbeiten und die Bedingungen der Lebensrealität von Vätern im Strafvollzug zu untersuchen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei der Anstaltsleitung der JVA Zeithain für die Genehmigung und Unterstützung, dieses Projekt eigenständig durchführen zu dürfen bedanken, auch dafür dass sie mir stets auf einfache Weise den Kontakt zu den Justizvollzugsbediensteten2 und den Inhaftierten ermöglicht haben. Ebenso möchte ich meinen Dank gegenüber den Männern aussprechen, die mir in meinen Befragungen ihr Vertrauen entgegenbrachten und ihre persönlichen Erlebnisse, Erfahrungen und Einsichten offen mitgeteilt haben.

Mein ganz besonderer Dank gilt auch den beiden Bediensteten, welche für den Sport- und Freizeitbereich zuständig sind, die mir stets als offene und kooperative Gesprächspartner zur Seite standen und mich bei der Kontaktaufnahme zu den betroffenen Männern unterstützt haben. Außerdem möchte ich der stellvertretenden Leitung der JVA und der Leitung des Kreativzentrums der JVA für ihre Gesprächsbereitschaft, ihre Informationen und die Beantwortung meiner Fragen danken.

Ganz besonders bedanken möchte ich mich für die Achtung meiner Arbeit, die konstante Unterstützung und Rücksichtnahme meiner Familie, also meiner Söhne Vincent, Marlin und Caspar, meinen Freundinnen und Freunden sowie im Speziellen Uta und Inge, die mir zusätzlich durch ihre konstruktive Kritik und das Korrekturlesen stets eine große Hilfe sind.

„Weißt Du wie Du mir helfen kannst?

Jeden Abend vor dem Einschlafen denkst Du an mich und ich werde auch an Dich denken.

In Deinem Traum können wir uns treffen.

Und Deine Träume werden unsere Abenteuer, mal schön, mal aufregend, mal spannend.“

(Eine Geschichte über Papa im Gefängnis.)3

I. Einleitung

Im Zentrum von öffentlichen Diskussionen werden Überlegungen zu Vaterschaft überwiegend im Zusammenhang mit Trennung oder Scheidung von Eltern thematisiert. Dabei geht es im Allgemeinen um Fragen der elterlichen Sorge im Kontext der Kindschaftsreformen oder der Kindschaftsrechte bezogen auf fundamentale Rechte und Pflichten der Elternteile. Im letzten Jahrzehnt ist in der Fachöffentlichkeit parallel dazu eine Zunahme an einer grundlegenden Auseinandersetzung mit den Vorstellungen und den Phänomen von Vaterschaft festzustellen. Dabei wird vermehrt die Rolle von Vätern in soziologischen und auch psychologischen Betrachtungen untersucht. Schwerpunkte bilden beispielsweise die Bedeutung der Vater-Kind- Beziehung für die Sozialisation und die Erziehung sowie eine Identifizierung dessen worin Vaterschaft besteht oder was sie auszeichnet. Meistens erfolgen derartige Untersuchungen im Zusammenhang mit den gewachsenen und veränderten Anforderungen, die heute an Familien, Frauen, Männer und Kinder gestellt werden. Besonders deutlich wird die Stellung eines Vaters, wenn er getrennt von seinen Kindern lebt.

In der vorliegenden Arbeit wird die soziale Realität für Väter und Kinder untersucht, wenn Väter getrennt von ihren Kindern leben. Besonders beleuchtet werden soll der spezielle Teilbereich von Lebenslagen, wenn Vater und Kind(er) durch die Inhaftierung des Vaters zwangsgetrennt sind. Daraus ergibt sich die Frage, wie unter solchen außergewöhnlichen Lebensbedingungen Vaterschaft ausgeübt werden kann und welche Chancen oder Möglichkeiten für die Väter in Haft bestehen ihre Vaterschaft zu erleben beziehungsweise zu gestalten. Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht das Interesse an der Perspektive der Männer bezogen auf deren emotionale und persönliche Einstellung zur Vaterschaft. Durch die thematische Begrenzung auf die Vaterschaft werden Aspekte ihrer Lebenswelt als Inhaftierte, ihrer subjektiven Sicht und in den wesentlichen Bezügen zu den betroffenen Kindern und Partnerinnen/ Ehefrauen/ Müttern herausgearbeitet. Das bedeutet, dass die übrigen Personen in unmittelbaren Zusammenhängen entsprechend ihrer Rolle als Interaktionspartner mit einbezogen werden. Wenn auch der Schwerpunkt auf der Lebenswelt der Väter liegt, können diese als Beziehungspartner nicht völlig ausgeblendet werden. Generell leitet mich die Frage, welche Vorgehensweisen und Praktiken im Strafvollzug geeignet sind, den Bedürfnissen der Väter, deren Kindern sowie den Angehörigen gerecht zu werden und ob gleichzeitig den Resozialisationszielen des Strafvollzuges entsprochen werden kann. Damit besteht mein Interesse nicht nur an der Realität und der Beschreibung von Vaterschaft in Strafvollzug, sondern auch daran, was an Gestaltungsmöglichkeiten unter den gegebenen Umständen im Sinne der Betroffenen möglich und wünschenswert wäre.

Die Ausgangslage dieser Arbeit wird bestimmt von einem Mangel an empirisch gesichertem Wissen, welches im direkten Zusammenhang mit der Trennung durch eine Inhaftierung aus der Sicht der Väter und deren Kindern, also der Betroffenen, besteht. Es ist nicht das Ziel dieser Arbeit, eine spezielle Theorie oder Hypothese zu überprüfen, sondern Zusammenhänge zwischen internationalen Standards und dem bundesrepublikanischen Rechts- und Familiensystem aufzuzeigen, wenn familiäre Beziehungen von der Trennung durch Inhaftierung betroffen sind. Anhand dessen besteht die Intention offene Fragen aufzuzeigen oder Anregungen für eine Ausdifferenzierung der Strafvollzugspraxis oder beispielsweise weiterführende forschungsrelevante Fragestellungen zu entwickeln.

Des Weiteren ist es mir ein besonderes Anliegen, mehr Transparenz und Beachtung in den Umfang und die Komplexität der Realitäten der Väter und ihren Kinder zu bringen, die im Zusammenhang mit einer Inhaftierung entstehen. Hinterfragt werden soll, wie Bindungen und/ oder Beziehungen zu den Kindern unter den Bedingungen des geschlossenen Strafvollzuges gelebt werden können. Außerdem möchte ich zur Aufmerksamkeit anregen, dieses Thema in zukünftigen Forschungen zu beachten, sowie dessen Bedeutung für die Resozialisierung eines Straftäters, die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Rechte der Kinder, für die Umgestaltung des Strafvollzuges und bei der Etablierung von innovativen Projekten.

Diese Arbeit besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil dieser Arbeit soll das Thema umfassend theoretisch beleuchtet werden, wobei die familialen Bindungs- oder Beziehungsqualitäten und im Besonderen die Beziehungen zwischen den Vätern und ihren Kindern Beachtung finden. Grundlagen hierzu liefern vor allem die Theoriebestände der soziologischen Sozialisationstheorien, der Familiensoziologie, der Entwicklungspsychologie und der Psychoanalyse. Die unterschiedlichen theoretischen Grundlagen beziehen sich auf den verfügbaren Forschungsstand zu Vaterschaft, den Vater-Kind-Beziehungen bei räumlicher Trennung, das Thema Soziale Bedürfnisse, die Sozialisation von Kindern, die Kindschaftsrechte sowie den Bereich Vaterschaft und Familienorientierung im sächsischen Strafvollzug. Verwiesen wird ebenfalls auf Entwicklungen empirischer Forschungen, die eine Analyse von Kriminalität und Kriminalitätsprophylaxe bezogen auf die Wechselwirkung von Beziehungen vornehmen.

Die rechtlichen Grundlagen zu Vaterschaft und Familienorientierung unter den spezifischen Strafvollzugsbedingungen werden im zweiten Teil analysiert. In der Bearbeitung werden auf die relevanten internationalen Entwicklungstendenzen, auf die deutsche Rechtsprechung und die Vorgaben in der Vollzugsgestaltung sowie auf die Grundrechte der Väter, der Kinder und der weiteren Angehörigen Bezug genommen.

Die Ausführungen des dritten Teiles beinhaltet eine Vorstudie mit Hilfe von Befragungen von drei Männern, die Väter sind und auf Grund ihrer Inhaftierung im geschlossenen Vollzug der JVA Zeithain von ihren Kinder getrennt leben. Dokumentiert werden die Fragestellung, die Beschreibung der Planung und Durchführung des Projektes mit Erörterung der Methodik und der Vorgehensweise. Daraufhin wird eine Erläuterung der Ergebnisse anhand der Resultate der Befragung dargestellt und eine daraus folgende Bewertung vorgenommen. Einerseits ist beabsichtigt, die Väter nach den Beziehungen zu ihren Kindern zu befragen und die vorzufindenden Rahmenbedingungen des Strafvollzuges daraufhin zu untersuchen, in welchem Umfang sie auf die Ausgestaltung der sozialen Vaterschaft wirken. Auf der anderen Seite wird mit der qualitativen Erhebung der Versuch unternommen, Hinweise und Einsichten in die subjektiven Perspektiven der Selbstwahrnehmung sowie der Einschätzung der Situation der Männer und ihrem Konzept zu Vaterschaft zu gewinnen, um damit einen möglichst umfassenden Einblick in deren Lebensrealitäten zu bekommen.

Möglicherweise gelingt es mit Hilfe der ermittelten Angaben (zusätzliche) Faktoren zu identifizieren, die dazu beitragen, wie für die Väter der Umgang mit ihren Kindern erleichtert, die Kontakte aufrechterhalten oder die Herstellung von Beziehungen trotz räumlicher Distanz verbessert werden können. Weiterhin ist von Interesse welche Auswirkungen eine Vaterschaft auf die eigene (Lebens-) Einstellung hat. Alle Angaben der Auswertung beziehen sich ausdrücklich auf die Ergebnisse der Befragungen in der JVA Zeithain. Einige Vergleichszahlen werden im Zusammenhang mit dem sächsischen und bundesdeutschen Strafvollzug betrachtet. Ebenso werden zur Verdeutlichung bestimmter Inhalte die Angaben des statistischen Bundesamtes herangezogen.

Die Informationen aus sonstigen Quellen werden entsprechend angeführt. In der Darstellung der Ergebnisse wurde von mir bewusst eine Auswahl der exemplarischen Themenschwerpunkte getroffen. Einfließen werden auch meine Ergebnisse aus der Befragung der Angehörigen von Inhaftierten im Rahmen des Praxisprojektes zu dem Thema „Zur Lebensrealität der Angehörigen von Inhaftierten“. Dies betrifft vor allem die Schilderung der Frauen bezogen auf die Reaktionen und Verhaltensweisen der Kinder durch die Abwesenheit ihrer Väter.

Den jeweilige Teilen und Themengruppen dieser Arbeit schließen sich differenzierte Reflexionen und Zusammenfassungen der ermittelten Erkenntnisse an. Aus diesem Grund werden diese nicht voll umfänglich wiederholt. Daran anlehnend finden sich im letzten Kapitel, dem Fazit, entscheidende Folgerungen und Empfehlungen für weitere qualitätsorientierte Entwicklungen der (Strafvollzugs-)Praxis.

Zur Bearbeitung der vorliegenden Thematik habe ich aktuelle Fachliteratur, entsprechende Studien, Informationen von Mitarbeitern im Strafvollzug und im sächsischen Justizministerium, Auskünfte von Beratungsstellen, die auf Angehörigenarbeit spezialisiert sind, sowie Quellen aus dem Internet herangezogen. Diese Ausarbeitung fasse ich auf Basis der wissenschaftlich erarbeiteten Erkenntnisse in einem Fazit zusammen.

II. Theoretische Grundlagen

Seit das bürgerliche Familienbild im 19. Jahrhundert entstanden ist, haben das gemeinsame Wohnen, die Emotionalisierung und die Intimisierung der Eltern-Kind-Beziehung großen Einfluss auf Konzeption und Ausgestaltung eines Lebens als Familie (vgl. DJI 2008, o. S.; vgl. Nave-Herz 2004, S. 48 ff.; vgl. Fthenakis 2000, S. 4). Als wesentliche Grundbedingungen, damit sich eine Familie als gemeinsames Ganzes erfahren kann, gelten die erlebte Nähe, Fürsorge und Unterstützung (vgl. Nave-Herz 2004, S. 71 ff.; vgl. Fthenakis 2000, S. 54; vgl. Schneewind 1999, S. 14). Im Laufe der Zeit haben sich die Formen von familialem Zusammenleben stark gewandelt. In der Alltagssprache, ebenso wie in verschiedenen wissenschaftstheoretischen Ansätzen, wird das Wort Familie mit unterschiedlichen Bedeutungsinhalten verbunden (vgl. Nave-Herz 2004, S. 29 f.). Unter der Berücksichtigung des historischen und kulturellen Wandels von Ehe- und Familienformen, erfolgt hier die Anwendung des Begriffes Familie in einer geringen Konkretisierung der Begrifflichkeit, die sich auf den Anlass bezieht, der zu Entstehung einer Familie oder familialen Lebensform beigetragen hat. Dabei werden alle Formen nach dem Familienbildungsprozess (Eltern- Familie, Adoptionsfamilie, Pflegefamilie, Stieffamilie oder Fortsetzungsfamilie, Patchwork-Familie, Inseminationsfamilie4 ), nach der Rollenbesetzung in der Kernfamilie (Zwei-Eltern-Familie, Ein-Eltern- Familie) und nach dem Wohnsitz (bilokale Familie) als Strukturmerkmale einbezogen. Des Weiteren wird weitgehend davon ausgegangen, dass Familie in gesamtgesellschaftlicher Sicht eine soziale Institution charakterisiert, der als spezialisierte oder bestimmte Dimension eine funktionale Leistung im Bereich der Sozialisation (siehe auch Kapitel II, 5.) zugeschrieben wird (vgl. a. a. O., S. 30 ff.; vgl. Schneewind 1999, S. 14; vgl. Watzlawik et al. 2008, S. 18).

Als Konsequenz der Anerkennung verschiedener familialer Lebensformen können im Rahmen der ausgeübten Formen von Elternschaft und in ihrer Bedeutung für das jeweils bestehende Beziehungssystem als Ort der primären Sozialisation5 nicht unberücksichtig bleiben (vgl. Jobst 2008, S. 182). Grundlage bildet die allgemeine Erkenntnis verschiedener Wissenschaftsdisziplinen (Soziologie, Psychologie, Neurobiologie, Kognitionsforschung), „dass die spezifische Ausgestaltung des familialen Lebens starken Einfluss auf die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung des Kindes hat“ und jeder Person in einem Familiensystem eine wesentliche Bedeutung als ein Teil einer Beziehung zukommt (a. a. O., S. 183).

Im Kontext der Bearbeitung des Themas Vaterschaft sind zwei wesentliche Merkmale und Tendenzen zu identifizieren. Einerseits wird die Vielgestaltigkeit der familialen Lebensformen zunehmend als ein bestehendes gesellschaftliches Phänomen6 anerkannt, das es zu berücksichtigen gilt und andererseits gibt es erwiesenermaßen zahlreiche Anhaltspunkte, die eindeutig den Wandel in Vater-Kind-Beziehungen hin zu mehr Fürsorglichkeit, Nähe und Emotionalität anzeigen. Jenseits von konkreten Ausprägungen der tatsächlich praktizierten, in vieler Hinsicht traditionellen Praxisformen (z. B. häufige Abwesenheit durch Berufstätigkeit der Männer) ist für viele Männer und Frauen fürsorgliche Väterlichkeit eine Selbstverständlichkeit geworden (vgl. King 2006, S. 138; vgl. Nave-Herz 2004, S. 183 f.).

Immer häufiger werden gegenwärtig familiäre Beziehungen jedoch durch räumliche Trennungen bestimmt, was durch die gestiegenen Anforderungen an die berufliche Mobilität oder auch durch die Zunahme von Trennungen und Scheidungen begründet wird. Dies führt vermehrt zu Lebensformen, in denen Eltern und ihre Kinder zeitweise oder dauerhaft nicht mehr in einem Haushalt zusammenleben (vgl. Fthenakis 2000, S. 4). Damit gehen neue vielschichtige Herausforderungen für den familialen Alltag einher. Auch in den Zeiten, in denen man sich nicht sieht, müssen beispielsweise die emotionale und soziale Verbundenheit beibehalten und die Fürsorge füreinander geleistet werden. Ebenso muss mit dem wiederkehrenden Wechsel zwischen An- und Abwesenheiten von Familienmitgliedern bei der Alltagsgestaltung umgegangen werden (vgl. DJI 2008, o. S.).

Kommt es zu der Inhaftierung eines angehörigen Erwachsenen und/ oder (Ehe)Partners, so bewirkt diese Situation in vielerlei Hinsicht drastische Veränderungen auf das soziale Beziehungsgefüge. Ein wesentliches Element in der Anwendung von Freiheitsstrafen als Sanktionsform ist „die mit ihr einhergehende radikale Herauslösung einer Person aus ihren sozialen Beziehungen und Rollen [und das bedeutet] einen weitgehenden Zusammenbruch bisheriger sozialer Realität“, was faktisch auch besagt, dass eine Ehe oder Partnerschaft sowie eine Eltern-Kind-Beziehung nicht mehr ausgeübt werden kann (vgl. Busch et al. 1987, S. 87 f.).

In den folgenden Kapiteln werden der Stand der Forschung zum Thema elterliche Trennung, die Dimensionen von Vaterschaft sowie die Situation getrennt lebender Vätern beschrieben. In diesem Zusammenhang werden im Rahmen der Bewältigung von Trennungen die spezifischen Merkmale des Strafvollzuges, die von Bedeutung für die Kontaktmöglichkeiten zur Außenwelt sind, insbesondere zu den Kindern und deren Müttern, den Angehörigen, der Familie, Berücksichtigung finden.

1. Stand der Forschung

Das Thema elterliche Trennung wird generell aus verschiedenen Perspektiven beforscht. Schwerpunkte bilden vorrangig die möglichen Auswirkungen von Ehescheidungen der Eltern auf die Kinder, die Situation von Alleinerziehenden und die von Stieffamilien. Einen Überblick der gegenwärtigen Forschungsergebnisse im deutschsprachigen Raum geben die Arbeiten von Oberndorfer (1991), Bofinger (1994), Fthenakis (1995), Niesel (1995) und Walper & Schwarz (1999) (vgl. Griebel/ Oberndorfer 2010, S. 2).

Eine weitergehende Auseinandersetzung mit den Themen Vaterschaft oder Väterlichkeit gewinnen seit den 1970er Jahren an Bedeutung in wissenschaftlichen Diskursen, die erst einmal überwiegend motiviert durch die Psychologie stattfanden. Die Anfänge von Forschungsbemühungen sind in den USA, Großbritannien und Australien zu verorten, wobei zunächst die Vaterabwesenheit in Bezug auf die kognitive, psychosoziale und moralische Entwicklung eines Kindes betrachtet wurde. In Deutschland setzte die Entwicklung, ebenfalls zunächst durch die Psychologie herbeiführt, etwa Mitte der 1970er Jahre ein (vgl. Bereswill et al. 2006, S. 8). Seitdem steht im Zentrum bisheriger Forschungen vor allem der Einfluss der Väter auf die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder. Zunehmend werden weitere Dimensionen vornehmlich im Blickpunkt der Familienforschung berücksichtigt, wie die Frage nach Selbstkonzepten von Vaterschaft, Elternschaft als bedeutsame Lebenserfahrung, den Bedingungen für eine aktive Vaterschaft oder es werden beispielsweise in Studien zu familienpolitischen Ansätzen Fragen bearbeitet, die im Zusammenhang der frauenpolitischen Ziele zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf von Müttern stehen (vgl. Mühling/ Rost 2007, S. 13; vgl. Limmer 2007, S. 246; vgl. Matzner 2004, S. 9 ff.; vgl. Fthenakis/ Minsel 2002, S. 18).

Seit den 1980er Jahren werden zunehmend, vornehmlich angeregt durch Beiträge der Frauenforschung, die wissenschaftlichen Diskurse neu belebt, die die Interaktionen zwischen Vätern und Kindern sowie deren Bedeutung und Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung untersuchen. Damit wurden auch gleichzeitig die Perspektiven der bis dahin matrizentrischen Forschungsmodelle der Sozialwissenschaften kritisiert. Zunächst konzentrierten sich die Forschergruppen auf die Beziehungszusammenhänge in klassischen Kernfamilien. Gegenwärtige Beiträge ziehen zunehmend väterliches Verhalten (soziale Väter) aller möglichen Familienformen für die Entwicklung der vorhandenen Kinder in Betracht (vgl. Limmer 2007, S. 246 f.). Fthenakis (1995) thematisiert im Speziellen die vielgestaltigen Anpassungs- oder Bewältigungsleistungen der Kinder in Trennungssituationen (vgl. Fthenakis 1995; vgl. Griebel/ Oberndorfer 2002, S. 2). Allerdings wird die eigene Perspektive der Kinder in empirischen Forschungen bisher kaum berücksichtigt. In den meisten Studien kommen nur die Eltern als Auskunftsperson zu den Problemen oder Schwierigkeiten der Kinder vor (vgl. Busch et al. 1987, S. 163 f.; vgl. Wallerstein et al. 2002, S. 11 ff.).

Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass in der Familienforschung die Diskussion um neuere oder vielfältige Vaterschaftskonzepte seit Ende der 1990er Jahre erweitert wurde. Einwendungen kennzeichnen aber auch hier die bestehenden Defizite bezüglich ihrer repräsentativen Aussagekraft, da bislang kaum empirische Studien mit umfangreichen Stichproben zur Verfügung stehen und sich die untersuchten Konzepte wiederum lediglich als Reaktion oder Ergänzung zum klassischen Ernährer-Modell verstehen und einordnen lassen (vgl. Mühling/ Rost 2007, S. 14; vgl. Oberndorfer/ Rost 2002, S. 7 f.).

1.1 Vaterschaft in der Forschung

Im deutschsprachigen und ebenso angloamerikanischen Sprachraum findet kaum eine Auseinandersetzung mit dem Thema Vaterschaft statt. Forschungen zu Männern und Männlichkeit, deren Anfänge in den 1990er Jahren zu verzeichnen sind, beziehen vereinzelt Aspekte von Vaterschaft, aber auch teilweise wiederum nur im Zusammenhang mit der Funktion als Familienernährer ein (vgl. Bereswill et al. 2006, S. 10).

Die Forschungsarbeiten zum Thema Vaterschaft der letzten zehn Jahre bearbeiten in der Hauptsache Ansätze zur Erklärung der Väterbeteiligung, das heißt sie setzen sich mit dem vermehrten väterlichen Engagement und den daraus entstehenden Konsequenzen für die Beziehungen zu ihren Kindern auseinander. In diesem Zusammenhang fanden hauptsächlich die Veränderungen von Vorstellungen bezüglich der Vaterrolle im Übergang zur Vaterschaft besondere Beachtung (vgl. Watzlawik et al. 2008, S. 25). „Sie verdienen besondere Aufmerksamkeit, weil sie die Vaterrolle auf dem Hintergrund eines Familienentwicklungsansatzes bzw. des Familien- Transitions-Ansatzes7 konzipieren und somit die Vaterforschung in die Lebenslaufforschung integrieren.“ (Fthenakis/ Minsel 2002, S. 15; vgl. Erhard/ Janig 2003, S. 14).

Die Untersuchungsfragen und -schwerpunkte in den verschiedenen Studien nehmen unterschiedliche quantitative und qualitative Gewichtungen einzelner Einflussfaktoren vor, wobei als Ergebnis im unmittelbaren Vergleichen eine große Übereinstimmung bestimmter Tatsachen auffällt. Übereinstimmend werden im Wesentlichen die folgenden Faktoren als wirkungsmächtige Merkmale eines Vaters beschrieben, wie seine Persönlichkeit (z. B. das Selbstgefühl), die eigene Sozialisationserfahrung (z. B. die Qualität der eigenen Vatererfahrung), die Dynamik der Paarbeziehung und/oder die Rolle der Partnerin als Mutter des,r Kindes,r, die Geschlechterrollenorientierung, die sozioökonomischen Bedingungen und die berufliche Belastung sowie die Kompetenz8 und das Temperament des Kindes. Dabei beziehen sich manche Studien auf die nähere soziale Umwelt (etwa Milieu, Herkunftsfamilie) des Vaters. Andere Studien verweisen explizit auf Ebenen der kulturell-gesellschaftlichen Zusammenhänge als wichtige Einflussgröße und gehen den kulturellen Entwürfen von Väterlichkeit und Männlichkeit nach (vgl. Matzner 2004, S. 23 ff.; vgl. auch Erhard/ Janig 2003, S. 53). Weitere Dimensionen bilden die Erforschung von Vaterschaft als Institution, als symbolische Repräsentation oder als soziale Praxis ebenso wie die psychosozialen Ebenen von Vaterschaft (vgl. Bereswill et al. 2006, S. 7).

In der Folge wird in neueren Studien eine Erweiterung der Aufmerksamkeit auf die Verfügbarkeit stabiler Bezugspersonen als ausschlaggebende Variable in der empirischen Forschung in Betracht gezogen. Eine Relevanz der Vaterrolle im Zuge der Sozialisation eines Kindes liefert nicht nur spezifische Befunde (vgl. Kaiser et al. 1993, S. 130), sondern auch Erkenntnisse aus der neueren „über die dyadische Bindungsforschung hinausgehende Entwicklungspsychologie (Daniel Stern, Elisabeth Fivaz-Depeursinge und andere)“, die auf die sozialisatorischen Triade9 als Interaktionsrahmen verweisen. Und weitergehend sind in der Anerkennung differenzierter familialer Strukturen biologische Väter und soziale Väter nicht mehr unbedingt identisch, aber dennoch der dritte Teil dieser Triade, „die eine Rolle in der Sozialisation eines Kindes und Jugendlichen auch dann spielen, wenn sie abwesend sind“ (Hildenbrand 2002, S. 776).

Die Bedeutung von Vätern im Leben ihrer Kinder wird in unterschiedlichen mehrdimensionalen Konzepten durchleuchtet. So richten die entwicklungspsychologischen Forschungen die Aufmerksamkeit auf verschiedenartige Aspekte, wie der gemeinsam verbrachten Zeit (im Sinne von gemeinsamem Tun), der Unterscheidung von Formen der väterlichen Einbindung, der gemeinsam gestalteten Zeit, der zeitlichen Verfügbarkeit des Vaters für das Kind und der Phasen alleiniger Verantwortung für das Kind. Die meisten Befunde der zuvor geschilderten Aspekte werden auch hier im Zusammenhang der Scheidungsforschung ermittelt (vgl. Limmer 2007, S. 243 f.). Eine Ausnahme bildet Walter, der mit seiner Veröffentlichung „Männer als Väter“ im Jahr 2002 umfassend in der psychologischen sowie sozialwissenschaftlichen Fachdiskussion auf das Thema aufmerksam macht und eine komplexe Übersicht „über theoretische Positionen und empirische Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Väterforschung im deutschsprachigen Raum“ gibt (Erhard/ Janig 2003, S. 14).

Die Forschungsansätze verschiedener angloamerikanischer Wissenschaftler in den 1990er Jahren untersuchen Vaterschaft in der Hinsicht umfangreicher, da sie stärker als zuvor auch indirekte Effekte der Vaterschaft von mittel- und langfristigen Zusammenhängen und kontextuellen Gegebenheiten, unter denen Vaterschaft praktiziert wird, berücksichtigen. Darüber hinaus beziehen sie auch psychologische und ethische Aspekte mit ein (vgl. Fthenakis/ Minsel 2002, S. 20). So hat beispielsweise Grant (1992) ein differenziertes Kategorieschema entwickelt, beeinflusst von den Value-of-Children-(VOC)studies10 der 1970er Jahre, bei denen zur Konkretisierung der Vaterrolle in der Bedeutung für die Väter ein Schema erarbeitet wurde. Mit Hilfe seiner aktuellen Einteilung können die Aspekte des emotionalen Wertes bzw. der emotionalen bereichernden Aspekte von Kindern untersucht werden („z. B. Kinder machen Freude und Spaß, erweitern die Persönlichkeit, die eigene Kompetenz und das Selbstwertgefühl, Kinder machen glücklich, machen stolz, Kinder gehören einfach zu einer Familie dazu usw.“) (Grant 1992, S. 61 zitiert in: Wenger-Schnittenhelm/ Walter 2002, S. 424).

Zum Thema des abwesenden Vaters lassen sich grundsätzlich neue Aspekte in der Analyse der aktuellen Entwicklung in den Strukturen der Identitätsbildung der Väter und deren Auswirkungen auf die Vater-Kind-Beziehungen erkennen. Bisher spielen allerdings die Qualitäten von Beziehungen zwischen den Vätern und ihren Kindern nach einer Trennung in den meisten Studien eine untergeordnete Rolle (vgl. Fthenakis/ Minsel 2002, S. 30; vgl. Eichinger 2009a, S. 11). Ebenso fehlt es an Untersuchungen, die das Vatersein und Vater werden aus entwicklungspsychologischer Sicht thematisieren (vgl. Erhard/ Janig 2003, S. 12; vgl. Fthenakis/ Minsel 2002, S. 18).

Gegenwärtig sind ebenfalls kaum Studien vorhanden, die Vaterschaft aus der Perspektive der Väter in Bezug auf ihre emotionale und persönliche Vorstellung untersuchen (vgl. Fthenakis/ Minsel 2002, S. 19). Die von Matzner (2004) durchgeführte Studie ist bislang eine der wenigen und umfangreichsten Arbeiten mit diesem Schwerpunkt, die vor allem auch Theorie und Empirie miteinander verknüpft. Als theoretische Grundlage dient das heuristische Modell11 auf dessen Basis Annahmen und Erkenntnisse Verwendung finden, aus denen sich ebenfalls neue Verständnisse und Einsichten zu Vaterschaft entwickeln lassen. In seiner Untersuchung rückt Matzner die Person des Vaters mit umfassender Berücksichtigung des Familienkontextes, unter Beachtung qualitativer Aspekte des Vaterschaftserlebens in den Mittelpunkt. Anhand der qualitativen Erhebung der subjektiven Erfahrungen12 von Vätern konnte, im Gegensatz zu der bisherigen Vaterforschung aus dem Bereich der Psychologie, das Zusammenwirken ihrer Wahrnehmung, ihrer Gefühle und ihrem Handeln ermittelt werden. Zudem erforscht er die Dynamik des Vaterschaftsprozesses, welcher sich im Verlauf unter dem Einwirken von Erkenntnissen, Gefühlen und Erfahrungen als Vater verändern kann (vgl. Watzlawik et al. 2007, S. 31; vgl. Matzner 2004, S. 437).

1.2 Forschungen zu Vaterschaft bei Inhaftierung

Väter, die sich im Gefängnis befinden, sind nicht nur Straffällige, sondern sie sind auch Elternteil. Vaterschaftskonzepte, die in einem direkten Zusammenhang zum Strafvollzug stehen, existieren nicht (vgl. Eichinger 2009a, S. 9; vgl. Hairston 1995, S. 31 ff.). Eigenständige wissenschaftliche anschlussfähig an neuere theoretische Konzepte der Familiensoziologie.“ (Abrufbar unter: URL: http://www.tu- chemnitz.de/hsw/soziologie/institut/Die_Value_of_Children_Forschung-235.html, Zugriff: 12.12.2010).

Untersuchungen zur Situation von Vätern in Haft oder zu den Folgen der räumlichen Trennung von deren Kindern liegen nur vereinzelt vor und stammen vornehmlich aus dem angloamerikanischen Sprachraum (vgl. Erhard/ Janig 2003, S. 6; vgl. Busch et al. 1987, S. 29).

Im Rahmen ihrer Diplomarbeit formulierte Katharina Eichinger (2009a) erstmals generell den Untersuchungsgegenstand „Vaterschaft und Inhaftierung“. Mit der im Sinne einer explorativen Pilotstudie angelegten Befragung von acht Vätern, die sich im Maßregelvollzug13 befinden, ging sie der Frage nach der Ausübung von Vaterschaft unter diesen charakteristischen Umständen nach (vgl. Eichinger 2009a).

In Ermanglung weiterer spezifischer empirischer Grundlagen im deutschen Sprachraum werden einige Aspekte der vorliegenden Beiträge einschlägiger angloamerikanischer Studien dargestellt. Hairston (2002) formuliert die Wichtigkeit der familialen Kontakte bezüglich der Erfolge in Sinne gelingender Resozialisierung, der Rückfallvermeidung und Vermeidung von Delinquenz: „Studies using theoretical perspectives which focus on the positive roles and functions that families serve as opposed to the problems that they experience indicate that families are important to prisoners and to the achievement of major social goals, including the prevention of recidivism and delinquency.” (Hairston 2002, S. 43). Gleichzeitig kritisiert sie die mangelnde Berücksichtigung der Belange von Familien und Kindern der Inhaftierten in der staatlichen Sozialpolitik. Und weiter verweist sie auf nachweislich zwei gleich bleibende Aspekte, denn erstens werden Inhaftierte mit einer starken Bindung zu ihrer Familie häufiger vorzeitig entlassen und zweitens, dass Männer, die ihre Rolle als Ehemann und Vater annehmen, sich erfolgreicher wieder in die Gesellschaft eingliedern: „Review of research on prisoners’ family relationships yielded two consistent findings; male prisoners who maintain strong family ties during imprisonment have higher rates of post release success than those who do not and men who assume responsible husband and parenting roles upon release have higher rates of success than those who do not.” (a. a. O., S. 41 ff.).

Im Jahr 1995 befragte Hairston im Rahmen einer Studie auch die Mütter der Kinder von Inhaftierten. Die Ergebnisse brachten hervor, dass auch die Frauen eine ausschlaggebende Rolle in der Ermöglichung der Kontakte zwischen Vätern und Kindern spielen. Die Interviews mit den Frauen zeigten, dass selbst wenn sie den Kontakt zu den Vätern nicht ermöglichen, die Kinder (ca. 22%) dennoch den starken Wunsch haben ihre Väter zu sehen. Des Weiteren identifiziert sie neben verschiedenen Faktoren in der Persönlichkeit der Männer auch familiale Zusammenhänge und die Einflüsse durch das Gefängnisklima als Voraussetzung für eine verantwortungsbewusste Vaterschaft (vgl. Trzcinski et al. 2002, S. 23).

Festzustellen ist, dass die Bearbeitung der spezifischen Wirklichkeit von Vaterschaft in einer Haftsituation die Einbeziehung verschiedener Perspektiven erfordert. Dabei sind die formal- strukturellen und spezifischen Bedingungen des Strafvollzuges genauso zu beachten, wie der subjektive Sinn des eigenen Handelns eines Inhaftierten, was in den konkreten Aktivitäten oder Bemühungen ihren Ausdruck findet. Das eigene Konzept ihrer Wirklichkeit (z. B. die Vaterschaft, väterliches Engagement, Zukunftsperspektive) kann zu eigenen Interaktionen und Interpretationen motivieren, die sie in die Lage versetzen diese zu bearbeiten, sicherzustellen oder zu verändern (vgl. Luckmann 1992, S. 103 ff.).

Da in dieser Hinsicht keine einheitliche Forschung und Theoriebildung zur Verfügung steht, erfolgt die Bearbeitung der Themen unter zur Hilfenahme anderer theoretischer Konstrukte verschiedener Wissenschaftsdisziplinen (z. B. der soziologischen Sozialisationstheorien, der Familiensoziologie, der Entwicklungspsychologie, der Psychoanalyse) als Interpretationsvorschläge. Im Rahmen dieser Arbeit werden darüber hinaus die Bedingungen zur Familienorientierung und der Wahrnehmung von Vaterschaft in der JVA Zeithain untersucht. In Form einer Pilotstudie werden durch die Befragung von inhaftierten Vätern sowie durch Auskünfte der Leitung des Kreativzentrums (siehe Kapitel II, 11.) weitere Wissensstände ermittelt.

1.3 Das Verhältnis Familie, Vaterschaft und Inhaftierung

Grundsätzlich stellen die inhaftierten Väter und ihre Familien eine besondere Population dar. Befinden sich Väter im Gefängnis, so geben sie dennoch per se ihre Identität als Familienmitglied oder Elternteil nicht auf, selbst wenn ihr familialer Status keine Berücksichtigung im Straffvollzug findet (vgl. Hairston 1995, S. 31).

Gerade in der Erforschung von Ursachen kriminellen Handelns, den Bedingungen von Rückfallwahrscheinlichkeit, der Strafvollzug-Wirkungsforschung14 und den Folgen von Gefängnisstrafen auf das zukünftige Leben wird den sozialen Beziehungen, vornehmlich der Familie oder familialen Bindungen, ein besonderer Stellenwert eingeräumt (vgl. Hosser/ Greve 2002, o. S.; vgl. Kaiser et al. 1993, S. 124 ff.) und als ein wesentlich protektiver Faktor angesehen (vgl. Groß 2004, S. 46; vgl. Laule 2009, S. 9 ff.; vgl. Hosser 2000, S. 70). Diesem Verständnis liegen einerseits empirische Erkenntnisse zugrunde und anderseits werden den Ehe- und Familiensystemen als spezialisierte Leistung die Erzeugung und Stabilisierung der personellen Lebensbereiche für alle restlichen Sozialsysteme zugesprochen (vgl. Watzlawik et al. 2008, S. 18; vgl. Nave-Herz 2004, S. 102; vgl. Schneewind 1999, S. 14).

Nachfolgend werden das Verhältnis empirischer Erkenntnisse und die Berührungspunkte für die Praxis des Strafvollzuges dargestellt, in deren Kontext die Betrachtungen der Beziehungen zur Familie und von Vaterschaft zu berücksichtigen sind.

Kette weist bereits 1991 in seinen soziologischen Untersuchungen im österreichischen Strafvollzug auf einen Zusammenhang zwischen der Erhaltung von Familienbeziehungen und den Auswirkungen auf den Vollzugsalltag hin. So stellt er fest, dass sich enge Beziehungen positiv auf die psychische Stabilität der Inhaftierten, das Anpassungsvermögen an den Vollzugsalltag und die Arbeitsmoral auswirken sowie, dass weniger ausgeprägte Prisonisierungsfolgen zu ermitteln sind (vgl. Kette 1991, S. 68; vgl. Hairston 1995, S. 31). Weiter ist zu berücksichtigen, dass bei eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten in der Haft nach Außen auch die Mitinsassen an sozialer Bedeutung gewinnen könnten, welche den Resozialisierungszielen (siehe Kapitel II, 2.4.2) des Strafvollzuges im Wege stehen und für eine Hinwendung zur Gesellschaft und ihren Regeln von Nachteil sein kann (vgl. Laule 2009, S. 5; vgl. Greve et al. 2003, S. 16; vgl. Kette 1991, S. 58 ff.).

Eine Haftstrafe bedeutet neben der besonderen Belastung für einen Inhaftierten auch eine enorme Belastung für die Lebensumstände seiner Familie und vor allem die der Kinder. Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang allerdings auch, dass es auch Fälle gibt, bei denen eine Abwesenheit des Vaters (z. B. bei Gewalt, Sucht, Schulden etc.) eine positive Veränderung für Mütter und Kinder mit sich bringen kann (vgl. Erhard/ Janig 2003; vgl. Busch et al. 1987). Augenblicklich existieren keine neueren Forschungen, die sich mit den Lebensumständen der Kinder inhaftierter Väter oder mit den Bewältigungsansätzen für die Partnerinnen und Mütter der Kinder sowie deren Kinder auseinandersetzen (vgl. Laule 2009, S. 3 ff.). In einigen Untersuchungen wird von Reaktionen der Kinder auf die Inhaftierung eines Elternteils berichtet. „So zeigen die Kinder z. B. Trauer, destruktives Verhalten, Wutausbrüche, Essschwierigkeiten, Schulschwänzen, Schlafstörungen und Bettnässen.“ (ebd., S. 22). Zusätzlich zur Abwesenheit des Vaters wirkt das Verhalten der Mutter als Reaktion der Inhaftierung auf ein Kind, denn die Mütter sehen sich oft mit extra Aufgaben und Versorgungsproblemen konfrontiert, die sich häufig in Form psychischer Spannungslagen ausdrückt, welche wiederum den Umgang mit dem Kind beeinflussen und dieses auch noch belasten kann (z. B. durch höhere Aggressivität) (vgl. ebd.).

Schon Morris15 wies in ihren Untersuchungen im Jahr 1965 darauf hin, dass es besonders bezüglich der Folgewirkung einer Inhaftierung auf die Kinder intensiver systematischer Forschungen bedarf (vgl. Busch et al. 1987, S. 147). Außerdem liegen auch bisher keine ergänzenden Untersuchungen vor, die die Auswirkungen von Hafterleichterungen wie Ausgang und Hafturlaub auf die Familien der Strafgefangenen, insbesondere der Kinder, in den Blick nehmen (vgl. Erhard/ Janig 2003, S. 159 f.). Die Recherchen zu der vorliegenden Arbeit haben ergeben, dass es mittlerweile einige Haftanstalten gibt, die zusätzlich spezielle Begegnungsmöglichkeiten für inhaftierte Väter mit ihren Familien (siehe auch Kapitel II, 11.) in Form von Familienbesuchstagen anbieten. Über diese Möglichkeiten gibt es in Deutschland weder einen Gesamtüberblick, noch einen Erfahrungsaustausch zwischen den jeweiligen ausführenden Organisationen, selbst nicht zwischen den einzelnen JVAs eines Bundeslandes. Andere empirische Untersuchungen zu diesem spezifischen Themenkomplex stehen nicht zur Verfügung (Anmerkung der Verfasserin). Eine Abschlussarbeit zum Thema Familienorientierung im Strafvollzug in Sachsen konnte aufgefunden werden. Im Rahmen einer Diplomarbeit untersuchte Hennes Doltze im Jahr 2006 die Perspektiven von familienorientiertem Strafvollzug in Sachsen (vgl. Doltze 2006).

In einzelnen Bundesländern existieren familienunterstützende Maßnahmen in Form von speziellen Familien- oder Eheseminaren, meistens im Rahmen einer Entlassungsvorbereitung eines Inhaftierten.16 Diese werden in Sachsen nicht angeboten. Ein erfolgreiches Projekt der katholischen Akademie in Cloppenburg (in Niedersachsen) wurde aus finanziellen Gründen eingestellt.17 Es handelte sich um ein systemtherapeutisches Behandlungsprojekt für Inhaftierte und ihre Familien (siehe ausführlich in Ebbers 1993).

Im Strafvollzug erhält das Thema Familie oder soziale Beziehungen überwiegend erst am Ende der Vollzugszeit im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Haftentlassung eine Relevanz. Dann wird auch einer Vaterschaft eine Bedeutung beigemessen, wenn es darum geht im Rahmen der Entlassung die Verfügbarkeit eines sozialen Empfangsraum zu ermitteln und/ oder diesen vorzubereiten (vgl. Laule 2009, S. 9 f.)

Nach einer Haftentlassung sind in den ersten sechs Monaten die Rückfallquoten besonders hoch. In dem Kontext konnte die Rückfallforschung auf eindeutige Zusammenhänge zwischen der Einbindung in familiale Strukturen und der Rückfallhäufigkeit nachweisen. Einige empirische Studien18 zeigen auf, dass die Rezidivraten19 (20% versus 47,9%) wesentlich niedriger ausfallen, wenn beispielsweise eine Rückkehr zum Ehepartner erfolgte (vgl. Laule 2009, S. 9 f.; vgl. Groß 2004, S. 29 ff.).

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass den Familienangehörigen und den Partnerinnen, das heißt auch dem gesamten familialen Gefügen zu dem auch die Kinder gehören, bei der Resozialisierung eine enorme Bedeutung zugeschrieben wird, diese selbst jedoch mit ihren eigenen Anliegen in der Forschungsliteratur kaum berücksichtigt werden (vgl. Erhard/ Janig, S. 155; vgl. Gable/ Johnston 1995, S. 62). Busch (1987) formuliert zudem kritisch, dass Kinder häufig als „Resozialisierungskatalysatoren“ benutzt werden (Busch 1987, S. 131) und Laule (2009) stellt fest, dass Frauen oft als „Resozialisierungsinstanz“ funktionalisiert werden (Laule 2009, S. 10).

Ein weiterer Kontext, in dem der Familie eine bedeutende Rolle zugeschrieben wird, ist die Erforschung der Ursachen von Kriminalität. Für die Analyse des Phänomens von Kriminalität werden in der traditionellen ätiologisch motivierten Kriminologie einzelne isolierte soziale und personale Faktoren erforscht. Dabei wird überwiegend die Familie als einer der „kriminogenen“ Faktoren untersucht, bei der im Zentrum die (äußerlich) unvollständige Familie bzw. das „broken home“20 als problematisch dargestellt wird. Die Broken-Home-Theorie zählt zu den meist untersuchten Ansätzen. Nachfolgende Untersuchungen und Dunkelfeldforschungen stellen bei differenzierter Betrachtung heraus, dass weder die Komplexität des Themas Familie noch deren Rolle bei der Verteilung von Kriminalität oder kriminellen Verhaltens eine auf einen Nenner zu bringende Schlussfolgerung zulässt (vgl. Kaiser et al. 1993, S. 130 f.).

Allerdings haben empirische Untersuchungen auch kriminogene Wirkung auf die Kinder nachgewiesen, wenn ein Elternteil schon mal inhaftiert wurde. Kinder inhaftierter Eltern sind einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt ebenfalls straffällig zu werden (vgl. Laule 2009, S. 23). Inwieweit sozialen Beziehungen, in der tatsächlichen Vollzugsgestaltung berücksichtigt oder zum Thema gemacht werden, wird im Verlauf dieser Arbeit (in Kapitel II, 2.) weiter bearbeitet. Die bisher ermittelten Anhaltspunkte lassen vermuten, dass soziale Beziehungen vornehmlich bei der Gestaltung von Übergängen (z. B. im Rahmen Haftentlassungsvorbereitung) beachtung finden.

2. Vater-Kind-Beziehung bei räumlicher Trennung

Verschiedene Umgangsformen, die strukturelle und interaktionistische Einflüsse aller Beteiligten berühren, kommen zum Tragen, wenn es um die Gestaltung der Bedingungen, die Häufigkeit und die Art der Kontakte geht. Nachfolgend wird anhand der zur Verfügung stehen Statistiken eine zahlenmäßige Veranschaulichung der in Deutschland betroffenen Väter und im Speziellen der Gruppe von Vätern, die sich im Strafvollzug befinden, vorgenommen. Darauf werden einige Dimensionen beschreiben, die die Beziehungen der Väter und deren Kinder nach einer Trennung beeinflussen können. In Kapitel II, 3. wird ein weiterer Spezialbereich im Strafvollzug dargestellt, bei dem es um die Unterbringung von Kindern bei ihren Eltern in Haftanstalten geht.

2.1 Statistischen Angaben zu abwesenden Vätern

Im folgenden Abschnitt soll annäherungsweise die Anzahl der von einer Trennung Betroffenen ermittelt werden. Zur Verdeutlichung werden die statistischen Angaben zu Scheidungen und Haushalten mit Alleinerziehenden in Deutschland herangezogen.

Im Jahr 2008 wurden 191.948 Ehen geschieden. Davon waren 150.187 minderjährige Kinder betroffen (vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland 2010a). Die Anzahl der Trennungen unverheirateter Eltern und die betroffenen Kinder sind nicht exakt zu ermitteln, wobei im Jahr 2009 in Westdeutschland 17,4% und in den neuen Ländern mit Berlin 26,6% der Haushalte Alleinerziehende mit Kindern führten. Das entspricht einem Umfang von 1,6 Millionen Alleinerziehender21. Daraus ergibt sich der Anteil an allen Familien mit minderjährigen Kindern von 19%. Den größten Teil der Haushalte mit Kindern führen verheiratete Paare (West 76%, Ost 54%)

Elternteils in Mitleidenschaft gezogen. 3. Das Kind wurde durch häufigen Wechsel des Pflegeplatzes daran gehindert, dauerhafte Beziehungen aufzubauen.“ (Bösch et al. 1979, S. 43). und dies entspricht einer Gesamtheit der Familien mit minderjährigen Kindern von 8,2 Millionen in 2009 (vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland 2010b und 2010c). „Das Alleinerziehen ist insofern `Frauensache´, als in neun von zehn Fällen (90%) der alleinerziehende Elternteil im Jahr 2009 die Mutter war. Bei nur jeder zehnten Ein-Eltern-Familie war der alleinerziehende Elternteil der Vater. ( ) Insgesamt lebten im Jahr 2009 rund 2,4 Millionen ledige Kinder bei Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern, davon knapp 2,2 Millionen bei alleinerziehenden Müttern.“ (Statistisches Bundesamt 2010c, S. 14 ff.).

Aus den vorliegenden Zahlen kann geschlossen werden, dass ungefähr 1,44 Millionen Haushalte mit minderjährigen Kindern von der Abwesenheit eines Vaters betroffen sind. Nicht explizit erfasst sind dabei die durch eine Inhaftierung abwesenden Väter.

2.2 Statistische Angaben zu Vätern im Strafvollzug

Auch in dem Zusammenhang mit einer Haftsituation ist eine genaue Anzahl der betroffenen Väter nicht zu ermitteln. Die bundesdeutsche Strafvollzugsstatistik weist zwar den Familienstand von Inhaftierten auf. Angaben über Angehörige22 werden nicht dokumentiert. Von den insgesamt 58.566 einsitzenden männlichen Strafgefangenen in Deutschland waren am 31.03.2009 (Stichtag) 17,7 % verheiratet und 14,7 % geschieden (vgl. Statistisches Bundesamt 2009, S. 14 ff.). Über die Anzahl der Kinder oder nichtehelichen Partnerschaften werden darin keine Auskünfte gegeben.

2.3 Getrennt lebende Väter

In der Regel haben die meisten Männer nach einer Trennung von der Partnerin den Wunsch und die Bereitschaft, mindestens in Form von regelmäßigen Besuchskontakten eine Beziehung zu ihren Kindern zu pflegen (vgl. Werneck 2004, S. 163).

Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass die zeitweise fehlende physische Präsenz des Vaters keine Schlussfolgerungen auf die Bedeutsamkeit seiner Rolle im Leben eines Kindes zulässt (vgl. Limmer 2007, S. 243). Ebenso erlaubt die Reduktion auf einen unmittelbar beobachtbaren zeitlichen Umfang väterlichen Engagements keine Rückschlüsse auf deren Bedeutung für die Väter und anderen Familienmitglieder (vgl. Fthenakis/ Minsel 2002, S. 20). Die Qualität und Stärke der Vater-Kind-Beziehung ist im Wesentlichen zwar auch von der väterlichen Familienorientierung abhängig. Es ist ein Vorteil, wenn ein Vater präsent im familiären Alltag ist und er beispielsweise Aufgaben im Haushalt übernimmt sowie sich an der Kindererziehung beteiligt (vgl. Herlth 2002, S. 598).

Schon im Jahre 1988 weist Fthenakis darauf hin, dass es günstiger sei „die Abwesenheit bzw. die Anwesenheit eines Elternteils nicht als dichotomes Merkmal, sondern als Kontinuum zu konzipieren.“ (Fthenakis 1988 zitiert in Limmer 2007, S. 241). Damit werden mögliche Bezugspunkte von Beziehungsqualitäten markiert, die im Falle eines getrennt lebenden Vaters für ihn und seine Kinder gestaltet werden können, auch jenseits der Faktoren des zeitlichen Umfangs und der Häufigkeit von Kontakten. Selbst wenn die Bindung zwischen Vätern und Kindern nach einer Trennung zunächst erschüttert sein sollte, kann deren Qualität beispielsweise durch ein Beziehungsnetz bewahrt und/ oder parallel transformiert werden (vgl. Bereswill 2006, S. 168). Allerdings exstieren in Deutschland keine eindeutigen Befunde über die Relevanz langfristiger Trennungsfolgen für Kinder. Die meisten Studien beziehen sich bisher auf wenige Jahre nach einer Trennung. Bisherige Forschungshypothesen gehen überwiegend davon aus, dass trennungsbedingte Beeinträchtigungen nach spätestens ein bis zwei Jahren erledigt sind (vgl. Wallerstein et al. 2002, S. 11 f.). „Spätfolgen von Scheidungen werden allenfalls in der Retrospektive untersucht, das heißt ausgehend von psychischen Erkrankungen, sozialer Auffälligkeit oder Kriminalität Heranwachsender wird nach der familiären Vorgeschichte gefragt.“ (ebd., S. 12).

Des Weiteren konzentrieren sich bisherige Forschungen auf die Erhebung repräsentativer Angaben in Form reiner Querschnittsstudien, die eine grosse Datenmenge auf Basis formalisierter eindeutiger Fragen für die Auswertung benötigen. Unberücksicht bleiben dabei die Innenwelten der Betroffenen, wie offenkundige oder verdeckte Gefühle sowie besonders „die Gefühle, Phantasien und unbewussten Bewältigungsmechanismen der Kinder.“ (vgl. ebd.).

In diesem Kontext kann die Art und Weise der praktischen Ausgestaltung der sozialen Beziehung und die subjektive Bindung in Abhängigkeit der zur Verfügung stehenden psychischen Ressourcen und Bewältigungsformen ausschlaggebend sein (vgl. King 2006, S. 142). Eine Trennung oder Scheidung23 bedeuten oft Krisenprozesse24 für Eltern und Kinder, bei denen ihnen gewöhnlich keine eingeübten Verhaltens- und Bewältigungsmuster zur Verfügung stehen (vgl. Proksch 2002, o. S; vgl. Wallerstein et al. 2002, S. 32; vgl. Oevermann 2004, S. 168). Die Bedeutung von Stressoren wird je nach Forscherperspektive zwar unterschiedlich bewertet, aber einvernehmlich belegt ist, dass Kinder und Jugendliche durch eine Trennung mehr Stressoren ausgesetzt sind als solche, die in einer Kernfamilie leben (vgl. Erhard/ Janig 2003, S. 54).

Zusätzlich können wechselseitige Machtprozesse die bewussten Handlungsstrategien der Elternteile beeinflussen, die nicht ohne Wirkung auf die Kinder bleiben. „Diejenige Person ist die machtlosere, die am stärksten bei Auflösung einer Ehe verliert“ (Nauk 1989b zitiert in Nave-Herz 2004, S. 163). Diese Äußerung weist auf den Balanceakt, den es nach einer Trennung zu bewältigen gilt, was im Prozess der Trennung durch die Art des Umgangs der Elternteile mit Konflikten, wie der Besuchsregelung zwischen Vätern und Kindern, bestimmt werden kann.25 Wird, im Sinne von Coser (2009)26, dieser Regulierungsbedarf als Mechanismus des sozialen Wandels beziehungsweise der Beziehungsstruktur von den Elternteilen27 anerkannt, so können derartige Konflikte dem Ziel dienen die Qualität der für das Kind oder die Kinder relevanten Beziehungen zu achten (vgl. Nave-Herz 2004, S. 147; vgl. Uni Erlangen o. J.).

Aus der Sicht der Väter stellen sich dennoch auch einige weitere Faktoren als problematisch dar, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen. Teilweise kommen ihrerseits Verdrängungsmechanismen zum Tragen, die zu unregelmäßigen Kontakten zu den Kindern führen können. Das ist beispielsweise der Fall, wenn Konfrontationen mit der Expartnerin vermieden werden sollen oder wenn den Kontakten eine negative Gewichtung im eigenen Status zugeschrieben wird, wie z. B. nur als Besucher, das heißt, wenn vor allem Befürchtungen hinsichtlich des Einflussmöglichkeiten auf die künftige Entwicklung eines Kindes bestehen (vgl. Werneck 2004, S. 163).

Die Folgen einer Trennung von den Kindern können auch für Väter ein traumatisches Erlebnis sein, die sich häufig in Einsamkeits- und Verlustgefühlen ausdrücken. Werden dadurch dauerhafte psychische Beschwerden erlebt, haben diese oft auch Auswirkungen auf die berufliche Leistungsfähigkeit. Ein regelmäßiger Kontakt mit den Kindern kann solche Beschwerden abmildern, denn die meisten Väter genießen die gemeinsame Zeit mit den Kindern und empfinden sie als Quelle von Lebensenergie und Lebensfreude. Vor diesem Hintergrund erscheint es nachvollziehbar, dass Väter gesundheitlich besonders gefährdet sind, wenn sie keinen Kontakt zu ihren Kindern haben (vgl. Watzlawik et al. 2007, S. 74 f.).

Familienkonstellationen, in denen die Eltern kooperieren, sind für Kinder in den Beziehungen zu beiden Elternteilen sowie in der Reorganisation und Anpassung (z. B. im Selbstvertrauen, der emotionalen Entwicklung) von Vorteil. Denn beide Elternteile sind für die Entstehung einer sicheren Bindung „und damit für eine positive sozioemotionale Entwicklung (sozialer Umgang mit Fremden oder Gleichaltrigen, Selbst- und Beziehungsrepräsentation) von Bedeutung“ (Watzlawik et al. 2007, S. 40). Wird die gemeinsame Verantwortung beider Elternteile wahrgenommen bzw. gegenseitig gefördert, so überwiegen insbesondere auch positive Auswirkungen auf die Vater-Kind-Beziehung (vgl. Werneck 2004, S. 165 f.).

2.4 Trennung durch Inhaftierung

In diesem Kapitel wird auf die zahlenmäßig kleinere Gruppe eingegangen, die der getrennt lebenden Väter im Strafvollzug. In den meisten Fällen beruhen Trennungen auf einer gegenseitigen Übereinkunft der beteiligten Partner. Ein anderer Fall liegt in Familien vor, bei denen durch den Gefängnisaufenthalt des Partners/ Vaters eine Trennung unumgänglich ist (vgl. Hildenbrand 2002, S. 752). Somit ist die Lage von Vätern im Strafvollzug, die von ihren Kindern getrennt sind, von vielen besonderen Merkmalen geprägt. Inhaftierte Väter sind zwar unter anderer Voraussetzung von einer Trennung ihrer Kindern betroffen, aber in diesem Kontext tritt eine Komplexität zu Tage, die bisher kaum untersucht wurde. Dazu kommt, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema im fachlichen wie öffentlichen Problembewusstsein kaum präsent ist (vgl. Laule 2007, S. 3 ff; vgl. Meyer 1990, S. 1 ff.).

Die Bedeutung von Familie oder einer Partnerin eines Inhaftierten kommt aus Sicht der Justiz und des Strafvollzuges nur im Kontext von krisenhaften Verläufen währende der Haft und in der Phase der Entlassungsvorbereitung am Ende einer Haftzeit oder nach der Haft (z. B. bei Bewährung) vor. Die Folgen der Zwangstrennung der Familien und Kinder aus deren Sicht werden nicht wahrgenommen. In der englischsprachigen Literatur werden die Familien Inhaftierter als Sonderform einer zeitlich begrenzen, strukturell unvollständige Familie betrachtet. Das zentrale Forschungsinteresse gilt „der Analyse der Wirkung von Krisen auf das System Familie und dessen Anpassungs- und Bewältigungsprozesse.“ Auf der Basis des aus der Familiensoziologie herausgebildeten krisentheoretischen Ansatzes kann der theoretische Zugang der Probleme von Angehörigen angemessen erforscht werden (Meyer 1990, S. 194 f.; vgl. Zöller/ Müller-Monning 2008, S. 265).

In den gesetzlichen Grundlagen, den spezifischen vollzuglichen Bedingungen und der Ausformulierung von Vollzugszielen wird das Thema Vaterschaft in dem Kontext der konkreten Vollzugsgestaltung ebenfalls nicht explizit bedacht. In der weiteren Bearbeitung wird der Versuch unternommen, das Thema unter den besonderen Rahmenbedingungen des Strafvollzuges, bezüglich der Auswirkungen durch die strukturellen Gegebenheiten der Haftsituation und den individuellen Möglichkeiten der Väter, differenziert zu betrachten. Zur Verdeutlichung werden dabei zunächst die Absicht der formalen Vollzugsziele erläutert, im Speziellen das Resozialisierungsziel, die Auswirkungen auf das Wahrnehmen von Vaterschaft, Kontaktmöglichkeiten zum Kind, die Rolle des Vaters, die Rolle der Mütter/ Partnerinnen und der weiteren Angehörigen sowie die Bewältigung der Situation durch den Inhaftierten und besonders der Kinder.

2.4.1 Vollzugsziele

Sobald ein Verurteilter in einer Haftanstalt aufgenommen wird, beginnt der Strafvollzug bis zu seiner Entlassung in die Zuständigkeit der Justizverwaltungen der Bundesländer. Die entsprechende gesetzliche Grundlage bildet seit 1977 das Strafvollzugsgesetz des Bundes (StVollzG). Darin enthalten sind die wesentlichen Normen in der Ausgestaltung des Strafvollzuges mit den rechtlichen Regelungen und den Festlegungen der organisatorischen sowie personellen Voraussetzungen, den vollzugsbehördlichen Eingriffsbefugnissen und Leistungsverpflichtungen ebenso wie die Rechtsstellung der Inhaftierten (vgl. Laubental 2008, S. 11 ff.).

[...]


1 Unveröffentlichte Quelle

2 Im folgenden Text wird die Bezeichnung Bedienste verwendet (Anmerkung der Verfasserin).

2 „Wir treffen uns im Traum“ Eine Geschichte über Papa im Gefängnis. Eine Projektinitiative

3 „Wir treffen uns im Traum“ Eine Geschichte über Papa im Gefängnis. Eine Projektinitiative des Psychologischen Dienstes der JVA Leipzig in Zusammenarbeit mit derzeit inhaftierten Vätern, August 2008.

4 Insemination ist die künstliche Befruchtung (vgl. Duden 1982).

5 „In Abgrenzung zu eher institutionalisierten Sozialisationsfeldern (z.B. Schule) sprechen wir von der familialen Sozialisation als primärer Sozialisation“ (Jobst 2008, S. 182).

6 Zum Beispiel in (Sorge-)rechtlichen Belangen. Siehe in Kapitel II, 6. und 9. (Anmerkung der Verfasserin).

7 „Der Familien-Transitions-Ansatz von P. Cowan (1991) ist entworfen worden, um Übergänge in der Entwicklung von Familien zu untersuchen und dabei die Perspektive aller Familienmitglieder einzubeziehen.“ (Niesel/ Griebel 1998, S. 1; siehe auch ausführlich in Fthenakis 2000, S. 22 ff.).

8 In der Wahrnehmung der Kinder als eigenständige Subjekte werden im Zusammenhang mit Bewältigungsformen, Verstehens- und Lernprozessen sowie Problemlösungsstrategien eigene soziale, emotionale und kommunikative Kompetenzen identifiziert (vgl. Boer de 2008, S. 19 ff.). Weiterhin zeigen Befunde der Sozialisationsforschung, dass bei Kindern in ihrem eigenen Weltbild viele Bezugspunkte lebensphilosophischer Grundsätze (ethische, philosophische und religiöse) vorhanden sind, die ihnen bei der Bewältigung von Problemen als Lösungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen (Hurrelmann 1998, S. 253).

9 „Fehle der Vater bereits in der frühen Kindheit, würden dem Kind wichtige Erfahrungen vorenthalten. Ebenso komme dem Vater eine wesentliche Bedeutung in der Entwicklung des autonomen Selbstgefühls sowie der Entstehung einer stabilen DreiPersonen-Beziehungsrepräsentanz des Kindes zu. Der Prozess der Triangulierung, etwa beginnend im zweiten Lebensjahr des Kindes, schütze vor `der Einverleibung durch die Mutter´.“ (Erhard/ Janig 2003, S. 63).

10 „Das Value of Children Forschungsprogamm greift die in den 1970ern Jahren vom East-West Population Institute in Honolulu durchgeführten „Cross national value of children studies“ (VOC-studies) auf, die den Bedingungen der weltweiten Bevölkerungsentwicklung nachgegangen sind. Maßgeblich für das Untersuchungsdesign war hierbei die Arbeit von Hoffman & Hoffman (1973), die ein konzeptionelles Modell entwickelten. ( ) [Die] Idee der Instrumentalität von Kindern [erschien] als viel versprechend für die Erklärung internationaler Unterschiede generativen Verhaltens sowie der Ausgestaltung der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern in unterschiedlichen Beziehungsphasen. Zudem erwies sie sich als

11 „Heuristik [griechisch] die (methodische) Kunst der Wahrheitsfindung; Regeln, Hypothesen, versuchsweise Annahmen, die nur vorläufig, im Hinblick auf das zu Findende aufgestellt, nicht als tatsächlich und endgültig betrachtet werden.“ (wissen.de 2011).

12 Matzner betont, dass sich sein Modell der subjektiven Vaterschaft ausschließlich auf Väter bezieht, die mit ihren Partnerinnen und gemeinsamen leiblichen Kindern zusammenleben (vgl. Matzner 2004, S. 157). „Unter einem subjektiven Vaterschaftskonzept versteht man die subjektiven Vorstellungen eines Vaters über seine Vaterschaft. Die Vorstellungen spiegeln sich in Auffassungen, Überzeugungen, Einstellungen, Gefühlen und Normen hinsichtlich der Bereiche Vaterschaft, Mutterschaft, Elternschaft, Kindheit, Familie und Erziehung wieder.“ (Matzner 2004, S. 159).

13 Im Maßregelvollzug, auch Forensik genannt, werden nach § 63 und § 64 Strafgesetzbuch (StGB) unter gewissen Umständen psychisch kranke oder suchtkranke Straftäter untergebracht (vgl. Juristischer Informationsdienst 2010).

14 „Haft ist sowohl an sich wie von den Folgekosten her die teuerste aller strafrechtlichen Sanktionen“ (vgl. Gratz o. J., S. 1).

15 Pauline Morris untersuchte in ihrer Erhebung 1965 speziell die Lage der Frauen von Inhaftierten. Mit 800 Strafgefangenen wurden mittels standardisierten Fragebogen Kurzinterviews geführt. Über die Befragten erhielt Morris die Adressen der Frauen, von denen sie 588 Frauen interviewte. Davon wurden 50 Frauen über mehrere Jahre begleitet und mehrfach interviewt (vgl. Laule 2009, S. 11).

16 Beispielsweise in Nordrhein Westfahlen werden entsprechende Projekte vom Justizministerium finanziell gefördert (Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Wohlfahrtspflege des Landes Nordrhein Westfahlen 2002). Besonders erwähnenswert sind auch die Beratungsangebote und die Familienseminare des Vereins Treffpunkt e.V. in Nürnberg (Siehe ausführlich unter: URL: http://www.treffpunkt-nbg.de/, Zugriff 22.09.2010).

17 Telefonische Auskunft vom 24.09.2010, Kontakt über: URL: http://www.ka-stapelfeld.de/.

18 Insbesondere die ausführlichen Studien von Harer (1994) und Baumann et al. (1983) (vgl. Groß 2004, S. 29 ff.).

19 Rückfallrate (Anmerkung der Verfasserin).

20 „Die ,Broken Home' Situation ist in erster Linie durch die drei folgenden, klar erfaßbaren Störungen definiert: 1. Das Kind wurde in den Jahren nach der Geburt, insbesondere im ersten Lebensjahr, nicht von seiner Mutter gepflegt. 2. Das Kind wurde durch Verlust eines oder beider Eltern (Tod, Scheidung) und durch allfällige Wiederverheiratung des pflegenden

21 „Zu den Alleinerziehenden zählen in der vorliegenden Publikation alle Mütter und Väter, die ohne Ehe oder Lebenspartner mit mindestens einem ledigen Kind unter 18 Jahren in einem Haushalt zusammen leben. Unerheblich ist dabei, wer im juristischen Sinn für das Kind sorgeberechtigt ist. Im Vordergrund steht im Mikrozensus vielmehr der aktuelle und alltägliche Lebens- und Haushaltszusammenhang. Aus diesem Grund wird auch nicht zwischen leiblichen, Stief-, Pflege- und Adoptivkindern unterschieden.“ (vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland 2010c, S. 7).

22 In der Studie von Busch et al. (1987) wird von ca. 430.000 betroffenen Angehörigen in Deutschland ausgegangen (vgl. Busch et al. 1987, S. 166).

23 „Die Scheidungs-Stress-Bewältigungsperspektive untersucht die Auswirkung verschiedener Stressoren in den unterschiedlichen Scheidungsphasen auf die Betroffenen. Als Stressoren für Kinder werden elterlicher Konflikt, reduzierter Kontakt zum außerhäuslichen Elternteil, abnehmende Zuwendung und Kontrolle durch die Eltern, Verringerung der ökonomischen Ressourcen und andere trennungsbedingte Faktoren, wie Wohnungs- und Schulwechsel, Verlust der Freunde und anderer Familienangehöriger sowie Hinzukommen eines Stiefelternteil genannt.“ (vgl. Erhard/Janig 2003, S. 54).

24 Besondere Ereignisse können zu individuellen Krisen führen. Deren Entstehungszusammenhänge und unterschiedliche Arten der Bewältigung sind Gegenstand von stress- und krisentheoretischen Ansätzen. Eine Inhaftierung und die Zwangstrennung vom Mann/ Vater werden auch als besonderes Ereignis eingeordnet (vgl. Meyer 1990, S. 3).

25 Eine Vertiefung in den Themenkomplex der unterschiedlichen Theorien zu Scheidungsereignissen soll hier nicht vorgenommen werden. Siehe ausführlich dazu in Nave-Herz 2004, S. 167 ff. (Anmerkung der Verfasserin).

26 Es geht Coser „vornehmlich um die Funktion als um die Dysfunktion des sozialen Konflikts, das heißt, um jene Konsequenzen des sozialen Konflikts, die eher ein Fortschreiten als einen Rückgang in der Anpassung bestimmter sozialer Beziehungen [ ] zur Folge hat.“ (Coser 2009, S. 10).

27 Coser geht zwar nicht explizit auf partnerschaftliche Beziehungen ein, dennoch sind meines Erachtens seine Ausführungen auf alle Arten von Beziehungen anwendbar und beziehe ich mich prinzipiell auf die Ausführungen von Nave-Herz (2004) (Anmerkung der Verfasserin).

Details

Seiten
90
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668028586
ISBN (Buch)
9783668028593
Dateigröße
779 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v304684
Institution / Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,3
Schlagworte
Vaterschaft Getrennt lebende Väter Kindschaftsrechte Strafvollzug Grundrechte

Autor

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Titel: Dimensionen von Vaterschaft. Vater sein im Strafvollzug